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Full text of "Pompeji in seinen Gebäuden, Alterthümern und Kunstwerken für Kunst- und ..."

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1 



POMPEJI. 



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i i von 



POMPEJI 



IN SEINEN 



GEBÄUDEN, ALTERTHÜMERN UND KUNSTWERKEN 



FÜR 



KUNST- UND ALTERTHUMSFREUNDE 



DARGESTELLT 



VON 



D^ J. OVERBEGK, 

A. O. PHOF. IN LKtPXIO. 






MIT EINER ANSICHT UND EINEM PLANE VON POMPEJI, ZWEI CHROMOLITHOORAPHIRTBN 
BLATTERN UND GEGEN DREIHUNDERT HOLZSCHNITTEN. 






LEIPZIG, 

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN. 
1856. ^ 



I 

\ 



MEINER LIEBEN SCHWESTER 

LOTTE 



ZUGEEIGNET. 



Vorwort. 



Was ich über mein vorliegendes Buch im Ganzen zu sagen habe, 
kann ich sehr kurz fassen: Als der kunstsinnige und besonders für das 
classische Alterthum begeisterte Herr Verleger mich vor zwei Jahren 
aufforderte, ein für Freunde der Kunst und des Alter- 
thums bestimmtes Buch über Pompeji zu verfassen, welches die 
sehr kostbaren Prachtwerke, die nur in wenige Hände gelangen, bei 
einem grossen Kreise gebildeter Leser ersetzen sollte, war ich anfangs 
zweifelhaft , ob ich , ohne an Ort und Stelle gewesen zu sein , mich 
einer solchen Aufgabe unterziehn dürfe, oder nicht. Ein genaueres 
Studium der reichen Litteratur über die verschüttete Stadt am Vesuv 
jedoch hat mich gelehrt, dass der Stoff im Ganzen so vielfach durch- 
gearbeitet und so unzweifelhaft bekannt sei , dass eigene Anschau- 
nng und dass Studien an Ort und Stelle denselben nur sehr im Ein- 
zelnen würden berichtigen und bereichem können , wofür nicht der 
geringste Beweis darin liegt , dass die neuesten Arbeiten von Ver- 
fassern, welche am Orte waren, nur in geringfügigen Dingen und 
nicht einmal immer mit Glück über ältere' Werke und deren Mit-^ 
theilungen und Ansichten hinausgehn. Andererseits sind der treffe 
liehen Zeichnungen der Ruinen und Monumente Pompeji's , sowohl 
der zu wissenschaftlich -architektonischen Zwecken wie der in Ab- 
sicht auf das Malerische angefertigten so viele vorhanden , stimmen 
rie unter einander so sehr überein und wurde mir ihre Treue von 
10 manchen Reisenden , Gelehrten wie Künstlern bezeugt , dass ich 



VIII Vorwort. 

annehmen durfte , in ihrer detailirten Vergleichung einen für meine 
Zwecke genügenden Ersatz für die eigene Anschauung zu finden. 
Hierauf gestützt , unternahm ich das AVerk , welches ich jetzt nach 
seiner Vollendung mit Ruhe in die Hände eines gebildeten Leser- 
kreises lege , nicht weil ich dasselbe für vollkommen oder fehlerfrei 
halte, sondern weil ich denke , dass man demselben auf den ersten 
Blick ansehn wird, es trete ohne alle gelehrten Präten- 
sionen auf. Wer aber ohne solche und ohne Anmaassung über- 
haupt vor die Oeffentlichkeit tritt, darf sich einer billigen Beurtei- 
lung seiner Leistungen ge trösten. 

Der Leserkreis, für welchen dieses Buch bestimmt ist, wird 
mir eine detailirte Angabe und Besprechung meiner Quellen ..erlasr 
sen, und der Gelehrte, welcher dasselbe allenfalls durchblättert,, 
wird die sorgfältige Benutzung der ihm ohnehin bekannten Quellen^ v 
so hoffe ich, nicht vermissen. In Bezug auf die Baulichkeiten bleibt 
das grosse Werk des französischen Architekten Mazois : Les JRuines 
de Pompei, 4 vol. folio, Paris 1824 — 1828 das hauptsächliche Fun-" 
dament, so sehr, dass man nicht allein Mazois' Zeichnungen, son-^ 
dern auch seine Ansichten und Meinungen selbst bei Vielen der. 
Neuem wiederfindet, welche ihn nicht als ihre Quelle nennen , son- 
dern neue Abbildungen zu bringen und nach eigenen Studien und 
Anschauungen zu arbeiten vorgeben. Dass für die Malereien die 
Werke von Zahn (Die schönsten Gemälde und die merkwürdigsten 
Ornamente von Pompeji, Herculanum und Stabiä, 2 Bde. gr. Fol. 
zu 100 Tafeln, Berlin 1828 und 1842) und Ternite (Wandgemälde 
aus Pompeji und Herculanum) , von welchem letzteren ich leider 
nur das erste Heft mit Text von O. Müller benutzen konnte, die 
Grundlage bilden, ist wohl allgemein bekannt. Für die übrigen Mo- 
numente bieten sowohl- die Antichita di Ercolano wie das Museo 
Borbonico eine reiche und schöne Auswahl , während die Arbeiten^ 
von Gell, Miliin, Eosini und vielen Anderen manche Ergänzung 
bieten. 

Am nöthigsten scheint für eine genaue Kenntniss der alten 
Stadt in ihrer Gesammtheit eine neue und vvdrklich richtige Auf- 
nahme ihres Planes. Denn die bisher bekannt gemachten grösseren * 



Vorwort. JX 

Originalpläne ycm MJazois, Zahn und dem topographischen Bureau 
des königlich neapolitanischen Kriegsministeriums weichen nicht 
aUein in wesentUchen Dingen, wie z. B. in dem Laufe und der Kich- 
tung der Strassen Ton einander ah , sondern enthalten auch in sich 
geringere oder grössere Ungenauigkeiten und Unmöglichkeiten. Am 
meisten gilt dies von demjenigen Flanis, von dem man es am wenig- 
sten erwarten sollte , dem ojficiellen des königlich neapolitanischen 
topographischen Bureau's, am genauesten und in sich am conse- 
quentesten ist Mazois' Plan, der aher freilich am wenigsten weit 
reicht, und die Ausgrahungen seit 1 828 nicht mit enthalt. Der die- 
sem Buche beigegebene Specialplan der ausgegrabenen Stadttheile 
sucht zwischen den drei genannten Plänen zu vermitteln, wobei 
aber Mazois' Aufnahmen das entscheidende, Zahn's Plane das zweite 
und dem officieUen das geringste Gewicht beigelegt wurde. 

Demnächst wäre ein Gesammtabdruck der Ausgrabungsberichte 
und FundprotocoUe zu wünschen, durch welchen sehr viele schwan- 
kende Ansichten festgestellt und hoffentlich auch etliche Ungeheuer- 
lichkeiten, denen man immer wieder begegnet, beseitigt werden 
würden. 

Endlich wäre, da das S. 332 genannte Werk von Garucci nur 
in wenigen Exemplaren abgezogen wurde und vergriffen zu sein 
scheint, eine neue verständige Gesammtpublication der gemalten 
und eingekratzten Mauerinschriften ohne jene ganz unnöthige und 
selbst lächerliche Pracht und Ungefügigkeit der FioreUo' sehen Mo- 
numenta epigraphica Pompeiana 1. Heft. Neapel 1855 (40 Thaler!) 
sehr zu wünschen und doch wohl auch durch einen deutschen Ge- 
lehrten zu erreichen. 

Was nun endlich die äussere Ausstattung dieses Buches anlangt, 
wird keinei: meiner Leser verkennen, dass der Herr Verleger auf 
dieselbe die grösste Sorgfalt verwendet hat. Sind nicht alle Holz- 
schnitte gleich gut ausgefallen, so rührt das daher, dass verschiedene 
Hände zu ihrer Herstellung in Anspruch genommen werden muss- 
ten, falls die Herausgabe nicht gar zu sehr verzögert werden sollte. 
Der kunstverständige Leser wird die besseren und schlechteren Holz- 
schnitte leicht von einander unterscheiden, hoffentlich aber des Ver- 



X Vorwort. 

fehlten nur Weniges finden. Ist bei einigen der mit Tonplatten ge- 
druckten Ansichten die Farbe und Oluth des sfiditalischen Himmels 
etwas zu stark aufgetragen, so muss sich der Verfasser verwahren, 
dass dies nicht nach seiner Angabe, sondern trotz seines Wider- 
spruches so gemacht worden ist. Die grosse Ansicht der Stadt in der 
Vogelschau dürfte , fOx Deutschland wenigstens , auf Neuheit An- 
spruch machen und empfiehlt sich als im Allgemeinen sehr richtig, 
wenngleich Pompeji in ihr etwas zu gross erscheint. In Bezug auf 
die chromolithographischen Blätter ist noch zu bemerken , dass der 
Verfasser ein drittes mit einem mythologischen Hauptbilde gewünscht 
hätte, welches herstellen zu lassen der Verleger sehr bereit war, dass 
jedoch kein einziges sich finden liess , welches nicht zu sehr hätte 
verkleinert werden müssen^ um ohne doppelten Bruch dem Buche 
eingeheftet werden zu können. Eine solche starke Verkleinerung, 
bei der von dem reizenden Detail und von dem eigenthümlichen 
Charakter dieser Wandgemälde nur Weniges hätte zur Anschauung 
kommen können , nur des schönen Scheines wegen veranstalten zu 
lassen, schien unzweckmässig. Wir müssen deshalb hoffen, dass die- 
jenigen Leser , welche durch das vorliegende Buch etwa zu lebhaf- 
terem Interesse für die pompejanischen Gemälde angeregt werden 
mögen , sich durch eine Durchsicht der an den meisten Orten un- 
schwer zugänglichen Zahn'schen und Temite'schen Publicationen 
eine klarere und gründlichere Anschauung zu verschaffen suchen, 
als sie mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln bildlich gegeben 
werden konnte, und iJs auch der Verfasser vermogte durch den Text 
zu vermitteln. 

Leipzig, im November 1855. 

Overbeck. 



Inhaltsverzeichniss. 



I. Einleitender Theil. 

Seite 

Sinleitong l 

BntM Capitel. Campania felix ; der Golf von Neapel, der Vesuv, Pompejrs 

Lage, Heerstrasaen in Campanien 7 

Zwoitei Capitel. Qeschichtliche Notizen über Pompeji bis zur Verschattung 14 

Diätes Capitel. Die Verschüttung Fompeji's 22 

Viertee Capitel. Andeutungen über die Geschichte der Wiederentdeckung 

und der Ausgrabungen Fompeji's 30 

Fioftae Capitel. Uebersicht über den Plan und die Monumente Fompeji's ... 33 

II. Erster oder antiquarischer Haupttheil. 

Entee Capitel. Die Befestigungs werke, Mauern, Thürme und Thore. ... 39 

Maoero 8. 39 , Tbttnne 8. 42 , Thore 8. 43 , das hercolaner Thor S. 44 und du von 
Kohl 8. 45 alt Beiipiele. 

Zweites Capitel. Die Strassen und Plätze Fompeji's 47 

Struaen und 8trMMnplla«ter 8. 47, Ootaen und EmiMare 8. 48 , da« Forum civUe 8. 40, 
der Triumphbogen 8. &3 , öffentliche MormalmaasM 8. 55 , das Forum trianguläre 8. 57 , 
die Propyläen 8. 58, das Forum boarium 8. 61 . 

Ihittee Capitel. Die öffentlichen Gebäude 62 

Erster Abschnitt. Tempel und Capellen 62 

Allgeroeines 8. 62, der Tempel auf dem Forum trianguläre 8. 72 , der Tempel des Jupiter 
S. 74, der Tempel der Fortuna 8. 78, der s. g. Tempel des Aeeeulap 8. 80 , der s. g. Tempel 
des Mcfvur oder Qnirinus 8. 82 , der s. g. Tempel der Venus oder des Bacchus 8. 85 , der 
Tempel der Isis 8. 89. 



XII Inhaltsyerzeichniss. 

S«ita 

Zweiter Abschnitt. Municipalgeb&ude 94 

Dm 8. g. Pantheon S. 94 , das Sitzungilocttl der Deeurionen S. 99 , das Gebiude der 
Eumacbia S. 101, die drei Tribunalien 8. 104, die BasiUea S. 106, ein r&thselhaftes Oeb&ud% 
S. 111, das Zollhaus S. 113. 

Dritter Abschnitt. Das Theater und das Odeum 114 

Allgemeine« 8. 114, das grosse Theater 8. 118, das kleine Theater oder Odeum 8. 130. 

Vierter Abschnitt. Das Amphitheater und die Gladiatorencaseme . . 1 35 

Allgemeines 8. 135 , das Amphitheater und seine 8piele und Kftmpfe 8. 137, die Gladia- 
torencaseme 8. 152. 

Fünfter Abschnitt. Die Thermen 158 

Sechster Abschnitt. Brunnen, Altare und sonstige kleine Bauwerke . . 1 73 

Viertes Capitel. Die Privatgebäude 179 

Erster Abschnitt. Die Wohnhäuser 179 

Allgemeines 8. 179 , das griechische und das römische Haus S. 182, das römische Haus 
8. 185, die Atrien S. 190, kleine Hftuser in Pompeji 8. 195, casa di Modesto 8. 199, caaa 
della toEletta del Ermafrodito 8. 201 , casa dellacaccia 8. 202, mittelgrossc H&user 8. 203, 
casa del poSta tragico 8. 205, casa di Sallustio 8. 209 , casa di Lucrezio 8. 215, casa di Fansa 
8. 221 , casa del Centauro und del Questore oder di Castore e Folluce 8. 226, casa del Labe- 
rinto 8. 235 , casa del gran musaico 8. 239 , ein dreistöckiges Haus 8. 244 , die VUla des M. 
Arrius Diomedcs 8. 248. 

Zweiter Abschnitt. Läden, geschäftliche und gewerbliche Wohnungen. 255 

L&den 8. 255, Bäckerei 8. 262, Tuchwalkerei 8. 266. 

Dritter Abschnitt. Die Gräber 270 

Allgemeines 8. 270 , Grabstätte der Familie des Diomedes 8. 273 , Grab des N, Yelasius 
Gratus S. 274, Grab des L. Ceius Labeo 8. 275 , Grabmal der beiden Libella 8. 276 , üstri- 
num S. 277, Grab mit der Marmorthür S. 277, Triclinium funebre 8. 278, Grab der Naevolela 
Tyche S. 279, Grab der Familie Istacidia 8. 282, Grab des Calventius Quietus 8. 283, rundes 
Grabmal 8. 285, Grab mit Gladiatorreliefen 8. 287 , Hermencippus S. 288 , halbkreisförmige 
Grabnische 8. 289, Grab der blauen Glasvase 8. 290, Grabmal der Guirlanden 8. 290, Grab- 
nische des M. Cerrinius, Grabmäler des A. Veius, des M. Forcius und der Mamia 8. 292^ 
grosses Grabmal 8. 293, Begräbnissplatx vor dem Samusthor 8. 205. 

Fünftes Capitel. Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und 

des Lebens 295 

Erster Abschnitt. Mobilien, Geräthe und Gef&sse 295 

Mobilien S. 295 , Lampen 8.300, Candelaber 8. 304 , HeerdeS. 310, Küchengeräthe 
8. 313, Siebe 8. 315, Kannen 8. 315, Sehnellwagen 8. 317, Laterne 8. 318, Prachtgerftthe 
8. 318, Geriithe Ton Glas und Thon S. 320, Badegeräth 8. 322, Toilettegeräthschaften S. 322. 

Zweiter Abschnitt. Waffen und einige sonstige Instrumente 324 

, KriegerwafTen S. 324 , Qladiatorwaffen 8. 327 , Mesageräth 8. 330, chirurgische Instru- 

mente S. 331. 

Sechstes Capitel. Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens nach Inschriften. 332 



III. Zweiter oder artistischer HaupttheiL 

Einleitang und Allgemeines 340 

Erstes Capitel. Die Architektur und das Bauhandwerk 345 

Erster Abschnitt. Material und Technik 345 



Inhaltsverzeichniss. xill 

Seit« 

Zweiter Abschnitt. Stil und künstlerischer Werth der Bauwerke in 

Pompeji 351 

IVhler 8. 351 ; dorische Ordnung S. 354 , jonische Ordnung S. 35G, korinthische Ord- 
nung 8. 358, neue Gestaltungen S. 358. 

Dritter Abschnitt. Die Ornamentik und das Verhältniss zu anderen 

Künsten 360 

Ziveites Capitel. Die Plastik 365 

Erster Abschnitt. Die technischen Gattungen 365 

Zweiter Abschnitt. Orte und Veranlassungen 369 

Tempel- und Weihebilder 8. 370 , Gdtterbilder des hiuslicben Cultus 8. 37i , Brunnen- 
flgoren 8. 372, sonstige mythologitGhe Bildwerke 8. 374 , Heimenbüsten S. 375 , Ehrensta- 
tuen 8. 376, Genrebilder 8. 37S. 

Dritter Abschnitt. Stil und künstlerischer Werth der Sculpturen in 

Pompeji 380 

Brittos Capitel. Die Malerei 385 

Erster Abschnitt. Allgemeines, Orte und Veranlassungen 385 

Zweiter Abschnitt. Die Technik 389 

Dritter Abschnitt. Die Gegenstände 398 

Architektur- und Decorationsmalerei 8. 393, Landschaftsmalerei 8. 397, Stilleben S. 400, 
Thiermalerei 8. 402, Oenremalerei 8. 4ü2, mythologisches Genre 8. 406 , Darstellungen von 
Theaterseenen 8. 406, mythologische Megalographie 8. 407. 

Vierter Abschnitt. Quellen und Vorbilder 414 

Fünfter Abschnitt. Stil und künstlerischer Werth 417 

Sechster Abschnitt. Die Mosaiken 423 

Viertea Capitel. Die untergeordneten Künste und das Kunsthandwerk . . . 429 

Metallarbeit 8. 429, Goldschmiedekunst B. 431, GlaMtrbeitS. 433. 



1 



Verzeiclmiss der Holzschnitte. 



I. Einleitender Theil. 

Fig. 1. Karte von Campanien Seite 8 

«r 2. Oxiffelzeichnung in der Strasse des Mercur '20 

n 3. Auffindung eines Gerippes r» 28 

• 4. Ansicht einer Ausgrabung »32 

» 5. Gesammtplan der Stadt Pompeji »35 

II. Erster oder antiquarischer Haupttheil. 

Fig. 6. Restaurirte Ansicht des herculaner Thors Tor Seite 39 

I» 7. Gnindriss der Mauern »40 

tt 8. Durchschnitt der Mauern "AI 

n 9. Brustwehren der Mauern • — 

n 10. Ansicht der Mauern »42 

w 11. Ansicht eines Thurmes » — 

f 12. Gnindriss der Thünne in drei Geschossen «r 43 

*» 13. Durchschnitt eines Thurmes » — 

» 14. Aussenansicht des herculaner Thores vor " 43 

f 15. Gnindriss des herculaner Thores #44 

'/ 16. Innere Ansicht des herculaner Thores Tor «^ 45 

- 17. Grundriss des nolaner Thores » — 

I* 18. Innenansicht des nolaner Thores v 46 

- 19. Oskische Inschrift • — 

•* 20. Aeussere Ansicht des nolaner Thores nach » 46 

" 21. Pflaster mit Reparaturen »48 

.» 22. Pflaster mit Tnttsteinen v - 

<r 23. Ansicht eines Emissärs »49 

« 24. Gosse am Forum »50 

V 25. Treppe am Forum • — 

» 26. Colonnade des Forum civile »51 

» 27. Ansicht der nördlichen Seite des Forum • h\ 

fi 28. Aeussere Ansicht des Triumphbogens «53 

" 29. Restauration der nördlichen Seite des Forum »54 

" 30. Oeffentliche Normalmaasse »55 

» 31. Durchschnitt der Normalmaasse »56 

» 32. Plan des Forum trianguläre »57 

n 33. Propyläen des Forum trianguläre * 58 

n 34. Puteal oder Bidental "60 

" 35. Ansicht des Isistempels vor » 62 



VeneichnisB der HolxBchnitte. x*^ 

Flg. 36-^3 Verschiedene Grössen and Arten antiker Tempel S. 64—69 

54. Intercolumnialweiten Seite 70 

55. Ruinen des gpechischen Tempels " 72 

56. Plan des Jupitertempels » 75 

57. Wand ans dem Jupitertempel » 7U 

59:SÄt}«i"J»p'*«'t«-p«i« • • • • ' '^ 

60. Plan des Fortunentempels " 78 

60. a. Ansicht der Ruinen des Fortunentempels vor » 79 

61. Restaurirte Ansicht des Fortunentempeis " 79 

62. Ansicht des s. g. Aesculapstempels tr 80 

63. Plan des s. g. Aesculapstempels » — 

64. Altar des s. g. Aesculapstempels i* 81 

65. Capitell des s. g. Aesculapstempels " — 

66. Statue des Aesculap " — 

67. Ansicht des s. jr . Quirinustempels «^ 82 

68. Plan des s. g. Quirinustempels if 83 

69. Altar des s. g. Quirinustempels » 84 

70. Ansicht der Ruinen des Venustempels Tor » 85 

71. Plan des Venustempels » — 

72. Restaurirte Ansicht des Venustempels » 86 

73. Fassboden der Cella des Venustempels » 87 

74. Statue im Peribolos des Venustempels t — 

75. Wand aus den Gemächern im Peribolos » 88 

76. Gemftlde aus den Priesterzimmem i 89 

77. Isistempel, Haupteingang » 90 

78. Plan des Isistempels * 91 

79. Purgatorium des Isistempels » 92 

80. Stuccaturen aus dem Purgatorium " 93 

81. Ansicht der Ruinen des s. g. Pantheon nach » 94 

82. Plan des s. g, Pantheon »95 

83. Gellen im s. g. Pantheon '^ 96 

84. Hintergrund des s. g. Pantheon " — 

85. Sacellum im s. g. Pantheon » 97 

86. Plan des Sitaungssaales der Decurionen «^ 100 

87. Plan des Geb&udes der Eumaohia - 102 

88. Statue der Eumachia und blinde Thür »103 

89. Album am Gebäude der Eumachia i^ 104 

90. Plan der drei Tribunalien «»105 

91. Ansicht der Ruinen der Basilica »106 

92. Plan der Basilica »107 

93. Raum unter der Tribüne «'108 

94. Restaurirter Durchschnitt der Basilica «^ 110 

95. Ansicht der s. g. Curia isiaca «111 

96. Plan der s. g. Curia isiaca * 112 

97. Eine Reihe Masken #114 

98. Ansicht der Ruinen des grossen Theaters nach«r 118 

99. Plan des grossen Theaters ^ 119 

100. Steinring und Mastbaum für das Zeltdach »121 

101. Aeussere Ansicht des grossen Theaters «'122 

102. Vorrichtung zum Heben des Vorhanges «^ 125 

103. Durchschnitt des grossen Theaters '126 

104. Ruinen des Bühnengebäudes «'127 

105. Restaurirte Ansicht der scena stabiKs von Heroulaneum «128 

106. Versura, Coulisse ''129 

107. Ansicht der Ruinen des kleinen Theaters »130 

108. Plan des kleinen Theaters » \^\ 

109. Löwenklaue 1 032 

110. Atlant V im kleinen Theater ''^ — 

111. Sitzstufen j 1133 

112. Tesserae, Einlassmarken » 134 

113. Ansicht der Rainen des Amphitheaters Tonaasseu " \%h 



XVT Verzeichniss der Holzschnitte. 

Fig. 114. Innere Ansicht des Amphitheaters Seite 1^ 

« 115. Plan des Amphitheaters -» 139 

n 116. Querdurchschnitt des Amphitheaters » 140 

•» 117. Thierkampf, Gemälde aus dem Amphitheater « 141 

t 118. Gladiatorkampf, •» *f » t * — - 

• 119. Waflhung, * »/ •» » «142 

tf 120. Gladiatorkämpfe von einem Grabrelief * 147 

r; 121. Fortsetzung aesselben Keliefs » 149 

» 122. n '/ * »150 

n 123. «^ » « »151 

«c 124. /' it t . « — 

u 125. » // tf » — 

» 126. Schluss desselben Reliefs » 152 

t 127. Plan der Gladiatorencaseme » 159 

» 128. Ansicht der Gladiatorencaseme • 157 

n 129. Plan der pompejanischen Thermen n 160 

» 130. Ansicht des Apodyteriums ^ 163 

w 131. Ansicht des Frigidariums » 16* 

» 132. Ansicht des Tepidariums « » 166 

z' 133. Deckenwölbung des Tepidariums » 167 

- 134. Durchschnitt des Caldariums w 169 

» 135. Ansicht des Caldariums » 169 

» 136. Ansicht des Frauenbades - 171 

M 137. Hahn der Wasserleitung • 174 

» 138. Plan eines Brunnens » — • 

'/ 139. Ansicht eines Brunnens • 175 

n 140. Ansicht eines zweiten Brunnens » — - 

ff 141. Durchschnitt eines Brunnens f 176 

w 142. Ansicht eines dritten Brunnens. * — ^ 

» 143. Altar an einer Strasse • 178 

'/ 144. Ansicht des Peristyls im Hause des Quästors vor» 179 

: htKdrsÖctriNonnamause« .83 

// 146 a. Derselbe wiederholt » 189 

n 147. Mosaikhund - 190 

H 148. a und b. Plan und Durchschnitt eines toscanischen Atriums n 191 

ti 149. Plan eines kleinen Hauses » 196 

n 150. Plan eines zweiten kleinen Hauses " — 

n 151. Restaurirter Durchschnitt desselben » 197 

» 152. Plan eines dritten kleinen Hauses » — 

n 153. Restauration der Hauscapelle » 198 

w 154. Bild einer häuslichen Gottheit • — 

» 155. Durchschnitt des Hauses Fi^. 152 *» 199 

n 156. Plan eines kleinen Hauses mit Atrium » — 

» 157. Plan der casa di Modesto » — 

» 158. Restaurirter Durchschnitt derselben » 200 

'/ 159. Plan der casa della toeletta del Ermafrodito » 201 

n 160. Plan der casa della caccia » 202 

» 161. Plan eines mittelgrossen Hauses « 203 

» 162. Plan eines zweiten mittelgrossen Hauses u 204 

» 163. Restaurirter Durchschnitt desselben n 205 

«' 164. Restaurirte Ansicht der casa del poeta tragico » — 

» 165. Plan der casa del poeta tragico » 206 

« 166. Restaurirte Ansicht der casa di Sallustio » 209 

fr 167. Plan der casa di Sallustio n 210 

" 168. Restaurirte Ansicht des Gartens » 212 

f 169. Gemälde in der casa di Lucrezio » 215 

» 170. Plan der casa di Lucrezio » 216 

ff 171. Ansicht des Peristyls in der casa di Lucrezio >t 220 

f* 172. Plan der casa di Pansa n 222 

" 173. Durchschnitt der casa di Pansa » 224 

n 174. Plan der casa del Centauro und der casa del Questore » 226 



Fig- 



Veneichniss der Holzschnitte. xvii 

75. Plan der casa del Laberinto Seite 236 

76. Fensterrerschluss » 237 

77. Plan der casa del gran Musaico >* 240 

78. Plan eines dreistöckigen Hauses " 245 

79. Ansicht der Villa suburbana *. >* 248 

80. Plan der Villa suburbana »/ 249 

81. Ansicht einer Bfickerei und Mühle » 255 

82. Plan eines Ladens » 256 

83. Bestaurirte Ansicht eines Ladens » 257 

84. Beliefdarstellung an einem Bäckerladen : . . » 258 

85. Ofenkunpel aus Töp;fen r ■ . • " 259 

86. Dreifacher Heerd mit Kesseln . . * •' 260 

87. Plan einer Bäckerei und Mühle f» 263 

88. Mühle « 264 

89. Eiserner Zapfen und Drehscheibe f — 

90. Durchschnitt des Backofens * 265 

91. Plan der Fullonica » 267 

92. Gemälde aus der Fullonica ^ 268 

93. Desgleichen <» — 

94. Desgleichen tt 269 

95. Ansicht der Gräberstrasse vor*' 271 

96. Plan der Gräberstrasse • — 

97. Grabstätte des M. Arrius Diomedes « 274 

98. Grabstätte des Ceius Labeo *» 275 

99. Grabstätte der beiden Libella • 276 

200. Grab mit der Marmorthür -^ 277 

20J. Marmorthür » — 

202. Grabkammer des Grabes mit der Marmorthür f 278 

2ü3. Triclinium funebre « — 

204. Grab der Naevoleia Tyche » 279 

205. Inschrift und Relief am Grabe der Naevoleia Tyche " 280 

206. Aschenume » — 

207. Relief vom Grab der Naevole'ia Tyche " 291 

208. Grabstätte der Familie Istacidia »^ 282 

209. Grabaltar des Calventius Quietus «283 

210. Reliefe vom Grabaltar des Calventius Quietus «'284 

211. Desgleichen *> 285 

212. Rundes Grabmal « — 

213. Gnübkammer des runden Grabmals » 286 

214. Relief vom runden Grabmal » — 

215. Grab mit Gladiatorreliefen " 287 

216. Hermencippus » 288 

217. Halbkreisförmige Grabnische " 289 

21S. Grabmal der Guirlanden - 290 

219. Grabnische des M. Cerrinius •* 291 

220. Grabmäler des A. Veius, M. Porcius und der Mamia f 292 

221. Grosses Grabmal an der Nebenstrasse » 293 

222. Durchschnitt und Restauration von Fig. 221 " 294 

223. Zwei Bisellien " 295 

224. Zwei Sessel " 297 

225. Marmortisch und Tischfuss » 298 

226. DreifQsse von Bronze " 299 

227. Lampen von Thon und Bronze » 301 

228. Lampenfüsse von Bronze " 304 

229. Kleine Candelaber " 305 

230. Grosse Candelaber - 307 

231. Marmornes Wasserbecken '' 310 

232. Heerde von Bronze " — 

233. Heerd von Bronze * 311 

234. Gefäss zur Bereitung der Calda «^ 312 

235. Diverse Küchengeschirre * 313 

236. Siebe von Bronze " 315 



XVIII Verzeichniss der Holzschnitte. 

Fig. 237. Kannen von Bronze Seite 315 

ff 238. Desgleichen * 316 

f 239. Schnellwagen - 317 

" 240. Laterne " 31S 

// 241. Prachteimer " 319 

" 242. Krater » — 

" 243. Gef&sse von Glas und Thon « 320 

" 244. TrinkgeÄss und Schüssel von Thon " 32 1 

" 245. Badegeräthschaften • 322 

" 246. Toilettegeräthschaften - 323 

*' 247. Kriegerwaffen " 325 

« 248. Gladiatorhelme « 327 

" 249. Beinschiene, Armberge und Schild •' 329 

" 250. Messgeräth " 330 

" 251. Chirurgische Instrumente " 331 

* 252. Inschrift - 332 



III. Zweiter oder artistischer Haupttheil. 

Fig. 253. Uebertünchtes dorisches Gebälk am Venustempel Seite 343 

// 254. Giebel mit abgeschrägten Kragsteinen tt 352 

" 255. Proben der dorischen Ordnung in Pompeji " 351 

" 256. Proben der ionischen Ordnung in Pompeji " 357 

'* 257. Proben der korinthischen Ordnung in Pompeji " 35S 

" 258. Phantasiecapitelle •' 359 

.' 259. Tempel- und Weihebilder » 370 

*» 260. Götterbilder des häuslichen Cultus " 371 

•' 261. Brunnenfiguren •> 373 

f 262. Sonstige mythologische Bildwerke " 374 

/' 263. Hermenbüsten »* 375 

/' 264. Ehrenstatuen der Livia und des Drusus » 377 

" 265. Fischer, Genrebild ** 379 

« 266. Kleine Landschaft - 397 

" 267. Vedute, Felseninsel " 398 

•' 268. Beispiel einer ausgedehnteren Landschaft ' 399 

f 269. Historische Landschaft " — 

- 270. Stilleben - 400 

^ 271. Thierstüpk ». 402 

/' 272. Weinwagen, Genrebild " 403 

f 273. Erotenverkauf ' 404 

- 274. Tänzerinen " 405 

" 275. Mythologische Genrebilder •» 406 

" 276. Comödienscene * 407 

/' 277. Ceres, Wandgemälde aus der casa del questore . . •' 408 

" 278. Hercules im Löwenkampfe » 410 

" 279. Achills Erziehung " 412 

" 280. Briseis Wegführung n — 

" 281. Ulisses und Penelope " 413 

" 282. Medea nach Timomachos " 415 

" 283. Iphigenienopferung •• — 

'/ 284. Mosaikschwelle " 423 

" 285. Grosses Armband " 431 

" 286. Verschiedene Schmucksachen von Gold " 432 

" 287. Glasgefäss mit Relief « 434 



I. 
Einleitender Theil. 

Einleitiing. 

lieber das dauernde Interesse y welches das Studium und die Kenntniss 
des classischen Alterthums jedem Gebildeten gewährt^ ausführlicher^ als durch 
eine blosse Andeutung zu reden würde sehr überflüssig erscheinen. Denn da 
es eine feststehende und aUgemein anerkannte Thatsache ist, dass unsere Bil- 
dungy wenn auch nicht durchaus^ so doch zum grOssten Theil auf dem Grunde 
ruht^ den die Alten gelegt haben^ so ist die Bedeutung^ welche die Kenntniss 
dieses Fundamentes unseres geistigen Lebens fdr uns haben muss^ an und fdr 
sich einleuchtend, oftmals entwickelt und dargestellt , und überdies durch die 
fortdauernde, ausgedehnte Theilnahme, welche die Aherthumsstudien unter 
uns finden, täglich auf s Neue bethätigt, eine Theilnahme, welche fdr die Natur- 
wiflsenschafien kaum grösser ist, obgleich diese viel directer in das Thun 
und Treiben und Schaffen unserer Zeit eingreifen. Eben so gewiss aber ist es, 
dass das Interesse am Alterthum sich nicht auf diejenigen geistigen Hervor- 
bringungen beschränkt, welche den Leistungen der Neuzeit in Kunst und 
FoCsie, in Philosophie und den Naturwissenschaften den Boden bereitet haben, 
sondern dass dasselbe sich auf die Alten selbst und auf ihr Leben in Staat und 
Beligion, in der Familie und im Verkehr und in allen den übrigen Richtungen 
ausdehnt, welche die Bedingungen ihres geistigen Schaffens und eben deshalb 
der Schlüssel zum Verständniss und der Massstab zur Würdigung des von 
ihnen Cieschaffenen sind. Und so gingen von jeher die Studien der antiken 
Kunst und Po&ie Hand in Hand mit der Erforschung des antiken Lebens, 
und noch heute folgt den einen wie den anderen Forschungen die allseitige 
Theilnahme aller Gebildeten. 

Unsere Kenntniss des Alterthiuns beruht theils auf schriftlichen Ueber- 
lieferungen, theils auf den monumentalen Besten, welche uns aus der Fluth 
der Jahrhunderte gerettet und bewahrt sind. Beide Arten der UeberUeferung 
aber sind, um es mit einem Worte zu sagen, grössere oder kleinere Fragmente, 

Orerbeck, Ponpeji. 1 ^ 



2 I. Einleitung. 

Einzelheiten 9 welche so, wie sie vorliegen , kaum irgendwo eine Verbindung 
unter einander, einen grösseren Zusammenhang, geschweige denn ein Ganzes 
bilden. Die Möglichkeit, in vielen, ja in den meisten Fällen das Bruchstück- 
weise zu ergänzen, das Vereinzelte zu verbinden, aus den Theilen ein Ganzes 
zu bilden ist freilich vorhanden ; diese Ergänzung, Verbindung, Totalisirung 
ist das Geschäft der philologischen und historischen Forschung, ein Geschäft, 
das freilich schwierig, zum Theil mühevoll , aber eben so reizvoll ist für den- 
jenigen, welcher sich in diese vergangene Welt hin eingelebt , welcher den 
Gesichtspunkt gewonnen hat, unter dem die einzelnen Glieder zu einer har- 
monischen Perspective zusammenrücken, welcher das geistige Band der verein- 
zelten Theile gefunden hat, und vor dessen Phantasie das Leben des Alterthums 
als ein in sich organisch gegliedertes erscheint. Für den Forscher hat das 
Trümmerhafte und Lückenvolle der Ueberlieferung nicht allein nichts Ab- 
schreckendes, sondern dies bedingt die schönste, die schöpferische, di^4nato- 
rische Seite seiner Thätigkeit ; für den Forscher ist die Forschung an sich fast 
eben so wichtig, jedenfalls eben so interessant, wie das erforschte und festge- 
stellte Kesultat. Anders für den gebildeten Laien , dem es vor Allem um die 
Besultate zu thun ist. Die Lückenhaftigkeit unseres Wissens und die Trümmer- 
haftigkeit unserer Ueberlieferungen vom Alterthum sind für ihn betrübend 
und schmerzlich, und zwar bei wachsender Theilnahme um so betrübender, 
während die oberflächliche Betrachtung leicht zur Geringschätzung und zu 
einer oft genug laut werdenden Verspottung des Stückwerks unseres Wissens 
und der vielen Widersprüche unter den Forschern, sowie zur Abwendung von 
den verstümmelten monumentalen B>esten des Alterthxuns führt. 

Sowie aber das Interesse sich am allgemeinsten an eben diese monumentalen 
Eeste knüpft, so empfinden wir ihren zerstörten Zustand, ihre Vereinzelung und 
ihre Versetzung in eine unharmonische moderne Umgebung am unangenehmsten. 
Wer kann als begeisterter Freund antiker Architektur aul' dem ragenden Burg- 
felsen Athens vor den Ruinen des Parthenon stchn , ohne dass ihn Wehmuth 
ergreift im Gedanken an die vergangene Herrlichkeit des erhabenen Tempels, 
welche seine Phantasie trotz der beredten Worte des Architekten und des Kunst- 
historikers doch nimmer wiederzubeleben vermag ; wer kann an die Zerstörungen 
des Prachtbaues gedenken , in dessen von der Zeit lichtgold gefärbten Säulen 
die von den türkischen Kanonenkugeln im Befreiungskriege getroffenen Stellen 
uns wie Wundenmahle entgegenstaiTen , ohne dass ihn ein bitteres Geftlhl be- 
schleicht, ähnlich dem, welchem gegenüber der jüngsten Zerstörung durch 
Lord Elgin , mag sie auch andererseits in der Versetzung der Bildwerke nach 
Ijondon mit der grössten Förderung der Wissenschaft verbunden gewesen sein, 
Lord Byron in seinem Childe Harold Ccanto 2 vs. 11 AT.) Worte leiht? Stelle 
den Liebhaber der Kunst vor einen Torso von Belvedcre , vor eine sonstige 
beschädigte Statue ohne Kopf, ohne Arme, ohne Beine oder vor eine selbst 
durch eine geringere Verletzung entstt^llte; wird er es vermögen in rein 



1. Einleitung. 8 

geistiger Anschauung wie ein Winckelmann , das Fehlende zu ergänzen und in 
seiner Phantasie das Werk in der herrlichen Totalität zu erschauen , in der es 
die Werkstatt seines Meisters verliess ? wird er sich nicht vielmehr in seinem 
Genuss an dem Vorhandenen durch das Fehlen des Uebrigen gestört fohlen, 
und immer Wunden und Mängel finden, die nur der Künstler und der Gelehrte 
m übersehen weiss? Gewiss! Und eben diese Störung im Genuss der Kunst- 
werke diuxjh ihre Verletzungen hat ja zu den Restaurationen der alten Monu- 
mente geführt, deren fast die meisten dem Kenner schlimmere Verletzungen 
scheinen, als die durch sie ersetzten waren. Nur das ganze Werk glaubte man 
geniessen zu können, und zog es vor sich irgend ein Ganzes hinstellen zulassen, 
anstatt sich das Ganze in eigener Thätigkeit geistig zu erschaffen. Das war und 
ist so und das wird so bleiben, weil es im Standpunkte des Liebhabers der Kunst 
innerlichst begründet ist. — 

Was von den Bauwerken und Sculpturen das gilt fast ebenso von den 
meisten sonstigen Resten des Alterthums, deren nur sehr wenige unverletzt 
auf uns gekommen sind , und die fast alle eine aus Wohlgefallen und Be- 
dauern gemischte Stimmung im Beschauer hervorrufen. Um diese gemischte 
Stimmung n^ch mehr zu trüben, kommt zu der Fragmentirung die Verein- 
zelung der antiken Reste. Um den Parthenon gruppirte sich einst eine Fülle 
von architektonischen und plastischen Monumenten, welche fast alle ver- 
schwunden und deren Stellen selbst noch zmn Theile streitig sind. Von der 
gewaltigen Gruppe des östlichen Giebels desselben Tempels sind alle Haupt- 
figuren verloren, nur die Nebenfiguren aus den Ecken liegen vor uns in 
einer Grösse und Herrlichkeit , welche uns mit ehrfurchtvollem Staunen vor 
dem Versuche einer geistigen Ergänzung der fehlenden Statuen in gleicher 
Erhabenheit als vor einer über moderne Künstlerkraft weit hinausgehenden 
Aufgabe zurücktreten lässt , selbst falls wir das grosse Problem zu lösen uns 
getrauen, wie der herrliche alte Meister das Mysterium der Geburt der Pallas 
aas Zeus' Haupte darstellte oder andeutete. Und wie mit diesem Tempel geht 
es fast mit allen Bauwerken des Alterthums, selbst in Rom, dem unsterblichen 
Mittelpunkte des antiken Lebens. Auch in Rom stehn die Gebäude des Alter- 
thums als vereinzelte Trümmer vor uns , welche der Liebhaber nur in ihrer 
\ ereinzelung zu geniessen im Stande ist, und deren Zusanunenhang und gegen- 
seitiges Verhältniss selbst der Forscher mehr ahnt, als begreift. Aber noch nicht 
genug der Störung unseres Genusses der antiken Monumente. Zu deren Ver- 
einsamung gesellt sich die unharmonische Nachbarlichkeit modemer Um- 
gebung, die in nur zu vielen Fällen dem von uns gesuchten Denkmal des 
Alterthums den Raum streitig macht oder dasselbe in der Art umrahmt , dass 
das Gemüth des in vergangene Zeit hinaus Sinnenden von hundert wider- 
sprechenden und abziehenden modernen Eindrücken zugleich bestürmt, immer 
wieder aus der Fluth der früheren Jahrhunderte auf den Strand der Gegenwart 
geworfen wird. Aehnliches gilt von den tragbaren Resten des Alterthums. 



4 I. Einleitung. 

Statuen^ Gemälde^ GerätheundGefksseundwas uns sonst geblieben ist^ das ist in 
unsere Museen zusanunengetragen, zusammengehäuft und zusammengewürfelt 
entweder im buntesten und störendsten Durcheinander oder in einer steif classi- 
ficirten und schematisirtcn Ordnung^ welche den Genuss fast eben so ver- 
kümmert wie jene Regellosigkeit. Unsere Museen sind nicht mit Unrecht 
Rumpelkammern der antiken Welt genannt worden, falls sie nicht, wie hie 
und da in neuester Zeit anstatt würdig ruhige Aufbewahrungsorte alter Kunst- 
schätze zu sein , ihren Zweck so weit vergessen , dass sie mit ihrer modernen 
Herrlichkeit nur fdr sich da zu sein scheinen, dass sie mit ihrer glatten und 
glänzenden Ausschmückung von vorgestern und gestern den Preis gewinnen 
zu wollen scheinen über die armen, von den Wogen der Jahrhunderte »er- 
schlagenen und zerbröckelten Reste des Alterthums. Dies Alles zusauunen- 
genommen sört und verleidet den Genuss des Liebhabers, oder, wo es ihn nicht 
stören und verleiden kann, da erschwert es ihn wenigstens in der Art, dass 
schon eine gewisse WiUensstäxke dazu gehört, um die Freude rein und voll zu 
empfinden, um das Interesse kräftig zu bewahren, um die Wissbegierde aus- 
reichend zu befriedigen. 

Diesem Zustande der alten Monumente gegenüber, der fast auf der ganzen 
Welt, so weit antike Cultur reichte, sich wiederholt , giebt es nur zwei Plätze, 
an welchen das Alterthum uns wenn auch nicht in ungestörter Ganzheit und 
Unverletztheit, so doch in einem Zustande der Erhaltung entgegentritt, welcher 
durch verhältnissmässig geringe Anstrengung in der geistigen Anschauung zur 
Granzheit erhoben werden kann. Diese Plätze sind die verschütteten Städte am 
Fusse des Vesuv, Pompeji und Herculaneum, und von ihnen ist besonders 
wieder Pompeji derjenige Ort, welcher am Vollkommensten und Klarsten ein 
Stück der antiken Welt mitten in unsere moderne stellt. Herculaneum nämlich 
ist nicht allein ungleich tiefer verschüttet, als Pompeji, es ist fast ganz von 
einem mächtigen Lavastrome überfluthet , der zu einer felsenfesten Rinde er- 
starrt, und auf dem grossentheils die moderne Stadt Resina erbaut ist; demnach 
konnte Herculaneum nur zum kleinsten Theil aufgedeckt werden, es ist wie ein 
Bergwerk ausgegraben und wie ein solches durch Schachte und Stollen zu 
befahren, im Fackellichte zu betrachten. Pompeji dagegen liegt wieder offen 
unter dem freundlichen Lichte des campanischen Himmels , der ihm einst ge- 
lächelt hat, wir können die leichte Luft des Lebens athmend durch seine 
Strassen wandern, in seine Häuser eintreten, und seine Monumente im Strahle 
der glänzenden Sonne betrachten, die, Leben und Freude weckend, die Ge- 
danken an Tod und Zerstörung aus unserer Seele verscheucht. Herculaneum ist 
eine dunkele Gruft, in der ein ganzes Geschlecht begraben liegt, Pompeji ist 
wie eine Stadt, die nach einem Brande von den Einwohnern verlassen ißt, 
welche sich die Phantasie als wiederkehrend denken mag. Ein wunderbares 
Walten des Schicksals hat uns diese beiden Stätten des Alterthums in ihrer 
Ganzheit bewahrt. Hier pulsirte das Leben in frischester Fülle und Kraft, hier 



I. EioleitaDg. 5 

Bckttf and wirkte dasselbe nach allen Richtungen mit ganzer, reger Geschäftig- 
keit, hier trieb sich der lebhafte Verkehr eines sorglosen Völkchens durch die 
Strassen und Gassen , ja hier lag der Gredanke an Untei^ng und Zerstörung 
80 fem , dass am Tage des Verhängnisses das Amphitheater von Pompeji von 
einer schaulustigen Menge erfüllt war ; da plötzlich schnitt die Parze den Faden 
ftb,da liess ein ungeahntes fturchtbares Ereigniss das glühende Leben erstarren, 
oder versenkte es in einen Schlaf gleich dem, welchen Dornröschen schlief, 
fais der warme Kuss des Lebens sie aus ihm erweckte , da warf der flammende 
Berg Massen von Asche imd Sand und glühenden Steinen aus, die mit einer 
glacbmässigen Decke die ganze Stätte dieses Lebens einhüllten, sie beschützend 
vor den langsam aber sicher wirkenden Zerstörungen konuuender Zeiten, und 
Alles, was sie trug, geheimnissvoll bewahrend bis auf späte Jahrhunderte. 

Diese Jahrhunderte sind gekommen; uns war es vorbehalten die be- 
deckende Hülle hinwegzuheben. Ohne grosse Mühe kann die höchstens 
18—20' starke, dabei leichte und lockere Masse vulcanischer Asche, Bapilli, 
Bimstein u. dgl. hinweggeräumt werden , bis man auf das Pflaster der alten 
Strassen gelangt, zu deren Seiten die Gebäude sich erheben, und, wenngleich 
die Ausgrabungen während des Jahrhunderts , das seit der Entdeckung ver- 
strichen ist, meistens, und auch heutigen Tages wieder mit einer Säumigkeit 
und Lässigkeit betrieben werden , die gegenüber den wissenschaftlichen und 
kftnctlerischen Interessen der Funde nur aus einer gründlich schlechten Ver- 
mdtang erklärbar ist, so ist doch ein Drittheil der verschütteten Stadt wieder 
an den Tag gebracht, und zwar dasjenige Drittheil, welches neben dem Forum 
und noch ein paar Märkten die Hauptstrassen, die bedeutendsten öffentlichen 
Gebftude, Tempel, Basilica, Bäder, Theater und Amphitheater umfasst und 
daneben eine Fülle von Wohnhäusern, Läden , industriellen Anlagen , so dass 
kaum eine Seite des alten Lebens in seinen monumentalen Besten nicht vor 
mueren Blicken oflen läge. 

Freilich sind auch diese Gebäude ztun grössten Theile Trümmer, die 
Tempel, die schönen weiten Säulenhallen, welche die öflentlichen Plätze um- 
geben, die Privatwohnungen sind unter der Last der verschüttenden Massen 
eingestürzt , in den oberen, meistens aus Holz construirten Stockwerken von 
der Hitze der glühenden Auswürflinge des Vulcans verzehit, aber dennoch 
lassen sich diese Ruinen kaum mit irgend welchen anderen an Erhaltung ver- 
gehen, und ausserdem fand man in ihnen eine solche Masse der beweglichen 
Reste des Lebens, welches in ihnen kreiste , wie an keinem anderen Orte der 
Welt Des Erhaltenen ißt so viel, dass es kaum möglich ist, dasselbe in Ge- 
danken nicht zu ergänzen, zu verbinden, zu beleben, und dies Erhaltene ist 
nicht zerstreut, wie an anderen Orten, es steht oder liegt (lag wenigstens bei 
der Auffindung) an dem Orte seiner Bestimmung, begrenzt, nachbarlich um- 
geben von Gleichartigem, nicht von unserer modernen Welt, nicht zusammen- 
getragen und classificirt in einem Museum. Kein Ort der Welt ist daher geeig- 



_ J 



6 I. Einleitung. 

neter, dem Liebhaber eine Uebersicht über das antike Leben zu gewähren, als 
Pompeji, kein Monumentenkreis lässt sich so leicht und völlig zum Ganzen 
verbinden , an keinen die Belehrung über Zweck und Bestimmung alles Ein- 
zelnen so leicht anknüpfen, und bei keinem Anlass ist die Gefahr der Mono- 
tonie des Vortr?ig8 über die Sitten und das Wesen einer vergangenen Zeit so 
gering, wie bei einer Beschreibung Pompejis. 

Dies ist die eine Seite der Bedeutung, welche die alte wiederaufgegrabene 
Stadt für uns hat, wir wollen sie die antiquarische Wichtigkeit nennen ; eine 
andere ist künstlerischer Art. Die Bauwerke Pompejis, welche einer von 
den tiefen und durchgreifenden Principien altgriechischer Architektonik be- 
reits vielfach abweichenden Zeit angehören, bieten freilich nur einen An- 
haltepunkt von zweifelhaftem Werthe, um dem Liebhaber das Wesen der 
alten Architektur zu demonstriren, müsste man doch in sehr -vielen Fällen den 
Monumenten gegenüber sagen: so soll es nicht sein; auch die vcrhältniss- 
mässig wenigen Sculpturwerke Pompejis (deren Herculaneum eine ungleich 
bedeutendere Keihe bietet) sind, obgleich sie ein paar vorzügliche Stücke ent- 
halten, sehr wenig geeignet, einen Begriff von dem Wesen , namentlich von 
dem Umfange antiker Plastik zu geben oder selbst nur zu unterstützen. Um 
so wichtiger sind dagegen die Malereien, sowohl die eigentlichen wie die Mo- 
saiken. Auch die Malereien Pompejis sind freilich nur geringe Vertreter der 
alten Malerkunst, gehören schon als Wandmalereien derjenigen Gattung an, 
in welcher die alte Malerei nicht ihr Höchstes leistete, denn alle wirklich 
grossen Maler waren Tafelmaler, sind aus sinkender Kunstzeit wie die Bau- 
werke, sind nicht die Arbeiten namhafter Meister selbst dieser Zeit; dennoch 
aber und trotz allen diesen Mängeln sind die Gemälde von Herculaneum und 
Pompeji die Grundlage unserer Vorstellung von der antiken Malerei, da ausser 
einigen zum Theil noch späteren Wandgemälden ähnlicher Art und ausser den 
Vasenbüdcrn, die kamn Schattenbilder der alten Gemälde sind. Alles von alter 
Malerei unwiederbringlich verloren ist. So vertreten uns die herculanensischen 
und pompejanischen Wandgemälde fast allein die ganze alte Malerkunst , ver- 
treten sie nach einer sehr bedeutenden Seite ihrer Technik , nach dem Wesen 
der Form- und Farbgebung, nach dem der Composition, nach dem der Gr^en- 
stände. Und mögen auch diese Bilder , hätten wir die Werke der Meister , als 
schwache Nachklänge der eigentlichen Herrlichkeit der Kunst erscheinen , es 
liegt in ihnen eine Welt von Schönheit, es sind vortreffliche, reizvolle, an- 
muthige, in jedem Betracht interessante Kunstwerke in grosser Zahl unter ihnen. 

So tritt neben die antiquarische Bedeutung Pompejis eine künstlerische, 
und so werden wir neben die Abtheilung unserer Beschreibung , welche es mit 
den Besten des Lebens und mit deren Erklänmg und Xeubelebung zu thun 
hat, eine zweite künstlerischen Interesses zu stellen haben, deren Gegenstände 
besonders die Gemälde Pompejis und die durch sie vertretene antike Malerei 
bilden. 



I. Einleitung. 7 

Sowie wir aber der Hervorhebung der Bedeutung der pompejanischen 
Gemälde gleicli eine Einschränkung hinzugefügt haben , so müssen wir eine 
ähnliche für die oben angedeutete antiquarische Wichtigkeit der alten Stadt 
und eine Warnung vor Ueberschätzung hier zum Schlüsse nachtragen. Pompeji 
ist, wenngleich eine reiche, handeltreibende Stadt mit lebhaftem Verkehr, 
dennoch nur eine kleine und eine Landstadt ohne alle politische Bedeutung 
gewesen; allen ihren Resten ist nicht der Stempel des Wesens einer Ilaupt- 
und Weltstadt aufgeprägt, und wenn man Pompeji ein Miniaturbild Boms ge- 
nannt hat, so kann das, abgesehn von den griechischen Elementen , denen wir 
in ihr begegnen werden, nur in Beziehung auf die Denkmäler des communalen 
und privaten Lebens gelten. Was Rom darüber hinaus besass, was die ewige 
Stadt zur Hauptstadt nicht aUein Italiens, sondern der Welt machte, was von 
den Monumenten, welche diese weltbeherrschende Stellung geschaffen, in Rom 
geblieben ist, das fehlt nicht allein in Pompeji, das lässt sich an den Monu- 
menten von Pompeji auch nicht nachweisen, so wenig wir Jemandem an Städten 
wie Bonn oder Zwickau die Einrichtungen und das Eigenthümliche von 
Städten wie London imd Paris oder selbst wie Berlin und Dresden klar machen 
können. Mit der blossen Vergrösserung durch die Phantasie ist's hier eben 
nicht gethan. Vergleichende Blicke auf das Leben der Welthauptstadt können 
wir wohl von dem vor uns befindlichen Monumentenkreise des Landstädtchens 
werfen, aber nur dagegen mögte sich der Verfasser gleich hier verwahren, dass 
es nicht in seiner Absicht liegt, die Beschreibung Pompejis zum Anlass einer 
encyclopädischen Darstellung der römischen Antiquitäten zu machen, dass 
ihm \iehnehr Pompeji der wirkliche und eigentliche Gegenstand der Be- 
schreibung, Darstellung und Erkläining ist, und, wenn er seinen Zweck nicht 
verfehlen will, sein muss. — 



1. Erstes Capitel : Campania feliz, der Golf von Neapel, 



Erstes Cqiitel. 

Campania felix, der Golf von Veapel , der Yesav, Pompejis Lag^, Heerstrasaen 

in Campanien. 




l'illlUL'CilÄ-jL ^'se 



MlUiATtn RuriiAtiJ) 



Figur 1. Karte von Campanien. 

Die ganze Küstenlandschaft, in der Pompeji liegt, z^vischen den Flüssen 
Lins und Seranus , welche in der augusteischen Zeit unter dem Namen Cam- 
pania begriffen wurde und seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. Campagna di Roma 
(Campania Romae) heisst, gehört zu den glücklichsten und reichsten Strecken 
der ganzen Erde, so dass ihr der antike Beiname der glücklichen {Campixnia 
felix) mit Recht beigelegt ist. Besonders ist die Strecke am Meeresufer selbst, 
zwischen den beiden Vorgebirgen, welche den heutigen Golf von Neapel , im 
Alterthum der Krater genannt , umschliessen , dem von Misenum mit den vor- 
liegenden Inseln Prochyta und Ischia und dem der Minerva mit der Insel 



der Vesuv, Pompejis Lage, Heerstrassen in Campanien. 9 

Capri von einer Frachtbarkeit und von einer landschaftlichen Schönheit zu- 
gleich , welche ihr im Munde aller Beisenden den Namen eines Paradieses 
YerschaA und sie zum unzählige Male wiederholten Gegenstand unserer Land- 
schafbmalerei gemacht haben. Die Gegend ist eine Ebene ^ aber keineswegs 
eine weitausgedehnte flache, wie unsere norddeutsche, sondern eine fast ganz 
Ton Belgien umgrenzte, nur westlich nach dem Meere hin offene und deshalb 
dea feuchten und kühlenden Seewinden zugängliche. In ihrer Mitte steigt 
nicht fem vom Meeresstrande der gewaltige Kegel des Vesuv empor, der da- 
mls vor dem ersten geschichtlich bekannten Ausbruche, der Pompeji ver- 
wüstete, bis hoch an seinen Gipfel vom herrlichsten Laubwalde bedeckt war. 
Die Vidcanität des Bodens, welche bekanntlich überall die Quelle grosser 
Frachtbarkeit ist, erkannte ftür unsere Gegenden um den Vesuv, obgleich man 
diesen fOr längst erloschen und ausgebrannt hielt, bereits der unter August 
schreibende Greograph Strabon als den Grund des Reichthums an den edelsten 
Producten der Vegetation, Getraide, Wein und Oel an; Olivenwälder be- 
deckten namentlich die ansteigenden Höhen der südlichen und mittleren Ge- 
gend, wahrend aus der nördlichen zwischen dem Liris und Vultumus, aus 
dem Gebiete von Teanum, dem ager Falemus der bekannte Falemerwein und 
der kaum minder edele Massiker stammte. Wir brauchen übrigens nur an die 
heutigen Tages an allen Abhängen des Vesuv producirten Weine zu erinnern, 
um es wahrscheinlich zu machen, dass auch im Alterthum der uns zunächst 
interessirenden südlichen Gegend manch edles Gewächs nicht gefehlt haben 
wird, obgleich Plinius angiebt, der Wein Pompejis sei erst in beträchtlichem 
Ahcr ohne unangenehme Folgen geniessbar gewesen. Reben vielleicht weniger 
rorzQglicher Gattung haben sich aber unstreitig damals , wie heute , fast wild 
in die Bäume emporgerankt und wie Festons von Stamm zu Stamm geschlungen. 
Zu der Fruchtbarkeit der Gegend gesellt sich deren hohe landschaftliche 
Schönheit, welche in dem bekannten »ved^re Napoli e puoi muorir« sprich- 
wörtlich geworden, aber keineswegs auf Neapels Aussichten allein beschränkt ist. 
Es dürfte sehr die Frage sein, ob nicht Pompejis Lage namentlich damals, 
als vielleicht dasMeer seine Wellen bis nahe an die Stadtmauern rollen liess, als 
ein schiffbarer Fluss, der Samus, dicht neben ihr ins Meer ausmündete, sich mit 
der Neapels messen durfte. Auch heute noch ist die Aussicht von den freien 
Höhepunkten der Stadt, von dem Podium des Jupitertempels, von dem Stein- 
atie auf dem Forum trianguläre, der offenbar dort der Aussicht zu Liebe ge- 
gründet wurde, endlich von den oberen Bangen des Theaters und namentlich 
Ä» Amphitheaters eine überaus entzückende. Stellen wir uns auf dem letz- 
taen Punkte so, dass wir den leichte schwarze Wolken ausstossenden, nur 
{Meile entfernten Vesuv zur Rechten haben, so schweifen unsere Blicke über 
& schöne, gewellte, grüne, von Pappel- und Maulbeer- und Piniengruppen 
miterbrochene, mit Dörfern und Städtchen reich tibersäete Ebene hinaus auf 
Jen klarblauen Golf von Neapel, den Schiffe mit weissen Segeln wie Schwäne 



10 I. Erstes Capitel : CampanU felix, der Golf von Neapel, 

durchfurchen» und finden jenseits desselben einen fernen Buhepunkt for das 
Auge an den Höhen des Cap Misenum und an den flachen Gipfeln der In- 
seln, während rechts davon Neapel uns herüberschimmert und von ihm aus 
am Meeresufer hin die Strasse mit einer fast ununterbrochenen Reihe von 
Villen» Dörfern und Städten gesäumt ist. Links fassen die viel bedeutenderen 
Höhenzüge des Hirpiner Gcbirgs das Bild des herrlichen Meeres ein mit dem 
weit in dasselbe vorspringenden Steilcap der Minerva und der vor diesem 
liegenden Felseninsel C'apri, während auch hinter uns in geringer Entfernung 
die Höhen des Apennin dem Auge eine mannigfaltige und schöne Abgrenzung 
der reizenden Ebene bieten. Auch an Flüssen, wenn auch kleinen, fehlt es 
nicht, um die Landschaft zu beleben; unmittelbar südlich an Pompeji vor- 
über ergiesst sich der Samus in's Meer , noch heute ein immer strömender , im 
Alterthiun weit landeinwärts schiflfbarer Fluss, nördlich in geringer Entfernung 
ein unbedeutendes Flüsschen. Wie aber um Pompeji, so ist Campanien in 
allen Theilen wasserreich, selbst im höchsten Sommer , weshalb , sowie wegen 
der Seewinde die Hitze dort lange nicht die dörrende Wirkung hat, wie im 
nachbarlichen aber trockenen Latium und wie namentlich in der näheren Um- 
gebung Boms. 

Dass ein in jeder Weise so gesegneter Landstrich wie Campanien von alter 
Zeit her reich bevölkert war, ist leicht begreiflich. Die Namen vieler Städte sind 
uns bekannt, beträchtliche Ruinen mancher derselben nachweisbar, und zwar ge- 
hören diese Städte, wenn wir von den Pelasgem, Thyrrhenem undAusonen ab- 
sehn, die dort gehaust haben sollen, ohne dass wir diese Nachrichten als historisch 
aufnehmen können, theils der einheimischen oskisch-sabellischen Bevölkerung^ 
theils griechischen, namentlich jonischen Colonieen an. Absolut sichere Merk- 
male, um nachzuweisen ob eine Stadt der einen oder der anderen Art , ein- 
heimischer Gründung oder griechischer Colonisirung angehöre, besitzen wir 
allerdings nicht, da uns die Namen der Städte aus doppeltem Grunde nicht 
sicher leiten können. Denn eimnal kann ein ältester einheimischer Name durch 
einen späteren griechischen verdrängt worden und vergessen sein, andererseits 
gehören die griechische und die o&kische Sprache einem Stanune an , so dass 
es schwer ist, zu entscheiden, aus welcher Wurzel ein in späterer Umgestaltung 
uns überlieferter Name entsprungen sei. Als ein Merkmal zur Unterscheidung 
ursprünglich oskischer von ursprünglich griechischen , später von den oskisch 
redenden Samniten eroberten Orten hat einer unserer trefflichsten Forscher^ 
Mommsen in s. Unteritalischen Dialecten S. 106 den Grundsatz aufgestellt, dass 
diejenigen samnitischen Städte, welche auf ältere griechische basirt waren, oder 
solche, deren Philhellenismus schon die Alten bemerkten , Münzen und damit 
zugleich immer Vasen aufzeigen, während rein samnitische Städte (oskisch- 
einheimischer Gründung) stets ohne Münzen wie ohne Vasen sind. Denn schon 
das Münzprägen an sich ist Annahme griechischer Sitte, die Vasenmalerei aber 
ist eine so durchaus rein griechische Kunstübung, dass das Vorhandensein von 



der Vesuv, Pompeits Lage, Heentrassen in Campanien. 1 1 

gemalten Thongeftssen griechische Elemente in der Bevölkerung voranssetzt. 
Nach diesem Grundsatze und zum Theil nach verbürgter Ueberlieferung haben 
X. B. Capua, Dikäarchia (Puteoli), Sorrent, Cumae u.a. Griechen ihren Ur- 
sprung zu verdanken und kamen erst später in die Gewalt der Samniten, 
während Abella, Herculaneum und unser Pompeji einheimischer Gründung an- 
zugehören scheinen^ worauf wir weiter unten zurückzukommen haben. Die 
meisten der einheimischen Städte liegen im Binnenlande ^ Pompeji ist nebst 
Herculaneum fiut die einzige am Meer erbaute^ Pompeji zugleich allein an einem 
wie schon bemerkt ziemlich weit landeinwärts, bis Nuceria (Nocera) schiff- 
baren Flusse gelegen, woher ihre Bedeutung für das Land und der Beichthum 
sich datirt, der für Pompeji aus dem Alterthum bezeugt ist, und der uns in 
der Stadt überall entgegen treten wird. 

Pompeji war nämlich der gemeinsame Hafen für Nuceria, Nola und an- 
dere Binnenlandsstädte, welche ilire Waaren und Producte, namentlich Ge- 
traide und Oel, theils auf dem Samus, theüs über Land dorthin zur Verladung 
in die Seeschiffe brachten. Spedition also war der Haupterwerbszweig der 
Pompejaner und es ist schwer, sich von dem Gedanken loszmnachen , dass der 
Name der Stadt von eben dieser Spedition abzuleiten sei. Denn nififteiv^ 
senden, und noftnij, Sendung, d. h. Spedition bietet sich als eine sehr nahe 
liegende Erklärung, welche ich auch dann nicht für unmöglich halte, wenn 
die Stadt von Ursprung an oskisch, nämlich Piimpaijo benannt gewesen ist. 
Auf die Wurzel ni^mo schliesst auch Mommsen Unterital. Diall. S. 289, 
denkt aber dabei an die Bedeutung der Aussendung, der Colonie, was mir 
nicht zwingend scheint, auch wenn die Popidicr, das zahlreichste und be- 
deutendste Geschlecht in Pompeji, mit dem Namen der Stadt gleichstammig 
waren, wie Mommsen anniimnt. Wir würden sie , die Mommsen als die Aus- 
gesendeten ansieht, als die Versender, als die den Spcditionshandel Treibenden 
und durch ihn zu Beichthum und Ausehn Gelangten zu betrachten haben. 

Für eine Hafenstadt scheint die Lage unmittelbar am Meere so natürlich, 
fast 80 nothwendig , dass man beinahe ganz allgemein eine solche Lage auch 
für Pompeji angenommen hat. Heutigen Tages freilich ist das Meeresufer eine 
starke Viertelmeile von Pompeji entfernt, aber man glaubt, dass dies Verhält- 
niaserst ein Erfolg desselben vulcanischen Ausbruches sei, welcher die Stadt 
verschüttete und durch Hebung des Ufers das Meer entfernte und dem Samus 
eine neue weiter südlich gelegene Mündung gab. Die Thatsachen, welche 
man hiefür anführt, nämlich dass man Schalen von Seemuscheln nahe bei Pom- 
peji findet, sowie dass man grosse eiserne Hinge am Fussc des westlichen Ab- 
hangs des Hügels gefunden haben will, die zur Befestigung der Schiffe gedient 
haben sollen, sind keineswegs durchschlagend, und andere Umstände, wie 
namentlich die Andeutung einer zweiten Gräberstrasse , just an der auf un- 
serem kleineren Plane mit x bezeichneten Stelle, wo der Hafen hätte sein 
mttssen, sprechen gegen die erwähnte Annahme, die schon Winckelmann 



12 I. Erstes Ctpitel : Campania felix, der Oolf von Neapel, 

in 8. Sendschreiben v. d. hercul. Entdeckungen § 1 7 bezweifelte. Dazu koaunt, 
dass ein eigenthümliches Terrainverhältniss ^ welches auch für Pompejis £r- 
haltung in der Verschüttung wichtig werden sollte , für die Anlage der Stadt 
i Meile vom Meer entscheidend sein musste^ falls die Configuration des 
Landes vor dem Ausbruch des Vulcans so war, wie sie jetzt erschemt. 
Pompeji nftmlich ist auf einem ganz isolirt in der Ebene liegenden, freilich 
sehr massigen, aber doch markirten, oblongen Hügel erbaut, dessen Abhänge 
ausserhalb der Stadtmauer liegen. Dieser Hügel ist nichts Anderes, als ein 
uralter Lavastrom des Vesuv, der lange vor Menschengedenken sich in dieser 
südwestlichen Richtung dem Meere zuw&lzte, ohne dasselbe zu erreichen. Er 
erstarrte auf seinem Laufe, indem er sich gegen den Endpunkt desselben auf- 
statihete, und so den zur Gründung einer antiken Stadt wünschenswerthen 
Platz in seltener Vollkommenheit darbot. Denn eine Hügellage wurde für 
antike Städte unbedingt jeder anderen vorgezogen, und zwar aus naheliegenden 
fortificatorischen Rücksichten , deren Bedeutung wir bei der Betrachtung der 
Mauern Pompejis kennen lernen werden. War das Terrain bei Pompejis 
Gründung so wie es heute vorliegt , so durfte man doch die Stadt nicht un- 
mittelbar an das Meer bauen , indem man einen leicht zu befestigenden Hogel 
in nächster Nähe hinter sich liess, von dem aus jede feindliche Macht die Un- 
abhängigkeit der Stadt in jedem Augenblicke hätte vernichten können. Hier 
blieb keine Wahl , und es ist kaum anzunehmen , dass der Samus nicht bis 
Pompeji auch für grössere Schiffe Wasser genug gehabt hat, dass er folglich 
nicht den ausgesuchtesten Hafen bot. — Die Hügellage Pompejis war aber 
auch bei dem Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 von entscheidender Wicht%- 
keit, denn vermöge dieser war Pompeji gegen das Schicksal Herculaneums 
gesichert, ein Lavastrom konnte die Stadt nicht überfluthen , ähnlich wie be- 
kann termassen das Camaldulenserkloster (Camaldoli della Torre) am west- 
lichen Abhänge des Vesuv vermöge seiner Lage auf einer durch einen alten 
Lavastrom gebildeten Erhöhung vor der Ueberfluthung durch einen späteren 
gesichert ist. 

Sowie die natürliche Wasserstrasse des Samus Pompeji mit den Binnen- 
landsstädten verband, war dasselbe, freilich erst später, erst als die römische 
Herrschaft sich über diese Gegend verbreitet hatte , durch die via Campana, 
eine jener gewaltigen Heerstrassen, welche man mit Recht die Adern des 
römischen Reiches genannt hat, und durch deren municipale Fortsetzungen 
mit mehren der umliegenden Städte und schliesslich über Herculaneum, Nea- 
pel, Puteoli, Capua und die via Appia mit Rom verbunden. Diese grossen 
römischen Heerstrassen, welche die Hauptstadt mit den entferntesten Grenzen 
des unermesslichen Reiches verbanden , über Berge und Thäler und Ströme 
wegliefen, an vielen Orten, selbst in entfernten Provinzen nicht allein erkenn- 
bar erhalten, sondern fahrbar und wirklich befahren sind, waren der G^^en- ' 
stand der eifrigsten Sorge der Machthaber Roms sowohl in den Zeiten der 



r 



der Vesnvi Pompeji« Lage, Heerstrassen in Campanien. 1 8 

Republik wie in denen des Kaiserreiclxs , und sind diejenigen Monumente^ 
welche uns neben den gewaltigen^ oft viele Meilen langen Aquaeducten den 
stärksten Begriff von der Grösse des römischen Beichs und seiner Verwaltung 
SU geben geeignet sind. Diese Heerstrassen haben die sorgfilltigste Construction^ 
welche man für den Strassenbau überhaupt anwenden kann. Sie bestellt aus 
drei Lagen; das Fundament, statumen, wurde gebildet durch eine m&chtige 
Lage grösserer durch Mörtel verbundener Steine; die mittlere Lage besteht 
aus Kies oder kleineren Steinen, auch Scherben und Sand , rudera , bestimmt, 
ein völlig ebenes Niveau zu bilden und, in einandergearbeitet und festgewalzt 
wie unsere Chauss^n, die oberste Lage , die eigentliche Fahrstrasse zu tragen, 
welche aus grossen, wohl in einander gefugten Steinplatten gebildet ist. Die so 
hergestellte Fahrstrasse, agger, wurde in der Nähe von Städten zu beiden 
Seiten mit Fusswegen (Trottoirs, margines) eingefasst, welche sich bis zu 10" 
über das Niveau des agger erheben und durch Prellsteine, die in massigen Ent- 
fernungen von einander angebracht sind, geschützt werden. Die Erhebung 
and glatte Einfassung der Fusswege durch behauene Steine bildet gegen den 
flacbgewölbten Rücken des agger die Rinnsteine oder Gossen, in welche das 
Wasser von der Fahrstrasse abfliesst, um durch eigene in massigen Zwischen- 
iftomen angebrachte Abzugsröhren unter den Trottoirs hindurch von der Strasse 
ganz entfernt zu werden. In der Nähe Pompejis zeigt die Heerstrasse nicht 
drei, sondern nur zwei Lagen, die zweite und dritte, indem der felsige Unter- 
grund die Errichtung eigener Substructionen {statumina) unnöthig machte. 
An der ganzen Länge der Hauptstrassen hin standen Meilenzeiger , milliaria, 
sowie seit Augustus stationcs und mansiones, Stationen und Einkehre für die 
von ihm organisirten Postanstalten, während in der Nähe der Städte die Strassen 
zu beiden Seiten mit Tempeln oder kleineren Heiligthümem , mit Villen und 
mit Ghnbmählem eingefasst waren , welche letztere man unmittelbar vor dem 
Thor anzubringen liebte, seitdem das Zwölftafelgesetz die Bestattung inner- 
halb der Stadtmauern verboten hatte. An den Seiten der Hauptstrassen vor 
dem Thor schienen die Ruhestätten der Verstorbenen von dem Leben nicht 
abgetrennt, und der lebhafte Verkehi-, der sich hier bewegte, musste diesen 
Ort als den wünschenswerthesten für die Denkmäler verdienter Bürger er- 
scheinen lassen. Wie reich imd anmuthig diese Einfassung der Hauptstrasse 
irar, werden wir bei der Gräberstrasse Pompejis kennen lernen , obgleich auch 
diese nur ein schwaches Abbild des Glanzes und Geschmacks der Hauptstadt 
läetet. 



14 I. Zweites Capitel. 

Zweites Capitel. 

Geschichtliche Notizen über Pompeji bis znr Yerflchüttung. 

Von einer Geschichte Pompejis kann nicht die Rede sein, denn kaum ein 
halbes Dutzend kurzer Notizen über die Schicksale der Stadt sind auf uns 
gekommen; Pompeji hat offenbar das glücklichste Loos gehabt, welches kleinen 
Landstädten fallen kann , die zu grossen Bpollen in der Geschichte nicht be- 
rufen sind, das Loos unbeachteten und ungestörten Daseins, bei dem Handel 
und Wandel blühen, und bei dem unter Campaniens glücklichem Himmel die 
Pompejaner es sich gewiss eben so wohl sein Hessen vde ihre Nachbarn in 
den grösseren , wegen ihres Luxus und ihrer Ueppigkeit bekannten Städten. 
Nach dem was wir schon im vorigen Capitel über die wahrscheinlichste 
Namensdeutung Pompejis sowie über seine Gründung bemerkt haben, erscheint 
es als unnütz, hier die Gründungssagen anzuführen , die in's Gebiet der Fabel 
gehören, oder die JNamcnsableitungen zu besprechen, welche so wenig Gewähr 
haben, wie jene. Wie lange Pompeji gestanden haben mag, als es uns im. Jahre 
310 V. Chr. Geb. zuerst genannt wird, vermögen wir nicht zu entscheiden, aber 
auf ein beträchtliches Alter weist die einheimischen Baumeistern angehörende 
Construction der Mauer in ihren unteren Pai-ticn und weisen die Ruinen des 
sogenannten Herculestempels hin, welcher von griechischen Künstlern in einer 
Zeit erbaut sein muss, die von der Zeit der berühmten altdorischen Tempel 
von Selinus und Paestum, d. h. dem 7. Jahrhundert nicht gar weit absteht. 
Ueber die Verfassung, unter welcher Pompeji stand, so lange es eine freie 
oskisch-samnitische Stadt war, müssen wir uns auch mit wenigen Andeutungen 
genügen lassen. Zunächst ist es bemerkenswerth , dass, so wenig wir jemals 
von einem einheitlichen Volke der Campaner lesen und so wenig die nach und 
nach alle Städte Campaniens erobernden Samniten daheim eine staatliche Ein- 
heit bildeten , was ihr endliches Unterliegen gegen Bom bedingte, dieselben 
eben so wenig in Campanien zu einer Gesammtverfassung oder selbst zu einer 
dauernden Eidgenossenschaft , die sich über den Heerbann im Momente der 
Noth erhoben hätte, zusammentraten. In den Inschriften ist wenigstens keine 
Spur von einer Centralgewalt , welche gemeinsame Anordnungen fttr mehre 
Städte getroffen hätte, und in ihnen sowohl wie in den Schriftstellern werden 
immer nur städtische Localbehörden genannt. Der gemeinsame oskische Name 
dieser ist Meddix oder in der Grundform medix von dem Stamm des lat. 
Verbums mederi, welchen wir mit »walten« übersetzen können , die oskischcn 
Behörden hiessen also »Walter« im Sinne von »Herrscher«, aber mit dem Neben- 
begriff der vom Volke eingesetzten und einer republicanischen Gemeinde 
gegenüber ausgeübten Gewalt, im Gegensatze der im Worte »Herrscher« aus- 
gedrückten königlichen. Zu dieser Bezeichnung medix tritt dann ein den 
Amtskreis bezeichnendes Beiwort, und der höchste Magistrat wird durch 
medix-tutikus (mcddiss-toutiks) als öffentlicher oder »Staatswalter« bezeichnet. 



Geschichtliche Notiien über Pompeji bis zur Verschattung. 1 5 

Neben diesem fungirten andere niedere Beamten in bestimmten Amtskreisen, 
wie z. B. zwei etwa den Aedilen entsprechende Decetasü in Nola (Mommsen, 
Unterit Diall. S. 254, 278.) und in Pompeji ein in zwei Inschriften genannter 
Kvaistur d. i. Quaestor (das. S. 183) sowie ein Kümbenniefs d. i. conventus 
oder auch senatefs, senatus genannter Senat, in dessen Händen die Wahl der 
Magistrate und die oberste Staatsgewalt gelegen zu haben scheint. — 

Die schon berührte erste geschichtliche Erwähnung Pompejis bei Livius 
9. 38. ällt in das Jahr 310 v. Chr. Geb. Im zweiten Samnitenkriege landete, 
wahrend der Consul C. Marius Rutilus den Samniten die Bergfeste Allifae und 
die Herrschaft im Vultumusthal entriss , der Flottenftthrer P. Cornelius mit 
seinen Kriegsschiffen in der Mtlndung des Samus , von wo die Bemannung, 
ohne Widerstand zu finden , den Fluss und seine Nebenflüsse hinauf bis nach 
Nucena drang, wo Cornelius durch einen kühnen Handstreich die Herrschaft 
der beiden Meerbusen nördlich und südlich vom Hirpinergebirg an sich zu 
biingen hoffbe. Die Bewohner des schluchtenreichen Grebirgs aber und die Be- 
wohner der Städte des Samusthals rotteten sich zusammen , griffen die Römer 
an, entrissen ihnen das Gewonnene, hieben die Meisten derselben nieder und 
jagten die Uebrigen mit ihrem Führer in ihre Schiffe , mit denen sie schleunig 
den Ort ihrer Niederlage verliessen. Von den Städten betheiligte sich neben 
Stabiä wahrscheinlich das ausdrücklich erwähnte Pompeji am meisten an diesem 
kühnen und wohlgelungenen Aufstande. Aber so wenig dieser locale Sieg über 
eine römische Heerabtheilung wie die vielen und glänzenden Erfolge der 
Samniten über die römischen Eroberer im ersten und zweiten samnitischen 
Kriege (343 — 304 v. Chr.) konnte das endliche Schicksal Samniums und der 
yon Samniten abhängigen und besetzten Landstriche entfernen. Der sechs 
Jahre nach dem Ende des zweiten, 298 v. Chr. ausbrechende dritte samnitische 
Krieg wurde von den Bömem in der richtigen Erkenntniss, dass sich die 
kühnen, kriegsgeübten und frciheitliebenden Samniten nicht demüthigen lassen 
würden, als ein Vernichtungskrieg geführt. Der Ausgang ist bekannt; ein Ort 
und ein Gau nach dem anderen wurde nach langem Widerstände von den 
Sdmem erobert, verwüstet, die Städte und Dörfer verbrannt, die Bevölkerung 
grasstentheils vernichtet, bis im Jahre 290 v. Chr. der überlebende Theil der 
inrnniten unter verschiedenen Bedingungen unter das römische Joch sich beugte. 
Die von Samnium abhängig gewesenen Landstriche , unter ihnen Campanien, 
erhielten Municipalverfassung und das römische Bürgerrecht, jedoch ohne 
Sdminrecht in den Comitien Roms. Auch Pompeji trat in dieses Verhältniss zu 
Born und musste römischer Sitte und römischem Recht die Thore öfinen, ob- 
gleich nach freilich vereinzelten, aber ziemlich sicheren Spuren, von denen 
vir weiter unten reden werden, oskische Sprache und mit ihr wohl auch 
nanches Element altoskischer Sitte sich noch lange in dem mehr und mehr 
romanisirten Städtchen erhielt. Bei der grossen Mannigfaltigkeit der den ein- 
leken Municipien ertheilten Rechte ist es unmöglich, das nirgends ausdrück- 



16 I. Zweites Capite). 

lieh angegebene Verhaltniss Pompejis am der herrschenden Hauptstadt genau 
zu bezeichnen. Gewiss ist es , dass Pompeji j wie alle Municipien , seine com- 
munale Selbständigkeit > mit Volksversammlung und Senat und von diesem 
gewählten Behörden^ als deren oberste die Quatuorviri fdngirten, behielt ; ob 
die Stadt ihr eigenes Becht bewahrte oder dasselbe gegen das römische ver- 
tauschte^ ist nicht zu sagen. Von Abgaben an Rom war Pompeji frei» dag^^en 
zum Kriegsdienste im römischen Heere genöthigt — 

Diese Zustände dauerten bis im zweiten punischen Kriege nach Haimi- 
bals glänzendem Siege bei Cannä die Samniten und fast alle anderen Stflnune 
imd Städte Unteritaliens von den Römern abfielen und sich dem karthagischen 
Sieger zuwandten. Auch Pompeji suchte, Capua's Beispiele folgend, wo die 
Volkspartei Hannibal die Thore geöffnet hatte, mit Hilfe karthagischer Wafien 
seine Unabhängigkeit von Rom zu begründen. Vergebens. M. Marcellus Sieg 
über Hannibal bei Nola im Jahre 215 v. Chr. nöthigte den Letzteren ^ sich 
weiter südlich zu ziehen und die campanischen Städte sich selbst zu überlassen. 
Bekannt ist, dass Capua nach hartnäckigem Widerstände im Jahre 211 v. Chr. 
wiedererobert und strenge bestraft wurde, und dass trotz des im Einzelnen 
zwischen Römern und Puniern wechselnden Sjiegsglückes in Unteritalien vor 
Ablauf des Jahrhunderts Roms neue Herrschaft in diesen Gregenden b^^rflndet 
war und dieselben fester umschloss, als zuvor. 

Noch einmal erhob sich Pompeji nebst den anderen italischen Städten 
im J. 91 V. Chr., als in Folge der harten Gesetze wider das Einschleichen in 
das römische Bürgerrecht und der Verweigerung und Entziehimg desselben, 
nach den unglücklichen Ausgleichungsversuchen des Tribuns M. LiviusDrusus 
und seiner Ermordung die seit einigen Jahren vorbereitete RebelUon. der 
italischen Stämme gegen Rom zum offenen Kampfe ausbrach, an dessen Spitae 
die Samniten und die Marser standen. Es galt bekanntlich die Gründung eines 
von Roms Hoheit unabhängigen Bundesstaates und war bis zur Verabredung 
einer Verfassung und zur Bestimmung des Sitzes einer Centralgewalt gekommen, 
als Rom sich entschloss, einem Theil der Italiker das volle Bürgerrecht zu 
ertheilen und durch diesen Schritt ausser denLatinem dieUmbrer undEtrusker 
gewann, aus denen es seine Heere gegen die südlichen Stämme bildete. In dem 
ausgebrochenen s. g. Bundesgenossenkriege kämpften die Pompejaner unter 
der Anführung des Samniten Pontius von Telesia, dem jedoch der furchtbare 
SuUa gegenüberstand, welcher jenen kaum drei Stunden vor Pompeji bei 
Stabiä schlug und diese Stadt verwüstete. Die Pompejaner kämpften für ihre 
Stadt unter Cluentius so wacker, dass sie die Römer zweimal von ihren Thoren 
zurückwarfen; zuletzt mussten sie aber doch der überlegenen Kriegskunst 
weichen und Cluentius erlag vor Nola, wohin ihm Sulla gefolgt war, indem er 
sich bei dem kleinen Pompeji aufzuhalten nicht ftlr nöthig fand. Der Kri^s* 
Sturm mit den Schrecken der Einnahme , Plünderung und Zerstörung war frei- 
lich so vor Pompejis Mauern, deren theil weise zerstörten Zustand übrigens 



Geschichtliche Notizen über Pompeji bis zur Verschattung. 1 7 

melire Forscher nicht allein auf Bechnung des Erdbebens vom Jahre 63 n. Chr.^ 
sondern auf die der suUanischen Angriffe stellen, vorübergegangen , aber die 
Unabhängigkeit von Born war fiXr unsere Stadt wie für alle anderen Städte 
und Stänune des Bundes für immer verloren. Nachdem mit wechselndem 
Glücke von beiden Seiten gekämpft war, ertheilte Bom den meisten sich un- 
terwerfenden Städten das Bürgerrecht, so dass nur die Samniten und Lukaner 
unter den Waffen blieben, bis Sulla im Jahre 82 v. Chr. die letzten Beste ihrer 
Schaaren vernichtete. Geschont hatte Sulla Pompeji, aber nicht vergessen. 
Nachdem im Jahre 88 die empörten Völker mit Bom Frieden geschlossen 
hatten, der auch Pompeji mit begriff, sandte SuUa, damals Dictator , eine Sol- 
datcnabtheilung nach Pompeji, der er mittels Decrets den dritten Theil der 
pompejanischen Flur anwies. Diese unerwünschte Besatzung von Eindring- 
lingen war den Pompejanem begreiflicherweise wenig willkommen und lebte 
mit den Bürgern in mancherlei Beibereien und Streitigkeiten. Einen Vortheil 
hatten die Pompejaner aber doch von dieser suUanischen Besatzung, Sicher- 
heit nämlich gegen die Plünderungen, mit welchen während des ersten Bürger- 
krieges (zwischen Marius und Sulla) Pontius von Telesia, der alte Feldherr 
der Pompejaner, der, wie die meisten italischen Neubürger, auf der marianischen 
Partei und im Jahre 82 an der Spitze eines aus Samniten, Campanem und 
Lukanem gebildeten Heeres stand, bei der Becrutirung die Landschaften Cam- 
paniens heimsuchte, sowie gegen die Streifereien der Bande des Spartacus, 
welcher (nach Florus 3. 20, 21.) in dem damals noch nicht gefürchteten Krater 
des Vesuv sein Lager aufgeschlagen hatte. 

Der Zustand des Unfriedens mit der Besatzung dauerte jedoch in Pompeji 
nicht lange. Ln Jahre 64 v. Chr. wurde P. Sulla , ein Neffe des Dictators , Prä- 
fect der römischen Truppen in Pompeji , ein Mann , welcher die Pompejaner 
so begünstigte , und in dem Grade bei ihnen beliebt war , dass er in Bom be- 
ichuldigt werden konnte, die Pompejaner gegen Bom aufzuwiegeln. Es ist be- 
kannt, dass gegen diese Anklage Sulla von Cicero vertheidigt und in Folge 
dieser Vertheidigung im Jahre 62 freigesprochen wurde. — 

Pompeji erscheint seit dieser Zeit ganz romanisirt und blieb bis zu seinem 
Untergang ohne bemerkenswerthe Ereignisse im ruhigen Besitze seiner von 
Roms Oberhoheit wenig behelligten städtischen Verwaltung und eines wach- 
senden Wohlstandes, welcher auf dem Handel und auf mannigfaltiger Industrie 
berahte und nicht wenig dadurch erhöht wurde, dass Pompeji in die Zahl der- 
jenigen Landstädte eintrat, in welche, wie nach Bajä, Neapel, Puteoli, vor- 
nehme Bömer sich zurückzogen, wenn sie des Staatslebens und des Geräusches 
der Hauptstadt müde geworden waren , oder wenn sie aus anderen Gründen 
Erholung und Buhe unter dem schönen Himmel Süditaliens und inmitten 
griechischer Kunst und Sitte aufsuchten. 

Die erste namhafte Person, von der wir eine solche Ansiedelung in Pom- 
peji wissen , ist Cicero , welcher , obgleich nicht unbeträchtlich verschuldet, 

OTerherfc, Penpeji. 2 



18 I. Zweites Capitel. 

sich neben seinem Landsitze in Puteoli noch einen solchen in Pompeji kaufte, 
von dem er in seinen Briefen (epp. ad. div. 7. 1.) zu erzählen weiss. Dass frei- 
lich die jetzt unter dem Namen der Villa des Cicero bekannten, dicht vor dem 
Herculanerthor gelegenen, 1763 aufgegrabenen und bald wieder zugeschütteten 
Kuinen einer Villa wirklich dem Pompcianum des grossen Redners gehören, 
wie fast allgemein angenommen wird, ist schon deshalb zweifelhaft, weil Cicero 
in seinen Briefen ganz besonders die stille Zurückgezogenheit seines Liand- 
sitzes rühmt, was sich mit der Lage der in Bede stehenden VUla kaum ver- 
trägt. Ebenso wenig ist es erweislich oder selbst nur wahrscheinlich , dass ein 
Standbild in der Toga praetexta , welches in dem vielleicht von einein Ver- 
wandten Cicero's erbauten Fortunentempel gefunden wurde, trotz einer oberfläch- 
lichen Aehnlichkeit das Porträt des Redners sei, der als Feind der neuen 
Staatsordnung starb, ganz zu schweigen von der sicherlich unrichtigen An- 
nahme, dass Cicero selbst der Gründer jenes Tempels, Duumvir Pompejis und 
vom Volke ernannter Tribunus militum gewesen sei , als welcher der Erbauer 
des Fortunentempels in der Weihinschrift am Architrav genannt wird. 

Auch Augustus hegte grosse Vorliebe für Pompeji und sandte römische 
Ansiedler dahin, welche eine rasch erblühende Vorstadt nördlich von der Stadt 
an der heute sogenannten Gräberstrasse unter dem Namen pagus Augustus felix 
suburbanus mit eigener Verwaltung unter einem magister pagi gründeten* 
Kaiser Claudius besass in Pompeji eine eigene Villa, in der ihm sein Söhnclien 
Drusus an einer Birne erstickte, die der Knabe in die Höhe geworfen und mit 
dem Munde aufgefangen hatte. Winckelmann glaubt in seinen Nachrichten 
V. d. neuesten hercul. Entdeckimgen § 58 in einer der beiden Villen links an 
der Gräberstrasse , der s. g. des Arrius Diomedes und der eben be^rochenen, 
für die Cicero's gehaltenen, die Villa des Claudius annehmen zu dürfen, worin 
allerdings keine Gewähr liegt. Auch Personen weniger hohen Banges und Hof- 
leute der Kaiser scheinen der Mode, sich in Pompeji anzusiedeln, gefolgt zu 
sein , von einem röm. Senator Livineius Regulus werden wir es unten noch 
näher sehen, von dem bereits genannten M. Arrius Diomedes, den man nach, 
einer nicht ganz klaren Stelle seiner Grabschrift für einen Freigelassenen der 
Julia hält, der Vorsteher der Vorstadt {magister pagi suburbani) war und 
dem man die grosse erhaltene Villa vor dem Herculanerthor zueignet , ist 
es zweifelhaft , von anderen Personen dagegen aus alten Nachrichten \md aus 
ihren Grabschriften anzunehmen. — 

Als Municipium oder als Colonie {Colonia Romano) y wie Pompeji con- 
sequent auf allen Inschriften heisst, welche seine Stellung andeuten, hatte 
dasselbe eine nur in der höheren Instanz von dem römischen Kaiser und Senat 
abhängende Verwaltung bei einer der römischen nachgebildeten Communal- 
verfassung. Durch den Sieg der Römer und die Ertheilung der Civität an alle 
Italiker nach dem Bundesgenossenkrieg wurde die oskische Sprache officiell 
durch die lateinische , wurden zugleich die oskischen Behörden durch römisch. 



Geschichtliche Notizen über Pompeji bis zur Verochüttung. 1 ^ 

benannte ersetzt. Die eingeborenen oder von eingeborenen Pompejanern 
adoptirten Bewohner waren Bürger , und als solche römische Vollbürger mit 
Stimmrecht in den Comitien des römischen Volkes. Durch Eingehung dieses 
Verhältnisses erkannte eine Stadt Rom als Oberhaupt und Vaterland an , über- 
nahm die Lasten^ welche römischen Bürgern auflagen, z. B. den Kriegsdienst 
in den Legionen , und fährte das römische Recht bei sich ein oder modelte das 
alte Stadtrecht nach den Normen und Principien des römischen Givilrechts 
um. Die Bürger zerfielen , wie die römischen , nach Rang und Stand in ver- 
schiedene Classen, decuriones, welche dem römischen Senat, augustales, 
welche den Rittern entsprachen und populus oder plebs, das gemeine Volk; 
sie wählten in ihren Comitien ihre eigenen Magistrate, sowie sie auch ihre 
eigenen Culte und selbstgewählten Priesterschaften hatten , erliessen Verord- 
nungen und Gesetze (leges municipales) , Belohnungen und Auszeichnungen. 
Auch der Census wie die Aushebung zum Kriegsdienste wurde in den Muni- 
cipien von den höchsten Magistraten gehalten. An der Spitze der Verwaltung 
standen richterliche Zweimänner, duummri iuri dicundo, ähnlich den römischen 
Consuln, und Vorsitzer des Senats, der decurimies , neben ihnen Aedilen , ein 
Qoaestor u. a. geringere Beamte. Den nächsten Zusammenhang mit Rom scheint 
ein in mehren Inschriften erwähnter patronus coloniae aufrecht erhalten zu 
haben, während ein Statthalter die Oberaufsicht führte. So bildete denn Pom- 
peji wie andere Städte nach Vermögen ein Kleinrom (parva Romae imago), und 
zwar, trotz den sich einzeln erhaltenden oskischen und trotz den beigemischten 
griechischen Elementen, begreiflicher Weise auch in Gebräuchen, Einrich- 
tungen und Moden. 

Während, so viel wir wissen, das Verhältniss Pompejis zu Rom durchaus ein 
freundliches war, und durch keinen Ungehorsam einerseits, keine Bedrückung 
andererseits getrübt wurde , sollten die Pompejaner im Jahre 59 n. Chr. noch 
kurz vor dem grossen Erdbeben vom Jahre 63 n. Chr., welches die Stadt zum 
ersten Male verwüstete, auf empfindliche Weise ihre rechtliche Abhängigkeit 
von der Hauptstadt fühlen (siehe Tacitus Ann. XIV. 17.). Der aus Rom ver- 
stossene Senator Livineius Regulus hatte in Pompeji , wohin er sich zurück- 
gezogen, Gladiatorenkämpfe im Amphitheater veranstaltet. Das pompejanischc 
Amphitheater, viel zu gross für die Zahl der Einwohner der Stadt allein , wie 
wir noch genauer sehn werden , war auf Besuch von den Nachbarstädten be- 
rechnet und pflegte auf diese Weise stark gefüllt zu sein. Auch bei dieser Ge- 
legenheit waren zahlreiche Nuceriner nach Pompeji gekommen, zwischen 
denen und den Pompejanern es, wie schon früher, zu Sticheleien, Reibereien, 
dann zu Steinwürfen und zum Gebrauch der blanken WaflFe gekommen war. 
Die Pompejaner waren zahlreicher und stärker und siegten in dem ausge- 
brochenen Kampfe, aber die Nuceriner wandten sich klagend nach Rom, gaben 
ihre zahlreichen Verwundungen und den Tod von Kindern oder Eltern an. 
Der Kaiser schob die Sache dem Senat , dieser den Consuln zu , und nachdem 

2* 



20 



L Zweites Capitel. 




sie von diesen wieder an den Senat gelangt war , lautete der Urtheilsspruch, 
alle ähnliche Schau sei in Pompeji auf 1 Jahre zu verbieten , die gegen da» 
Gesetz gebildeten Collegien aufzulösen , Livineius und die Theilhaber an dem 
Crawall zu verbannen. Bedenkt man die unendliche Lust, ja Sucht namentlich 
für die Spiele und Kämpfe des Circus und des Amphitheaters , nach denen das 
Volk bekanntlich gleich nächst dem Brode rief {panem et circenses) , so be- 
greift man die Härte dieses freilich nicht ungerechten Spruches für Pompeji. 
Nach der Meinung mancher Schriftsteller besitzen wir ein volksthOmliches 
Monument dieses Streites mit den Nucerinern in der folgenden äusserst rohen 
Zeichnung nämlich, welche nebst einer Inschrift an einem Hause in der Strasse 
des Mercur in den Bewurf eingeritzt sich fand. Offenbar stellt die besser ge- 
zeichnete Figur rechts , zur VergegenwÄrti- 
gung von Ort und Zeit der Begebenheit, 
einen siegreichen Gladiator dar, der mit der 
Palme in der Hand von den Stufen des 
Amphitheaters hemiederstürzt ; die Gruppe 
links, die kaum erkennbar ist, scheint einen 
Mann darzustellen, der einen anderen mit 
gebundenen Armen eine Treppe hinauf sich 
nachzieht, wohl einen Gefangenen. Die In- 
schrift folgenden Wortlauts : Campani tn- 
ciaria una cum Nucerinia peristis , welche 
der Zeichner kluger Weise seinem ohne sie unverständlichen und für uns un- 
bedeutenden Kunstwerke beigefügt hat, soll nach der angeführten Meinung 
aussagen, dass die Campaner (Pompejaner) , obgleich siegreich, zugleich mit 
den Nucerinern umgekommen seien. 

Lange bevor die Zeit der Strafe für Pompeji abgelaufen war, im Jahre 63 
n. Chr. und zwar am 5. Februar, betraf Pompeji das erste grosse Unglück und 
eine entsetzliche Zerstörung durch ein von todtlichen Erdaushauchungen be* 
gleitetes Erdbeben, welches die wiedererwachten Kräfte des seit Jahrhunderten, 
vielleicht seit Jahrtausenden schlummernden und für erloschen geltenden Ve- 
suvs ankündigte und in allen umliegenden Städten, in Neapel, Herculaneum, 
Nuceria mehr oder minder bedeutende Verheerungen anrichtete , am schwer- 
sten aber Pompeji heimsuchte. Zahlreiche Gebäude stürzten ganz oder theil- 
weise zusammen , der Tempel des Jupiter , der s. g. des Quirinus , der Tempel 
der Isis, die BasiUca sowie die Säulenhallen des Forum und des Theaters; 
Statuen wiurden von ihren berstenden Piedestalen herabgestürzt und zerbrochen 
und manches Privathaus und Grabmahl beschädigt. Wie gross der Schade im 
Ganzen gewesen sei, können wir nicht angeben, dass aber die Stadt bedeutend 
gelitten habe, zeigt die Berathung des römischen Senats , ob man den Wieder- 
aufbau Pompejis gestatten oder das Verlassen der Stätte befehlen sollte , so^wie 
der Umstand, dass mehre Familien das WerthvoUste ihrer beweglichen Habe, 



Oriffelzeichnung in der Strasse 
des Mercur. 



Geschichtliche Notizen über Pompeji bis zur Verschüttung. 21 

darunter auch Gemälde und Marmorstücke mit sich nehmend Pompeji ver- 
Hessen und den campanischen Boden verschworen. (Winckehnann , Nach- 
richten § 7 und Gesch. d. Kunst. VII. 3. § 1 5—1 8.) 

Diese Zerstörung Pompejis ist für uns in mehr als einem Betracht wichtig, 
sie hat miter den alteren Monumenten der Stadt stark aufgeräumt und so ist 
uns statt dieser wenngleich nicht durchgängige so doch vielfach die Kestau- 
lation des ersten nachchristlichen Jahrhunderts überliefert worden. Nachdem 
nämlich von Rom die Erlaubniss zum Wiederaufbau der Stadt erthcilt war, 
and bei Weitem die Mehrzahl der Pompcjaner sich bei derselben betheiligte, 
beschlossen die Decurionen diese Gelegenheit nach Möglichheit zu einer durch- 
greifenden Verjüngung der Stadt zu benutzen. Der alte Baustil wurde durch 
den modernen ersetzt. Das Forum erhielt einen neudorischen Säulenumgang, 
der korinthisch-römische Stil wurde als der durchgehende bei öffentlichen und 
Privatgebäuden in Anwendung gebracht, wenngleich nicht selten auf die bar- 
barischeste Manier, indem man die alten structiven Glieder durch Tünche 
in die neue Ordnung brachte ; an den meisten Orten wurde ein nicht unbe- 
trächtlicher Luxus in den Materialien entfaltet, obwohl die leidige Tünche, 
diese Verderberin aller echten Kunst, nur zu häufig in V^erwendung kam. 
Auch einige Aenderungen im Plane der Stadt, namentlich in der Gegend des 
Forum, sind wahrnehmbar, und zugleich wurde ein guter Theil der Reste und 
Monumente der früheren Autonomie, die oskischen Inschriften an manchen 
Monumenten entfernt und nebst anderen Werkstücken der älteren Gebäude zu 
den Neubauten, auch zu deren Fundamenten verwendet. — Auf der einen 
Seite ist dies gewiss zu beklagen , denn ohne Zweifel ist manches ehrwürdige 
Denkmal altitalischer oder griechischer Kunst und Sitte bei dieser Gelegen- 
heit beseitigt, verschleppt oder vergraben tmd so auch uns verloren gegangen, 
wie es denn die nur durch die Zerstörungen des Erdbebens und die Reno- 
vation der Stadt in seinem Gefolge zu erkläi-ende Thatsache ist, dass die Denk- 
maler des älteren und des blühendsten Stiles in Architektur und Sculi)tur in 
Pompeji zu den Seltenheiten gehören , während das Vorhandene iast durch- 
gängig den kunsthistorisch ohnehin zur Genüge bekannten Stil der neronischen 
Epoche zeigt. Auf der anderen Seite lässt sich wieder nicht läugnen , dass wir 
durch diese Restauration und Renovation Pompejis gewonnen haben, und zwar 
indem wir durch sie jetzt in dieser Stadt das vollständige und fast ungetrübte 
Bild einer römischen Colonie oder Municipalstadt besitzen , anstatt des Bildes 
eines eigentlich nichtrömischen, dem römischen Wesen nur nach und nach 
accommodirtcn Ortes. 

Der Neubau Pompejis schritt mit wunderbarer Raschheit vorwärts. Die 
Tempel des Jupiter, der Venus, der Fortuna, der Isis waren , zum Theil durch 
die Freigebigkeit von Privaten, ganz vollendet und dem gottesdienstlichen 
Gebrauche zurückgegeben, dem s. g. Quirinustempel fehlte nur noch die Voll- 
endung des marmornen Hauptaltars , fast vollendet waren auch die Theater, 



22 I. Drittes Capitel. 

jedoch scheint es, dass sie noch nicht wieder gebraucht worden waren , fast 
vollendet der elegante Säulenumgang des Forum, dem noch der Statuenschmuck 
gefehlt zu haben scheint , wenn nicht das Fehlen der Statuen auf eine andere, 
unten zu erwähnende Ursache zurückgeht, auch an dem Chalcidium der Eu- 
ihachia sowie an mehren Pri vathäusem , in deren Wände noch nicht überall 
die aus dem Erdbeben geretteten älteren Gemälde wieder eingelassen waren, 
wurde noch gearbeitet, aber schon bewegte sich aufs Neue ein r^;es und unbe- 
sorgtes Leben durch die Strassen der verjüngten Stadt , schon waren Handel 
und Gewerbe wieder in schwunghaftem Betrieb , schon hatte der Luxus und 
die Ueppigkeit sich aufs Neue mannigfach entfaltet, auch die Zeit des Ver- 
botes theatralischer und gladiatorischer Spiele war seit fast \o Jahren abge- 
laufen , und schon manches Mal war das Volk der Stadt und der Umgegend 
voll Eifer zu der alten heissgeliebten Schau der Kämpfe des Amphitheaters 
zurückgekehrt; da plötzlich schlug Pompejis zwölfte Stunde. Es war der 
24. August des Jahres 79 n. Chr., eben war das Amphitheater Pompejis mit 
einer schauhistigen Menge erfüllt, da erfolgte der Ausbruch des Vesuv. Dunkele 
Nacht, nur von den zuckenden vulkanischen Blitzen grauenvoll erhellt, hCLllte 
die Gegend ein , über welche das Verderben sich dahinwälzte ; und als nach 
drei langen und fürchterlichen Tagen die Aschen- und Bauchwolken die Sonne 
durchbrechen Hessen, waren die Beste des im Bürgerkriege zerstörten Stabia, 
waren die blühenden Städte Herculaneum und Pompeji nebst den umliegenden 
Orten Oplontis und Teglana vom Erdboden verschwunden, versenkt in das 
dunkele Grab für mehr als anderthalb Jahrtausende. — 



Drittes Capitel. 

Sie Verschüttung Pompejis. 

Mit der grössten Lebhaftigkeit hat Bulwer in seinem Boman »Die letzten 
Tage von Pompeji« die Scenen der Verschüttung, das nicht Ueberlieferte durch 
Phantasie ergänzend, geschildert. Ein Gleiches zu versuchen, liegt ausser 
unserer Aufgabe, nur das muss hier seine Stelle finden , was aus alten Schrift- 
stellern über das furchtbare Ereigniss entnommen und aus Spuren desselben 
an Ort und Stelle geschlossen werden kann. Wie unvorbereitet diePompejaner 
ihr Schicksal treffen musste, sehen wir daraus, dass man den Vesuv, wie be- 
reits erwähnt, für völlig erloschen hielt, so dass ein Strabon unter Augustus 
Folgendes schrieb : »Oberhalb dieser Orte liegt der Berg Vesuvius , bis an den 
Gipfel von herrlich angebauten Feldern umgeben. Dieser aber ist grössten- 
theils flach und ganz unfruchtbar , dem Ansehn nach aschig , und man siebt 
daselbst Höhlungen in porösen Steinen von russiger Farbe , als wären sie vom 
Feuer zerfressen , so dass man schliessen mögte , der ganze Ort habe einmal 



Die Venchüttung Pompejis. 23 

gebrannt, enthalte Feuerkrater , und sei erloschen, nachdem ihm der 
Stoff ausgegangen. Vielleicht ist grade das der Grund der ihn umgebenden 
Fruchtbarkeit, wie man sagt, dass bei Katana die Gegend so vorzüglichen Wein 
hervorbringe , seitdem ein Theil derselben mit der vom Aetna ausgeworfenen 
Asche bedeckt ist« — 

Ueber den Ausbruch des Vesuv ist es von Interesse , wenigstens die auf 
dies Naturereigniss bezüglichen Stellen der Briefe des jüngeren Plinius zu 
lesen, welche freüich nicht Pompejis Untergang , sondern den Tod des älteren 
Plinius und die Begebenheiten in und um Misenum zum Hauptgegenstande 
haben. Ohne die in allen Sprachen oft abgedruckten Briefe*) hier nochmals 
ganz zu wiederholen, ziehen wir die den Vesuvausbruch betreffenden Stellen 
aus. »Am 24. August gegen 1 Uhr Nachmittags (nach unserer Tagesrechnung) 
machte meine Mutter ihn (meinen Oheim, den älteren Plinius) auf eine 
Wolke aufmerksam, welche von sehr eigenthümlicher Gestalt und Grösse 
erachien.... Er stand alsbald auf und begab sich auf eine Höhe, von der man 
die sehr ausserordentliche Erscheinung genauer übersehn konnte. Es war da- 
mals in dieser Entfernung nicht möglich, zu entscheiden , von welchem Berge 
diese Wolke aufsteige, später fand es sich , dass sie sich vom Vesuv erhebe. 
Ich kann keine genauere Beschreibung ihrer Gestalt geben , als indem ich sie 
mit der eines Fichtenbaums vergleiche, denn sie schoss zu einer bedeutenden 
Höhe grade und glatt empor wie ein Stamm, welcher sich an der Spitze in 
Zveige auszubreiten schien. Entweder wurde, meiner Ansicht nach, die Wolke 
durch einen plötzlichen Windstoss emporgetrieben, der nach oben hin abnahm, 
oder das Gewicht der Wolke selbst drückte sie wieder abwärts, so dass sie sich 
in der angegebenen Weise ausbreitete. Sie erschien bald glänzend, bald dunkel 
und gefleckt , so wie sie mehr oder weniger mit Erde und Asche erfüllt war. « 
Darauf folgen die Angaben über das, was der ältere Plinius zur Bettung seiner 
Freunde unternahm, welche nahe am Fusse des Vesuv wohnend, der dringend- 
sten Gefahr ausgesetzt waren, und welche er zur See zu retten hofile , wobei 
der dicker werdende und mit Bimsteinstücken und glühenden Steinen unter- 
mischte Aschenregen in sein Schiff stürzte, wobei ein Schwanken der See, 
▼eiche sich von den Ufern zurückzuziehen drohte und mächtige Felsblöcke, 
die vom Vesuv herabrollten, seine Gefahr vergrösserten. »Mittlerweile, a fährt 
der Briefsteller fort, »flammte der Ausbruch des Vesuv an verschiedenen Orten 
mit vermehrter Heftigkeit empor, und die eingetretene nachtgleiche Finster- 
niss trug dazu bei, alle Schrecken sichtbarer zu machen und zu erhöhen. a In 
dem zweiten Briefe wird noch Folgendes erwähnt, was für uns Interesse bietet. 
»Schon mehre Tage vor dem Ausbruch hatten verschiedene Erdstösse stattge- 
funden , die aber wenig beachtet wurden , da sie in Campanien äusserst ge- 
Töhnlich sind ; in der Nacht aber nach dem Ausbruch waren sie so besonders 

•) Plin. Epist. VI. i6. 20. 



24 I. Drittes Capitel. 

heftig, dass sie nicht allein Alles uin uns her erschütterten , sondern wirklich 
gänzliche Zerstörung zu drohen schienen.« Am nächsten Morgen war das Licht 
äusserst matt und unbestimmt und die Gebäude zitterten und schwankten noch 
immer ; ebenso wurden die Wagen , in denen Plinius mit seiner Mutter die 
Stadt verliessen, von den dauernden Erdstösscn vorwärts und rückwärts ge- 
worfen , so dass sie nur durch die Unterstützung mit grossen Steinen stehend 
gehalten werden konnten. Die See schien sich von den Ufern zurück- 
zuziehen , getrieben von den krampfhaften Bewegungen der Erde ; gewiss ist 
es , dass das Ufer beträchtlich erweitert wurde , und dass man Seethiere auf 
demselben liegend fand. Jeder sieht ein , dass dieser Umstand für die Ansicht 
derer in die Wagschale ftlUt^ welche annehmen, auch von Pompeji sei damals 
das Meer weiter entfernt worden, als es früher war. »Auf der andern Seite warf 
eine furchtbare schwarze Wolke, die mit Brandgeruch hervorbrach, grosse 
Flammen aus, die Blitzen glichen, aber viel grösser waren. Bald darauf schien 
sich die Wolke zu senken und das ganze Meer zu bedecken , und wirklich ent- 
zog sie die Insel Capri sowie das Vorgebirg Misenum unseren Blicken. Aschen- 
regen, obgleich nicht sonderlich dick , begann auf uns herabzufallen , und als 
ich mich umwendete, bemerkte ich hinter uns einen dicken Bauch , der hinter 
uns herrollte wie ein reissender Strom.« Das war der auf Herculaneum 
fliessende Lavastrom. »Wir wichen von der Strasse auf die Felder aus, um 
nicht im Gewühl der Menschen erdrückt zu werden , aber kaum hatten wir 
den Weg verlassen , so umgab uns eine Finstemiss , die nicht mit der einer 
mondlosen Wolkennacht im Freien, sondern nur mit der in einem ver- 
schlossenen Zimjner ohne Licht verglichen werden kann. Man hörte Nichts, 
als das Geschrei von Kindern , das Jammern von Weibern und die Bufe von 
Männern, indem die einen nach ihren Kindern, die anderen nach ihren Eltern 
riefen und sich nur an der Stimme erkennen konnten , Einige beklagten ihr 
eigenes Schicksal, Andere das der Ihrigen, Einige wünschten aus Todesfurcht 
zu sterben , Andere erhüben ihre Hände zu den Göttern , aber die Meisten 
glaubten, die letzte und ewige Nacht sei gekommen , welche die Welt und die 
Götter zusammen vernichten würde. Unter diesen waren Einige , welche die 
wirklichen Schrecknisse durch eingebildete vermehrten und die entsetzte Menge 
glauben machten, Misenum stehe in Flammen.« Wir haben die Schilderung 
dieser Scenen beigefügt , weil sie uns ein Bild dessen geben , was , und wahr- 
scheinlich in erhöhtem Masse, unter der unglücklichen Bevölkerung Pompejis 
vorging. »Nach langer Zeit erschien ein glimmendes Licht , welches wir eher 
für den Vorboten eines neuen Flammenausbruchs hielten, wie es auch wirklich 
war , als für das Nahen des Tages ; das wieder ausbrechende Feuer stürzte sich 
aber in einiger Entfernung von uns nieder und ein schwerer Schauer des 
ABchenregens bedeckte uns , den wir von Zeit zu Zeit abschütteln mussten^ um 
nicht in dessen Anhäufungen erdrückt und begraben zu werden.... Endlich 
lichtete sich diese fürchterliche Finsterniss nach und nach, wie sich eine Bauch- 



Die Venchüttung Pompejis. 25 

wölke lichtet 9 der Tag kehrte zurück und selbst die Sonne erschien wieder am 
Himmel, obgleich nur sehr blass , so als solle eine Sonnenfinstemiss beginnen. 
Jeder Gegenstand, der sich unseren Blicken bot, war verändert, indem er mit 
weisser Asche wie mit einem tiefen Schnee bedeckt war.« — 

Wichtiger noch als dieser wenigstens zum Theil subjectiv ge&rbte Bericht 
ist der des Historikers Cassius Dio*), der um 200 n. Chr. unter Commodus aus 
den besten Quellen erzählt wie folgt : » In Campanien folgten schreckliche und 
seltsame Ereignisse. Nämlich gegen den Herbst desselben Jahres brach auf 
ein Mal em grosses Feuer aus. Der Berg Vesuvius liegt nah am Meere bei Nea- 
polis, und hat reichliche Feuerquellen. Früher war er überall gleich hoch und 
das Feuer stieg mitten aus ihm empor. Denn nur hier ist er in Brand ge- 
kommen, die ganze Aussenseite aber ist auch bis jetzt feuerlos geblieben. 
Darum weil sich diese nie entzündet hat, der innere Theil aber am Feuer ver- 
dorrt und zu Asche wird , so haben die Gipfelwände rings umher noch jetzt 
die ursprüngliche Höhe , die ganze Brandstätte aber ist von der Zeit verzehrt 
und durch das Zusammenfallen hohl geworden, dergestalt, dass der ganze Berg, 
wenn man Kleines mit Grossem vergleichen darf, einem Schauplätze für Thier- 
ge&chte ähnlich ist. Und zwar enthält seine Höhe viele Baum - und Wein- 
pflanzungen, der Kreis aber ist dem Feuer überlassen und giebt am Tage Bauch 
von sich, bei Nacht aber eine Flamime, so dass es aussieht, als würde in ihm 
vielB&uchwerk aller Art angezündet. Und das geschieht immer so, bald starker 
bald wieder schwächer ; oft stösst er auch Asche aus , wenn viel auf einmal 
eingesunken ist , und wii-ft Steine empor , wenn er vom Dampfe überwältigt 
wild, dann tost imd brüllt er , weil er nicht feste , sondern schmale und ver- 
boigene Luftöfihungen hat. Das ist die Beschaffenheit des Vesuvius und 
solches geschieht auf ihm fast jedes Jahr. Alles andre aber, was sich in früherer 
Zeit zugetragen hat , mag» es auch denen , die es täglich sehen, ungewöhnlich 
gross erschienen sein : dennoch möchte es alles zusanunengenommen , in Ver- 
gleich mit dem, was sich in dem Jahre begab, von dem wir sprechen, gering 
zu achten sein. Es geschah nämlich Folgendes. Man glaubte viele grosse über- 
menschlich gewaltige Männer, wie man die Riesen malt, bald auf dem Berge, 
bald in dem tunliegenden Lande und in den Städten , bei Tag und bei Nacht 
auf der Erde herumwandeln und in der Luft einherschweben zu sehen. Darauf 
folgte eine furchtbare Dürre und plötzliche heftige Erdstösse , so dass dort der 
gsmae Boden aufgeschüttelt wurde und die Höhen emporsprangen. Und Töne 
vernahm man , theils unter der Erde donnerähnlich, theils über derselben wie 
Gtbrülle ; und zu gleicher Zeit brauste das Meer auf und hallte der Himmel 
vieder. Nach diesem hörte man plötzlich einen Ungeheuern Knall , als ob auch 
tue Berge zusammenstürzten, und es fuhren zuerst übergrosse Steine empor, 
»dass sie bis zum Gipfel selbst gelangten, dann vieles Feuer und entsetzlicher 

*) Cass. Diol.66. c.2Uq. 



26 I. Drittes Capitel. 

Rauch y so dass die Luft ganz verdunkelt und die Sonne ganz verhüllt wurde, 
als wenn sie sich verfinsterte. So verwandelte sich der Tag in Nacht und das 
Licht in Schatten , und manche wähnten , die Giganten stünden auf (denn es 
erschienen wiederum allerlei riesige Gestalten im Rauch ^ und man vernahm 
Schall wie von einer Posaune) : andere aber, die ganze Welt vergehe in Nichts 
oder in Feuer. Darum floh Alles , die Einen aus den Häusern auf die Strasse, 
andere von draussen in die Häuser, noch andere von der See aufs Land und 
von diesem aufs Meer, bestürzt und jede Entfernung sicherer wähnend als die 
Nähe. Während dies geschah, stürmte ungeheurer Aschenregen einher, welcher 
Land und Meer und die ganze Luft erfüllte. Dieser that an vielen Orten 
Schaden, wie und wo es sich gerade traf, an Menschen, Land xmd Vieh, tödtete 
sämmtliche Fische und Vögel und verschüttete sogar zwei ganze Städte , Her- 
culaneum und Pompeji, da eben die Bevölkerung der letzteren im (Amphi-) 
Theater sass. Denn die Menge der Asche war überhaupt so gross, dass einTheil 
davon bis nach Afrika, Syrien und Aegypten gelangte, sogar bis nach Born 
kam und hier die Luft erfüllte und die Sonne verdunkelte. Daher entstand 
denn auch in dieser Stadt eine nicht geringe , viele Tage anhaltende Furcht, 
denn keiner wusste, was geschehen war und keiner konnte es vermuthen; 
vielmehr meinte man auch hier , die ganze Welt kehre sich um und die Sonne 
sinke in die Erde und erlösche , die Erde aber erhebe sich in den Himmel. 
Damals that indess diese Asche dort keinen grossen Schaden, später aber brach 
in Folge dessen eine furchtbare Pest aus. « 

Untersuchen wir aber die localen Spuren über den Act der Verschüttung 
Pompejis, so klärt uns zunächst die Natur des Materials, welches der Vesuv über 
die Stadt ausschüttete, über Manches auf. Es muss aber hiebei bemerkt werden, 
dass die Decke Pompejis nicht in ihrer ganzen Stärke der ersten Verschüttung, 
sondern zum Theil mehren späteren angehört, was e\r\ß genaue Untersuchung er- 
giebt, wie denn auch in der neuesten Zeit wiederholte Aschenregen die Veran- 
lassung gaben, manches werthvoUe Monument in das in Portici gegründete Mu- 
seum in Sicherheit zu bringen. Untersuchen wir die 1 8 — 20 Fuss starke Decke 
Pompejis, so finden wir zu unterst eine fusshohe Schicht feiner, schwarzer, vul- 
kanischer Asche , papamonte genannt, dann folgt eine 7 — 8 Fuss dicke Schicht 
von Eapilli, kleineren und grösseren Bimsteinbrocken ; auf diese ein paar Zoll 
Asche wechselnd mit ein paar Zoll Eapilli , wodurch ungefähr die erste , etwa 
1 0' tiefe Verschüttung angezeigt sein wird. Darüber liegt eine dickere Aschen- 
lage von gegen 2 Fuss und wiederum eine \\ Fuss starke Schicht von Kapilli, 
endlich eine etwa i dicke Lage von Asche, von der die obere Hälfte allmählig 
in fruchtbare Erde umgewandelt ist. Mit AschenausMrürfen also begann der 
Ausbruch des Berges , welche ebenso verwirrend durch ihre Verdunkelung der 
Luft sein mussten, wie sie an sich wenig gefährlich waren. Es ist sehr begreif- 
lich, dass dieser Beginn der Verschüttung die meisten Einwohner Pompejis hat 
entkommen lassen, während er zugleich Viele veranlasst haben mag, an die 



Die Venchatiung Bompejis. 27 

Bettung des Ihrigen zu denken , da anscheinend die Gefahr nicht so schnell 
hereinbrach y dass man mit der Rettung des nackten Lebens zufrieden gewesen 
väre. Das Verderben kam aber doch schneller ^ als man geglaubt haben mag^ 
die auf die Asche folgenden glühenden Steine , welche in beträchtlicher Masse 
schnell gefallen zu sein scheinen, machten Vielen von denen, welche ihre 
Rucht zur Rettung von Hab' und Gut verschoben hatten, sowie Allen, welche 
sich im Inneren von Grebäuden, namentlich in Kellern befanden, dieselbe un- 
mögUch, während mit ihnen auch diejenigen umkamen, welche die Pflicht 
inrückgehalten hatte. Im Ganzen zählt man 400, nach Anderen gegen 600 in 
Pompeji aufgefundene Gerippe, eine verhältnissmässig geringe Zahl, selbst 
wenn man sie für die noch unaufgegrabenen Theile der Stadt mit 3 multiplicirt ; 
denn die auf diese Weise zu berechnenden 1200 — 1800 Gebliebenen bilden 
etwa den zehnten bis achten Theil der muthmasslichen Bevölkerung der Stadt. 
Es ist allerdings möglich, dass spätere Grabungen in anderen Theilen der Stadt 
noch verhältnissmässig mehr Gerippe liefern und uns das Schicksal der Fom- 
pejaner an jenen Unglückstagen noch viel furchtbarer erscheinen lassen werden. 
Nicht ohne Interesse sind die in den meisten Fällen noch erkennbaren 
Situationen, in welchen der Tod die Einzelnen ereilte. Ein paar Beispiele 
mögen hier Platz finden. Einen Soldaten, vielleicht die Schildwacht im Her- 
culanerdior , fand man , den Speer in der Sechten , die Linke vor den Mund 
phalten, in der ersten kleinen Grabnische links vor dem Thore, welche man 
nach diesem Umstände trotz ihrer Inschrift zum Schilderhause gemacht hat. 
Auf die schräge gegenüberliegende überwölbte Halbkreisbank hatte sich, viel- 
leicht um eine kurze Zeit von ihrer Flucht zu rasten, eine Mutter mit drei 
Kindern gesetzt, welche nicht mehr von dort aufstand. Nicht fem davon ereilte 
mehre Männer das Schicksal , welche einen kurz vorher verstorbenen Freund 
oder Verwandten zu seiner letzten Ruhestatt geleitet hatten und im Triclinium 
fimebre das Leichenmahl, auch ihr Leichenmahl feierten. Die Keller des neben 
dietem Triclinium am Ende der Gräberstrasse gelegenen Landhauses (des s. g. 
desM. ArriusDiomedes) zeigen uns das Bild eines jener vergeblichen Rettungs- 
versuche im Inneren der Häuser. Am Eingang und am Fusse der Treppe der 
als Keller dienenden Krypta, in der viele Amphoren an den Wänden standen, 
Jind man 1 8 Personen, Frauen und Mädchen. Ihre Gebeine waren unter mehre 
Fnas hoch liegender feiner Asche begraben , welche durch die eingedrungene 
Feuchtigkeit verbunden eine gypsartig feste Masse bildete, in der die bedeckten 
Gegenstände abgeformt waren. Leider war es nur möglich , einen solchen Ab- 
druck von dem Halse , den Schultern und der Brust eines jungen , nach dem 
Zeugniss des Abdrucks tadellos schönen, mit ganz feinem Gewände bekleideten 
Mädchens zu gewinnen, welcher im Museum bewahrt und in Gyps ausgegossen 
toI. Sie hatte sich im ersten Schrecken mit ihrer Mutter , welche ein Kind 
arf dem Arme, ein grösseres neben sich hatte, und vielen anderen Familien- 
gMern in diese imterirdische Gallerie zurückgezogen und dort von der 



28 



I. Drittes Capitel. 



i'allenden Asche und den Steinen verrammelt worden. Sie scheinen in ihr 
Schicksal ergeben gestorben zu sein, man fand sie mit verhülltem Haupte. Der 
Hausherr dagegen, von einem Sclaven begleitet , hatte die Flucht für sicherer 
gehalten , und in Hoffnung auf Rettung im Freien die Seinen verlassen. Aber 
nicht einmal den Umkreis seiner Besitzung erreichte er, man fand sein Gerippe, 
den Schlüssel zur Gartenthür in der Hand und einen schlangenförmigen Ring 
(amphisbaena) am Finger, nahe bei dem hinteren Ausgang aus dem Grarten, 
neben ihm den Sclaven, der allerlei in Leinen gewickelte Münzen mitgenommen 
hatte. Ein paar Isispriester waren länger als rathsam in den Nebengebäuden des 
Tempels zurückgeblieben ; den einen fand man unfern eines Tisches mit Speise- 
resten (Hühnerknochen) und er scheint plötzlich erstickt zu sein , den anderen 
hatte die Verzweiflung der Todesangst zu einem gewaltsamen Rettungsversuch 
getrieben : mit einer Axt hatte er, da die Thür versperrt war, bereits zwei Wände 
durchhauen, um sich einen Ausweg zu bahnen, vor der dritten sank er erschöpft 
oder ebenfalls erstickt zusammen. Ein dritter hatte allerlei Tempelkostbarkeiten 
zusammengerafft und war mit ihnen geflohen , aber er erreichte nur das Forum 
triangularey wo man das Gerippe mit allerlei Gegenständen des Isiscultus fand. 
Es verdient übrigens schon hier bemerkt zu werden, dass Isis die einzige Grottheit 
gewesen zu sein scheint, an welche man sich in den letzten Augenblicken mit 
religiösem Vertrauen wendete ; auf den Altären des Isistempels wie auf keinem 
anderen fand man halbvcrbrannte Opfer. Das kann freilich auch Zufall sein, und 
berechtigt wenigstens nicht zu dem vielfach mit grosser Sicherheit gemachten 
Schlüsse, dass der neueste, fremdeste und abstruseste Aberglauben des sinkenden 
Heidenthums der zäheste gewesen sei. Aehnlich wie der erwähnte Isispriester 
sind die meisten übrigen Bewohner Pompejis, mit Kostbarkeiten beladen, um- 
gekommen ; aus den Dieterichen in den Schlüsselbunden Einiger hat man 
schliessen wollen, dass unter den Rettern auch unberufene gewesen seien 
(Finati: Musee Bourbon, Naples 1S43. 2. S. 117.). Ein rührenderes Bild als 
dieGrerippe der bei der Hüchtung ihres Mammon vom Schicksal Ereilten sehen 

wir in den Gerippen eines 
I jungen Paares, welche man 
in fester Umarmung neben 
einander in der Strasse von 
den Theatern ziun Forum 
fand. Um unseren Lesern 
wenigstens eine Anschau- 
ung von der Art zu geben, 
\ne man die Gerippe fand, 
theilen wir in der neben- 
stehenden Zeichnung aus 
Mazois' grossem Werke 
Figur 3. Auffindung eines Gerippes. die Darstellung der Auf- 




Die Vlerachüttang Pompejis. 29 

findung eines Skelettes in den Bädern eines Frivathauses nahe am Forum 
trianguläre mit. 

Die im Amphitheater versammelte Menge, welche nur sich selbst zu retten 
hatte, entkam glücklich durch zwei nahe gelegene Thore (Samus- und Stabianer- 
thor) ; innerhalb des Amphitheaters sind nur 6 Gerippe gefunden worden, welche 
oiöglicherweise bereits vor der Katastrophe getödteten Gladiatoren angehören. 
DasB man ausserdem dort die Gerippe von acht Löwen geAinden habe, welche 
nur Thierhatz verwendet werden sollten , ist eine Fabelei der Ciceroni im 
heutigen Pompeji. 

lieber das Schicksal der überlebenden Bevölkerung der verschütteten 
Stadt sind wir nicht genauer unterrichtet. Sichere Spuren an mehr als einem 
Orte der Stadt weisen daraufhin, dass bald nach der Verschüttung nicht un- 
beträchtliche Nachgrabungen gemacht worden sind, um dem Grabe der Stadt 
an Sch&tzen und an kostbaren Werkstücken zu entziehen , was etwa noch zu 
erlangen war.' An mehren Orten sind auch wirklich Baumaterialien, namentlich 
Marmorstücke und Marmortafeln gehoben worden , und die verhältnissmässig 
immerhin geringe Zahl nicht allein von Werken der Sculptur, sondern auch 
nm Kostbarkeiten, sowie das wenige Greld, welches in Pompeji gefunden ist, 
»gt, dass die Ausbeute der ersten Grrabungen nicht gering war. Bei der da- 
mals unbedeutenden liefe und bei der Lockerkeit der Verschüttung ist dies 
auch recht wohl begreiflich, besonders da wir gar nicht bestimmen können, 
wie lange dort gewühlt worden sein mag. Sind doch selbst in dem tief ver- 
schatteten und lavaüberflossenen Herculaneum Ausgrabungen vorgenommen 
worden. Man hat dort mühsam gehauene Gänge unter der festen Lavarinde ge- 
funden, durch welche manches schätzbare Kunstwerk entfernt worden sein mag *). 

Der S^aiser Titus fasste den Plan, die zerstörten Städte wieder herstellen 
zu lassen , und beauftragte zwei römische Senatoren mit einer Bundreise und 
Dordmiusterung der verwüsteten Plätze. Was für Pompeji das Ergebniss ge- 
wesen sei, ist unbekannt. Der Name Pompejis soll auf ein in der Gegend der 
alten Stadt gegründetes Dorf übergegangen sein, welches aber im Jahre 472 
n.Chr. das Schicksal des älteren Pompeji erlitt**) und dessen Trümmer unter 
dem Liandvolke den Namen la Civitä erhielten. Jedenfalls blieb das alte Pom- 
peji yerschwunden , der grösste Theil der Bewohner mag sich zerstreut oder 
sack der Hauptstadt gezogen haben ; Alles was der Boden und die bald auf 
demselben wuchernde Vegetation deckte, gerieth nach und nach mit Pompejis 
Namen in völlige Vergessenheit. — 

*] Winckelmann Sendschreiben § 25. Nur sollte man nicht die oft gedruckte neapeler 
iB«hrift: gigna translata ex ahditis locia in eelebritatem thermarnm Severianarum ceU 
r^uickelmann a. a. O.), in der Herculaneum weder genannt noch auf das Ausserordentliche 
oes Fundorts dieser in den Thermen des Caracalla aufgestellten Bildwerke irgend genügend 
löogewiesen ist, auf die antiken Ausgrabungen von Herculaneum beziehen. Wären diese ge- 
DODt, so müsste die Inschrift ganz anders lauten. Vgl. auch Müller, Handb. d. Archäol. d. 
Kunst. $251. 5. 

**1 Mommsen Inscript. p. il2. 



30 1. Viertes Capitel. 

Viertes Capitel. 



Andeatongen über die Oetchichte der Wiederentdecknng und der 
Aosgrabungen Pompeji«. 

Diese Vergessenheit dauerte bis zum Jahre 1748, wo, 30 Jahre nach der 
ersten, unbenutzten Entdeckung Herculaneums , ein Zufall auf Pompejis 
Wiederauffindung leitete. Dies ist um so bemerkenswerther, als die verschüttete 
Stadt als solche eigentlich nie ganz unkenntlich gewesen sein kann , und da 
namentlich das Amphitheater deutlich genug als eine kraterförmige Vertiefung 
im Boden sich zu erkennen gab. Wenn wir aber die Nichtbeachtung dieser 
Anzeichen daraus erklären können , dass der Name und die Existenz Pompejis 
in den früheren Jahrhunderten eben ganz vergessen war, dass femer weder die 
Zeit der rohen Longobardenherrschaft , noch die glückliche, mit ihrer Gegen- 
wart allein beschäftigte Zeit der Herrschaft der schwäbischen Kaiser Interessen 
antiquarischer Forschung geneigt sein konnte, so bleibt es immerhin auffallend 
genug , dass man in den späteren Jahrhunderten , in denen mancher zuftUige 
Fund gemacht wurde , nicht zu einer weiteren Nachforschung sich anschickte, 
zumal da seit dem Ende des 1 5. Jahrhunderts Pompejis Name in der Litteratur 
wieder auftaucht, und man auf Karten die Orte der verschütteten Städte freilich 
unrichtig ansetzte. Am unbegreiflichten aber ist es, dass die Entdeckungen des 
Architekten Dominico Fontana so ganz ohne Folgen blieben. Dieser baute 
nämlich im Jahre 1592 einen unterirdischen Canal, um das Wasser des Sarao 
nach Torre delF Annunziata zu schaffen , und zwar führte dieser Canal mitten 
durch die Stadt Pompeji in der auf dem unten folgenden kleineren Plane an- 
gegebenen Richtung. Fontana stiess auf Mauerwerk, ja zwei Inschriften 
(Mommsen 2253, 2300.) wnrden zu Tage gefördert, aber dennoch liess man 
diesen seltsamen Umstand ohne Beachtung. Fernere Spuren von Bauwerken 
wurden, wiederum nebst zwei Inschriften , die , so scheint es aus den Worten 
des Berichterstatters Bianchini*), selbst Pompejis Namen enthielten, in der 
auf demselben kleinen Generalplan der Stadt bezeichneten Gregend 1689 ent- 
deckt, aber ebenfalls nicht weiter verfolgt. Endlich im Jahre 1748 unter der 
Herrschaft Karl's von Bourbon (später Karl III. von Spanien) stiessen Bauern 
bei der Bearbeitung eines Weinbergs auf altes Gemäuer, und, weitergrabend, 
auf eine Anzahl werthvoUer Gegenstände , welche die durch die Auffindung 
des herculanischen Theaters erregte Aufinerksamkcit auf diese Entdeckungen 
wendete. 

Es ist leicht begreiflich , dass die Ausgrabungen im Anfang mit grossem 
Eifer betrieben wurden, und zwar so , dass der König selbst sich mehrfach bei 
denselben als Augenzeuge betheiligte. Aber weder war der Plan der Aus- 

•) Istoria universale. Roma 1697. 4. p. 246 : nBue iscrizioni, le qttali dimonstra^ano 

quella esser statu la villa di Pompei. « Die Inschriften selbst sind nicht bekannt. S. Mommsen 
f. 1.8.112. a. 



Andeutungen über die Geschichte der Wiederentdeckung Pompejis. 3 t 

giabungen ein wohldurchdachter, noch blieb der Eifer für dieselben anhaltend. 
Man begann mit den Punkten , die sich äusserlich durch die Hülle auszeich- 
neten, und die errathen liessen, was hier begraben sei ; so wurde gleich 1748 die 
Ausgrabung des Amphitheaters begonnen , aber erst nach langer Pause in der 
Arbeit 1816 vollendet; bald nach der Entdeckung 1754 und 55 legte man das 
kleine Quartier nordwestlich vom Amphitheater , das Forvun boarium und da» 
grosse Haus der Julia Felix bloss, welches letztere aber wieder verschüttet 
vurde. Das ähnlich wie da« Amphitheater äusserlich erkennbare grössere 
Theater wurde 1764 in Angriff genommen , und das um dieses belegene Quar- 
tier, welches ausser dem kleineren, bedeckten Theater und dem Isistempel das 
Forum trianguläre und die Gladiatorencaseme nebst mehren Privatwohnungen 
umfasst, war bis 1769, also in fünf Jahren, wiedergewonnen. Gleichzeitig von 
1763 an begann man am entgegengesetzten Ende der Stadt bei der in ihrer 
Lftngenerstreckung erkennbaren Gräberstrasse. Man grub zuerst in der Nähe 
des herculaner Thors, fand 1768 die s. g. ciceronianische Villa, die wieder ver- 
schüttet wurde, und bis 1770 eine Beihe der zunächst an der Stadt gelegenen 
Grabdenkmäler. Die folgenden Jahre 1771 — 1774 brachten die s. g. Vüla des 
M.Arriu8 Diomedes nebst den gegenüberliegenden Grabmälem seiner Familie 
an's Tageslicht. Dennoch aber war der Eifer bereits so erkaltet , dass im Jahre 
1762 Winckeknann nur acht Arbeiter in der ganzen Stadt in Thätigkeit fand 
(Sendschreiben § 31), deren Zahl freilich 1764 wieder auf dreissig, meistens 
taneser Sclaven gestiegen war, welche aber das Werk so langsam förderten, 
dass Winckelmann behauptet, man würde in £om in einem Monat mehr aus- 
graben, als in Pompeji in Jahresfrist, und bei gleicher Schläfrigkeit werde für 
die Nachkommen im vierten Gliede noch zu graben und zu finden übrig sein 
(Sendschreiben § 36). Wahrhaftig, das sind wir, und wir können diese Voraus- 
sagung getrost wiederholen! Von dem um den Anfang der sechsziger Jahre 
gewonnenen Thor von Herculaneum drang man langsam in die Stadt südöstlich 
Torwarts, aber die Mitte der siebziger Jahre fand die Arbeit noch nicht über 
den ersten Brunnen am Kreuzwege fortgeschritten. Die folgendein vierzig Jahre 
geschah nun vollends fast gar Nichts , nur gelegentlich , wie auch heutzutage 
wieder, wurde gegraben, und nur einzelne Entdeckungen kann man aus diesem 
Zeitraum anführen. So wurde 1767 — 69 in der Gegend des Theaterquartiers 
das nach dem Kaiser Joseph II. von Oesterreich genannte Haus aufgegraben, 
and 1795 — 98 räumte man abermals in demselben Quartier und fand die Bild- 
hanerwerkstatt ; so brachte das Jahr 1799 durch die Bemühungen des franz. 
Generals Championnet die nach ihm benannten Häuser südlich am Forum zu 
Tage. Das ist aber auch fast AUes , was in dieser ganzen Zeit gethan wurde. 
S<^r wurde der Eifer seit dem Anfange dieses Jahrhunderts ; unter Joachim 
Murat namentlich wurde Bedeutendes geschafft. Man arbeitete von allen ge- 
nannten Punkten einander entgegen die Strassen entlang in der Art , wie es 
uns die folgende Darstellung einer Ausgrabung aus dieser Zeit des Eifers dar- 



32 



1. Viertes Capitel. 




Figur 4. Ansicht einer Ausgrabung. 



darstellt, und der Erfolg war, dass 
man im Laufe von etwa 17 — 18 Jah- 
ren, bis 1823, ausser einer bedeu- 
tenden Zahl von Privathäusem das 
ganze Herz der Stadt, das Forum 
civile mit allen uiidiegenden Ge- 
bäuden, sowie den grössten Theil des 
Umfanges der Stadtmauern und die 
ganze Erstreckung der Gräberstrasse 
zu Tage gefördert hatte. Mit abneh- 
mender Anstrengung arbeitete man 
bis um die Mitte der dreissiger Jahre 
fort, und brachte ausser den Thermen 

(1824) und dem Tempel der Fortuna 

(1825) wesentlich nur Privathäuser 
zum Vorschein. Seit der Zeit bis auf 



die unsere erkaltete der Eifer immer mehr, und obwohl in der zweiten Hälfte 
der dreissiger und in den vierziger Jahren mancher hochwichtige Fund ge- 
macht, manche Aufklärung über den Gresammtplan der Stadt gewonnen wurde, 
obgleich femer jährlich 7000 Ducati = 8200 llialer angewiesen sind, so sind 
die Ausgrabungen in neuester Zeit fast nur zu Festlichkeiten geworden , mit 
denen man die Anwesenheit vornehmer Gäste zu feiern pflegt, so dass Heisende 
heutzutage meistens nicht eine Hacke oder Schaufel in Thätigkeit finden. 

Durch diese kurze Vergegenwärtigung der Geschichte der Ausgrabungen 
wird es begreiflich , wie bisher nicht viel mehr geschehen ist , als wirklich ge- 
schah. Bei dem Grade der sehr massigen Anstrengung, der von 1806 — 1823 
stattfand, mOsste jetzt fast die ganze Stadt blosliegen, während wir ein grosses 
Viertheil oder ein kleines Drittheil derselben kennen, abzusehen von der Vor- 
stadt Augustus felix, mit deren Ausgrabung eigentlich erst der Anfang ge- 
macht worden ist. Trotzdem dürfen wir annehmen , dass theils obenerwähnte 
Umstände , theils der mit ihnen in Verbindung stehende günstige Zufall und 
die hauptsächlichsten und wichtigsten Theile der Stadt hat finden lassen , was 
von den öffentlichen Gebäuden mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden kann. 
Was freilich von Privathäusem, was in ihnen von Gemälden, Utensilien, 
Sculpturen und Kostbarkeiten noch für vielleicht ein Jahrhundert unter der 
mit Maulbeer- und Weinpflanzungen bestandenen Decke des Restes der Stadt 
liegt, wer könnte das errathen oder voraussagen? — 

Wenden wir ims , ehe wir zur Einzelbetrachtung übergehn , zu einer all- 
gemeinen Uebersicht über die bisher aufgegrabenen Theile der Stadt. 



Fünftes Capitel: Uebenicht über den Plan und die Monumente Pompejis. 33 

Fflnftes Capitel. 

Uebenicht über den Plan und die Monumente Pompeji«. 

Auch hier sind noch ein paar vorgängige Worte über den Zustand der 
pompejanischen Monumente im Allgemeinen zu sagen. 

So reich die Funde sind, und so vollständig sich die aufgegrabenen Theile 
im Grundriss zeigen , so darf doch nicht übersehn werden , dass nur ein ver- 
hältnissmässig geringer Theil der beweglichen Habe wirklich auf uns gekommen 
ist, wovon die Gründe oben angegeben sind, und dass diese fast ohne Aus- 
nahme, höchstens mit der von ein paar geringen Gemälden und Mosaiken, 
sich nicht mehr an Ort und Stelle befindet , sondern in dem aus den Ausgra- 
bungen der verschütteten Städte grösstentheils gebildeten Museum, welches 
1758 in Portici gegründet wurde, und seit dem Anfang unseres Jahrhunderts in 
Neapel ai Siudf ist. Die beweglichen Monumente aus Pompeji fortzuschaffen und 
sie in einem Museum zu vereinigen , gab es verschiedene sehr triftige Gründe. 
Einerseits erforderte der Schutz der Denkmäler, namentlich der Gemälde 
gi^en die Unbilden des Wetters und verschiedener Aschenregen des Vesuv 
ihre Verpflanzung, andererseits hatte man sehr dringende Veranlassung, sie 
gegm unberufene Liebhaber, besonders auch gegen die Custoden selbst in 
Sicherheit zu bringen , durch deren Hände manches kleinere Stück in Besitz 
vonVomehmen und Gelehrten anderer Länder gekommen ist. Endlich glaubte 
man der Wissenschaft mehr durch eine systematische Zusammenstellung , als 
durch ein Belassen der Gegenstände an ihrem Fundorte zu nützen , worüber 
sich allerdings streiten lässt. Ob nicht selbst der Wunsch, der Hauptstadt auch 
noch den Glanz dieser Monumente zuzuführen , im Geheimen zu der Ueber- 
siedelung von den Fundorten nach Neapel mitgewirkt habe , kann hier uner- 
örtert bleiben. Genug, es ist Thatsache , dass Pompeji gründlich ausgeräumt 
ist, und dass fast nur die kahlen Häuser- und Tempelmauem zurückgeblieben 
and. Zum Glück sind die Fundorte fast aller Gemälde und der meisten übrigen 
Gegenstände amtlich protocollirt und genau genug bekannt, um sie in unserer 
Phantasie aus dem Museo Borbonico wieder an ihre alten Stellen schaffen zu 
können, was wir in den folgenden Theilen unserer Darstellung vielfach zu 
thun Veranlassung haben werden. 

Was aber die unbeweglichen Monumente, die Bauwerke und Anlagen 
betrifft, so dürfen wir uns diese insgesammt nur als Ruinen denken. Zum 
grössten Theile sind sie durch die Verschüttung zertrümmert, zum kleineren 
durch die antiken und modernen Ausgrabungen und nach ihrer Wiedergeburt 
durch den nagenden Zahn der Zeit beschädigt, dem die verschleppende Hab- 
sacht nur zu sehr zu Hilfe gekommen ist. Von allen Privathäusem Pompejis 
mit wenigen Ausnahmen stehen ungef^Lhr nur die Erdgeschosse, welche, wenn 
auch nur leicht, so doch durchweg massiv aus vulcanischem Bruchstein, Tuff 
und Lava, seltener aus Ziegeln erbaut sind, während die leichter und dünner 

Orerbeek, Ponpeji. 3 



M L FänfteB CapiteL 

gebauten, zum Theil mit Fachwerk durchzogenen oberen Geschosse , sowie die 
aus Holz constmirten Dachstühle fehlen , entweder unter der Wucht der Ver- 
schüttung zusammengestürzt, oder von den glühenden Auswürflingen des 
Vulcans verkohlt und verzehrt. Diese oberen Geschosse zu restauriren , wurde 
sehr schwer sein, da sich begreiflich von den Holzbauten der Alten so gut wie 
Nichts erhalten hat, wenn uns hier nicht Herculaneums Kuinen zu Hilfe 
kämen, welche uns wenigstens einige Muster des Zimmerhandwerks erhalten 
haben , und zwar zum Theil in verkohlten Balken und Streben , .zum Theil in 
Abdrücken der Holzconstruction in den sie umgebenden und jetzt erhärteten 
SchlammstrOmen. Durch diese Muster sind wir in den Stand gesetzt, die 
fehlenden, an sich einfachen (Jallerien, Dächer und sonstigen Theile der 
oberen Geschosse mit einiger Sicherheit zu reconstruiren, und in gezeichneter, 
wenn auch nicht ausgeführter Ergänzung die bedeutenderen Häuser uns vor- 
zuführen. Es ist übrigens hiebei nicht zu vergessen , dass bei weitem die wich- 
tigsten Räumlichkeiten des antiken Hauses im Erdgeschoss liegen , während 
das obere Stockwerk meistens nur kleine Schlaf- oder Esszimmer oder Mieths- 
wohnungen enthält, die nicht selten zu den ebenfalls vennietheten Läden im 
Erdgeschoss gehören. Da nun auch die Ornamente von Marmor oder Stueco 
grösstentheils wenn auch nicht mehr vorhanden, so doch bekannt sind, so ver- 
mögen wir uns ein ziemlich vollständiges Bild von dem architektonischen 
Ensemble der pompejanischen Gebäude zu entwerfen. Von den öffentlichen 
Gebäuden stehen auch meistens nur noch die zerbrochenen Säulen und Mauern 
bis zu der durchschnittlichen Höhe der Erdgeschosse der Privathäuser. Aber 
auch für die öffentlichen Gebäude sind die Werkstücke noch bekannt oder am 
Platz , so dass wir fast überall die Reconstruction mit Sicherheit vornehmen 
können. Und so werden wir es nicht versäumen , neben dem Bilde der Denk- 
mäler in ihrem heutigen Zustand uns dasjenige ihres ursprünglichen Ansehens 
zu vergegenwärtigen. — 

Nach dieser Einleitung beginnen wir mit einer Uebersicht über die Anlage 
der Stadt. 

Der erste Blick auf den nebenstehenden Plan der Stadt genügt , um uns 
zu zeigen, dass die Anlage im Allgemeinen ein unregelmässiges und etwas 
verschobenes Oval darstellt, in welchem das Thor von Herculaneum (1) und 
das Amphitheater (2) die entferntesten Punkte (3,950') bilden. Sehen wir von 
dieser Diagonallinie ab , so finden wir , dass die Längenachse a — b von der 
Seite des Amphitheaters bis zu derjenigen gegen das Meer hin in der Richtung 
von NO. nach SW. liegt. Die Länge dieser Linie beträgt 3,300'. Die kurze 
Achse c — rf, rechtwinkelig durch die Längenachse gezogen, bezeichnet die 
grösste Breitenausdehnung der Stadt von NW. nach SO. als 2,300' betragend, 
während wir den ganzen bekannten Mauerumfang nach Ergänzung des fehlen- 
den Stückes nach der Seeseite hin auf 9,700', also in runder Summe auf gegen 
XOjOOO' anschlagen können. Hiemach erscheint uns Pompeji als eine Stadt 



Uebersicht Ober den Plan und die Monumente Pompejis. 



35 



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^öü sehr massigem Umfange , deren fieichthum an öffentlichen Gebäuden uns 
wn 80 mehr in Erstaunen au setzen geeignet ist- 

Das System der Stadtanlage folgt im Wesentlichen den beiden von uns 
Wzekhncten Achsen de» Ovals, freilich mit einigen Abweichungen in der 

3» 



36 I. Fanftee Capitel. 

einen wie in der anderen Richtung, so dass die Strassen entweder von NW. 
nach SO. oder von NO. nach SW. laufen. Ebenso sind die öffentlichen Plätze 
orientirt, deren Längendimension meistens in der Richtung der kurzen Achse liegt. 
Wegen der topographischen Beschreibung der Stadt müssen wir den Leser 
auf den grossen Plan der bisher ausgegrabenen Theile Pompejis verweisen, 
welcher dem Schlüsse dieses Werkes beigegeben werden wird ; hier wollen Mrir 
nur versuchen , im Voraus auf die bedeutendsten und interessantesten Punkte 
hinzuweisen, welche wir in den folgenden Theilen in systematischer Ordnung be- 
suchen werden, und welche aufzufinden der kleine Gesammtplan Fig. 5 genügen 
wird, auf welchem die Massen der Privathäuser durchschraffirt und nur die öffent- 
lichen Gebäude einzeln ausgezeichnet sind. Der heutige Reisende, welcher auf 
der Eisenbahn von Neapel nach Nocera nach Pompeji gelangt, betritt die Stadt 
gewöhnlich an der südlichen Ecke des Forum neben der Basilica ; wir wählen 
zu dem raschen Gange durch die Strassen , welche wir mit nach verschiedenen 
Anlässen erfundenen Namen bezeichnet finden , einen andern Ausgangspunkt, 
nämlich die antike Hauptstrasse von Neapel über Herculaneum , die heute so 
genannte Gräberstrasse , welche mit Unrecht in manchen neuen Büchern als 
die Vorstadt' Augustus Felix bezeichnet wird, während sie doch nur die an 
dieser hin oder durch diese hindurch führende Heerstrasse ist. Mehre Strassen, 
deren Anftnge aufgedeckt sind , zweigen sich nördlich von der Hauptstrassc 
in die Vorstadt ab, über deren etwaige Erhaltung unter bedeckendem Erdreich 
wir noch nicht mit Sicherheit urteüen können. Die Gräberstrasse führt in 
einer nicht ganz unbeträchtlichen, wenn auch sanften Steigung, bedingt durch 
die Hügellage Pompejis, zu dem bedeutendsten Thore, dem von Herculaneum- 
Der erste Gegenstand von Interesse, der uns auf unserer Wanderung begegnet, 
ist die rechts an der Gräberstrasse, etwa 300 Schritte vom Thore belegene s. g. 
ViUa des M. Arrius Diomedes, welche bekanntlich König Ludwig von Bayern 
bis ins kleinste Detail bei Aschaffenburg hat nachbilden lassen , und welche, 
wie sich das bei der Betrachtung derPrivathäuscr zeigen wird, weder die Norm 
eines grossen Wohnhauses, noch selbst die einer ländlichen oder pseudourbanen 
VUla , wohl aber ein interessantes Beispiel der Anwendung noimaler Anlage 
auf local gegebene Verhältnisse bietet. Gegenüber beginnen die Grabmonu- 
mente, welche sich zu beiden Seiten der Strasse fortsetzen und die von nns 
einer eigenen Specialbetrachtung vorbehalten bleiben. Sind wir etwa halbwegs 
zur Stadt gelangt , so finden wir links ein ausgedehntes Gebäude , das erste 
vollständig ausgegrabene der Vorstadt. Es ist dies eine mit einer Reihe von 
Kramläden verbundene Schenke , welche den gewöhnlichen Bedürfnissen der 
Reisenden entsprach, und die wir vielleicht am Treffendsten mit dem modernen 
Ausdruck als eine Fuhrmannseinkehr bezeichnen könnten. Zunächst an der 
Strasse liegt ein 1813 ausgegrabener Bogengang, der den Gästen und Käufern 
Schutz gegen Sonne und Regen bot, hinter diesem die Kramläden, deren ge- 
ringe Bauart und rohe Malereien den wenig vornehmen Zweck der Anlage 



r 



Uebenicht über den Plan und die Monumente Pompejis. 37 



darthim. Innerhalb des Gebäudes^ welches Ställe nebst einer steinernen Tränke 
emschliesst, fand man ausser dem Gerippe eines Maulesels und den Fragmenten 
eines Karrens eine Fülle von Hausrath aller Art : bronzene Eimer , Mörser aus 
KalktuflF, Flaschen, Gläser, Schüsseln von Thon, Spindeln, Würfel, Wagen, 
Töpfe und Kasscrolen. Zwei kleine Heerde an der Strasse, auf denen, wie noch 
heute in Neapel, ftlr das gemeine Volk gekocht wurde, vollenden da« Bild 
dieser antiken Kneipe, welche im oberen Geschoss Schlafzimmer enthielt. 
Neben diesem ersten sind die Anfänge eines zweiten Gebäudes der Vorstadt 
ausgegraben, welches ebenfalls Läden , aber viel sorgfältiger bemalte , an der 
Strassenfront zeigt. Auch gegenüber rechts an der Strasse sind die Eeste eines 
Bogenganges und hinter demselben Läden. Vor dem Bogengang stehn steinerne 
Bänke, und viereckige Löcher im Trottoir weisen darauf hin , dass man diese 
Sitze durch ein Holzdach oder einen Laubgang zu beschatten suchte. Diese 
Läden liegen an der Strassenfront der 1763 ausgegrabenen und wieder ver- 
schütteten s. g. Villa Cicero*s, deren Einfahrtsthor etwas weiter nach der Stadt 
hin liegt. Gegenüber hat man 1837 und 1838 ebenfalls eine Villa auszugraben 
begonnen, die von 4 Mosaiksäulen oder richtigen Pfeilern den Namen der 
Vilk alle quattro colonne a musaico erhalten hat. Indem wir sodann rechts und 
links noch an einer Beihe von Grabmonumenten vorbeigeschritten sind , stehn 
wir am herculaner Thore. Die erste Strasse der Stadt , welche wir durch dies 
Thor betreten , trägt die augenscheinlichsten Spuren lebhaften Verkehrs und 
dra Handels , der sich hier bewegte. Sie ist nicht allein ausgezeichnet durch 
eine beträchtliche Zahl von Wirthshäusern und Schenken (Thermopolien), 
deren Gäste aus Inschriften an den Wänden als Sackträger, Kärrner und Maul- 
thiertreiber erscheinen , sondern an ihr liegt auch das Gebäude , welches man 
für die Poststation (rnansio) hält, und dasjenige , in welchem man das Zollhaus 
iponderarium) mit Sicherheit erkannt hat. An ihrer rechten Seite beginnen 
die grössten , am Hügelabhange und auf der hier eingerissenen Stadtmauer er- 
hauten, zum Theü dreistöckigen Häuser, welche grosse Lagerräume enthalten 
und nicht mit Unrecht für Kaufmannshäuser gelten. In den kleinen Strassen, 
welche links im spitzen Winkel von der Hauptstrasse abzweigen und bis an 
die Stadtmauer führen , sowie in dem ganzen Stadtviertel nördlich von dieser 
Haupistrasse, w^elche, die ganze Stadt durchschneidend, das Thor von Hercu- 
laneum und das von Nola verbindet, stehn nur Wohnhäuser, die wir hier nicht 
aufzählen können ; an den Ecken finden wir öflFentliche Brunnen, welche man 
an Strassenscheiden und Dreiwegen {in trimis) anzulegen liebte. Die vierte 
fieser nördlich abzweigenden Strassen giebt sich als die vornehmste Pompejis 
zu erkennen, einmal durch ihre Breite , sodann durch den Umstand , dass die 
in ihr stehenden Häuser im Erdgeschoss nicht von Läden umgeben sind, end- 
lich dadurch , dass an ihrem Anfang ein eigener Thorbogen , eine Art von 
Triumphbogen steht. Diese Strasse, welche den Namen Sirada di Mercurio 
trägt, ist es denn auch, welche, freilich nicht durchaus gradlinig, auf das 



38 I. Fünftes Capitel : Uebenicht über den Plan und die Monumente Pompejis. 

Fpruin leitet , dessen Ruinen wir durch einen zweiten Triumphbogen südlich 
vor uns liegen sehen. Indem wir auf diesen zuschreiten , lassen wir rechts die 
ganz ausgegrabenen Bäder Pompejis, nicht die einzigen, welche die Stadt be- 
sass, links das Tempelchen der Fortuna liegen. Das Forum, welches die bedeu- 
tendsten öffentlichen Gebäude umgeben, wird uns noch zu einem wieder- 
holten Besuche nöthigen , und so durchschreiten wir die zeitrümmerte Säulen- 
halle dieses in der That prächtigen Platzes ohne Aufenthalt in südlicher 
Richtung, um an der südöstlichen Ecke eine mit dem Namen der Strasse der 
Goldschmiede bezeichnete Strasse und durch sie das am wenigsten regelmässig 
gebaute und wahrscheinlich älteste Quartier Pompejis zu betreten, welches 
sich so um das Forum trianguläre gruppirt wie die neueren Stadttheile um 
das neue Forum oder Forum civile. In die vielen Wohnhäuser dieses Quartiere 
einzutreten, haben wir jetzt keine Zeit, wir begeben uns durch mehre Gassen 
und Gässchen auf den dreieckigen Platz am Südrande des Stadthügels , wo die 
Ruinen des griechischen Tempels stehn, und nachdem wir, auf der halbkreis- 
förmigen Bank an seiner westlichen Ecke ausruhend , die köstliche Aussicht 
genossen haben, betreten wir durch den Haupteingang der antiken Zuschauer 
von diesem Forum aus den mittleren Rang des grösseren Theaters. Vor uns 
liegen die Ruinen des Bühnengebäudes und hinter denselben sehen wir den 
viereckigen säulenumgebenen Hof der Gladiatorencaseme , welche irrthümlich 
für den Wochenmarkt (Forum nundinarium) gehalten wird. Neben dem grossen 
haben wir die Ruinen des kleineren Theaters oder Odeums und hinter den 
Theatern die Tempel, deren kleinerer an der Ecke dieses Viertels belegene 
nicht bestimmt zu benennen, deren grösserer der Isis geweiht ist. In dem Quar- 
tier östlich vom Forum und nördlich vom Theaterviertel stehn an verschiedenen 
Strassen wieder nur Privathäuser. Getrennt von allen bisher genannten Ge- 
bäuden hegt im südöstlichen Winkel der Stadt an die Mauer gelehnt das Amphi- 
theater , zu dem uns der Weg über unausgegrabene Stadttheile durch Kornfel- 
der, Maulbeer- und Weinpflanzungen führt. Nördlich vom Amphitheater finden 
wir einen freien Platz , den man für das Fo7^m boarium^ den Viehmarkt, hält, 
und neben diesem endlich die wieder verschütteten Ruinen eines grossen , der 
Julia Felix gehörenden Hauses, welche wir mit denen der beiden Villen vor dem 
herculaner Thor zu vergleichen haben werden. — 

Nach dieser kurzen orientirenden Wanderung beginnen wir unsere Ein- 
zelbetrachtung der Monumente Pompejis in systematischer Ordnung, durch 
welche freilich der Reiz der Mannigfaltigkeit verloren, jedoch Uebersicht und 
Verständniss gewonnen wird. 



r 

IL Erstes Capitel : Die Befestigungswerke, Mauern, Thürme und Thore. 39 

II. 

Erster oder antiquarischer Haupttheil. 

Erstes Caj^tel. 

Die Befefltigimgswerke, Manern, Thürme und Thore. 

Der erste Gegenstand von Bedeutung und Interesse , den wir in's Auge 
zu fassen haben, sind die Befestigungswerke , die Mauern nebst den Thürmen 
und den Thoren der Stadt. Die jetzt vollständig aufgegrabene Mauer Pompejis 
umgiebt die Stadt nicht vollständig , sie reicht nur vom hercidaner Thor nörd- 
: lieh und westlich, dann südlich fortlaufend bis an die Theater, auf dem Stücke 
I vom Forum trianguläre bis beinahe zum herculaner Thore ist die Mauer ein- 
gerissen und ihre Stelle nehmen die am Abhänge des Stadthügels erbauten 
grossen, terrassenförmig dreistöckigen Häuser ein. Pompeji war also in der 
letzten Zeit seiner Existenz eine offene Stadt, was zur Erklärung eines 
lange bemerkten, aber iur räthselhaft geltenden Umstandes, dessen wir bei der 
Beschreibung des herculaner Thores gedenken werden, wichtig ist. Die Mauern 
sind auf ihrer ganzen Erstreckung , bedeutende Reparaturen abgerechnet, von 
einer Bauart, aus grossen, wohlbehauenen Steinen (in den untersten Lagen 
Travertin , nach oben Piperin) , deren Verticalfugen nicht perpendiculär , son- 
dern schräge abi'allen, ohne Mörtel aufgeführt ,- was allerdings für ein beträcht- 
liches Alter derselben spricht , ohne dass jedoch ein Grund vorhanden wäre, 
an die Urzeit zu denken und kyklopische Mauern Griechenlands und Etruriens 
zu vergleichen, wie aus der folgenden genaueren Beschreibung hervorgeht. 
Die beträchtlichen Reparaturen der wahrscheinlich durch Sulla im Bundes- 
genossenkriege beschädigten und ihrer äusseren Steinlagc entkleideten Mauern 
bestehen wie die unten zu beschreibenden Thürme aus opus incertumy klei- 
neren Bruchsteinen , meistens TuiF und Lava , welche mit Mörtel verbunden 
und nach aussen mit Stucco überkleidet sind , in welchem man die ursprüng- 
lichen Hausteine nachzubilden suchte. Wenn hienach das Alter der Reparatu- 
ren und der Thürme wenigstens einigennassen bestimmt ist, so kann man 
Gleiches von den älteren Theilen der Mauer nicht sagen ; dass sie in der Zeit 
oskischer Autonomie errichtet sind , unterliegt wohl keinem Zweifel , obgleich 
diejenigen buchstabenähnlichen Zeichen, welche im Innern auf die Steine 
eingehauen, und die wahrscheinlich Steinmetzzeichen sind, keineswegs, wie 
auch vielfach gesagt worden ist, dem oskischen Alphabet entsprechen. 



40 



II. Erstes Capitel. 



Die Construction der Mauern Pompejis entspricht in allen wesentlichen 
Theilen den Vorschriften, welche Vitruv (1.5.) für den Befestigiingsbau giebt. 
Zunächst warnt er, nirgend die Mauerlinie im spitzen Winkel zu brechen, 
weil diese spitzen Winkel durch Sturmböcke und andere Belagerungsmaschinen 
am leichtesten zu zerstören seien. Demgemäss finden wir wirklich im Umkreis 
der Mauern Pompejis alle spitzen Winkel vermieden , falls wir nicht die linke 
Seite am Eingange des Thores von Nola ausnehmen wollen, wo übrigens durch 
vorgelegte mächtige Strebepfeiler für Verstärkung des schwachen Punktes 
gesorgt ist. Aehnliches finden wir an der rechten Seite des Thores von Capua, 
aber auch hier ist durch vorgelegte Strebepfeiler für Verstärkung gesorgt. 

Femer verordnet Vitruv für den Aufbau der stärksten Mauern : zuerst 
ziehe man ausserhalb der zu errichtenden Werke einen möglichst tiefen und 
breiten Graben xmd häufe die aus demselben gewonnene Erde als Wall {agger) 
zwischen zwei aussen und innen aufzuführenden Mauern auf. Ist dieser Wall 
fest genug gestampft, um auch , falls in die äussere Mauer Bresche gelegt ist, 
für sich zu stehen, so hat man die stärksten Mauern, gegen die weder mit 
Sturmböcken, noch mit anderen Maschinen, noch endlich durch Minen erfolg- 
reich operirt werden kann. Pompejis Werke sind fast ganz in dieser Weise er- 
baut ; freilich fehlt der äussere Wallgraben , und es kann zweifelhaft sein , ob 
derselbe nur in späterer Zeit ausgefüllt und planirt worden , oder wirklich nie 
vorhanden gewesen ist , in welchem letzteren Falle die den Angriff erschwe- 
rende und die Vertheidigung wesentlich erleichternde Hügellage der Stadt als 
hinreichender Ersatz für den Graben betrachtet worden sein mag. — Be- 
trachten wir den Grundriss der Mauer , so finden wir zwischen der äusseren 




Figur 7. Grundriss der Mauern. 



Mauer (Escarpe) a und der inneren (Contrescarpe) c, welche beide durch nach 
innen gelegte Strebepfeiler d verstärkt sind , den aufgeschütteten Wall (agger) 
b. Beide Mauern sind in ihren Fundamenten etwa 9' dick und verjüngen sich 
nach oben so , dass sie auf der Höhe des Bodens etwa 7', auf der Höhe des 
Walles 5' stark sind. 

Die äussere Mauer steht nach aussen hin nicht ganz senkrecht , sondero 



Die Befestigungswerke, Mauern, Thürme und Thore. 



41 




Figur 8. Durchschnitt der Mauern. 



ist nach oben uin ein Gerin- 
ges (t|') eingezogen. Diese 
äussere Mauer und der Erd- 
wdl in der Mitte ist, einige Ab- 
weichungen durch TJnebenhei- 
ten des Terrains abgerechnet, 
im Mittel etwa 8 M. — 8 M. 50 
hoch, letzterer zwischen der 
Bi-ustwehr der vorderen und 
der höheren hinteren Mauer 
gemessen 6M. dick, so dass die 
Mauer in ihrer Gesammtheit am 
Boden 8 M. 70, unter der Brust- 
wehr 8 M. dick ist. Der Wall 
ist auf seiner oberen Fläche ein 
wenig nach vorn geneigt, um 
dem Eegen wasser einen Abfluss 
durch unter dem Zinnenkranz 
von 8 zu S' angebrachte Aus- 
gussrohre von Stein (siehe die 



Ansicht Fig. 10) zu gewähren. Ueber dies Plateau des Walles steigen die Brust- 
wehren der vorderen Mauer um 5' empor, indem sie zwischen sich 3' breite und 
2 tiefe Oeffhungen zum Abschleudern der Wurfgeschosse lassen. Diese Brust- 
wehren, welche auf den Strebepfeilern der Mauer sich von 3 zu 3 M. erheben, sind 
zum Schutze des hinter ihnen aufgestellten Vertheidigers sinnreich construirt. 

Dieselben springen nämHch, wie unsere Ab- 
bildung einer Innenansicht und der kleine 
Grundriss zeigt, auf der Höhe der Brustwehr 
im rechten Winkel nach innen um 3' vor, und 
bilden auf diese Weise von zwei Seiten einen 
festen steinernen Schild des hinter ihnen ste- 
henden Postens, der zum Wurfe seines Speeres 
sich nur a\if einen Augenblick nach rechts vor 
die Oefihung (Schiessscharte) zu bewegen hatte, 
und gleich darauf wieder seinen Platz hinter der 
schützenden Wehr einnehmen konnte, die ihm 
grade einen freien Blick auf die Angreifer ge- 
stattete. Ueber das Plateau des Walles erhebt sich 
nun die innere Mauer noch um 5 M. 30, so dass 
diese die Gesammthöhe von 41 — 42' erreichte, 
Rgur9. Bruatwehren der Mauer, genügend, um jeden Wurf aus Balisten oder 
anderen Maschinen abzuwehren. Breite, aber ziemlich steile Treppen (A. Fig. 7) 







42 



IL Erstes Capitel. 




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führten aus der Stadt auf die Wälle, und konnten mindestens von in neun Mann 
breiter Front anrückenden Truppen erstiegen werden. 

Alles bisher Gesagte wird durch die neben- 
stehende Abbildung klar werden, a. äussere 
Mauer , c. innere Mauer, e. Brustwehr mit den 
Oefl&iungen zum Wurfe, f. Ausgussröhren für 
das vom Walle abfliessende Regenwasser, ff. Zin- 
nen der oberen Mauer. 

Was nun die Thünne betriffl, so schreibt 
Vitruv vor, dieselben nicht mehr als einen Pfeil- 
schuss von einander zu entfernen , damit sie bei 
einer Erstürmung der Mauer sich gegenseitig ver- 
theidigen können. Dies an sich sehr einleuch- 
tende Princip ist in Pompeji nicht streng einge- 
halten worden , wenigstens sind die Thürme in 
sehr ungleichen Entfernungen von einander an- 
gebracht. An der nördlichen Mauer stehn die 
Figur 10. Ansicht der Mauer. ersten drei Thürme allerdings nur etwa 85 M. von 
einander entfernt, beim Amphitheater etwa 100 — 135M., Entfernungen, welche 
durch einen Pfeilschuss gewiss erreichbar waren. Der Thunn aber zwischen 
demnolaner und capuaner Thor ist von beiden 275 M. entfernt, ebenso der nächste 
zwischen dem nolanischen Thor und dem des Samus. Diese Entfernungen sind 
für wirksame Pfeilschüsse offenbar zu gross und erklären sich nur aus der Natur 
des Terrains, welches an dieser Seite am steilsten abfällt , also dem Angriff die 
grössten Schwierigkeiten entgegenstellte, während dasselbe dort, wo die Thürme 
dichter stehn, in sanfterer Böschung abfällt, also schwieriger zu verthei- 

digen war. Auch in einem 
anderen Punkte weichen die 
Thürme Pompejis von Vi- 
truv's Rath und Vorschrift 
ab, nach welcher dieselben 
entweder rund oder poly- 
gonal aus Hausteinen zu 
bauen sind , weil durch den 
von aussen auf die keilförmig 
gehauenen Steine wirkenden 
Sturmbock diese schwer oder 
gar nicht aus ihrer Fügung 
zu treiben sind. Die Thürme 
Pompejis sind viereckig und 
zeigen durch ihre Construc- 
Figur n. Ansicht eines Thurms. tion aus mörtclgebundenen 





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3 



Die Befestigungswerke, Mauern, Thürme und Thore. 



43 



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und mit Stucco überkleideten kleinen Tuffsteinen ^ dass sie aus derselben Zeit 
mit den Ausbesserungen der Mauer stammen. (Fig. 11.) 

Die innere Einrichtung dieser 8 M. ins Geviert haltenden und etwa 14 M. 
hohen Thürme ist die folgende. 

2. 3. 

OHnn 
mMBMm 
c 

Figur 1 2. Grundriss der Thürme in drei Geschossen. 

Sie bestehen aus drei bedeckten Stockwerken^ 1^ 2^ 3 Fig. 12; das unterste 1. 
hat an der einen Seite in der Flucht der Mauer ein Ausfallsthor a , welches 
durch ein Fallgatter geschlossen wurde. DerFussboden desThurmes ist gcineigt 

und zwar nach hinten erhoben, wie der Durch- 
schnitt zeigt. Ueber diesen geneigten Boden und 
durch den Grang b (Figg. 1 2 u. 13) gelangte man 
in den zweiten, 8' höheren Stock des Thurmes 
(2. Fig. 1 2), welcher mit Schiessscharten (c Fig. 
12 u. 13) versehen ist, und ebenfalls, einen ge- 
neigten Boden hat, über den und durch den ge- 
wölbten Gang und die Treppe J' (Fig. 1 2 u. 1 3) 
man in das dritt« (3. Fig. 12) Geschoss empor- 
stieg, das im Niveau des Walles liegt und dessen 
grader Fussboden auf der gewölbten Decke des 
unteren Stockwerks (siehe Fig. 1 1 ) ruht. Hier 
hat der Thurm nach drei Seiten Schiessscharten 
c (Fig. 1 2 u. 1 3) und nach den beiden Seiten des 
anstossenden Walles hin Thüren d (Fig. 1 2 u. 
13), durch welche eine freie Communication 
mit allen Theilen der Wälle aufrecht erhalten 
wurde. Endlich erhebt sich über diesem ebenfalls überwölbten (casemattirten) 
Stockwerk noch ein oberstes offenes, mit einem Zinnenkranz umgebenes, zu 
dem man auf der Treppe i" (Fig. 1 2 u. 1 3) emporstieg. — 

Durch den Umfang der Mauern führen acht bekannte Thore , deren Zahl 
vielleicht um eines nach der Seite der See hin vermehrt werden muss , wenn- 
gleich dasselbe mit der Mauer an dieser Seite der Stadt verschwunden sein 
mag, denn es ist schwer glaublich, dass man den Verkehr nach und von aussen 
auf der ganzen Strecke von den Theatern bis an das herculaner Thor auf einen 
Eingang, das s. g. Seethor beschränkt haben sollte. Die übrigen sieben Thore 
hat man (im NW. beginnend) mit folgenden Namen belegt (s. d. kleinen Plan): 
1 herculanisches , 2 vesuvisches , 3 capuanisches , 4 nolanisches Thor , 5 Sar- 




Flg. 13. DuTchsehnitt eines Thunns. 



44 



II. Erstes Capitel. 



nusthor, 6 stabianisches und 7 Theaterthor. Sie sind bis auf das nolanische 
von römischer Construction, wie die Thürme, und vermuthlich aus derselben 
Zeit, aus Tuflfbruchstücken mit Mörtel aufgeführt und mit einem Bewürfe be- 
kleidet, der sich durch seine Feinheit und Glätte auszeichnet. Von diesen 
Thoren bieten nur das herculanische und das nolanische bemerkenswerthe Beson- 
derheiten dar, indem die anderen einfache Schwibbogen darstellen. Das hercula- 
nische Thor ist das relativ grösste und schönste, obwohl an sich weder sehr gross, 
noch sehr schön. Es ist 1 4 M breit, mit einer 4 M. 70 breiten Einfahrt und zwei 
nur 1 M. 30 breiten und 4 M. 70 hohen Nebeneingängen für Fussgänger versehen. 

Seine gesammte Tiefe beträgt 1 6 M. 80 , je- 
doch ist der mittlere grosse Thorweg , dessen 
Wölbung eingestürzt ist, nicht als bedeckter 
Gang durchgeführt wie die Nebeneingänge, 
sondern er bildet vielmehr eine Art von Dop- 
pelthor, welches einen inneren von beiden Sei- 
ten der Wälle zu bestreichenden Hof ein- 
schliesst, in welchem die Feinde, falls sie das 
äussere Thor forcirt hatten, vor dem inneren 
den allseitigen Angriffen der Vertheidiger 
ausgesetzt waren. Auf diesen inneren Hof 
haben auch die Nebenwege für Fussgänger 
seitliche Ausgänge. Das doppelte Thor wurde 
durch Fallgatter geschlossen, deren vorderstes 
2 M. 35 von der vorderen Front entfernt war, 
während die Nebeneingänge durch gewöhn- 
liche ITiüren , deren Zapfen noch vorhanden 
Figur 15, Plan des herculaner Thors, sind, geschlossen wurden. Erhalten ist auch 
der Falz , in welchem das Fallgatter herabgelassen wurde ; dieser Falz aber ist 
sorgfältig mit weissem Stucco ausgestrichen, ein Umstand, der seit Winckel- 
mann Vielen als ein Räthsel erschienen ist. Denn dieser Stucco musste doch 
bei der ersten Bewegung des Fallgatters abgestossen werden. Ich glaube , dass 
dieses Räthsel sich sehr einfach löst, wenn man nicht vergisst, dass Pompeji, 
wie oben bemerkt, in seinen letzten Jahren eine offene Stadt war, deren Thore 
wie die gebrauchter Festungswerke zu verschliessen sehr thörigt gewesen sein 
würde. Offenbar war in den Zeiten, von denen wir reden, gar kein FaUgatter- 
verschluss mehr im Herculanerthor , und so konnte man die Falze , wie das 
ganze übrige Thor ruhig übertünchen und üben^^eissen. — Den heutigen Ziistand 
dieses offenbaren Hauptthores von Pompeji, durch welches die beiderseits mit 
Gräbern geschmückte Heerstrasse in die Stadt einmündete, stellt unsere Abbil- 
dung Figur 1 4 (vor Seite 4 3) in der Aussenansicht dar. Die kleine Nische rechts 
ist es , in der man das Skelett eines Soldaten fand , sie heisst danach gewöhn- 
lich ein Schilderhaus, obgleich sie, wie wir unten sehn werden, ein unzweifel- 




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Die Befestigungswerke, Mauern, Thürme und Thore. 



45 



haftes Grabmahl ist. Links steht ein grosses Postament, das wahrscheinlich eine 
Reiterstatue oder auch eine Statuengruppe trug. Unsere hier beiliegende Ab- 
bildung Figur 1 6 giebt die innere Ansicht, auf welcher die Seiteneingänge von 
den Nebenthoren in den inneren Hof deutlich sichtbar sind. Das Gebäude gleich 
ünks ist das sogenannte Wirthshaus des Albinus , gegenüber befindet sich ein 
Thermopolium, eine Schenke. 

In unserer dritten Ansicht endlich Figur 6 , welche diesem Capitel vor- 
geheftet ist, geben wir die einfachste und deshalb wahrscheinlichste Restauration 
der äusseren Ansicht. Die breiten Pfeiler zwischen dem Haupteingange nach 
aussen und den Nebeneingängen dienten als Album, d. h. als der für Placate 
und Anzeigen dienende Ort. Sie waren mit weissem Stucco überkleidet , auf 
den man die Anzeigen mit schwarzer oder rother Farbe malte ; war das Album 
voll, so wurde es nur überweisst und auf's Neue beschrieben. Halbverstandene 
Nachrichten der Alten über diese Einrichtung sind durch die Auffindung 
dieses pompejanischen Albiun , übrigens nicht des einzigen in der Stadt, plötz- 
lich ins klarste Licht gesetzt. 

Neben diesem Thore ist bemerkenswerth nur noch das nolanische. 




Figur 17. Grundriss des nolaner Thors. 

Zunächst bemerken wir, dass dies Thor die Mauer nicht rechtwinkelig, sondern 
spitzwinkelig durchschneidet, um der Linie der auf dasselbe ausmündenden 
Hauptstrasse zu entsprechen. Sodann sehen wir , dass dasselbe nicht wie das 
herculanische bis an die äussere Flucht der Mauerlinie vortritt, sondern im 
Hintergrunde eines zwischen vorspringenden Mauerwinkeln liegenden Granges 
angebracht ist, der nur wenig mehr Breite bietet, als der Thorweg selbst, wie 
dies auch unsere Aussenansicht Figur 20 am Schlüsse dieses Capitels darsteUt. 
Durch diese Construction wurde den Vertheidigem ein bedeutender Vortheil 



46 



IL Erstes Capitel. 



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gegen die Angreifer geboten^ welche nur in verhältnissmässig schmaler Colonne 
gegen das Thor anrücken konnten und von beiden Seiten den Speeren und 
Pfeilen der Mauerbesatzung preisgegeben waren. Wir finden Aehnliches in 
griechischen Befestigungswerken^ und zwar bereits den ältesten^ wieder. Auch 
dies Thor ward durch ein Fallgatter geschlossen , dessen Falze in unserer Ab- 
bildung sichtbar sind. 

Auf der nebenstehenden 
Innenansicht bemerken 
wir zunächst verschiedene 
Constructionen, theils aus 
( älteren ) Hausteinen , 
theils aus (jüngeren) Zie- 
geln. Sodann gewahren 
wir, dass der Schlussstein 
der Wölbung mit einem 
ziemlich verwitterten 
Kopf in Hochrelief ge- 
schmückt ist, was vielfach 
bezeugter etruskischer 
Sitte entspricht. Ich glau- 
be, dass kein wesentliches 
Bedenken der Annahme 
entgegensteht, dieser ver- 
zierte Schlussstein gehöre 
ursprünglich diesem älte- 
sten Thor Pompejis an. 



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Figur 18. Innenansicht des nolaner Thors. 



Neben demselben befindet sich die folgende osldsche Inschrift, von der es 
allerdings wahrscheinhch ist, dass sie erst bei der Re- 
stauration des Thores an diesen ihr eigentlich nicht 
gebührenden Platz gekommen ist. Diese Inschrift , auf 
l ->! JÖQR^^MW^ ' der man namentlich zwei Worte völlig missverstand, 
X ^»^H'Töfti^ir/tirt hat ZU einer zweiten, ziemlich seltsamen Bezeichnung 
dieses Thores geführt. Man übersetzte nämlich in der 
Inschrift , deren richtiger Wortlaut ist : d Vibius Popi- 
dius , Sohn des Vibiiis , Meddix tuticus hat (dieses Ge- 
bäude) errichten lassen und derselbe hat es gebilligt«, die beiden letzten Worte 
tsidu pruphatted (lateinisch idem probavit) mit » der Isis Prophet « und nannte 
das Thor das der Isis, deren Bild man in dem Kopfe des Schlusssteins erkannte. 
Glücklicher Weise hat .die neue Sprachforschung diese Annahme als einen 
ziemlich lächerlichen Irrthum nachgewiesen, und hat damit auch die Geschichte 
von einem so bedeutungsvollen Falsum befreit, wie der volleingebürgerte Dienst 
der ägyptischen Isis im oskischen Pompeji sein würde. 



Figur 19. 
Ockiache Inschrift. 






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} nuMM f. ■.Tit. 



Zweites Capitel : Die Strassen und Plätze Pompejis. 47 

Zweites Capitel. 

Die Strassen und Plätze Pompejis. 

Wenn wir nach der Betrachtung der Befestigungswerke die Stadt Pom- 
peji betreten , so wird der Habitus der Strassen im Allgemeinen unsere Auf- 
merksamkeit fesseln und auch die Einrichtung derselben als Wege bald unser 
Interesse erregen. Eine Schilderung des Aussehns der Strassen und der Art 
ihrer Herstellung und Pflasterung, an welche sich eine Darstellung der öffent- 
lichen Plätze naturgemäss anlehnt, möge deshalb weiteren Betrachtungen voran- 
gestellt werden. 

Die Strassen Pompejis bieten keineswegs einen besonders mannigfaltigen 
oder schönen Anblick dar , indem die Paraden der Häuser , weit entfernt von 
dem Beichthum und der Abwechselung des mittelalterlichen oder modernen 
Facadenbaus, fast nur glatte Wände mit der wenig verzierten Eingangsthür 
und kleinen Fenstern im oberen und ausnahmsweise im unteren Geschoss 
bilden. Es hangt dies mit der bezeichnendsten EigenthOmlichkeit des antiken 
Hauses zusammen, welches wir als einen Innenbau kennen lernen werden, 
der mit dem Verkehr der Strasse wesentlich nur durch die Eingangsthür zu- 
simmenhing, während unsere Wohnhäuser mit ihren nach Möglichkeit zahl- 
reichen Fensterreihen den steten Bezug zur Strasse darstellen. Am meisten 
Mannigfaltigkeit gewähren den pompejanischen Häuserfronten die zahlreichen 
Läden, welche die Häuser gewöhnlich im Erdgeschoss umgeben und, indem 
sie zu Kauf und Verkauf allezeit weit geöflöiet sind, die Einförmigkeit der 
kahlen Facaden unterbrechen und Abwechselung von Licht und Schatten in 
denselben hervorrufen. Zu einer Belebung der Strassen und Gassen tragen fer- 
ner die zahlreichen Brunnen und sonstige kleinere Monumente, von denen 
unten ins Besondere zu handeln sein wird , bei , während das Ganze durch die 
helle Tünche und vielerlei Malerei auf den Aussenwänden wenn auch nicht 
einen schönen und grossen, so doch einen überaus heiteren Eindruck macht. 

Die meistens nach der Schnur gezogenen und einander rechtwinkelig 
dorchschneidenden Strassen und Grassen sind von verschiedener, aber niemals 
von bedeutender Breite , indem man enge Strassen des reichlicheren Schattens- 
vegen for gesünder hielt (Tacit. Ann. 15. 43). Die grösste Breite einer Strasse 
beträgt mit Einschluss der Trottoirs nicht mehr als 7 Meter, viele haben nur 
4 und mehre nur 2f — 3 Meter Gesammtbreite, von der noch ein nicht Unbe- 
trächtliches für die Trottoirs (margines) abgeht, so dass die Fahrstrasse {agger) 
sehr eng erscheint. Ueberall aber sind die Fahrstrassen sanft gewölbt und mit 
grossen Lavablöcken aufs Sorgfiütigste gepflastert. Die Platten, in welche die 
darüber gegangenen Wagen Killen bis zu 1 und 1^" Tiefe eingeschliffen haben, 
sind mit grosser Genauigkeit in einander gefugt und durch zwischengetriebene 
£uenkeile, kleine Steine, Granit und Marmorstücken , deren m^n sich nebst 



48 



II. Zweites Capitel. 




Eisen. 



Granit. 



Mumor. 



r^. Kiet. 



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Figur 22. Pflaster mit Trittsteinen. 



Kiesfdllung zugleich zur Re- 
paratur schadhafter Stellen be- 
diente, noch fester mit einan- 
der verbunden. 

Für die Bequemlichkeit der 
Fussgänger, welche von einem 
Trottoir auf das andere über- 
kreuzen wollten, ist durch 
Figur 21. Pflaster mit Reparaturen. massig grosse flache Steine ge- 

sorgt, welche sich über das Niveau des Pflasters erheben und so ein Ueber- 
treten ohne Beschmutzung der Füsse ermöglichten. Es giebt kaum eine Strasse 
ohne diese Bequemlichkeit, welche zur Zeit der heftigen Winterregen mehr 
als nur dies sein mogte; in engeren Grassen genügte ein Stein, der in der 
Mitte sich erhebt und rechts und links für die Räder der Wagen, deren 
ohnehin nur einer zugleich durch die enge Gasse fahren konnte, Raum 

lässt; in breiteren Strassen wurden mehre 
Steine, drei oder auch fttnf angebracht, 
welche jedoch immer so liegen , dass ihre 
Zwischenräume den richtigen Platz für die 
Wagenräder bieten. An ein rasches Fahren 
war begreiflich dennoch nicht zu denken, 
ohnehin fuhr man im Alterthmn nicht 
so viel wie bei uns; schwere Lastwagen 
durften in Rom die Strassen nicht passiren und der persönliche Verkehr zu 
Wagen war auf eine geringe Anzahl bevorzugter Personen der höheren Stände 
gesetzlich beschränkt. In Pompeji scheint man vollends wenig gefahren zu 
sein , denn es sind nur sehr wenige Reste von Wagen gefunden und fast gar 
keine Räume entdeckt worden, die als Ställe und Remisen gedient haben. 

Zu beiden Seiten wird der Fahrweg durch ein 2 — 5' breites Trottoir 
{margo, margines) eingefasst. Dieses besteht nach der Gosse zu aus 12 — 18" 
breiten Hausteinen , über welche sich in geringer Entfernung gestellte Prell- 
steine erheben. Letztere sind oftmals, namentlich vor Läden, durchbohrt, wahr- 
scheinlich um Pferde oder anderes Vieh festzubinden. Innerhalb der Hausteine 
besteht das 8 — 12" über das Niveau der Fahrstrasse erhobene Trottoir aus fest- 
gestampfter Erde , welche verschieden , bald mit Sand , bald mit Ziegeln , mit 
Steinplatten, mit Asphalt, mit der opus signinum genannten rohen Art von 
Ziegelmosaik, gelegentlich auch mit Marmorplatten bedeckt ist, jenachdem 
ein Hauseigenthümer , dem die Sorge für das Trottoir in der Breite seines 
Grundstückes oblag , ein geringeres oder besseres Material zu wählen für gut 
fand. An den Trottoirs entlang führen die Gossen , in welche das Regenwasser 
der Fahrstrasse zusammenfloss , das dann durch Abzugsöffnungen , die an ver- 
schiedenen Orten im Trottoir angebracht sind , in grössere Canäle und durch 



r 



Die Strassen und Plätze Pompejis. 



49 




Figur 23. Ansicht eines Emissärs. 



diese unterirdisch aus der Stadt 
entfernt wurde. Die nebenstehende 
Abbildung vergegenwärtigt uns 
einen dieser Emissäre. In ähnlicher 
Weise sind auch die öffentlichen 
Plätze der Stadt gepflastert; nur 
das Forum war mit Marmorplatten 
belegt, die jetzt zerstört und aus- 
gebrochen sind, und hatte eine 
rings umlaufende bedeckte Gosse. — 
Der ausgegrabene Tlieil Pom- 
pejis hat drei grössere öffentliche 
Plätze, das Forum civile, das s. g. 
Forum trianguläre , innerhalb des- 
sen die Ruinen des griechischen 
Tempels stehn, und das Forum boarium, den Ochsenmarkt, nahe beim Amphi- 
theater. 

Das ungleich grösste Interesse ninunt das Forum civile als das eigentliche 
politische Centrum der Stadt in Anspruch, und zwar sowohl durch die Bedeut- 
samkeit der um dasselbe vereinigten öffentlichen Gebäude , wie auch durch die 
architektonisch schöne Gesammtansicht, welche dieser nur von öffentlichen 
Gebäuden nach einheitlichem Plan umgebene Platz vor seiner Zerstörung dar- 
geboten haben muss. So wenig wie einer mittelalterlichen fehlt einer antiken 
Stadt ihr Marktplatz, denn das ist die ursprüngliche Bedeutung des Forum ; es 
ist der Platz für Handel und Wandel und für den ganzen bürgerlichen Ver- 
kehr sowie für die Gerichte , wie ja auch in unseren Städten die Gebäude der 
städtischen Verwaltung und Gerichte am Marktplatze zu liegen pflegen. In 
Italien gesellte sich zu dieser Bestimmung des Forum noch diejenige für die 
Gladiatorenkämpfe, nachdem diese zu allgemeinen Volksfesten geworden 
waren, und deshalb sind die Fora meistens mit einer durch Gitterwerk abtrenn- 
baren Colonnade umgeben, welche häufig eine obere Gallerie für die den 
Kämpfen zuschauenden Frauen trug. Später wurden Handel und bürgerlicher 
Verkehr getrennt und für ersteren eigene Marktplätze , die Fora venalia ge- 
schaffen, so dass das ursprüngliche Hauptforum wesentlich den politischen 
Angelegenheiten vorbehalten blieb und demgemäss den Namen des Forum 
cicile erhielt. Denn auch die Gladiatorenkämpfe wichen von demselben in die 
eigens für dieselben erbauten Amphitheater. Die Fora venalia, die Marktplätze 
für Kauf und Verkauf, wurden nun je nach der Grösse der Städte und den 
Bedür&iissen des Verkehrs den Hauptgegenständen des Handels nach verviel- 
Mtigt, so dass sie als Viehmärkte , Gemüse- , Fisch- , Krammärkte u. s. w. un- 
terschieden wurden. Die politischen oder communalen Angelegenheiten aber 
erschufen wieder um das Forum civile eine Reihe .von Gebäuden , welche den 



50 



II. Zweites Capitel. 



verschiedenen Interessen der Verwaltung und der Rechtspflege gewidmet 
waren. 

So auch in Pompeji ; wo wir ausser einer Reihe von Tempeln fast alle die 
öffentlichen Gebäude wiederfinden , denen Vitruv am Forum ihren Platz an- 
weist. Wir fassen zunächst das Forum in seiner Gesaimutheit in's Auge und 
werden auf die einzelnen jetzt zu nennenden Gebäude gehörigen Ortes zurück- 
kommen. 

Vitruv schreibt für das römische Forum eine länglich viereckige Gestalt 
vor, welche unser pompcjanisches Forum uns zeigt. Dasselbe ist innerhalb der 
Colonnade von der Frontlinie des Basaments des Jupitcrtempcls an gerechnet 
lll™ lang, 29"* breit, dagegen mit Einrechnung der Colonnade vor den 
Curien bis an das Eingangsthor 160" lang und hat mit dem Säulenumgang 
42"* mittlere Breite. Dieser Säulenumgang, von dem einige Schriftsteller, Gell 
folgend, irrthümlich annehmen, er habe die Stelle einer älteren Pfeilerstellung 
eingenommen, deren angebliche, aber anders zu erklärende Reste vor dem Ge- 
bäude der Eumachia erhalten sind, ist dorischer Ordnung und die 2' 2" dicken, 
11 ' 8" hohen und 7' 5" von einander entfernten Säulen sind theils aus Caserta- 

stein, theils aus Tuff, theils aus stuccobc- 
kleideten Ziegeln erbaut und stehn auf 
zwei Stufen über das Niveau des mittleren 
Platzes erhoben , deren untere die Gosse, 
durch welche das llegenwasser abfloss, 
verbirgt. Die Colonnade bildete in ihrer 
ganzen Ausdehnung einen ununterbroche- 
nen Gang , der neben dem Einfahrtsthor, 
sowie am entgegengesetzten Endpunkte neben dem Jupitertempel seine eigenen 

^ Auswege für Fussgänger hatte. Nicht auf gleiche 

Weise ununterbrochen war ein oberes Stockwerk, 
welches freilich ganz verschwunden, aber jnit Sicher- 
heit anzunehmen ist, und zwar, theils weil Vitruv ein 
solches oberes Geschoss für die Colonnade des Fonim 
vorschreibt, theils und besonders weil an mehren Stel- 
len Treppen erhalten sind, welche, wenngleich eng und 
steil, wie die nebenstehende Abbildung zeigt, doch nur 
die Aufgänge zu der oberen Colonnade bilden können, 
indem sie aussen an öffentliche Gebäude, in dem in 
unserer Abbildung dargestellten Falle an eine der 
drei Curien, angelehnt sind. Zweifelhaft kann es 
scheinen, ob wir uns den Säulenumgang in seinen 
zwei Geschossen so zu denken haben , wie ihn nach 
Mazois' Reconstruction mit jonischen Säulen über den 
Fig. 25. Treppe am Forum, erhaltenen dorischen die folgende Abbildimg zeigt, 




Figur 24. Gosse am Forum. 




Die Strassen und Plätze Pompejis. 



51 



unwa}irscheiiilic}i aber ist diese elegante Reconstruction wegen der häufig vor- 
kojmnenden Verbindung der genannten beiden Ordnungen in zweistöckigen 
Säulenstellungen nicht, wohl aber sehr geeignet, uns einen Begriff von der 




Figur 26. Colbnnade des Forum. 

heiteren und anmuthigen Pracht dieser das Forum umgebenden Colonnade zu 
Terschaffen. Ununterbrochen lief der obere Umgang an der westlichen Lang- 
seite und an der Schmalseite im Süden hin, an der östlichen Langseite wird er 
durch die vorspringenden Portiken der hinter ihm liegenden Gebäude unter- 
brochen, schwerlich jedoch so völlig, dass nicht für eine schmalere Verbindung 
auf dieser Seite Sorge getragen worden wäre. 

Um eine Uebersicht über die das Forum umgebenden öffentlichen Gebäude 
zu gewinnen^ wenden wir unsere Blicke zunächst auf die nördliche Schmalseite. 

Der Anblick, der sich uns darbietet, ist der der folgenden Abbildung 
(Kgur 27). Ganz links unter dem Säulenumgange sehn wir in der Mauer, 
welche zwischen dem Jupitertempel und dem Gebäude , welches gewöhnlich 
die Poecile heisst, und welches ich für die Lesche halte, den Platz ab- 
schliesst, eine kleine viereckige Thür , durch welche über fünf Stufen von der 
höher gelegenen Strasse ein der Colonnade entsprechender Nebeneingang des 
Forum ist, unmittelbar daneben finden wir einen auf den mittleren Theil des 
Forum selbst fahrenden grösseren und gewölbten Eingang durch dieselbe 
Mauer, durch welchen man ebenfalls auf fünf Stufen von der Strasse herab- 
steigt. Vor diesem Eingange erhebt sich auf gleicher Linie mit der Säulen- 
fticht des Jupitertempels noch ein gewölbtes Thor, welches, durch eine niedrige 
Mauer mit dem Basament des Jupitertempels verbunden, die Symmetrie der 
architektonischen Anlage dieser Seite des Forum auf seltsame Weise unter- 
bricht, ohne dass der besondere Zweck dieses inneren Thorwegs recht klar 
wäre. Dass durch die erwähnten beiden Thore nicht der Haupteingang auf das 



52 



IL Zweites Capitel. 



Forum sei , zeigt ihre verhfilt- 
nissmässig geringere Höhe und 
Breite und beweisen die Stu- 
fen, welche das Passiren zu 
Wagen unmöglich machen. In 
der Mitte dieser Schmalseite, 
den ganzen Platz beherrschend 
und seine Hauptansicht bie- 
tend, erhebt sich das prächtige 
Basament des Jupitertempels 
mit seiner schönen breiten Frei- 
treppe, der mächtigen Balu- 
strade und den zur Aufnahme 
von Statuengruppen bestimm- 
ten Treppenwangen, den un- 
teren Enden der schlanken 
korinthischen Säulen, seiner 
Vorhalle und den unteren Thei- 
len der Cellamauem. Rechts 
von ihm steht das Triumph- 
thor, welches freilich jetzt nur 
noch in seinem Ziegelkem vor 
uns steht (s. Figur 28), nichts- 
destoweniger aber durch seine 
Breite und Höhe, sowie durch 
den Umstand, dass der Ein- 
gang hier im Niveau der Strasse 
liegt, durch seitwärts ange- 
brachte Nischen, Eeste von 
Marmorbekleidung und von 
Halbsäulen, welche nach in- 
nen vorsprangen, sich deut- 
Uch genug als den Hauptein- 
gang zu erkennen giebt und 
die nöthigen Elemente zur Re- 
construction bietet , welche in 
der unten folgenden Ansicht 
gewiss mit Glück versucht ist. 
Endlich sehn wir rechts in- 
nerhalb der Colonnade noch 
einen durch seine Höhe und 
Wölbung vor dem gegenüberliegenden ausgezeichneten Eingang für Fussgänger. 



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Die Strassen und Plätze Pompejis. 



53 




Figur 2S. Aeussere Ansicht des Triumphbogens. 

Von dem ursprünglichen Totaleindi-uck , welchen diese Seite des Forum 
gemacht haben muss, können wir uns aus der folgenden rcconstruirten Ge- 
sammtansicht (s. Figur 29) eine Vorstellung bilden. 

Weniger ansehnlich erscheint in ihren Ruinen die anstossende Ostseite, 
obgleich sie wichtige Gebäude enthält und in ihrer ursprünglichen Gestalt 
einen sehr bedeutenden Anblick gewährt haben muss. Die Gebäude dieser 
Seite, welche wir nachher einzeln besuchen werden , sind : das s. g. Pantheon 
mit den vorliegenden Wechslerbuden , tahernae argentariae , denen wir diesen 
Namen nicht allein deshalb geben , weil ihnen Vitruv einen Platz am Forum 
anweist, sondern mehr noch deshalb , weil eigentliche Verkaufsläden , denen 
sie ihrer Einrichtung nach ähneln , hier sehr unwahrscheinlich sind. Sodann 
das Sitzungsgebäude der Decürionen, welches man Senaculum genannt hat, 
ein Tempelchen, welches die Namen des Mercur und des Quiiinus mit gleich 
grossem Unrechte trägt, und das Chalcidicum der Eumachia. Auf dieses folgt 
eine Strasse , welche durch ein Gitter gesperrt wurde , während die zwischen 
dem 8. g. Pantheon und dem Senaculum, sowie die zwischen dem s. g. Quirinus- 
tempel und dem Chalcidicum auf das Forum hinführenden Strassen durch diese 
Gebäude durchaus verbaut und in Sackgassen verwandelt sind , ein Beweis, 



54 



II. Zweites Capitel. 




dass das Forum eine 
Anlage jüngeren Da- 
tums ist, als die ande- 
ren Theile der Stadt, 
und in seiner jetzi- 
gen, wie bereits be- 
merkt, ganz Vitruv's 
Vorschriften entspre- 
chenden Gestalt, 
wahrscheinlich erst 
aus der Zeit der rö- 
mischen Colonisa- 
tion , wenn nicht aus 
derjenigen nach dem 
Erdbeben vom Jahre 
63 stammt. 
Jenseits der gesperr- 
ten Strasse macht ein 
Gebäude den Schluss 
dieser Seite, welches 
man einestheils nach 
der Anleitung zweier 
Inschriften , welche 
sich auf dem Album 
des gegenüberliegen- 
den Chalcidicmns be- 
finden , andererseits 
nach der Analogie 
orientalischer Schu- 
len für eine öffent- 
liche Schule gehalten 
hat. Dasselbe bildet 
einen ziemlich ge- 
räumigen \dereckigen 
Saal mit mehren Ni- 
schen , denen man 
verschiedene Schtd- 
zwecke ohne sonder- 
liche Gewähr zuge- 
wiesen hat. — Jen- 
seits dieser Schule 



mündet eine zweite vergitterte Strasse von Süden her auf den Säulenumgang, 



r 



Die Strassen und Pl&tze Pompejis. 



55 



in deren Mitte sich ein öffentlicher Brunnen befindet. Von dieser Strasse aus 
bestieg man auf einer oben (Figur 25) abgebildeten Treppe die obere Grallerie 
der Fonimcolonnade. 

Auch die südliche Schmalseite des Fonim bietet einen lange nicht so be- 
deutenden Anblick wie die nördliche. Vor dem Säulenumgange finden wir 
lunächst in der Mitte einen isolirt stehenden ziemlich engen und niedrigen 
Schwibbogen, der vennuthlich einmal eine Quadriga oder ein sonstiges 
grösseres Denkmal trug. Zu seinen Seiten erheben sich gewaltige Fussgestelle 
für Keiterstatuen , jetzt rohe Ziegelmassen, einst mit Marmorplatten zierlich 
bekleidet Solche Fussgestelle für ßeiterstatuen sind auch die beiden bedeu- 
tenden Ziegelbauten auf der Mitte des Forums , dem genannten Schwibbogen 
und der Facade des Jupitertempels gegenüber , während die kleineren Basen, 
deren eine auf der östlichen Seite steht, und deren sich vier auf der südlichen 
und elf auf der westlichen Seite befinden , für gewöhnliche Ehrenstatuen ver- 
dienter Bürger bestimmt waren , von denen freilich nur noch die Inschriften 
zum Theil erhalten sind. Die Statuen selbst scheinen bei den antiken Nach- 
grabungen herausgehoben und entfernt worden zu sein. 

Hinter der auf der südlichen Seite doppelten Säulenreihe des Umgangs 
sehn vrir drei neben einander liegende Gebäude, welche, fast gleich, je einen 
grossen Saal mit einer geräumigen Nische im Hintergrunde bilden und mit 
Wahrscheinlichkeit füi* drei Gerichtshöfe oder Curien erklärt werden. An der 
südwestHchen Ecke des Forum mündet eine dritte mit einem Gitter verschlicss- 
bare Strasse , an welcher einerseits die Basilica , andererseits die vom General 
Championet ausgegrabenen und nach ihm benannten Häuser liegen. Das erste 
Hauptgebäude der westlichen Langseite ist die Basilica, das Hauptgerichts- 
gebäude Pompejis. Neben demselben mündet,jedoch ebenfalls und zwar zwischen 

Säulen vergittert, eine breite 
Hauptstrasse auf das Forum, 
auf welcher heutigen Tags der 
Eeisende von der hier zunächst 
liegenden Eisenbahnstation 
aus die Stadt Pompeji betritt. 
Von dieser Strasse aus ist der 
Haupteingang in den mit einem 
grossen Säulen umgang präch- 
tig geschmückten Tempel, den 
man oluic genügenden Grund 
der Venus beilegt, und welcher 
mit seiner Langseite den gröss- 
ten Theil des Forums begränzt, 
von diesem aus jedoch nur 
Figur 30. Oeffentliche Normalmasse. durch eine Thür zu betreten 




56 II. Zweites Capitel. 

war. Dicht neben dieser Thür findet sich in einer eigenen Nische eines der 
interessantesten Monumente Pompejis, der Aichungsblock nämlich oder das 
öflTentlichc Normabnass (s. Figur 30). Dasselbe bildet einen schweren steinernen 
Tisch auf zwei durchgehenden und hinten verbundenen Füssen , dessen 2" 30 
zu O^TS grosse Tuffplatte nach vom die Inschrift : 
A. CLODIVS. A. F. FLACCUS. N. ARCAEVS.N.F. ARELLIAN.CALEDVS 

D. V. I. D. MENSVRAS. EXAEQVANDAS. EX. DEC. DECK 
trägt, welche aussagt, dass die Genannten, Clodius Flaccus und Arellianus Cale- 
dus , richterliche Zweimänner , nach Decurionendecret die Aufsicht über die 
^Aichung der Masse führten, ein Amt, welches in Rom in den Amtskreis der 
Aedilen fiel. 

In diese Platte sind in der Mitte in einer Reihe von links nach rechts an 
Grösse zunehmend fünf Normalmasse eingehauen, runde, etwas gebauchte 
Höhlungen, welche im Grunde ein durch einen Schieber verschliessbares Loch 
haben, wie dies der folgende Durchschnitt nebst Ansicht des Schiebers deutlich 
machen wird. 





Figur 3 1 . Durchschnitt der Normalmasse. 

Diese Löcher scheinen für Messung trockener Gegenstände bestimmt gewesen 
zu sein, nur das zweite von rechts her, welches ein kleineres, mit einem 
Pfropfen schliessbares Loch am Grunde hat, mag zur Vermessung von Flüssig- 
keiten gedient haben, füi* die ausserdem noch seitwärts ein paar kleinere Löcher 
eingehauen sind, aus denen die Flüssigkeiten durch einen Hahn nach vom her 
abgezogen wurden. Ueber diesem unteren Haupttisch erhebt sich ein ähnlicher 
zweiter, der jedoch nur zwei cingehauene Höhlungen zeigt. Sichere Spuren 
auf der Fläche der unteren Platte lassen annehmen, dass die grossen Oeffnungen 
mit in Scharnieren drehbaren Metalldeckeln verschlossen wurden. Den ein- 
zelnen Massen, deren Normalgrössc durch die geschilderte Vorrichtung unwan- 
delbar fixirt ist, waren auf der Fläche der Platte die Namen beigeschrieben, 
welche jedoch heute nicht mehr lesbar, vielmehr, wie man annimmt, bereits 
im Alterthum absichtlich zerstört sind. Das Originalmonument ist in das könig- 
liche Museum von Neapel geschafft und an Ort und Stelle durch eine rohe 
und unvollständige Nachbildung ersetzt worden. — 

Nach ein paar kleinen überwölbten Zimmern, deren Bestimmung nicht 
festzustellen ist, folgt dann ein grosses , freilich nur etwa 1 0" tiefes , aber fast 



Die Strassen und Plätze Pompejis. 



57 



volle 34'" breites , mit eigener Pfeilerstellung auf die Arkaden geöffiietes Ge- 
bäude , welches einen langen / vorn offenen Saal bildet. Nachdem dasselbe in 
literer Zeit den seiner Beschaffenheit nach ganz unpassenden Namen eines 
öffentlichen Getraidemagazins getragen hatte , hat man es neuerdings mit dem 
einer Gemäldegallerie {stoapoecÜe) belegt, fttr den ich nicht anstehe den einer 
Leschß zu substituiren , d. h. eines öffentlichen Versammlungsortes zu jeglicher 
Art von Unterhaltung und Gespräch. Die Lage konnte nicht besser gewählt 
«in, geöfl&iet nach Osten, also nur der Morgensonne ausgesetzt, bot der luftige 
Baum fast den ganzen Tag kühlen Schatten und zugleich die Aussicht auf das 
bewegte Leben des Forum , von dem er jedoch vermöge seiner Lage in einem 
Winkel wieder so weit abgetrennt war, wie dies für ruhige Unterhaltung wün- 
schenswerth scheinen mogte. Dass die Wand dieser Lesche bemalt gewesen 
sein mag , will ich gewiss nicht in Abrede stellen , namentlich nicht in Pom- 
peji, wo fast Alles bemalt war; bot sich ja doch der Baum wie von selbst dar. 
Dass aber die Aufnahme von Malereien »aus der Geschichte der Vorzeit« den 
Hauptzweck dieses Gebäudes gebildet habe, kann ich nicht wahrscheinlich 
finden. — \ 

Hinter diesem Gebäude endlich, jedoch mit eigenem zweitem Ausgange 
auf die Strasse hinter dem Forum , liegt die Baulichkeit , in der man die Ge- 
fängnisse erkennt, welchen Vitruv gemäss eine Stelle am Forum gebührt. Die 
Auffindung einiger gewölbter Zimmer ohne Fenster und einiger Skelette in 
denselben hat diese Annahme wesentlich bestärkt, ohne sie freilich beweisen 
ru können; im Uebrigen ist dies Gebäude ohne alles Interesse und sehr 
schlecht erhalten. 

Der zweite Hauptplatz der Stadt ist das nach seiner dreieckigen Gestalt 
so genannte Forum trianguläre neben dem grossen Theater, welches er mit 
seiner westlichen Langseite begrenzt. Derselbe liegt am südwestlichen Earide 
des Stadthügels auf dem höchsten Punkte , sein Boden ist reine Lava von 




Figur 32. Plan des Forum trianguläre. 



58 



II. Zweites Capitel. 



geringer Härte , welche mit der grössten Sorgfalt geebnet ist , den Abhang be- 
kleidet eine starke und aus Quadern schön gebaute Mauer von 11" Höhe. An 
den anderen Seiten ist der Platz durch Mauern abgeschlossen , so dass er nur 
durch die in diesen Mauern gelassenen Thüren betreten werden kann. 

Fragen wir zunächst nach der Bedeutung und Bestimmung dieses Platzes, 
so werden wir antworten müssen , dass die Ansicht , welche in ihm das älteste 
Forum des freien Pompeji, oder wenn wir etwas uneigentlich reden dürfen, 
die Akropolis oder Burg der ältesten Stadt erkennt, viel Wahrscheinliches hat. 
Thatsache ist es wenigstens, dass der Platz nicht allein selbst das bei weitem 
älteste Monument Pompejis, den griechischen Tempel, umfasst, sondern dass 
sich an ihn dasjenige Quartier der Stadt anlehnt, welches mit seiner weniger 
regelmässigen Anlage den Eindruck des ältesten Kerns macht. Auch stimmt 
die schöne und freie Lage mit der köstlichen Aussicht auf das Meer und die 
verhältnissmässig bedeutende Höhe des Stadthügels an dieser Stelle sehr wohl 
zu dieser Annahme, obgleich auch die andere Berücksichtigung verdient, nach 
der der Platz wesentlich die geheiligte Stätte des ältesten Tempels, ähnlich der 
ebenfalls rein sacralen Akropolis von Athen, ist. Auf diese Heiligkeit des 
Platzes kann sich wenigstens eben so gut wie auf den unten zu erwähnenden 
Grund, die Verschliessbarkeit der Thüre, gründen. 

Der Haupteingang dieses Platzes ist an dem abgestumpften spitzen Win- 
kel seiner beiden langen Schenkel. Vor diesem Haupteingang, der aus zwei 
verschliessbaren Thüren besteht, liegt eine Säulenhalle von acht jonischen 
Säulen, welche zu den besten Monumenten Pompejis gehört und von der wir 
in der folgenden Abbildung eine aus sicheren Elementen gemachte Restau- 
ration bringen. 



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Figur 33. Propyläen des Forum tnangulare. 

Die Eingangsthüren in der Hinterwand dieser Säulenhalle liegen seltsamer 
Weise sowohl zu ihrer Säulenstellung wie auch zu den Hauptdimensionen des 
Platzes unsymmetrisch. Es ist schon erwähnt, dass dieselben durch Gitter- 
thüren, von denen Eeste gefunden worden sind, verschlossen werden konnten, 
und es ist möglich, obgleich nicht bewiesen , dass sich auf unseren Platz und 



Die Straasen und Pl&tze Pompejis. 59 

seine Thflren, nicht auf das neuere Forum jener Streit zwischen den Bürgern 
Pompejis und den sullanischen Colonisten bezieht^ von dem un§ Cicero in 
seiner Bede pro SuUa § 21 erzählt. Die Bürger wollten nämlich den Colonisten 
die Mitbenutzung der Ambulatio, der Promenade, die wir in der Colonnade 
unseres Forum zu erkennen haben würden , nicht einräumen , j^is nach jahre- 
langem Streit die Sache dem römischen Senat zur Entscheidung übergeben 
wnide. 

Tritt man durch die Thüren ein, so befindet man sich unter einem Säulen- 
gange, welcher sich an den beiden langen Schenkeln des Platzes hinzieht und 
aas 100 fast insgesammt erhaltenen dorischen Säulen mit leichtem Gebälk be- 
steht An der Seite des Theaters hat der Säulengang 117" 80 Länge , an dem 
anderen Schenkel 65", so dass er, die kleine Seite des Eingangs von 16" 60 
eingerechnet, bei 5 Meter Breite fast genau 200 Meter Gesammtlänge hatte. 
An der dritten Seite des Dreiecks nach dem Abhang zu ist diese Säulenhalle 
nicht durchgeführt , vielmehr ist hier die Aussicht ganz frei gelassen. Auf den 
I längeren Schenkel der Säulenhalle öffiien sich mehre Eingänge. Der erste (a) 
fährt in die sogenannte Curia isiaca , von deren zweifelhafter Bedeutung wir 
unten reden werden, der zweite (b) in die zweite Cavea des Theaters, der 
dritte (c) auf die Treppe zur summa cavea desselben , der vierte (d) über eine 
breite wohlerhaltene Treppe hinter dem Bühnengebäude des Theaters auf das 
s. g. Forum nundinarium , von dem wir später zu reden haben werden. Eine 
ähnliche, aber nur in geringen Spuren erhaltene noch breitere Treppe (ö) führt 
am Ende des Säulenumganges den Abhang des Stadthügels hinunter. 

Die auf der Mitte des Forum trianguläre gelegenen Denkmäler sind leicht 
zur üebersicht zu bringen und werden wenige Worte zu ihrer Erklärung ge- 
nügen. Den Hauptplatz nimmt der griechische Tempel (1) ein, den wir mit den 
andern Tempeln besprechen werden, vor demselben steht eine niedrige Umfas- 
sungsmauer (2) ivon zweifelhafter Bestimmung, in der die Einen einen Ver- 
schluss für Opferthiere vor dem Opfer, Andere den Aufbewahrungsort ftir die 
Asche der Opfer erkennen wollen. 

Ich kann mich weder zu der einen noch zu der anderen Ansicht bekennen, 
sondern glaube, dass wir die nach Art der Ustrinen (Verbrennungsstätten) bei 
Giäbem erbaute Umfassungsmauer des Brandaltars zu erkennen haben. Gegen 
die früheren Ansichten spricht schon die Lage des fraglichen Monuments 
grade vor der Mitte der Tempelfront, wo einzig und allein der Platz für den 
Altar ist, während man den Verschluss für die Opferthiere und den Aschen- 
behälter schwerlich hier und sicher zweckmässiger abseit angebracht haben 
^rflrde. Und da der Platz, auf dem sich der Tempel findet, ein im Uebrigen 
ganz offener ist, so lässt sich eine Umhegung der Brandstätte als wohl motivirt 
denken. Zur Seite stehn drei Altäre (3). Hinter dieser Umfassungsmauer des 
Hanptaltars sind die Buinen (4) entweder eines Brunnens puteal oder eines biden- 
tal) d. h. eines Gebäudes, welches über einer durch das Einschlagen des Blitzes 



60 



II. ^eites Capitel. 




geweihten Stelle er- 
richtet zu werden 
pflegte. Unsere Ah- 
bildung zeigt die Rui- 
nen in ihrem gegen- 
wärtigen Zustande, 
in der Mitte die Brun- 
nenmündung (puteal) 
in Form eines runden, 
auf einer Stufe erhöh- 
ten Altars , umher 
acht dorische Säulen 
auf rundem Unterbau 
(bidental). Ob diese 
Figur 34. Puteal oder Bidental. ^j^^ Kuppel oder nur 

einen Epistylbalken trugen, ist ungewiss , und ob man das Eine oder das An- 
dere annehmen will , hangt davon ab , ob man das puteal für einen wirklichen 
Bnmnen hält oder nicht. Da dasselbe ein glatt ausgebohrtes, 1^ Meter weites 
Brunnenrohr umschliesst, ist die Bestimmiuig als Brunnen sehr wahrschein- 
lich, wenngleich sein Wasser heutzutage versiegt ist. — 

An den zuletzt genannten Monumenten vorbei zieht sich parallel mit der 
Säulenhalle des längeren Schenkels über den ganzen Platz eine niedrige Mauer (5), 
welche von zwei Durchgängen durchbrochen ist. Diesejbe ist mit schwarzem 
Stucco überzogen, in welchen in ziemlich weiten Zwischenräiunen weisse Mar- 
morstücke incrustirt sind. Wahrscheinlich ist diese niedrige Mauer ursprüng- 
lich eine Schranke gewesen, welche den geweihten Boden des Platzes um den 
Tempel \md seine Altäre von dem Profanterrain längs der Säulenhalle ab- 
grenzte , ohne zugleich ihn abzuschliessen und die Aussicht zu rauben. Dass 
diese Mauer zugleich als eine Bank zimi Sitzen gedient haben mag , soll nicht 
bestritten werden, nur ist sie schwerlich zu diesem Zwecke auf den freien 
Platz hingebaut, wo keinerlei Schutz gegen die Sonnengluth ist oder war und 
wo zu der Zeit , als der Tempel noch aufrecht stand , nicht viel von der Aus-^ 
sieht auf die Gebirge und das Meer zu gemessen gewesen sein kann. Die da- 
mit zusammenhangende Ansicht, welche in dem abgegrenzten Stücke zugleich 
eine Art von Stadi\un , eine Bahn für gymnastische Uebimgen erkennt , denen 
man auf der Bank sitzend zugeschaut hätte, lässt sich auch nicht erweisen. 

Durchaus der Aussicht zu Liebe ist dagegen ein halbrunder Sitz (schola[6j) 
an der nordwestlichen Ecke des Tempels erbaut und zwar sammt der Sonnen- 
uhr (horolofftum), welche auf seiner Lehne steht, nach der Inschrift auf eben 
dieser Lehne (Mommsen, Inscr. 2227) von den richterlichen Zweimännem 
Sepunius Sandalianus und Herennius Epidanus auf eigene Kosten. Wir werden 
ähnlichen Sitzen in der Gräberstrasse begegnen, an diesem, welcher der 



Die Strauen und PiäUe Pompejis. 61 

benubemdsten Aussicht auf Meer und Gebirge gegenüber sich öffnet, und von 
dem aus eine Schranke wie die oben beschriebene nach der vorderen Ecke der 
Tempelbasis läuft, ist die Sonnenuhr das Merkwtlrdigste, welche wir später 
genauer besprechen werden. 

An der Säulenhalle entlang finden wir mehre Cistemen zur Aufbewahrung 
des Segenwassers, während eine grössere Rinne in der Mauer des kürzeren 
Schenkels (7) das überflüssige Wasser aufzunehmen und abfliessen zu lassen 
bestimmt war. Die Saide x dem Eingange g^enüber ist von einer Brunnen- 
rtAre durchbohrt, wie eine ähnliche den Brunnen an der Vorhalle dieses 
Platzes (Figur 33) speisete. Von diesen Brunnen wird weiter unten insbeson- 
dere zu reden sein. Endlich sehn wir an dem Ende der langen Schranke dem 
Eingänge gegenüber in (8) die Basis einer Ehrenstatue, welche nach ihrer In- 
schrijft (Mommsen a. a. O. No. 2228) dem Patron der Colonie M. Claudius Mar- 
cellus gewidmet war. — 

Da ich das Bauwerk hinter dem Bühnengebäude, auf welches die Treppe 
(i) vom Forum trianguläre hinabführt , nach der neuesten Arbeit über das- 
selbe von P. Garucci im Januarheft des Bidlettino arch. Napolitano von 1853, 
gegen welche bisher keine stichhaltigen Argumente vorgetragen sind, nur für 
die Gladiatorenschule oder Gladiatorencaseme (Itisus gladiatartus) halten kann, 
nicht aber für das Forum nundinarium , noch auch für das Soldatenquartier, 
wie es gewöhnlich heisst, so kann ich dasselbe erst unter den öffentlichen Ge- 
tauden, nicht unter den öffentlichen Plätzen besprechen, so sehr auch beim 
ersten Blick auf den Plan für diesen weiten Hof mit der Säulenhalle umher 
der Name eines Platzes geeignet scheinen mag. Casemenhöfe aber wird Nie- 
mand zu den öffentlichen Plätzen der Stadt rechnen , seien sie so gross sie 
mögen. — 

Teber den nördlich vom Amphitheater belegenen. Forum boarium, 
Ochsen- oder Viehmarkt benannten Platz ist so wenig Specielles bekannt, dass 
wir denselben nach dieser Erwähnung mit Stillschweigen übergehen können. 

! Wir wenden deshalb imsere Aufmerksamkeit den einzelnen öffentlichen 
Gebäuden Pomjejis zu und beginnen mit den Tempeln, welche in mannig- 

I &chem Betracht ein überwiegendes Interesse in Anspruch nehmen. 



62 II. Drittes Capitel. 

Vrittes CapHel. 

Sie öffenfliehen Gebäude. 

Erster Abschnitt. 
Die Tempel and Capellen. 

Bevor wir uns zur Betrachtung der pompejanischen Tempel und Capellen 
wenden , müssen wir einige allgemeine Bemerkungen über Zweck und Bedeu- 
tung, Anlage, ßaumvertheilung und bauliche Construction in den verschie- 
denen Erscheinungsformen der Tempel, sowie über den an sie geknüpften 
Cultus voransenden, welche allein der Betrachtung der einzelnen Monumente 
Interesse und Leben verleihen werden. Und zwar müssen wir hier von der 
griechischen wie von der römischen Tempelanlage reden, nicht allein weil diese 
in manchem Bezug aus jener hervorgegangen ist, sondern auch weil wir neben 
der in allen Tempeln von Pompeji hervortretenden römischen Bauform in dem 
s. g. Tempel des Hercules, der neben den Theatern auf dem Forum trianguläre 
steht, ein Beispiel des griechischen Tempelbaus haben. 

Der Gedanke, welcher der christlichen Kirche von Anfang an zu Grunde 
liegt, ist, dass sie Bethaus , Versammlungsort der Gemeine sein soll. Es folgen 
aus diesem einfachen Grundsatz die wichtigsten Consequenzen ; denn es be- 
greift sich, dass beim Wachsen der Gemeine auch der innere Baum der Kirche, 
welche die Gemeine umfassen sollte , wachsen musstc , so dass das Christen- 
thum, als es zur anerkannten Geltung gelangte, zu seinen Cultzwecken die- 
jenigen heidnischen Gebäude weihte , welche für die Aufnahme vieler Men- 
schen bestimmt waren, nicht die Tempel, sondern die Markt- und Gerichts- 
hallen, die Basiliken. Denn dass sich die ältesten Christen nicht etwa davor 
scheuten, heidnische Tempel zu Häusern des Einen Gottes umzustempeln, 
zeigen die nicht seltenen Fälle , wo dies wirklich geschehen ist und bei einer 
kleinen Gemeine und verhältnissmässiger Grösse des Tempels geschehen 
konnte. — Aus dem Baumbedürfniss der wachsenden Gemeine gehn auch 
die Erweiterungen der Kirchen durch Hinausrücken der Wände und die Ver- 
mehrung der inneren Schiffe und Pfeilerstellungcn zum Tragen der Decke 
hervor, aus diesem Bedürfniss der grösstmöglichen Raumumspannung ergiebt 
sich die Einführung der Wölbung , kurz aus ihm erklärt sich fast die ganze 
Grundform der christlichen Kirche. Aus dem Gmndcharakter derselben als 
Bethaus aber ergiebt sich andererseits, dass die Kirche wesentlich Innenbau 
ist, d. h. dass sie "den architektonischen und den mit diesem verbundenen bild- 
nerischen und malerischen Schmuck wesentlich nach innen wendet , während 
die Ausschmückung des Aeusseren verhältnissmässig spät nachfolgt und selbst 
in der höchsten Leistung christlicher Kirchenbaukunst dem gothischen Dome 
gegen den Schmuck des Innern zurücksteht. 






CO 



- f 




Die öffentlichen Gebäude. 63 

In ähnlicher Weise beruht der antike Tempelbau auf einem Grundcha- 
rakter> aus dem aUe Entwickelung folgte welcher aber einen bestimmten Ge- 
genstand zum christlichen Princip bildet. Denn der antike Tempel, ausgenom- 
men den Weihetempel , in welchem die Mysterien gefeiert wurden , war nie 
Versammlungsort für die Gemeine, nie Bethaus für eine Menge Menschen, 
▼eiche gemeinsamer Gottesdienst vereinigte, sondern der antike Tempel war 
in seiner Grundbestimmung entweder Umzirkung eines durch ein Wunder 
oder Zeichen geheiligten Ortes und dessen Abtrennung von der profanen 
Aussenwelt, oder das Haus des in seinem Bilde persönlich anwesend geglaubten 
Gottes. Daher im Griechischen im ersteren Falle der allgemeine Name »Teme- 
nosi (das Abgegrenzte), im anderen »Naos« (das Haus), im Lateinischen im 
ersteren Falle templum (d. i. Temenos), im letzteren Falle aedis, Haus, gleich 
dem griechischen Naos. 

Aus diesem Grundprincip folgt nun erstens, dass der eigentliche Tempel 
der Naos oder die Cella selbst in den giössten Gebäuden nie von einer solchen 
Bedeutung im Massstabe oder von einer solchen Anordnung der Käumlich- 
keiten ist , dass sie viele Menschen fassen sollte oder konnte ; denn es giebt 
bei Griechen und Römern keinen Cultusact , welcher für die Theilnahinc und 
gleichzeitige Anwesenheit einer grossen Menschermienge im Tempel berechnet 
wäre; auch da wo an grossen Festtagen der Tempel offen stand und von vielen 
tausend Menschen besucht wurde, geschah doch der Besuch nur im Zu- und 
Abgang. Die grossen Festopfer und Festschmäuse , an denen das Volk gemein- 
sam Theil nimmt, werden nicht im Tempel , sondern vor demselben gehalten, 
wo die grossen Brandopferaltäre stehn , während in der Cella sich nur kleine 
Altäre fOr unblutige Opfer, Früchte, Kuchen und Eäucherwerk befinden. 

Aus demselben Grundprincip folgt zweitens , dass bei einer Erweiterung 
und Vergrösserung des Heiligthums es nicht sowohl auf ein weites Hinaus- 
rücken der Wände ankam, als vielmehr darauf, die zum äusseren Schmuck der 
Cella bestimmten Bautheile zu erweitern und zu vermannigfachen. 

Und drittens ergiebt sich aus demselben Grundprincip , was schon in dem 
eben Gesagten mitenthalten ist, dass wie die christliche Kirche wesentlich 
Innenbau, so der antike Tempel wesentlich Aussenbau ist. Nicht etwa als sei 
fa Innere der Cella ohne Schmuck gelassen , das ist nicht der Fall ; aber der 
nach aussen gewendete Schmuck der Architektonik und der mit ihr verbun- 
denen Schwesterkünste überwiegt den inneren Schmuck des Tempels in dem- 
selben Masse , wie umgekehrt bei der christlichen Kirche das Innere über das 
Aeussere an Schmuck und Pracht den Sieg davonträgt. 

Die folgende Darstellung der Entwickelung des antiken Tempels von 
seiner kleinsten Form bis zu seiner grössten wird das hier im Allgemeinen 
Vorgetragene klarer machen. 

Es ist hervorgehoben , dass die Entwickelung des antiken Tempels von 
der Cella ausging. Diese enthielt ursprünglich das Cultusbild, welches in der 



64 II. Drittes Capitel. 

Begel im Hintergründe stand , und vor demselben den Räucheraltar. Auf die- 
sem ersten Stadium der Entwickelung war die Cella ein länglich \'iereckiger 
Raum in folgender Gestalt : r^^B 



Figur 36. , ■ ■ 



a. Cella, b. Cultusbild, c. Räucheraltar. 

Durch die Aufnahme des geweihten Cultusbildes und des Altars wurde die 
Cella ein geheiligter Raum, der nur von demjenigen betreten werden durfte, 
der sich einer symbolischen Reinigung durch Besprengung mit dem vor dem 
Eingang aufgestellten Weihwasser, fliessendem Quell- oder Salzwasser (aqua 
Viva) unterzogen hatte. Um die Cella als geweihten Raum vom Profanen ab- 
zuschliessen, wurde sie in der Regel bedeckt und erhielt bei ganz kleiner An- 
lage das nOthige Licht nur durch die Thür. Wuchs das Heiligthum, so wurden 
Fenster, zunächst neben der Thür, sodann auch an den Langseiten zur Be- 
leuchtung hinzugefügt. Sowie in der Regel der Cultus die Abschliessung des 
Heiligen vom Profanen gebot , so war bei einzelnen Gottheiten (z. B. Jupiter 
fiilgurator, Terminus) ein Cultus unter freiem Hiimnel gefordert. Um nun 
aber das Tempelbild nicht allen Unbilden des Wetters auszusetzen , griff man 
hier zu dem Auskunftsmittel, einen Theil der Cella unbedeckt zu lassen, oder 
in die Decke und das Dach eine Oeffnung zu legen. Es entstanden so die viel- 
besprochenen und bestrittenen Hypaethraltempel , welche keineswegs erst als 
letzte Stufe der Tcmpelvergrösserung auftreten, wie es aus Vitruv scheinen 
muss, sondern die vollständig ursprünglich sind, wie u. A. das uralte pelasgisclie 
Tempelchen auf dem Berge Ocha in Euböa (siehe Welcker's kleine Schriften 
Band 3. S. 376 ff. und die Abbildung im 3. Bande der Monumenti ined. dell' 
Instit. di Corr. arch. tav. 37.) beweist. War die hypaethral geöfi&iete CeUa nur 
klein , so konnte die Decke so eingerichtet werden , wie das s. g. toscanische 
Atrium des römischen Wohnhauses, indem zwei über die ganze Breite der 
Cella gelegte Balken vor der Oeffnung und hinter derselben die Decke 
trugen : 

WWf 

Figur 37. , 1! ■! | 

a. h, c. wie in Figur 36. d, Deckenbalken, e. Hypaethralöffnung. 

War aber die Cella grösser angelegt , so mussten innere Stützen der Decke, zu- 
nächst vier an den vier Ecken der Hypaethralöffnung angebracht werden : 



F^=^ 



Figur 38. - M^ 

|;::;;^i::::::::i^v: 



-e wie in Figur 37. /. Stützen der Deckenbalken. 



Die öffentlichen Gebftude. 65 

ni denen leicht nocli ein Paar sich gesellte, xun die hinteren Balken der Decke 
la tragen, und welche sich je mit dem Wachsen der Cella und der hypaethralen 
Oeftiung bis zu einer grösseren Zahl vermehrten. 




a —f wie in Figur 38. 

Durch die Einrichtung der hypaethralen Ocffnung war nun zugleich für 
alle Zeit und für alle möglichen Erweiterungen des Tempels nach aussen Licht 
gewonnen und zwar das zur Beleuchtung der im Innern aufgestellten Kunst- 
verke günstigste Oberlicht. Nun erst konnte man daran denken, äussere Säu- 
lenhallen um die Cella zu führen, welche ohne die hypaethrale Oefihung das 
Licht zu sehr abgeschnitten haben würden. Doch begann man nicht mit diesen. 
Die erste Veranlassung, eine Tempelcella zu erweitern, war gegeben, wenn 
neben dem eigentlichen Cultusbilde, welchem der Tempel gehörte, mehre 
andere geweihte Bilder von solchen Gottheiten in der Cella aufgestellt wurden, 
▼eiche mit der Hauptgottheit in mythischem oder Cultuszusammenhang stan- 
den. Diese erhielten ihren Platz an den Langwänden. Da aber der Platz, wo 
ein Cultusbild stand, heilig und unbetretbar und deshalb von Gittern oder 
Schianken umgeben war, so musste für die Bewegung der Menschen Baum 
geschafil werden, was nur durch Erweiterung der Umfassungsmauern möglich 
war. Und da femer der Tempel ausser solchen Weihebildem noch eine grössere 
oder geringere Zahl von Tempelgeräth und von Weihgeschenken besass , so 
war auch für diese , welche man nicht füglich in der Cella aufstellen konnte, 
dn passender Baum zu schaffen, der zugleich als ein Heiliges vor dem 
Allerheiligsten der Cella erschien. Dies ist die Veranlassung zum ersten orga- 
nischen Anbau der Cella, dem Vorhause oder Pronaos, 



FT 

Figur 40. < 
■ I 



a. Cella (Naos). h. Vorhaus (Pronaos). 

▼dcher zunächst durch eine Verlängerung der Langmauem der Cella und 
teth eine Wiederholung des Eingangs gewonnen wurde. Um aber den An- 
blick des Cellaeingangs nicht zu maskiren und um dem Fronaos den Charakter 
einer heiteren und offenen Vorhalle zu geben, liess man die vordere schliessende 
Mauer weg und ersetzte sie durch zwei Säulen , welche man zwischen die als 
Stimpfeiler (Anten, antae) behandelten Enden der vorspringenden Lang- 
Döuer setzte: 

Ombccl, Ponpeji. ^ 



66 II. Dritte« Gapitel. 



Figur 41. '^i 



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Figur 42. ^^ 



a. 6. wie Figur 40. c. Säulen, d. Anten. 

Dies ist die einfachste Form des erweiterten Tempels, aedis in antis genannt. 
Die Zwischenräume zwischen den Anten und Säulen wurden durch Gitter- 
thüren verschlossen. Wuchs nun die Zahl der Tempelschätze, namentlich 
solcher, welche leicht weggenommen werden konnten, so musste für einen 
festeren Baum zu ihrer Aufbewahrung gesorgt werden. Man schuf diesen , in- 
dem man die Vorhalle hinten am Tempel wiederholte, d. h. indem man den 
sogenannten Opisthodom anbaute, 

a—d wie Figur 41, e. Hinterhaus (Opisthodom) . 

welcher zunächst mit Wänden umgeben wurde und eine fest yerschliessbare 
und zu versiegelnde Thür bekam. Aus diesem Opisthodom führte nun der 
Regel nach eine eigene Thür in die Cella; wurde diese angebracht, so musste 
das Tempelbild von der Stellung an der Hinterwand vorrücken , woraus sich 
ergiebt, dass auch die hypaethrale Oeffhung weiter vorgeschoben wurde, so 
dass diese und der Altar unter ihr keineswegs immer in der Mitte der Celle war. 

1. Cella, 2. Pronaos, 3. Opisthodom, 4. Thür in die Cella, a. Tempelbild, h, Altar, 

e. Hypaethralöffnung. 

Durch diese erste organische Erweiterung der Tempelräume waren alle 
weiteren gegeben oder angezeigt. Bei wiederum wachsender Zahl der Weihe- 
bilder und Weihgeschenke wurde zunächst die Vorhalle nochmals erweitert, 
indem ihr eine ganz freie Säidenhalle vorgelegt wurde. 

1 



Figur 44. .^,« 



J 



t. Cella, 2. Pronaos, 3. Vorhalle (Prostyl). 
Der auf diese Weise erweiterte und zugleich an seinem Eingang reicher ge- 
schmückte Tempel hiess Prostylos (mit einer Säulenvorhalle) ; die nächste Er- 
weiterung war, dass man diese Säulenhalle vor dem Hinterhause wiederholte, 

J 1 1 ; 



Rgur45. •*•/■ 



■ • 



I • 

1—3 wie Figur 44, 4 Hinterhalle. 



Die öffentHohen Geb&ude. 67 

wodurcli der Tempel Amphiprostylos (mit doppelter Vorhalle) wurde. Die 
griechische Tempelbaukunst liess es bei dieser Erweiterung der Vorhalle be- 
wenden , die römische dagegen vergrösserte die Vorhalle nach dem Mass der 
CeBa, wovon der Grund unten angegeben werden soll, und stellte demnach 
Gebäude in der folgenden Form hin : 




Figur 46. Römischer Tempel. 

wie sie die meisten unserer pompejanischen Tempel zeigen. 

Der einmal gefasste fruchtbare Gedanke der vorzulegenden Säulenhalle 
wurde nun bei wiederum wachsendem ErweiterungsbedOrfniss in der Stei- 
gerung ausgedrückt, dass die Säulen Vorhallen in einen Säulenimigang um den 
ganzen Tempel verwandelt*wurden. 



:n n: 

: I ' ■ ' : 

Figur 47. Peripteros. 

Der Tempel wurde peripteros (mit Säulenumgang), und zwar ergab die oblonge 
Gestalt der Cella, dass die Säulenzahl an den Seiten, die Ecksäulen zweimal 
gezählt, doppelt so gross war, wie diejenige der Frontseite , was aber dahin 
modificirt erscheint, dass sie der Begel nach in ungrader Zahl errichtet wur- 
den, also, abgesehn von manchen bedeutenderen Schwankungen, meistens ent- 
weder eine Säule mehr oder eine Säule weniger zählten als die doppelte Zahl 
der Säulen in der Vorhalle. Der so gewonnene Säulenumgang diente nun kei- 
nesw^, wie man nach Vitruv annehmen könnte, zum bedeckten Gang für 
Menschen , unter den man sich bei plötzlichem Begen flachten konnte ; einen 
80 äusserlichen Zweck verband man nicht mit der Anlage des Heiligthums ; 
sondern dieser Gang diente zu demselben Zweck, zu dem die Vorhalle, aus 
der er hervorgegangen ist, gedient hatte, zur Aufstellung von Statuen und von 
anderen Weihgeschenken. Die Intercolumnien (der Baum zwischen den Säu- 
len) wurden demnach vergittert und auch die Säulen mit der Langwand der 
Cella durch leichte und niedrige Mauern verbunden, wie folgt. 



Fi«"^^i8. y'y u II II y*|j [ 



% dass eine ganze Reihe von Capellen um den Haupttempel entstand. Aehn- 
Kche» ging im Innern vor, wenn, was bei allen grösseren Tempeln unausweich- 

5* 



68 



n. Drittes 0^>itel. 



liclie Regel ist^ die Decke durchbrochen und eine innere Säulengtellung an- 
gebracht war. Die Intercolumnien wurden auch hier zur Aufstellung von 
geweihten Bildern und anderen geweihten Gegenständen benutzt und demge- 
mäss abgegittert und durch Schranken getrennt : 



Figur 49. 



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^ 



a. Schranken zwischen der Langwand und den 8&ulen , 6. Vergitterung der Intercolumnien, 

c, Weihebilder. 

Ueber diesen inneren Capellen wurde bei grösseren Tempeln, welche viele 
Weihgeschenke zur Schau zu stellen hatten, eine Gallerie angebracht, zu der 
eine Treppe, gewöhnlich an der Eingangs-, aber auch an der Hinterwand, 
emporftthrte. Diese Gallerie stützte sich auf die inneren Säulen und zum Tra- 
gen der Decke wurde über diesen unteren Saiden auf einem leichten Zwischen- 
gebälk eine Reihe leichterer und kleinerer Säulen erhoben. 



Rgur 50. 



a. Capellen und untere S&ulenstellunff, b. Gallerie und obere Sftulenstellung, 
e, ZwischengebäUL, d. Deckbaiken. 

Wenden wir uns nun wieder dem Aeussem zu, so bemerken wir zunächst 
als eine Nebenart der peripteren Tempel die s. g. pseudoperipteren (mit schein- 
barem Säulenumgang), welche anstatt eines wirklichen Säulenumgangs Halb- 
säulen um die Cellawand hatten. Der grosse Jupitertempel in Girgenti mit 
sieben Halbsäulen in der Fronte und vierzehn an der Langseite und demgemäss 
mit zwei Eingangsthüren anstatt einer in der Mitte, welche die mittelste Halb- 
säule decken würde, ist für diese Art ein Beispiel. 

Sollte aber der Tempel noch mehr erweitert werden, so wurde der Säulen- 
umgang verdoppelt. 




T 
I 



n 



Figur 51. Dipteros. 
Der Tempel war auf diese Weise dipteros (mit zwei Säulenflügeln oder Um- 



r' 



Die öffentlichen Oebftade. 69 

gingen) geworden, und dies war die grOsste Erweiterung, welche man dem 
Tempel gab. Der umstand aber, dass die innere Säulenstellung viel Platz weg- 
nahm, fahrte dazu, sie zu unterdrücken oder vielmehr, sie in eine Beihe von 
Halbsftulen an der Wand, wie beim pseudoperipteros, zu verwandeln, wodurch 
tut derselbe Anblick erreicht wurde, wie der, welchen zwei Säulenreihen 
gewflhrten und wobei zugleich viel Baum gewonnen wurde. 

• ••••••••••• 



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::;.! i.i: 



Pigur 52. Pseudodipteros. 

Dieser Tempel hiess pseudodipteros (scheinbarer dipteros). — Es muss hier 
noch bemerkt werden, dass nach der Zahl der Säulen (Styloi) der Fronte, nach 
welcher die Zahl der Säulen an den Langseiten bestimmt war, der Tempel 
seinen schulmässigen Namen erhielt als tetrastylos (viersäulig) , hexastylos, 
oktastylos, dekastjlos (sechs-, acht-, zehnsäuUg). Aus dem oben Gesagten geht 
hervor, dass der tetrastyle Tempel prostylos und amphiprostylos, der sechs- 
säulige peripteros und der achtsäulige dipteros oder pseudodipteros sein muss. 
Jedoch können auch achtsäulige Feripteraltempel vorkommen, z.B. der Par- 
thenon in Athen, wenn nämlich entweder zwischen die Anten vier anstatt zwei 
S&iilen gestellt wurden , oder wenn man nach vom ein Prostyl und vor dieses 
eist den Säulenumgang legte, was bei grossen Tempeln wegen der geringen 
Spannweite bei graden Marmorbalken geschehen musste, also : 




• • • • 



Indem hier erst die sechsten Säulen vor den Anten stehn, greifen erst die 
ichten zum Beginne des Umgangs über. Sollte bei diesem Verhältniss des Pro- 
naos em Tempel dipteros oder pseudodipteros werden, so musste man ihn deka- 
st^, mit zehn anstatt acht Säulen in der Fronte bilden. 

Eine andere Schulbestimmung Vitruv's bezieht sich auf die Weite der 
Intercolumnien ; war das Intercolumnium H Säulendurchmesser weit, so 
nannte man dies pyknostylos u. s. w., wie folgende Uebersicht zeigt : 



70 II. Drittes Gapitel. 

"f-^ ^B pyknostylos, engKäulig, 

t ^B Bystylos, nahsftulig, 

2;$ ^B eustylos, wohlsäulig, 

J ^B diastylos, veitsäulig, 

^B ^J^ ^B ar&ostylos, ferns&alig, 

Figur 54. Intercolumnialweiten. 

80 dass offenbar der Intercoliimnialweite von 2^ in dem Namen enstylos der 
Preis zuerkannt wird, wobei nur zu bemerken ist, dass die Intercolumnial- 
weiten mit den Stilen wechseln, so dass man für die korinthische Ordnung mit 
ihren leichten und hohen Stützen und ihrem leichten Gebälk nahsäulig ge- 
nannt haben müsste, was für die schwere dorische Ordniing weitsäulig war. 
Dass diese ganze Bezeichnung sehr oberflächlich ist , leuchtet ein , kaum für 
den dorischen Stil allein hat sie Geltung, für die drei Ordnungen im Ganzen 
ist sie werthlos. 

Wir haben bisher von der Grundform griechischer Tempel gesprochen 
und müssen uns jetzt zur Betrachtung der abweichenden Anlage römischer 
Tempel wenden. Das ganze Areal, welches ein römischer Tempel einnehmen 
sollte, war wie das des griechischen , ein oblonges Viereck , aber dieses wurde 
anders eingetheUt und anders orientirt (vgl. Fig. 46). 

Der griechische Tempel lag mit seiner Längenachse von West nach Ost, wo 
man den Sitz der Götter annahm, das Tempelbild stand im Westen mit dem Gesicht 
nach Osten und im Osten war der Eingang des Tempels. Vor diesem Eingang 
stand der Opferaltar, man erblickte das Tempelbild während des Opfers durch 
die geöffnete grosse Tempelthür und wandte sich nach dem Opfer zum Gebet 
nach Osten herum, dem Sitze der Götter zu. Bei den Bömem gab es zwei 
Weisen der Orientinmg der Tempel, die tuskische und die griechische. Die 
Tempel, welche nach der ersteren Art, nach echt italischer Auguraldisciplin 
orientirt waren, hatten die Richtung von Nord nach Süd. Denn nach der tus- 
kischen Anschauung war das iemplum ein Abbild des himmlischen Sitzes der 
Götter, welchen man im Norden annahm, und deshalb musste der Tempel so 
orientirt werden, dass der Standort des Götterbildes im Hintergrunde der Cella 
gleichfalls im Norden war. Hatte man den Ort des Heiligthimis bestimmt, so 
begann der Bau damit, dass der Augur (der den Vogelflug beobachtende Prie- 
ster) mit seinem Lituus (Krummstab) am Himmel ein viereckiges Stück be- 
zeichnete und dieses auf der Erde abzeichnete. Dies ist die Area des Tempels, 
welche sogleich mit Pfählen abgesteckt und mit Leinwand verhängt wurde. 
Der Augur stand in der Mitte dieses Baumes und theüte ihn nach dem Augu- 



Die öffentlichen Gebäude. 71 

nikreuz, d. h. nach den beiden Linien, welche Nord und Süd, Ost und "West 
Terbinden, zunächst der Quere nach in zwei gleiche Hälften, von welchen die 
südliche dem Vorhause, die nördliche der Cella bestimmt ward. Der Schneide- 
pankt der beiden Linien, da wo der Augur stand, ward zur Thür bestimmt, 
unter deren Schwelle der Grundstein gelegt wurde. Dies Alles witrde bei 
bennenden Lampen vollzogen und erst nachdem diese Orientirung vollendet 
war, weihte der Pontifex maximus die Area des Tempels, welche von diesem 
Augenblick an so unverrückbar feststand, dass bei einer Zerstörung des Tem- 
pels der Neubau nur auf dem alten Fimdament ohne jede Veränderung oder 
Erweiterung erhoben werden durfte. So orientirte und eingeweihte Tempel 
liiessen eigentlich templa, die nach griechischer Sitte orientirten, und die run- 
den, welche der tuskischen Ordnung widersprachen, nannte man aedes, was, 
wie gesagt, eine Uebersetzung des griechischen Naos, Haus des Gottes, ist. 

Soviel vom eigentlichen Tempelgebäude nach seinem Zweck und seiner 

Anlage. Ein Wort muss noch über die Umgebung des Tempels gesagt werden. 

Da der Tempel in seiner Gesammtheit ein Heiliges , also eigentlich Unbetret- 

bares ist, dem nur derjenige nahen darf, der ohne Sünde und Makel ist, und sich 

durch ein Bad physisch, durch die Besprengung mit Weihwasser symbolisch 

gereinigt hatte, da femer der ebenfalls geweihte und deshalb unbetretbare 

Altar vor dem Tempel stand, so musste man streben, die ganze heilige Anlage 

durch irgend ein Mittel gegen die Aussenwelt abzuschliessen. In der Begel 

geschah dies durch eine Umzäunung oder Ummauerung eines grösseren Stückes 

Landes um den Tempel ; dies nannte man den Peribolos (die Umfassimg) des 

Tempels, und dieses zum Theil (wie ^. B. in Olympia) sehr beträchtliche Stück 

Land, welches selbst von einer solchen Ausdehnung sein konnte, dass es mehre 

Nebenheiligthümer und Cultusgebäude mit umfasste, war profanem Gebrauche 

entzogen und diente höchstens um ausser den heiligen Bauwerken die Priester- 

wohnimgen aufzunehmen. Wir finden diesen heiligen Peribolos bei mehren 

unserer pompejanischen Tempel, als hohe Mauer z. B. beim Tempel der Venus 

und dem der Isis, als niedere Schranke, wie wir bereits angedeutet haben, bei 

dem griechischen Tempel auf dem Forum trianguläre. Um femer das Tempel- 

geb&ude von der profanen Welt und dem gemeinen Erdboden abzutrennen, 

wurde es auf einen eigenen Unterbau gestellt, der es gleichsam vom Boden 

emportiug. Dieser Unterbau erscheint bei griechischen Tempeln als eine rings 

mnlanfende Stufenreihe, die übrigens nicht zu betreten war, was schon die 

Grösse der oft 3 — 4' hohen Stufen zeigt, so dass vom eigene Treppen angelegt 

wurden, wie bei dem genannten griechischen Tempel in Pompeji, während 

afle übrigen pompejanischen Tempel die bemerkenswerthe Abweichung bieten, 

äasssie auf einem stattlichen, nur durch Vordertreppen zugänglichen Podium 

oder Fundament schön und feierlich erhoben stehn. 

Nach diesen allgemeinen einleitenden Betrachtungen wenden wir uns 
^öwerem Hauptgegenstande, den Tempeln und Capellen von Pompeji zu. Wir 



72 



II. Drittes Capitel. 



beginnen billig mit dem ältesten dieser Gebäude , dem einzigen von rein 
griecl^scher Anlage. 



1. Der Tempel auf dem Forum tria]i|;alare. 

Von diesem Tempel ist Nichts erhalten als der Unterbau, der im Profil 
als fünf grosse Stufen behandelt ist, zwei Säidenstümpfe , die Spuren anderer 
Säulen, die Ansätze der Cellamauer und ein Capitell. Diese dürftigen Reste 
zeigt unsere folgende Ansicht. 

Offenbar ist dieser solide 
steinerne Tempel nicht 
durch die Verschüttung in 
diesen Zustand versetzt, er 
muss schon vor derselben 
eine Ruine gewesen sein nnd 
hat wahrscheinlich im Erd- 
beben vom Jahre 63 n. Chr. 
am meisten gelitten. Dazu 
kommt, dass da der Tempel, 
wie wir gesehn haben, auf 
dem höchsten Punkte der 




Figur 55. Ruinen des griechischen Tempels. 



Stadt liegt , er durch die Asche des Vesuv am wenigsten bedeckt wurde , so 
dass seine Säulen und sein Gebälk diese überragten. Nur daraus und indem 
man annimmt, dass die zu Tage stehenden Werkstücke von den Alten entfernt 
worden sind, erklärt es sich, dass man nicht mehre seiner Materialien umher 
gefunden hat. Uebrigens sind Spuren vorhanden, dass man die Cella neu 
erbaut hatte , so dass wir annehmen dürfen, der Tempel wäre ganz wieder her- 
gestellt worden, wenn nicht die grosse Katastrophe aller Bauthätigkeit für 
immer ein Ende gemacht hätte. 

So geringfügig nun auch die Reste dieses Bauwerks erscheinen, so genügen 
sie doch, um über seine Anlage und Construction sowie über seinen Stil wenig- 
stens einigermassen bündig zu urteilen, sowie den Plan festzustellen, den unsere 
Figur 32 innerhalb der ganzen Umgebung des Forum trianguläre darstellt. 
Denn indem wir das Fundament des Tempels mit seinen fünf Stufen haben, 
auf ihm die Spuren der Säulenstellung und der Cella, ferner die beiden Säulen- 
stümpfe und das Capitell, können wir schlicssen, dass der Tempel ein oktastyler 
Pseudodipteros dorischer Ordnung war. 

Er ist nach griechischer Sitte wenn auch nicht ganz genau von Ost nach West 
orientirt, bedeckt in seiner Gesannntheit einen Flächenraum von 20x31 ™, die 
Cella ist 7X1 5" gross. Die Entfernung der Säulen von der Cella wand um ganze 
3 vordere Intercolumnialweiten und die Zahl seiner acht Frontsäulen bezeichnet 



r 



Die Öffentlichen Gebäude. 73 



ihn ak pseudodipteros, obwohl die Spur der inneren Halbsäulenreihe fehlt. Sehr 
bemerkenswerth ist die starke Abweichung von der gewöhnlichen Regel imVer- 
hflltniss der Säulenzahl seiner Langseite von der der Fronte^ denn anstatt der dop- 
pelten 2Jahl -4- oder — 1 , also anstatt 1 5 oder 17, hat unser Tempel nur 1 1 Säulen 
an der Langseite. Die Veranlassung zu dieser Abweichung können wir nicht er- 
messen > interessant aber ist es zu bemerken, dass der Baumeister das richtige 
Verhaltoiss der Länge zur Breite des Tempels (ungefähr 2 . 1) dadurch herzu- 
gteUen gesucht hat, dass er die Säulen an den Langseiten weitläufiger stellte 
ak in den Fronten. Das Intercolumnium vom beträgt nur einen Säulendurch- 
mesaer (an den Ecken nur f , wie in vielen griechischen Tempeln die letzten 
Intercolumnien enger waren), das Intercolumnium an den Seiten aber l-^^ , so 
dass im Granzen bei 10 Intercolumnien i%3s=2it Intercolumnien an Ausdehnung 
gewonnen sind, welche der Länge des Gebäudes im Verhältniss zu seiner 
Breite zu Gute kommen. 

Die messbaren Verhältnisse der Säulen (unten 3' 10", oben 3'), die kühne 
PrafilliÄie desCapitells (Echinos) und die Schwere seines Plinthos (4' ll" breit) 
in Verbindung mit der engen Stellung der Säulen lassen uns nicht zweifeln, 
dass wir es mit einem beträchtlich alten Monumente zu thun haben, das in sei- 
ner Gesammtheit etwa den Stil des grossen Tempels von Faestum zeigen würde. 
Das Podium ist aus einem Stein voll von versteinerten Fflanzenresten, das 
Material der Säulen ist vulcanischer Piperin, die Capitelle sind aus grobem 
Kalktoff gehauen. Das Granze war mit feinem und hartem Stucco leicht über- 
logen, jedoch nicht so bekleidet, dass der Stucco irgendwo zum Träger auch 
nur des geringsten Gliedes benutzt wäre , und der Tempel muss ursprünglich 
in seinen feineren Gliedern bemalt gedacht werden. 

Von der Umhegung vor der in der Front des Tempels angebrachten Treppe 
?0Ä sieben Stufen, und über ihre wahrscheinliche Bestimmung, den Brand- 
opferaltar gegen aussen abzuschliessen, ist oben gesprochen worden. 

üeber den Namen der Gottheit, der dieser Tempel geweiht gewesen sein 
mag, ist viel unnützes Bathen gewesen, welches wir hier nicht fortsetzen wollen. 
Der gewöhnliche Name, Tempel des Hercules, ist ganz unbegründet und un- 
wahrscheinlich, die Benennungen, welche ihn bald dem Jupiter, bald dem 
Neptun, bald dem Bacchus zuschreiben, sind in sich möglicher, aber die für 
dieselben aufgestellten Argumente erweisen sich bei näherer Prüfung als wenig 
stichhaltig. Da nur ein griechischer Tempel in Pompeji steht oder stand, so 
gentigt diese Bezeichnung zur Verständigung über denselben, und wir können 
es jedem Beisenden, der in seinen Buinen steht, überlassen, seine Gedanken 
an die Gottheit zu wenden, welche ihm am meisten zusagt. 

Die übrigen Tempel Pompejis tragen den Gesammtcharakter der eigentlich 
tuskisch- römischen Anlage, innerhalb dessen sie jedoch Verschiedenheiten 
darbieten, welche sie einer Einzelbetrachtung durchaus würdig machen. Voran 
sei bemerkt, dass sie sämmtlich in korinthischer Ordnung oder in jenem 



74 II. Drittes Capitel. 

korinthisirenden Stil gebaut sind, welcher die römische Mischgattung charak- 
terisirt. — 



2. Der Tempel dei Jvpiter. 

Ich habe schon oben bei der allgemeinen Beschreibung des Forum dieses 
an seiner nördlichen Seite gelegene Gebäude als Jupitertempel bezeichnet und 
stehe nicht einen Augenblick an, diesen Namen zu wiederholen, obgleich ich 
weiss, dass achtbare Forscher den eines Senaculums oder einer Curie vorgezo- 
gen haben. Für die Bedeutung des Gebäudes als Tempel aber spricht nicht 
allein seine Lage auf dem schönsten Bauplatze der Stadt, seine Orientirung 
nach der tuskischen Auguraldisciplin , seine Anlage , die Säulenhalle mit der 
hinter ihr liegenden Cella, das Vorhandensein der gewölbten Favissae (Keller- 
räume) zur Aufbewahrung des Tempelgeräths , sondern es kommen bestimmte 
einzelne Thatsachen hinzu , um die Bestinunung des Gebäudes als Tempel und 
zwar speciell als Jupitertempel deutlich zu machen. Namentlich ist die Auf- 
findung der Fragmente einer colossalen Statue , deren Kopf unzweifelhaft der 
des Jupiter ist, wichtig. Denn durch ihre Grösse und ihren ganzen Charakter 
giebt sie sich deutlich genug als Tempelbild zu erkennen und unterscheidet 
sich wesentlich von den ebenfalls im Tempel gefundenen Fragmenten kleinerer 
Sculpturen. Von entscheidender Bedeutung aber war die At^ndung einer 
Reihe von Votivgliedmassen von Stein und Erz. Die Alten pflegten nämlich 
als Dank für die Heilung eines kranken Gliedes durch die Hilfe eines Gottes 
dessen Abbild in den Tempel zu weihen, ein Gebrauch, dessen Fortsetzung in 
der katholischen Kirche bekannt genug ist. Diese Votivglieder unterscheiden 
sich von den Fragmenten von Statuen aufs Bestimmteste dadurch , dass sie an 
ihrem Ende nicht einen Bruch, sondern einen glatten Abschnitt zeigen und 
meistens mit einer Vomchtung zum Aufhängen versehen sind. Solche Votiv- 
glieder kann man aber nur an einer Cultusstätte , in einem Tempel, nicht in 
einer Curie oder in dem Sitzungslocal eines städtischen Magistrats annehmen, 
und so ist durch sie der Charakter unseres Gebäudes schlechthin bewiesen. 
Als Heilgott wtirde aber Jupiter wie Zeus verehrt, und ihm geweihte Votiv- 
glieder mit Inschriften fehlen uns nicht. — Halten wir also nun einerseits fest, 
dass unser Gebäude einen religiösen Hauptzweck hatte, so wollen wir damit 
keineswegs in Abrede stellen, dass ein profaner Nebenzweck damit verbunden 
war. Vielmehr erkennen wir in den drei kleinen Kammern im Hintergrunde 
der Cella von äusserst solider Construction mit der grössten Wahrscheinlich- 
keit die Stadtcasse und das Archiv. Die Verwendung sacraler Baulichkeiten 
zu profanen Nebenzwecken kehrt mehrfach wieder, und die Römer liebten es 
besonders, die Cassen in Tempeln unterzubringen, um ihnen so eine erhöhte 
Sicherheit durch die religiöse Scheu zu geben. In Rom selbst befand sich der 
Staatsschatz im Tempel des Satumus und schon bei den Griechen waren die 



Die öffentlichen Gebäude. 



75 



Opisthodome der Tempel nicht immer zur Aufbewahrung der Tempelschätze 
alkin bestimmt , wie z. B. im Opisthodom des Parthenon von Athen der von 
Delos nach Athen versetzte Bundesschatz der attischen Hegemonie aufbewahrt 
wurde. 

Aehnliches für unseren Jupitertempel anzunehmen liegt sehr nahe und 
Jeder muss sehn , dass sich die genannten drei kleinen festen Kammern mit 
itarken Thüren versehen zu Archiv- und Cassenzwecken vortrefflich eignen. 




Figur 56. Plan des Jupitertempels. 

Der Jnpitertempel bildet ein Rechteck von 46X114' Grundfläche. Von der 
Länge kommen 19' auf die Treppe, 38 auf die Vorhalle und 57 auf die Cella, 
80 dass offenbar die Schwelle der Cella nach dem oben mitgetheilten Gesetz 
die ganze Area des Tempels genau halbirt. Die Treppe besteht aus zwei Ab- 
theilungen, die untere hat zwischen zwei grossen, als Piedestale für Gruppen 
oder Beiterstatuen behandelten Treppenwangen zwei specielle Stufenaufgänge, 
welche eine grosse und breite Platform einfassen, die von der letzten Stufe der 
Seitentreppen aus betreten werden kann. Man hat, unter der Voraussetzung 
unser Gebäude sei das Senacidum , diese Platform zum Pulpitiim , zur Bühne 
für die Redner gemacht, welche zur Volksversammlung sprachen, indem man 
hiebei die Sitte der Hauptstadt viel zu unbedingt auf die Municipalstadt über- 
trug und dabei den nächsten und augenfälligen Zweck der grossen Platform 
ganz übersah, welcher nur der gewesen sein kann, den Opferaltar zu tragen. 
Hier musste dieser stehn, da der Jupitertempel keinen Peribolos hat und man 
den Altar doch nicht auf den Profanboden des Forums stellen konnte , und an 
grade dieser Stelle steht wirklich der Altar beim benachbarten Fortunentempel, 
der unter ganz ähnlichen Verhältnissen der Lage ohne Tempelhof an der Strasse 
erbaut ist. Auf diese Platform folgt die zweite Abtheilung des ganzen Tempel- 
Ws, eine prachtvolle, von zwei kleineren Piedestalen flankirte Freitreppe 
von rieben Stufen. — 



76 



II. Drittes Capital. 



Ueber diese Treppe gelangen wir durch die Frontsäiüen hindurch in den 
Fronaos oder das Vestibül des Tempels. Die Pracht dieses Platzes ist £Etst ganz 
verschwunden, es stehn nur die kurzen Stümpfe der zwölf Säulen, welche ihn 
einst umgaben, aus Lava gearbeitet und mit Stucco überkleidet (s. Figur 27), 
nur in der Phantasie können wir diese 3 j^' dicken korinthischen Säulen etwa 
40' emporschiessen lassen (s. Figur 29) und nur in der Phantasie sehn wir die 
von ihnen getragene leichte und farbig strahlende Decke über unsem Häuptern 
schweben. 

Aber einen anderen prachtvollen Anblick geniessen wir mit leiblichem 
Auge, ehe wir die heilige Schwelle des eigentlichen Tempels überschreiten; 
noch einmal umgewandt sehn wir das Forum mit allen seinen bedeutenden 
Buinen vor uns, darüber hinaus die mannigfachen Trümmer der Stadt, links 
den griechischen Tempel und das Theater neben ihm, entfernter links die 
dunkele Masse des Amphitheaters , dann weiter hinaus die herrliche Gegend, 
in der Stabiä liegt und das blauschimmemde Meer imd als Abschluss das kühne 
Profil des Mons aureus , der sich als mannigfaltig gestaltete Bergwand vor un- 
seren Augen lang hinstreckt und sich allmählig zum Cap der Minerva und der 
vor ihm liegenden Insel Capri mit seiner blauen Grotte hinabsenkt. — 

Jetzt betreten wir die Cella, deren Boden mit weissem Mosaik belegt ist 
An beiden Seitenwänden und zwar nur 1" von denselben entfernt bemerken 

wir zwei Reihen von Besten von je acht jöni- 
schen Säulen, welche ursprünglich etwa 3" 
hoch eine Grallerie getragen zu haben schei- 
nen, zu der die Treppe in der Hinterwand 
emporführt imd welche an den beiden Seiten- 
wänden , aber auch nur an ihnen hinlief. Ueber 
den jonischen Säulen werden etwa 5" hohe ko- 
rinthische gestanden haben, deren CapiteUe ge- 
funden sind. Diese trugen die auch hier leicht 
aus Holz construirte und farbenstrahlende Fel- 
derdecke. Denn die Annahme, dass der Tempel 
hypaethral gewesen sei, ist aus nahe liegenden 
Gründen durchaus unhaltbar. Indem wir nun 
vor den drei kleinen Kammern stehn und sie in 
ihrer Gesammtheit überblicken, werden wir ge- 
wahr, dass sie neben ihrem erwähnten Haupt- 
zweck noch einem zweiten auf sinnreiche Weise 
dienen, der^ architektonisch betrachtet , als der 
oberste erscheint. Sie bilden nämlich offenbar in 
ihrer Gesammtheit die passendste Basis für ein 
. kolossales sitzendes Tempelbild, welche man sich 

Wand aus dem Jupitertempel. vorstellen kann, namentlich wenn man Neben- 




Die flffentlioheii Gebäude. 



77 



gOtter auf deraelben Basis aufgestellt annimmt. Auf diese können mehre der 
gefundenen Fragmente wohl hinweisen. Es würde eine leichte Mühe sein, das 
allein übrige Mauerwerk der drei Kammern so mit Ornament in Stucco zu 
überkleiden, dass sie die prächtigste Statuenbasis abgäben, ohne an ihrem 
Nebenzweck als Kammern das Geringste einzubüssen. Indem wir diese einen 
Augenblick betreten, überzeugen wir uns von der überaus festen Construction 
ihrer aus Bruchstein, nicht aus Ziegeln erbauten 1 "* dicken Wände. 

Die Wände der Tempelcella sind, so weit sie erhalten , geschmackvoll auf 
feinstem Stucco bemalt Die untere Abtheilung, welche unsere Figur 57 zeigt, 
hat einen schwarzen Sockel, ist darüber felderweise roth mit gelben Zwischen- 
gliedern, die obersten Theile sind grün und violett geforbt und den Schluss 
des Ganzen bildet ein perspectivisch und mit Schlagschatten gemalter, aus 
phantastischen Elragsteinen gebildeter Fries , vielleicht das einzige Beispiel in 
Pompeji. 




FigvLT 58. Seitenansicht des Jupitertempels. 




Figur 59. Durchschnitt des Jupitertempels. 



78 



II. Drittes Cftpitel. 



Die vorstehenden Abbildungen geben den Tempel im wahrscheinliclien 
Aufriss von der Seite, wobei die durchgehende Linie Erhaltenes und Ergänztes 
trennt (s. Figur 58); und im Längendurchschnitt, welcher die doppelte Säu- 
lenstellung im Innern zu vergegenwärtigen bestimmt ist (s. Figur 59). In letz- 
terer Abbildung sehn wir zugleich, wie das 3* 80 hohe Basament als Keller- 
geschoss {favissae) benutzt ist , dessen Eingang auf den Langseiten des Tem- 
pels liegt. Die Hauptfrontansicht des Tempels in gegenwärtigem Zustand imd 
in der Eestauration ist bereits oben Figur 27 u. 29 gegeben. 

Diesem Jupitcrtempel in jeder Weise am ähnlichsten ist 

3. Der Tempel der Fortuna. 

Wir brauchen nicht weit zu gehn, um den Vergleich anzustellen; haben 
wir den Triumphbogen des Forum durchschritten , so sehn wir uns vor jenem 
zweiten an der Ecke der Strasse des Mercur und der Fortuna, rechts ihm gegen- 
über liegt unser Tempel, 1823 ausgegraben, mit der Facade gegen die Strasse 

(gegen Westen), also nicht in richtiger Orientirung, 
weder nach griechischer noch nach römischer Sitte, 
nach welcher letzteren er im Uebrigen ganz ange- 
legt ist. Je grösser, wie ein Blick auf den Plan zeigt, 
die Uebereinstimmung dieses Tempels mit dem Ju- 
pitertempel ist , um so weniger Veranlassung haben 
wir, sein Detail zu beschreiben. A ist die Platform 
mit dem Opferaltar, auf der man noch die Reste eines 
Gitters sieht, welches die heilige Stätte gegen das 
Treiben der Strasse vertheidigte ; B Freitreppe, 
b Treppenwangen als Piedestale für Statuen behan- 
delt, (7 Vestibül von acht korinthischen Säulen um- 
geben, c Schwelle, D Cella, E Nische filr das Bild 
der Göttin , eingefasst von zwei korinthischen Säu- 
len. Die Grösse des Tempels giebt der beigefügte 
Massstab. — Einen Augenblick müssen wir noch bei 
dem Fundberichte dieses Tempels verweilen. Der 
erste Gegenstand von Bedeutung und Interesse, den 
wir zu erwähnen haben , sind die in ihm gefundenen Inschriften. Auf dem 
Architravbalken liest man : 

M. TVLLIVS. M. F. D. V. I. D. TER. QVINQ. AVGVR. 
TR. MIL. A. POP. AEDEM. FORTVNAE. AVGVST. SOLO. ET. PEQ. SVA 
(Monmisen Inscriptt. No. 2219) zu Deutsch: »Marcus Tullius, des Marcus 
Sohn , zum dritten Male fünfjähriger richterlicher Zweimann, Augur und vom 
Volk erwählter Militärtribun, hat diesen Tempel der Fortuna Augusta 
vom Boden aus und von seinem Gelde erbaut, o Hierdurch ist der Name des 
Tempels bestimmt, den vier andere Inschriften (Mommsen a. a. O. No.2223 — 6) 




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Figur 60. 
Plan des Fortunen tempels, 



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Die öffentlichen Gebäude. 



79 



bestätigen , welche man in seinem Innern fand^ und welche der Priester der 
Fortuna Augusta Erwähnung thun. Eine- andere Frage von Interesse ist, ob 
man in dem Erbauer Marcus Tullius ein Mitglied der Familie des grossen Red- 
ners M. Tullius Cicero zu erkennen habe, was jedoch trotz der Auffindung 
einer mit der obrigkeitlichen toga praetexta bekleideten und mit reichlichen 
Farbspuren versehenen Statue, welche eine starke Familienähnlichkeit mit 
Cicero haben soll , in Nische 1 des Heiligthums aus mancherlei Gründen ver- 
neint werden muss , namentlich weil ausser dem Eedner nur Vater und Gross- 
vater desselben die Namen Marcus Tullius trugen , in denen man theils wegen 
des jungen Stils des Tempels , theils wegen des Beinamens Augusta der For- 
tuna die Gründer nicht erkennen darf. In der Nische 2 fand man eine eben- 
falls mit Farbspuren versehene weibliche Gewandstatue, deren Gesicht jedoch 
abgesägt ist, wahrscheinlich um dasselbe durch das einer anderen Person zu 
ersetzen. Die Statuen , welche in den Nischen 3 u. 4 gestanden hatten , fand 
man nicht mehr vor. Neben dem Tempel fand man eine Inschrift (Mommsen 
No. 2221), durch welche das schmale Stück Land x neben dem Tempel als 
M. TuUius' Privateigenthum (3f . Tullii area privata) bezeichnet wird. 

Schliesslich geben wir noch eine Ansicht des Tempels nach Gell's Recon- 
»truction, ohne jedoch für alle Details haften zu wollen. 




Figur 61. Restaurirte Ansicht des Fortunentempels. 



80 



II. Drittes Capitel. 



4. Der s. g. Tempel des Aescnlap. 

(T. des Jupiter und der Juno, T. des Neptun.) 




Figur 02. Ansicht des s. g. Aesculapstempels. 

Dies Tempelchen liegt in dem Viertel der Theater, unmittelbar vor dem 
Isistempel. Sein ganzes Areal beträgt nur 7X21", von welchen letzteren 9 
auf den Tempelhof, 1 2 auf den eigentlichen Tempel , 5 auf die Cella kommen. 
Die ganze Baulichkeit liegt an der Ecke zweier Strassen , griechisch von W. 
nach O. orientirt, und hat von beiden her einen Eingang. Treten wir durch 

den östlichen Haupt- 




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Figur 63. Plan des s. g. Aesculapstempels. 



eingang, so befinden wir 
uns unter einer kleinen 
bedeckten Halle (1), 
welche sich. vom auf 
zwei Säulen stützt tmd 
hinterwärts wie an den 
Seiten sich an die Um- 
fassungsmauer lehnt 
Auf dem Tempelhof (2), 
unmittelbar vor der in 



Die öffentlichen Gebäude. 



81 



der ganzen Breite des Raums zum Heiligthum hinaufführenden Treppe steht 
der Hauptaltar (3), welchen als ein gut gearbeitetes Stück, auf das wir im 
artistischen Theil zurückkommen werden, die folgende Abbildung zeigt. 




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Figur 64. Altar des Aesculapstcmpels. 



Die Treppe besteht aus neun Stufen , die Vorhalle (4) hat vier Säulen in der 
Front, eine zu jeder Seite, der Boden der Cclla (5) ist mit Mosaik belegt, das 
Picdestal für das Tcmpelbild oder die Tempclbilder (6) steht in der Hinterwand. 
Ueber den Namen des Tempels lilsst sich wiederum nicht absprechen. Der 
an Ort und Stelle gewöhnliche Name, der ihn als ein ge- 
meinsames Heiligthum des Jupiter und der Juno bezeich- 
net, hat keinerlei Gewähr; derjenige eines Neptunstem- 
pels gründet sich auf die Eigcnthümlichkeit der Capitelle. 

In dem in der Mitte 

dieses phantastisch ko- 

rinthisirendcn Capitells 

mit einem Blätter- 
schmuck nach einer 

Kohlart anstatt nach 

dem gewöhnlichen 

Akanthus angebrachten 

Gesicht will man einen 

Neptun erkennen. Der 

Name »Tempel des Aes- 

culap« stammt von der 




Figur 05. Capitell. 



recliterseits stehenden Statue aus gebranntem Thon, welche 
man nebst noch einer männlichen und einer weiblichen in 
den Ruinen des Tempels gefunden hat. Schon Winckcl- 

Ovcrbeck, Pompeji. 




Figur 66. Aesculap. 



I 



82 



II. Drittes Capitel. 



mann (G. d. K. I. 2. 2. V. 1. 32) erkannte in zweien Aescukp undHygiea, ohne 
die dritte zu nennen; nach Anderen soll diese ein Jupiter sein. Leider ist nur 
die eine, welche unsere Abbildung Figur 66 zeigt, bisher veröffentHcht und so 
vermögen wir über die beiden anderen nicht zu urteilen. Diese Statue erscheint 
allerdings als ein Aesculap, was aber für den Namen des Tempels um so we- 
niger bestimmend ist, als, abgesehn von den anderen Statuen, es nicht fest- 
steht, ob wir in derselben überhaupt das Tempelbild oder ein Weihebild zu 
erkennen haben. Zu bemerken ist endlich noch, dass die Breite der Basis darauf 
hinweist, dass sie mehre Bilder neben einander getragen hat- — 

5. Der 8. g. Tempel des Mercur oder des Ctairinns. 




Figur 67. Ansicht der Huinen des s. g. Quirinusterapels. 

Bei seiner Aufgrabung erhielt dies kleine Heiligthum den durch Nichts 
motivirten Namen eines Tempels des Mercur, jetzt kennt man dasselbe unter 
dem eines Tempels oder besser einer Capelle (sacellum) des Quirinus (Roinu- 
lus), welche Benennung sich auf eine Inschrift stützt (Moimnsen No. 2 189), 
in der ein kurzer Abriss des Lebenslaufes und der Thaten des Romulus gege- 
ben ist. Da man aber diese Inschrift nicht etwa im Innern der Umfassungs- 
mauern des Heiligthums , sondern in ein Fussgestell an einer Säule vor der 
Front im Säulenumgang des Forum und ihr gegenüber eine ganz ähnlich abge- 
fasste, auf Aeneas bezügliche (Mommsen No. 2188) fand, da endlich dieselbe 



Die öffentlichen Qeb&ude. 




Figur 6S. Plan des s. g. Quirinustempels. 



ihrer Abfassung nach sich zu der Inschrift eines Cultusbildes nicht im Ge- 
ringsten eignet, so ist es klar, dass der neuere Name des kleinen Tempels grade 
so gut und so schlecht wie der ältere fundamentirt ist , nämlich gar nicht. Die 
Inschrift kann nur einer Ehrenstatue des Quirinus-Romulus so wie die ent- 
sprechende einer gleichen des Aeneas angehören, die beide nicht aufgefunden sind. 

Das schiefwinkelig oblonge 
Areal der Umfassungsmauern 
von 23 X 30 M. Flächenraum 
stösst mit seiner Hauptfront 
an die Colonnade des Forum 
A. Links ist es von dem Sena- 
culum S begrenzt , aus dessen 
rechter Scitennische E durch 
e ein Verbindungsweg in unser 
Gebäude, durch 5 Zimmer des- 
selben (1 — 5), die wahrschein- 
lich der Priesterschaft gehör- 
ten, bei e in den Hof des Hei- 
ligthums gelangt. An dreien 
dieser Zimmer (3 — 5) vorbei 
kommt man durch eiüen wie 
geheimen zweiten Ausgang (a a a) in das Gebäude der Eumachia (CT). Bei b 
ist der Boden in diesem Gunge erhöht und an dieser Stelle ist ein schmales 
Fenster nach dem Hofe angebracht , welches zur geheimen Ueberwachung des 
dort Vorgehenden gedient haben mag. Der Haupteingang ist von der Colon- 
nade des Forum aus. Man gelangt zunächst in eine vom Hofraum durch vor- 
springende Mauerpfeiler und durch vier Säulen getrennte Vorhalle B, sodann 
anf den Hof F, in dessen Mitte der merkwürdigste Theil des ganzen Gebäu- 
des, der kaum vollendete, wohlerhaltene Marmoraltar mit reichlichem Relief- 
schmuck sich befindet , dessen vier Seiten unsere Abbildung Figur 69 zeigt. 
Das Hauptrelief der Vorderseite stellt ein Stieropfer dar. Unter Flötenbeglei- 
tung nimmt eine obrigkeitliche Person mit verschleiertem Kopfe die Vorweihe 
vor, während der Opferknecht, Victimarius , mit dem Beile in der Hand das 
Opferthier vor dem kleinen Altar festhält. Hinter dem Weihenden steht ein 
Knabe als Camillus mit dem Weihwasser in einer Kanne. Das Relief der Hin- 
tereeite, welches unsere Zeichnung halb darstellt, zeigt eine Corona civica von 
Eichenlaub zwischen zwei Lorbeerbäumen, die Seitenreliefe enthalten ver- 
schiednes priesterliches und Opfergeräth unter reichen Guirlanden von Laub 
und Obst. — 

Im Hintergrunde des Tempelhofs findet sich die CeUa H erhoben auf 
einem breit vorliegenden Unterbau G , auf den zu beiden Seiten von hinten 
Treppen ff g führen. Dies , die Platform vor dem Vestibül und die Lage der 

6* 



84 



II. Drittes Capitel. 



Treppen ist die bemcrkenswcrtheste Abweichung von der Anlage des vorigen 
Tempels. Sodann niuss aucli bemerkt m erden ; dass die Platform unbedeckt ist 




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Figur 69. Altar des s. g. Quirinustempels. 



und dass Halbsäulen an der Cellawand die Säulenstellung vertreten. In i sehn 
wir die Basis für das Tempelbild. Mit Geschick hat der Architect die Schief- 
heit der Grundfläche seines Gebäudes auszugleichen und zu verbergen ver- 
standen , dagegen hat er in der Decoration der Umfassungsmauern des Hofes 
durch abwechselnd mit flachen Giebeln und flachen Wölbungen abgeschlos- 
sene Mauer felder (s. Fig. 67) einen geringen Geschmack bewiesen, obgleich 
wir diese Art von Omamentirung in Pompeji noch einige Male und an \delen 
modernen Häuserfacaden wiederzufinden Gelegenheit haben. 

Die beiden Tempel endlich, welche der Betrachtung das meiste und in- 
teressanteste Detail bieten, sind der s. g. Tempel der Venus am Forum und der 
Tempel der Isis hinter den Theatern. 



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Die öflfentlichen Gebäude. 



85 



6. Der s. g. Tempel der Venus oder des Bacchus. 
Nachdem man, gestützt auf ein paar Gemälde bacchischen Inhalts in den 
Nebenrämnen dieses reichbemalten Tempels, denselben dem Bacchus zugeeig- 
net hatte, zog man nach der Entdeckung einer Inschrift (Mommsen No. 2201), 
welche aussagt, »dass M. Holconius Rufus und C. Egnatius Postumus, beide 
zum dritten Male richterliche Zweimänner, auf Befehl der Decurioncn das 
Becht die Fenster zu verbauen, für 3,0ü0 Sesterzen (150 Thaler) erkauft und 
die dem Collegium der Venerei als Privateigenthum gehörende Mauer bis zu 
den Pfannen aufgeführt haben«, in den Ruinen des Tempels, den Namen eines 
Venustempels vor. Der Umstand aber , dass diese Mauer Privateigenthum des 
Collegiums der Venuspriester genannt wird, stellt die Bedeutung der In- 
schrift zur Bezeichnung des Tempels wieder in Frage. Dagegen kommt die 
Auffindung einer marmornen Statue der Venus ungefähr in der Art der medi- 
ceischen , und eines Kopfes derselben Göttin der gangbaren Nomenclatur wie- 
der einigermassen zu Hilfe, obgleich auch der bronzene Kopf einer Diana mit 
emaillirten Augen und ein angeblich ziegenohriger Hermaphrodit hier gefun- 
den worden sind. 




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Figur 71. Plan des Venustempels. 

Es ist schon oben in der allgemeinen Beschreibung des Forum bemerkt, 
dass unser Tempel den grössten Theil seiner Westseite begrenzt. Auf un- 
serem Plan ^ist die Colonnade des Forum , welche sich an die Umfassungs- 
mauer des Tempelhofs anlehnt , mit A bezeichnet. Der Eingang in .den Tem- 
pelhof B ist jedoch nicht vom Forum , sondern von der vergitterten Strasse 
aus, welche zwischen der Basilica und dem Tempel auf das Forum mündet. 
Treten wir durch diesen Eingang B in den Peribolos (7, so stehn wir un- 
ter einem im Durchschnitt 4 M. breiten ringsundaufenden , bedeckten Säulen- 
umgang von 48 Säulen, ein paar Schritte vorwärts und nach rechts bringen 
uns auf den Standpunkt, von dem aus unsere Ansicht (Fig. 70) aufgenommen 



II. Drittes Capitel. 




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ist. Vor uns haben wir zunächst 
den Hauptaltar a, welcher seiner 
Form nach nicht fiir blutige oder 
Brandopfer, sondern nur für 
Spenden von Früchten, Kuchen 
und Weihrauch geeignet ist, was 
die Bezeichnung als Venustem- 
pel unterstützt. Denn auch an 
anderen Orten waren und zwar 
gewöhnlich die Opfer der Venus 
unblutig. Dahinter erhebt sich 
mit vorliegender Freitreppe b von 
dreizehn Stufen die bedeutende 
Basis des Tempelhauses c. In sei- 
nem erhaltenen Zustande muss 
dieser Tempel einen überaus 
prächtigen und eleganten An- 
blick gewährt haben, den unsere 
nebenstehende Bestauration nicht 
völlig wiedergeben kann , da die 
Ansicht geometrisch anstatt per- 
specti>dsch ist, so dass die Säulen 
des Pronaos einander decken. 

Dies ist unbedingt der präch- 
tigste Tempel Pompejis, denn er 
ist der einzige periptere ; 28 Säu- 
len umgeben die Cella, die Decke 
der Vorhalle wird von 6 Säulen 
in der Front und ausserdem von 
4 zu beiden Seiten getragen. 
Ueberschreiten wir die Schwelle 
der Cella, in welcher die Löcher 
der Angeln einer wahrscheinlich 
hölzernen Flügelthür erhalten 
sind, so finden wir die Cella d 
ebenfalls geräumiger, als die eines 
der bisher besuchten Tempel. 
Der Standort für das Tempelbild 
e ist nicht ganz an der Hinter- 
wand, so dass ein Umgang um 
dasselbe frei bleibt. Der von 
diesem Umgang eingeschlossene 



Die Öffentlichen Oebftude. 



87 



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Figur 73. Fussboden der Cella. 



mittlere Theil des Fussbodens ist mit einem 
farbigen Marmormosalk bedeckt, von dem 
hier eine Probe folgt. Die Wände der Cella 
sind in einfachen Feldern bemalt. Indem 
wir die Cella wieder verlassen und die 
Treppe hinuntersteigen, sehn wir links 
neben derselben einen kleinen Nebenaltar 
nebst einer Art von etwas erhöhter Piat- 
form vor demselben. Sodann bemerken 
MÖr , dass rund mn den Hof eine Regen- 
rinne y läuft, deren Wasser an mehren 
Orten in kleinen Brunnen g aufgefangen 
wurde. Diese Einrichtung , die sich mehrfach in Pompeji wiederholt und die 
man dahin zu erklären sucht, dass in den Brunnenlöchem sich die Unreinig- 
keiten des Wassers niederschlagen sollten, dient hier offenbar, um zur Eeinigung 
des Tempels immer das nöthige Wasser bei der Hand zu haben. Ehe wir uns 
durch den rechten Flügel des Säulenumgangs in die kleinen Gemächer begeben, 
▼eiche hinter dem Peribolos gelegen sind und wohl als Priesterwohnungen 
betrachtet werden können, werfen wir noch einen Blick auf die an einer Säule 
dieser Seite aufgestellte Statue , welche unsere folgende Abbildung zeigt. Sie 

läuft nach unten in Hermenform aus, ihre Bedeu- 
tung steht aber nicht fest und nach der Zeichnung 
ist nicht einmal das Geschlecht mit voller Sicher- 
heit zu bestimmen. Ihr gegenüber haben wir eine 
ähnliche anzunehmen, aber unbegründet ist die 
Annahme Einiger, dass ähnliche Bilder an allen 
Säulen oder an mehren derselben gestanden haben, 
denn nirgend sind die Spuren ihrer Piedestale er- 
kennbar. Sehr reich sind die malerischen Deco- 
rationen unseres Tempels. Schon die Säulen und 
das über ihnen liegende Gebälk zeigt lebhafte Be- 
malung. Die Art, wie diese ursprünglich dorischen 
Säulen mittels Tünche in korinthische verwandelt 
worden sind, um mit den Säulen des Tempels zu 
harmoniren, werden wir unten besonders zu be- 
trachten haben. Die Wände des bedeckten Um- 
gangs, welche nach der Seite des Formn hin 
Nischen von verschiedener Tiefe bilden, sind mit 
geschmackvollen architektonischen Perspectiven 
bemalt, von denen wir in Fig. 75 eine in doppelter 
Kücksicht merkwürdige Probe ausheben. Denn einerseits ist die grade Ansicht 
architektonißcher Perspectiven, wie sie sich uns hier darstellt, in Pompeji 




Figur 74. 
Statue im Peribolos. 



88 



II. Drittes Capitd. 



selten , andererseits zeigt uns das in der Mitte in einen eigenen Bahmcn einge- 
schlossene Viereck, welches ein bei der Verschattung verbranntes Tafelge- 
mfilde auf Holz enthielt, dass die beiden Arten der Malerei auf den Kalk und 




Figur 75. Wand aus den Gemächern im Peribolos des Venustempels. 



auf einzulassende Tafeln in Pompeji wenn auch nur ausnahmsweise in ge- 
mischtem Gebrauch waren. Das gegenüber im Säulengange rechts befindliche 
Gegenstück dieses Gemäldes hat dasselbe eingerahmte Viereck , welches aber 
hier mit einem auf den Stucco gemalten Bilde gefüllt ist. 

Die schönsten Malereien finden wir in den ausserhalb des Tempelhofs be- 
findlichen Gemächern, welche auf unserem Plan mit h bezeichnet und, durch 
die Thür i zugänglich , als Priesterwohnungen zu betrachten sind. Zu bemerken 



Die öffentlichen Gebäude. 



89 



ist , dass auf dieser Stelle in älterer Zeit eine Colonnade gewesen ist , deren 
Sftulen bei der Erbauung der Pries terziinmer wahrscheinlich bei der Restau- 
ration nach dem Erdbeben in die Wände eingemauert sind (s. d. Plan Fig. 7 1 
bei h'). 

Von den schönen Gemälden können wir hier nur eins, vieUeicht das 
vorzüglichste von der Wand des ersten Zimmers ausheben. Es stellt den 

auf Silen gestützten jugendschö- 
nen Bacchus dar ; während die- 
ser auf seinen Panther den 
Weinbecher ausgiesst, spielt Si- 
Ifcn die Leier , so dass musika- 
lische Begeisterung mit der bac- 
chischtn verbunden ist. — Die 
Ilias hat den Stoff zu mehren an- 
deren Bildern hergegeben, wir 
sehn Achills Zorn gegen Aga- 
memnon , Hcktors Schleifung 
und den vor dem Mörder Rek- 
tors um die Leiche seines Sohnes 
flehenden Priamus. Noch ein Ge- 
mälde heroischen Gegenstandes 
stellt nach einem späteren Ge- 
dichte, der kleinen Ilias von 
Lesches von Lcsbos, den aus Vir- 
gil's Aeneis allgemein bekannten 
Raub des troischen Palladimns 
durch Ulisses und Diomedes dar. — Bcmerkenswerth ist es noch, dass das 
Bacchusbild schon von den Alten aus seinem ursprünglichen Orte herausge- 
nommen , an den jetzigen eingelassen und sehr geschickt mit eisernen Klam- 
mem befestigt ist. Noch interessanter aber ist es zu sehen , dass man hinter 
demselben einen leeren Raum gelassen hat, um die Circulation der Luft zu 
befördern und den Einflüssen der Feuchtigkeit vorzubeugen , ein Verfahren, 
welches im Museo borbonico in Neapel bekanntlich nachgeahmt wird , um die 
aTis den Ausgrabungen gewonnenen und von den Wänden gesägten Bilder zu 
olialten. — 




Figur 76. Gemälde aus den Priesterzimmern. 



7. Der Tempel der Isis. 

Nördlich vom Theater finden wir diesen letzten der bekannten Tempel 
von Pompeji, 1765 ausgegraben und nach der unten anzuführenden Inschrift 
mit Sicherheit als Tempel der Isis erkannt , als welchen ihn ausserdem eine 
Reihe von anderen Umständen bezeichnet. Der Haupteingang in den Tempel- 



90 



II. Drittes Capitel. 



hof ist von der Strasse aus, die vom Theater nach dem Thor des Samus fahrt. 
Unsere folgende Abbildung stellt ihn dar, man bemerkt vom das Trottoir der 
Strasse , dann zwei Stufen , welche in die erhöhte Area führen. Die Säulen 




Figur 77. Der Tempel der Isis, Haupteingang. 

rechts gehören dem bedeckten Gange um den Tempelhof, in der Mitte , der 
Tempelfronte gegenüber, ist ein breiteres Intercolumnium , zu dessen Seiten 
Pfeiler mit angelehnten Halbsäulen anstatt der Säulen stehen. Hinter diesem 
breiteren Intercolumnium befindet sich in der Wand eine kleine Nische mit 
einem Bildchen des Harpocrates. Die Thür im Hintergrunde des Ganges führt 
in die Priesterwohnungen; rechts durch die Säulen sehn wir das unten zu 
besprechende Purgatorium und den vor demselben befindlichen Altar. lieber 
dem in unserer Ansicht dargestellten Eingang befand sich die Weihinschrifl 
(Mommsen No. 2243), welche aussagt: »Numerius Popidius, Nimierius Sohn, 
hat den durch ein Erdbeben (nämlich das vom Jahre 63 n. Chr.) eingestürzten 
Tempel der Isis von Grund aus auf eigene Kosten wieder hergestellt; ihn 
haben die Decurionen zur Belohnung seiner Freigebigkeit, als (oder obgleich) 
er 60 Jahre alt war, kostenfrei ihrem CoUegium adjungirt.« Die Altersbezeich- 
nung des Popidius ist abgekürzt geschrieben (quum esset annorum SEXS, statt 



Die öffentlichen Gebäude. 



91 



9exagmia) , was mehren Schriftstellem die vninderlichsten und lächerlichsten 
Schwierigkeiten gemacht hat, indem sie annahmen, Popidius sei 6 anstatt 60 
Jahre alt gewesen. Anstatt einfach zu bedenken , dass der Regel nach ein un- 
mündiges Kind kein eigenes Vermögen {pecunia sua in der Inschrift) , und 
selbst in dem Falle, dass der pater famtltas todt und der Sohn deshalb schon 
als Kind im Besitz des Vermögens war, doch keine freie Verfügung über das- 
selbe hatte, also in keinem Falle einen Tempel erbauen konnte, abgesehn, dass 
für einen Knaben kein Motiv abzusehn ist , einen solchen Bau zu unterneh- 
men, hat man sich die erdenkliche Mühe gegeben zu begründen, wie ein sechs- 
jähriger Junge dem obersten MagistratscoUeg adjungirt worden sein kann. 
Denn auch das »obgleich er sechszig Jahre alt war , quum esset annorum sexa- 
ginta* findet seine Begründung darin , dass man der Regel nach nur zwischen 
dem 30. und 50. Jahre in das CoUegium der Decurionen gewählt werden konnte, 
so dass hier eine Ausnahme stattfand und hervorgehoben ist. — 




Figur 78. Plan des Isistempels. 



üeber den Plan des Gebäudes können wir uns kurz fassen. A Strasse, 
B der besprochene Eingang, C Säulenumgang um den Tempelhof, c Harpo- 



92 



IL Drittes Capitel. 



kratesnische , vor derselben befand sich eine halbverkohlt aufgefundene Bank 
rf, welche restaurirt ist. Eine Treppe von sieben Stufen führt aus dem Tempel- 
hof in den Pronaos D, welcher durch sechs korinthische Säulen gebildet wird. 
Rechts und links neben dem Eingang in die Cella sehn wir eine Nische für ein 
Weihebild d, d ausserhalb der Ante angebaut, hinter dem linken Anbau finden 
wir eine Nebentreppe e\ über welche die Priester durch den Seiteneingang 
e den Tempel betraten. Im Hintergrunde der Cella E bemerken wir ein eigenes, 
durch eine Mauer mit zwei Eingängen abgetrenntes Gemach; dasselbe ist 
nur von geringer Höhe, gewölbt, und hat wohl unzweifelhaft als Aufbewah- 
rungsort heiliger Gcräthschaften gedient, vielleicht zugleich als Basis des 
Temj)elbildes wie die kleinen Kammern im Jupitertempel. Dass dies Gemach 
als Apparat des Priestertruges gebraucht worden wäre, indem sich derjenige 
in demselben verbarg , der im Namen der Gottheit Orakel verkündigte , ist 
schon deshalb ganz unwahrscheinlich, weil Alles so ganz ofien v6r den Blicken 
Aller daliegt. Nach Einigen soll vor diesem Gemach eine Isisstatue gefunden 
sein, als deren Fundort Andere das mit einer Inschrift (Mommsen No. 2246) 
versehene Piedestal g in der rechten Vorderecke des Tempelhofs angeben. 

In der Hinterwand der Cella nach aussen ist noch eine Nische Ä , in 
welcher eine vonN. Popidius Ampliatus dem Vater geweihte marmorne Bacchus- 
statue (abgeb. Mus. Borb. 9. 11.) stand, was manche Schriftsteller natürlich be- 
nutzt haben, um über Identität des Osiris mit Bacchus zu schwärmen. 

Von den übrigen im Tempelhof befindlichen Gegenständen sind folgende 
die interessantesten. Zumeist das kleine Gebäude , welches auf dem Plan mit 
F bezeichnet ist und dessen Ansicht hier folgt. Dasselbe bildet einen unge- 
trennten Raum, in dessen Hin- 
tergrunde eine Treppe zu ei- 
nem unterirdischen Wasser- 
behälter führt, dessen Brun- 
nenöffhung auf dem Plane mit 
% bezeichnet und dessen Um- 
fang durch eine punktirte Linie 
angedeutet ist. Es unterliegt 
kaum einem Zweifel, dass wir 
hier einen Waschung» - und 
Reinigungsort vor uns haben, 
den der Cultus bedingte und 
den wir füglich ein Purgato- 
rium nennen können. Vor der 
Facade des Gebäudes steht 
rechts und links ein kleiner 
Altar; dicht vor demjenigen rechts befindet sich der grosse Hauptaltar A, auf 
dessen Fläche die Reste und Spuren von Brandopfern gefunden sind. Zwei 




Figur 70. Purgatoriunr. 



Die öffentlichen Gebäude. 



93 



andere Altäre /, /' scheinen sich auf die Bilder in den Nischenanbauten der 
Cclla zu beziehen. Auf dem mit n bezeichneten Postament rechts neben der 
Treppe , dem ein gleiches links entspricht , fand man eine Tafel mit Hiero- 
glyphen , die sich im Museo Borbonico befindet , aber mit dem Isiscult weder 
im Allgemeinen , noch im Besonderen mit dem pompejanischcn zu thun hat. 
Also ein echtes Scheinstück und Blendwerk. Bei w ist eine niedrige viereckige 
Mauer, vielleicht der Aschenbehälter ; G ist eine Art Stall zur Aufbewahrung 
der Opferthiere, o, p, q sind Gemächer der Priesterwohnung, neben denen die 
Küche V einen den unsrigen sehr ähnlichen Hecrd zeigt, neben dem man 
Fischgräten fand. In dem Zimmer o fand man das Gerippe des Priesters , der 
sich, ^^-ie bereits früher erwähnt , mittels eines Beiles einen Ausgang durch die 
Wand zu öffnen versucht hatte , andere waren über die Treppe ä in das obere 
Geschoss geeilt und hier umgekommen. Der grosse nach vorn offene Saal // 
im Hintergrunde des Tempelhofes muss zu Cultuszwecken, die wir nicht mehr 
nachweisen können , gedient haben , auf dem Piedestal im Hintergründe fand 
man zwei Granitstatuen. Der Saal /neben dem grossen wird zur Aufbewahrung 
von Tempelgeräth bestimmt gewesen sein, dessen man mancherlei in demselben 
fand. Gleich links neben seiner Thür vom Tempelhof her ist ein Wasserbehälter 
N, XU dem man auf drei Stufen emporsteigt. K ist die oberste Ca^sea des grossen 
Theaters. Wir geben auf der diesem Abschnitt vorgehefteten Tafel (Fig. 35) 
eine Generalansicht der Ruinen im gegenwärtigen Zustande ; der Standpunkt 
ist ein fingirter hinter der weggelassenen Wand der Harpokratesnische. In der 
folgenden Abbildung geben wir eine Probe der etwas schwerfälligen Malereien 





Figur 80. Gemälde aus dem Purgatorium. 



aus dem Innern des Purgatoriums , indem wir uns vorbehalten, auf den Stil 
des Tempels sowohl im Architektonischen wie im Decorativen im artistischen 
Theil unserer Betrachtunoren zurückzukommen. 



94 II. Drittes Capitel. 

Zweiter Abschnitt. 

ManlcipAlsebllade. 

Der folgende Abschnitt imifasst diejenigen öffentlichen Grebäude, welche 
der Verwaltung und Rechtspflege , dem Handel und Verkehr in Pompeji dien- 
ten ; die ihnen gegebene Bezeichnung ist deshalb nicht im strengsten TVort- 
sinne zu fassen, und ist nur gewählt, weil sich schwer eine andere finden lässt, 
welche erschöpfend und doch gleich kurz diese Classe öffentlicher Bauwerke 
von den anderen Classen unterscheidet. 

Wir haben unsere Betrachtung mit dem räthselhaftesten Gebäude Pom- 
pejis zu eröffnen, fast dem einzigen, welches mit einer festen Benennung nicht 
versehn werden kann. — 

1. Das s. g. Putheoa. 

(CoUegium der Augustalen , Serapeumy Hospitium, Macellum.) 

Dies merkwürdige Gebäude, von dessen Euinen in ihrem gegenwärtigen Zu- 
stande die beiliegende Ansicht eine Anschauung giebt, und welches sowohl 
wegen seiner Grösse, wie wegen seines eigenthOmlichen Planes und seines 
überreichen Bilderschmuckes zu den bedeutendsten Monumenten Pompejis ge- 
hört, wurde 1821 entdeckt imd 1822 vollständig ausgegraben. Um diejenigen 
Bilder, welche nicht entfernt werden konnten , gegen die Einflüsse der Witte- 
rung thunlichst zu schützen, hat man die Wände mit der kleinen Ziegelbe- 
dachung versehen, welche unsere Abbildung erkennen lässt, jedoch den Zweck 
nur sehr unvollkommen erreicht, so dass die glänzenden Farben der Gemälde 
bereits stark verblichen sind. Bevor wir über die mögliche Bestimmung dieses 
Gebäudes reden, werden wir dessen Plan im Ganzen zu überblicken und die Be- 
deutung der einzelnen Käumlichkciten so viel wie möglich festzustellen haben. 
Das Gebäude steht , wie schon oben bemerkt , an der Nordwestecke des 
Forum, unmittelbar am Trimnphbogen, dessen einen Pfeiler wir links unten auf 
dem Plane Fig. 82 sehn, und an dem gewölbten Eingang für Fussgänger 1 . Es liegt 
ganz rechtwinkelig gegen das Forum, wie die wenigsten Gebäude Pompejis nicht 
in rechten Winkeln gegen einander orientirt sind. In seiner Front b^renzt es 
die Colonnade des Forum, deren Säulen hier durch viereckige Pfeiler 2 ersetzt 
sind. Anscheinend hat die vorspringende Facade den oberen Umgang der Colon- 
nade unterbrochen, dass dies jedoch nicht wirklich der Fall war, zeigt die Treppe 
3, welche nicht zum Innern des Gebäudes in Bezug steht, sondern einen der 
früher erwähnten Aufgänge zur Gallerie des Forum bildet. Links führt die 
s. g. Strasse der getrockneten Früchte vorüber , und mit 4 sind jene Läden be- 
zeichnet, von deren reichem Inhalt an allerlei Früchten, welcher der Strasse 
den Namen gegeben hat, wir oben berichtet haben. Von dieser Strasse her 
führt ein auch in der Ansicht erkennbarer gewölbter Nebeneingang b auf den 



o 
X 5 










Die öffentlichen Gebäude. 



95 




I 




^k 




.f ? fjk33.. 



Figur b2. Plan des s. g. Pantheon. 



Hof unseres Gebäudes. Ein 
zweiter c führt aus der durch 
das angrenzende Senaculum 
zur Sackgasse verbauten klei- 
nen Strasse durch ein kurzes 
Vestibül und über sechs Stufen 
in das s. g. Pantheon. Nach 
hinten stösst dasselbe an nicht 
zu bestimmende Privathäuser. 
Vor seiner Front unter der 
Colonnäde liegen die mit 5 be- 
zeichneten, als Wechslerbu- 
den, tabernae argentariae, be- 
nannten kleinen Läden, welche 
ihren Namen mehr der Pass- 
lichkeit der Lage als dem Um- 
stand verdanken , dass man in 
einem dieser Läden 93 Mün- 
zen gefiinden hat, was ofien- 
bar nicht schwer wiegt. Durch 
die verschiedene Tiefe dieser 
Läden ist für das Hauptge- 
bäude die ßechtwinkeligkeit 
hergestellt. In der Mitte der- 
selben ist der Haupteingang ö. 



eine Doppelthür, zwischen der sich eine von zwei korinthischen Säulen ein- 
gpfasste Nische für eine verlorene Statue befindet. Die Capitelle dieser Säulen 
zeigen in ihrem Ornament einen Adler, worauf diejenigen Gewicht gelegt 
haben, welche in unserem Gebäude einen Tempel des Augustus erkennen 
wollen. Treten wir durch den Haupteingang ein, so befinden wir uns unter 
einer breiten bedeckten Porticus d, welche wahrscheinlich den ganzen Hof 
mngab, deren Pfeilerstellung jedoch nur in c?' sicher zu erkennen ist. Im 
Innern dieser Porticus bleibt also ein offener Hofraum von 16x25 M., in des- 
sen Mitte wir auf einem zwölfeckigen etwas erhöhten Fussboden zwölf Fuss- 
gestelle von Stein erblicken, die zu der augenscheinlich unrichtigen popu- 
lären Benennung des Gebäudes als Pantheon den Anlass gegeben haben, indem 
man sich auf ihnen die Statuen der zwölf grossen Götter errichtet dachte. Nach 
der richtigen Ansicht trugen diese zwölf Fussgestelle einen mit einer leichten 
Kuppel gedeckten Centralbau von Holzconstruction , welcher^ die glühenden 
Auswürflinge des Vulcans verzehrt haben. Unmittelbar bei diesem Central- 
lau, aber nicht in seiner Mitte , ist eine Senke , in der man Fischgräten auf- 
fand. Eechts dem Nebeneingang b gegenüber lehnen sich elf kleine Gellen f 



90 



II. Drittes Capitel. 



von 2jx3^ M. an die Mauer des Gebäudes. Die beiden Abbildungen Fig. 83 
zeigen deren Hinter- und Seitenwand ; man bemerkt den nach vom leise ge- 
neigten Fussboden und die Löcher zur Aufnahme der Deckenbalken. Dass sich 





Figur S3. Gellen im s. g. Pantheon. 

die Mauer über diese Löcher nicht unbetrilchtlich erhebt, zeigt deutlich, dass 
die Cellen zweistöckig waren. Der Eingang in das obere Stockwerk kann nur 
durch eine äussere Gallerie vermittelt gewesen sein, wie eine solche in der 
unten zu besprechenden Gladiatorenschule (dem s. g. Soldaten quartier oder 
dorn Forum nundinarium) erhalten ist. Diese , sowie die Treppe ist , als von 
Holz, gilnzlich verschwunden. Auf diese Zweistöckigkeit und auf die wenn- 
gleich bescheidenen Malereien an den Wänden dieser Gellen ist besonders des- 
halb aufmerksam zu machen, weil hiedurch die Ansicht widerlegt wird, welche 
in diesen Gellen Ochsenställe des vermeintlichen Schlachthauses erkennen 
will. Ochsen Ställe mit Wandmalereien sind doch selbst in Pompeji, 
der Stadt der Malerei, nicht annehmbar ! 




Figur 84. Hintergrund des s. g. Pantheon. 

Im Hintergrunde des Gebäudes, dem Haupteingang gegenüber , sind drei 
grössere Räumlichkeiten g, h, i, von denen Figur 84 eine Gesanuntansicht 
bietet. Das mittlere dieser Zimmer von 6J DM. ist ein ganz unzweifelhaftes 
Heiligthum. Dasselbe ist auf fünf Stufen, die in einer eigenen Vorhalle liegen, 
über den Boden des Gesaimntbaus erhoben , hat im Hintergrunde eine grosse 
Basis für das geweihte Bild und in seinen Seitenwänden je zwei Nischen filr 
andere Statuen. Zwei derselben fand man, wie Figur 8 5 zeigt, an Ort und Stelle, 
und erkennt in ihnen Li via, August's Geinahlin und Drusus. Gegenüber 



Die öffentlichen Gebäude. 



97 



werden demnach die Statuen zweier anderen Glieder der Kaiserfaniilie gestan- 
den haben. Von dem Hauptbilde fand man nur einen die Weltkugel haltenden 




Figur 85. Sacellum im s. g. Pantheon. 

Ann, aus dem man auf eine Kaiserstatue, die des Augustus schlicsst , welchem 
dies Sacellum geweiht gewesen wäre. 

Auch das Gemach links t , welches im Hintergrunde eine erhöhte Nische 
für ein Weihebild und vor derselben einen niedrigen Opferaltar enthielt, 
diente Cultuszwecken, welche aber nach ihrem Wesen durchaus nicht zu 
enathen sind. 

Weniger klar ist die Bedeutung des Gemaches rechts ä. Dasselbe enthält 
eine an drei Wänden hinlaufende steinerne Bank, die 1 M. von der linken und 
der hinteren Wand, 3M. von der rechten Wand entfernt und 1 M. breit ist. Man 
würde in derselben eins jener mehrfach in Pompeji vorkommenden gemauerten 
Triclinien erkennen , wenn die Fläche derselben nicht von aussen nach innen 
geneigt und die Breite zu gering wäre. Beide Umstände verbieten jeden Ge- 
danken an ein Spei^sopha, auf dem die Gäste entweder mit dem Gesicht 
gegen die Wand oder mit den Füssen höher als mit dem Kopf gelegen hätten. 
Auch spricht gegen diese Bedeutung ferner noch das Vorhandensein einer im 
Innern der Bank in den Fussboden eingehauenen Rinne, die offenbar bestimmt 
ist, etwa vom Tische rinnende Flüssigkeiten aufzufangen und durch eine Oeff- 
nung hinten abzuführen. Aber welche Flüssigkeiten? Unter der Annahme, 
welche in dem Gebäude das Schlachthaus (macellum) erkennt , hat man an das 
Kut der hier geschlachteten Thiere gedacht, unter anderen Annahmen ein 
Büffet erkannt. Am wahrscheinlichsten ist es , dass wir eine Küche vor uns 
iahen, deren Heerd transportabel von Bronze war, wie manche andere Heerde 
in Pompeji, und dass die geneigte Steinbank zum Anrichten der Speisen und 
Getränke , die Rinne zum Abführen des zur Reinigung gebrauchten Wassers 
diente. 

Orerberk, Povpeji. 7 



98 II. Drittes Capitel. 

Nachdem wir so die einzelnen Räumlichkeiten des räthselhaften Gebäudes 
durchwandert haben, müssen wir uns nach einem möglichen Gesammtnamen 
umschn. Zuvor aber ist noch des Gcmäldeschmuckes nach den Gegenständen 
der Bilder Erwähnung zu thun. Unter ihnen finden wir freilich eine beträcht- 
liche Zahl bedeutender mythologischer Stoffe behandelt: Phrixus auf dem 
Widder, ITlisses und Penelopc, Aethra und Aegeus, Romulus und Bemus, 
Amor und Psyche U.A., dann eine Victoria, die einen Sieger bekränzt, eine 
Bacchantin und eine Reihe allegorischer Figuren , die z. B. das Leierspiel und 
die enkaustischc Malerei darstellen (Abbildungen Mus. Borb. 1,A. B; 2,12, 
19 ; 4, 19. Zahn 1, 2.). Ferner an untergeordneten Stellen, wie mehrfach sonst, 
Landschaften, Seestücke, Thierkämpfe, Jagden u. dgl. m. Auffallend aber ist 
es, dass fast durch das ganze Gebäude hin , namentlich aber an den Eingängen 
Bilder angebracht sind , welche sich auf Nahrung , Speise und Grastmahl be- 
ziehen und von denen wir mehre im artistischen Theile näher betrachten wer- 
den. So ist im nördlichen Eingange auf der einen Wand ein anmuthiges Bild- 
chen (Mus. Borb. 6. 51), in welchem das Mühlenfest Vestalia durch Liebes- 
götter gefeiert wird, gegenüber ein ganz ähnliches (Mus. Borb. 4. 47), in 
welchem Amoretten für den Schmuck des Speisezinuners Kränze winden. An 
den Wänden des südlichen Nebeneingangs und noch reichlicher an denen des 
Haupteingangs finden wir sogenanntes Stilleben darstellende Bilder (Mus. 
Borb. 6. 38, 8. 26 u. 57), allerlei Geflügel, Kalkuten, Enten, Gänse, Reb- 
hühner , bestens gerupft und gereinigt , Wild , Fische , Früchte in verschiede- 
nen Gefässen , . Eier in Glasschalen, Amphoren für Wein, allerlei Fleisch, 
Schinken, Schweiusköpfe, Brod und Kuchen, verschiedene Geräthe, z.B. Vor- 
legemesser und dergleichen mehr. 

Die Benennung unseres Gebäudes als Pantheon bedarf keiner Widerle- 
gung; sie ist allgemein als giinidfalsch erkannt; ebenso wird es nachdem, 
was mr bereits gesagt haben, unnöthig sein, gegen die Bezeichnung des Baues 
als Schlachthaus, macellum, Einsprache zu erheben ; für dieselbe spricht eigent- 
lich Nichts. Gegen die von Bonucci in seinem Buche P<mipeii descritta (1826) 
aufgestellte Ansicht, nach der das Sacellum dem Augustus geweiht, die übrigen 
Räume zu Festgelagen bestinunt sein sollen, welche die Augustalen dem Volke 
gaben, eine Ansicht, welche in dem Centralbau die Küche (!), in den elf klei- 
nen Cellen die Speisezinuner (!) erkennt, lassen sich die wesentlichen Gründe, 
so schlagend sie sind, nicht kurz darstellen. Auch die von Becchi aufgestellte 
Erklärung, welche sich auf die Aehnlichkeit des bekannten s. g. Serapisheilig- 
thums in Puzzuoli stützt und demnach ein Serapeum erkennen will , ist hin- 
fällig. Das Serapeum von Puzzuoli ist durch die neuere Forschung als Gebäude 
für eine Heilquelle erkannt, welche unter dem Centralbau sprudelte, während 
die hinteren Räume dem Cult, die kleinen Cellen zur Incubation (Traumorakel) 
dienten. Eine solche Heilquelle ist aber in Pompeji nicht nachzuweisen, denn 
wenn wir die erwähnte Senke , in der die Fischgräten zufällig liegen konnten. 



r 



Die öffentlichen Gebäude. 99 



als Fassung der bei der Eruption des Vesuv versiegten Quelle betrachten soll- 
ten, so müsste sie in der Mitte des Centralbaus liegen. Auch weisen die Ma- 
lereien , namentlich die vielen Esswaren in denselben, eher auf Alles hin als 
auf ein Brunnenhaus. Bei dem Genuss von Heilquellen pflegt man Diät zu 
halten, die vielen Leckerbissen an den Wänden hätten also die armen hun- 
gernden Curgäste arg tantalisirt. 

Manches Plausibele hat die Annahme , unser Gebäude sei ein Hospitium, 
ein unter Götterschutz stehendes Gebäude zur gastlichen Aufnahme ange- 
sehener Reisender. Aber auch hiebei bleiben wesentliche Schwierigkeiten 
übrig, und namentlich wird der Centralbau nicht erklärt, wenn auch die klei- 
nen Gellen ala cubtcula (Schlafzimmer) und der Raum A als Küche seine an- 
nehmbare Bestimmung erhält. — 

Einstweilen dürfte es rathsam sein, die fernere Nomenclatur des Gebäudes 
zu unterlassen , über dessen Bestimmung uns vielleicht in Zukunft ein über- 
sehener Umstand oder eine neue Analogie aufklären wird. — 



2. Das Sitxiingslocal der Decurionen (Senacttlom). 

Dieses neben dem Pantheon am Forum stehende Gebäude, von dem Nichts 
als die aus Ziegeln , meist in dem s. g. opus retictäatum, einem netzförmigen 
Mauerwerk , aufgeführten Umfassungsmauern stehn , welche früher mit Mar- 
mor und Stucco bekleidet waren , ist freilich seiner Bestimmung nach nicht 
absolut sicher, jedoch ist es durchaus wahrscheinlich, dass wir in ihm das 
Sitzungslocal der Decurionen (des Municipalsenats) zu erkennen haben, für 
welches kein antiker Ausdruck bekannt ist, wie für das Sitzungslocal des 
Senats in Rom der Name senaculum. Zu einem solchen Versammlungslocal 
eines CoUegiums eignet sich unser Gebäude vortrefflich, indem es hinter einer 
bis an die Flucht der hier wieder durch Pfeiler ersetzten Säulen des Forum 
vorspringenden Vorhalle a einen grossen viereckigen Saal b von 20X18 M. 
bildet , an welchen sich hinten eine halbkreisförmige Nische oder Absis c von 
1 1 M. Oeffnung und 6^ M. Tiefe anschliesst. In dieser steht eine breite Basis 
d, welche entweder selbst die Sitze der Präsides der Versammlung (die duoviri 
auf zwei Bisellien sitzend) trug, oder zu deren Fusse die Sitze derselben ge- 
standen haben werden , während die Basis etwa die Bilder schützender Gott- 
heiten trug. Zu beiden Seiten des Saales finden wir zwei andere grosse vier- 
eckige Nischen e von 74^X4 M., in denen ebenfalls Basen, wohl auch für 
Götterbilder stehn; an denselben Wänden sind noch je drei viel kleinere 
Nischen/, ä, dergleichen sich an den Seiten der Absis in g wiederholen. Diese 
werden entweder für Ehrenstatuen verdienter Bürger oder für Kaiserbilder 
gedient haben , und so finden wir in diesem Saale eine reiche Decoration be- 
deutsamer geheiligter und profaner Sculptur. 



100 



II. Drittes Capitei. 



In der Mitte des ganzen Raumes steht ein Altar t, auf dem wahrschein- 
lich vor Beginn der Ikrathungen geopfert wurde, vielleicht nach dem Muster 




iMgur 86. Plan des Sitzungssaales der Decurionen. 

der römischen Curie ein Altar der Victoria. Der Fussboden ist mit verschieden- 
i'arbigen Marmorplatten, wie unser Plan angiebt, bedeckt, und von dem Mar- 
morschmuck der Wände hat sich eine Halbsäule und eine Pfeilerbasis erhalten. 
Die Decke nmss aus Holzbalken bestanden haben, welche ein bemaltes und 
vergoldetes Getäfel trugen , denn eine steinerae Decke ist nicht anzunehmen, 
weil jede Spur einer inneren Säulenstellung fehlt, und eine Wölbung ist un- 
möglich, weil die Wände viel zu schwach sind, um deren Druck und Seiten- 
sc'hub auszuhalten. lieber den kleinen und geheimen Verbindungsgang e aus 
der Nische e rechts um den s. g. Quirinustempel ist oben bei Gelegenheit dieses 
gesprochen. 



r 



Die öffentlichen Gebftude. 1 Ol 

3. Dai Gebäude der Eamachia. 

Dieses nächst der grade gegenüberliegenden Basilica grösste und bedeu- 
tendste Gebäude am Forum wurde von 1819 — 1821 ausgegraben. Ueber dem 
Nebeneingang von der Strasse der Goldschmiede steht eine Inschrift, welche 
über dem Haupteingang auf dem Architravbalken der Forumcolonnade wieder- 
holt war und auf dessen Blöcken in Fragmenten erhalten ist (Moimnsen No. 
2204 u. No. 2205), aus der wir lernen, »dass Eumachia des Lucius Tochter, 
Erzpriesterin (sacerdos publica) in ihrem Namen und in dem ihres Sohnes 
M. Numister Fronte dies Gebäude , welches ein Chalcidicum , eine Porticus 
und eine Crypte enthält, auf eigene Kosten erbaut und der Pietas und Con- 
cordia Augusta geweiht hat.« Zu dieser gesellt sich eine andere auf dem Fuss- 
gestelle der erhaltenen Statue der Stifterin in der Nische * (Mommsen No. 
220 S), aus der wir lernen , dass die Tuchwalker (fullones) , deren eine Werk- 
statt wir kennen und betrachten werden, diese Statue der Eumachia geweiht 
haben. Obgleich wir aber aus der crsteren Inschrift die Namen für die einzel- 
nen Theile des Gebäudes kennen und aus der zweiten ersehen , dass die Tuch- 
walker bei der Errichtung derselben ein ganz besonderes Interesse haben , so 
dtlrfen wir doch nicht behaupten , über die Bedeutung und Bestimmung des 
ganzen Gebäudes oder über alle Einzelheiten seiner Ruinen zweifellos aufge- 
klärt zu sein. Selbst die Zurückführung der in der Weihinschrift genannten 
drei Theile des Bauwerks auf die Räumlichkeiten der Ruinen hat ihre Schwie- 
rigkeiten ; denn wenngleich die Worte Porticus und Crypta in ihrer Bedeu- 
tung feststehen und danach mit Sicherheit in dem offenen Säulengange B 
(Porticus) und dem bedeckten , verborgenen , nur durch Fenster erleuchteten 
äusseren Umgange (7 (Crypta) wiedererkannt sind, so ist doch die Bedeutung 
des an sich unbezeichnenden Wortes Chalcidicum allerlei Zweifeln und ver- 
schiedenen Erklärungen unterworfen. Es würde hier zu weit führen, diese 
Zweifel und Erklärungen vorzutragen und muss genügen, wenn wir angeben, 
dass nach überwiegenden Gründen die neuere Forschung sich dahin geeinigt 
hat, in dem Chalcidicum die dem ganzen Gebäude vorgelegte gerävunige Säu- 
lenhalle A zu erkennen. 

Ueber die Bedeutung des Gebäudes im Ganzen hat sich nach einigem 
Schwanken die Ansicht dahin festgesetzt, dass in demselben eine Art von 
Börse zu erkennen sei , ein Gebäude für Verkehr und Handel , vielleicht und 
wahrscheinlich ganz besonders für den Tuchhandel, wie uns die in der er- 
wähnten Inschrift der Stifterin ausgesprochene Dankbarkeit der FuUonen an- 
zimehmen nahe legt. Unter dieser Voraussetzung erklären sich die Einzelheiten 
ziemlich genügend. Das Chalcidicum, die grosse Vorhalle A, welche nach den 
Seiten hin vergittert war , mag für Besprechungen der Handelsleute bestimmt 
gewesen sein , in den Nischen a a , welche noch einen Rest ihrer Marmorbe- 
kleidung erhalten haben, vermuthct man den Platz für Ausrufer von Bekannt- 



102 



II. Drittes Capitel. 



machungen oder auch bei Auctionen , was freilich nicht zu erweisen ist. Die 
kleinen Nischen b in der Hinterwand des Chalcidicums sind fdr Statuen be- 
stimmt gewesen. Diese Hinterwand ist doppelt und zwar, wie man sieht, um 




Figur S7. Plan des Gebäudes der Eumachia. 

die mangelnde Rechtwinkeligkeit des Gebäudes gegen das Forum herzustellen. 
Die Zwischenräume zwischen den beiden Mauern wurden als Magazine be- 
nutzt, in demjenigen rechts vom Eingange fand man viele Marmortafeln , mit 
denen die Wände bekleidet werden sollten, aufgespeichert, ein Zeichen , das« 
auch dies Gebäude bei der Katastrophe Pompejis noch in der Reparatur be- 
griffen war. Zu diesem gesellt sich das andere, dass man im Innern einen Mar- 
morblock gefunden hat , auf dem mit Kohle eine Linie für die Steinsäge oder 
den Meissel vorgezogen war. Der Eingang in der Mitte der Vorderwand fahrt 
in die Porticus, einen Säulengang von 58 Säulen, welcher einen in der Mitte 
offenen Hof umfasst. Unter dem Boden dieses Hofes befindet sich eine grosse 
Cisteme, in welche man durch eine aufzuhebende Steinplatte in der Mitt^, 
deren Ring noch beweglich ist, gelangte. An der rechten Seite dieses Hofes 
sehen wir bei c eine Reihe einfach behauener niedriger Steinblöcke, deren 
zwei viel grössere am hinteren Umgänge bei d d stehen. Man hält sie fdr die 
Füsse steinerner Tische , auf deren Platten die feilgebotenen Waaren (WoUen- 
stoffe) zum Verkauf ausgelegt worden seien. Andere haben hiemit die Cisteme 
verbunden, und unter Hinweis darauf, dass noch heute in Italien vielfach, 
wie auch anderswo die Wäsche durch Ausklopfen auf flachen Steinen gerei- 
nigt wird, unser Gebäude zimi öffentlichen Waschhaus gemacht , was mit dem 
benachbarten Schlachthaus prächtig stinunt und gewiss eine äusserst würdige 
Begrenzung des Forum abgiebt, jedoch durch die Betrachtung der Apparate 
in dem wirklichen Wasch- und Walkhause Pompejis, der Fullonica, wider- 



Die öffentlichen Gebäude. 



103 



1^ wird. In diesem offenen Säulengange und dem von ihm umschlossenen 
Hofraum wird sich bei gutem Sommerwetter der Tuchhandel bewegt haben, 
vielleicht nebst anderen Geschäften , bei schlechtem und bei Winterwetter zog 
man sich in die Crypta C zurück, in die man durch die Eingänge e e gelangt, 
und welche durch Fenster y* von dem Hofe aus ihr Licht empfing. Diese Fen- 
ster waren um eine in ihrer Mitte befestigten Achse, deren Loch in den 
Brüstungen erhalten ist, drehbar. Aus dem Hofe gelangt man über zwei 
niedrige Stufen vor die grosse Nische im Hintergrunde des Säulenumgangs, 
'\ in welcher eine grosse Statuenbasis g steht, und in der man eine Statue, leider 
ohne Kopf, im bemalten Gewände fand , in welcher man die Pietas oder die 
1 Concordia, der das Gebäude geweiht war, vermuthet. Vor der Basis mag der 
; Platz für den Sitz einer richterlichen Person gewesen sein , welche aus dieser 
\ Absis heraus den Verkehr überwachte und bei demselben entstandene Streitia:- 
keiten schlichtete. Die Bestimmung der kleineren Nischen zu beiden Seiten 
i, h ist so wenig auszumachen , wie die Verwendung bestimmt werden kann, 
welche die beiden unregelmässigen , durch zwei Fenster aus dem Säulenum- 
gang erleuchteten Räume i, i zu den Seiten der grossen Nische gefunden 
haben, falls man nicht annehmen will , dass darin die Waaren gespeichert ge- 
wesen sind. Hinter der grossen Nische, also im Hintergrunde der Krypte und 
des ganzen Baus, steht (jetzt in einem Gypsabguss) die Statue der Stifterin in 
einer nereckigen Nische k. Rechts von derselben ist eine Thür /, um mit 
dieser die Symmetrie herzustellen, ist links auf die Wand eine blinde Thür l\ 
gelb, also in Holzfarbe gemalt, welche uns bei dem Untergange fast alles Holz- 
werkes in Pompeji die Form der hölzernen Thüren vergegenwärtigt. Sie zeigt 
drei lange und schmale Pannele (Spiegel) neben einander , und in der Mitte 
ist der kleine Ring zum Anzichn nicht vergessen. 




Figur SS. Statue der Eumachia und blinde Thür. 



104 



II. Drittes Capitel. 



Die Decoration des Gebäudes ist ziemlich einfach ; die Wände der Krypte 
sind in abwechselnden gelben und rothen Feldern gemalt, in deren Mitte ein 
kleines, meist landschaftliches Bild angebracht ist. Der Sockelstreif ist schwarz 
und auf ihm sind Pflanzen dargestellt. Die Wände der Porticus waren mit 
Marmortafeln bekleidet , deren Eindruck im Stucco man sieht , die selbst aber 
grösstentheils fehlen und wahrscheinlich von den Pompejanem bald nach der 
Verschüttung ausgegraben sind. Bei dieser Nachgrabung sind denn auch wohl 
die korinthischen Marmorsäulen der Porticus entfernt worden , von denen man 
nur einzelne Reste an Ort und Stelle gefunden hat. Die Hauptthür hatte eine 

schöne Einfassung von 
Marmor in geistreicher 
Arabeskenmanier, von der 
noch unten die Bede sein 
wird, ebenso wie von dem 
Giebel der Nische, bei 
dem die Geschmacklosig- 
keit von Kragsteinen un- 
ter der Giebelschräge her- 
vorgehoben werden muss. 
Die äussere Mauer nach 
der Strasse der Gold- 
schmiede zu ist durch 
flache Pfeiler in eine Seihe 



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Figur 99. Album am Gebäude der Eumachia. 



von Mauerfeldern zerlegt, die wie die gleichen im s. g. Quirinustempel ab- 
wechselnd flachdreieckig und flachgewölbt gekrönt sind. Diese Mauerfclder 
dienten als Album (s. Figur 89), und es sind auf diesen Alben viele interessante 
Inschriften gefunden worden, welche später zu besprechen sein werden. — 

Ueber die angebliche Schule gegenüber dem Chalcidicum an der Strasse 
der Goldschmiede und an der Ecke des Forum ist oben bei der allgemeinen 
Beschreibung des Forum das Nöthige gesagt. 



4. Die drei Tribniialieii (6eriGlit8h5fe). 

Dieser Name , welchen man , wie bereits bemerkt , den drei un verbunden 
neben einander an der Schmalseite des Forum gelegenen Gebäuden gegeben 
hat, ist allerdings ein problematischer , aber von allen übrigen Bezeichnungen 
(Basiliken , Tempel , Curie , Scnaculum und Schatzhaus) immerhin noch der 
wahrscheinlichste . 

Es sind nämlich drei massig grosse oblonge Säle mit einer runden oder 
polygonalen Nische im Hintergrunde, ganz bedeckt, wie man aus den Balken- 
öflhungen in den Wänden des dritten Gebäudes schliessen darf, ohne Fenster, 



Die Öffentlichen Gebäude. 



105 



ohne abgetrenntes Sacellum, eine bauliche Beschaffenheit , welche zunächst 
den Gedanken an Heiligthümer ausschliesst ; für Basiliken sind die Gebäude 




Figur 90. Plan der Tribunalien. 

offenbar zu klein, die Bezeichnung zweier derselben als Curie und Senaculum 
last sich nicht direct widerlegen , aber auch nicht vertheidigen , die Bezeich- 
nung des mittelsten als Schatzhaus ist , naiv genug , darauf gestützt , dass man 
in demselben ein paar hundert lose Münzen gefunden hat. Als ob die Alten 
in ihren Schatzhäusem die Münzen so auf den Boden gestreut oder gelegt hät- 
ten. Auch ist der Eingang für eine solche Bestiimnung des Gebäudes viel zu 
gross und den unzweifelhaft passendsten Platz für Casse und Archive haben 
w\i in den festen kleinen Zellen des Jupitertempels kennen gelernt. Es bleibt 
also nur die Ansicht , welche hier Gerichtshöfe für Bagatellsachen oder Privat- 
streitigkeiten erkennt. Passend genug, das lässt sich nicht läugiien. Nach 
Vitrav soll das Tribunal die Gerichtsstätte am Markt und doch von seinem 
Treiben so viel wie möglich getrennt errichtet und deshalb auch in der Ba- 
silica von den anderen Bäumen getrennt werden. Beide Zwecke sehn wir in 
unseren Gebäuden erreicht, welche hinter der hier doppelten Säulenreihe des 
Marktes liegen , und bei denen ferner die Nischen im Hintergrunde als Ab- 
siden für den Platz des Richters zweckmässig angebracht erscheinen. — In 
dem ersten Saale erkennt man noch die schwachen Reste einer abwechselnd 
schwarzen und gelben Malerei auf weissem Grunde. Reicher verziert war der 
mittlere Saal , in welchem sich an den beiden Langseiten eine Reihe von Fuss- 
gestellen für Statuen finden, während wir in dem dritten an beiden Seiten- 
wänden je drei Nischen bemerken, welche wohl ähnlicher Bestimmung gedient 
haben. Auch erkennt man in diesem Raum den Abdruck von Marmorgetäfel 
im Stiicco der Wände. 



106 



II. Drittes Capitel. 



5. me BuUika. 

Die Basiliken, wie auch der Name basilike stoa d. i. königliche Halle 
zeigt, griechischen Ursprungs, wurden in Rom erst nach der genaueren Be- 
kanntschaft mit Griechenland eingefühlt. Die erste Basilika in Rom baute 
P. Cato im Jahre 570 d. Stadt (1S4 v. Chr.), später wurden die Basiliken zu 
den ausgedehntesten selbst fünfschifligen Prachtbauten , deren mehre hochbe- 
rühmte (B. Aemilia, B. Julia) am Forum in Rom standen. Ihrem Grundprincip 
nach waren sie nur bedeckte Hallen , welche Schutz gegen Sonne und Regen 
boten und dem Handel und Verkehr bestimmt waren ; später verband man mit 
diesen antiken Börsen sehr zweckmässig eine Gerichtsstätte (Tribunal), welche 
am hinteren Ende irgendwie erhöht und abgetrennt angebracht wurde , häufig 
in einer eigenen herausgebauten Nische , der Absis, in welcher der Sitz des 
Prätors mit seinem Personal war , der von hier aus das ganze Treiben des Ver- 
kehrs überblicken konnte. Die so eingerichtete Basilica erschien den Christen 
zur Zeit der ersten öffentlichen Anerkennung ihrer Religion mit Recht als das 
geeignetste Gebäude für ihre Kirche ; die mehrfachen Schiffe fassten eine be- 
deutende Menschenmenge und die Nische oder Absis erschien in ihrer Aus- 
zeichnung und Abtrennung , welche die Christen durch Vorsetzung des s. g. 
Triumphbogens noch vermehrten, als ein natürlicher Platz für den Hochaltar. 
Demnach wurden mehre antike Basiliken in Rom zu christlichen Kirchen, 
das Christenthum erbaute ähnliche neue Gebäude mit einigen Veränderungen, 




Figur 91 . Ansicht der Basilika. 



Die öffentlichen Gebäude. 



107 



namentlich der Erweiterung der Absis und der Durchlegung eines Kreuz- 
schiffes , und dieser Plan ist das Grundschema aller originell abendländischen 
kircUichen Architektur bis auf unsere Zeit geblieben. 

Unsere Kenntniss des Basilikenbaus beruht wesentlich auf der Beschrei- 
bung Vitruv's (V. 1.) von der von ihm in Fanum errichteten Basilika, sodann 
auf der Basilika in der umbrischen Stadt Ocriculum, auf den ältesten christ- 
lichen und eüdlich auf dem pompejanischen Gebäude, von dessen Ruinen wir 
eine Ansicht vor uns haben , vorausgesetzt nämlich , dass dies Gebäude wirk- 
lich eine Basilika sei. Die Uebereinstimmung der meisten Schriftsteller , die 
allgemeine Disposition des unten folgenden Planes und die fast zur Identität 
aller Theile gesteigerte Aehnlichkeit eines Gebäudes in Herculaneum, das nur 
die Basilika sein kann, stimmt gewiss dafür, mancherlei Detail macht Schwie- 
rigkeiten, welche einige neuere Forscher bewogen haben, anstatt einer Basilika 
ein Comitium zu erkennen, das soll nach diesen Auetoren das Gebäude für die 
Volksversanunlungen sein. Dass ein solches Gebäude unter diesem Namen, der 

mit dem Namen der souveränen 
Volksversammlung übereinstimmt, 
für die Versammlungen des Volks 
zur Erlassung oder Aufhebung von 
Gesetzen, zur Verleihung von 
Ehrenämtern, zur Aburteilung von 
Capitalverbrechen in B.om vor- 
handen war und zwischen dem Fo- 
rum und der Curia Hostilia stand, 
ist freilich gewiss, aber es fragt sich, 
ob eine Municipalstadt wie Pom- 
peji allein und wesentlich für die 
Volksversammlungen mit den ge- 
ringfügigen Geschäften , welche 
derselben zustanden, ein eigenes 
und so ansehnliches Gebäude nöthig 
hatte. Dass in diesem Gebäude auch 
die Volksversammlungen gehalten 
worden sind, ist möglich und sogar 
wahrscheinlich , aber das bestimmt 
den Namen nicht , den wir ihm zu 
geben haben, während der Be- 
zeichnung als Basilika noch der 
Umstand zur Unterstützung ge- 
reicht , dass unter den mancherlei 
von müssigen Händen in die 




Figur 92. Plan der Basilika. 



Wände eingekratzten Inschriften 



108 



IL Drittes Capitel. 



sich zweimal das Wort BASS^LICA (Basilica) fand , was doch ein seltsames 
Spiel des Zufalls genannt werden müsste , wenn das Gebäude einen anderen 
Zweck und Namen gehabt hätte. 

Vitruv schreibt vor, dass die Basiliken am Forum und zwar in der wärm- 
sten Lage errichtet werden sollen, Bedingungen, welche unser an der südwest- 
lichen Ecke des Forum liegendes Gebäude so gut wie möglich erfüllt, sowie 
es auch die von Vitruv geforderte Grundform des oblongen Vierecks von einer 
Breite von nicht unter J und nicht über | der Länge in seinem Areal von 
27 M. 35 X 67 M. (= 1 : 2^^^) bestens einhält. Das im Hintergrunde anzu- 
bringende erhöhte Tribunal sehn wir in unserem Gebäude in a ; vor demselben 
war bis zu der SäulenstcUung ein freilich nicht grosser , aber immerhin genü- 
gender Raum für das Auftreten der Parteien, so dass eine Absis nicht angebaut 
zu werden brauchte, welche schwerlich so wesentlich ist, dass man ihr V^or- 
handensein zum Kriterium der Basilika zu machen hätte. Auf die 2 M. hohe 
Tribüne führten hölzerne Treppen, die kleinen im Plan bei i 6 sichtbaren 
leiten hinab in einen kellerartigen Raum unter der Tribüne , von dem wir so- 
gleich reden werden. Zu beiden Seiten ist die Tribüne durch Mauern abge- 
schlossen, durch welche jenen verlorenen Treppen entsprechende Thüren ge- 
brochen sind, nach vom tragen ihr Dach sechs korinthische Säulen, deren 
mittelstes Intercolumnium etwas weiter ist , als die zur Seite , offenbar um auf 
den Sitz des Duum\irs eine freiere Aussicht zu gewähren. Die Bestiimnung 

des Raums unter der Tri- 
büne, von dem wir einen 
Durchschnitt sehen, ist nicht 
sicher. Gewiss ist, dass er 
einen gefkngnissartigen Ein- 
druck macht , der durch die 
beiden kleinen vergitterten 
Lichtöfihungen a u. a nicht 
wenig vermehrt wird. Räth- 
solhaft aber sind zwei Oeff- 
nungen b in seiner Wölbung 
und dem Boden der Tribüne 
(s. den Plan Figur 92). Man 
hat, abgeschmackt genug, 
diesen Oeffnungen die Be- 
stimmung beigelegt, zur In- 
quisition der Gefangenen ge- 
dient zu haben, während 
doch der römische Gerichtsgebrauch auf Oeffentlichkeit beruhte und die Par- 
teien in der Processverhandlung frei vor den Richter und vor das Volk stellte. 
Der Haupteingang in die Basilika ist vom Forum aus durch fünf weite, 




Figur 93. Kaum uuter der Tribüne. 



Die Öffentlichen GeUvde. 1 09 

durch Fallgatter verschliessbare Thorwege zwischen sechs Pfeilern hindurch^ 
in denen die Falze für die Thore erhalten sind. Zuerst gelangt man in eine 
zur Ausgleichung derBechtwinkeligkeit des ganzen Baus gegen das Forum um 
ein Geringes schiefwinkelige offene Vorhalle, eine Art von Chaicidicum. 
Gegen das Innere öffnen sich wieder fünf Thorwege zwischen zwei Eckpfei- 
kra, zwei an Pfeiler angelehnten und zwei freien Säulen in der Mitte, und über 
rier Stufen von der ganzen Breite des Gebäudes tritt man in die eigentliche 
Basihka ein , in welche auch noch zwei Seiteneingänge in den Langwänden 
fahren. In> Innern steht eine um alle vier Seiten umlaufende hohe Säulenreihe, 
welche den ganzen Baum in drei Schiffe zerlegt. Nun stimmt diese Einrich- 
tung nicht ganz mit der Vorschrift Vitruv's , welcher im Inneni der Basilika 
iwei Säulenstellungen über einander anzubringen räth, deren untere zugleich 
einer über den Seitenschiffen fortlaufenden Gallerie zur Stütze zu dienen habe. 
Es ist aus manchen Gründen gewiss , dass unsere Basilika eine Gallerie nicht 
ktte; die grossen Säulen des Umganges erhoben sich gewiss bis zur Decke 
und es ist undenkbar, dass man ihre frei aufstrebende Linie durch eine unor- 
ganisch zwischen ihnen angebrachte Gallerie unterbrochen habe. Auch ist 
nirgend eine Treppe zu einer solchen Empore vorhanden, denn die Treppe 
bei c liegt ausserhalb des Gebäudes und gehört zur Grallerie des Forums. 
Aber eine solche Gallerie im Innern der Basiliken ist schwerlich ein unum- 
gängliches Erfordemiss gewesen, wie uns das mehre der ältesten zu christ- 
lichen Zwecken benutzten Basiliken Koms bewiesen, denen sie ebenfalls fehlt. 
Unerklärt bleibt dabei freilich das Vorhandensein der dünneren Halbsäulen in 
den Langwänden und dasjenige von gekoppelten Halbsäulen in den Ecken des 
Gebäudes, welche uns zugleich das älteste Beispiel der in romanischer und 
gothischer Architektur durchgehenden Säulen- oder Pfeilerkoppelung dar- 
bieten. 

Eine andere nicht mit Sicherheit zu entscheidende Frage ist die , ob das 
Gebäude ganz bedeckt oder in dem Mittelraum unbedeckt gewesen ist. Für 
das Erstere spricht die an und ftlr sich grössere Wahrscheinlichkeit , für das 
Letztere aber scheint der Umstand in die Wagschale zu fallen, dass unmittelbar 
innerhalb der grossen Säulen eine Wasserrinne um das Gebäude führt. Diese 
scheint allerdings zur Abführung des in den mittleren offenen Raum hinein- 
üdlenden Regenwassers gedient zu haben. Vergessen wir aber nicht zu bemer- 
ken, dass, wie der Durchschnitt des Fussbodens in unserer restaurirten An- 
sicht (Figur 94), in der ein Mann wie Mazois einen solchen Umstand unmög- 
lidi erfunden haben kann, zeigt, diese Rinne bedeckt und nur hier und da 
mit kleinen Oeffiiungen e versehen war , so muss sich ein anderer Zweck als 
der, Regen wasser aufzufangen , für diese Rinne als wahrscheinlich ergeben. 
Vielleicht war sie zur Reinigung des Gebäudes um so zweckmässiger ange- 
bracht, als das Niveau des Hauptsaales eine Stufe niedriger als das Niveau der 
Eingangsstufen liegt. Zum Zwecke der Reinigung mögen auch die Wasserbe- 



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"• I^ttM Capitel. 
^ eimal das Wort BASSTLICA rn^ ;• . 
i <ie.s Zufalls genannt werden m.w"^ ^*"^ ' '^as doch .i , 
--1- x.«d Nansen gehabt hatte '"^' "«"» <i*« «ebaude ein" *'*^ 

Vatruv schreibt vor, dass die BasiUt« ^ ""^"^ 

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UoV.«^ EokedesForu. Hegen T/aetuT^"' ^^'^^^ ^nZ^.T' T^^' 
es a,x^<3>^ die von Vitruv Gefordert. rT^ '^ «^^ ^ie niö«-l.Vk ^f «"dwest- 

27 Ä^X . 3 5 X 67 M. r= 1 . 9 M h»=* . * ^^^ Länge in . • ^°" «nw 

brix^^^x^ae erhöhte iibunallntr;""'''*- ^^ ^ Hin^^r ^r' '- 
war -k>i« ^taderSäulenstelWeinZl K '''""^^baudein" ^"^««n«- " 
^.^eL^r I^-fürdasAuftreLaiä^^^^^^^^^ a^ 4;°\^--lbe. 

zxx ^«rderx brauchte, welche schwerHch ! ' "" ^ '^^- Absi;™™?"^^" S^»«- 
Wr.cl^xx3^in zum Kriterium der CiSa "^«'«tlich ist, Zs '"^^'•^ ^ 

Xril^^x.« führten hölzerne Trep^n .; 'V,™''^'^-« ^^tte. A^ ™«^ ^hr Vor- 
leitc^xx hi«ab in einen kellerarZelp ^^^'"^»^ ^^ Plan bi ,^f ^ ^^ ^ohe - 
gloiolx ..den werden. Zu SrSelT"" ""*^^ '^^ Trib^^. ^ * ««^»^»Wn . 
.el.l««3.x., durch welche >n^f,ren'i^^^^ ^^^^^ "-0^ MauT ^""^ ^' 
broolxexa sind, nach vorn tragen ihr Ch ^r*" ^"'«P^^chende tI ^ ^^ '^ 
.«xttol3tes Intercolumniun. et/aa weiter^sf «llt '^''""^^^^e S,?^^- ^- ^ 
a«.. ^.t. ^^-^-virs eine freiere Auti^h^r;:/;;-^^^^^^^^ 

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einen gefkn er»,; ' *^^ «» - 

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doch der römische Q • J"''"'''» der Gefangen, , 

teier. inderProces,4^f5pbrauchaufOeffentlicSC ^''""' ^'''' 




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111 



durch Fallgatter veT^.i.-. — ^^ 
in denen die Fahu- m* ^. 
zur Ausgleichung di^ }.. . : ^ 
ein Geringes schieivn^ — 
Gegen das Innere örz^fz ^ . 
lern, zi*'ei an PfeDer ai^. i^ 
rier Stufen von der r^-n^ 
Basilika ein , in vti.ir — 
führen. Ln Innern ?tti:- ^ 
welche den gauÄii l^-n i 
tung nicht ganz uAi üct ' •* - 
wei Säulen stell uL^-n '.* ' •- 
einer über den Sehtrir^, - t 
Es ist aus inancii*!. • ;^j i.- . 
tatte; die grorij«ei. *\i-..2_ ir 
und es ist undcT^^'t^ .^^ z^ 
ganisch zwiscbm ii^^ -l^ 
nirgend eine Trrr^*- z m 
bei c liegt ait?wfri*-.- ^ 
Aber eine soIcIm • i^.t:: j_ 
gingliches 'ErioTu-sn^ ^-r^- 
liehen Zweckt^i. tKi.Trrr*- _._ 

Unerklärt bleib: (i^\*-. z- 

den Langwändti. ill. _ - 

Gebäudes, weltiK tll r__ 
gothischer Ardiiifirrz* ii ._ 
iaeten. 

Eine andere niix jl. 
Gebäude ganz bt^a*- r •• 
dasErstere sprich: Li . 
Letztere aber seht ir •.• 
innerhalb der gro*?M- - 
icheint allerdings zl _ 
(ülendea Regenwa*-' . 
ken, dasSy wie ür . 
iht (Figur 94;, l 
Bch erfunden hai" . . 
fldt kleinen Oefii. 
ier, Be^enwasK* 
Vielleicht war - 
Whr, a1» dai> > 
Engan^zsitufeL 



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li.ihcn wii' 



in dem wir 
.|»:ilgebäuden 
'^-^(11 Theater 




wenigen Wor- 
n glatten vier 
r andere b von 
i( h unter einer 



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11. Drittes Capitel. 



hälter unter einigen der Oeffnungen e angebracht sein. Dass man im Innern 
der Basilika Löwenköpfe und andere Antefixe gefunden hat , welche gewöhn- 
lich den Kand (die Traufe) des Daches umgeben , spricht nicht mit Sicherheit 
dafür, dass das Dach nach innen geneigt und folglich in der Mitte offen war, 
denn leicht konnten Stücke von so geringem Gewicht von ihrer ursprüng- 
lichen Stelle verrückt worden sein , namentlich bei einem Gebäude , welches 
durch das Erdbeben in dem Grade gelitten hat, wie die Basilika von Pompeji. 
Bei der Annahme völliger Bedachung werden vdr zu vermuthen haben , dass 
die Mauern in ihrem nicht erhaltenen oberen Theile von einer Reihe Fenster 
durchbrochen war, von denen unsere Restauration (Figur 94) eine Anschau- 
ung giebt. — Die Basilika war reich decorirt , in f sehen wir ein grosses Fuss- 
gestell für eine sitzende Statue, deren Füsse man gefunden hat, zwei andere 
Statuenbasen sind an die mittelsten Pfeiler der Eingangshalle gelehnt und im 
Innern der Basilica hat man mehre Fragmente von Statuen , selbst von Reiter- 
statuen gefunden , deren ursprünglicher Aufstellungsort aber nicht mehr zu 
bestimmen ist. Der Fussboden war mit Mannor geplattet, die Wände i^-aren 
ziemlich einfach marmorartig in verschiedenen Farben bem^t. Auf die Wände 




ty^^'f^.^^'l'.^^yM'Y'A^ 



Figur 1)4. Restaurirter Durchschnitt der Basilika. 

waren viele Inschriften eingekratzt, die heutigen Tags fast alle unleseriich 
geworden sind. Ausser manchen Aeusscrui^en des Volkswitzes, von denen wir 
noch reden werden , ist von diesen Inschriften besonders die folgende nicht 
uninteressant : 



Die öffentlichen Gebäude. 111 

C.PVMIDIVS DIPILVS HEIC FVIT AD NONAS OCTOBREIS 
M. LEPIDO Q CATVLO COS. 

denn sie enthält das Datum 77 v. Chr. Geb. und zeigt also, dass unsere Basi- 
j lika älter als dies Datum, und deshalb vielleicht eins der ältesten Gebäude am 
t Forum von Pompeji ist. Schliesslich geben wir Figur 94 die Ansicht des re- 

staurirten Durchschnittes nach Mazois. 

Unter Hinweis auf das, was oben in der Beschreibung des Forum über die 
vennuthUche Lesche wie über das Gefängniss gesagt worden ist, haben wir 
endlich nur noch 



6. Ein räthselhaftes (rebinde 

(s. g. Curia isiaca, s. g. Tribunal, s. g. Markthalle, s. g. Schule). 

ra betrachten , welches wahrscheinlich dem Abschnitt angehört , in dem wir 
stehen, welches aber allein von allen bisher bekannten Municipalgebäuden 
nicht am Forum, sondern am Forum trianguläre hinter dem grossen Theater 
und dem Isistempel gelegen ist. 




Figur 95. Ansicht der s. g. Curia tsuica. 

Der Plan dieses Gebäudes ist äusserst einfach und mit sehr wenigen Wor- 
ten zu erläutern. Zwei Eingänge führen durch die nach aussen glatten vier 
Wände dieses Gebäudes, der eine a vom Forum trianffulare, der andere b von 
der Strasse des Isistempels aus. Tritt man ein, so befindet man sich unter einer 



112 



II. Drittes Capitel. 




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-fH= 



=?=P^ 



Figur 9G. 
Plan der s. g. Curia isiaca. 



um drei Seiten eines offenen Hofes umlaufen- 
den Colonnade dorischer Säulen, die grössten- 
theils heutigen Tages noch unverletzt aufrecht 
stehen. 

An der einen Schuialseite nach dem Isis- 
^ II I I s^ tcmpcl zu fehlt der Saidenunigang, auf der ent- 

gegengesetzten liegen hinter den Säulen einige 
Zimmer, über denen sich, wie die Reste einer 
Treppe zeigen, wohl ein zweites Gcschoss be- 
fand , über deren etwaige Bestimmung aber ab- 
zuurteilen, ehe wir über die Gesammtheit des 
Gebäudes eine Ansicht gefasst haben , sehr thö- 
richt sein würde. Erwähnen wir nun noch, dass 
eine der Säulen zunächst dem Eingange b als 
Brunnen durchbohrt ist, und dass die Platten 
des Bodens mnher offenbar durch den vielfachen 
Gebrauch dieses Brunnens stark ausgenutzt sind, 
so wären wir mit unserer Beschreibung fertig 
und könnten versuchen das Gebäude zu taufen, 
wenn nicht noch ein Gegenstand in demselben 
stände, der offenbar für die Bestimmung von 
der grössten Wichtigkeit ist. 
Jene doppelte Basis nämlich am Säulengang rechts in unserer Ansicht, mit 
einer steinernen Treppe hinter derselben, c im Plane. Dies merkwürdige Stück 
besteht aus einem mit eleganter Cornische gekrönten 2 M. 1 5 hohen Fussgestell 
c von OM. 90 Fläche, in welche eine OM. 14 tiefe, OM. 55 breite und M. 60 
lange Vertiefung eingehauen ist. Auf dies Fussgestell gelangt man über eine 
nur M. 38 breite, sechs Stufen hohe, aus drei Steinblöcken erbaute Treppe. 
Vor dem höheren Fussgestell steht ein niedrigeres, von l M. 20 Höhe , dessen 
Oberfläche durch vielfache Reibung wie von Füssen abgeschliffen erscheint. 
Was bedeutet dieser ganze, offenbar die Bedeutung des Gebäudes bestimmende 
Apparat? Offen gesprochen, wir wissen es nicht, und noch Niemand hat eine 
nur halbwegs plausibele Erklärung, wohl aber Mancher eine sehr abgeschmackte 
aufgestellt. Da wollen die Einen aus dem Gebäude ein Local für isische Ein- 
weihungen machen, welches sie seltsam genug Curia isiaca taufen; ihnen ist 
das vordere Fussgestell ein Altar , das hintere die Basis einer Statue und die 
Treppe diente um diese Statue zu bekränzen oder sogar um einen Graukel- 
priester zu tragen , der in ihrem Namen sprach ! Sehr zweckmässig im einen 
wie im andern Falle, namentlich im letzteren ein hübsch offen gespielter Be- 
trug ! Schade nur , dass diese Curia isiaca mit dem angrenzenden Isistempel 
gar keine , wohl aber mit dem Forum trianguläre und mit einer der lebhaf- 
testen Strassen eine doppelte Verbindung hat und dass es ein ganz offener Hof 



Die öiFentlichen Gebäude. 113 

ist, in den man von den umliegenden höheren Gebäuden bequem hineinsehn 
kann, so dass die hier gefeierten Einweihungen recht öffentliche Geheimnisse 
aewesen sein müssten. Andere nennen das Gebäude eine Schule und machen 
aus dem höheren Fussgestell das Katheder ; wobei man nur hoffen muss , dass 
der Schulmeister , um nicht von seinem erhabenen Stande herunterzupurzeln, 
nie weder in Lehreifer noch in Aerger über seine Schüler gerathen sei , deren 
AufinerksamJceit durch die Wasserholenden am Brunnen auf eine starke Probe 
gestellt worden sein mag. Beinahe eben so geistreich ist die Annahme derer, 
welche ein Tribunal, eine Gerichtsstätte erkennen wollen. Sie trauen dem auf 
dem hohen Fussgestell sitzenden Eichter wie jene dem Schuhneister grosse 
Ruhe zu, sind aber wenigstens so vorsichtig, sein Stühlchen in jene Vertiefung 
zu stellen, damit es nicht heruntergleite. Wenn aber nun der Richter die stei- 
nerne Treppe heraufkam und dann über seinen Stuhl mit einiger Lebensgefahr 
!>teigen musstc , denn herumzugehn war kein Platz , » höchst lächerlich wahr- 
Kchmusst' es aussehn.« Das kleinere Fussgestell, dessen Oberfläche von vielen 
Fusstritten abgeschliffen sein soll , machen diese Herren zum Altar der Dike, 
Tobei man sie nur an ein altes Dichterwort erinnern muss : Weh dem , der 
frech mit Füssen Dikes Altar tritt ! — Noch Andere machen aus dem Gebäude 
eine Markthalle. Auf dem höheren Fussgestell soll eine Statue des Mercur ge- 
standen haben j auf dem niedrigen sollen die zu verauctionirenden Waaren aus- 
gel^ worden sein (van die Abschleifung durch Fusstritte zu erklären, müssten 
diese Waaren Sclaven gewesen sein !) und auf der Treppe hinter der Mercurs- 
statue soll der Ausrufer gestanden haben, der freilich so die Waaren nicht 
sehn konnte, die er unter den Hammer brachte. Genug ; es ist zu bedauern, 
dass alle diese unpassenden Erklärungen sich nicht kürzer anführen und wider- 
legen lie&scn ; gegen jede derselben wäre noch Viel zu sagen , aber das Beige- 
brachte wird genügen, um zu zeigen, dass wir bisher nicht im Stande waren, 
die hestimmende Eigenthümlichkeit des Gebäudes irgendwie genügend nach- 
zuweisen. Lassen wir also einstweilen dasselbe ohne Namen. 



7. Das Zollhaus. 

Als solches gilt ein in der Strasse des herculaner Thors , also in der leb- 
Wtesten Geschäftslage Pompejis belegenes Gebäude , welches nur einen ge- 
räumigen Saal mit sehr breitem Eingange von der Strasse enthält. Im Hinter- 
gninde des Saales ist die Basis für eine Statue angebracht und in demselben 
tnd man eine grosse Zahl von meistens marmornen , aber auch aus Serpentin- 
stein gefertigten Gewichten nebst einigen Maassen aus Basalt. Auch an Wagen 
Terschiedener Art," namentlich an Schnellwagen nach dem System der Deci- 
malwagen , welche wir später genauer betrachten werden, fehlte es hier nicht. 

Orcrbcck, Pomiicji. S 



114 



II. Drittes Capitel. 



Eine dieser Wagen trägt auf dem langen Schenkel des Wagebalkens in punk- 
tirten Buchstaben die Inschrift : 

IMP. VESP. AVG. IIX. C. IMP. AVG. T. VI. C. EXACTA. IM. CAPITO. 

durch welche sie sich als eine auf dem römischen Capitol ofBcieU geaichte Nor- 
malwage zu erkennen giebt, für die ein öffentlicher Gebrauch wahrscheinlicher 
ist, als ein privater. Da nun ausser den Wagen und Gewichten nicht eine 
Spur von Verkaufsgegenständen oder Waaren in diesem Gebäude gefunden 
worden ist, so erscheint die Bezeichnung desselben als Zollhaus plausibel 
genug. 



Dritter Abschnitt. 
Das Theat«r and dae Odeam. 




Figur 97. Eine Reihe Masken. 

Pompeji besitzt zwei neben einander am südlichen Abhang des Stadtr 
hügels gelegene Theater , ein grösseres für dramatische Aufführungen und ein 
kleineres bedeckt gewesenes (theairum iectum) für musikalische und kleinere 
dramatische Productionen , aber keineswegs, wie auch gesagt worden ist, für 
Komödiendarstellungen wie des grössern für die Tragödienaufführungen. 
Beide Gebäude gehören zu den besterhaltenen Theatern des Alterthums und 
sind vollkommen geeignet, als Grundlage des Nachweises der baulichen und 
scenischen Eigenthünüichkeiten , als Anknüpfungspunkte einer gedrängten 
Darstellung der wesentlichsten Eigenthünilichkeiten theatralischer Auffüh- 
rungen bei den Alten zu dienen , obwohl wir besonders die Einrichtung des 
grösseren Theaters nicht als ganz normal betrachten können, und obwohl noch 
mancherlei Fragen in Bezug auf dasselbe ihrer Erledigung harren. So gleich 
voran die wichtige Frage , ob wir ein griechisches oder ein römisches Theater 
vor uns haben, mit der die zweite nach dem muthmasslichen Alter dieser Bau- 
lichkeiten zusammenhangt. Sowohl für die eine Ansicht wie für die andere 
sind theils architektonische, theUs selbst technische, aus dem Material entnom- 
mene , theils endlich historische Gründe geltend gemacht worden. Gehen wir 
von diesen aus, so muss denjenigen beigestimmt werden, welche die Wahr- 
scheinlichkeit bezweifeln, dass die oskische Stadt Pompeji in der Zeit vor der 
römischen Colonie bereits zwei steinerne llieater der Art besass , denn, mögen 
die Spuren griechischer Bildung, namentlich aber griechischer bildender Kunst 



Die öffentlichen Gebäude. 1 15 

ahlreich in Pompeji sein, immerhin ist ihr über die römische Besitzergreifung 
hinaufreichendes Alter unervveislich, wenn wir von den Ruinen des Tempels 
auf dem Forum trianguläre absehn , und schwerlich lässt sich auf Grund aller 
Spuren des Grriechenthums demonstriren , dass die griechische Bildung in dem 
oskisdien Pompeji mächtig genug gewesen sei, um das Bedürfniss zweier 
Theater für dramatische und musikalische Aufführungen zu erzeugen. Hier- 
gegen sind nun freilich verschiedene architektonische Bedenken laut gewor- 
den, welche dem Theater von Pompeji das Schema und die Einrichtung des 
griechischen Theaters mehr als des römischen zuschreiben. So namentlich die 
Anlehnung an einen Hügelabhang, welche allerdings griechischem Brauch 
entspricht , w^ährcnd die Theater in Rom sich frei vom Boden erhoben. Die- 
jenigen, welche diese Ansicht vertreten , müssen nach dem gegenwärtigen Zu- 
stande des Theaters einen Umbau in römischer Zeit und nach römischen Prin- 
cipien annehmen , weil oflFenbar , um Geringeres zu übergehn , die unten zu 
besprechende Beschaifenheit der Orchestra wie auch die geringe Höhe der 
Bühne über diesem Parterre dafür spricht, dass das Theater zuletzt in römischer 
Weise construirt Avar und zu Aufführungen nach römischem Brauche verwen- 
det wurde. Inschriftlich bezeugt ist der Bau beider TTieater aus römischer Zeit 
($.Mommsen a. a. Orte No. 2229 u. 2241), für das grössere ist sogar der Name 
desBaimieisters, Marcus Artorius Primus, der Freigelassene des Marcus (Momm- 
sen No. 2238), bekannt, und mit Recht ist bemerkt, dass die Vermischung der 
Schemata des griechischen und des römischen Theaterbaus keineswegs für die 
vorrömische Construction der Theater , eher gegen dieselbe zeuge. Es bleibt 
deswegen immerhin am wahrscheinlichsten , dass der Bau wirklich erst in die 
römische Zeit fällt , und dass die Abweichungen von dem reinen Plane des 
römischen The<iters localen Einflüssen zuzuschreiben sind, einer zu der Zeit, wo 
Pompeji römische Municipalstadt war, unbestrittenen und überall noch er- 
kennbaren mannigfaltigen griechischen Bildung. 

Wenn wir die engen Grenzen der Darstellung in einem Buche mannig- 
faltig gemischten Inhalts nicht gar zu sehr überschreiten wollen , so müssen 
wir gewisse Gruudverhältnisse des antiken Drama und TTieaterwesens als be- 
kannt voraussetzen oder doch mit Ilin weglassung alles dessen, was nicht zu 
unserem nächsten Zwecke, der Erklärung der pompejanischen Theater gehört, 
in der gedrängtesten Kürze andeuten. 

Das griechische Drama, Tragödie sowohl wie Komödie , ist aus einer reli- 
giösen Festfeier im Culte des Bacchus hervorgegangen und hat durch die ganze 
Zeit seiner Entwickelung diese Entstehung und den Charakter einer religiösen 
FestUchkeit bewahrt. Der Träger dieser ursprünglich ländlichen Pestlichkcit 
war ein beim Weinlescfest umherschweifender Chor , der tanzbeglcitete Clior- 
liedcr zu Ehren des Gottes sang , welche wir uns nach der wechselnden Stim- 
mung der Weinlese bald ernster in Bezug auf den Segen des Gottes, bald 
heiter und ausgelassen denken dürfen, wenn es galt der berauschten Lust Aus- 

S* 



116 II. Drittes Capitel. 

druck zu leihen und dieselbe an allen Unbetheiligten auszulassen. Erst in 
späterer Folge trat dem Chor ein Einzelner als Eedner gegenüber , indem er 
von den Thaten und Erlebnissen des Bacchus erzählte , welche der Chor in 
seinen die Erzählung unterbrechenden Tanzliedern feierte. Schon wenn wir 
diesen ersten Keim des Drama betrachten , können wir uns vorstellen , wie 
seine Bedürfnisse einen Eaum schufen, der etwa ebenso die Elemente des 
späteren Theaterbaus enthielt, wie jene von Rede unterbrochnen Tanzlieder 
eines bacchisch schwärmenden Chors die Elemente einer vollendeten Tragödie. 
Den Redenden, Erzählenden auf ein Gerüst zu stellen, «damit er besser gesehn 
und gehört werden möge , lag zu nahe , als dass wir nicht annehmen sollten, 
dies sei fast von Anfang an gethan. Ist ja doch der vielbekannte Karren des 
Thespis Nichts, als ein auf Räder gestelltes Bretergerüst , und dies wieder 
Nichts als die erste Bühne. Der Chor dagegen brauchte weder einen erhöhten 
Standort, noch wäre derselbe ftlr eine irgendwie zahlreiche Menge von Choreuten 
so leicht zu beschaffen gewesen , für ihn ist der natürliche Boden der zurei- 
chende Tanzplatz. Dass sich die Tänze des Chors, sobald sie zu der Erzählung 
des Redenden im leisesten Bezug standen , wie von selbst in einem Verhältnis» 
zu der Urbühne bewegten, begreift sich ; denkt man sich aber die zuschauende 
Menge in der natürlichen KreisstcUung um Redenden und Chor versammelt 
und diesen Menschenkreis an der einen Seite durch das Bühnengerüst abge- 
schnitten , so hat man das Grundschema des griechischen Theaters in seinen 
drei Theilen , der Skene (Bühne) , der Orchestra (Tanzplatz des Chores) und 
dem um diesen Halbkreis geschlossenen Theatron (Zuschauerraum) vor sich 
und sieht, wie diese Form des Raumes mit den Bedürfnissen der Darstellung 
zusammen entstanden ist. Man braucht eigentlich nur den Zuschauerraum, wie 
wir sagen, amphitheatralisch erhoben zu denken, und das Theatergebäude ist bis 
auf die Decorationen fertig, die nie eine grosse Rolle im Alterthtim gespielt haben. 

Doch zurück zum Drama. Einer ferneren Entwickelungsstufe gehört 
es an, dass an die Stelle der Rede oder Erzählung des Einzelnen Rede und 
Gegenrede, der Dialog trat und damit das eigentlich Dramatische , welches die 
Begebenheit aus erzählter Vergangenheit in handelnde Gegenwart rückt. 
Hiezu gesellte sich in natürlichster Weise bald , dass die von Anfang an be- 
liebte Mxmimerei bis zu einer wenn auch nur angedeuteten Costumirung der 
Dialogisten im Sinne und Charakter der von ihnen dargestellten Personen er- 
weitert und gesteigert wurde. 

Der auf diese Weise entstandenen dramatischen Handlung wurde bei 
ihrem Erstarken der ursprüngliche Kreis von Gegenständen des dionysischen 
(bacchischen) Mythus zu eng ; es ist uns als ein Act der Entwickelung der 
Tragödie überliefert, dass sie diesen Kreis verUess, freilich zunächst zum nicht 
geringen Erstaunen der dionysischen Festversammlung , die plötzlich » Nichts 
vom Dionysos a mehr in der dramatischen Aufführung fand. Sowie aber der 
erste Stoff der Tanzlieder mythisch gewesen war, so blieben durch alle Ent- 



I 



Die Öffentlichen Gebäude. 1 1 7 

Wickelung der Tragödie hindurch die Stoffe mit wenigen Ausnahmen mythisch. 
Der Chor aber , wenngleich seine Personen in die Fabel verflochten wurden 
lind sein Auftreten bis zu einer Theilnahme an der auf der Bühne sich ent- 
wickehiden Handlung sich steigerte, erhielt wesentlich die ursprüngliche reli- 
giöse Bedeutung der ganzen Festlichkeit aufrecht. 

Hieraus ergiebt und erklärt sich die Haltung der Chorgesänge , die ent- 
weder als religiöse Lieder oder in einer reflcctirenden Haltung der eigentlichen 
Handlung gegenüber erscheinen , in die der Chor verhältnissmässig selten dia- 
Ic^isirend oder gar thätig eingreift ; hieraus erklärt sich ferner , dass während 
allmälig die Handlung und der eigentliche Dialog in die Hände von fach- 
mässigen Schauspielern überging , deren Zahl sich auf drei , aber nicht höher 
steigerte, unter welche die Rollen vertheilt wurden , der Chor fortdauernd aus 
Borgern bestand , welche zu den aufzuführenden Liedern und Tänzen eigens 
eingeübt wurden. Und sowie der Chor von Anfang an nicht auf dem Schau- 
geräste des Redners oder der Dialogisten erschienen war, so betrat er in 
Griechenland nie dauernd die eigentliche Bühne, sondern behielt seinen Platz 
vor derselben , zwischen Bühne und Auditorium in der halbrunden Orchestra, 
in der ihm, um die Tanzbewegungen zu erleichtem, eine eigene niedrige 
Bühne, die lliymele , erbaut wurde , die man bis in die neueste Zeit sehr irr- 
thümhch für einen Altar in der Mitte der Orchestra gehalten hat. 

Aus den angedeuteten Verhältnissen geht nun auch hervor, dass die drama- 
tischen Aufführungen als öffentliche religiöse Festlichkeiten keineswegs all- 
abendlich wie bei uns stattfanden, sondern in Griechenland nur an den Festen 
des Gottes, dem sie ursprünglich galten, in Rom an unbestimmten Festen, welche 
meistens beim Amtsantritt oder um sich zu einer Wahl zu empfehlen, aber auch 
bei Leichenfeiern reiche und ehrgeizige Bürger dem Volke gaben. An den Bacchus- 
festen aber füllten dafür auch die dramatischen Aufführungen nicht ein paar 
Abendstunden, sondern den ganzen Tag, eine ganze Reihe von Dramen wurde 
nach einander aufgeführt und zwar im Wettkampf mit einander um drei Ehren- 
preise, welche eigens verordnete obrigkeitliche Preisrichter zuerkannten. Die 
t^nsequenzen dieser Tagesaufführungen, die aus anderen Qründen auch in 
Kom Sitte waren , greifen viel weiter in das ganze Theaterwesen ein , als man 
auf den ersten Blick glauben sollte, wie wir dies unten anzudeuten versuchen 
wollen. Aus dem religiösen und festlich - öffentlichen Charakter der drama- 
tischen Aufführungen erklärt sich auch das Bedürfniss weit grösserer Theater 
als wir sie kennen. Griechenland hat Theater, welche 60 — 80,000 Menschen 
fassten, und selbst das Theater eines Städtchens wie Pompeji fasste 5,000 Zu- 
schauer, was sich genau angeben lässt, da die Sitze von 1 6" Breite einzeln ab- 
gegrenzt sind. Aus dieser Grösse der Theater und aus den Tagesaufführungen 
ergiebt sich nun wieder die Unthunlichkeit der Bedeckung der Theaterge- 
bäude, dieselben waren also offen oder doch nur, nach einer in Campanien 
gemachten Erfindung, durch ein an aufgerichteten Masten übergespanntes Zelt- 



118 II. Drittes Capitel. 

dach (velum, vela) gt*gcii den Brand der Sonne und einen plötzlichen nicht zu 
starken llegenguss geschützt. Wir werden unten von dieser Einrichtung^ deren 
Reste deutlich an unserem grösseren Theater (Fig. 98 u, 1Ö3) enthalten sind und 
die man trotz der immensen Grösse der Gebäude selbst auf Amphitheater wie 
das Colosseum in Rom anzuwenden wusste, einiges Nähere nachtragen. Aus 
derselben Grösse der Theater und aus dem Tageslichte , welches den Auffüh- 
rungen leuchtete und jede eigentliche auf künstlicher Lampenbeleuchtung be- 
ruhende Theaterillusion namentlich im Decorationswesen fast ganz aufhob, 
endlich aus dem erhabenen Stil der tragischen Darstellung erklärt sich eine 
Vermummung und Y^rklcidung der Schauspieler, welche sich mit der bei uns 
gebräuchlichen gar nicht vergleichen lässt. Namentlich der Gebrauch der 
Masken, welche theils den Charakter der Person in scharfen und grossen Zügen 
darstellten und auf grosse Entfernungen hin sichtbar machten, für die jedes 
Mienenspiel verloren gegangen sein würde, theils zur Verstärkung des Schalles 
der Stimmen durch ein im geöffneten Munde angebrachtes kleines Sprachrohr 
dienten, theils endlich vei-wendet wurden , um durch einen hohen Haaraufsatz 
(den Onkos) das Maass der handelnden Personen zu erhöhen , was war durch 
kleinere Verhältnisse der dccorativen Umgebung vermöge unserer künstlichen 
Beleuchtung erreichen können. Demselben Zwecke dienten ausserdem dick- 
sohlige Schuhe, die bekannten Kothurne , während auch der Umfang der Per- 
son , welche durch blosse Vermehrung ihrer Höhe schmächtig und hager er- 
schienen wäre, durch Ausstopfung und Auspolsterung, mit der eine Verlängerung 
der Arme durch Handschuhe verbunden war, nachgeholfen wurde, welche 
endlich reichfaltige , bis auf die Sohlen reichende Gewänder umhüllten. Eine 
nothwendige Folge dieser Costumirung war die geringe Beweglichkeit der 
handelnden Personen und die damit übereinstimmende maasshaltende Ruhe imd 
geringe Bewegtheit der Handlung der griechischen Tragödie. Die beweglichere 
Komödie hatte eine ungleich geringere Ausstaffirung der Person. 

Soviel wird als allgemeine Einleitung genügen , da manches Andere sich 
füglicher an die Betrachtung der Theatergebäude Pompejis anknüpfen lässt, 
zu der wir uns wjenden. 

a. Das grosse Theater. 

Wir haben drei Haupttheile des Theaters zu unterscheiden : 1 . den Zu- 
schauerraum, das Theatron im engeren Sinne, das Koilon der Griechen , cavea 
der Römer, 2. den Platz des Chores, die Orchestra, und 3. den Platz der Schau- 
spieler, die Bühne, scena. 

Wenden wir unsere Aufiuerksamkeit zuerst auf den Zuschauerraum. Der 
Zuschauerraiun bildet in der Regel einen Halbkreis oder einen etwas grösseren 
Kreisausschnitt, dessen Schenkel aber bei unserem ITieater hufeisenförmig in 
einer fast graden Linie gegen die Bühne verlängert sind. Derselbe ist in eine 



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Die öffentlichen GebUudc. 



119 



Folge ganz umlaufender Sitzstufcn zerfellt , welche , wie schon Ixnncrkt , bei 
griechischen Theatern an den Abhang eines Hügels angelehnt werden, während 




Figur 99. Plan des grossen Theaters. 

(Der Plan ist in zwei Hälften getheilt, dieienipje rechts zeigt alle Sitzreihen und die Bühne 
mit dem Fussboden bedeckt, diejenige links (furch Hin wegnähme der zweiten und der summa 
eacea die Gänge und Treppen im InneVn und die Substructionen der Bühne.) 

das römische Theater dieselben auf mächtigen Bogen - und Gewölbconstructio- 
ncn, wie wir sie bei dem Amphitheater kennen lernen werden, über den 
ebenen Boden zu erheben pflegt. In unserem Theater finden wir beide Bau- 
weisen vereinigt ; 80 weit die linke Seite unseres Planes schraffirt ist, lehnen 
sich die Sitzstufen an den Abhang des Stadthügels , während die obersten vier 
Sitzreihen , welche auf dem Plane links fehlen , auf einem daselbst mit l be- 



1 20 II. Drittes Capitel. 

zeichneten gewölbten Comdor ruhen und mich hinten durch eine doppelte 
Mauer , die wieder einen gewölbten Gang 2 zwischen sich fasst , abgeschlosBen 
erscheinen (vgl. auch die Ansicht Figur 98 und den Durchschnitt Figur 103). 
Die sämintlichen Sitzstufen werden nun in doppelter "Weise eingetheilt und 
zerfiQlt. Erstens durch eine Anzahl* breiterer Umgänge (diazomata, praecinctio- 
nes) im Sinne unserer Eänge, und zweitens durch eine Anzahl kleiner Treppen, 
welche von der Orchcstra bis zu der Höhe der Sitzreihen emporlaufend die- 
selben in Keile {kei^kides , cunei) zerfallen. Das pompejanische Theater wird 
durch eine Praecinction 3 hinter den ersten vier Sitzreihen und durch den 
gewölbten Gang 1 in drei Känge (caveae) und durch sechs Treppen 4 in 
sieben Keile (cunei) getheilt. Der Zweck dieser Eintheilung ist ein doppelter. 
Zunächst und hauptsächlich diente sie , um die Zuschauer zu ihren Plätzen zu 
leiten und selbst bei eiligem Verlassen des Theaters, z. B. bei plötzlichem Regen 
die versammelte Menge ohne zu starkes Gedränge rasch hinauszuführen. Jede 
der erwähnten sechs Treppen entspricht nämlich einer Ausgangsthür (vomiio- 
rium) auf den gewölbten Umgang 1 5 (vgl. Figur 98 und 103), so dass dir 
mittleren Sitzreihen von der ersten Praecinction bis zu der Hintermauer sechs 
Ausgänge haben , während diesen für den obersten Eang eine gleiche Anzahl 
in den Corridor 2 ausmündender Ausgänge 6 entsprechen, und der unterste 
Bang sich theils in die Orchestra und durch deren Ausgänge (Parodos) 7, 
theils durch zwei eigene an den Enden der Sitzreihen angebrachte Thüren S 
(s. Figur 103) entleerte, welche ebenfalls auf den gewölbten Ausgang der 
Orchestra (9 im Plan links) führten. Der zweite Zweck der Eintheilung der 
Sitzplätze entspricht dem der Rangtheilung in unscrn Theatern. Die untersten 
Seihen, der Bühne am nächsten gelegen, sind natürlich die vorzüglichsten, und 
schon in Griechenland waren diese für die Preisrichter und die Behörden reser- 
virt , ohne dass über eine bestimmte Abtrennung dieser reservirten Reihen von 
den übrigen Etwas bekannt wäre. In Bom war anfangs keine derartige Unter- 
scheidung vorhanden , nach und nach aber wurde sie ein - und von Augustus 
mit der grössten Strenge durchgeführt. Nach der kaiserlichen Theaterordnung 
in Eom, die ihrem Wesen nach für das Theater der Provinzen galt, waren die 
untersten Reihen für die Senatoren , die. folgenden vierzehn für die Ritter be- 
stimmt, während die media cavea, der mittelste Rang, den Bürgern vorbehalten 
war und dem gemeinen Volke sowie den Frauen die summa cavea, die Gallerie, 
übrig blieb. In unserem Theater können wir sehr deutlich die drei Ränge un- 
terscheiden. Der unterste, die infima cavea, hat vier Stufen. Diese sind jedoch 
nicht Sitzstufen der Art wie die unten zu besprechenden der media cacea, son- 
dern sie sind nicht unbeträchtlich breiter und nur von der halben Höhe dieser, 
dienten also offenbar nur, um die Ehrensessel , die Bisellien der Behörden und 
der vornehmen Begünstigten zu tragen. Abgeschlossen wurden sie nach hinten 
durch eine niedrige Mauer (s. 3' Figur 103) und auf ihr durch eine dünne Schranke 
oder Brüstung von Mannor, welche, wie die meisten Stufen , die ebenfalls von 



Die öffentlichen Gebäude. 1 21 

Mannor waren, verschwunden , aber ihrem Platze nach sicher zu erkennen ist. 
Auf diesen Plätzen werden wir uns in Pompeji die Duumvirn, die anderen 
Beamten, die Decurionen und die Augustalen sitzend zu denken haben. Drei 
kleine Treppen von je drei Stufen führten durch Oeffnungen in der Brüstung 
auf die erste Praecinction , welcher der erwähnte gewölbte Ausgang 8 ent- 
sprach. Der zweite Sang, die media cavea, für die Bürgerschaft bestimmt, ent- 
hält zwanzig Sitzreihen. Ueber die Einrichtung der Sitzstufen werden wir bei 
der Besprechung des kleinen Theaters , in dem sie besser erhalten sind, reden, 
hier bemerken wir nur, dass die Stufen der Treppen in die Sitzstufen der Art 
eingehauen sind , dass sie deren halbe Höhe haben ; es müssten ihrer also bei 
fwanzig Sitzstufen vierzig sein, von denen aber vier in Abzug kommen, da die 
beiden obersten Sitzreihen (s. Figur 103) höher liegen als der Fussboden des 
Corridors 1 und deshalb , anstatt in Treppenstufen zerlegt zu sein , den Vomi- 
torien gegenüber ganz dorchbrochen sind. Auf den Sitzreihen der media cavea 
waren die einzelnen Plätze durch leichte Linien von einander geschieden , auf 
den Einlassmarken (iesserae) war nun cavea, cunetts und Platz für jeden Zu- 
schauer angegeben und nach dieser Anweisung nahmen die Zuschauer ihre 
Plätze ein oder wurden sie von den Billeteuren (locarii) auf dieselben geführt. 
In der Mitte der untersten Stufe der media cavea stand eine Statue, welche auf 
Decret der Decurionen dem M. Holconius Rufus , Rechtsduumvir , Militärtri- 
bunen und Patron der Colonie, errichtet war. Die vier Löcher, in denen der 
Fuss der Erzstatue befestigt war, sind erhalten und neben ihnen steht die durch 
die Statue unterbrochene Dedicationsinschrift (Mommsen No. 2232). Etwas 
links von diesen vier Löchern auf der erhöhten nächsten Stufe sind vier andere, 
deren Bestiminung jedoch nicht mehr auszumachen ist. Endlich der dritte 
Bang, die summa cavea, hatte vier Sitzreihen hinter einem schmalen Umgang 
auf der Vordermauer des gewölbten Ganges, der gegen die media cavea abge- 
gittert war, um das Herabstürzen der diesen Gang Betretenden zu verhindern. 
Vielleicht befand sich auf der Platfonn über dem Corridor 2 noch ein Rang, 
auf dem jedoch nur zwei hölzerne Bänke gestanden haben könnten. Wahr- 
scheinlicher aber war diese Platform frei und bot den Raum für diejenigen 
Arbeiter, welche das velum, das Zeltdach, aufzuziehn hatten. In der Hinter- 
wand der summa cavea nämlich sind die mächtigen Stein 
ringe erhalten, durch welche die in der obersten Sitzstufe 
befestigten Masten gesteckt waren, an denen das Zeltdach 
hing. Diese Steinringe und ein beispielsweise in einem der- 
selben aufgerichteter Mast ist schon aus der Ansicht Figur 98 
und dem Durchschnitt Fig. 1 03 bei a ersichtlich, zur näheren 
Betrachtung bieten wir in Figur 1 00 die besondere Abbildung 
eines dieser mächtigen Steinringe mit dem in ihm steckenden 

«. ""T • . Mastbaum. Lieber die Art, wie an diesen Masten das Zeltdach 
Figur 100. Stemnng . ,.,.., • i i 

und Mastbaum. aufgezogen wurde, sind wir nicht unterrichtet, und, wenn- 




122 



II. Drittes Capitel. 



gleich man sich wohl ungefkhr vorstellen mag, wie dies beschaff wurde, so bleibt 
es doch immerhin ein Räthsel, wie es möglich war, ohne mittlere Stützen, die 
sicher nicht vorhanden waren, Zeltdächer von der Grösse auszuspannen, wie sie 
schon das Theater in Pompeji, das Amphitheater daselbst oder gar ein Amphi- 
theater wie das Colosseum in Rom erforderte. Uebrigens ist nur noch zu bemerken, 
dass, nachdem man in Rom anfangs den Gebrauch der von den weichlichen Campa- 
nem erfundenen Zeltdächer verschmähte, dieselben später dort nicht allein auf- 
genommen, sondern mit dem fabelhaftesten Luxus hergestellt wurden, z. B. aus 
Seide , die damals mit Gold aufgewogen wurde, oder von Nero aus purpurnem 
Zeuge, in welches der Sonnengott auf seinem Gespann eingestickt war. Das 
Aufziehn und Ausspanpen des Zeltdaches über dem Amphitheater in Rom be- 
sorgten Matrosen, und dass auch in Pompeji Seeleute hiezu angewendet wurden, 
ist so natürlich, dass man es fast als sicher annehmen kann. — 

Gegen die Bühne zu bildete eine schräg herablaufende Mauer {ß Fig. 103) 
den Abschnitt der Sitzplätze, während die Umfassungsmauer auf gleicher Höhe 
mit der Platform des Zuschauerraums bis an die ebenfalls gleich erhobene Hin- 
terwänd der Bühne fortgeführt wurde (Figur 103). Auf diese Weise war das 
Theater rings von einer starken Mauer eingeschlossen, durch welche die Vomi- 
torien führten, und die nach aussen von einer durch Bogen verbundenen Pfei- 
lerstellung zum Tragen der Corridore verstärkt wurde, wie die folgende Abbil- 
dung, eine äussere Ansicht des Theaters von der Seite des Forum trianguläre 
her deutlich machen wird. 




Figur 101. Aeussere Ansicht des Theaters. 

Wir sehn grade vor uns den jetzt zugemauerten Haupteingang und nach rechts 
in beiden Stockwerken die Wölbung, in welcher die auf dem Plan angegebene 
Treppe zur summa cavoa emporführte. 

Nächst dem Platze der Zuschauer ist es die Orchestra , der wir eine kurze 



r 



i . Die öffentlichen Gebäade. 1 23 

! 

I Bpsprechung zuzuwenden haben. Es ist die Orchestra, welche unserem Parterre 
! entspricht, wie wir in der Einleitung gezeigt haben, der von Anfang an den 
Tiiuen des Chores bestimmte Ort, der eben daher seinen Namen hat. Begrenzt 
einerseits von den Sitzstufen und andererseits von der Bühne, stellt die 
Orchestra vermöge der verlängerten Schenkel der Sitzreihen im Theater von 
Pompeji die Hufeisenform dar, und ist ein durchaus ebener mit Mamiorplattcn 
gedeckt gewesener Baum , in welchem in griechischen Theatern die Thymele 
genannte niedrige Bühne für den Chor errichtet wurde. Der römischen Tragö- 
die fehlten die Chortänze in der Orchestra und deshalb wurde in Rom zuerst 
wie bei uns die Orchestra zu Sitzplätzen für Zuschauer und zwar zu Sitzplätzen 
für die ausgezeichnetsten Personen, namentlich für den Kaiser verwendet. Mit 
dieser Veränderung in der Bestimmung der Orchestra hangt eine Veränderung 
in der Anlage der eigentlichen Bühne zusammen, welche in griechischen ITiea- 
tem 7 — 8 Fuss über die Orchestra sich erhob. Diese Höhe musste natürlich 
gemindert werden, wenn das Schauspiel aus der Orchestra ungehindert gesehn 
wer4en sollte. Nun finden wir die Bühne in Pompeji, soweit sich aus dem 
aDein übrig gebliebenen steinernen Unterbau mit ziemlicher Gewissheit ab- 
nehmen lässt, nur 1"50 über den Boden der Orchestra erhoben. Es scheint 
hieraus heivorzugehn, dass im Theater von Pompeji wenigstens in der Zeit, aus 
der seine letzte Gestalt herrührt, nicht griechische Tragödien mit Chören, son- 
dern römische ohne dieselben gegeben wurden, dass folglich die Orchestra 
wesentlich bereits als Parterre benutzt wurde , womit natürlich die Möglichkeit 
nicht bestritten werden soll , dass auch griechische Stücke aufgeführt und bei 
diesen Chöre in die geräumte Orchestra geführt wurden. In diesem Falle dien- 
ten die Eingänge, deren einer auf der linken Hälfte des Plans mit 7 bezeichnet 
ist, zum Einmarsch des Chores und zwar aus einem hinter der Bühne gelegenen 
offenen Hofe A oder aus dem mit B bezeichneten grossen Saale , den wir als 
Garderobe betrachten können. Hier müssen wir gleich eines Umstandes Er- 
wähnung thun, der anscheinend erst bei der Besprechung der eigentlichen 
Bühne berücksichtigt werden sollte. Aus dem Hofe A führt eine sanftgeneigte 
Rampe C von 3 Meter Breite bei 8 Meter Länge durch ein breites TTior in der 
Hinterwand des Bühnengebäudes auf die Bühne. Diese Ilampe kann unmög- 
lich nur dazu gedient haben , um dem einzelnen Schauspieler zur Bühne Zu- 
gang zu schaffen. Selbst wenn wir nicht annehmen wollten , was gewiss anzu- 
nehmen ist , dass die Schauspieler vor und nach ihrem Auftreten sich in dem 
mit D bezeichneten Räume unmittelbar hinter der Scenenwand aiifhielten, 
Milrde eine einfache Treppe genügen , um denselben vom Saale B aus Zugang 
auf die Bühne zu verschaffen. Die Eampe aber , welche eine solche Treppe 
ersetzt , kann nur den Zweck haben , allerlei chorartigen Aufzügen ein wohl- 
geordnetes und effcctvolles Auftreten zu ermöglichen. Solche Aufzüge kennt 
auch das griechische Theater , wir brauchen nur an den Siegeszug Agamem- 
non's in Aeschylus' gleichnamigem Stücke zu erinnern, aber sie hatten hier 



124 II. Drittes Capitel. 

ihren Platz in der Orchestra , in welche sie durch die Parodos des Chores ein- 
zogen. Das Vorhandensein der Kampe C also ist ein Argument mehr für die 
Annahme, dass unser pompejanisches Theater wesentlich zu Aufführungen 
nach römischer Sitte benutzt wurde. 

Was nun endlich drittens die Bühne selbst anlangt, so haben wir hier die 
stärksten Abweichungen von den Vorstellungen zu bemerken , welche uns ge- 
läufig sind. Der erste Blick auf unseren Plan zeigt uns eine starke Abweichung, 
die Bühne ist ungleich weniger tief und im Verhältniss viel breiter als unsere 
Bühnen. Bei der geringen Zahl von Schauspielern , welche im antiken Drama 
zugleich auftraten und bei der Gemessenheit der Handlung wäre «ine grosse 
Tiefe der Bühne durchaus überflüssig und sie wäre bei dem Mangel der Decke 
zugleich akustisch schädlich gewesen. Die Bühne in Pompeji von 33X6" 50 
Grösse erscheint als ein schmaler Streifen, und doch hat sie, mit anderen Büh- 
nen des Alterthums verglichen, noch eine verhältnissmässig nicht unbedeutende 
Tiefe, um den erwähnten Aufzügen Baum zu gewähren. Die vollständig erhal- 
tenen Substructionen zeigt die linke Hälfte unseres Planes unbedeckt. .Der 
Fussboden ruhte hinten auf einem Vorsprung der Scenawand s , in welcher die 
Oeflfnungen für die Aufnahme der Balken vorhanden sind, vom auf einer mit 
dem Prosceniimi p parallel laufenden niedrigen Mauer m und auf den das 
Proscenium stützenden Strebepfeilern /?', und wurde in der Mitte seiner grossen 
Länge .wegen- durch kleine querlaufende Verbindungsmauem v getragen. Der 
Baum zwischen m und b ist in der Mitte zwischen den Verbindungsmauern t? 
ganz leer; man hat angenommen, dass aus ihm durch Versenkungen die 
Geistererscheinungen aufstiegen , was aber wegen der sehr geringen Tiefe des 
Baumes (s. Figur 103) und wegen der Trennung durch die Mauern v unstatt- 
haft ist. In den Bäumen rechts und links von der Mitte hat man auf dem Plane 
mit / bezeichnete starke Steinblöcke gefunden, in welche ein grosses mit Eisen 
ausgeschlagenes Loch gehauen ist. In diesem Loch will man bei der Ent- 
deckung die mit einem eisernen Zapfen endenden Beste starker Balken auf- 
recht stehend gefunden haben. Ist dieser Fundbericht authentisch, so kann 
über die Bestimmung jener Steinblöcke kein Zweifel sein, sie müssen gedient 
haben, um die unten bei Besprechung der Decoration näher zu erwähnenden, 
unsem Coulissen entsprechenden prismatischen Trigonen zu tragen, welche 
auf jenem Zapfen gedreht den Decorationswechsel bewirkten. Zu diesen Ma- 
schinen gelangte man auf der kleinen Treppe x , welche unser Plan zeigt. In 
dem ebenfalls leeren Baum zwischen p und w, in den von beiden Seiten Trep- 
pen hinabführen und der durch eine namentlich in Figur 103 in /> deutlich 
erkennbare gewölbte Einne nicht unbedeutend vertieft ist , steht eine Reihe 
von gemauerten viereckigen Behältern c, deren Zweck nur durch die Annahme 
erklärt werden kann, dass in ihnen die Maschinen zum Aufziehn des Vor- 
hanges angebracht waren. Da nämlich, wie schon vielfach erwähnt, die Bühne 
unbedeckt war , konnte der Vorhang nicht wie bei uns von oben herabgelassen 



Die öffentlichen Gebäude. 



125 




Figur 102. Vorrichtung zum Heben des 
Vorhanges. 



und nach oben emporgezogen werden, er musste also bei beginnendem Spiel sich 
senken, wie dies männiglich aus den Aufführungen der Antigene auf unseren 
Bühnen bekannt ist. Um ihn aber zu heben, musste eine von unseren Vorrich- 
tungen ganz verschiedene Maschinerie erdacht werden. Nun nimmt Mazois an, 
und wir werden kaum umhin können , ihm zu folgen, dass eben die erwähnten 
gemauerten Behältnisse den Apparat enthielten und dass dieser folgendermassen 

eingerichtet war. In dem gegen 1 2' tiefen 
gemauerten Behältniss a, meint der ge- 
nannte Architekt, habe ein fast gleich 
hohes hölzernes Rohr i, in diesem ein 
zweites c und in diesem letzteren ein 
dünner , gleich langer Balken d gesteckt- 
Durch einen nicht näher zu bestimmenden 
Windeapparat seien nun der Balken und 
die hölzernen Rohre fernrohrartig aus 
einander emporgezogen worden. An der 
Spitze des Balkens , der also vermöge der 
angegebenen Windevorrichtung einige 30 
Fuss emporgehoben werden konnte, sei an 
einer über die ganze Breite der Bühne reichenden Stange e, die nach der Zahl 
der gemauerten Behälter von acht Balken unterstützt worden wäre, der Vorhang 
/befestigt worden. Indem nun auf ein gegebenes Zeichen alle acht Maschinen 
zugleich auseinander geschoben worden seien, habe sich mit ihnen der Vor- 
hang langsam gehoben, der, nachdem er durch die umgekehrte Bewegung wie- 
der gesenkt war , von einer zufallenden Klappe des Bühnenfussbodens ff, ähn- 
lich der Klappe , durch welche wir die Lampen des Prosceniums emporheben, 
völlig bedeckt worden wäre , so dass eine freie Communication zwischen der 
Bühne und der Orchestra über die Treppen (w im Plan) hergestellt war. 

Um das über den Zuschauerraum , die Orchestra und das Bühnengebäude 
Gesagte und noch zu Sagende zu recht klarer Anschauung zu bringen , theilen 
wir in der 103. Figur einen Durchschnitt des grossen Theaters mit, auf wel- 
chem die Bachstaben und Zahlen den im Plane gebrauchten grösstentheils 
entsprechen. Es ist demnach bezeichnet mit A die infirnUy B die media , C die 
^mim catea , mit 1 der gewölbte Corridor hinter der media cavea , auf dem 
die vier Sitzreihen der summa cavea ruhen, mit 2 der gewölbte Umgang hinter 
kr summa cavea, mit 3 die erste Praecinction liinter der infima cavea, mit 3' 
die Mauer hinter derselben; mit 4 sind die Treppen, welche die cunei tren- 
nen, mit 5 die Vomitorien der media cavea bezeichnet, welche in den Cor- 
ridor 1 fahren ; 6 sind die Vomitorien der summa cavea, 7 ist die Parodos der 
Orchestra, bei 8 finden wir eine der Thüren der infima cavea, welche der ersten 
Praecinction entspricht ; mit /? ist die schräge herablaufende Mauer , welche 
den Zuschauerraum von der Bühne trennt , bezeichnet und a steht neben dem 



126 



II. Drittes Capitel. 




ersten Steinring (s. 
Figur 100) nebst dem 
in ihm steckenden 
Mastbaum für das Ve- 
lum , weiter rechts 
sieht man auf glei- 
cher Höhe eine Eeihe 
dieser Steinringe. An 
dem Bühnengebäude 
ist mit p der Eauin 
bezeichnet , in den 
sich der Vorhang zu- 
sammenlegte. Die 
übrigen Einzelheiten 
mit Buchstaben zu 
bezeichnen und da- 
durch die Ansicht zu 
entstellen, ist über- 
flüssig erschienen ; 
Jeder kann sich nach 
dem Plan leicht selbst 
orientiren. 

Betrachten wir jetzt 
die eigentliche Bühne 
und ihre Decoratio- 
nen. Dass die Alten 
schon zu Aeschylus' 
Zeit ein sehr entwik- 
keltes Decorations- 
und Maschinenwesen 
hatten u. dass die De- 
corationsmalerei der 
Büline bedeutende 
Künstler beschäftig- 
te, ist freilich eine 
sichere Thatsache. 
Aber trotzdem unter- 
scheidet sich ihr De- 
corationswesen nicht 
unbeträchtlich von 
dem unsern. Da zu- 
nächst in der über- 



Die öffentlichen Gebäude. 



127 



wi^enden Mehrzahl aller Tragö- 
dien, deren handelnde Personen 
der Regel nach heroische Fürsten 
waren, der Ort der Handlung der 
Platz vor der königlichen Burg 
oder dem Palast des Fürsten war, 
so gestaltete man diese überwiegend 
hÄufige Hauptdecoration der Hin- 
terwand nicht durch Malerei , son- 
dern man bildete die Hinterwand 
der Bühne selbst, welche, wie oben 
bemerkt, die Höhe der summa ca- 
vea hatte , realer Weise als Facade 
des Eönigspalastes. Im römischen 
Theater hiess diese als Palastfacade 
gestaltete Hinterwand die scena 
itabiUs, die» ständige Decoration. c 
Diese reale Decoration aus Stein 
und Marmor finden wir auch in 
Pompeji, und die 104. Figur zeigt 
die Ruinen derselben. Ein ver- 
gleichender Blick auf den Plan 
lässt uns die Schönheit und den 
Keichthum dieser Facade ahnen. 
Dieselbe ist gedacht als ein Mittel- 
gebäude mit zwei Seitenflügeln. 
Das Mittelgebäude ist der eigent- 
liche Palast, in ihn führt die Haupt- 
thor, die reffia porta, durch welche 
diejenigen Personen des Stückes 
die Bühne betraten , welche zu der 
fürstlichen Familie gehörten. Der 
rechte Flügel stellt die Eäume der 
Frauenwohnung und der Wirth- 
ächaft dar und demgemäss pflegten 
Weiber und dienende Personen aus 
der rechten Nebenthür aufzutreten, 
während der linke Flügel die Gast- 
wohnung darstellte und deshalb 
fremde Personen durch dessen Thür 
die Bühne betraten. AUe drei Ein- 
gänge hegen im Hintergrunde von 







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128 



U. Drittes Capitel. 



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Nischen, die regia porta in einer grossen 
halbrunden Nische , in der links und rechts 
von der Thür eine Statuenbasis erhalten ist, 
die Nebeneingänge sind in kleineren vier- 
eckigen Nischen angebracht. Die Mauer- 
flächen zwischen den Eingängen waren mit 
Statuen geziert. Einen vollständigeren Ein- 
druck von der Pracht einer derartigen scena 
stabilis, als die meisten Leser sich durch Phan- 
tasieergänzung der Ruinen Pompejis werden 
machen können, erhalten sie durch die ne- 
benstehende restaurirte Ansicht der scena sta- 
Ulis von Herculaneum (s. Figur 1 05). 

So überwiegend häufig nun aber auch der 
Schauplatz der Tragödien vor dem Königs- 
I j 1 1 palast war, so sind doch auch, vom Satyrspiel 
ganz abzusehn, zahlreiche Fälle vorhanden, 
in denen der Schauplatz ein anderer war und 
in denen folglich zunächst besonders filr die 
Hinterwand andere Decorationen gefordert 
wurden. Diese anderen Decorationen konnten 
nur gemalte sein , und wir werden sie unter 
dem zu verstehen haben, was lateinisch die 
scena ductilis genannt wird, d. h. eine von 
beiden Seiten durch eine nicht nachweisbare 
Vorrichtung über die scena stabilis vorzu- 
schiebende Decoration, welche natürlich in 
der Mehrzahl vorhanden sein konnte und 
durch Wegziehn der vordersten nach beiden 
Seiten verwandelt wurde. Die Möglichkeit 
des Decorationswechsels selbst innerhalb des 
Stückes bei offenem Vorhang ist damit gege- 
ben, und dass ein solcher Decorationswechsel 
wirklich vorkam, dafür zeugt, um nur ein 
unzweifelhaftes Beispiel anzuführen, Sopho- 
kles' Aias , dessen Schauplatz im Anfang das 
Griechenlager, am Ende der einsame Mee- 
resstrand des Hellespont ist. Hier muss eine 
doppelte gemalte Hauptdecoration vorhanden 
gewesen sein. So viel von der Decoration der 
Hinterwand, welche im Alterthum noch mehr 
als bei uns von der überwiegendsten Wichtig- 



Die öffentlichen Gebäude. 1 29 

keit war. Was aber nun die Seitendecorationen betrifft , so leuchtet von selbst 
ein, dass diese bei der geringen Tiefe der Bühne bei Weitem nicht die Bedeu- 
tung hatten^ welche sie auf dem modernen Theater haben. Wir haben schon bei 
Besprechung derSubstructionen auf die Vorrichtung zur Herstellung der Seiten- 
decoration hingew^iesen , und es werden hier wenige Worte genügen, um den 
sinnreich einfachen Apparat zur Anschauung zu bringen. Derselbe bestand 
aus prismatischen Maschinen, auf deren drei Flächen a b c drei coulissenartige 
Decorationen gemalt waren und welche, mit dem Balken 
d in die oben beschriebenen Steinblöcke eingezapft , in 
ihnen durch eine Kurbel gedreht werden konnten, so 
/ . " * dass man auf die einfachste und schnellste Art, durch 

"/ ^y eine Umdrehung von 120^ die Fläche a oder b oder c 

: — ^ — \ . ._L^^J... den Blicken der Zuschauer darbietend, den Decorations- 
Wm Wechsel bewerkstelligte, wälirend die scena ductilis eben 
Figur J06. so rasch zur Seite gezogen wurde. Diese Coulissenprismen 

hiessen Trigonoi (Dreiecke) oder lateinisch versurae^ und 
die ganze Seitendecoration wegen ihrer Drehbarkeit die scena versilis. Es versteht 
sich wohl von selbst , dass die Malereien auf den drei Flächen des Prisma so 
gut nach dem Bedürfniss des darzustellenden Schauplatzes wechselten , wie die 
icena ductilis nach demselben gestaltet wurde , und dass daher die Annahme, 
die Fläche a habe die Decoration der Tragödie , b die der Komödie , c die des 
Satjrrspiels enthalten , unrichtig sein muss. Ob die versurae in der Mehrzahl 
Torhanden waren, ist eine schwebende Frage ; die Mehrzahl der Steinblöcke in 
den Substnictionen unseres pompejanischen Theaters scheint dafür zu sprechen, 
doch bleibt es immerhin möglich , zwei derselben für andere Maschinerien be- 
stimmt zu denken , da der Maschinenapparat des Alterthums nicht wenig ent- 
wickelt war. — 

Nach Besprechung der Decorationen bleiben uns nur noch wenige Punkte 
m erledigen. Dass der Verkehr zwischen der Bühne und der Orchestra durch 
die kleinen fünfstufigen Treppen w im Plane ermöglicht wurde, ist schon bemerkt. 
Während manches Andere uns zu der Annahme gedrängt hat , dass wesentlich 
Aufführungen nach römischer Sitte im Theater von Pompeji stattfanden, weisen 
diese Treppen wiederum auf Chöre und damit auf griechische Aufführungen 
hin; denn wozu einen Verkehr zwischen der Bühne und der Orchestra her- 
stellen, wenn die letztere nur Zuschauersitze enthielt? Die viereckigen Nischen 
in der Prosceniumsmauer waren nicht sowohl , wie man angenommen hat , für 
Statuen als zum Aufenthalt der Theaterpolizei bestimmt, welche an diesen 
Orten sitzend die ganze Zuschauermasse aufs Bequemste überblicken konnte. 
Zur Seite der Bühne (des Proscenium , Pulpitum oder Logeion nach antikem 
Ausdruck) sind zwei grosse Fenster F angebracht , um die Bühne , namentlich 
die Decoration der Hinterwand lebhaft zu beleuchten. Während in der Mehr- 
lahl der Fälle die handelnden Personen durch die drei Thüren der scena sta- 

Oreriieck, Ponpeji. ' ^ 



130 



II. Drittes Capitel. 



bilts auftrat^n^ konnten doch auch manche Fälle vorkommen^ in denen ein 
Schauspieler als von aussen , sei es aus der Stadt , sei es aus der Fremde kom- 
mend gedacht wurde ; für diese waren die Treppen 9 an der Seite des Pro- 
scenium angebracht , auf welche man durch den gewölbten Gang 8 von dem 
Hofe hinter der Bühne gelangte. — Durch die drei Thüren der scena sidbilis 
betritt man über zwei Stufen das Postscenium D , den Raum , in welchem die 
Schauspieler ihren Auftritt erwarteten. Im Plane sehen wir ausser der Mittel- 
thür, in welche die Rampe leitet , zu den Seiten in der Hinterwand noch zwei 
Thüren angebracht, welche jedoch vermauert sind, so dass der einzige Eingang 
durch die Mittelthür und über die Rampe ist. 

b. Das kleine Theater. 




Figur 107. Ansicht des kleinen Theaters. 

Das kleinere Theater links vom grossen, wenn man aus dem Hofe hinter 
der Bühne tritt, war ein bedecktes, ein theatrum tectum^ wie uns dies eine 



Die öffentlichen Gebäude. 



131 



über der in unserer Ansicht dargestellten Thür angebrachte und im Innern 
auf der Mauer wiederholte Inschrift (Mominsen No. 2241) bezeugt, die von der 
Erbauung dieses Theaters durch zwei von den Decurionen ernannte Zweimän- 
ncr (Duoviri) erzählt. Diese Bedachung des Theaters kann jedoch nur von 
HcJzconstruction gewesen sein , indem die Umfassungsmauern für eine Wöl- 
bung viel zu schwach sind^ und weil sich schwer begreifen lässt, wie man, 
falls das Theater überwölbt gewesen wäre , demselben das nöthige Licht ver- 
schafft hätte. Wir werden deshalb annehmen müssen, dass auf den Umfassungs- 
mauern eine Reihe von Säulen sich erhob , deren Plätze noch erkennbar sein 
sollen, auf denen der Dachstuhl ruhte, und welche das nöthige Licht ein- 
liessen. Diese das ganze Gebäude viereckig einschliessenden Mauern , welche 
die Bedachung bedingt, bieten die erste und auffallendste Abweichung von der 
gewöhnlichen Form der Theater, welche nach hinten mit der Rundung der 
Sitzreihen abschlössen, und diese Mauern schneiden zugleich die Hörner der 
Sitzreihen dergestalt ab, dass nur die vier Stufen der inßma cavea und die 
neun untersten der media cavea einen vollen Halbkreis bilden. 




Figur 10b. Plan des kleinen Theaters. 

Zur Erläuterung des Planes werden unter Verweisung auf die Beschreibung 
<le8 grossen Theaters wenige Worte genügen. Die Strasse rechts führt von dem 
s. g. Aescukpstempel auf ein Thor hin , welches man wegen der Nachbarschaft 
^ Theater das Theaterthor genannt hat. Von dieser Strasse, an der viele 



132 



II. Drittes Capitel. 



Läden, zum Theil Thermopolien (Schenken) liegen, wie sich das ans der Nähe 
des Theaters leicht begreift , führen die Eingänge in das kleine Theater , zu- 
nächst der in unserer Ansicht dargestellte , auf dem Plane mit A bezeichnete 
in die Orchestra zu den Stufen der inßma cavea und zu der ersten Praecinction 
nebst den beiden zur Seite auf dieselbe mündenden Treppen, denen nach oben 
keine Vomitorien entsprechen ; sodann der im Plan mit B bezeichnete Ein- 
gang in einen gewölbten Gang C, aus dem zwei neben einander liegende 
Thüren c c in den Corridor d hinter den Sitzen und durch diesen zu beiden 
Seiten zu zwei Treppen e e führen, auf welchen man zu einem oberen Corridor 
(über d) und zu den beiden Vomitorien der zweiten Cavea yy* gelangt. 

Den beiden genannten Eingängen in das kleine Theater entsprechen zwei 
gegenüberliegende Ausgänge A' und B ', deren ersteren wir auf der Ansicht 
bemerken; durch diese gelangt man in das grosse Theater und zwar durch Ä 
in den Säulenhof hinter der Bühne, durch B' in die gewölbte Parados der 
Orchestra und zu den Sitzen der infima cavea. Die Einrichtung des Zuschauer- 
raums entspricht bis auf die bemerkten Abweichungen und bis auf den Um- 
stand, dass eine dritte Cavea nicht vorhanden war, derjenigen des grossen 
Theaters. Auch hier finden wir eine infima cavea 1 von vier breiteren Sitz- 
stufen für die Honoratioren. Dieselben sind an ihren Enden schmaler über 
den Halbkreis hinausgebaut und hakenförmig zurückgebogen 2 , und dienten 
so zugleich als ansehnliche Treppe zur Praecinction 3 , welche durch eine hier 
erhaltene Marmorbrüstung mit drei Durchgängen von der infima cavea abge- 
trennt ist. Diese Brüstung wird an ihren Enden von den kräftig 
gehauenen geflügelten Löwen füssen Fig. 109 gestützt und abge- 
schlossen, während die an den Sitzreihen gegen die Bühne herab- 
laufende Mauer an ihrer Stirn durch eine knieende AtlanteniSgur 
abgeschlossen wird, welche auf den Ellenbogen eine Platte trägt, 
auf der eine Vase oder eine ,sonstige Decoration, vielleicht auch 
ein Candelaber gestanden haben mag Fig. 110. Die Arbeit an die- 
ser Figur, die mit der Masse des Theaters gleichzeitig zu setzen ist, 
gehört zum Besseren, wenigstens zum Kräftigsten, was Pompeji 
an Sculptur aufzuweisen hat. Ausser den durch sechs Treppen 
zu besteigenden Sitzreihen der zweiten Cavea 4 zeigt uns das 
kleine Theater Pompejis noch einige Zuschauerplätze, welche 
unseren Prosceniumslogen verglichen werden können , die s. g. 
Tribunalien über den Eingängen in die Orchestra, 5 5 auf dem 
Plan , zu denen man auf eigenen Treppen vom Proscenium aus 
gelangte. Der Eingang kann nur durch die Thilr D von der 
Strasse aus gewesen sein, so dass der Weg for die Zuschauer, 
denen diese Sitze reservirt waren , über die Bühne führte und 
durchaus von den Wegen der übrigen Zuschauer getrennt ist. Die- 
ser Umstand in Verbindung mit dem, dass in Rom diese Plätae 




Figur 109. 




Figur 110. 




Die öffentlichen Gebände. 1 33 

den vestalischeii Jungfrauen bestimmt waren ^ lässt uns annehmen^ dass sie in 
Pompeji für die Priesterinnen vorbehalten waren , deren wir zwei oberste («a- 
cerdos publica), Eumachia aus der Inschrift an ihrem Gebftude am Forum und 
Mamia aus ihrem Grabmahl, sowie eine Priesterin der Diana ebenfalls aus 
cmer Grabschrift kennen, wahrend wir ihrer eine grössere Zahl unzweifelhaft 
TOiaussetzen dürfen. 

^ Bevor wir den Zuschauerraum verlassen, müssen wir 

uns noch die Sitzstufen von Marmor, welche in diesem 
kleineren Theater fast vollständig erhalten sind, genauer 
betrachten. Die nebenstehende Abbildung zeigt einen 
Querdurchchnitt zweier Stufen, bei dem die Maasse an- 
I 111 Sitzstufen gegeben sind. Man sieht, wie die Sitzstufe nach vom 
etwas hoher als nach hinten ist, oder wie hinten eine 
um die ganze Sitzreihe eingehauene Vertiefung läuft. Diese diente den Füssen 
derer zur Unterstützung, welche auf der zweiten Stufe sassen, während der 
eigenthche Sitz auf der vorderen Hälfte der Stufe erhöht ist, um die Kleider 
der unten Sitzenden vor Beschmutzung durch die Füsse der oben Sitzenden zu 
bewahren, was um so nothwendiger war, da man das Theater im durchaus 
weissen Anzug zu besuchen pflegte, wovon allein das gemeine Volk der summa 
eacea, welches in grau ging, eine Ausnahme machte. Uebrigens brachte man 
sich entweder Sitzkissen mit, oder man faltete seinen Mantel als Polster zusam- 
men, denn pure Marmorstufen würden bei der Dauer der Aufführungen ' dem 
enragirtesten Theaterbesucher die Lust verdorben haben. Dass die einzelnen 
16" breiten Sitze durch leicht eingehauene Linien getrennt waren, ist schon 
bemerkt. Die Zahl derselben , die hier durch unmittelbares Zählen ermittelt 
werden konnte, ist 1500. 

Die sorgfältig mit wohlerhaltenen mehrfarbigen Marmorplatten belegte 
Orchestra bietet kaum einen anderen besonders zu bemerkenden Umstand, als 
dass in den Streifen, welcher die Sehne der untersten Cavea bildet, der ganzen 
Breite nach mit grossen bronzenen Buchstaben die Inschrift (Mommsen No. 2242) 

M. OLCONIVS. M. F. VERVS IlVIß. PRO. LVDIS 

eingelegt ist, welche einen Marcus Olconius Verus als Zweimann zur Ober- 
aufsicht der Spiele nennt, ohne dass sich recht klar einsehn liesse, welcher 
Grand vorgelegen haben mag, ihn auf diese sehr ausgezeichnete Weise allein 
lu nennen. Dass d^r halbkreisförmige TheU der Orchestra E bis zu der In- 
whrift zu Sitzplätzen gedient habe, ist sehr wahrscheinlich. 

Die Substructionen des Bühnengebäudes sind einfacher und weniger gut 
im Detail erhalten, als bei dem grossen Theater. Gegen die Orchestra schneidet 
eine glatte Mauer ohne Nischen ab, diese, eine Mittelmauer, kleine Verbin- 
dungsmauern und die Mauer der scena stabäts trugen hier wie im grossen 
Theater den Fussboden der Bühne. Von den Maschinen für Vorhang und Ver- 



134 



11. Drittes Capitel. 



suren ist Nichts vorgefunden. Die Scenenwand zeigt die bekannten drei Thü- 
ren nebst zweien kleinen d, welche nur als Durchgänge zu den Tribunalien 
gelten können und hinter die vorauszusetzende Seitendecoration fallen. Das 
Vorhandensein der drei Thüren in der Scenawand wie im grossen Theater 
macht es fast gewiss, dass wir in unserem Gebäude nicht ein reines Odeum fdr 
musikalische Aufführungen vor uns haben , sondern ein Theater , in dem dra- 
matische Spiele gegeben wurden, sei dies nun bei schlechtem Wetter, sei es vor 
einem beschränkteren Publicum. Auf dramatische Aufführungen weisen auch 
die Reste von Decoration der Scenawand hin, welche freilich nicht durch 
Architektur und Sculptur, sondern durch Malerei hergestellt waren. Beleuchtet 
wurde die Bühne durch die Fenster 6 6 , deren wir eines vergittert auf \mserer 
Ansicht wahrnehmen. Dass diese Fenster von so ansehnlicher Grösse sind, er- 
klärt sich aus der viel Licht wegnehmenden Bedachung des Theaters. Das 
Postscenium erhält durch vier Fenster in der Hinterwand e Licht und hat 
seinen Eingang in Z)' aus der Gladiatorencaseme, und zwar zunächst aus einem 
offenen von drei Säulen getragenen Saal JP, den wir in Ermangelung einer 
besseren Erklärung , entsprechend dem Saale B hinter dem grossen Theater, 
als Garderoberaum betrachten mögen. — Ei'wähnt werde schliesslich noch die 
Säulenhalle vor den Eingängen B, -4, D über dem sehr erbreiterten Trottoir der 
Strasse. Mazois allein hat diese Säulenhalle, aber er giebt nicht allein aufs Be- 
stimmteste die Existenz der einen , dunkeler gehaltenen Säule an , sondern be- 
schreibt diese so ausführlich , dass an einen Irrthum nicht zu denken ist Dass 
der Kaum eine Säulenhalle beinahe fordert, leuchtet ohne Weiteres ein. 

Nachdem wir die wesentlichen und erhaltenen Theile der beiden Theater 
Pompejis betrachtet und erläutert haben, bleibt uns noch ein Blick auf den 
Fundbericht. Im Allgemeinen wird nur von den oflfenbaren Spuren antiker 
Nachgrabungen im grossen Theater und von den deutlichsten Anzeichen ge- 
sprochen, dass die Theater, welche im Erdbeben vom Jahre 63 stark geUtten 
hatten, bei der Verschüttung noch nicht wieder so weit hergestellt waren, dass 
sie zu Vorstellungen hätten benutzt werden können. Schon hieraus ergiebt sich 
die UnWahrscheinlichkeit, dass in dem Theater tesserae, Einlassmarken, gefun- 
den worden sind ; diese Unwahrscheinlichkeit wird aber zur UnmögUchkeit 




Figur 112. Tesserae, 

durch den Umstand, dass Winckelmann die tesserae schon vor der Ausgrabung 
der Theater kannte. Nichtsdestoweniger bleiben dieselben, die jedenfalls in 
Pompeji gefunden sind, interessant genug, indem sie einen Beleg bieten, dass 



THE NE^ VOtJ,*: 

PÜBUC UdKAa\\ 

MTM, tINM 



1 




Die Öffentlichen Gebäude. 1 35 

die griechische Sprache in Pompeji in Gebrauch war , wenngleich keineswegs 
einen Beweis ftlr die Aufführung griechischer Tragödien, welchen man nament- 
lich aus der ersteren Tessera hat entnehmen wollen, auf der ausser dem auf die 
Sitzreihe bezüglichen griechisch und lateinisch wiederholten Zahlzeichen 12 
der Name des Aeschylus im Genitiv enthalten ist. Man hat diesen Namen, beson- 
ders verleitet durch eine unechte Tessera, auf der die Casina des Plautus ge- 
nannt ist , auf eine Aufführung einer aeschylei sehen Tragödie oder Trilogie 
bezogen, ohne sich an das Wunderliche , um nicht zu sagen Absurde der Aus- 
drucksweise zu stossen. Die richtigere Erklärung (von Wieseler) erkennt in 
dem Namen des Aeschylus ebenfalls nur einen Hinweis auf den Platz oder die 
Sitzreihe unter der Annahme, dass die Sitzrrthen mit den Statuen grosser 
Dichter geschmückt wafen. Zum Wenigsten wird man unter dieser Annahme 
die Ausdrucks'weise verständig finden. Die andere Tessera stimmt in der Local- 
bezeichnung (elfter Halbkreis) mit dieser Annahme überein. Beide haben auf 
der Rückseite eingekratzte Zeichnungen , von denen namentlich die der zwei- 
ten offenbar eine missglückte Darstellung der Cavea eines Theaters giebt. — 
Fast auf allen Wänden sind eingekratzte Inschriften gefunden, die aber sämmt- 
lich heutzutage unleserlich sind; eine von ihnen enthielt das Datum 751 Roms 
= 3 V. Chr. Geb. — Zwei Thonstatuen , einen Schauspieler und eine Flöten- 
spielerin dai*stellend, welche im Odeum gefunden worden sein sollen, staiimien 
nicht aus diesem, sondern aus einem benachbarten Hause. — 



Vierter Abschnitt. 
1. Das Ampliitheater. 

Von den Schauplätzen edler musischer Kunst führt uns unser A\'eg zu 
dem Schauplatze jener blutigen und grausamen Spiele , vor denen selbst das 
abgehärtetste moderne Geinüth schaudernd zurückbebt, und welche uns in ihrer 
Ausbildung eine der dunkelsten Nachtseiten des sinkenden Heidenthums zei- 
gen, zum Amphitheater, in welchem die Thierhetzen und die Gladiatoren- 
kämpfe stattfanden. Auch diese sind nicht in Rom heimisch; sowie die drama- 
tischen Spiele grösstentheils aus Griechenland , kamen die Gladiatorenkämpfe 
den Römern aus Etrurien zu , in welchem Lande des finsteren Aberglaubens 
und blutiger Cultusübung sie in ihrem Keime , aber auch nur in diesem mit 
religiösen Anschauungen zusammenhingen, deren Analoga wir freilich auch 
bei anderen Völkern, namentlich bei den Griechen wiederfinden. Aus Menschen- 
opfern auf dem Grabe der Edlen zur Verherrlichung des Todten und zur Süh- 
nnng der Manen gingen die Gladiatorenkämpfe hervor, indem man die Schlacht- 
opfer , zunächst gefangene Feinde , anstatt sie von Priesterhand erwürgen zu 
lassen , paarweise mit einander um Tod und Leben kämpfen liess. Dass diese 
Kämpfe zu einem Schauspiel wurden , welches sich d.en übrigen Schauspielen 



136 



II. Drittes Capitel. 



zur Ehre des Bestatteten einreihte, begreift sich, und eben so leicht verständ- 
lich ist es , dass dieses einer weiten Entwickelung Thor und Thür öflFnete , in 




Figur IM. Da» Amphitheater , innere Ansieht. 

der das anfängliche religiöse Element mehr und mehr zurück, das des Schau- 
spiels mehr und mehr in den Vordergrund trat. Natürlich hangt hiemit ein 
Wechsel des Locals zusammen , und es ist schon oben bemerkt , dass zunächst 
das Forum der Schauplatz der Gladiatorenkämpfe wurde; bis deren häufige 
Wiederholung und der massenhafte Zudrang des Volkes , welches in den Säu- 
lengängen und auf der Gallerie des Forum nicht mehr Platz fand , zur Errich- 
tung eigener Gebäude für diese Kämpfe nöthigte. — Aus Rom werden die 
ersten Gladiatorenkämpfe vom Jahre 488 d. Stadt (266 v. Chr.) gemeldet, Mar- 
cus und Decius Brutus gaben sie zu Ehren der Manen ihres Vaters , indem sie 
drei Paare mit einander kämpfen Hessen. Aber schon im Jahre 537 d. St. (217 
v. Chr.) gaben die drei Söhne des M. Aemilius Lepidus zu Ehren ihres Vaters 
dem Volke das Schauspiel von 1 1 Einzelkämpfen , welche drei Tage auf dem 
Forum dauerten, und bald darauf 552 d. St. (202 v. Chr.) Hessen die Söhne des 
Valerius Laevinus bereits 25 Paare gegen einander kämpfen. Seit dieser Zeit 
war der Geschmack an diesen blutigen Spielen so allgemein geworden, dass 



r 



Die öffentlichen Gebäude. 137 



liemlich jede Verbindung mit der ursprünglichen Veranlassung zerrissen ward 
und man dieselben wie andere Volksbelustigungen mit Triumphen, Gebäude- 
einweihungen und anderen Gelegenheiten verband, und dass ehrgeizige und 
reiche Männer dem Volke diese Schauspiele wie andere gaben, um sich für 
eine Wahl zu empfehlen oder um fOr eine solche ihre Dankbarkeit zu bezeigen. 
Ja in Campanien ging man so weit, bei Gastmählern wie Tänzer und andere 
Kunststückmacher auch Gladiatoren einzuführen, die auf Tod und Leben 
kämpften , während die Gäste schmausten, und deren Blut nach des Dichters 
Siüns Italiens (11. 51 .) Ausdruck die Tische besudelte. Trotz der wachsenden 
Lust an diesen Kämpfen blieb Bom lange ohne ein Amphitheater ; erst Julius 
Caesar Hess ein eigenes hölzernes Gebäude auf dem ,campti8 Martius errichten 
und zwar nicht sowohl für Gladiatorenspiele, als für die früh mit denselben in 
Verbindung gebrachten Thierhatze , die s. g. Jagden (venationes) , welche eine 
Zeit lang im Circus (in der Bennbahn) veranstaltet waren, aber etwa vom Ende 
der römischen Republik an mit den Gladiatorenkämpfen zusammen als Ergän- 
nmg blutiger Schau im Amphitheater stattfanden. Zu dieser Zeit fixirte sich 
auch der Name, welcher daher abzuleiten ist, dass, wie ein Blick auf den unten 
stehenden Plan zeigt, das Amphitheater gleichsam aus zwei mit der Oeffnung 
der Halbkreise gegeneinander gestellten Caveen besteht, denen das Scenenge- 
taade fehlt. Da aber , wie bereits früher bemerkt , im engeren Sinne die Zu- 
schauerräume allein den Namen Theatron führten, so heisst Amphitheatron 
wörtlich Bingsumtheater, bezeichnet also ein Gebäude , welches rings von Zu- 
schauerplätzen umgeben ist. Um aber für die Bewegung der Kämpfe und 
Jagden mehr Baum zu gewinnen , baute man die Amphitheater anstatt kreis- 
nmd als ziemlich gedehnte Ovale. Das erste bleibende , zum Theil aus Stein, 
zum Theil aus Holz bestehende Amphitheater baute in Bom unter August 
Statilius Taurus ; dasselbe brannte unter Nero ab und wurde von diesem restau- 
riit. Der Folgezeit aber erschien dasselbe nicht gross und prachtvoll genug, 
Vespasian unternahm und Titus vollendete das Amphitheatrum Flavium, das 
heute Colosseum oder Coliseo genannte gewaltige Gvebäude, welches über 
80,000 Zuschauer fasste. Die auf dasselbe verwendete Simmie soU so enorm 
gewesen sein , dass sie zmn Bau einer ansehnlichen Stadt genügt haben würde, 
12,000 Juden arbeiteten an demselben imd bei seiner Einweihung sollen nach 
der geringsten Angabe 5,000 wilde Thiere getödtet worden sein, worauf der 
Schauplatz durch hineingeleitetes Wasser in einen See verwandelt wurde , auf 
welchem man ein Schiffsgefecht, eine sogenannte Naumachie veranstaltete. — 

Die Municipalstädte folgten dem Beispiel der Hauptstadt, und wenngleich 
meinem sehr verjüngten Maassstab im Vergleich zum Colosseum, wurden an 
vielen Orten Amphitheater erbaut, deren Buinen viqjfach noch vorhanden sind, 
unter denen aber an Grösse unser pompejanisches Amphitheater einen nicht 
geringen , an Erhaltung den ersten Bang einnimmt. Es ist schon früher be- 
merkt, dass dasselbe, wie es sich äusserlich am leichtesten erkennen liess, zu 



138 II. Drittes Capitel. 

den ersten Entdeckungen in Pompeji gehört; aber erst in den Jahren 1812 
und 1813 wurde die Ausgrabung vollendet , welche das Gebäude in fast unver- 
sehrtem Zustande wieder an das Tageslicht brachte. Ein Blick auf den kleinen 
Stadtplan (Figur 5 S. 35) genügt, um über dessen Lage sich zu orientiren. Wir 
finden es im östlichen Winkel der Stadt und zwar so hart an die Stadtmauer ge- 
lehnt, dass die äussere Platform auf der Höhe der mittleren Cavea nur um f des 
Gebäudes umlaufen kann, und auf dem Reste seines Umfangs von der Stadtmauer 
unterbrochen wird. Wenn man auf der Strasse von den Theatern her dem 
Amphitheater naht, so präsentirt sich dasselbe in der Ansicht, welche diesem 
Abschnitt vorgeheftet ist. Links haben wir den Eingang zu dem als Forum 
boarium (Viehmarkt) betrachteten Platz , neben dem die wieder zugeschüttete 
Villa der Julia Felix liegt, rechts liegen unausgegrabene TheUe der Stadt unter 
ihrer Aschendeckc. Grade vor uns dehnt sich das weite Oval des Amphithea- 
ters, nach aussen von einer Seihe Bogen getragen, deren mehre als Vomito- 
rien der mittleren Cavea durchbrochen sind, während wir in der Mitte eine der 
vier Treppen sehen, auf denen man zu der auf der Höhe der mittleren Cavea 
umlaufenden Grallerie oder Platform gelangt. Ueber diese erhebt sich die oberste 
Cavea auf einer zweiten Bogenstellung, innerhalb deren eine Anzahl von Trep- 
pen auf die oberste Platfonn und die Höhe der summa cavea führt. In dieser 
Ansicht erscheint das Gebäude , obwohl von bedeutendem Umfang , so doch 
von verhältnissmässig geringer Höhe. Der Grund hievon ist , dass dasselbe fast 
eben so tief in die Erde hineingegraben wie über den Boden erhoben ist. Erst 
wenn wir durch einen der beiden stark geneigten Haupteingänge das Innere 
betreten, sehen wir das Gebäude in seiner ganzen Höhe vor uns, wie es die 
zweite Ansicht (Figur 114) zeigt; und da zugleich die geringere Weite des 
Innern die Höhendimensionen scheinbar wachsen lässt, macht das Amphitheater 
einen wirklich imposanten Eindruck. Das Auge überfliegt den weiten ebenen 
Platz der Arena, auf welchem jene grausen Kämpfe ausgefochten wurden, jene 
wilden Thierhatze und Thiergefechte stattfanden; an den zahlreichen wohl- 
erhaltenen, nur ihrer Mannorbekleidung beraubten Sitzreihen steigt es empor, 
auf denen Tausende in blutdürstiger Neugier den Scenen wilder Tapferkeit und 
Geschicklichkeit, den Scenen blutiger Niederlagen und resignirten Todes zu- 
schauten, den Sitzreihen, welche Jahrhunderte leer standen, bis vor wenigen 
Jahren der aus Rom flüchtige Papst hier dem versammelten Volke den aposto- 
lischen Segen ertheilte. Ueber die Platfonn der obersten Cavea aber erblicken 
wir endlich den Vesuv, der jetzt leichte schwarze Rauchwolken emporwirbelt, 
und der am letzten Tage Pompejis seinen ersten Aschenregen auf die Köpfe 
des Volkes niederwarf, das auf diesen Sitzen dichtgeschaart von der Katastrophe 
überrascht wurde. 

Die beiden Haupttheile sind hier die Arena, der Kampfplatz 1. 1 Fig. 116, 
und die Cavea, der Zuschauerraum 1 . 2 Fig. 116. Betrachten wir uns zuerst die 
Arena in ihren Einzelheiten. Ueber den Kampfplatz an sich, der seinen Namen 



Die Öffentlichen Gebäude. 



139 



von der Sanddecke hatte, mit welcher man ihn belegte, und welche die Blut- 
ströme aufsog , wie das heute noch bei spanischen Stiergefechten bekannt ist, 




Figur 115. Plan des Amphitheaters. 
[Obere Hälfte i alle Sitzreihen , untere Hälfte : die Substructionen.] 

ist freilich Nichts zu sagen. Wir bemerken nur zunächst die beiden grossen 
Eingänge in denselben von Nordwest und von Südost in der Längsachse des 
Gebäudes, deren unsere Ansicht Figur 114 den letzteren (3 Figur 116) als 
Standort des Beschauers zeigt. Beide Eingänge sind gewölbt und ihr stark ge- 
neigter Boden ist gepflastert, an den Seiten nimmt eine Gosse das etwa hinein- 
laufende Kegenwasser auf. — Der nordwestliche Eingang 1 im Plane führt in 
grader Linie in die Arena, der südöstliche 2 musste im rechten Winkel gebro- 
chen werden, weil er sonst ausserhalb der Stadtmauer ausgemündet sein würde. 
Die Wölbung dieses Ganges wird auf seinem langen Schenkel von sechs Bogen 
verstärkt, die unser Plan bei a zeigt, eine Vorsicht, die bei der Last der Sitz- 
reihen, welcheauf der Wölbung ruhen, sehr zu billigen ist. Diese Eingänge führ- 
ten, wie gesagt, in die Arena, freilich erst nachdem sie den Corridor 3 durch- 
schnitten haben , den unsere Ansicht zu beiden Seiten als eine Wölbung , und 
der Durchschnitt Figur 1 1 6 bei 4 zeigt. An diesem Corridor erweitem sich die 
Eingänge , so dass sie beim Ausmünden in die Arena die ansehnliche Breite 
von 4 Metern haben. Durch diese weiten Thore zogen zu Anfang der Spiele 
die Gladiatoren, zum Theil beritten , zum Theil zu Fuss in ihrem vollen und 
mannigfaltigen Waffenschmuck in geschaarten Gliedern unter kriegerischer 



140 



II. Drittes Capitel. 




^:^S 



i 



Musik feierlich in die Arena ein , oft in bedeutender 
Zahl , wie ein Anschlag am Album des Gebäudes der 
Eumachia dreissig Paare Gladiatoren anzeigt. Nach 
vollendetem Umzug zogen sie sich wieder zurück, um 
dann nach der Kampfordnung in einzelnen Paaren 
oder in grösserer Anzahl den Kampfplatz wieder zu 
betreten, der mittlerweile gegen die Eingangsthore 
mit mächtigen Gitterthüren abgeschlossen worden war. 
Auf unserer Ansicht Figur 1 1 4 sehn wir ausser dem 
gewölbten Corridor rechts noch eine viereckige Thür 
näher an der Arena. Diese öffnet sich hier wie bei dem 
nordwestlichen Eingang auf zwei kleine viereckige 
Zimmer , 4 auf dem Plan , welche einen zweiten Aus- 
gang auf den Corridor haben. Noch heute sind die 
Beste starker eiserner Gitter erhalten, durch welche 
beide Eingänge geschlossen wurden , und welche uns 
deutlich zeigen, dass in diesen Zimmern die wilden 
Bestien eingeschlossen waren , bis man sie durch das 
eine geöffnete Gitter in die Arena losliess. Endlich 
sehn wir auf dem Plane noch einen Eingang in die 
Arena bei 5 ; er ist eng und führt auf einen langen 
Grang , von dem rechts eine Treppe in ein auf dem 
Plane in den Substructionen angedeutetes rundes Zim- 
mer 6 abzweigt. Das ist aller Wahrscheinlichkeit 
nach die Pforte des Todes, die porta libiiinensis, durch 
welche man die Leichen der gefallenen Gladiatoren an 
eingeschlagenen Haken aus der Arena schleifte, um 
sie in dem spoliatorium , welches wir in dem runden 
Zimmer erkennen, ihrer Waffen und Rüstungen zu 
entkleiden. 

Die Arena selbst ist 36x68 Meter gross und gegen 
die Sitzplätze durch eine 3 Meter hohe Brüstungs- 
mauer (5 Figur 116) abgeschlossen; auf deren oberer 
Kante bemerkt man noch die Löcher, in denen auf 
derselben ein Gitter oder ein Netzwerk von starkem 
Draht errichtet war , welches die Zuschauer gegen das 
etwaige Ueberspringen der Tiger und Panther schützte. 
In Rom liess Nero in jede Masche dieses Netzes ein 
Stück Ambra hängen und man dachte daran, den 
Draht aus Gold zu ziehen. In grossen Amphitheatern 
befand sich innerhalb der Brüstungsmauer ein Was- 
sergraben, Euripus genannt, besonders bestimmt, die 



Die öffentlichen Geb&ude. 



141 



wilden Thiere abzuhalten^ namentlich die Elephanten^ von denen man 
sich einbildete, sie scheuten das Wasser. In Pompeji ist die Brüstungs- 
mauer der Arena mit Gemälden bedeckt gewesen, die freilich jetzt beinahe 




Figur 117. Gemftlde an der Brüstungsmauer. Thierkampf. 



erblichen sind. Eine Probe giebt Figur 117; es ist die Darstellung eines der 
Kämpfe von Thieren gegen einander , hier eines Stieres mit einer gewaltigen 
Molosserdogge. Dergleichen Bilder von Thierkämpfen sind noch einige vor- 
handen ; diese Bilder werden durch Zwischenfelder getrennt , auf denen um- 
kränzte Hermen zwischen Säulen gemalt sind, dann folgen Felder, die mit 
einem schuppenartigen Ornament versehen und von schmalen Zwischenfeldem 
mit verschiedenen Ornamenten, besonders aus dem Pflanzenreich, begrenzt 
werden. In den Hauptfeldern sind aber Thierkämpfe nicht die einzigen Dar- 
stellungen, auch Scenen der Gladiatorenkämpfe, von denen uns Figur 118 eine 




Figur 118. Gemälde an der Brüstungsmauer. Oladiatorkampf. 

Probe bietet, treten für jene ein. Hier sehn wir den Augenblick der grausen 
Entscheidung. Dem rechts stehenden Gladiator ist das Schwerdt krumm gebo- 



142 



II. Drittes Capitel. 



gen und deshalb unbrauchbar geworden , er ist im linken Arm verwundet, be- 
siegt, sein Leben hangt von der Gnade des Volkes ab, aber nur dann darf er hof- 
fen dasselbe zu retten, wenn es ihm gleichgiltig und er bei dem drohenden Tode 
ganz unbewegt erscheint ; deshalb hat er seine Schutzwafle, seinen Schild hinge- 
worfen und steht ruhig da, indem er mit erhobenem Daumen der linken Hand 
die Menge stumm uin Gnade anfleht , denn der emporgerichtete Daumen war 
das Gnaden-, der gesenkte das Verdammungszeichen. Seine Bitte scheint nicht 
erhört zu werden, wir dürfen uns das Volk mit gesenkten Daumen sitzend 
denken; denn der siegreiche Gegner dringt heran, um seinem wehrlosen 
Schlachtopfer das Schwerdt durch die Gurgel zu stossen. 




Figur 1 1 9. Gemälde an der Brüstungsmauer. Waffnung. 

Figur 119 zeigt uns eine andere Scene , die , wenngleich sie in Einzel- 
heiten dunkel ist, doch offenbar dem Beginne des Kampfes, der Waffnung der 
Gladiatoren angehört. In der Mitte der Kampfordner , mit langem Stabe den 
Kreis des Kampfes bezeichnend, rechts ein Gladiator, der halb gerüstet da- 
steht, und dem zwei andere Schwerdt und Helm bringen, gegenüber ein eben- 
falls halb gerüsteter , der das Schlachthom bläst (nicht der bei den Kämpfen 
unbetheiligte Tubicen, der wie der Kampfordner ungerüstet sein würde), wäh- 
rend zwei hinter ihm an einem der Victorienbilder , die die Scene einfassen, 
hockende Genossen auch für ihn Helm und Schild bereit halten. 

Auch Inschriften hat diese Brüstungsmauer der Arena aufzuweisen, und 
zwar solche , die sich trotz einer noch nicht durchaus sicher erklärten Abkür- 
zung, die in allen an gleicher Stelle steht , doch sicher auf den Bau oder auch 
auf eine Renovation des Amphitheaters nach dem Erdbeben beziehen. Man 
findet sie , sechs an der Zahl , die erste unvollständig , links vom nördlichen 
Haupteingange (Mommsen No. 2252). Das sichere Ergebniss ihrer Aussagen 
ist, dass der und der zu einem obrigkeitlichen Amte Erwählte einen Cuneus, 
respective mehrere Cunei (d. h. die Keile der Sitzplätze zwischen zwei Treppen) 
nach Decurionendecret hat machen lassen. Die in der Erklärung unsicheren 
abgekürzten Worte sind PRO LV. (oder LVD.) LVM., welche Garucci pro 
ludorum luminationey Mouunsen pio ludorum luminibusy ein französischer 



Die öffentlichen Gebftudl;. 1 43 

Epigraphiker, Herr L^on R^nier, in dem neuesten Werke über Pompeji von 
Breton (Pompeia decrite et dessin^e par E. Breton. Par. 1855. S. 175. Note) 
pro ludis , luminatione lieset. Die Erklärung der ersteren beiden Gelehrten 
geht dahin , dass der in der Inschrift Genannte (also z. B. in der letzten M. 
Gantrius Marccllus y Marcus Sohn y Bechtsduumyir) anstatt der Beleuchtung 
der Spiele drei Cunei habe machen lassen , während Herr Renier versteht , er 
habe anstatt der Spiele und der Illumination y die er bei seinem Amtsantritt 
hätte veranstalten müssen y auf Befehl der Decurionen drei Cunei erbauen las- 
sen. Sei die eine oder die andere Erklärung die richtige , was hier nicht erör- 
tert werden kann, so steht das fest^ dass man in Pompeji die Gelder^ welche 
auf eine vorübergehende Schau verwendet worden wären , zum Bau oder zur 
Sestaoration des Amphitheaters zweckmässig anlegte. Da wir grade von In- 
schriften reden, die sich auf den Bau des Amphitheaters beziehen, so mag 
gleich hier eine solche ihre Erwähnung finden, welche (Mommsen No. 2249) 
sich auf die Gründung bezieht. Sie war doppelt auf zwei Mannortafeln rechts 
und links vom nördlichen Haupteingange, die jetzt im Museum in Neapel 
sind, eingehauen und sagt aus , dass Caius Quinctius Valgus und Marcus Por- 
cras, ^chtsduumvim , zu Ehren der Colonie auf ihre Kosten [die ersten] 
Spiele veranstaltet und den Ort auf ewige Zeiten der Colonie zu eigen gege- 
ben haben. 

Was nun den Zuschauerraum, das eigentliche Amphitheatrum anlangt, 
so sieht Jeder bei einem Blick auf den Plan wie auf den Durchschnitt Fig. 1 1 6, 
daas derselbe durch zwei Praecinctionen (a b Figur 11 6) in drei Bange oder Ca- 
veen getheilt ist, welche wieder durch Treppen in Cunei zerfkUt werden. Der 
Sitzreihen sind im Ganzen 34, nämlich infima catea 4 (6 Figur 116), media 
catea 12 (7 Figur 116), summa cavea 18 (8 Figur 116); die unterste Cavea ist 
nicht in eigentliche Cunei getheilt, doch können wir auch bei ihr vermöge der 
Eingänge und kleinen Treppen aus dem grossen Corridor eine ZerfäUung in 
IS Log^n von verschiedener Breite (7 auf dem Plan) wahrnehmen. Der mitt- 
lere Hang ist durch 20 Treppen in Cunei zerlegt, der oberste durch ihrer 40, 
▼eiche offenbar hier in der doppelten Zahl angebracht sind , um das Auffinden 
der nach oben immer zahlreicheren Sitzplätze zu erleichtem und alles Gedränge 
beim Aus - und Eingang der Menge zu vermeiden. Die Einrichtung der Sitz- 
stufen ist durchaus die, welche wir bei dem kleinen Theater beschrieben haben. 
Hinter der obersten Cavea läuft eine von Vomitorien durchbrochene Umfas- 
sungsmauer um das ganze Amphitheater; sie bildet eine massige Platform, auf 
welche eine Anzahl von Treppen (8 im Plan, 9 im Durchschnitt Figur 116) 
führen, und von der wir es wieder wie beim grossen Theater dahingestellt sein 
lassen müssen , ob dieselbe zu Plätzen für die Proletarier oder nur dazu be- 
stimmt war, um zum Manövriren des Velum, des Zeltdaches zu dienen, von 
dessen einstiger Existens in Steinringen in der Umfassungsmauer auch hier 
deutlich erkennbare Spuren vorhanden sind. 



144 • II. Drittes Capitel. 

Von besonderem Interesse ist das Arrangement der Eingänge und der Zu- 
gänge zu den verschiedenen Rängen. Es ist schon bemerkt, dass die infima 
und der grösste Theil der media cavea unter dem Niveau des äusseren Bodens 
liegen (siehe Figur 1 1 6) und dass die Eingänge in den untersten Rang theils 
mit den grossen Eingängen in die Arena zusammenfallen^ theils in vier eigenen 
gewölbten Gängen bestehen, deren die untere Hälfte unseres Planes zwei dar- 
stellt. Diese Eingänge münden auf einen weiten gewölbten Umgang oder Corridor 
(3 im Plan), der mit Ausnahme eines kleinen Stückes am Spoliatorium das 
ganze Amphitheater im Niveau der Arena umgiebt (siehe Fig. 1 14 und Fig. 1 16 
bei 4). Dieser Corridor , an dessen Wand man eine Reihe von gemalten In- 
schriften gefanden hat, die sich auf Scenen der Schauspiele beziehen, ist g^n 
die Cavea durch eine Reihe von Bogen (b im Plan) geöffnet, durch welche er 
sein Licht empfingt, und durch welche die Zugänge zur ersten und zweiten 
Cavea sind. In die erste gelangt man auf den im Plan mit c bezeichneten klei- 
nen Treppen, welche, im Ganzen fünf Stufen hoch , auf die Höhe der zweiten 
Sitzreihe führen. Zwischen diesen Treppen zur ersten Cavea liegen die zur 
zweiten (J auf dem Plan); man schreitet über zwei Stufen durch den Bogen 
und findet sowohl rechts wie links eine Treppe von zehn Stufen , .welche auf 
die Höhe der ersten Praecinction, also an die unterste Sitzstufe der media cavea, 
hinter die Brüstung führt, welche sie von der untersten trennt. Ist man oben 
angelangt, so steht man auf einer quadraten Platte (e im oberen Theil des 
Planes) und hat vor sich die Treppe , welche an den Sitzstufen bis zur zweiten 
Praecinction emporführt. Auf der Höhe der summa cavea läuft aussen um das 
Gebäude bis auf den Theil desselben , der an die Stadtmauer stösst , die er- 
wähnte breite Gallerie, 9 im Plan (vgl. Figur 116 10), von der aus die Eingänge 
in die summa cavea sind. Man gelangt, wie auch bereits erwähnt ist, auf diese 
Gallerie vermöge zweier Doppeltreppen (1 1 Figur 1 1 6), deren eine unsere An- 
sicht Figur 113 zeigt, und zweier einfachen an den Punkten, wo die Stadt- 
mauer angrenzt, 1 auf dem Plan , der zugleich bei 1 1 einen der Thürmc der 
Stadtmauer und in 1 2 die äussere und innere Linie dieser selbst zeigt. Auf 
diese Grallerie münden die 40, den 40 Treppen der summa cavea entsprechen- 
den Vomitorien, 1 3 im Plan , zwischen denen die Treppen 8 zur obersten Pkt- 
form in der Mauerdicke angebracht sind. — Man wird bei genauer Erwägung 
dieser ganzen Einrichtung begreifen , wie vortreflflich für freie Bewegtmg ge- 
sorgt ist, selbst wenn das Volk zu Tausenden heranfluthete oder wenn es nach 
Schluss des Schauspiels in grausamer Aufregung wogend das Amphitheater 
verliess; und zugleich wird man es hieraus um so leichter erklärbar finden, 
dass , obgleich das Amphitheater während des Beginns der Eruption des Vesuv 
von Menschen erftdlt war, so wenige in demselben umgekommen sind, wenn 
überhaupt nur einer der Zuschauer getödtet wurde, und die aufgefundenen Ge- 
rippe nicht früher gefallenen Gladiatoren angehören. — 

Ueber die Kämpfe und Spiele des Amphitheaters ist Viel und Vielerlei 



Die öffentlichen Gebäude. 145 

geschrieben , die schriftlichen Quellen sind reichlich genug, und auch nicht 
wenige Kunstdenkmäler, freilich an Kunst werth gering, sind auf uns gekommen, 
welche uns die schriftlichen Ueberlieferungen erläutern und manche Einzel- 
heit der Kämpfe und der Rüstungen der Gladiatoren auTs Klarste anschaulich 
machen. Je ausgedehnter aber hier der Stoff ist, um so mehr müssen wir uns in 
unserer Darstellung auf das Nöthigste und Nächste beschränken , wobei uns 
uMer eigentliches Thema, die Erklärung der pompejanischen Moniunente, den 
Anhalt bietet und zugleich die Grenze weist. Eine der wichtigsten bildlichen 
Darstellungen von Gladiatoren- und Thierkämpfen findet sich in den Reliefen 
eines pompejanischen Grabmahls , welches freilich jetzt zu Grunde gegangen, 
aber in der Zeit der Auffindung fast unverletzt von Mazois und von Miliin ge- 
zeichnet worden ist. Der Erklärung dieses Reliefs senden wir nur einige allge- 
meine Bemerkungen voran. 

Kriegsgefangene imd nach antiker Sitte in Sclaverei gefallene Feinde 
waren die ersten Opfer auf den Gräbern und in Folge dessen die ersten ge- 
zwungenen Gladiatoren. Aus Kriegsgefangenen, Sclaven und verurteilten Ver- 
brechern bestand auch in der Folgezeit die eine Hälfte der Kämpfer des 
Amphitheaters, nämlich die gezwungenen, denen durch ausgezeichnete Tapfer- 
keit und Geschicklichkeit die Möglichkeit gegeben wurde, Entlassung von den 
Kämpfen und selbst die Freilassung zu erringen. Es wird überflüssig sein, 
ausführlicher über die tiefe Barbarei zu reden, welche sich darin ausspricht, 
dassman den Verbrecher dem strafenden Arme der Gerechtigkeit entzog, um 
ihn zur Lust des Volkes für sein verfehmtes Leben kämpfen zu lassen , oder 
dasB man den im ehrlichen Kampfe Gefangenen imd den schuldlosen Sclaven 
jenem gleich behandelte. Ist doch hiermit die Grenze der Infamie nicht erreicht, 
wissen wir docb, dass man Verurteilte, unter denen mancher der ersten Christen 
gewesen ist, der fttr seinen Glauben dulden musste , in der Arena den reissen- 
den Thieren entweder schwach oder gar nicht gewafl&iet entgegenstellte , oder 
sie selbst gefesselt von den Bestien zur Lust des Pöbels zerfleischen liess , wis- 
sen wir doch, dass schon vor der Zeit der Kaiser römische Schlemmer ihre 
Fische mit Menschenfleisch, dem Fleische geschlachteter Sclaven fütterten, um 
sie zarter und ^wohlschmeckender zu machen. Wo dergleichen bestand , musste 
CS ja als ein Geringes erscheinen , Verbrecher , Gefangene , Sclaven wohlge- 
rOstet mit einander kämpfen zu lassen. Und wie sollte sich hiegegen das Ge- 
wissen eines Volkes empört haben , aus dessen Mitte freiwillige Klopfflechter 
in grosser Zahl hervorgingen , und zwar nicht allein aus den niedersten Clas- 
«n, die Mangel und Habsucht und ein bestialischer Ehrgeiz treiben mochte, 
sondern aus dem Ritter- und Senatorenstande , ja bei dem selbst Frauen in der 
Arena erschienen. So finden wir neben den gezwungenen freiwillige Gladia- 
toren, welche ihre Kunst gewerbmässig trieben und ihr Leben um Geld und 
um den Beifall des Pöbels feilboten , und wohl verdient es besonders hervor- 
gehoben zu werden , dass während einerseits Gesetze nöthig wurden , welche 

(herbcrk, Pompeji. ^ 



14G II. Drittes Capitel. 

dem Scnatorenstande Eoms die Arena verboten , andererseits ein Gesetz , das 
petronische, erlassen wurde, und zwar unter Nero's Regierung, welches verbot, 
den Sclaven ohne richterlichen Spruch zum Kampfe zu zwingen. Auch Pom- 
peji bezeugt uns das Vorhandensein diesc^s Gesetzes; zu beiden Seiten des 
nördlichen Haupteinganges in die Arena ist eine Nische für je eine jetzt ver- 
lorene Statue, deren Inschriften erhalten sind; die eine derselben (Mommsen 
No. 2250) nennt den Rechtsduumvirn C. Cuspius Pansa als Aufseher über die 
Spiele des Amphitheaters nach dem petronischen Gesetz (lege Petronid). — 
Die zunftmässigen Gladiatoren lebten in Truppen {familid) zusammen, viel- 
fach , wie auch in Pompeji, in eigenen Casemen , standen oft im Solde eines 
Reichen, und erlernten die Hand- und Kunstgriffe der Klopffechterei in eige- 
nen Gladiatorschulen unter einem Vogt {lanisia) , nach dem sie genannt wur- 
den, wie z. B. in einer pompcjanischen Mauerinschrift, der Anzeige von 
Kämpfen im Amphitheater, A, Suettit Cerii familia yladiatoria erscheint, in 
einer anderen die Truppe des N. Fcstus Ampliatus. Die Kämpfe selbst waren 
sehr verschieden , theils indem die Gladiatoren entweder paarweise oder indem 
sie in grösserer Zahl gegen einander lochten, theils durch die Verschieden* 
artigkeit der Bewaffnung und die dadurch bedingte Verschiedenartigkeit der 
Kampfweisen. Unser pompejanisches Grabrelief wird uns Gelegenheit geben, 
eine Reihe der verschiedenen Rüstungen und Kämpfe kennen zu lernen , ob- 
wohl immerhin nur eine beschränkte Zahl derselben. Man focht zu Ross und 
zu Fuss, mit Lanzen und mitSchwerdtern,in schwerer und in leichter Rüstung, 
deren manche nationaler Sitte unterworfener Völker entsprach und demgemäss 
bezeichnet wurde, so dass z. B. eine Art von Gladiatoren (die schwergerüisteten) 
den Namen der Samniten trugen , eine andere als Gallier , wieder eine andere 
als Thraker bezeichnet wurde ; zu den Waffen , M'elche aus der Kriegführung 
civilisirter Völker entnommen wurden, gesellten sich andere , welche man fer- 
nen, halbbarbarischen Stämmen entlehnte, so namentlich das Fangnetz, welches 
der Schlinge des amerikanischen Gaucho, der Kirgisen und mancher Kosaken- 
stämme ungefähr entspricht, und das nach vielfachen Spuren auch unter die auf 
dem Schlachtfelde gebrauchten Waffen aufgenommen wurde. Ln Amphitheater 
handhabte es der ausserdem mit einem der Harpune nachgebildeten Dreizack 
bewaffnete Retiarius (Netzmann) gegenüber dem Mirmillo, auf dessen Helme 
ein Fisch gebildet war. Wenn der Retiarius den Mirmillo verfolgte, so rief 
er ihm zu: ich will ja dich nicht, ich will nur deinen Fisch, was fliehst du 
mich! — Genug um anzudeuten, wie mannigfaltiger Art die Kämpfe der 
Arena waren , die mit stumpfen Waffen eröffnet und , nachdem die Kämpfer 
sich erhitzt hatten , mit schneidenden ausgefochten wurden , und zwar entwe- 
der »bis zum ersten Bluta, oder, und zwar meistens, bis zum vollständigen Un- 
terliegen der einen Partei (sine missione), deren Leben von der Gnade des 
Volks abhing. Schon aus dem wenigen hier Gesagten wird man sich eine Vor- 
stellung davon bilden können, welche Fülle von Kraft und Muth und Ge- 



Die öffentlichen Gebäude. 



147 



wandheit sich in der Arena entwickelte , welcher 
Reichthum der verschiedensten Scenen und Sta- 
dien der Kämpfe von dem Scheingefecht am An- 
fange bis zum Unterliegen und der Tödtung des 
Besiegten vor den Augen der Menge sich entfal- 
tete, wie tief alle die verschiedenen Momente 
kunstvoller Kampfübung, wilden Muthes, verzwei- 
felter Gegenwehr, gefassten Sterbens die Herzen 
des blutdürstigen Pöbels bewegen mussten. Verge- 
genwärtigen wir uns einige dieser Scenen nach der 
Anleitung unseres Grabreliefs, welches die Kämpfe 
darstellt, die zu Ehren des hier Bestatteten die 
Gladiatorenfamilie des N. Festus Ampliatus gefoch- 
ten hat, dieselbe, deren abermaliges Auftreten in 
Verbindung mit Thierhatz bei ausgespanntem Zelt- 
dach eine Mauerinschrift an der Basilika ankün- 
digt, die also lautet: N, Festi Ampliati famüia 
gladiatoria pufjnahit iterum , ptignabit 16. Kai, lu- 
nias, vetiatto, vela. 

Die erste G ruppe Fig. 1 2 links stellt den noch nicht 
entschiedenen Kampf zweier berittenen Gladiato- 
ren (equites) dar, welche, wie alle Uebrigen bis auf 
die Xetzkäinpfer, mit deiu geschlossenen Visirhelm, 
mit der Lanze , hasta , und dem runden Schilde, 
parma, bewaffnet, im Uebrigen leicht gerüstet sind, 
so dass besonders nur der rechte Arm, der die Lanze 
führt, mit Binden oder glatten Metallringen umge- 
ben ist. Die Namen Bebrix und Nobilior sind den 
Kämpfern mit rohen schwarzen Buchstaben beige- 
schrieben und auf die Namen folgt nach dreien, 
wohl TVL, d. h. tulit mit ausgelassenem vtctorias 
zu lesenden Buchstaben, eine Ziffer, welche die Zahl 
der Siege angiebt, die ein jeder derselben davon- 
trug. Bebrix, ein barbarischer Sclavcnname, der an 
die Bebryker erinnert , mit denen die Argonauten 
kämpften, hat nach der Zeichnung Millin's 1 5 Siege 
erfochten, jetzt erscheint er im Nachtheil gegen No- 
bilior mit 1 1 Siegen, wenigstens ist dieser offenbar 
der Angreifer und es ist fraglich, oh Bebrix sich sei- 
ner wird erwehren können. Alle folgenden Gruppen 
zeigen die Kämpfe verschiedner Paare auf dem Sta- 
dium der Entscheidung, den einen Gladiator so oder 




B 








148 II. Drittes Capitel. 

so besiegt im Augenblick, wo er sich an das Volk um Gnade wendet, seinen Geg- 
ner in Erwartung des gegebenen Befehls ihn zu tödten. In der ersten Gruppe sehn 
wir zwei ungefähr, wenn auch nicht ganz gleich Gerüstete ; der Besiegte, dessen 
Namen verloren ist, der aber 1 6 frühere Siege zählt, ist etwas leichter gerüstet als 
seih Gegner, dagegen mit einem grösseren Schilde versehen, hinter den sich der 
Mann ganz zusanmien kauern kann ; er ist entwaffnet und blutet aus einer Brust- 
wunde, aber mit der äussersten Ruhe auf den Hand seines Schildes gestützt, er- 
wartet er den Entscheid der Menge über sein Leben, so ruhig, dass andere Erklä- 
rer, die Wunde übersehend, ihn für einen Zuschauer des Eeitergefechts ausgeben. 
Die Zahl der Siege seines Gegners, der mit gleicher Buhe den Executionsbe- 
fehl erwartet, ist unsicher. Binden oder Metallringe um die Oberschenkel und 
Beinschienen {ocreae) zeichnen seine Rüstung aus. Bewegter ist die folgende 
Gruppe. Ein Lanzenkämpfer, dessen Namen verwischt ist, der aber 15 frühere 
Siege zählt, hat gegen seinen schwergerüsteten Gegner, den wir wohl als Sam- 
niten bezeichnen dürfen , Lanze und Schild verloren , er scheint gestürzt zu . 
sein, und hat von dem Gegner einen breiten Schwerdthieb über die Brust er- 
halten. Auf dem Knie liegend, richtet er weniger ruhig als der erste Besiegte 
seine Bitte an das Volk , indem er zugleich an seine schmerzende Wunde zu 
greifen scheint, und ziemlich ängstlich auf den Sieger zurückblickt, der freilich 
auch schon zum Todesstreiche ausholt. Dieser scheint ein alter ausgedienter 
Fechter zu sein, denn 34 Siege sind neben seinem Kopfe verzeichnet. Hinter 
der Siegeszahl des hier Besiegten stehn noch zwei Buchstaben, ein M und ein 
griechisches ; wahrscheinlich ist der erstere die Initiale von Mors und der 
zweite der Anfangsbuchstab von d^avatog^ so dass beide den Besiegten als dem 
Tode verfallen bezeichnen. 

Die folgende Gruppe von ^der Personen ist etwas complicirter. Sie bezieht 
sich auf die Kämpfe der retiarii und secutores. Der Netzfechter , Retiarius, 
war ganz leicht gerüstet, seine Waffen bestanden in dem Netze , in das er sei- 
nen Gegner zu verwickeln suchte und in einem leichten Dreizack ; der secutor, 
mit glattem Helm , kleinem Schild und dem Schwerdt bewaffnet , hat seinen 
Namen daher, dass er den Retiarius, der sein Netz fehl geworfen hatte, verfolgte. 
In der Gruppe unseres Reliefs scheint der Retiarius Nepimus, der 5 Siege zählt, 
aUerdings sein Netz vergebens geworfen zu haben , denn sein secutor , dessen 
Name fragmentirt ist, der aber 6 Siege zählt, ist nicht in ein solches verstrickt, 
bei der Verfolgung aber hat ihm sein gewandterer und durch keine Rüstung ge- 
hemmter Gegner verschiedene Wunden beigebracht, er blutet aus zweien am Bein 
und einer im Unterarm, und der Blutverlust mag ihn ermattet aufs Knie gestürzt 
Jiaben. In dieser Ltige hält ihn Nepimus fest, indem er ihm auf den Fuss tritt 
und ihn in der Leibbinde ergriffen hat; das Verdammungszeichen des Volkes 
ist erfolgt, aber der leichte Trident ist keine tödtliche Waffe, deshalb ist ein 
zweiter Äccw/o/- Hippolytus, fünf Mal Sieger, herbeigeeilt, Henkersdienste lu 
thun, sein Schwerdt ruht auf dem Halse, seine Hand auf dem Kopfe seines 



Die öffentlichen Gebäude. 



"149 



gleich gerüsteten Caiueraden, der in vergeblicher Bitte seine Knie unifasst. 
Im Hintergrunde erwartet Hippolytus den Retiarius, der mit ihm kämpfen 
und ihm vielleicht ein gleiches Schicksal bereiten wird. Bei den Kämpfen der 
fänften Gruppe wiederholt sich die Bewaffnung derer der ZAveiten , das Motiv 
der Handlung aber ist nicht durchaus klar, es ist möglich, dass der Besiegte, 
der seinen Schild verloren hat, flieht, warum und wonach aber sein siegreicher 
Gegner umblickt , ob nach der Execution in der vorigen Gruppe oder etwa 
nach einem Zuruf des Volks oder des Festgebers ist nicht zu entscheiden. Die 
bisher beschriebenen Gruppen befinden sich auf der Umfassungsmauer des 
Grabmahls , ihre Fortsetzung ist über der Thür dieser Umfassungsmauer einge- 
lassen, zumTheil erhalten, und enthält Einzelheiten, um derentwillen wir auch 
diese noch kurz zu betrachten haben. 




Figur 121. Fortsetzung des vorigen Reliefs. 

Wir sehn zwei Paare ziemlich gleich gerüsteter, nur durch die Verschie- 
denheit der Helme unterschiedener Gladiatoren in zwei Gruppen, in deren 
ersterer der Gladiator mit dem Buschhelm der Sieger, derjenige mit dem glat- 
ten Flügelhehn der Ueberwundene ist , was sich in der zweiten Gruppe um- 
kehrt. Buschelme haben nämlich nach der vorliegenden Zeichnung Mazois', 
der den Helm noch gross eigens abbildet , der erste Sieger und der zweite Be- 
siegte, doch soll nicht verschwiegen werden , dass diese Kämpfer von mehren 
Gelehrten als Mirmillonen bezeichnet werden , wonach der scheinbare Busch 
ihres Helmes ein von Mazois verkannter Fisch sein müsste. Der erste Besiegte 
scheint tapfer gestritten zu haben, obwohl er entwaffnet ist, ruhig wendet er 
ach an das Volk , während sein Gegner so erbittert scheint , dass er die Ent- 
icheidung nicht abwarten will. Ehe er jedoch gegen die Kampfordnung den 
Todesstreich führen kann, ist ein Lanista oder Herold (praeco) ihm in den 
Arm gefallen. Wir dürfen annehmen, dass hier ein Gnadenact sich vorbereite. 
Bei dem Besiegten der letzten Gruppe würde Gnade zu spät kommen , er ist 
im Kampfe tödtlich getroffen und es bleibt ihm Nichts, als mit Anstand zu 
sterben, wie das in jener ergreifenden Scene des »Fechters von Bavenna« der 
Vogt dem Thumelicus empfiehlt. Unser Gladiator hält seinen Schild hinter 
sich, um auf dasselbe zurückzufallen. - 

Den zweiten Theil der Spiele des Amphitheaters bildeten die sogenannten 



150 II. Drittes Capilel. 

Jagden, venalifmeSy ITiierhatze und Thierkämpfe entweder von Thieren unter ein- 
ander oder mit mehr oder weniger bewaffneten Menschen (besHarti). Dergleichen 
liegt unserem Verstilndniss vermöge der spanischen Stiergefechte näher und in der 
That werden wir sogleich durch einzelne Umstände in der Darstellung der Re- 
liefe von demselben Grabmahl, welche venationes darstellen, an Gebräuche des 
Stiergefechts erinnert werden. Freilich, so begeistert der Spanier für Stierge- 
fechte sein , einen so grossen Aufwand er an Schlachtopfem, Stieren und Pfer- 
den machen mag , dem alten Römer muss er in der einen wie in der anderen 
Rücksicht weichen. Namentlich ist die Mannigfaltigkeit der Jagden und 
Kämpfe hervorzuheben, denn nicht JjIos Stiere wurden getödtet , sondern alles 
jagdbare Wild wurde gehetzt, und mit allen streitbaren Thieren , selbst mit 
Elcphanten wurde gekämpft. So weit wird man nun wohl in Pompeji mit dem 
Luxus nicht gegangen sein, und auch die Reliefe, die wir zu betrachten haben, 
und welche sich zum Theil an der Umfassungsmauer des besprochenen Grab- 
mahls, zum Theil an dem Stufenuntersatz befanden, der den Inschriftstein 
trügt, wie wir es bei Betrachtung der Gräberstrasse sehn werden, bieten uns 
eine verhältnissmässig beschränkte Auswahl von Scenen der Venationen , aber 
auch diese haben Mannigfaltigkeit genug. 




^.^^^" 



ii '^% 



Figur 122. Fortsetzung desselben Keliefs. Uebung eines Bestiarius. 

Wir beginnen mit einem Reliefstreifen, der die Einübung eines Bestiarius 
zu enthalten scheint. Es gilt einen Panther oder ein sonstiges katzenartiges 
Raubthier zu bekämpfen, dem der leicht aufgeschürzte Lehrling, mit zwei 
Wurfspiessen bewaffnet, zu Leibe geht. Der Panther ist an einen Strick , aber 
dieser nicht an einen festen Gegenstand befestigt, was alle Gefahr des Bestia- 
rius aufheben würde, sondern an den Gurt, der einem frei laufenden Stier um 
den Leib befestigt ist. Ihre gefährlichsten Sprünge kann so die wilde Kat^e 
nicht machen, aber der Bestiarius kann eben so wenig berechnen, wie schnell 
der Stier dieser nachgeben oder selbst gegen ihn heranstürmen wird. Er muss 
also bestens auf der Hut sein, und seine Uebung ist keineswegs gefahrlos. Hin- 
ter dem Stier, der nicht recht vorwärts zu wollen scheint, sehn wir einen 
Treiber , der aber nicht mit einer blossen Gerte oder einem Knittel , sondern 
für alle Fälle ebenfalls mit einer Lanze bewaffnet ist , mit der er den Stier an- 
treibt vorzugehn und dem wild anrennenden Panther Raum zu geben. 

Der zweite kleine Relief zeigt einen ernstlichen Kampf eines Menschen 
gegen einen Bären. Der Bestiarius bekämpft das Thier wie der spanische 
Matador mit vorgehaltenem Tuch. In diesem Umstand liegt zugleich ein unge- 



Die öffentlichen Geb&ude. 



151 



ftlhres Datiun unserer Reliefe, denn nach 
Plinius 8. 16 wurden die Kämpfe mit dem 
Tuch erst unter Claudius eingeführt, da nun 
die Spiele in Pompeji von 59 — 69 n. Chr. 
verboten waren (s. Einleitung S. 20J, und da 
das Grabmahl deutliche Spuren der Restau- 
ration nach dem Erdbeben vom Jahre 63 trägt, so können die Reliefe nur 
zwischen 4 1 (Claudius' Regierungsantritt) und 59 gemacht sein. — 




Figur 123. Fortsetzunji^. 
Kampf mit dem Bären. 




Figur 124. Fortsetzung. Thierkampf. 

Das Relief Figur 124 zeigt uns einen ganz nackten und wehrlosen Mann 
zwischen einem Löwen und einem Tiger , doch ist die dargestellte Scene sehr 
unklar, da beide Thiere in grösster Eile zu entfliehen scheinen , wovon man 
das Motiv nicht einzusehn vermag. 



^■, 




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Figur 125. Fortsetzung. Thierkampf. 



hl dem Relief Figur 125 sehn wir wieder einen Nackten, der seinen Speer 
gegen einen fliehenden Wolf verschossen zu haben scheint, und der jetzt, ge- 
stürzt, von einem Eber angegriöen und hart bedrängt wird. Weiter rechts ist 
eine Scene aus den Kämpfen von Thieren gegen einander oder von einer Jagd. 
Ein Hirsch oder vielleicht eine Gazelle ist von zwei wolfsartigen Hunden er- 
eilt und niedergeworfen, ein Strick an den Hörnern des gejagten Thieres zeigt, 
dass dasselbe gegen seine Angreifer in Nachtheil gesetzt gewesen war, und sich 
erst losreissen musste, um jene zu fliehen. 

Am reichhaltigsten ist das Relief an der Umfassungsmauer des Grabes 
Hg. 126. Zunächst finden wir in seinen oberen Theilen ein Zeugniss, dass man 
die blutigen Kämpfe auch mit heiteren Zwischenscenen zu unterbrechen liebte, 
^hon die Jagd eines Rehes durch Hunde könnte man dazu rechnen, sicher 
aber muss es sehr komisch gewii^kt haben , wenn man in die Arena, in der sich 
Löwen, Tiger, Panther, Bären, Eber, Stiere tummelten, ein paar Hasen los- 
liess, von welchen der eine auf unserem Bilde nicht übel Lust zu haben 
«^heint, Männchen zu machen. Im Uebrigen geht es ernster zu, links wiid ein 
Eber von Hunden gejagt, in der Mitte hat ein Bestiarius einen Bären nieder- 



152 



II. Drittes Capitel. 



gestreckt, und rechts ein anderer, ein wahrer 
Matador , einem Stier seine Lanze durch den 
Hals gerannt, so dass es uin diesen gethan ist, 
mag er auch im gesprengten Galopp an dem 
vei*wunderten Kämpfer vorübergeeilt sein. — 
Die betrachteten Bildwerke werden und 
müssen hier genügen, uns einen Begriff der 
Kämpfe und Jagden zugeben, welche in Pom- 
peji stattfanden. — 






CO 













2. Die frlidlalorencuene. 

Das Gebäude , welches wir , der neuesten 
Forschung Garucci's im Nuovo Bulletino Na- 
politano folgend, als Gladiatorencaseme be- 
zeichnen, wurde 1766 entdeckt, 1794 ganz 
ausgegraben und wie das grosse und das Am- 
phitheater zum Theil restaurirt. Bei der Aus- 
grabung erhielt dasselbe den Namen Soldaten- 
quartier oder Caserne, und obgleich zu dieser 
Nomenclatur «^wesentlich ein nur halbw^ 
richtig beobachteter Umstand, nämlich die 
Auffindung zahlreicher Waffen, den Anlass 
gegeben hat , so wird sich doch ergeben, dass 
dieselbe begründeter war, als diejenige, welche 
man sich seit längerer Zeit gewöhnt hat an 
die Stelle zu setzen. In neuerer Zeit nämlich 
betrachtete man unser neben dem Forum tri- 
angulare und hinter dem grossen Theater be- 
legenes Gebäude als einen Marktplatz, als 
das Forum nundinarium , den Wochen- oder 
Krammarkt, ohne freilich im Grunde nur ein 
einziges wirklich durchschlagendes Airgument 
hiefOr aufzustellen oder aufstellen zu können. 
Genauere Betrachtung der aufgefundenen 
Waffen und der an mehren Wänden befind- 
lichen Malereien, sowie die schärfere Prüfung 
der ganzen Baulichkeit an sich haben Garucci 
auf den neuen Namen geführt, den die Ueber- 
schrift angiebt und den der Verfasser trotz 
der gegen denselben erhobenen in der That 
sehr irrelevanten Bedenken nicht einen 



Die öffentlichen Gfebftude. 



153 



Augenblick ansteht^ fitr den allein richtigen zu erklären. Die aufgefundenen 
Waffenstücke sind nämlich ohne Ausnahme die augenscheinlichsten Gladiator- 
waffen, es ist kein einziges Soldatenwaffenstück unter denselben^ die erwähn- 
ten Malereien beziehn sich wie mancherlei gemalte Inschriften auf das Amphi- 
theater und eine genauere Betrachtung des Gebäudes selbst wird lehren ^ dass 
dasselbe alle Zeichen einer Caseme und keines von einem Marktplatz an sich 
tiftgt; ist es aber eine Caseme, so kann es nach den angegebenen Umständen 
mcht die der pompejanischen Besatzung , sondern nur die der Gladiatoren ge- 
wesen sein. ->— 




Figur 127. Plan der Gladiatorencaseme. 

Das firagliche Grebäude ist ein grosser offener^ von Säulengängen umge- 
bener Hof von 55X44^10 M. mit Einrechnung der 4^30 M. breiten Säulen- 
gänge, hinter denen eine Reihe von Gellen in zwei Stockwerken und einige 
grössere Bäumlichkeiten liegen y von denen wir zu reden haben werden. Im 
Westen begrenzt dasselbe das Forum trianguläre y von dem eine Treppe 1 her- 
alrführt, die zugleich auf den offenen Hof hinter dem imser Gebäude im Nor- 



154 II. Drittes Capitel. 

den begrenzenden grossen Theater einen Zugang bietet , während ein zweiter 
an der rechten Ecke dieser Seite angebracht ist. Oestlich liegt ein Complcx von 
Privatgebäuden an der Strasse, die am kleinen Theater vorüber nach dem 
TTieaterthor führt. Von dieser Strasse zweigt sich eine Gasse in unser Gebäude 
ab, und durch diese ist in 2 der Haupteingang in dasselbe, und zwar unter einer 
von drei jonischen Säulen gebildeten Säulenhalle 3 , aus welcher der oben er- 
wähnte Ausgang auf das Postscenium des kleinen Theaters 4 führt- Ln Süden 
endlich läuft die Stadtmauer an unserem Gebäude vorbei , lehnt sich an dessen 
südwestliche Ecke, biegt an derselben um, und stösst auf die grosse Brüstungs- 
mauer des Forum trianguläre bei 5. An der südöstlichen Ecke ist ein moder- 
ner Neben eingang 6. Schon in Beziehung auf die eben besprochenen Eingänge, 
namentlich den Haupteingang 2, 3 nmss gegen diejenigen eine Bemerkung 
gemacht werden, welche unsere Caseme ein Fortim nundinarium nennen. 
Mehre derselben scheinen nämlich den Haupteingang gar nicht zu kennen, und 
lassen das Gebäude nur vermöge der engen Treppe l vom Forum trianguläre 
her zugänglich sein. Und ein solcher alleiniger Zugang , argumentiren sie wei- 
ter, kann doch unmöglich für die Besatzung Pompejis genügt haben , viel eher 
mogte er genügen für die Sackträger und Marktleute , die ihre Gemüse und 
sonstigen Waaren auf der Treppe hinabschleppen konnten. Existirte wirklich 
der Haupteingang 2, 3 nicht, so müsste dies ein starkes Argument gegen die 
Bezeichnung unseres Gebäudes als Markt sein , denn es kann nichts Unpassen- 
deres geben, als den Verkehr eines Marktes auf eine schmale und halsbrechend 
steile Treppe zu beschränken, namentlich aber nichts Abgeschmackteres , als 
eine solche Einrichtung dem Alterthum in die Schuhe zu schieben , welches so 
überaus vortrefflich für leichte Zugänglichkeit aller der Orte zu sorgen wusste, 
an denen ein starker Verkehr stattfand. Aber die Inconsequenz dieser Herren 
geht noch viel weiter. Unter anderen Gegenständen ist auch Pferdegeschirr in 
unserem Gebäude gefunden ; dass dieses nicht zufällig dahin verschleppt sei, 
wird anerkannt, ja es steht sogar geschrieben, man habe die Gerippe der 
wackem Marktwache, 63 Mann, den berittenen Centurio an der Spitze, in dem 
Gebäude aufgefunden, wo die Pflicht sie festhielt. Ei doch ! also auch der be- 
rittene Centurio hätte an der Spitze seiner Compagnie jene Treppe hinauf- 
klimmen oder gar über dieselbe herunterreiten müssen. Zum Glück sind wir 
nicht genöthigt, dergleichen Abenteuerlichkeiten anzunehmen , sondern sehen 
vor Augen , dass durch den mit der Theaterstrasse in gleichem Niveau liegen- 
den Haupteingang 2, 3 zur Noth ganze Schwadronen hätten einreiten können. 
Was aber die Verbindung sowohl mit dem grossen wie mit dem kleinen Theater 
anlangt , so lässt sich für diese ein doppelter Grund denken. Erstens nämlich 
wird vorgeschrieben oder gerathen , hinter dem Theater Säulenportiken anzu- 
bringen, in welche die Zuschauer sich bei Platzregen flüchten könnten; einen 
solchen Säulengang aber haben wir in unserem Gebäude vor Augen. Zweitens 
ist es sehr wohl denkbar, dass die Bewohner der Caseme, Gladiatoren nämlich. 



Die öffentlichen Gebäude. 1 55 

nicht römische Legionssoldaten, bei grossen Aufzügen im Theater als Statisten 
venrendet wurden^ und dass ihnen deshalb directe Zugänge zu den Fostscenicn 
der Theater geöffnet waren, auf denen (beim grossen Theater auf dem Hof mit 
der Eampe) sie sich ordneten , um in geschlossenem Zuge die Bühne oder die 
Orchestra zu betreten. Doch zurück zu unserer Caserne selbst. Um den Säu- 
lengang liegt, wie gesagt, eine zweistöckige Reihe von gleichgrossen Gellen 7 
imd zwar auf der nördlichen Seite ihrer 2x8=16 (in beiden Geschossen) und 
eine Treppencella 8, auf der westlichen zu ebener Erde 10 und wieder eine 

^ Treppencella 8', in deren Mitte ein breiter, von fester Erde erfüllter Baum 
sich befindet, dessen Zweck unklar ist. Im oberen Geschoss gehn die Gellen 
auch über diesen und den Treppenraum hinweg, so dass hier 22 sind; auf der 
südlichen Seite sind zu ebener Erde zehn Gellen zu beiden Seiten eines grösse- 
ren ilittelraums 9 , während im oberen Geschoss eine gleiche Anzahl sich be- 
fand. Endlich finden wir auf der östlichen Seite im Erdgeschoss ausser einem 
Treppenraum 8" an der Ecke und mehren grösseren Käimien noch vier Gellen, 
die sich im oberen Geschoss wiederholen. Dieser Gellen sind also im Ganzen 
66, welche alle unter einander keine Verbindung , sondern nur einen Eingang 
nach vom haben, welcher im oberen Geschoss auf einen rings umlaufenden 
Balkon führte, dessen Balkenlager in den Wänden unverkennbar, und der 
nun Theil aus antiken Elementen, imUebrigen nach ihnen auf der einen Ecke, 
welche unsere unten stehende Abbildung Fig. 128 zeigt, reconstruirt ist. Diese 
Cellen von durchschnittlich 4 " Grösse können nur einen Zweck gehabt haben ; 

I m Verkaufsbuden sind sie, sind namentlich diejenigen im oberen Geschoss 

I nicht geeignet, wohl aber aufs Beste zu Schlafzimmern für die Bewohner der 

! Caserne. Dass man keine festen Betten in ihnen gefunden hat, widerspricht 
nicht im Geringsten, den Soldaten wie den Gladiatoren genügte ein Strohlager 

j mit etlichen Decken. Wahrscheinlich haben wir uns jede Gelle von zwei Mann 
bewohnt zu denken, was bei gänzlicher Besetzung eine Zahl von 122 Bewoh- 
nern dieses Gebäudes ohne die etwaigen Vorgesetzten ergeben würde. Und 
diese 122 Mann sollten Gladiatoren gewesen sein? so viel Gladiatoren in einem 
Städtchen wie Pompeji? und ein solches Städtchen wie Pompeji sollte eine 
eigene Gladiatorencaseme gehabt haben? Das sind die Einwürfe, die man 
gegen Garucci erhoben hat. Und warimi dies Alles nicht? fragen wir dagegen. 
Hatte Pompeji ein Amphitheater für 15, resp. 18,000 Zuschauer, also, wie 

I schon mehrmals bemerkt und allseitig anerkannt ist, für jedenfalls mehr Men- 
schen, als Pompeji selbst in dasselbe senden konnte, war Pompeji also der Ort, 
welcher die Gentralanstalt der Amphitheaterkämpfe für die ganze Umgegend 

; bis Nocera und vielleicht noch weiter hinaus besass , warum soll es nicht ste- 
hende Gladiatorbanden gehabt haben ? und wenn es diese hatte, warum für sie 
nicht eine Caserne, in der sie gehörig unter der Fuchtel gehalten und an Eevolten 
verhindert werden konnten, wie sie Rom unter Spartacus und Gatilina erlebte. 
Aber die Zahl ! Wir antworten einfach mit der Ankündigung von Gladiatoren- 



156 II. Drittes Capitel. 

kämpfen, welche am Album des Gebäudes der Eumachia gefunden worden ist, 
und in welcher dem Volke 30 Paar Gladiatoren yerheissen werden , welche 
von Sonnenaufgang an kämpfen würden. Also 30 Paare Gladiatoren ^ d. h. 60 
Mann sollen an einem Tage in Pompeji kämpfen, vielleicht Alle sine tniasione 
bis zum Tode des einen Gegners, so dass hiebei allein die Hälfte auf dem 
Platze blieb, ungerechnet die etwa an empfangenen Wunden Sterbenden und 
ungerechnet die bestiarii in den Thierkämpfen. Wir antworten femer mit einer 
schon früher erwähnten Grabschrift (Mommsen No. 2578), in der es bezeugt 
ist, dass ein zum dritten Male zum Duumvir Erwählter dem Volke 35^ sage 
fünfunddreissig Paar Gladiatoren vorführte, abzusehn von anderen zugleich 
gestellten Kämpfern ziemlich verwandter Art. Hienach wird die Zahl von 122 
Gladiatoren, die in unserer Caseme hausten , wahrlich nicht zu gross erschei- 
nen, da wir ja gar nicht berechnen können, wie oft man Kämpfe vielleicht 
einer gleich grossen und grösseren Zahl von Gladiatoren veranstaltete. Jene 
zweifelnden Fragen sind, denke ich, beseitigt. Zurück also zum Plane des Ge- 
l^udes selbst, welches sich als Caseme noch weiter deutlich erweisen wird. 
Die bezeichnendsten Bäumlichkeiten liegen auf der östlichen Seite. Hier ist 
namentlich das Vorhandensein einer grossen Küche (10) hervorzuheben, die 
vermöge der noch existirenden Heerdmäntel ganz unverkennbar bezeichnet 
und von Magazinräumen (11 und 12) begrenzt ist. Dass eine solche grosse 
Küche an einem Markte gar keinen Zweck hatte, während sie in einer Caseme 
nothwendig war, ergiebt sich von selbst. Neben derselben führt bei 13 eine 
Treppe, breiter als die Treppen zum Balkon , in einige grössere Zimmer , in 
denen wir die Wohnung des Lanista oder der Lanisten fOglich erkennen kön* 
nen. Neben der Treppe ist in 14 ein Gefkngniss, in welchem man drei Ge- 
rippe von solchen Unglücklichen fand, die bei der Verschüttung im Block 
sassen. Die Eisen, durch welche die Fesselung bewirkt wurde, sind in das 
Museo Borbonico geschafft und an Ort und Stelle durch eine grobe Nachbil- 
dung in Holz ersetzt j sie sind der Art, dass der Grefangene nur liegen oder 
sitzen, nicht aber sich erheben konnte. Auch ein solches Ge&ngniss, eine 
solche Strafkammer passt nicht an einen Markt, aber wohl in eine Caseme. 
Die übrigen Bäume sind nicht entscheidend und zum Theil ihrem Zwecke 
nach nicht zu benennen. In 1 5 ist das Kämmerchen des Thürhüters oder des 
Wachtpostens , 1 6 bildet einen geräumigen Vorsaal der Küche , vielleicht und 
sogar wahrscheinlich der Esssaal, 9 ist ein grosses Zimmer in Form des Tabli- 
ntmis von Privathäusem , in dem man die Wände mit Tropäen aus Gladiator- 
waffen und derselben viele, zum Theil kostbare in Natura fand, welche wir in 
einem späteren Theile dieses Werkes besprechen und in einer Auswahl abbil- 
den werden. 

Die 74 3"* 60 hohen Säulen der umlaufenden Porticus von stuccobeklei- 
detem Tuff sind dorisch und zwar bei der Restauration nach in Pompeji be- 
liebter Schlimmbesserung mit neuen Capitellen von Stucco versehen. Sie sind 



r 



Die öffentlichen Gebäude. 



157 



Bur in den oberen zwei Drittheilen canellirt und sind roth bemalt ; nur die 
odttelsten Säulen jeder Seite, zwei auf den langen , eine auf jeder schmalen 
Seite, sind blau gestrichen, möglicherweise um bei Manövern zu Richtpunkten 
xa dienen. In der Mitte des offenen Hofes steht ein steinerner Tisch von un- 
Wkannter Bestimmung und imi denselben lauft eine Regenrinne mit mehr- 
fachen im Plan angegebenen Cistemen und kleineren Vertiefungen , in denen 
sich der Schmutz aus dem Wasser niederschlug. 

Nachdem wir durch das Bisherige hoffentlich die Bezeichnung des Ge- 
bäudes als Caseme gerechtfertigt haben, muss noch einmal betont werden, 
warum sie nicht eine Soldaten-, sondern eine Gladiatorencaseme ist. Dass man 
nur Gladiatorwaffen in derselben gefunden hat, ist erwähnt; ebenso dass die 
Decoration des Tablinums aus Tropäen von Gladiatorwaffen besteht ; hier muss 
noch bemerkt werden, dass zahlreiche Kritzeleien im Stucco der Wände und 
Säulen Gladiatoren , nicht Krieger darstellen. Wenn aber gesagt worden ist, 
dass unsere Caseme mit derjenigen Aehnlichkeit bietet, welche für seine prä- 
torianische Leibwache Hadrian in seiner Villa bei Tivoli baute , so antworten 
wir, dass ähnliche Bedürfnisse ähnliche Formen von Gebäuden erzeugen, das 
Bedürfniss aber war dasselbe bei der Caserninmg einer Soldatenabtheilung und 
einer Gladiatorenbande ; wenn man femer zur Erklärung der aufgefundenen 




Figur 128. Ansicht der Gladiatorencaseme in theilweiser Kestauration. 

Gladiatomaffen in der angeblichen Soldatencaseme gesagt hat, wandernde 
Gladiatorbanden mögen zeitweilig in derselben casemirt worden sein , so hat 
das nur den Werth einer verzweifelten Conjectur; und endlich, wenn man 



158 II. Drittes Capitel. 

eine Soldatencaseme in Pompeji vennisst, so weisen wir auf die noch nicht 
ausgegrabenen zwei Drittheile der Stadt und auf die Vorstadt Augustus Felix 
hin. Umstehend haben wir eine Ansicht unseres Gebäudes mit der factisch 
ausgeftlhrten Restauration der Gallerie oder des Balkons der oberen Gellen 
gebracht ; der Standpunkt ist bei x auf dem Plane. Die Gellen dienen heu- 
tigen Tages als Wohnungen der Wächter. 

Aber lange genug haben wir uns mit dem Amphitheater und mit den Gla- 
diatoren beschäftigt, verlassen wir sie und die für sie errichteten Gebäude, 
um Ruinen aufzusuchen , in denen friedlichere Scenen römischer IJcppigkeit 
spielten, und welche von nicht geringerem Interesse sind, als irgend welche 
andere in den Mauern Pompejis, wir meinen : 

Fünfter Absclinitl. 
Die Thermen, 

welche, 1824 ausgegraben, zu den am besten erhaltenen , in ihren Zwecken 
unzweifelhaftesten und für uns lehrreichsten Gebäuden Pompejis gehören. 

Häufige Waschungen und Bäder sind ein Bedürfniss aller Völker in süd- 
lichen Glimaten , und so finden wir denn auch bei den verschiedenen Völkern 
des Alterthums mehr oder weniger bedeutende Einrichtungen, welche diesem 
Bedürfniss entsprachen ; aber bei keinem Volke des Alterthums oder der Neu- 
zeit ist das Baden so sehr zu einer förmlichen Leidenschaft geworden , wie bei 
den Römern, und kein Volk hat so Viel gethan, so Grosses geschaficn und ge- 
baut, um diese Leidenschaft zu befriedigen, wie eben die Römer. In Rom 
badete Jeder, arm und reich, vornehm und gering, alt und jung wenigstens 
einmal täglich, oft auch mehrmals, ja es wird uns berichtet, dass Müssiggänger 
und Dandys in der Kaiserzeit selbst siebenmal die Bäder besuchten und in 
denselben , wo sie freilich ausser den Waschungen noch sonst allerlei Nenn- 
bares und Unnennbares suchten und fanden , fast den ganzen Tag und einen 
Theil der Nacht zubrachten. Flussbäder sind natürlich das Anfängliche, eigene 
Badeanlagen in geschlossenen Räumen folgten , und sollen aus Griechenland 
entlehnt sein; aber bis zum Ende der Republik waren derartige öflFentliche 
und private Einrichtungen noch keineswegs zahlreich in Rom und von allem 
Luxus und aller Grossartigkeit weit entfernt. Luxus und Grossartigkeit brachte 
auch hier die Kaiserzeit; an Zahl wie an Umfang nahmen die öfTentlichen 
Badehäuser, welche man , weil sie neben kalten auch warme und Dampf- oder 
Schwitzbäder enthielten, mit dem Namen Thermen, d. h. Warmhäuser oder 
Warmbäder bezeichnete, schnell zu, so dass im vierten Jahrhundert ihrer S56 
in Rom gezählt wurden ; Agrippa baute unter August die ersten ausgedehnten 
Thermen, welche aber an Glanz und Grösse von den Thermen der Kaiser in spä- 
terer Zeit vollkommen in Schatten gestellt wurden. Diese Kaiserbäder, eigent- 
lich für die ärmere Glasse bestimmt , da Wohlhabendere eigene Bäder in ihren 



Die öffentlichen Gebäude. 1 59 

Häusern besassen , aber doch auch von den höheren Classen der Gesellschaft 
ab allgemeine Saniinelpliltze der feinen und geistreichen Welt stark besucht, 
waren von einer derartigen Grösse , dass z. B. in den Thermen des Caracalla 
3,000 Menschen zugleich baden konnten , waren von einer solchen Ausdeh- 
nung, dass sie ausser den eigentlichen Baderäumen nicht allein Bibliotheks- 
nnd Conversationszimmer , sondern ßingplätze, Spaziergänge, Parks, kleine 
Theater; Schauplätze für Gladiatoren kämpfe und dergleichen mehr umschlos- 
sen, waren dabei endlich von der fabelhaftesten Pracht und mit dem enormsten 
Luxus ausgestattet. Stammt doch eine Eeihe der berühmtesten Bildhauerwerke, 
ein Laocoon, ein farnesischer Stier , ein farnesischer Hercules , die s. g. Flora 
(Hebe) in Neapel, der Torso von Belvedere und vieles Andere aus den Ther- 
men des Titus und denen des Caracalla. 

Es begreift sich, dass bei der Wichtigkeit des Badewesens sehr Vieles 
überliefert und dass dieses in mannigfachen Schriften behandelt worden ist; 
da aber die Einrichtung der öffentlichen Bäder in der römischen Welt selbst 
in ihren eigentlichen und wesentlichen Theilen eine ziemlich mannigfaltige 
und von derjenigen der modernen Welt abweichende ist, so musste in den 
Ueberlieferungen ohne monumentalen Anhalt, ohne die Anschauung der Denk- 
mäler selbst Manches unklar bleiben. Die monumentale Anschauung hat nun 
freilich schon lange vor der Entdeckung Pompejis keineswegs gefehlt, stehn 
doch, um nur das Bekannteste zu erwähnen , von den fünfzehn grossen Bade- 
häusern, die Kom unten Constantin zählte, die Ruinen der Thermen des 
Agrippa , das s. g. Pantheon , die der Thermen des Titus , des Caracalla , des 
Diocletian noch heutigen Tages vor uns. Aber vermöge der gewaltigen Aus- 
dehnung dieser Gebäude und vermöge der überschwenglichen Fülle der acces- 
sorischen Räumlichkeiten , welche sie umschlossen , war es keineswegs leicht, 
sich in ihnen zu orientiren und die einzelnen, namentlich die wesentlichen 
Theile zu bestimmen. Auf der andern Seite haben -^-ir freilich auch von klei- 
neren Badeanlagen Ruinen, z. B. in Badenweiler in Baden ein wohlerhaltenes 
kleines römisches Bad, und endlich wurde die monumentale Grundlage unserer 
Anschauung noch durch ein antikes Gemälde aus den Thermen des Titus voll- 
endet (abgebildet u. a. in Winckclmann's Werken Taf. 9 No. 19), welches ein 
römisches Bad in seinen wesentlichen Räumen selbst mit Namensbeischrift 
darstellt. Dennoch aber stehn die Thermen von Pompeji an Erhaltung und 
unzweifelhafter Klarheit der Bestimmung aller Räume in der allerersten Linie 
und bilden eine durchaus sichere Grundlage für das Verständniss aller der- 
artigen Anlagen , welches auch bereits nicht unwesentlich durch sie gefördert 
worden ist. Wir können also nicht besser thun, als dieselben nach Anlage und 
Einrichtung des Ganzen wie des Einzelnen zu erläutern, indem wir die weiter- 
gehenden Bemerkungen an diesen Stanun anlehnen. 

Die pompejapischen Bäder bilden einen von vier Strassen umgebenen Ge- 
bäudecomplex (insuld) für sich , sie liegen unmittelbar hinter (nördlich von) 



^ 



160 



II. Drittes Capitei. 



dem Forum , einerseits an der Hauptstrasse der Fortuna , andererseits an der 
Verlängerung der Strasse des Mercur, von welchen beiden Strassen die Haupt- 
eingänge sind, während die dritte Strasse mit einem dritten Eingang und die 
vierte westlich und südlich nur unbedeutend erscheinen. Die Thermen be- 
decken in ihrer Gesammtheit ein unregelmässig viereckiges Areal von 49" 50 
Breite an der Strasse der Fortuna, 28" 30 Breite an der kleinen südlichen 
Strasse und 53 *" mittlerer Tiefe. 




Figur J29. Plan der pompejanischen Bäder. 

Auf den ersten Blick mag uns die nicht unbeträchtliche Zahl von einzel- 
nen Räumlichkeiten auf diesem Plane verwirren, aber die Orientirung in dem- 
selben wird sehr leicht, wenn wir uns alles Accessorische wegdenken. Es sind 
dies besonders die vielen Läden , welche ohne jede Communication mit dem 
Innern des Gebäudes , wie dies auch bei Privathäusem das Gewöhnliche ist, 
bald aus einem Zimmer, bald aus mehren bestehend, fast das ganze Erdgeschoss 
der Thermen umgeben. Sie sind zur leichten Absonderung auf dem Plane hell 



Die Öffentlichen Oeb&ude. 1 61 

jorcbflchraffirt. Sodann vereinfachen wir nns die Uebersicht^ wenn wir die 
beiden Abtheihmgen der Thermen^ das Männerbad und das Frauenbad getrennt 
betrachten y wie sie denn tbatsäeblich getrennt und auch auf unserem Plane 
unterschieden sind^ indem die Mauern derFrauenabtheilung nur dunkel schraf- 
irt, die Mauern des Männerbades ganz schwarz erscheinen. 

Wie schon bemerkt^ haben die Thermen drei Eingänge > abgesehn von 
demjenigen in die Frauenabtheilung h und dem zu den Heerden fahrenden c. 
Die Eingänge sind mit a 1^ 2^ 3 bezeichnet. Der Eingang a l liegt an der 
westlichen Gasse und führt unmittelbar auf den inneren Hofraum A ; ein klei- 
na Gemach links an demselben d lässt sich auf das Bestimmteste als Closet 
erkennen. Der Eingang a 2 von der Strasse des Mercur (Thennenstrasse) aus 
ist der einzige ganz erhaltene y er ist überwölbt wie die umliegenden Läden, 
um dem oberen Stockwerk und den grossen Wölbungen der eigentlichen Bade- 
rlame einen festen Halt entgegen zu setzen. Auch dieser Eingang fahrt durch 
einen Corridor e links in den Hofraum, rechts in das Auskleidezimmer B. Der 
dritte Eingang a 3 dagegen an der Strasse der Fortuna leitet mittels eine^ zwei- 
ten gewölbten Corridors direct in das Auskleidezimmer B. Der Hofraum A 
ist an zwei Seiten von einem dorischen Säulengange , an der dritten von einer 
Eiypte, einem durch ein Gewölbe bedeckten Gang mit Bogenfenstern umge- 
ben nnd lehnt sich mit der vierten an die Hinterwand der Boutiken. Eine 
Gosse ist rings herumgeführt^ um das Begenwasser aufzufangen und fortzu- 
filhien. Ueber der eingestürzten Wölbung der Krypte sind die Ruinen eines 
oberen Geschosses deutlich sichtbar. Dieser Hof von etwa 20 ■ in*s Geviert 
war die ambulatio, der Ort, an welchem sich die Badenden versammelten^ um 
das Bad abzuwarten y wo man Unterhaltungen pflag und vielleicht auch kör- 
perKche TJebungen und Spiele vornahm. Er vertritt also en miniature jene 
grossen Anlagen der Kaiserbäder ^ welche ähnlichen Zwecken dienten^ den 
Ambulationen, Sphäristerien^ Gymnasien, Xysten u. s. w., und wir dürfen ihn 
tms mit schattigen Bäumen bepflanzt als einen anmuthigen Aufenthaltsort für 
müssige Stunden denken. Da hier täglich viele Menschen dergleichen müssige 
Stunden zubrachten, so musste der Ort für Bekanntmachungen aller Art als 
sehr geeignet erscheinen, auch hat man solche in nicht unbedeutender Zahl, 
aber kaum noch lesbar, auf den Wänden der Porticus gefunden, unter Anderen 
eine eben&lls fragmentirte Anzeige von Amphitheaterspielen, welche dadurch 
Tor anderen interessant wird, dass in ihr Jagd (venatio), Athleten, Zeltdach 
(tdd) und Besprengungen (sparsianes) verheissen werden. Diese sparsianes 
waren nämlich Besprengungen der Zuschauer mit feinem Staubregen aus eigens 
construirten Pump- oder Spritzwerken, welche wir in Pompeji nicht mehr 
ittchweisen können. Mit dem Zeltdach vereint dienten diese Besprengungen, 
lun an heissen Tagen die Kühlung zu fördern , mit der allein man sich aber 
keineswegs begnügte , indem, wenigstens in der Hauptstadt, wohlriechendes 
Wasser zu diesen Sparsionen verwendet wurde, so dass durch sie eine duftige 

Overbwk, Pooipeji. 1 1 



162 U. Dritte« Gapitel. 

Kühle sich im Amphitheater verbreitete. In dem Umgange dieses Hofes fand 
man auch ein Schwerdt und die Büchse y in welche der thürhütende Badewär- 
ter das für die Bäder empfangene Geld sammelte. Es war dies ein äusserst ge- 
ringer Betrag, ein quadrans nämlich^ d. h. i As oder -^ Denarius, nach unse- 
rem Gelde ungefähr \ Neugroschen. Für einen Quadrans gebadet , gehst du 
wie ein König einher, sagt der Dichter; von jungen Menschen unter 15 Jahren 
wurde aber selbst diese geringe Bezahlung nicht erhoben. An diesen Hof stösst 
das offene überwölbte Gemach y, die Exedra mit Sitzen , das eigentliche 4* 75 
X5™90 grosse Conversationszimmer , für die, welche ausruhen und sich zum 
Gebrauche des kalten Bades abkühlen wollten. Bei Abend wurde dieses Ge- 
mach durch Lampen erhellt, welche so angebracht waren, dass sie ihr Licht 
durch Fensteröffnungen zugleich in das Tepidarium D hinter der Exedra und 
in das Frigidarium oder die Natatio^ das kalte Bassin C warfen. Auch zu bei- 
den Seiten der Exedra finden wir an den Wänden des Umgangs steinerne 
Sitze, scholae, ff ; bei der Lage des Gebäudes wird in diesem Theile des Ganges, 
der sich nach Südost öffnet, eine angenehm gemässigte Temperatur geherrscht 
haben, die man in der Exedra selbst noch kühler fand. — Hatte man sich nun 
in diesem Hofe, seinen Gängen und der Exedra gehörig vorbereitet , so begab 
man sich durch den erwähnten Corridor e, dessen Wölbung blau mit goldenen 
Sternen gemalt ist, in das Apodyterium, das Auskleidezimmer B, in welches 
man, wie bemerkt, d\irch den Eingang a 3 direct gelangt. Man sieht aus dieser 
Einrichtung recht deutlich, wie für das Bedürfniss derer, welche nur die phy- 
sische Erquickung des Bades suchten, durch einen kürzeren Weg, auf dem sie, 
ohne die Bevue der Versammlung im Hofe zu passiren, zu ihrem Ziele gelang- 
ten, ebenso gesorgt war, wie für die Bequemlichkeit derer, welchen das Bad 
selbst vielleicht als Nebensache, ein angenehm verbrachtes Plauderstündchen, 
Austausch von Stadtneuigkeiten oder geistreichere Unterhaltung die Haupt- 
sache sein mogte. Denn das Bad war die reunion du beau mondey und in der 
Exedra producirten die Fönten die jüngsten Kinder ihrer Laune. In diesem 
kleinen Corridor fand man nicht weniger als 500 Lampen (in den Thermen 
überhaupt über 1000), die meisten von gewöhnlichem gebranntem Thon. Man 
sieht also , wie bedacht die Pompejaner auf eine genügende Erleuchtung der 
an und für sich nicht gar zu hellen Baderäume waren. Die besten dieser Lam- 
pen hat man für das Museum in Neapel ausgesucht, die übrigen in lächerlicher 
Eifersucht zerschlagen und vernichtet; die erhaltenen besseren Lampen zeigen 
sehr massig ausgeführte Beliefe meist mythologischen Inhalts. 

Durch diesen Corridor also gelangte man in das erste eigentliche Bade- 
gemach, das Apodyterium, d. h. das Auskleidezimmer, B auf dem Plan. Dieses 
ll^SOX^*" 80 grosse Gemach ist wie die nebenliegenden Zimmer mit einem 
Tonnengewölbe bedeckt, welches aus einer ziemlich schwerfälligen, mit Greifen 
und Lyren bemalten Cornische entspringt. Auf dieser Comische werden die 
Lampen zur Erleuchtung des Gemaches in langer Beihe gestanden haben. Die 



Die öffentlichen Gebäude. 163 

Winde sind gelb bemalt^ die gewölbte Decke mit weissen Feldern in rother 
Umsäumimg , so viel sich hat finden lassen^ ohne innere Figurenmalereien. 
Der Fussbodcn besteht aus einem groben weissen Mosaik mit schwarzem Rande. 




Figur J 30. Ansicht des Apodyterium. 

Steinerne Bänke, h im Plan, auf einer niedrigen steinernen Stufe laufen rings 
an den Wänden hin, in welchen man Löcher sieht, die von hölzernen, zum Theil 
Terkohlt aufgefundenen Pflöcken herrühren , an welchen man wahrscheinlich 
die abgelegten Kleidungsstücke aufhängte. Diese blieben unter der Obhut eines 
(üpsarius genannten Badescia ven , der in einer capsa (einem Schrein) die 
Werthsachen der Badenden gegen ein kleines Trinkgeld verwahrte. Als den 
Aufenthaltsort des Capsarius werden wir wahrscheinlich das kleine Zimmer i 
am Ende des Apodyterium zu betrachten haben , in welchem zugleich allerlei 
Badegeräth nebst Salben und Oelen aufbewahrt worden sein mögen , dem wir 
also den antiken Namen des Elaeothesium beilegen können. Sein Licht erhält 
das Apodyterium durch ein grosses Fenster an der Südwand hart unter der 
Wölbung, die es sogar etwas unterbricht (s. Figur 130), dem ein ähnliches an 
der zerstörten Nordwand entsprochen haben wird. Das erhaltene Fenster auf 
der Südseite von 1" Breite und 0"70 Höhe öfliiet sich über der Kuppel des 
anstossenden Schwimmbassins C, es war nicht allein mit Glas geschlossen, 
sondern mit einer grossen, fast 5 Linien dicken, guten, flachen Fenster- 
idieibe, welche in einem ehernen Eahmen haftete und sich in demselben um 
iwei Zapfen in der Mitte drehend bewegte. Die bei der Ausgrabung in Frag- 
mäiten gefundene und in das Museum in Neapel gebrachte Scheibe ist auf der 
einen Seite matt geschliffen, um das Hereinsehn in das Apodyterium von dem 
Dache des Schwimmbassins zu verhindern. Fast mehr noch als die vielen und 



164 



II. Drittes Capitel. 



äusserst kunstreichen Glasgefässe , die wir aus dem Alterthum , darunter nicht 
die schlechtesten aus Pompeji, haben, beweist diese Scheibe, dass vor der Ver- 
schüttung Pompejis die Glasbereitung und Verwendung gäng und gebe war. 
Das Relief zu beiden Seiten des Fensters, welches bei der Reparatur der Wöl- 
bung stark gelitten hat, scheint Scenen des Gigantenkampfs darzustellen; in 
der Fensternische selbst sehn wir eine colossale Jupitermaske. Unter diesem 
Fenster ist in der Wand noch eine kleine Oeffhung in die anstossende Natatio; 
auch diese mag durch eine Scheibe geschlossen gewesen sein , und diente , wie 
der Oelruss zeigt, der ihr Inneres bedeckt, um durch hineingestellte Lampen 
das Apodyterium und die Natatio zugleich zu erhellen. 

Das Einzige, was auf den ersten Blick ein Bedenken gegen die Benennimg 
dieses Saales erweckt, ist der Umstand, dass er ausser der Thür des Eläothesium 
fünf Thüren hat, deren unsere Abbildung drei zeigt; man denkt dabei leicht 
an Zugluft , die für ein Auskleidezimmer wenig passend ist. Da aber bei ge- 
nauerer Betrachtung dies Bedenken ganz wegMlt, indem nur zwei Thüren 

nach aussen, die dritte in 
die Natatio, die vierte in das 
Tepidarium, die fünfte zu 
der Feuerstelle führt, und 
da für ein Apodyterium in 
den Thermen Pompejis ab- 
solut kein Raum ausser die- 
sem an sich hiezu sehr pas- 
senden nachweisbar ist, so 
muss jenes Bedenken auf- 
gegeben werden. 

Aus dem Apodyterium be- 
geben wii uns zuerst in das 
Frigidarium oder die Nata- 
tio, d. h. das kalte Bad oder 
das Schwimmbassin C, wel- 
ches diesen letzteren Namen 
allerdings in Pompeji nur 
in sehr uneigentlichem Sin- 
ne tragen kann. Dies Ge- 
mach ist vollständig erhal- 
ten, es fehlt nur das Wasser 
in dem Bassin, welches 
durch eine vier Fuss vom 
Boden angebrachte kupferne 
Röhre aus dem später zu er- 
Figur 131. Ansicht des Frigidarium. wähnenden grossen Reser- 




Die öffentlichen GebAude. 165 

i 

voir in emem \" dicken Strahle sich ergoss; dasselbe ist^ch aussen vier- 
eckig, innen kreisrund von 5" 70 Durchmesser; den vier Ecken nach aussen 
entsprechend sind im Innern vier halbrunde Nischen, die s. g. scholaey Kühe- 
plÄtee, angebracht; in der Mitte befindet sich die pisctna, die Wanne oder das 
Bassin, von 4" 50 oberem Durchmesser, \imgeben von einem lO" unter der 
Iläche des Bodens befindlichen 1 1 " breiten Sitz, innerhalb dessen an der einen 
Seite (links auf unserer Ansicht) noch ein niedriger Tritt angebracht ist, um 
das Heraussteigen aus dem Wasser zu erleichtern. Das wohlerhaltene und wie 
die umlaufende Stufe, die Plattung des Umgangs und der Nischen aus weissem 
Marmor bestehende Bassin ist im Ganzen nur 1 "* 1 7 tief, so dass man wohl nur 
hockend oder sitzend in demselben baden konnte. Die Bedeckung des Ge- 
mackes besteht in einer uneigentlichen Kuppel, d. h. in einer solchen in Form 
emes abgestumpften Kegels und ist jetzt im Gipfel oflfen; dass dies ursprüng- 
lich so gewesen sei, ist nicht glaublich , viebnehr rührt es von der Zerstörung 
ker, die hier eintreten musste , weil die Spitze über die verschüttende Asche 
herausragte; den Beweis für den ursprünglich vollständigen Gipfelschluss der 
imien blau gemalten Kuppel liefert eine durch dieselbe nach Südwest gebro- 
chene Fensteröfifnung, die unsere Ansicht zeigt, und die überflüssig gewesen 
Trtre, wenn der Gipfel nicht verschlossen war. Sie scheint ohne Scheiben ge- 
wesen zu sein , weil es für dies Gemach zum Kaltbaden nicht auf einen Ab- 
schluss gegen die freie Luft ankam. Die Wände waren auch hier gelb gemalt, 
hie und da unterbrechen grüne Zweige die einförmige Fläche , die Nischen 
and bku, ihre Wölbungen roth gemalt und mit einem hübschen Stuccorahmen 
eingefasst Auch die etwa 3 " vom Boden umlaufende Comische , aus der die 
Kuppel entspringt, ist mit Stuccoreliefen geziert, welche gutgearbeitete Ren- 
nen zu Soss und zu Wagen darstellen, und roth bemalt waren. 

Kehren wir aus diesem Frigidarium zurück und sch^-eiten durch die auf 
unserer Abbildung Figur 1 30 sichtbare Thür in der rechten Wand des Apody- 
tenums, so befinden wir uns in dem lO^XS^ßO grossen Tepidariiun D auf 
dem Plane, dem Gemach für die Entkleidung derer, welche die heissen und 
die Dampfbäder in dem Caldarium E gebrauchen wollten. Zu diesem Zwecke 
wurde dasselbe nicht allein durch einen beweglichen Heerd von Bronze, son- 
dern durch heiflse Luft erwärmt, welche aus dem nebenanliegenden Calda^ 
num unter seinen hohlgelegten Fussboden geleitet wurde. Die Wärme in die- 
sem Zimmer war eine gemässigte und trockene und dasselbe diente zur £nt- 
Uddung vor und zur Bekleidung nach dem Gebrauche des Schwitzbades, sowie 
ftr die mit dem Gebrauche der Schwitzbäder in Verbindung stehenden Bei- 
hoBgen und Salbungen und alle die anderen Operationen nach dem Schwitz- 
W, fdr welche eigene Sclaven , unctares, Salber, angestellt waren. Aus der 
folgenden Abbildung ist ersichtlich, dass dies Gemach sehr reich decorirt ist, 
Md in der That übertrifft es in dieser Beziehung alle anderen Abtheilungen 
der Thermen. Der Fussboden mit weissem, schwarzumrandeten Marmormosaik 



166 



II. Drittes Capitel. 



geplattet , die WÄlbung der Decke reich mit Stuccaturarbeit und mit Malerei 
auf farbigem Grunde verziert, die Wände rotli gefärbt, die Comische von Sta- 
tuen getragen: Alles dies wirkt zusammen, um das Gemach sehr elegant und 




Figur 132. Ansicht des Tepidarium. 

prachtvoll erscheinen zu lassen. Die Statuen, welche dieCornische der Decken- 
wölbung tragen und die wir mit dem technischen Ausdruck als Atlanten oder 
Telamonen bezeichnen können , stehen auf einer rings um das Gemach auf 4' 
Höhe aus der Wand allerdings ziendich unorganisch und schwer vorspringen- 
den Platte auf kleinen Basen und vor flachen Pfeilerchen, die Nischen zwischen 
sich lassen. Diese mogten am Abend eine Reihe von Lampen zur Erleuchtung 
des Tepidariums aufnehmen, ähnlich wie die flache Cornische des Apodyte- 
riums. Die Telamonen selbst , 2' 2" hoch und aus gebranntem Thon , ähneln 
jenen colossalen Giganten , welche vor der inneren Pfeilerstellung des Zeus- 
tempels in Girgenti die Decke trugen , jedenfalls stimmt die Art , wie sie die 
Last der Cornische mit den über das Haupt erhobenen Ellenbogen stützen, 
mit der Stellung der grossen Figuren jener noch nicht zu voller Freiheit ge- 
langten Kunst überein ; die kleinen Figuren sind in kräftiger Naturwahrheit, 
jedoch etwas schwerfällig modellirt, nicht unähnlich den knienden Atlanten 
im kleinen Theater. 

Die überaus reiche Stuccaturarbeit und Malerei der Deckenwölbung wird 
sich am besten aus der folgenden Probe Figur 133 beurteilen lassen. Der Grund 
ist theils roth, theils blau , die Figuren der äusseren Reihe sind weisse Reliefe, 
die kleineren Figuren der Mitte leicht weiss gemalt. Den Rand bildet eine 
reiche und geschmackvolle Stuccoarabeske, ebenfalLs weiss auf rothem Grunde. 



r 



Die Öffentlichen Qeb&nde. 



167 

Das Tageslicht empfing 
das Tepidariiun auf dieselbe 
Weise wie das Apody teriiim. 
Das grosse Fenster an der 
Südseite ist erhalten und auf 
unserer Abbildung sichtbar, 
nebst der kleineren Oefi*- 
nung fttr die Lampen, wel- 
che hinterwärts zugleich die 
Exedra erhellten. 

Im Tepidarium sind drei 
Bänke von Bronze und ein 
eherner Heerd gefunden 
worden , welche unsere Ab- 
bildung an Ort und Stelle 
zeigt. Auf den Sitzen fand 
man den Namen des Schenk- 
gebers M. NIGIDIVS. 
VACCVLA. P. S (pecunta 
8ua) »M. Nigidius Yaccula 
aus eigenen Mitteln«, und 
eine Anspielung auf seinen 
Namen (Kühlein, kleine 
Kuh) werden wir in den 
Ornamenten der von ihm 
geschenkten Gegenstände 
nicht verkennen dürfen. 
Die Füsse der 1" 80 langen 
Bänke sind Kuhfttsse, welche oben in einen Kuhkopf enden, und an dem 
2"12X0" 77 grossen Heerde ist an der Vorderseite das Thier als redendes 
Emblem in der Mitte des oberen Bandes in ganzer Gestalt und in Hochrelief 
angebracht. Der Heerd, oder richtiger gesagt das Kohlenbecken ruht vom auf 
iwei in geflügelte Sphinxe endenden Löwentatzen, hinten auf drei graden 
Beinen und hat ausser der Kuh ein umlaufendes zacken- oder zinnenförmiges 
Ornament, welches an den Ecken in ein Blatt endet und ähnlich an anderen 
Kohlenbecken in Pompeji, von denen wir später zu reden haben wer- 
den, sich wiederholt. Innerhalb des Zackenomaments ist ein eiserner Band 
emgeschoben, den Boden bildet ein Bost von bronzenen Stangen, auf dem Zie- 
gel lagen, die ihrerseits Bimstein trugen, auf welchen erst die glühenden Holz- 
kohlen geschüttet wurden. — 

Aus dem Tepidarium gelangen wir in das Caldarium E auf dem Plane. 
Die Pfosten der Thüren, welche aus dem Apodyteriiun in das Tepidarium und 




Figor 133. Deekenwdlbung des Tepidarium. 



1 



168 



II. DrittM Capitel. 



aus diesem in das Caldarium fahren , sind geneigt , so dass die an ihnen han> 
genden Thürflügel sich durch ihr eigenes Gewicht schlössen , und dass nicht 
durch nachlässiges Offenlassen der Thüren Zugluft entstehen konnte. Calda- 
rium nennen wir zunächst das ganze Gemach nach seinem Hauptzweck, dem 
warmen Bade^ wir können aber in dem Durchschnitt drei Theile unterscheiden. 




Figur 134. Durchschnitt des Caldarium. 

a das Laconictun, die runde Nische mit der grossen Wanne (labrum) filr kalte 
Abwaschungen nach dem Schwitzbade, b in der Mitte das eigentliche Calda- 
rium, den Raum für das Schwitzbad mit unterhöhltem Fussboden (suspensurd) 
und hohlen Wänden , durch welche die heisse Luft strich , endlich rechts am 
Ende c die viereckige Wanne für das warme Wasserbad (lavatio calda). Diese 
Anlage stimmt selbst in den gegenseitigen Massverhältnissen mit Vitruv's 
(V. 11.) Vorschrift überein. Das Laconicum ist eine grosse halbrunde Nische 
von 3 "50 Weite und 1"80 Tiefe, mit einem Gewölbe gedeckt, welches eine 
Viertelkugel darstellt. Im Hintergrunde ist, VitruVs Vorschrift gemäss, eine 
kreisförmige Oeffhung von "■ 45 Durchmesser durch das Gewölbe gebrochen, 
welche durch eine eherne Platte (cli/peus) geschlossen werden konnte, die man 
mittels einer Stange von unten hob, wenn das Fenster offen, senkte, wenn 
dasselbe geschlossen sein sollte. Unmittelbar vor dem Bogen , der die Nische 
des Laconicum von dem Caldarium sondert, sehen wir in der Ansicht Fig. 135 
das grösste Fenster in der Mitte der Deckenwölbung , zu beiden Seiten sind 
kleinere angebracht, so dass man sieht, wie eifrig bedacht die Fompejaner 
waren, in diesen heissen Räumen volles Licht und zugleich die nöthigen Oeff- 
nungen zum Ablassen des Dampfes und zum Einlassen frischer Luft herzu- 
stellen. Grade unter dem Hauptfenster befindet sich die grosse Kunmie oder 
Wanne, das labrum, und zwar auch dies nach Vitniv*s Vorschrift, der als 
Grund dieser Stellung angiebt, dass die Schatten der sich waschenden Perso- 
nen nicht in die Wanne fallen sollen. Das Labrum in Pompeji ist eine grosse 
flache Kumme von 2" 34 Durchmesser, 8 Zoll Tiefe und 1" Erhebung über 



f 



Pie MFentlichen Oeb&ude. 



169 



den Boden ^ in der Mitte na- 
belförmig erhoben. Hier ist 
eine bronzene Röhre durchge- 
trieben, durch welche das Was- 
ser emporstieg. Dies war aller 
Wahrscheinlichkeit nach kalt, 
d. h. kalt im Vergleich zu der 
heissen Luft des Caldariums, 
und diente, um den Kopf des 
Badenden zu begiessen, ehe er 
aus der Hitze fortging; so 
können wir wenigstens nach 
der Analogie türkischer Bäder 
und nach allgemeinen Grün- 
den schliessen. Die Wanne 
ruht auf einem nicht eben zier- 
lichen Fusse von Lava, wel- 
cher aber aus dem besonderen 
Grunde so schwerfUlig genom- 
men scheint, um einigen klei- 
nen Rissen im Marmor eine 
um so festere Unterstützung 
des Granzen entgegen zu setzen. 
Diese Wanne war nach Decu- 
rionendecret, zur Zeit als Cne- 
ius Melissus Aper und Marcus 
StaiusRxifus richterliche Zwei- 
männer waren, aus öffentlichen Mitteln besorgt worden, wie uns die folgende 
mit Bronzebuchstaben in den Rand eingelegte Inschrift (Mommsen No. 221 7) 
khrt: 

CN. MELISSAEO. CN. F. APRO. M. STAIO. M. F. RVFO. 11. VIR. ITER. ID. LABRVM. 
EX. D. D. EX. P. P. F. C. CONSTAT. HS. B^CCL. 

ans der wir zugleich den Preis erfahren , der für dieselbe bezahlt wurde und 
der sich auf 5250 Sestertien, nach unserem Gelde 260 Thaler, belief, eine 
Summe, die jetzt wohl ungenügend sein würde, um eine solche Marmorwanne 
zu bezahlen. Manche Schriftsteller über Pompeji haben die Summe irrig für 
750 Sesterzen = 37 Thlr. 15 Ngr. gelesen und daraus auf die ausserordentliche 
Wohlfeilheit der Materialien und der Arbeit zu der damaligen Zeit geschlossen. 
Am entgegengesetzten Ende desCaldarium (c Figur 134, im Vordergrunde 
Figur 135) ist die viereckige Wanne, alveus oder baptistertum , für das warme 
Bad. Auf zwei Stufen stieg man zu derselben hinauf und setzte sich auf die 




flgur 135. Ansicht des Caldarium. 



^ 



170 IL Drittes Capital. 

dritte oder die Wand der Wanne von weissem Marmor und " 34 Breite. Die 

Füsse ruhten auf einer inneren Stufe von halber Höhe der Wanne , vermittels 
deren man sich allmählig in die heissc Fluth tauchen konnte. Die ganze Länge 
der Wanne ist 5"" 05 , die Breite 1"' 59 und die Tiefe beträgt nur "* 60. Zehn 
Personen können neben einander auf der oberen oder inneren Stufe gesessen 
haben, denn sitzend wird man, nach der geringen Tiefe der Wanne zu schliessen, 
das Bad genommen haben , weshalb auch die innere Wand der oberen Stufe 
wie die Lehne eines Stuhles geneigt ist. Das heisse Wasser floss durch eine 
Oeffnung in der einen Ecke unmittelbar aus dem daneben liegenden , gleich 
zu besprechenden Kessel in die Wanne und muss durch eine Oeffnung im Bo- 
den, welche mit einem beweglichen Stein geschlossen wurde , abgeflossen sein. 

Zwischen dem Laconicum und diesem Alveus ist nun endlich das eigent- 
liche Caldarium, das trockene Schwitzbad, dessen Sitze von Holz gewesen sein 
werden, weil ausser diesem Material nur Stein der dauernden warmen Feuch- 
tigkeit widerstanden haben würde. Der Boden ist nach dem Alveus hin leise 
geneigt , so dass in seiner Nähe ein Abfluss für das niedergeschlagene Wasser 
gewesen sein muss. Aus Rücksicht auf die in diesem Gemach stetigen warmen 
Dämpfe sind seine Decorationen ungleich einfacher, als die des Tepidarinms ; 
Malerei fehlt ganz, weil sie nicht Stand gehalten hätte , die Wölbung ist nach 
einem sehr guten Motiv querüber von Comische zu Comische gleichsam canel- 
lirt, wodurch die Form des Tonnengewölbes nachdrücklich hervorgehoben wird, 
im Laconicmn treten canellirte , im Caldarium glatte Wandpfeiler hervor und 
die Kuppel des Laconicum enthält auf unserer Ansicht Figur 1 35 erkennbare 
Stuccoornamente. Unterhalb der Kuppel ist eine Oeffnung für die Lampen an- 
gebracht, die ihr Licht in die Porticus warfen, sie muss durch eine Glasscheibe 
geschlossen gewesen sein und Glasscheiben werden wir auch in den Fenstern 
der Decke anzunehmen haben, nicht geöltes Leinen, welches sonst in derartigen 
Säumen auch verwandt wurde; denn das Bestreben, viel Licht zu schaffen, 
ist hier augenfällig. Der Fussboden ist von Mosaik und durch kleine Thon- 
pfeiler unter den Ecken der einzelnen Platten unterhöhlt. In ähnlicher Weise 
ist die Höhlung der Wände hergestellt. Dieselben sind nämlich nicht wie in 
manchen anderen Beispielen solcher Anlagen von einem System von Thon- 
röhren durchsetzt, durch welche die heisse Luft circulirte, sondern sie bilden 
gleichsam eine grosse Röhre, indem vier Zoll von der Mauer eine Verklei- 
dung von Thonplatten gebildet ist, welche mit jener nur durch eiserne Klam- 
mem verbunden sind. 

Unmittelbar neben dem Caldarium liegt der Heizapparat, zu dem ein eige- 
ner Eingang c von der Strasse der Fortuna , ferner der Corridor vom Apody- 
terium und dem Garderobenzimmer und ein zweiter Corridor aus dem Hofe -iT 
führt, in welchem das Brennmaterial aufbewahrt wurde. Dieser muss, nach 
den zwei noch stehenden Säulen zu schliessen, bedeckt gewesen sein. Der 
ganze Heizapparat ist in ein sehr solides Mauerwerk, auf dem Plane hell 



Die öffeDtllchen Oeb&ttde. 



171 



schraffirt^ eingeschlossen. Nur wenig über dem Boden befindet sich der runde 
Heerd a (fomeix) von 2 " 20 Durchmesser, von dem aus ein gemauertes Rohi-, 
im Plane mit punktirten Linien angegeben , die heisse Luft unter den Fuss- 
boden des Caldariums und hinter dessen hohle Wände leitete. Auf einer klei- 
nen Treppe gelangt man zu den höher und seitwärts eingemauerten Kesseln, 
Ton denen der erste ß das kochende oder fast kochende Wasser in die Wanne 
des Caldariums ergoss, wahrend er neuen Zufluss aus einem wieder etwas höher 
eingelassenen Kessel y erhielt, in dem das Wasser nur erwärmt wurde, und 
der mit dem Labrum des Laconicum in Verbindung steht. In diesen endlich 
floss kaltes Wasser aus dem viereckigen Reserv'oir d, welches in den Kesseln 
^ und y allmählig bis zur Siedehitze erwärmt wurde, lieber die Speisung des 
Reservoirs 6 sprechen wir demnächst. In dem Vorräume des Heerdes , dem 
praefwniumy in welchem sich der Heizer, furnacarius oder fornacarius , auf- 
kielt, fand man eine beträchtliche Menge Pech, welches zur lebhaften An- 
fachung des Feuers gedient hatte. Die Treppen bei k führen in das obere Ge- 
schoss und auf das flache Dach der Thermen. 

Getrennt von dem beschrie- 
benen Männerbad liegt das 
Frauenbad, welches unser Plan 
durch dunkele Schraffirung un- 
terscheidet, und welches diesel- 
ben Räumlichkeiten in grösse- 
rer Beschränkung enthält. F ist 
das C'aldarium mit unterhöhltem 
Fussboden, mit Laconicum n 
und Labrum ß. Derselbe Heerd 
und Kessel, welcher das Calda- 
rium des Männerbades versorg- 
te , brachte auch in das Calda- 
rium der Frauen heisse Luft und 
heisses Wasser, der Canal ist 
auf dem Plane punktirt. Vor 
dem Caldarium liegt das Tepi- 
darium G, ebenfalls mit hohlem 
Fussboden , unter den sich die 
Luft aus der suspensura des Cal- 
dariums verbreitete, so dass hier 
eine eigene Feuerpfanne bei der 
geringeren Dimension und Ent- 
fernung vom Heerde überflüssig 
wurde. H ist das Apodyterium, 
Fi^r 136. Ansicht des Frauenbades. in dem das Frigidarium mit der 




172 II. DrlttM CH»itel. 

Fbcina /gleichsam als ein Alkoven eingebaut ist. Von diesem Raumie geben 
wir eine Ansicht Figur 136. Bechts am Frigidarium vorbei führt der Ausgang 
durch die Thür / zxmächst in ein Vorzimmer m mit steinernen Bftnken^ gleich 
denen im Apodjterium^ und dann durch den Eingang b auf die Strasse der 
Fortuna. Alle genannten Bäumlichkeiten dieser streng abgetrennten Abthei- 
lung der Thermen sind von ungleich einfacherer Omamentirung als die der 
grösseren Abtheilung^ weshalb man auf den Gedanken gekommen ist, in dieser 
Abtheüung^ welche wir fOr die Frauen bestimmt glauben^ die Badezimmer für 
die ärmere Classe zu finden. Nun ist es allerdings richtig, dass in Born beim 
Beginn der Erbauung öffentlicher Bäder nicht zwei Abtheilungen für Männer 
und Weiber unterschieden wiirden^ dass vielmehr beide Geschlechter zu ver- 
schiedenen Zeiten dieselben Bäume benutzten , bis in der Zeit der grossen Sit- 
tenverderbniss unter Nero das gemeinsame Baden Gebrauch wurde und zu den 
widerwärtigsten Ausschweifungen fahrte, denen Hadrian durch das Geboi 
räumlicher Trennung des Männer- und Frauenbades ein Ziel setzte; jemehr 
dies Alles jedoch mit der wüsten Sittenlosigkeit der Hauptstadt zusammen- 
hangt , um so weniger beweist es für gleiche Verhältnisse in Pompeji. Dazu 
kommt ^ dass ja die Thermen überhaupt nicht für die Beichen erbaut waren, 
die eigene Bäder im Hause besassen, so dass aller Grund weg&llt, in den bei- 
den Abtheilungen unserer Thermen zwei Classen von Bädern fOr Beiche und 
Arme zu erkennen. Bei der Zurücksetzung der Frauen aber ist die geringe 
Atisschmückung der für sie bestimmten Baderäume eher erklärbar. Eine neue 
Hypothese von Breton in seinem schon einmal genannten Buche Pampeia de- 
criie, Par. 1 855, nach der die Frauenabtheilung das ältere Badehaus, die Män- 
nerabtheüung ein neues und erweitertes wäre, bleibt eine auch nur auf den 
ersten Blick scheinbare, nicht zu erweisende Hypothese. 

Schliesslich ist noch ein Wort zu sagen über die Art, wie den Thermen 
der £edarf an Wasser zugeführt wurde. Wir sind hierüber im Unklaren. Jen- 
seits der kleinen Strasse neben dem Frauenbad hat man starke viereckige ge- 
mauerte Behälter, L auf dem Plane , gefanden , welche man fdr das Hauptre- 
servoir des Wassers hielt. Dieses, so meinte man , wäre durch eine Bohre über 
die Strasse vermöge eines Bogens geführt worden, dessen einen Pfeiler man in 
n am Frauenbad wiederzufinden meinte. Allein dies ist ein einfacher Pilaster 
xmd von einer Böhrenleitung in ihm ist nicht die Bede. Dazu kommt, dass in 
jenen gemauerten Bassins sich nicht der Niederschlag von Kalkspath findet, 
der in keinem Wasserbehälter Pompejis fehlt, so dass, wenn diese Bassins die 
Beservoire der Thermen waren, sie jedenfalls erst neu gebaut und kaum schon, 
wenigstens nicht lange gebraucht sein konnten. Auf Vermuthung beruht es, 
dass ein älteres Wasserreservoir auf der starken Aussenmauer ,der Piscina des 
Frauenbades bei n geruht habe, das jetzt zerstört sei. Die Art übrigens, wie 
nun endlich in das eine oder das andere Beservoir das Wasser gekommen ist, 
steht noch dahin; Begenwasser wird man schwerlich benutzt haben; eine 



r 



Die Oflbntliohen Oebäade. 1 73 



Wasserleitung , welche auch die zahlreichen Brunnen der Stadt gespeiset hat, 
ist Boch nicht aufgefunden. — 

Ehe wir von diesen Thermen scheiden , muss noch erwähnt werden , dass 
nach Amicone's Ausgrabungsacten an diesen Thermen eine Inschrift (Momm- 
sen No. 2216) gefunden wurde, die man in einem zweiten gleichlautenden 
Exemplare vor dem herculaner Thor entdeckte, und nach der die Thermen 
nicht öffentliche, sondern ein Frivatuntemehmen gewesen wären. Ob sich hie- 
mit Manches von dem , was wir in den Thermen gefunden haben , vertragt, 
mig dahingestellt bleiben. Die Inschrift selbst ist abhanden gekommen. — 
Ke verhältnissmassig geringe Grösse der Thermen Pompejis hat lange zu der 
Annahme gefiohrt, dass sie nicht die einzige Anlage der Art in der Stadt gewe* 
sen sei. Diese Annahme scheint sich als richtig zu bew&hren; die neuesten 
Ausgrabungen haben an der Ecke der beiden Strassen , deren eine vom Odeum 
in die Strasse der Fortuna führt (der s. g. Quadrivio della Fortuna) und deren 
andere den Namen der Strasse der Goldschmiede führt und neben dem Gre- 
baude der Eumachia auf das Forum mündet , ein Gebäude zu Tage gefördert, 
dessen bisher bekannte Theile in demselben ein zweites Badehaus erkennen 
lassen. Zwei Säle sind bekannt, deren einer, für das Caldarium geltend, die- 
selbe canellirte Deckenwölbung zeigt, wie das Caldarium der älter bekannten 
Hennen , auch einen Stuccosims , welcher Schiffe und Meergötter darstellen 
BoH. Genaueres wird erst nach Vollendung der Ausgrabung mitzutheilen sein; 
es ist aber sehr wohl möglich, dass man im Laufe der Zeit noch ein drittes und 
ein viertes Badehaus finden wird, wenngleich vielleicht von weniger schönen 
Einzelheiten wie die des völlig bekannten sind. — 



Sechster Abschnitt. 

Brannea, Altäre uuü ■•nsiUe kleine Benwerke. 

Gutes Trinkwasser galt im Alterthum für eben so wichtig wie bei uns, ja, 
wenn wir von den ungeheuren Bauten, welche die Römer in viele Meilen lan- 
gen riesigen Aquaeducten anlegten , um sich dasselbe zu verschaffen , auf den 
Werth schliesst, den das Wasser hatte , fOr noch ungleich wichtiger. Für den 
Bedarf des Haushaltes, ftlr Küche und Wasche hatte man das in den Implu- 
vien gesanunelte, in tiefgegrabene Brunnen geleitete und in ihnen geklärte 
Regenwasser in jedem Hause bei der Hand, zum Trinken aber zog man, ob- 
gleich das Wasser der Cistemen namentlich in älterer Zeit gebraucht wurde, 
Quellwasser begreiflicherweise vor, welches oft sehr weither geschafft werden 



So auch in Pompeji. Denn die Stadt hatte vermöge ihrer schon früher 
dargestellten Lage auf einem Lavahügel im Alterthum nicht eine einzige leben- 
dige Quelle in ihren Mauern, innerhalb deren jetzt einzelne Brunnen durch- 



174 



II. Drittes Capitel. 



gebohrt worden sind, und das Wasser des Samo konnte ohne grosse Pump- 
werke ebenfalls nicht bis in die Stadt gebracht werden. Obgleich wir nun von 
einer Wasserleitung, von einem gemauerten Aquaeduct ausser einzelnen Pfei- 
lern, in denen zwei Bleiröhren emporlaufen und die in der Nähe einiger Brun- 
nen stehn, deren Bestimmung aber noch fraglich ist, keine sichere Spur gefun- 
den haben, so bleibt uns nur die Annahme übrig, dass das Trinkwasser vermöge 
einer künstlichen Leitung von einem höher gelegenen Punkte an einem der 
mngebenden Berge nach Pompeji gefühlt worden sei. Hier aber ist fast keine 
Strasse ohne einen öffentlichen, meistens an der Scheidung zweier oder mehrer 
Strassen (in biviis oder tritiis) angebrachten Brunnen immer fliessenden Quell- 
wassers gewesen und die meisten grösseren Häuser hatten dergleichen Brun- 
nen, oft Springbrunnen innerhalb ihrer Mauern. Der Beweis dafür, dass diese 
Brunnen nicht doch etwa ihr Wasser aus Quellen innerhalb Pompejis erhiel- 
ten, ist darin gegeben , dass wir die Wasserleitung innerhalb der Stadt ken- 
nen ; sie besteht aus theils gemauerten, theils thönemen oder bleiernen Bohren, 
welche das Wasser durch alle Stadtviertel vertheilten und durch kleinere Blei- 
rohre in die öffentlichen und Privatbrunnen ausströmen Hessen. Es ist dem 
Verfasser nicht bekannt, ob man jemals ein Nivellement der Leitungen in der 
Stadt vorgenommen hat, um den Ausgangspimkt derselben zu finden. Die 

Hauptleitungsrohre waren mit Hähnen geschlossen, 
vermöge derer man den Zufluss des Wassers hemmen 
oder massigen konnte. Ein sehr merkwürdiges Exem- 
plar eines solchen Hahnes (Figur 137) ist in Capri 
im Palaste des Tiberius gefunden. Der Theil J' drehte 
sich in dem Theil a und öffnete oder schloss dadurch 
die Rohre c , welche nach beiden Seiten führen. Ein 
inerkwürdiger Umstand giebt diesem Stück noch ein 
nebensächliches Interesse. Die verschiedenen Theile des Hahnes sind herme- 
tisch dicht in einander gerostet und haben in 

A^^tti^T"^;; » KMjulj demselben Wasser eingeschlossen, welches 

^ V -AV ^j ^> i man, wenn der Hahn geschüttelt wird, deut- 
' "^ ^''' lieh in seinem Inüem plätschern hört. — 

In der nebenstehenden Ansicht finden wir 
den Plan und in der folgenden die Ansicht 
einer Strassenecke , eines bivium mit einem 
Wasserreservoir a und einem Brunnen b; es 
ist der erste an der Hauptstrasse vom hercu- 
laner Thor, welche man mit ihrem Pflaster 
und ihren Trottoirs ebenfalls auf dem neben- 
stehenden Plane deutlich erkennt. Die Gestalt 
des Brunnens selbst ist, wie die der meisten 
Brunnen in Pompeji, die einfachste, die man 




Figur 137. 
Hahn der Wasserleitung. 




Figur 1 38. Plan eines Brunnens. 



Die öiSentHchen Qeb&ude. 



176 




sich denken kann. Aus einein kleinen ungeschmückten Cubus Ü3lt das Wasser 
in einen s. g. Cantharus oder ein viereckiges Bassin, welches aus mit eisernen 

Ellammem verbundenen 
Hausteinen erbaut ist, um 
der Last des Wassers und 
vielleicht etwaigem Frost 
sicher zu widerstehn. Hin- 
ter dem Brunnen sieht man 
das s. g. castellum y den 
grösseren Wasserbehälter, a 
auf dem Plane, mit gewölb- 
ter Decke und durch eine 
Thür geschlossen. Wahr- 
scheinlich befand sich in 
diesem Gebäude ein Kno- 
tenpunkt der Leitungen und 

„. .„^ . • 1.. . ö war in demselben ein Hahn 

Figur iJ9. Ansicht eines Brunnens. 

etwa von der oben abgebil- 
deten Art. Die Facade dieses kleinen Bauwerks nach dem Brunnen hin ist mit 
einem jetzt fast ganz erloschenen Gemälde geschmückt, und vor demselben 
steht ein kleiner den larea compitales , den Schutzgöttem der Strassen , deren 
Cult Augustus erneuerte, geweihter Altar. Das Bild stellte eine Opfercäre- 
monie vor, ist aber zu sehr zerstört, um mit Sicherheit beschrieben zu werden. 
Die meisten Brunnen sind dem hier beschriebenen und abgebildeten sehr ähn- 
lich, nur fehlt das Brunnenhaus hinter denselben, wogegen der Cippus, aus 
welchem das Wasser in das Reservoir floss , bei den meisten auf eine verschie- 
denartige Weise mit Relie- 
fen geschmückt ist. Bei- 
spielsweise bringen wir die 
Abbildung eines ebenfalls 
an einer Strassenecke bele- 
genen Brunnens. Der Cip- 
pus ist mit einem an das 
Gepräge der Münzen von 
Agrigent oberflächlich erin- 
nernden Belief geschmückt, 
darstellend einen Adler, der 
einen Hasen im Schnabel 
hält, aus dessen Maul das 
Wasser floss. In dem Laden, 
in dessen Thür hinter dem 
Brunnen wir hineinsehn. 




Figur 140. Ansicht eines zweiten Brunnens. 



176 



Ih Drittes Capitel. 




Figur 141. 

Durchschnitt eines 

Brunnens. 



wurden Esswaaren verkauft, von denen man Reste in demselben gefunden 
hat. Wir übergehen andere fast ebenso gestaltete Brunnen, deren SeUef- 
schmuck in verschiedenen Masken besteht , aus deren Munde der Wasserstrahl 
entspringt und begnügen uns ausser dem Durchschnitt 
eines derartigen an den Propyläen des Forum triangu- 
läre belegenen Brunnens (Fig. 141), durch welchen die 
Art deutlich werden wird , wie das Wasser durch ein 
Rohr in dem durchbohrten Cippus bis zum Ausfluss 
geleitet wurde, die Ansicht noch eines Brunnens (Rg. 

f ^ ** 142) mitzutheilen, bei dem wir eine Besonderheit finden. 

Derselbe liegt neben den dreiCurien und der s. g. öfient- 
lichen Schule am Forum, der Cippus ist mit einem Stier- 
kopf in Relief geschmückt, und das Bassin ist an zwei 
Seiten nach dem Trottoir hin mit einem eisernen Geländer umgeben, um Fuss- 

gänger vor dem Hineinstürzen zu 
bewahren. Dies bereits bei der Ent- 
deckung ganz verrostete Geländer 
ist jetzt bis auf ein paar Stümpfe im 
Stein verschwunden. — 

Andere Brunnen in Pompeji bie- 
ten nun allerdings abweichende, aber 
nicht minder einfache Formen. So 
haben wir schon früher bei der Be- 
schreibung des Forum trianguläre 
sowie der s. g. Curia isiaca durch- 
bohrter Säulen Erwähnung gethan, 
welche als Brunnen dienten; ein 
Brunnen in demselben Stadtquartier 
hat ungefähr die Form eines Sitzes 
mit sehr niedriger Lehne, aus der 
aus \ier kleinen Löwenköpfen die 
Wasserstrahlen in den das Bassin 
bildenden Sitz fielen. 
Diese Beispiele mögen genügen , lun das immer gleichbleibende Princip 
der antiken Brunnen zu vergegenwärtigen. Diese Gleichheit des Prineips 
schliesst übrigens eine grössere Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, als sie uns 
Pompeji bietet, keineswegs aus ; die Cippen wurden ungleich reicher decorirt, 
ja sie wurden durch ganze Marmor- oder Bronzestatuen ersetzt, durch welche das 
Brunnenrohr bis zu irgend einem sinnreich construirten Ausguss geführt wurde. 
Diese Brunnenfiguren, deren schon Herculaneum eine Reihe und auch Pompeji 
einige aufzuweisen hat, boten der Plastik ein fruchtbares Feld und gehören zu den 
anmuthigsten Erfindungen derselben. Auf die verschiedenartigste Weise wurde 




Figur 142. Ansicht eines dritten Brunnens. 



Die öffentlichen Gebäude. 177 

das Ausgiessen des Wasserstrahls durch diese Figuren motiyirt; entweder sind 
es Queilnymphen^ welche das Wasser aus ihren Urnen ausfliessen lassen, oder 
Satyrn, von denen man glaubte, dass sie mit den Nymphen am Quellrandc 
tanzten, und deren Flötenspiel man im Eauschen und Rieseln des zu ihren 
Fassen als Quelle entspringenden und in das Bassin fallenden Wasserstrahls 
luhOren meinte. Viel mehr Statuen in unseren Museen, als man gewöhnlich 
gkubt , sind Brunnenfiguren gewesen , wie sich das aus Durchbohrungen er- 
weisen lässt; selbst der anmuthige, in so vielen Sammlungen anzutreffende 
nihende Satyr , den man wahrscheinlich mit Unrecht auf den s. g. periboetos 
des Praxiteles zurückgeführt hat, scheint ein Brunnenbild gewesen zu sein, 
imd ebenso der schöne borghesische Satyrknabe , der zum Wasserrieseln Flöte 
spielt. Pompeji hat in mehren Privathausern Brunnenfiguren, die wir später 
besprechen werden. Mehre derselben stellen alteSilene dar; der eine derselben 
hsst das Wasser aus einem auf die Schulter, der andere aus einem auf einen 
Pfeiler gelegten Schlauch auslaufen. Die berühmte kleine Bronzegruppe des 
Hercules mit der Hinde schmückte den Brunnen im Hause des Sallustius, 
und auch eine Nymphe von Marmor , die zu den besten Sculpturen Pompejis 
gekört, scheint Brunnenfigur gewesen zu sein. Wir werden diese Sculpturen 
in dem artistischen Theile dieses Werkes bringen. — 

Ausser den Brunnen haben wir von kleineren öffentlichen Anlagen be- 
sonders noch die, wie in katholischen Ländern die Heiligenhäuschen, vielfach 
in den Strassen aufgestellten Altäre der Schutzgottheiten der Wege und Strassen 
ra erwähnen. Ein dergleichen kleines Heiligthum haben wir bereits an dem 
Bnmnenhause bei dem ersten Brunnen kennen gelernt , bestehend aus einem 
Altar vor dem Bilde der Strassenlaren , auf welchem diesen Dämonen von den 
Vorübergehenden ein wohlfeiles Opfer und ein flüchtiges Gebet dargebracht 
wnrde. Ganz ähnlich ist ein zweites derartiges Heiligthum im Quadrimo della 
Forkinay ebenfalls mit einem Brunnen verbunden. Ohne Verbindung mit einem 
Bhmnen ist ein Altar in der Strasse hinter dem Gefongniss am Forum , ange- 
lehnt an eine Wand ; hinter demselben erscheint auf einem von Pilastern ein- 
gefassten und von einem Giebel gekrönten Felde die bekannte Opfercäremonie 
anstatt gemalt in Stuccorelief. In dem Giebel oder Fronton ist ein Adler in 
Kelief gebildet, welcher zu der unrichtigen Annahme den Anlass gegeben hat, 
dieser Altar sei dem Jupiter geweiht gewesen ; er erscheint vielmehr nur als 
ein sehr passender Schmuck des flachen Giebeldreiecks , welches er mit seinen 
ausgebreiteten Schwingen erfüllt, und welches eben wegen der Aehnlichkeit 
seiner allgemeinen Form mit den ausgebreiteten Flügeln eines Adlers in Grie- 
cbenland den Namen » Adler « (dszög) erhalten hat. Ein anderes Beispiel wird 
genügen , um nebst dem zuerst betrachtetet -den durchschnittlichen Charakter 
dieser Cultusstätten der du populäres oder patellarii uns zu vergegenwärtigen. 
Es ist dies ein ziemlich ansehnlicher Altar, welcher, um die Passage auf dem 

Orei^k, Pom|MJi. 12 



178 



II. Drittes Capitel i Die öffentlichen Gebftude. 




Figur 143. Altar an einer Strasse. 



ohnehin nicht aUzu breiten Trottoir 
nicht zu versperren oder zu beengen, 
bescheidentlich in einer Mauernische 
steht , in welcher über demselben eine 
Opferdarstellung , ähnlich den bespro- 
chenen, gemalt oder in Relief ange< 
bracht gewesen sein wird, welche uns 
verloren gegangen ist. 

Als verwandt mit diesen volksthüm- 
lichen Strassenheiligthümem müssen 
endlich die mehrfach an Ecken und 
Mauern vorkommenden religiösen Ma- 
lereien hier erwähnt werden, die, Aveil 
kein Altar vor denselben angebracht 
ist, mehr einen talismanischen als einen 
Cultcharakter tragen. Sie sind zahlreich 
genug und sehr einförmig, indem sie 
fast durchgängig nur aus zwei grossen 
Schlangen bestehen, den Symbolen der 
Tiaren, welche sich gegen einander auf einen kleinen Altar zuringeln und ge- 
nügten , um den Ort religiös zu weihen , wie der vielcitirte Vers des Persius 
(Sat. 1 . 113) zeigt : 

Finge duos angues, pueri sacer est locus extra 
Mette. 

Die Zwecke dieser Malereien sind verschieden, läelfach sollten sie nur die 
Orte, an denen sie angebracht waren , vor Verunreinigung bewahren. Dies ist 
auch der Zweck des einzigen Gemäldes von abweichender und interessanterer 
Gestalt, welches mit rother Farbe auf die Wand in einer kleinen südlich vom 
Forum führenden Strasse gemalt ist, welche nach dem Inhalt der Darstellung 
der zwölf grossen Götter den Namen des vicolo dei dodici dei erhalten hat. 
Unter denselben ringeln sich die zwei Schlangen , und befindet sich eine In- 
schrift, welche den nicht religiösen Zweck des Gemäldes ausspricht imd ein 
beträchtlich emphatisches »Verunreinigung wird verbeten ! « enthält, nämlich : 

duodecim deos et Dianam et lavem 
Optimum maximum habeat iratos 
quisquis hie minxerit aut cacaverit. — 

Auf einige andere Inschriften der Art werden wir weiter unten zurückkommen. 



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II. Viertes Capitel: Die Frivatgeb&ude. 179 

Viertes CayiteL 

Die tr^ivfttgobäude, / ' , 

Erster Abschnitt. 

DleW«hiiliiluser. 

So gros« in manchem Betmcht das Interesse der öffentlichen Gebäude 
Pompejis für den Alterthumsforscher theils durch ihre Erhaltung, theüs und 
besonders durch ihre gegenseitige Lage , welche sie als ein Gesammtes erschei- 
nen lässt, sein mag, so lässt sich doch nicht läugnen, dass die Privatgebäude 
ein bei Weitem grösseres Interesse für sich in Anspruch nehmen, und von 
höherer Bedeutung für unser Studium des Alterthums sind, als jene. Denn so 
wie überhaupt das öffentliche Leben der Alten , welches gewissermassen als 
Acte der Geschichte betrachtet werden kann , uns ungleich bekannter und in 
ahlreicheren und zusammenhängenderen Zeugnissen überliefert ist, als ihr 
PriTatleben, so sind auch die Monumente des öffentlichen Lebens, Tempel und 
Hallen, Basiliken, Theater und Amphitheater , Strassen, Wasserleitungen und 
Bader u. a. aus fast allen Theilen der alten Welt in viel grösserer Zahl auf uns 
gekommen, sie sind in ihren mehr oder weniger erhaltenen Ruinen lange be- 
kannt, gemessen, gezeichnet und studirt worden , ehe der erste Spatenstich zu 
Pompejis Ausgrabung gethan wurde, und zugleich sind gegen viele dieser 
Reste alter Tempel, Theater und sonstiger Bauten die pompejanischen öffent- 
liclien Gebäude klein , unbedeutend und stehn namentlich in künstlerischem 
Betnackt mit wenigen Ausnahmen auf einer nicht allzu hohen Stufe. Von den 
Privathäusem der Alten aber war vor Pompejis und Herculaneums Entdeckung 
monumental sehr Weniges vorhanden ; denn die Trümmer einiger Paläste und 
Villen der Grossen und Gewaltigen , welche wir ausser den beiden verschüt- 
teten Städten haben, können hier nicht mitzählen, weil sie von der Norm bür- 
gerlicher Wohnhäuser weiter entfernt sind, als irgend ein Privatgebäude Pom- 
pejis. Und auch die einzeln erhaltenen Fundamentruinen und die allerdings 
Torhandenen schriftlichen Beschreibungen ländlicher Villen bringen uns der 
Kenntniss des gewöhnlichen bürgerlichen Wohnhauses etwa und kaum so nahe, 
wie die Ruinen der Vüla des M. Arrius Diomedes in Pompeji. Von dem Nor- 
malbause, namentlich von dem Hause in der Stadt ist kaum anderswo die 
Sede, als in VitTuVs Architektur, wenigstens nirgend im Zusanunenhang und. 
und anders als in gelegentlicher Erwähnung einzelner Bäumlichkeiten. Al^- 
sehn aber davon, dass VitruVs Beschreibungen durch die Bank nicht die 
Uaisten und fdr uns doppelt schwierig zu verstehn sind, weil sie sich auf 
Abbildungen beziehen, die uns verloren gegangen, abgesehn« ferner von der 
Unklarheit, welche mit dem Mangel monumentaler Anschauung unausbleiblich 
verbunden ist, haben wir bei Vitruv Nichts als die starre mittlere Norm, das 

12» 



180 II. Viertes Capitel. 

absolute Gesetz. Diese Norm aber ist \delleicht nicht ein einziges Mal einge- 
halten , dieses Gesetz ist nach hundert verschiedenen Umständen hundertfach 
verschieden angewendet worden , und erst #die Kenntniss dieser Variationen 
der Norm, dieser verschiedenen Anwendungen des Gesetzes verschafft uns ein 
lebendiges und anschauliches Bild der Stätte, in welcher sich das nach den 
Umständen und Verhältnissen mannigfaltig gestaltete Privatleben der Alten be- 
wegte. Eine solche Kenntniss ist aber und ist nur durch Pompejis Häuser und 
die wenigen vermittelt , die man in HercTilaneum hat biosiegen können , und 
welches der Gewinn dieser Anschauung sei, das lernen wir recht würdigen, 
wenn wir unsere auf die Wohnungen Pompejis gegründete Kenntniss des 
römischen Hauses mit der Kenntniss von dem griechischen Hause vergleichen, 
die nur auf einer unklaren Normalbeschreibung Vitruv's und auf zerstreuten 
Stellen der alten Schriftsteller beruht. 

Wir betreten demnach jetzt die Schwelle einer äusserst mannigfaltigen 
und lebensvollen Betrachtung, in der wir jedoch eine doppelte Aufgabe zu 
lösen haben. Einerseits nämlich müssen wir das unsäglich reiche Detail der 
uns vorliegenden Einzelmonumcnte zur Uebersicht zu bringen suchen, müssen 
wir die Mannigfaltigkeit der Plane einer Reihe von kleineren , mittleren und 
grossen Wohnungen, d. h. von relativ grossen , denn wirklich grosse Häuser, 
wie sie Rom hatte , bietet uns Pompeji nicht , und zwar in ihrer bald durch 
locale , bald durch anderweitige Verhältnisse begründeten Modification zu ver- 
stehn suchen , müssen wir uns vorführen , was man in diesen verschiedenen 
Wohnungen an Resten baulicher und decorativer Einzelheiten und an Spuren 
des täglichen Lebens vorfand, und versuchen , nach der Anleitung dieser die 
Häuser in ihrer Gesammtheit zu reconstruiren und aus den Spuren des Xicbens 
ein Bild desselben zu entwerfen ; andererseits dürfen wir nicht versäumen zu 
erforschen, was in dieser Verschiedenheit das Gemeinsame, was in dieser 
Mannigfaltigkeit die Einheit, was in den Variationen und Modificationen das 
Gesetz und die Norm sei. Ein solches Gemeinsame , eine solche Einheit , eine 
Norm und ein Gesetz aber ist wirklich vorhanden und ist durch die sorgfältige 
Erforschung der gegebenen Mannigfaltigkeit als ein Massstab zur Beurteilung 
und als eine Leuchte der Erklärung gewonnen und festgestellt worden. Wir 
können wirklich von einer gemeinsamen und normalen Anlage des antiken 
Hauses und specieller des römischen Hauses gegenüber dem bei aller Verschie- 
denheit Gemeinsamen des modernen und namentlich des mittelalterlichen Hau- 
ses reden, und da, wie gesagt, die Erkenntniss der Norm und des Gesetzes den 
Massstab zur Beurteilung und das Licht zur Erklärung der einzelnen Monu- 
mente bietet, so müssen wir damit beginnen, uns diese Norm klar zu machen. 

Fragen wir uns zuerst , worin wohl der durchschlagende Unterschied des 
antiken Hauses und des modernen gelegen sein möge, so werden wir nach 
einer ziemlich allgemein verbreiteten Anschauung zu antworten geneigt sein : 
in der Ausdehnung des Grundrisses im antiken und der Beschränkung des- 



Die PriTBtgebäude. 1 8 1 

selben im modernen Hause y femer darin ^ dass in Verbindung mit dieser Aus- 
dehnung in der Längen- und Breitendimension des antiken Hauses eine Be- 
schränkung in seiner Höhe, in der Beschränkung des Grundareals im modernen 
Hause eine grössere Erhebung vom Boden , eine grössere Zahl von Stockwer- 
ken verbunden ist. Diese Antwort ist in gewissem Betracht richtig, aber in 
einem anderen ist sie es nicht. Richtig ist die Anschauung von der Ausdeh- 
nung des Grundareals beim antiken Hause in sofern , als sich in demselben im 
Erdgeschoss eine viel grössere Zahl von Räumlichkeiten befindet, als im mo- 
dernen Hause , unrichtig aber ist diese Ansicht , wenn von absoluter Massver- 
gleicHung die Rede ist. Eines der grössten Häuser Pompejis z. B., das s. g. Haus 
des Pansa, enthält im Erdgeschoss, Alles in Allem gerechnet, etwa 50 verschie- 
dene Räumlichkeiten. Um diese Zahl von Zimmern, Kammern, Gängen u. s. w. 
anzulegen, gebrauchte aber der antike Baumeister nicht mehr als 100 Fuss 
Front und 200 Fuss Tiefe des Areals. Fragen wir uns doch einmal, wie viele 
Zimmer, Gänge, Kammern , Vorplätze und andere Räumlichkeiten des wohn- 
lichen Bedürfnisses \m auf dies Areal bauen würden , und wir werden etwa 
den vierten bis fünften Theil nennen müssen. Der Grund liegt darin, dass der 
Alte sein Areal viel stärker parcellirte, dass er seine einzelnen Wohnräumlich- 
keiten im Allgemeinen viel kleiner machte , als wir es thun können. Ein Un- 
terschied wäre also allerdings hierin gefunden, dass dieser aber ein durchgrei- 
fender, für das Ganze charakteristischer sei, kann man kaum behaupten, und 
zugleich sehn wir, dass es mit der bequem breiten Ausdehnung des antiken 
Hauses nicht so weit her ist, wie wir gewöhnlich glauben. In einer ganzen 
Zahl kleiner und mittlerer Häuser Pompejis würden wir uns faktisch nicht zu 
bewegen, noch den nothdürftigsten modernen Hausrath unterzubringen wissen. 
Auch die Annahme der mit der grösseren Flächenausdehnung in Verbindung 
stehenden geringeren Höhendimension des antiken Hauses ist nur zum Theil 
richtig. Es ist wahr , dass der Alte nicht so thurmartig baute wie wir mit un- 
sem sechs bis sieben Stockwerken und hiinmelanstrebenden Dächern, es ist 
richtig, dass die ältesten Häuser in Rom, die nur l^füssige Mauern haben durf- 
ten, die Last hoher Geschosse nicht zu tragen vermochten, aber es ist auch 
wahr, dass wir selbst in Pompeji mehrstöckige Häuser nachweisen können, die 
ungefähr die Höhe unserer mittleren gewöhnlichen Häuser haben , und deren 
wohl das eine und das andere ein drittes Stockwerk getragen haben mag, 
es ist femer wahr und gewiss, dass August verbot, über 70 Fuss (rheinisch) 
hoch zu bauen, was Hadrian auf 60 Fuss herabsetzte, eine Höhe, die sich mit 
der manches modernen Hauses messen kann. Einen durchschlagenden Gegen- 
satz können wir also in den Dimensionen antiker und modemer Häuser nicht 
finden. In ähnlicher Weise könnte man eine ganze Reihe von Unterschieden 
anfahren, welche alle ihr Richtiges haben, ohne jedoch den bestimmenden 
Gesammtcharakterismus zu treffen. Einen solchen durchschlagenden Gegen- 
satz und bestimmenden Gesammtcharakterismus und zwar den mit dem innersten 



1 



182 IL Viertes Capitel. 



Wesen und BedOrfniss des Lebens zusammenhangenden finden wir in einem 
Umstände der Anlage, welcher die ganze Anlage beherrscht und bedingt. 

Wir haben für den antiken Tempel im Gegensatz gegen unsere Kirchen, 
welche ihrem Wesen nach durchaus Innenbauten sind, den Charakter des 
Aussenbaus in Anspruch genommen; der entgegengesetzte Charakter ist der 
des antiken Hauses, dies ist von aussen grösstentheils abgeschlossen und ganz 
nach innen gewendet. Hierin liegt der charakteristische Unterschied zwischen 
ihm und unserem modernen Hause , welches sich nach aussen in vielen und 
breiten Fenstern öffnet, und in seiner ganzen Anlage einen entschiedenen Be- 
zug zur Strasse zeigt. Für das antike Haus in seiner wesentlichen Anlage aber 
ist die Strasse Nichts als der Weg, der am Eingang vorüberführt, weder in der 
Ocffnung der Fenster, deren Vorhandensein hiemit natürlich nicht geläugnet 
werden soll, obgleich sie meistens auf das obere Geschoss beschränkt waren, nocli 
in der Decoration der Facade ist auf die Strasse Rücksicht genommen; das Par- 
terre , der ursprüngliche Theil des Hauses , bildet nach aussen nur vier ab- 
schliessende , vom Eingang durchbrochene Umfassungsmauern, die ganze An- 
lage wendet sich nach innen, und gruppirt sich um den inneren Hof, auf den 
oder auf deren zwei hinter einander liegende die Zimmer ausgehn und von dem 
sie ihr Licht empfangen. 

Dies ist bei verschiedener Benennung , modificirten Zwecken und danach 
veränderter baulicher Beschaffenheit der Theile zugleich das Gemeinsame des 
griechischen und des römischen Hauses. Eine weitere Aehnlichkeit findet sicli 
darin, dass das normale römische wie das normale griechische Haus aus zvei 
hinter einander liegenden Hälften besteht , die sich in dem Wesentlichen ihrer 
Anlage wiederholen, die aber freilich im griechischen und im römischen Hause 
eine verschiedene, wenngleich im letzten Grunde verwandte Bestimmung haben. 
Im griechischen Hause gehört die vordere Hälfte dem Manne und dem Ver- 
kehr mit der Aussenwelt, die hintere Hälfte der Frau und der Wirthschaft des 
Hauses ; auch im römischen Hause ist der vordere Theil der Oeffentlichkeit, 
der hintere dem Familienleben bestimmt. Dieses , sowie der Unterschied vom 
modernen Hause wird durch die Vergleichung der beiden folgenden Normal- 
pläne klar werden, in welche nur die ganz wesentlichen Bäumlichkeiten auf- 
genonunen sind. 

Die Aehnlichkeit der beiderseitigen Anlagen ist so gross, dass wir weniger 
Veranlassung haben , auf diese , als auf die Verschiedenheiten aufinerksam zu 
machen. Die beiden einander wiederholenden Theile des griechischen wie des 
römischen Hauses sind durch die Schraffur unterschieden , der schwarze Theil 
bildet im griechischen Hause die Männerwohnung, Andronitis genannt, im 
römischen den öffentlichen Theil des Hauses, der hell schraffirte hintere Theil 
ist im griechischen Hause die Weiberwohnung mit den Wirthschaftsräumhch- 
keiten, die Gynaikonitis , im römischen die der Familie reservirte Wohnung 
im engeren Sinne. 



Die Privatgebiude. 



183 



In beiden Theilen bildet dort wie hier ein unbedeckter Hofraum den Mit- 
telpunkt, um den sich die Gemächer herumlegen, und auf den sie sich beziehen ; 




i 







Figur 145. Plan des griechischen Hauses. 



Figur 146. Plan des römischen Hauses. 



es versteht sich demnach von selbst, dass , falls diese Häuser obere Stockwerke 
haben, dieselben sich nur über den die Höfe umgebenden Gemächern befinden 
können, so dass, obwohl die oberen Geschosse kleine Fenster nach aussen 
haben, ihr Bezug zum Innern und zum Hofe klar in die Augen fällt, was um 
80 deutlicher wird, wenn wir uns die Pläne hart nebeneinander wiederholt den- 
ken, die Häuser also an einander liegend, was in der Eegel in Griechenland 
der Fall war und in Pompeji sowie auf den im capitolinischen Museum be- 
wahrten Fragmenten eines antiken Stadtplans Roms sich wiederholt. Unter 
solchen Umständen konnten auch die GemÄcher der oberen Stockwerke ausser 
den an der schmalen Strassenfronte und den an der entsprechenden Hinter- 
fronte belegenen nur von den Höfen aus Licht erhalten , hingen also wie das 
Parterre durchaus von diesen Höfen ab. — 

Soviel zur Vergleichung und zur Darstellung des gemeinsamen Grund- 
charakters des antiken griechischen wie römischen Hauses. Betrachten wir die- 
selben jetzt einzeln ; denn es wird nicht ohne Interesse sein, auch daa griechische 
Haus in seiner wesentlichen Anlage kennen zu lernen. 

Wenden wir uns zuerst zum Plan des griechischen Hauses Figur 145. Wenn 
wir die an der Strasse gelegene Haxisthür 1 durchschreiten , so stehn wir in 



184 II. Viertel Cftpitel. 



] 



einem Vorhause oder einer Diele , Thyroreion , 2 von niclit 'ganz unbeträcht- 
licher Länge , welche uns sofort einen freien Blick in den Säulenhof der ^iän-^ 
nerwohnung gestattet. Rechts und links öfihen sich mehre Thüren auf diesen 
Gang, von denen die eine in den Stall 3 , die andere in das Gemach des thür- 
hütenden Sclaven 4 führt. Gegenüber mögen wir uns an der Strassenfronte und 
mit Fenstern, auch etwa mit einer Thür nach derselben noch ein paar Gemächer 
5 und 6 denken, welche zu verschiedenen Zwecken, z. B. zu Werkstätten oder 
Verkaufslocalen dienen mochten. Indem wir das Thyroreion durchschreiten, 
stehn wir in dem rings von Säulen nach der Grösse des Hauses in verschie- 
dener Zahl umgebenen ersten Hofe , dem Peristyl und der Aule (Hof, Halle) 
' der Andronitis 7, in dessen Mitte unter freiem Himmel der Altar des hausbe- 
schützenden Zeus (Herkeios) 8 steht, und welches einen bedeckten Gang um 
diesen freien Platz bildet. Um diesen Hof liegen nun verschiedene gfrössere 
und kleinere Gemächer, der Speisesaal, das Empfangzimmer, Gastzimmer, 
Bibliothekzimmer und andere mehr , die auf unserem Plane mit 9 bezeichnet 
sind. Von diesem Hofe führt die Treppe 1 in das obere , Hyperoon genannte 
Geschoss, wenn ein solches sich über der Andronitis befand, was häufig nicht 
der Fall war , so dass nur die Gynaikonitis zweistöckig erscheint , und zwar 
deshalb , weil dieses obere Geschoss in der Regel nur von dem dienenden Per- 
sonal, von den Sclaven bewohnt wurde, also überflüssig erschien , falls der Be- 
sitzer des Hauses sein Geschäft oder Handwerk nicht in demselben betrieb. 
Freilich muss hier auch bemerkt werden , dass der obere Stock auch gelegent- 
lich zu Miethswohnungen mit eigenem Eingang von der Strasse diente , wo- 
durch natürlich eine kleine Modification in der Anlage , namentlich in dem 
Orte der Treppe eintreten musste. Waren Sclaven füi den Geschäftsbetrieb 
des Herrn und Sclavinen für die Wirthschaft der Frau im Hause wohnhaft, 
so waren die Geschlechter getrennt und den männlichen Sclaven war das Hy- 
peroon der Andronitis zugewiesen. 

Gegenüber dem Eingange des Hauses , dem Thyroreion , sehn wir einen 
zweiten ähnlichen 1 1 , der von der Männerwohnung in die der Weiber führte. 
Dieser Durchgang und die Thür, welche den hinteren Theil der Wohnung 
von dem vorderen schied, führte den Namen Metaulos als hinter der Halle 
(Aule) der Männerwohnung, oder Mesaulos, als inmitten der Halle der Andro- 
nitis und derjenigen der Gynaikonitis belegen. Nur durch diesen in die Andro- 
nitis mündenden Zwischengang bewegte sich der Verkehr der Frauenwohnung, 
es sei denn, dass dieselbe nach hinten einen Ausgang in den ummauerten Gar- 
ten gehabt hätte. Der ganze Verkehr der Gynaikonitis und somit auch der 
Hauswirthschaft unterlag also der Controle der Andronitis und speciell des 
thürhütenden Sclaven , dessen Hauptaufgabe eben in der Ueberwachung des 
Hausverkehrs bestand. Schloss der Hausherr die Thür der Mesaulos , so waren 
die Weiber auf die Gynaikonitis beschränkt , deren Aehnlichkeit mit orienta- 
lischen Harems Niemand verkennen kann. Ein Blick auf den Plan genügt, 



Die Priyatgebftude. 185 

nm die Aehnlichkeit der Gynaikonitis mit der Andronitis in allem Wesent- 
Heben der Anlage zu zeigen. Einige der bedeutenderen Unterschiede wollen 
wir hervorheben. Der Säulengang des Hofes der Frauenwohnung 12 führte nur 
um drei Seiten des inneren freien Platzes, an der hinteren Seite waren die 
Säulen durch zwei stärkere Pfeiler ersetzt, welche einen weiten Eingang in 
einen Vorplatz 13 einfassten, auf den drei der wichtigsten Thüren der Frauen- 
wohnung ausgingen. Die Thür im Hintergrunde führte in den Arbeitssaal 14 
der Hausfrau mit ihren Töchtern und Sclavinen, der unter Umständen einen . 
Ausgang in den Garten und wohl immer Licht durch Fenster an der Hinter- 
fiponte des Hauses hatte. Einerseits von dem Vorplatz lag das eheliche Schlaf- 
gemach, der Thalamos 15, in welchem oder in einem anstossenden Alkoven 
sogleich die kostbarsten Habseligkeiten des Hauses in einem Schrank oder 
vielmehr in einer Kiste aufbewahrt wurden. Gegenüber links am Vorplatze 
befand sich der Amphithälamos 1 6 , dessen Bestimmung nirgend ausdrücklich 
angegeben wird, in den wir aber füglich das Schlafgemach der erwachsenen 
Töchter verlegen können. Die übrigen Gemächer der Gynaikonitis 1 7 dienten 
hauswirthschaftlichen Zwecken. Hier lag z. B. die Küche und die Speisekam- 
mer, hier lagen die Vorrathskammern für Wein, für Getraide nebst der Hand- 
mflhle, ftür die Bohstofie der weiblichen Arbeiten u. dgl. m. Bemerkt muss 
noch werden, dass, wie im Hofe der Männerwohnung der Altar des Zeus Her- 
keios angebracht war, so verschiedene andere Altäre oder sonstige geweihte 
Plätze zur Hausandacht in verschiedene Gemächer vertheilt waren. So stand 
im Mittelpunkte des Männersaales die Hestia, der häusliche Heerd, in einer 
der Ecken der Halle des Vorderhauses das Heiligthum der Götter des Erwer- 
bes, in der anderen die väterlichen oder Familienstammgottheiten , im Thala- 
mos die Hochzeits- und Ehegötter, in dem Arbeitssaale wahrscheinlich ein Hei- 
bgthum der AthenaErgane, der Göttin weiblicher Kunstfertigkeit, vor der Haus- 
tbür ein Bild des Apollon Agyieus, des Schützers der Wege und Strassen, und im 
Thyroreion ein Hermes Strophaios, der Segner des Einganges und des Ausganges. 

Ueber der Grynaikonitis war der Regel nach ein Hyperoon, ein oberes Ge- 
schoss für die Sclavinen der Hausfrau, dessen Treppe 18 wir uns an der der 
Treppe in der Andronitis entsprechenden Stelle angebracht zu denken haben. 
Thüren oder häufiger Vorhänge schlössen die Eingänge der verschiedenen Ge- 
mächer in die Peristyle ab, während Verbindungsthüren der einzelnen Zimmer 
in der Kegel nicht vorhanden waren, und die Thüren auch als Lichtöfihungen 
dienten. Dies in aller Kürze die bauliche Einrichtung des griechischen Wohn- 
hauses, wie sie die neueste Forschung zusanmiengestellt hat. Die Decoration 
baben wir uns im Ganzen einfach zu denken ; in älterer Zeit waren die Ge- 
mächer nur geweisst, erst im peloponnesischen Kriege trat Wandmalerei auf. 
Dagegen dürfen wir uns sämmtliches Hausgeräth wenn auch nicht in der Fülle 
unseres Mobiliars, so doch mannigfaltig, zierlich und elegant vorstellen. 

Wenden wir uns jetzt zu dem unserem Zwecke gemäss etwas näher zu 



186 IL Viertes Upitel. 

betrachtenden römiBchen Hause. Eine kurze historische Notiz über die Ent» 
Wickelung der häuslichen Architektur Borns wird nicht unwillkommen sein. 
Wir können vier Perioden derselben unterscheiden. Von der ersten ist nicht 
Viel zu sagen 9 sie umfasst die Urzeit, über welche wir in Bezug auf die Ge- 
staltung des Wohnhauses keine bestimmte Nachricht haben; es bleibt also un- 
serer Phantasie überlassen, uns die ersten Wohnungen als Hütten irgend 
welcher Art vorzustellen. Die zweite Periode beginnt mit dem Einfluss der 
etrurischen Architektur auf die römische , welcher die Tempel und die Woh- 
nungen neu gestaltete. Der Sage nach wurde die Einführung der etrurischeA 
Bauweise dem König Tarquinius dem Etrusker beigelegt, worauf wir als Da- 
tum Nichts zu geben haben , indem hiemit eben nur der Beginn etrurischeB 
Einflusses bezeichnet wird. Bestimmte Aeusserungen alter Schriftsteller bezea- 
gen , dass die wesentliche Eintheilung des römischen Hauses , welche durch 
alle Zeiten festgehalten wurde, etrurischen Ursprungs sei, und dass diejenigen 
Theile , welche griechische Namen tragen , erst spätere imd die Hauptanfiige 
nicht modificirende Zusätze sind. Wenn wir trotzdem in der Gesammtheit des 
Planes des griechischen und des römischen Hauses eine, wie wir gesehn haben, 
augenfällige Uebereinstimmung finden, so darf nicht vergessen werden, dass 
ein früher Einfluss Griechenlands, namentlich auch der griechischen Kunst 
auf Etrurien eine feststehende Thatsache ist. Die Wohnungen dieser zweiten 
Periode haben wir uns in Anlage und Decoration äusserst einfach zu denken, 
so wie sie auch nur klein, sehr leicht gebaut und mit Holz, Bretem oder Schin- 
deln gedeckt waren. Das Material war mit Stroh gemischter Thon , welcher, 
in Ziegel geformt, nicht gebrannt, sondern an der Sonne getrocknet, und mit 
dem das Fachwerk von Holz ausgefüllt wurde; erst später traten gebrannte 
Ziegel an die Stelle. Da nun das Gesetz verbot, die Mauern mehr als If Fn» 
stark zu bauen , so ist es klar , dass die Häuser nur einstöckig sein konnten, 
und dass man alle einzelnen Räumlichkeiten derselben , um deren nöthige Zahl 
zu erhalten, sehr klein machen musste. Bei wachsender Bevölkerung stellte 
sich freilich das Bedürfniss oberer Geschosse als unabweislich heraus, und man 
musste die Mauern , lun ihnen die nöthige Stärke zu geben , entuv-eder aus 
Bruchstein construiren, oder^ falls man die Ziegel beibehielt, die aus ihnen 
aufgeführten Mauern durch Binder von Bruchstein verstärken. Das flache 
Dach des oberen Geschosses nannte man Solarium^ indem man dort in der 
kühleren Jahreszeit den Sonnenschein aufsuchte, oder perpulae, wenn man 
das Dach mit einem Geländer wie ein Weinspalier umgab. Da man nun auch 
häufig das obere Stockwerk für die Mahlzeiten benutzte , erhielten seine Ge- 
mächer den Namen coenacula, im Allgemeinen aber dienten die oberen Etagen 
zu Miethswohnungen , wie wir Aehnliches in Griechenland gefunden haben. 
Nachdem durch Einrichtung oberer Geschosse einmal ein zweckmässiger Weg 
zur Gewinnung von Baum auf beschränktem Areal gezeigt war, fuhr man mit 
der Hinzufügung von Stockwerken fort, bis allmälig die Häuser eine solche 



Die Privfitgebäude. 1 87 

Höhe erreichten^ dass sie die Strassen dunkel machten y bei Erdbeben, Feuers- 
brftnsten und den üeberschwemmungen , von denen Born viel zu leiden hatte, 
die Gefahr vermehrten, und jene Beschränkungen der Höhe durch kaiserliche 
Gc«etxe hervorriefen, von denen oben gesprochen wurde. 

Die dritte Periode der römischen häuslichen Architektur können wir vom 
letzten Jahrhundert der Bepublik an datiren, als Born den Einflüssen Griechen- 
lands in Kunst und Sitte sich öffnete. Dieser Periode gehört die Erweiterung 
des romischen Hauses durch vom griechischen Hause entlehnte Bäumlichkeiten 
mit griechischen Namen , sowie der Beginn einer reicheren architektonischen 
und decorativen Gestaltung der alten Theile an. Der hiediirch angebahnte 
LoxiiB, der sich mehr und mehr geltend machte, leitet bald in die vierte Periode 
hinüber , welche mit dem Ende der Bepublik beginnt, und deren wesentlicher 
Charakter der des Luxusbaus ist. Die Häuser wuchsen zu Palästen nach und 
nach von fabelhaften Dimensionen und gleichzeitig nahm die Pracht und Kost- 
barkeit des Materials und der Ausschmückung zu, obgleich wir behaupten kön- 
nen, dass das Grundschema des Planes der dritten Periode auch in dieser und 
Us an das Ende des römischen Beiches festgehalten wurde. Wie rasch Luxus 
nnd Pracht zunahmen , können ein paar sehr bekannte Beispiele klar machen. 
Lucius Crassus war der Erste , welcher in seinem Hause Säulen von fremdem 
Marmor anwendete, aber es waren ihrer nur sechs von zwölf Fuss Höhe. Aber 
schon Marcus Scaurus zierte das Atrium seiner Wohnung mit monolithen 
schwarzen Marmorsäulen von 38 Fuss Höhe, während Mamurra sich nicht 
mehr mit Marmorsäulen allein begnügte, sondern die Wände seines Hauses mit 
Marmortafeln bekleidete. Den besten Massstab für die rapide Zunahme des 
Luxus finden wir in der Angabe des Plinius, dass Lepidus' Haus, im Jahre 676 
der Stadt (78 v. Chr.) in jeder Weise das schönste in Bom, filnfunddreissig 
Jahre später kaum das hundertste an Pracht und Glanz war. In dieser Zeit wurde 
das Angebot der Kaufsumme von 330,000 Thalem, welches Ahenobarbus dem 
Czassus für sein Haus that, als zu gering abgelehnt. Von ähnlicher Pracht und 
Grösse wie die Häuser in der Stadt waren die Villen und Landhäuser der 
Grossen und Begüterten; wir brauchen nur die Nachrichten über Cicero's 
Tusculanum, über die Häuser und Gärten des Sallust und Varro's Ausspruch, 
»aonst baute man dem Zwecke gemäss^ jetzt baut man , um allen erdenkhchen 
ausschweifenden Launen zu genügen «, zu vergleichen, um uns hievon zu über- 
lengen. Augustus' Reaction gegen den übertriebenen Luxus bUeb wirkungslos, 
obwohl er selbst immer in einem verhältnissmässig sehr einfachen Hause lebte, 
und gar zu üppige Bauten seiner Tochter Julia einreissen Hess. Trotzdem baute 
«ein Günstling Mäcenas in Tivoli eine Villa, deren Ruinen uns noch heute in 
Erstaunen setzen, und Aehnliches können wir von PolUo's Villa am Posilip 
sagen, deren Buinen unter dem Namen Delizie dt Pollione bekannt sind. Nach 
Augustus' Tode schritt der Luxus imi so gewaltiger fort, und zwar in dem 
Grade, dass unter Claudius ein reich gewordener freigelassener Sclav seinen 



188 II. Viertes Capitel. 

Speisesaal mit 32 Onyxsllulen zierte und > um gleich das höchste Beispiel za 
nennen, Nero's sogenanntes goldenes Haus, dessen Forticus von 1000 Schritten 
Länge von drei Säulenreihen umgeben war, den Umfang einer mehr als 
massigen Stadt hatte, während gleichzeitig nach dem famosen Brande Born 
nach einem gemeinsamen Plan mit der grössten Herrlichkeit wieder aufgebaut 
wurde. Dies war der Gipfelpunkt der Pracht und des Luxus der Privatbaaten, 
von dieser Zeit an beginnt der Verfall, der zuerst allmälig, dann immer rascher 
fortschreitet. Ein klarer Beweis hicfür liegt in den freilich immer ungeheuer 
grossen Ruinen von Hadrian's Villa bei Tivoli und in den Ruinen des Palastes 
Diocletians bei Spalatro , welche beiden Gebäude trotz ihrem Umfange doch 
weder Pracht in den Materialien, noch Geschmack in der architektonischen 
Behandlung zeigen , der sich nur halbwegs mit dem der Bauten einer früheren 
Zeit messen kann. Den Verfall noch weiter zu verfolgen , würde über unsere 
Zwecke hinausgehn , und wir kehren deshalb zu einer Betrachtung der nor- 
malen Anlage eines bürgerlichen römischen Wohnhauses mittlerer Grösse zu- 
rück, wobei wir bemerken, dass natürlich manche Modificationen im Einzelnen 
des Planes , z. B. in der Zahl der Zimmer durch die Grösse der ganzen Woh- 
nung bedingt wird, ohne dass der Grundplan im Wesentlichen geändert 
erscheint. 

Es ist schon erwähnt, dass das römische Haus wie das griechische in zwei 
Haupthälften zerMlt, welche übrigens mit Unrecht aus dem Verhältniss des 
Patronats Tind der Clientel abgeleitet werden , während dieses dem vorgefim- 
denen oder von aussen übernommenen Grundplan und den in demselben her- 
vortretenden beiden Theilen bei den Römern nur eine andere Bedeutung ver- 
lieh. Die vordere Hälfte wurde die der Oeffentlichkeit bestimmte , die hintere 
die für die Familie reservirte eigentliche Wohnung. In den vorderen Theü 
hatte Jeder Zutritt, hier versammelten sich die dienten, um dem Herrn Pation 
aufzuwarten und um seine Unterstützung oder seinen Beistand zu bitten, und 
in diesen Theil verlegte der Römer diejenigen Gemächer und Gegenstände, 
durch welche er seinen Rang oder Reichthum vor den Blicken der Welt docu- 
mentiren wollte. Es begreift sich, dass bei kleinen Häusern armer Leute die 
Unterscheidung der beiden Theile fortfiel, was hätten sie auch mit einem 
öffentlichen Vorhause anfangen sollen, sie, denen Niemand aufwartete und die 
Niemand, als Freunde, besuchte, und die froh sein mussten, auf ihrem klei* 
nen Areal die nöthigen Räimdichkeiten für die Familie und etwa für ihr Ge- 
schäft unterzubringen. Wir werden einige charakteristische Beispiele solcher 
kleinsten Häuser in Pompeji kennen lernen, und sehen , dass dieselben nicht 
einmal die Einrichtung eines inneren Hofes festhalten konnten , während wir 
zugleich bemerken werden, dass bei nur einigermassen wachsendem Wohlstand 
und Raum der Hof der erste Theil der Anlage ist, fttr den man Sorge trftgt 
Von diesen kleinen Wohnungen sehn wir ab Tind construiren uns den Normal- 
plan eines gewöhnlichen Mittelhauses, in welchen wir aber, wie bei dem 



r 



Die Priratgeboode. 



189 



Plan des griechischen Hauses^ nur die wesentlichen Räumlichkeiten auf- 
Dehinen. 




Figur 146 a. Plan des römischen Normalhauses. 

Vor grossen Häusern und Palästen befand sich zunächst eine s. g. area 
oder area privata, welche bei Mittelwohnungen wegftllt. Diese Area wurde 
mit einer Porticus umgeben oder mit einer Säulenreihe geziert oder auch mit 
Bäumen bepflanzt. Erst hinter derselben liegt die HausthOr und beginnt die 
eigentliche Wohnung, die Area musste nur als bereits zu dem Grund und Boden 
des Hauses gerechnet erwähnt werden. 

Die in der Kegel nach innen zu öfihende Hausthür 1 lag an der Strasse, 
entweder unmittelbar oder hinter ein paar niedrigen Stufen ; in etwas präch- 
tigeren Häusern war sie von zwei Säulen eingefasst , sonst nur von architekto- 
nisch gegliederten Mauerschlüssen oder Mauerpfeüem. Diese erheben sich in 
der fi^^el über die Höhe der eigentlichen Thür , so dass sie noch ein Fenster 
zur Erhellung des Vorhauses mit einschliessen. Hat man die Hausthür durch- 
schritten , so steht man in einem dem griechischen Thyroreion entsprechenden 
Gange, vestibulum, der Hausflur 2, die vermittels einer zweiten inneren Thür 3 
vcrschliessbar war und als eine Art Antichambre für ungeladene Besucher be- 
trachtet werden kann. In sehr grossen Häusern erweitert sich das vestibulum 
der Zahl der zu Empfangenden gemäss zu mehren grossen Gemächern vor der 
inneren Hausthür. Die Schwelle der Hausthür war oft, auch in Pompeji einige 
Male mit dem Bewillkommnungsgruss SALVE in Mosaik geschmückt. Auf die . 
iweite Thür folgt die innere Hausflur, ostium, 4 auf dem Plane, zur Seite wel- 
cher sich in der Begel ein Kämmerchen 5 für den ostiarius, den Portier, befin- 
det, neben welchem man oft einen Hund ankettete , oder ihn nur malte oder 
von Mosaik in den Fussboden einlegte , wie dies in Pompeji im homerischen 
Hanse der Fall ist. Eine Inschrift »Cave canem!« nimm dich vor dem Hunde 
in Acht! warnte vor der allzu grossen Annäherung an den vierfttssigen Wächter 
und findet sich auch neben dem erwähnten Mosaikhund ^ den unsere folgende 



1 



190 IL Viertei Capitel. 




.CXv^* cTfÄN ^14. 



Abbildung danteilt. Auf das Ottium folgt unmit- 
telbar das Atrium oder Cavaedium (cavum c^ium) 
6^ welche beiden Bezeichnungen höchst walir- 
scheinlich nur einem und demselbenTheile de« 
Hauses gelten. Obgleich nämlich manche Quel- 
len , über deren Auslegung aus ihnen selbst die 
Meinungsverschiedenheit schwer auszugleichen 
Figur 147. Mosaikhund. sein dürfte, das Atrium von dem Cavaedium zu 

unterscheiden scheinen, freilich ohne präcise 
Angabe ihrer gegenseitigen Lage , und obgleich mehre der achtbarsten neueren 
Forscher diesen Unterschied aufgenommen und festgehalten haben , sprechen 
doch für die Identität am lebhaftesten und, wie ich meine, entscheidend 
die schon oben erwähnten Fragmente eines antiken Planes Roms im capito- 
linischen Museum , abgebildet u. A. in Mazois* Ruines de Pompei Tome IL 
planche 1. In diesem Plane haben nämlich die verschiedenen Privathäuser 
mehr oder weniger deutlich dieselbe Einrichtung der Anlage wie die Häu- 
ser in Pompeji und in keinem Falle sicher ein vom Atrium unterschiedenes 
Cavaedium. Durch diese Uebereinstimmung ist zugleich erwiesen, dass die 
Häuser in Pompeji römische Anlage haben , was man nicht hätte bezweifeb 
sollen. Das Atrimn oder Cavaedium also, 6 auf dem Plane, ist ein Hof im In- 
neren des vorderen Theiles des Hauses und entspricht offenbar dem Peristyl 
der Andronitis im griechischen Hause. In diesem Atrium hatte ein zweiter, 
atiriensis genannter Sclave den Dienst und die Wache, der sich in don Ge- 
mache 7 der cella atriensts neben der Treppe 8 aufhielt. 

Yitruv unterscheidet fünf Arten von Atrien, das toscanische, das tetrastyk, 
das korinthische , das displuviaium und das testudinatum. Wenige Worte wer- 
den genügen, um diese Benennungen , für die wir fast sämmtlich in Pompeji 
Beispiele haben, klar zu machen. Die ersten vier Arten waren theilweise, das 
testudinatum allein war ganz bedeckt. Das Atrium tuscanicum ist das ein- 
fachste von allen. Es ist ein viereckiger Hof, dessen nach innen geneigtes 
Dach von zwei Hauptbalken und zwei in dieselben eingebundenen Neben- 
balken getragen wurde. Die Enden der Hauptbalken lagen in den Wänden, in 
denen in Pompeji noch meistens die Löcher für die Balken erhalten sind. Die 
folgenden beiden Abbildungen werden Alles leicht verständlich machen, a sind 
die Mauern, b die Hauptbalken, trahea , c die in die Hauptbalken eingefiigten 
Nebenbalken, tigilli oder trabeculcte , durch welche die viereckige innere Oeff- 
nung hergestellt wird, rf die Zwischenbalken , intefpensiva , durch welche die 
gleiche Höhe dieses ganzen Balkenwerks hergestellt wird, e die geneigten 
Streben, tigni colliciarum, f die Latten, capreoli» Gedeckt wurde das Dach 
durch zweierlei Ziegel, Plattziegel, imbrices, 1 und Hohlziegel, tegulae^ 2, 
welche über die zusammenstossenden Plattziegel gelegt wurden , um die Fugen 
zu schliesscn ; von ihnen unterscheidet man noch die Hohlziegel , welche den 



r" 



Die Privatgebftude. 



191 



Zufiaminenstoss der Dachseiten bedecken, 3, unter dem Namen der tegulae 
eoKeiarum. Die viereckige Oeflnung in der Mitte, der natürlich das Regen- 
wasser zufloss, heisst das complu/cium g^ und eine im Boden unter derselben 




Figur 148 a. Figur 14$ b. 

Plan und Durchschnitt eines toscanischen Atriums. 

angebrachte ausgemauerte Vertiefung, in welcher das Regenwasser sich sam- 
melte, h Figur 148 b, das impluvium. Aus diesem wurde das Wasser durch Röh- 
ren in eine Cisteme geleitet, aus der man es zum hauslichen Gebrauche 
schöpfte. 

Das Atrium tetrustylum oder das viersäulige Atrium ist ganz wie das tus- 
eamcum, mit der einzigen Ausnahme, dass die Hauptbalken an den vier Punk- 
ten, wo die Nebenbalken aufliegen , von vier Säulen unterstützt werden. Ein 
Beispiel hiefilr bietet unter anderen die s. g. casa dt Championnet südlich vom 
Foram in Pompeji. OflFenbar wurde diese Einrichtung getroffen, um das Atrium 
erweitern zu können, da die Hauptbalken nur in massiger Länge die Last 
des Daches zu tragen vermögen. 

Auch das Atrium corinthicum ist ganz verwandt und unterscheidet sich 
wesentlich nur durch eine grössere Oefihung des Compluvium iMfid eine grössere 
Zahl von Säulen um dasselbe. Zugleich stellt dasselbe fast ganz den Peristyl 
der griechischen Andronitis dar , wie denn sein Name offenbar genug auf seine 
griechische Herkunft hinweist. 

Abweichender ist das Atrium displumatum , obwohl es noch zu den mit 
innerer Oefl^iung versehenen gehört, dadurch, dass bei ihm das Dach nicht 
nach innen, sondern nach aussen geneigt ist, so dass der Regen nicht in das 
Impluvium zusammenfloss , sondern in Rinnen gesammelt wurde , welche , an 
der äusseren Dachkante angebracht, ihren Inhalt in Röhren ergossen, die das 
Wasser entweder wie bei uns auswärts vom Hause ablaufen Hessen oder das- 
telbe unterirdisch in die Cisteme führten. 

Endlich war das Atrium testudinatum mit dem displuviatum insofern ver- 
wandt, dass auch bei ihm das Dach sich nach aussen neigte, unterschied sich 



t92 II. Viertes Capitel. 

aber von allen anderen Atrien dadurch^ dass es ganz bedeckt war ^ dass es keine 
Compluvialöfihung hatte. Der Name stammt von dem Vergleich des Daches 
mit der Schale einer Schildkröte (testudo), aber irrig ist es , anzunehmen , alle 
Airia testudinata seien gewölbt gewesen; es fragt sich vielmehr, ob dies je- 
mals der Fall war. Offenbar konnte man Ätria testudinata nur klein machen 
und wahrscheinlich wird man Glasfenster in das Dach eingesetzt haben , um 
das nöthige Licht zu erhalten. 

Bei den ersten drei Arten des Atriums, deren Dach nach innen geneigt 
ist, wurde dasselbe am Saume des Compluvixun mit aufrechtstehenden verzier- 
ten Schlussziegeln , Antefixen in Palmettenform versehen , hinter denen die 
Eegenrinne lag oder die dieselbe bildeten, während häufig in den £cken 
Löweiiköpfe oder ein ähnliches Ornament angebracht war , durch welches der 
Wasserguss in das Impluvium erfolgte. Die untere Kante der Hauptbalken 
wurde mit Latten benagelt und an diesen durch Stucco oder Malerei eine felder- 
weise verzierte Decke des Gemaches hergestellt. Die Grösse des Compluviums 
variirt nach Vitruv zwischen ^ und \ der Breitendimension des Atrium , von 
welchen Maassen sich das erstere auf das Atrium tuscanicum, das letztere aul 
das corintAicum bezieht. Ueber die Oeffhung des Compluvium wurde ein oft 
gefkrbtes oder bunt gewirktes Zeltdach ausgespannt, um die Strahlen der heissen 
Sonne zu brechen und im Atrium ein angenehmes, schattiges und kühles Hell- 
dunkel zu erzeugen. — 

Um diesen Hauptraum des vorderen Theiles des Hauses gruppirt sich nun 
eine Reihe von Gemächern , welche ihren Ausgang in das Atrium haben und 
von ihm ihr Licht empfangen. Diese Gemächer, 9 auf dem Plan, haben ver- 
schiedene Bestimmung , und es ist kaum möglich , für sie einen gemeinsamen 
Namen aufzustellen. Nur einige derselben haben wir als festbestimmte Theile 
der Wohnung zu unterscheiden und mit eigenen Benennungen zu belegen. 
Zunächst werden die beiden letzten Gemächer der Langseiten in ihrer ganzen 
Breite offen gelassen, während alle übrigen nur eine Thür nach dem Atrium 
hatten. Diese offenen , zwischen Mauerpfeilern oder in prächtigeren Wohnun- 
gen zwischen Säulen eingefassten Gemächer, 10 auf dem Plan, heissen a/ae, 
Flügel, offenbar in Bezug auf das Atrium, als dessen Erweiterung sie betrach- 
tet werden können. In diesen Alae dürfen wir die Audienzzimmer des Patrons 
für seine dienten erkennen. Sodann haben wir unsere Aufmerksamkeit auf 
die hintere Seite des Atrium zu wenden, mit der im Vergleich mit der hinteren 
Seite der Andronitis des griechischen Hauses eine bemerkenswerthe , von dem 
Charakter der Oeffentlichkeit des römischen Vorderhauses bedingte Verände- 
rung vorgegangen ist. Im griechischen Hause fanden wir in der Mitte der 
Hinterwand des Peristyls der Andronitis nur den Gang der Mesaulos , zu bei- 
den Seiten von Zimmern eingefasst. Im römischen Hause ist dieser Mittelgang 
zu einem grossen wie die Alae nach dem Atrium zu ganz offenen Gemache er- 
weitert , welches nach hinten entweder durch eine Mauer oder häufiger nur 



r 



Die PriTatgebäude. 1 93 



durch eine gemauerte Brüstung und einen grossen Vorhang oder endlich gar 
nicht geschlossen war. Dies ist das tablinum, 1 1 auf dem Plane^ dessen Namen 
Ton tabula oder tabella abgeleitet ist; in diesem Gemache wurden nämlich die 
Almenbilder und Geschlechtstafeln vor der OeffenÜichkeit ausgestellt. Obgleich 
nun das TabUnum eigentlich nur der erweiterte Mittelgang des griechischen 
Hauses, und obgleich dasselbe meistens nur durch einen Vorhang abgeschlossen 
ist, folglich einen Durchgang in die Privatabtheilung des Hauses allerdings 
gestattet, so war doch seine Bestimmung nicht die eines Ganges. Deshalb 
wurden entweder zu beiden Seiten des Tablinum Durchgänge, sogenannte ybt<- 
ce$ angebracht, oder es fand sich ein solcher Gang, wie bei 12 auf unserem 
Plane, an der einen Seite des Mittelgemachs, während seinem Eingang ent- 
sprechend andererseits eine falsche oder blinde Thür angebracht wurde. Dies 
geschah, um für das an das Tablinum grenzende, nach hinten geöffiiete Ge- 
mach der Privatwohnung einen grösseren Raum zu gewinnen. Durch diese 
Fauces bewegte sich der Verkehr zwischen den beiden Theilen des Hauses, 
£üls nicht der weggezogene Vorhang des Tablinum einen Durchgang sowie 
einen Durchblick durch dies Mittelgemach bis in den Grund des Hauses oder 
in seinen Garten gestattete. Durch die Fauces also betreten wir den privaten 
Theil des Hauses und bemerken zunächst eine Wiederholung des Atrium, 
wenngleich in erweitertem Massstabe. Mit anderen Worten : den Mittelpunkt 
der ganzen hinteren Anlage bildet wiederum ein offener, säulenumgebener Hof, 
welcher den Namen des entsprechenden Theiles des griechischen Hauses, Peri- 
stylium oder Porticus erhalten hat, 13 auf dem Plane. Das Peristylium ist 
jedoch bedeutend weiter offen , als das Atrium , immer von Säulen umgeben, 
welche oft einen oberen Umgang tragen, und häufig in der mittleren Oeffnung 
anter freiem Hinunel als Grarten, xystus, behandelt, falls die Häuser nicht 
einen eigenen Garten hinter sich hatten, häufig auch ist im Innern des Säulen- 
nmgangs ein Wasserbassin mit Springbrunnen , die pücina 1 4 , angebracht. 
Heiterkeit und Luftigkeit war hier der Hauptzweck der Anlage, weshalb wir 
auch die Säulen von leichter, meist korinthischer Ordnung und weit gestellt 
finden. Um diesen Hof des Peristyls und seinen bedeckten Säulengang grup- 
piren sich nun die Privatgemächer der Familie, ähnlich wie die Zimmer des 
Vorderhauses um das Atrium. Hier finden wir zunächst die Schlafzimmer, ciAÜ 
eula 15, in grösseren Häusern dreifach abgetheilt, indem sie aus einem Vorzim- 
mer, procoeton 15 a, dem eigentlichen Schlafzimmer oder Ankleidezimmer ß 
und einem Alkoven y bestehen, welcher letztere entweder ganz oder grössten- 
theUs von der meistens entweder gemauerten oder bronzenen , aber auch höl- 
zernen und elfenbeinernen Bettstelle eingenommen wird. Die Zahl der cubi- 
cula variirt natürlich nach dem Bedürfniss der Familie. Ferner begegnen wir 
den Speisezimmern, iriclinia 16, so genannt von den drei Speisesophas oder 
Bänken, welche das Zimmer an drei Seiten umgeben, während die vordere 
vierte freiblieb, um der aufwartenden Dienerschaft Zugang zu dem in die Mitte 

Ovfi*eck, Pompeji. 1 3 



194 II. Viertes Capitel. 

gestellten Speisetisch zu gewähren. Gewöhnlich unterscheidet man ein Som- 
mer- und ein Wintertricliniuin (16 und 16' auf dem Plan), deren ersteres in 
einer möglichst wenig sonnigen Lage angebracht wurde und gegen das Peii- 
styl ganz offen war, wie die alae und das tablmum gegen das Atrium, um frische 
Luft einzulassen und die Aussicht auf das Feristyl mit seinen Blumen, Spring- 
brunnen und sonstigen Decorationen zu gestatten. Das Wintertricliniuin dage- 
gen legte man an den sonnigsten Ort und öffnete es weniger weit, um die ent- 
gegengesetzten Zwecke zu erreichen. In grossen Häusern steigt übrigens die 
Zahl der Speiseziimner auf eine bedeutende Höhe und dieselben unterscheiden 
sich nicht allein in der angegebenen Art nach den Jahreszeiten , sondern so- 
wohl nach der Grösse wie nach der Pracht der Decoration , welche dem Auf- 
wand der in ihnen gefeierten Mahle sich anpasste und noch sonst in mancherlei 
Art. In kleinen Häusern lag das Wintertriclinium, wenn überhaupt ein solches 
vorhanden war , im ersten Stocks Die gewöhnlichen Triclinien fassten neun 
Personen nach dem Grundsatze der Alten , die beste Zahl der Graste zu Tisch 
sei die: nicht unter der Zahl der Gratien (3) und nicht über der Zahl der 
Musen (9); ganz grosse Gastmähler gab man im Atrium. Näheres über die 
Einrichtung der Triclinien wird sich bei der Beschreibung einiger Häuser in 
Pompeji beibringen lassen. Femer verdienen als das Peristylium umgebende 
Gemächer ausser der Küche nebst Yorrathskammer, 17 auf unserem Plan, be- 
sonders noch Erwähnimg die oeci und exedrue, indem sie mehr als die später 
anzuführenden der Norm eines Mittelhauses angehören. Die oeciy von olxo^, 
waren weite Säle, die grössten Gemächer des Privathauses, die eigentlichen 
Gesellschaftszimmer und deshalb so gross genonomen, dass man zwei Triclinien 
in ihnen stellen konnte. Ihre Lage ist nicht absolut bestinmit, doch finden sie 
sich am meisten dem TabUnum des Yorhauses entsprechend an der hinteren 
Seite des Peristyls, 18 auf unserem Plan; neben ihnen ein Durchgang in den 
Garten nach Art Aerfauces 19 , weil die Oeci, obgleich offen, doch nicht als 
Crang dienten. Unterschieden werden tetrastyle Oeci mit vier Säulen zum Tra- 
gen der Decke, korinthische mit doppelter Säulenreihe unbestimmter Zahl und 
ägyptische mit einer eigenen Einrichtung. In ihnen sind nämlich die Säulen 
über einander verdoppelt, wie wir dies im Jupitertempel kennen gelernt 
haben; die untere Beihe trug einen äusseren Umgang, einen erweiterten Bal- 
con, von dem man die Aussicht gemessen konnte, die obere Beihe war mit 
Wänden geschlossen, welche Fenster durchbrachen, so dass wir also eine drei- 
schiffige Einrichtung mit erhöhtem Mittelschiff finden. Endlich werden noch 
kysdkenische Oeci erwähnt, welche seltener im Gebrauch und speciell für den 
Sommer bestinunt waren , deshalb nach Norden sich öffiieten und die Aussicht 
auf den Garten boten. Yerwandt mit den oed waren die exedrae, deren wir 
eine, der YoUständigkeit w^[en, mit 20 bezeichnet in unseren Plan angenom- 
men haben, nur waren ep kleinere, namentlich weniger tiefe, nach vom ganz 



Die Privatgebäude. 1 &5 

oder fast ganz offene Zimmer mit der Aussicht auf das Peristylium , welche zur 
Conversation dienten. 

Dies sind die Gemächer des normalen Mittelhauses. Das obere Geschoss 
enthielt ausser den coenacula die Zimmer für dieSclaven, ergastula, Arbeitszim- 
mer, genannt; Kellerräume sind, wenigstens in Pompeji, selten. Manche Häuser 
haben hinter der Wohnung einen Garten, auf den sich an der hinteren Facade 
des Hauses ein Säulengang, porttcus, 2 1 öffnet und der eine Piscina , Brunnen 
und Springbrunnen und eine künstliche Gruppirung von Bäumen und Sträu- 
clieni, Büschen und Blumen enthielt , felis er nicht , wie z. B. der Grarten im 
Hause des Pansa in Pompeji, zu Gemüsebau verwendet wurde. Manche Häuser 
mit sehr kleinem Gartenraum helfen durch auf die Hinterwand gemalte Bäume, 
Sti^ucher und Blumen aus. 

Lag ein Haus mit mehren Seiten an Strassen , wie wir in unserem Plane 
angenommen haben, so sorgte man für eigene Ausgänge aus dem Hinterhause 
22, welche den Namen posticum führen und dem Wirthschaftsverkehr einen 
kürzeren und zweckmässigeren Weg öffneten , als derjenige durch das Vorder- 
haus war und zugleich dem Hausherrn gestatteten, den im Vorderhause war- 
tenden dienten auszuweichen , postico f allere clieniem. Endlich haben wir 
noch zu erwähnen , dass meistens und so auch in unserem Plane die Häuser 
von einer Beihe von Läden 23 umgeben sind, die aus einem oder ein paar 
grösseren oder kleineren Bäumen bestehen , und von denen oft einer (bei uns 
No. 24) mit dem Innern des Hauses in Verbindung stand, so dass in ihm offen- 
bar der Besitzer des Hauses sein Gewerbe trieb und seine Waaren feil hatte 
oder durch Sclaven feil halten liess. Die übrigen Läden wurden vermiethet, 
oft mit Beigabe eines kleinen Zimmers im ersten Stock, einer pergula, wie dies 
in einer unten beizubringenden Vermiethungsanzeige ausdrücklich gesagt ist. 
Dies Vermiethen der überflüssigen Rätmdichkeiten der Häuser war ein nicht 
unbedeutender Erwerbszweig, und andererseits kann uns die Masse der Läden 
dieser Art in Pompeji, deren in jener Vermiethungsanzeige allein mehre Hun- 
dert einer Besitzerin gehörende angeboten werden, auf die Lebhaftigkeit des 
Verkehrs schliessen lassen. — 

Ausser den genannten Gemächern enthalten grosse Häuser deren noch 
eine ganze B«ihe zu den verschiedensten Zwecken, als ein Bibliothekzimmer, 
ein Gemäldezimmer {pinacothecä), Badezimmer, Sphaeristerium zum Ballspiel, 
ein aleatarium für sonstige Spiele, dazu apoiheca, tenereum, hibernaculum und 
iriele andere, welche der Luxus dem Bedürfiiiss hinzufügte, die uns aber gröss- 
tentheüs ftlr Pompeji nicht interessiren oder, wo sie sich finden, gelegentlich 
besprochen werden können. Vielfach findet man auch noch eine kleine Haus- 
capelle , sacellum , gewöhnlich im innersten Winkel der Privatabtheilung des 
Hauses, an deren Stelle aber in vielen Häusern ein blosser kleiner Altar vor 
einer Nische mit dem Bilde der Hausgötter in Sculptur oder Malerei tritt. — 
Unsere Musterung einer Auswahl charakteristischer Häuser Pompejis be- 

13* 



196 



II. Viertes Capitel. 




ginnen wir nach dieser Einleitung mit ein paar der kleinsten Häuser, die eben 
nur dem nackten Bedarf niss eines wenig begüterten Einwohners entsprechen. 
Das erste dieser Häuser , in einer kleinen Gasse des Theaterquartiers be- 
legen, enthält eben nur die Theile, die absolut nothwendig sind. Vor dem Hause 

befindet sich eine Bank a, auf wel- 
cher die Familie die freie Luft ge- 
noss, da das Haus weder Atrium 
noch Peristyl enthält. Durch die 
Hausthür gelangt man auf eine be- 
deckte Hausflur 1 , von der sogleich 
links die Treppe 2 in das obere Ge- 
schoss führt und von der man eben- 
falls links in das Zimmer des Sclaven 
3 gelangt. Gradeaus kommt man auf 
einen unbedeckten Gang 5 , welcher auf unserer Zeichnung schraflBrt ist so 
weit er sich unter freiem Himmel befindet , und von dem aus das an ihm lie- 
gende Gemach 4 , dessen Eingang von der Hausflur ist , durch kleine Fenster 
Licht erhält. Man kann annehmen, es sei etwa die Werkstatt gewesen, falls man 
den Besitzer als Handwerker denkt, wogegen der Umstand kaum in*s GcT^ncht 
Ikllt, dass das Haus keinen Laden hat, während die sorgßlltige Beleuchtung, der 
zu Liebe der Gang 4 unbedeckt ist, dafür spricht, dass hier eine Werkstatt ge- 
wesen sei. Hinter derselben liegt das Esszimmer 6 , am Ende des Granges die 
an ihrem Heerd erkennbare Küche 8 mit einem gemauerten Behälter für die 
Wäsche 9 , während der Brunnen für das Eegenwasser 7 am Ende des ofienen 
Ganges liegt. Die Schlafzimmer werden wir uns im oberen Geschoss zu denken 

haben. — Das zweite Haus hat 



Figur 149. Plan eine« kleinen Hauses. 




Figur 150. Plan eines zweiten kleinen Hauses. 



einen Laden an der Strasse 2 neben 
dem Eingange l , durch welchen 
man in eine Art von Atrium 3 ge- 
langt , dessen Dach von zwei Säu- 
len und zwei Halbsäulen getragen 
wird, übrigens Impluvium und 
Compluvium 4 zeigt. Man sieht, 
wie dieser Grundplan befolgt wird, 
wo es nur immer möglich ist , hier 
muss sich das Compluviimi mit drei 
Dachschrägen und einer Lage an 
der Seite begnügen. Links vom 
Atrium liegt das einzige Gemach, 



das cuhiculum des Herrn 5 mit dem Alkoven für das Bett am Ende, während 
die in sicheren Spuren erhaltene Treppe 6 zu einem einzigen Gemach im 
oberen Geschoss führte, in dem der Sclave schlief, während unter diesem sich 



r 



Die Privatgeb&ude. 



197 



die Küche 7 befindet. Die Figur 151 giebt einen restaurirten Durchschnitt 
dieses kleinen Hauses auf der Linie a — b im Plan. 




^3E^S^ 



Figur 151. Restaurirter Durchschnitt desselben auf der Linie a— 6. 

Endlich das dritte Beispiel dieser kleinsten Häuser mnss einem Manne 
gehört haben , welcher in der bescheidenen Umgebung seiner kleinen Woh- 
nung sein Leben mit Freunden zu geniessen liebte , wie wir das aus der Ein- 
richtung des offenen Hofes mit dem weinbeschatteten gemauerten Triclinium 

schliessen dürfen. Das Häuschen 
liegt nahe am herculaner Thor 
und an der Stadtmauer; durch 
den Eingang 1 gelangt man in 
einen bedeckten Corridor oder 
Gang 2 , in dessen Hintergrunde 
die gebrochene Treppe 3 auf einen 
in dem unten folgenden Durch- 
schnitt Fig. 153 erkennbaren Bal- 
con oder eine Terrasse, wenn man 
es so nennen will , führt. Neben 
der Treppe ist die Cella des Scla- 
ven 4, wahrscheinlich auch des 
einzigen in diesem Hause. Vom 
Ende des Ganges am Fusse der 




Figur 152. Plan eines dritten kleinen Hauses. 



Treppe gelangen wir links in das Winteresszimmer 5 mit einem Fenster nach 
dem Hofe und einer Thür nach dem Orte, in dem sich wahrscheinlich die 
Küche 6 befand. Neben dieser ist die Hauscapelle 7, eines der nicht häufigen 
Beispiele dieses Eaumes in solcher Vollständigkeit in Pompeji, um so auffal- 
lender in einem so kleinen Hause, und deshalb wohl einer näheren Betrach- 
tung nicht unwerth. Der Kaum ist ganz ohne Fenster und deshalb, wie in der 
folgenden restaurirten Ansicht Figur 153, nur durch Lampenlicht zu erleuch- 
ten. An der Langseite links und an den Schmalseiten bis zur Thür nnd 
hinten bis zu der Nische , in welcher die hier verehrte Gottheit in sehr mas- 
siger Malerei dargestellt ist, sind Steinbänke herumgeführt. Ob dieselbe, wie 



198 



II. Viertes Capitel. 



der Erganzer der Bäumlichkeit ange- 
nommen hat, der auch dem opfernden 
Besitzer eine grössere Last der Jahre 
aufbürdete, als uns nöthig scheint, nur 
Opfer von Früchten und Weihrauch 
empfing, ist schwer zu sagen, da es zwei- 
felhaft ist, wie wir die Gottheit, welche 
die folgende Abbildung Figur 154 
zeigt, benennen sollen, ob Fortuna oder 
Fomona oder mit einem anderen Na- 
men, zu dem das Füllhorn in ihrem 
Arme stimmt. Wir wählen das Bild so- 
wohl wegen der nicht uninteressanten 
Frage nach dem Namen der Göttin als 
auch deshalb aus manchen anderen aus, 
weil uns dasselbe ein recht sprechendes 
Beispiel der Gottheiten des Hauscultus 
und ihrer bildlichen Darstellung zu 
bieten scheint. Kehren wir zum Plane zurück. Den grössten llieil des Areals 




Figur 153. Kestauration der Hauscapelle. 




Figur 154. Bild einer häuslichen Gottheit. 
nimmt ein offener Hof 8 ein, in dem sich das gemauerte Triclinium 9 uud 
der Brunnen 10 befindet. Dass dieser Hof mit einem Zeltdach überspannt 



Die Privatgebftude. 



199 




oder vielleicht noch anmuthiger von schattigem Weinlaub überrankt war, wie 
unser Durchschnitt Fig. 155 zeigt, geht aus Löchern im Boden hervor, in denen 

Stützen standen, denen 
^^ '^ in die Mauer eingelassene 

Querlatten auflagerten. 
Das gemauerte Tricli- 
nium unter diesem jetzt 
verschwundenen Laub- 
dach ist mit Stucco über 
zogen und mit geringen 
Malereien verziert. Die 
nöthigen Schlafzimmer 
befanden sich im ersten 
Stock, man gelangt in 
dieselben von dem Bal- 
con aus durch eine Thür, die, wie die beiden Fenster der zwei Stuben, unser 
Toretehender Durchschnitt Fig. 155 auf der Linie a — b deutlich erkennen lässt. 

Besuchen wir hienach etwas mehr der 
Norm mittlerer Wohnungen angenäherte 
Häuser. Ein vollständiges Atriimi zeigt 
uns der Plan des nebenstehenden Hauses. 
1 Eingang, 2 Retirade (Privet) unter der 
Treppe, 3 Atrium mit dem Lnpluviiun, 
4, der Baum 5 zeigt eine Art von Exedra 
oder Ala , 6 sind cubicula , 7 ein Speise- 
zimmer für ein Triclinium eingerichtet, 
8 die Cella für den Sclaven , wenn nicht 
die Küche, die im letzteren Falle einen 

Im obe- 



Figur 155. Durchschnitt des Hauses Figur 152. 




Figur 156. Kleines Haus mit Atrium. 



transportabelen anstatt eines gemauerten Heerdes gehabt haben muss. 
reu Geschoss waren vier Zimmer. 



2^g^g^^^?:^ 




Figur 157. Plan der Casa di Modeato mit Atrium displtwiatum. 



Das Haus, dessen Plan 
wir nebenstehend in 
Fig. 157 sehen, obwohl 
kaum ausgedehnter, als 
das vorige und unter 
dem unbegründeten Na- 
men der Casa di Mo- 
des to bekannt, ist durch 
zwei Umstände beson- 
ders interessant. Erstens 
nämlich enthält es vor- 
zügliche Gemälde zum 



200 



II. Vierteft Capitel. 



Theil mythologischen Inlialte , so namentlich in dem Gemache G die bekannte 
Scene aus der Odyssee (10, 315 ff.), wo Kirke dem Odysseus das zauberische 
Weinmuss gemengt hat, und eben ihm, auf dessen Verwandelung sie hofft, ge- 
bietet, zu den Genossen in den Kofen zu wandern, als Odysseus 

das Schwerdt von der Hüfte sich reissend» 

Rannt' auf Kirke hinan wie voller Begier zu ermorden ; 
Doch laut schrie sie und eilte gebückt ihm die Knie zu fassen. 

Das ist genau dem Dichter folgend und doch in trefflicher malerischer Auf- 
fassung wiedergegeben (abgeb. b. Mazois 2. pl. 43). Andere Gemälde, so na- 
mentlich im Atrium, zerbröckelten, ehe sie gezeichnet werden konnten. Zwei- 
tens ist dieses Haus bemerkenswerth , weil es ein sicheres Beispiel des Atrium 
dtspluviatum (vgl. oben S. 191) bietet, welches unser Durchschnitt auf der 

Linie a — b in der 158. Fig^jr 
zeigt. Dass dies Atrium ein du- 
pluvtatum gewesen sei, wird, 
obwohl das Dach natürlich zer- 
stört ist, bewiesen erstens 
durch die Art der Löcher in 
der Mauer für die Balkenlager 
und zweitens dadurch, dass 
das Impluvium (3 auf dem 
Plan) als Vertiefiing fehlt, wah- 
rend der Platz unter der Dach- 
>i. . ? f — f f y — ^ Öffnung mit einer kleinen Dop- 

Fig. 1 58. Restaurirter Durchschnitt auf der Linie a-6. pehnauer umzogen ist , welche 

vielleicht diente, um Erde zur Zucht einiger Blmnen aufzunehmen. Die Cis- 
teme, welche das nach aussen geführte Regenwasser durch Röhren sammelte, 
sehn wir in 4 neben dem Pseudoimpluvium. Links im Atrium ist die Treppe 5, 
welche zu zwei Gemächern im oberen Geschoss führt, deren Fenster unser 
Durchschnitt zeigt. Die Treppe ist aus ihrer Spur in der Wand zu erkennen, 
aber noch sicherer daraus reconstruirt, dass sie der Symmetrie wegen auf der 
entgegengesetzten Wand in Malerei wiederholt ist. Die Gemächer 6 und 7, 
reichlich und schön geschmückt, sind ihrer Bestimmung nach nicht ganz klar, 
7 scheint eine Art Exedra, wie No. 5 in Figur 156, 6 kann ein Schlafgemach 
etwa für einen Gast gewesen sein, 8 ist das Zimmer des Sclaven, 9 die Küche, 
1 ein mit dem Innern des Hauses in Verbindung stehender Laden mit einer 
gemauerten Ladenbank. — 

Doch genug dieser kleinen Häuser; die gegebenen Beispiele, die sich 
bedeutend vermehren Hessen , werden genügen , um klar zu machen , wie das 
Bedürfniss und der Raum die Norm der Grundanlage festzuhalten strebte und 
wie dieselbe modificirt werden musste. Wenden wir uns zu der Betrachtung 




r 



Die PrivatgebAude. 



201 



einiger Häuser mittlerer Grösse, um auch bei ihnen die Entfaltung und die 
oft geistreiche Modification des Princips zu beobachten. 

Als ein erstes Beispiel wählen wir die von einem Hauptbild sogenannte 
Casa della ioeletta del Ertnafrodito an der Strasse desMercur, aus- 
gegraben 1835—1836. 

Zur Verständigung über die 
Bäumlichkeiten und deren Be- 
stimmung werden hier wie bei 
den folgenden Plänen wenige 
Worte nebst dem Verweis auf 
die Zahlen des Planes genügen, 
denen wir andere Notizen hin- 
zufügen werden , falls die auf- 
gefundenen Gemälde, Sculptu- 
ren oder Mobilien dazu veran- 
lassen. 1 Eingang und Vesti- 
bulum, 2 Atrium, 3 Implu- 
vium, 4 cubicula; durch das- 
jenige links an der Strasse 




Figur 159. Plan der Casa della toeletta del Ermafrodito. 



gelangt man an die Treppe 5 zum oberen Geschoss, 6 Ala, für eine zweite 
gegenüber war bei dem beschränkten Areal kein Baum; 7 Tablinum, nach 
hinten durch eine Brüstungsmauer geschlossen, 8 Fauces; links am Tabli- 
num, wo das Areal breiter zu werden beginnt, liegt ein Gemach 9, welches 
wie dne Exedra aussieht, dessen Lage aber mit der Oeffhung gegen das 
Tabliniun eben so sehr von dem Gewöhnlichen abweicht, wie seine Ge- 
stalt, indem es eine Art von Vorzimmer mit einem weiten Alkoven darstellt; 
10 und 11 cubicula y 12 Triclinium oder Oecus mit der offenen Aussicht auf 
das Peristylium 13, welches nur an zwei Seiten den als Garten, Viridarium 
behandelten Hofraum 14 umgiebt, in dem wir den Brunnen oder die Cisteme 
bemerken. Ein hinterer Ausgang, posticum^ 15 neben dem Triclinium fahrt 
auf die hinten am Hause vorbeilaufende Strasse der Fullonica. Auffallend ist 
es, dass man nicht mit Sicherheit die Küche nachweisen kann, möglicherweise 
ist sie in dem exedraartigen Zimmer 9 zu erkennen , wie sie denn auch in dem 
gleich zu betrachtenden Hause links vom Tablinum auf der Grenze der beiden 
Theile des Hauses liegt. An der Wand des Viridariums, dem Triclinium gegen- 
über, fand man ein Gemälde, welches dem Hause den Nebennamen der Coäö 
a Venere ed Adone gegeben hat, den verwundeten Adonis von Venus und 
Liebesgöttern beklagt, eines der bedeutendsten Bilder in Pompeji (abgeb. u. a. 
Zahn 2. 30), zu beiden Seiten die Darstellungen des Marsyas, der den Olym- 
pus auf der Röte, und Chirons, der Achill im Leierspiel unterweist, Stoffe, die 
auch sonst als Gegenstücke vorkommen. An der Hinterwand ist ein in einer 
Laube schlafendes Kind gemalt, in dem Cubiculum 1 1 das Hauptbild der Toi- 



202 



II. Viertes Capitel. 



/t-f a 4$ /» M M' ^8 U 

N«H 1 1 1 1 1 1 \ 1 1 




Figur 1 60. Plan der Ctiaa della Caccta. 



lette des Hermaphroditen an der Wand links von der Thür (abgeb. u. a. Zahn 
2. 13), in dem cubiculum 10 an den beiden Wänden rechts und links schwe- 
bende Gruppen eines Fauns und einer Bacchantin. — 

Caaa della Caccta oder di Dedalo e Pasifae^ an der Strasse der 
Fortuna gelegen, ausgegraben 1834. 

1 Vestibulum, 2 Atrium, 3 
Impluvium, hinter dem ein 
Brunnen steht, 4 und 5 cubi- 
cula, 6 Ala, hier rechts, wie im 
vorigen Gebäude links, f&r dne 
zweite war auch hier kein Baum, 
7 Küche mit erhaltenem gemau- 
ertem Heerde und hinter der, 
wie sehr häufig in Pompeji der 
Abtritt liegt, die Bestimmung 
des wenig erleuchteten Ge- 
machs 8 zwischen der Küche 
und dem Durchgang 9 ist nicht 
klar, 10 Tablinum, 11 Winter- 
speisezinuner, 12 Peristylium , welches den Hofraum mit der 2™ 60 grossen 
und 1 " 35 tiefen Piscina 13 nur an zwei Seiten mit dorischen, unten roth be- 
malten imd mit einer Brüstungswand (pluteus) verbundenen Säulen umgiebt. 
üeber einer dieser Säulen steht noch eine zweite leichterer Ordnung, zum Be- 
weise, dass oben eine (Jallerie um den Hof führte , auf welche die Zimmer des 
oberen Geschosses ausmündeten. 14 Sommertriclinium , 15 Exedra, 16 Fosti- 
cum, an dem die Treppe nach dem oberen Stockwerk und eine kleine Kammer 
liegt. 1 7 Kaufläden ohne Zusammenhang mit dem Hause. Die malerische De- 
coration ist reich, die beiden Wände, welche die rechte Ecke des Triclinimn 
bilden , sind mit Darstellungen der Hören als schwebenden Figuren bemalt, 
das cubiculum 4 zeigt auf seinen drei Wänden Leda, Venus und Diana, die 
Hinterwand der Ala eine reiche Architektur und in derselben als Mittelbild 
Achill auf Scyros unter den Töchtern des Lycomedes von Ulysses erkannt und 
entlarvt, ein mehrfach wiederholter Gegenstand. Auf den Wänden des Tabli- 
niun finden wir rechts Dädalus, welcher der Pasiphaß die von ihm gefertigte 
hohle Kuh bringt, und links Theseus , der von Ariadne den Knäuel empfängt, 
vermöge dessen er den Ausgang aus dem Labyrinth finden wird (Zahn 2. 33), 
auf den Wänden des Wintertricliniums zwei schwebende bacchische Gruppen 
(die eine Zahn 2. 87). Die Hinterwand des Viridariums ist mit dem Bilde be- 
malt, von dem das Haus den Namen txägt, darstellend eine Jagd, venaiio, wie 
sie im Amphitheater vorkamen ; die Wand des Viridariums der Exedra gegen- 
über ist mit zwei Landschaften mit Staffage (die eine Zahn 2. 60) geziert, die 
Wände der Exedra haben oder hatten nur mittelmässige BUder, eines, welches 



Die Privatgebäude. 



203 



angeblich Apollon's Aufenthalt bei Admet^ ein anderes^ welches Venus Ana- 
dyomene (die aus dem Meer auftauchende) darstellt y während das dritte seiner 
ObscOnität wegen weggenommen ist. In dieses Gemach waren die alten Fom- 
pejaner bei ihren Nachgrabungen nach der Verschüttung durch ein Loch in 
der Wand gedrungen, welches man jetzt als besondere Merkwürdigkeit zeigt; 
möglich, dass grade in diesem Hause mancherlei Kostbarkeiten begraben 
lagen, auf recht reichlichen Hausrath lassen wenigstens eine nicht unbeträcht- 
liche Beihe von Gregenständen aus Bronze, Thon und Glas schliessen, die man 
hier nebst Esswaaren, namentlich vielen Eiern ausgegraben hat. In dem Fuss- 
boden des Atriimi hinter dem Brunnen und vor dem Tablinum lag ein.Mosaik, 
welches eine Maske darstellt und als vorzüglich gerühmt wird. 

Wir geben den nebenstehenden 
Plan eines dritten etwa gleich ge- 
räumigen Hauses und lassen den 
eines vierten folgen, um dem Leser 
eine so viel an uns liegt genaue 
Vorstellung von der Mannigfaltig- 
keit der Hausanlagen Pompejis zu 
geben, die immer nach dem Be- 
dürfniss und dem Baum variiren, 
der zu bebauen war und doch fast 
immer nach antiken Begriffen so 
bequeme Wohnungen darstellen. 
Der Baumeister dieses Hauses fand 
einen unregelmässig viereckigen 
Baum und man sehe, wie er sich 
zu helfen wusste, ohne ein einziges 
der Hauptzimmer anders als recht- 
winkelig zu bauen. 1 Vestibulum, 
2 daneben links Laden im Zusam- 
menhange mit dem Hause, in dem 
abo die Waaren des Hausherrn feilgehalten wurden , seien dies Producte des 
Ackerbaus, seien es solche des Handwerks oder Gewerbes; denn warum sollte 
man bei Häusern von so geringer Ausdehnung nicht annehmen, dass sie Hand- 
werker oder Gewerbtreibende bewohnten? Bei diesen mit dem Innern der 
Häuser zusammenhangenden Läden immer nur von den » Producten der Güter 
des Hausherrn a zu reden , die hier von dem dispensator genannten Sclaven 
verkauft worden wären, ist nicht allein einseitig und an sich seltsam , sondern 
durch den aufgefundenen Inhalt mehrer solcher Läden gradezu widerlegt ; so 
verkaufte z. B. der Besitzer der s. g. casa dei bronzi Bronzesachen, von denen 
das Haus benannt ist , so war der Besitzer der s. g. casa del po'eta tragieo 
Nichts weniger als ein tragischer Dichter, sondern ein Goldschmied, wie sein 








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Figur 16J. Plan eines mittelgrossen Hauses. 



1 



204 



II. Viertes Capitel. 



Laden links und rechts an der Hausflur und die in ihm gefundene Waare be» 
zeugt. — An der rechten Ecke unseres Hauses liegt ein anderer, vermiethetef 
Laden 3 mit einem Hinterzimmer 4 , zu dem im oberen Geschoss noch eine 
oder ein paar Stuben vermiethet waren , wie die Treppe am Laden , die einen 
eigenen Eingang von der Strasse hat, bezeugt. 5 Atrium mit dem Impluvium, 
hinter dem wieder die Mündung der Cisteme zum Ausschöpfen des Wassen 
sich befindet; 6 verschiedene Zimmer, von denen dasjenige an der Strasse aus* 
nahmsweise ein Fenster hat ; ob das die Werkstatt gewesen ist ? 7 Tablinmn, 
8 alae , 9 Sommertriclinium (?), 10 Wintertriclinium , neben demselben ein 
nach hinten geöffnetes Zimmer 11 von ungewisser Bestimmung, möglicher- 
weise nur eine Vorrathskammer , wofür der Umstand spricht, dass es durch 
seine Thür nur ein Dämmerlicht empfängt. An dem Wintertriclinium und die- 
sem Baume vorbei fuhrt der Gang (fauces) 12, den wir sonst neben demTabli- 
num gradeaus gehend zu sehen gewohnt sind, für den aber hier kein Platz war, 
mehrmals umbiegend in die Küche 1 3 , die an ihrem gemauerten Heerde wohl 
erkennbar ist und an ihr vorbei zu einem hinteren Ausgang 1 4, neben dem das 
Sclavenzimmer 15 liegt. Der Hof 16 hinter dem Tabliniun und dem Tricli- 
nium ist bedeckt, an ihm sehn wir eine Exedra 1 7 , die Treppe in das obere 
Geschoss 18 und ein Zimmer 19 mit einem Fenster auf das kleine Viridarium 

20, wahrscheinlich das cubiculum des Herrn , während ein ähnliches kleineres 

2 1 , ebenfalls mit einem Fenster auf das Viridariuiu zu gleichem Zwecke , für 
ein anderes Mitglied der Familie gedient haben mag, und die übrigen nöthigen 
Zimmer eine Treppe hoch lagen. 22 ist das Closet, die Bestimmung des Bau- | 
mes 23 mit geringem Licht unbekannt, wenn wir ihn nicht als Schlafzimmer 
betrachten wollen. 

Der Baumeister des 
nebenstehenden, nahe 
am Odeimi in der Ode- 
umsstrasse (Sti'asse zom 
Theaterthor) gelegenen 
Hauses fand eine an- 
dere Aufgabe. Der Bau- 
grund ist ein sehr ge- 
strecktes Viereck und 
an drei Seiten (oben, 
rechts und links in un- 
serer Abbildung) von 
anderen Gebäuden be- 
grenzt, so dass dieHaus- 
thür nicht an die Schmalseite verlegt werden konnte. Ausserdem ist das 
Terrain ungleich und liegt in dem schraflirten Theil imserer Zeichnung 7 Fuss 
tiefer, als in dem weiss gelassenen. Betrachten wir die Lösung, welche wesentlich : 




Figur 162. Plan eines anderen mittelgrosden Hauses. 



r 



Die Privatgebftude. 



205 



Itrin besteht, dass der Baumeister die beiden durch eine Treppe verbundenen 
[iheile der Wohnung neben einander anstatt hinter einander legte. 1 Vestibu- 
[hm, 2 Atrium, 3 cubicula, 4 Tablinum, 5 alae, 6 Treppe von filnfzehn Stufen 
h den privaten Theil der Wohnung, zunächst in das Peristyl, an dem ein vom 
^enes Triclinium 7, gegenüber eine ebenfalls offene Exedra 8 und ihr zur Seite 
itrei cubicula 9, 9 liegen. In dem Baume 10 fahrte die Treppe zu einem oberen 
Geschoss, während wir in 1 1 die Treppe in das Souterrain, den Keller, finden. 




Figur 163. Restaurirter Durchschnitt. 

Der restaurirte Durchschnitt Figur 163 macht sowohl die besprochene Ein» 
richtung klar , wie er den Brunnen in der Mitte des Peristylhofes 1 2 und eine 
Andeutung der Kellergewölbe sehen lässt. 




Figur 104. Restaurirte Ansicht der Casa delpoüta tragico. 



Die Casa del po'eta tragico oder Casa omerica, gegeniTber den 
Thennen an der Strasse der Fortuna belegen und 1824 — 182(» ausgegraben. 



206 



II. Viertes Capitel. 



verdankt ihren ersteren Namen insbesondere einem Gemälde, in welchem man 
irrthümlich eine Leseprobe erkannte, und einem Mosaik im Tablinum, welches 
auf das Theater Bezug hat, den letzteren den zahlreichen Gemälden aus den 
homerischen Gedichten (namentlich der Dias), mit denen fast alle Wände be- 
deckt sind. Durch diesen Bilderschmuck, der zu dem Vorzüglichsten zählt, 
was Pompeji aufzuweisen hat, und durch die edle Eleganz der Einrichtung ist 
dies Haus eines der berühmtesten der Stadt geworden und ist dasjenige, wel- 
ches Bulwer in seinem Roman als die Wohnung seines feingebildeten Atheners 
Glauko» betrachtet. Und wenn nun auch durch den Fundbestand der beiden 
Läden an der Front des Hauses ziemlich über allen Zweifel feststeht, dass 
weder ein tragischer Dichter noch ein Athener , sondern ein pompejanischer 
Goldschmied in diesem Hause wohnte, so hat der Romanschreiber mit seiner 
Aufstellung in sofern Recht, als in diesem wenig ausgedehnten Domicil die 
meisten Spuren reingriechischen Geistes uns entgegentreten und bezeugen, dass 
der Besitzer, tragischer Dichter oder Goldschmied , Athener oder Pompejaner, 
ein Mann von Bildung und Geschmack und beiher von Wohlhabenheit gewe- 
sen ist. Ueber den Plan , der zu den einfachsten und regelmässigeren gehört, 
nur ein paar Worte. 



wm 




Figur 165. Plan der Casa delpoifta tragico. 



1 Vestibulum, dieThür, von zwei Pfeilern gegen die Strasse eingefiasst, war 
eine Flügelthür, die sich in zwei Angeln im Boden drehte; die Schwelle ist 
mit dem oben (Figur 147) abgebildeten Hunde in Mosaik geschmückt. 2 Läden 
in Verbindung mit der Hausflur, also zum Hause gehörend, in denen man eine 
grosse Menge Goldschmiedearbeit, Halsbänder, Armbänder in Form von 
Schlangen , Ohrringe , Fingerringe u. dgl. m. und ausser diesen die nöthigen 



Die Privatgebäude. 207 

iBstnunente und eineif kleinen Ofen von Bronze nebst Töpfen und ziemlich 
viel Geld gefunden hat. 3 Atrium mit seinem Compluvium^ hinter dem ein 
hübsches Puteal steht, eine in den wesentlichen Theilen auf sicheren Elemen- 
ten beruhende BestauraUon dieses Atriums nebst Tablinum und Fauces geben 
wir in der Figur 164. 4 Grarderobezimmer , 5 Zinmier des Atriensis, in dem 
sugldch die Treppe zum oberen Geschoss des Hauses liegt, 6 verschiedene 
Wohn- und Schlafzimmer für Gäste, 7 Ala, 8 Tablinum, 9 Fauces, 10 Peri- 
stylium mit Säulenumgang an drei Seiten und einer Hauscapelle 11 an der 
Hinterwand, in der man die Statuette eines Fauns fand, 12 wahrscheinlich 
Wintertriclinium, nicht Bibliothekzinuner , wie vielfach gesagt ist und zwar 
Tmter dem Eindruck, dass hier ein Dichter wohnte, 13 Küche, in deren Vor- 
laom die Treppe zum oberen Geschoss des Hinterhauses liegt, unter derselben 
das Closet. 1 4 <mbicula, 1 5 Sommertriclinium , geräumig und heiter , mit der 
Aussicht auf das Viridarium im Peristylhofe , 1 6 Posticum auf die Strasse hin- 
ter der Fallonica, welche hinten an dies Haus grenzt. 

Wir durchwandern die bezeichneten Säume noch einmal, um uns den 
Bilderschmuck in seinem Seichthum und in seiner Anordnung zu vergegen- 
wärtigen. Im Atrium finden wir, abgesehn von decorativen Malereien, folgende 
Hauptbilder : a. Zeus und Here auf dem Ida nach dem 14. Gesänge der Ilias, 
wegen seiner keuscchen Zxirückhaltung und Einfachheit, man könnte sagen 
wegen seiner epischen Stimmung eins der merkwürdigsten Gemälde in Pom- 
peji nnd lange nicht nach Gebühr gewürdigt (abgeb. z. B. Mus. Borb. II. 59.), 
h. üebergabe der BriseXs durch Achill an die Herolde des Agamemnon, viel- 
leicht das berühmteste aller pompejanischen Gemälde , das wir im artistischen 
Theil abbilden und besprechen werden, c. Chrysels' Einschifi[ung nach Ilias I. 
Vs. 310 (al^eb. z. B. Mus. Borb. II. 57.), rf. Fragment, ein Triton, der auf einem 
Seepferd eine Nereide durchs Meer führt, begleitet von einem Amor auf einem 
Delplun (abgeb. Zahn I. 22 und Boux II. 61.), e, fragmentirte nackte Venus 
mit Goldspangen um die Füsse, neben ihr eine Taube mit einem Myrthenzweig 
im Schnabel. So gut dieses Gemälde ist, muss man sich doch gegen so exorbi- 
tante Lobsprüche über dasselbe erklären , wie sie bei Gell zu finden sind , der 
diese Venus der Stellung nach der mediceischen, dem Colorit nach Tizian- 
sehen an die Seite stellt. Von den Gemächern um das Atrium ist nur das 
grössere links mit nennenswerthen Gemälden geziert, in ihm finden wir^*. Ent- 
führung der Europa (Zahn I. 38), ff. Fhrixus und Helle und A. ApoU und 
Daphne, obscönes Gemälde, dessen Gegenstand zu den häufigeren in Fompeji 
gehört (Famin, cabinet secrei, pL 49). Im Fries dieses Zimmers ist ein E!ampf 
Ton Fusskftmpfem gegen Amazonen auf Streitwagen gemalt (Mus. Borb. I. A.). 
Im anstossenden Zimmer sind auf abwechselnd rothen imd gelben Wand- 
fli^n Vögel gemalt, die übrigen Zimmer sind noch einfacher decorirt. Die 
Ala ist ebenfalls einfach mit architektonischen Decorationen über einem 



208 II. Viertes Capitel. 

schwarzen Sockel mit Pflanzen bemalt , hat aber einen schönen Fussboden von 
schwarz und weissem Mosaik. Das Tablinum hat nur ein mittelm&ssiges Ge- 
mälde auf der Wand t. (abgeb. Zahn I. 43)^ in welchem man bestimmt mit 
Unrecht Terenz hat erkennen wollen , welcher in Anwesenheit von Apollon 
und Diana mehren Personen ein Stück vorlese , welches vielmehr wahrschein- 
lich, wenngleich nicht ganz gewiss sich wie ein anderes verwandtes Bild auf 
Orestes' Erkennung durch Iphigenia vermittelst eines Briefes nach Euripides' 
Erfindung bezieht (abgeb. b. Eochette, M. J. 76). Der Fussboden zeigte ein merk- 
würdiges, jetzt, wie die meisten Kunstwerke aus diesem Hause, in das Museo 
Borbonico gebrachtes Mosaik , eine Theaterprobe oder die Vorbereitungen zur 
Aufführung darstellend (abgeb. farbig bei Gell N. Pompeiana pL 45). Der 
Chorag, umgeben von verschiedenen Masken, überhört zweien Choreuten , die 
als Satyrn costumirt sind, ihre Rolle, während hinter ihm ein dritter sich mit 
einem gelben Gewände mit Hilfe eines Theaterdieners bekleidet. In dem ersten 
Gemache links am Peristylium haben wir : k. Ariadne vom Theseus verlassen, 
einer der häufigsten Gegenstände in Pompeji (Zahn I. 33), /. Narciss, sich im 
Quell spiegelnd, ebenfalls vielfach wiederholt (Roux 38, 40, 41,11 1), m. Veniis 
und Amor fischend nach der gewöhnlichen Bezeichnung, wahrscheinlich aber ist 
nur eine schöne Frau gemeint, die sich die Zeit mit Angeln vertreibt, und 
welche Amor auch hiebei nicht verlässt, wie denn Anmuth und Liebreiz schö- 
nen Frauen überall bleibt (abgeb. Zahn I. 20). Das folgende kleine Gemach 
hat auf den Seitenwänden Landschaften , auf der Hinterwand eine Papyrus- 
rolle und sonstiges Schreibzeug, wonach man dies Zimmer zum Studirzimmer 
gemacht hat. Am Ende des Peristylumganges ist das berühmte Gemälde 
der Opferung Iphigenias «. (Mus. Borb. 4. 3.), gering in seiner Technik, aber 
höchst interessant in Auffassung und Composition. In einem Hauptmotiv näm- 
lich, dem Dastehn des Agamemnon mit verhülltem Haupt, geht dasselbe auf 
ein hochberühmtes Bild von Timanthes zurück, von dem wir noch später im 
artistischen Theil zu reden haben werden. Endlich das Triclinium zeigt in 
gar anmuthigem Bilde o, Leda mit dem Neste voll Kinder, welche aus den 
Eiern gekrochen sind, die Leda von dem Zeusschwan empfangen hatte; Tp- 
dareus besieht sich die Kinderchen wie ein antiker heiliger Joseph (abgeh. 
Zahn I. 23). An der Hinterwand ist p, die von Theseus verlassene Ariadne 
wiederholt, und die Seitenwand enthält y. ein Fragment einer Venus mit Ado- 
nis. Diese Bilder sind von breiten und schönen Arabeskenstreifen umrahmt, 
aus denen wieder vier Tänzerinnen und vier Kämpfer oder Heroen als Neben- 
bilder hervortreten ; der Mosaikfussboden ist mit Arabesken , mit Fischen und 
1 Schwänen geziert. — Auch das obere Geschoss hatte reicheren Schmuck , als 

man gewöhnlich dort annehmen kann, wenigstens hat man bei der Ausgrabung 
einen Mosaikfussboden in Fragmenten gefunden , der aus dem oberen Stock- 
werk herabgestürzt war ; dies lässt auf bedeutend reicheren Schmuck des oberen 
Geschosses schliessen. 



Die Privatgeb&ude. 



209 



Nicht oder wenig geräumiger als dies Haus ist dasjenige, welches man 
unter dem Namen der Casa dt Sallustio kennt, und zwar nach der Inschrift 
C. SALLVST. M. F. (Catus Sallustius Marcißlius) auf der Aussenmauer so 




Figur 166. Restaurirte Ansicht der Casa di Sallustio, 

genannt hat, während es nach einem Hauptgemälde den Nebennamen der Casa 
di Atieone führt. 1805 — 1809 ausgegraben, zeichnet sich dies an der Strasse 
vom herculaner Thor gegenüber dem ersten Brunnen gelegene Haus vor man- 
chen anderen durch treflFliche Erhaltung, sinnige Benutzung des nicht eben 
günstigen Bauplatzes, edlen Gemäldeschmuck und eine auffallende Anmuth 
und Wohnlichkeit aus. Das Haus hat an der Hauptstrassenfronte (links auf 
unserem Plane Figur 167) mehre Läden; der erste derselben, zu dem die Räume 
6, 7, 8 und 9 gehören, war an einen Bäcker vermiethet, der in 6 drei Mühlen a 
und den grossen elliptischen Backofen 7, in 9 den eigentlichen Laden und seine 
Küche mit Heerd und Gussstein b und in 8 einen Magazinraum hatte, während 
eine Treppe im Backhaus zu Zimmern im oberen Geschoss führte. Die Ein- 
richtungen der Mühlen und Bäckereien , deren wir noch mehre in verschie- 
denen Häusern finden werden, sollen in einem folgenden Capitel erläutert 
werden. Der Laden 3 mit einer kleinen Hintercella steht durch eine weite 
Thür mit dem Atrium in Verbindung und war auch gegen die Hausäur geöfF- 
net , in ihm wurden also Waaren des Hausherrn verkauft, und zwar scheinen 
diese in Wein und Oel bestanden zu haben, da man in dem Laden eine ge- 
mauerte Ladenbank fand, in welche thöneme Amphoren zur Aufbewahrung 
von Flüssigkeiten eingelassen sind ; in der Cella hatte der verkaufende Sclave 
(dispensaiar) seinen Sitz. Jenseits des durch einen Wartesaal 2- erweiterten 
Vestibulums 1 ist zunächst ein Laden 4, der aus einem einzigen Gemach 

Orerbeck, Pompeji. 14 



212 



II. Vierte« Capitel. 



verfehlt; konnte der wachthabende Sclav doch nicht einmal das Atrium über- 
sehn , und ist doch die cella atriensia in 1 6 deutlich genug bezeichnet. Neben 
dieser Ala liegen die Fauces 20 und neben diesen das Tablinum 19, welches 
nach vorn ganz offen, nach hinten durch eine niedrige Brüstungsmauer ge- 
schlossen und links in ein grösseres Gemach 22 geöffnet ist, in welchem man 
viel wahrscheinlicher das Sommerspeisezinmier als eine Bibliothek oder Pina- 
cothek (Gemäldehalle) erkennt. Der Thür in dies Gemach gegenüber ist bei e 
eine blinde Thür gemalt, welche nächst der blinden Thür im Gebäude der 
Eumachia die wesentlichste Grundlage zur ßeconstruction der verbrannten 
Holzthüren Pompejis bietet. Durch die Fauces gelangen wir in den Xystus 
oder Säulengang 2 1 des kleinen Gartens , von dem wir gleich reden werden, 
nachdem wir die Gemächer kurz bezeichnet haben, welche von diesem Säulen- 
gang ihren Eingang haben. Es sind dies ausser dem Triclinium 22 ein kleines 
Studirzimmer 23 , welches von dem freien Platze hinter der Bäckerei durch 
ein Fenster sein Licht erhält , sodann hinter dem Cabinet der rechten Ala 28 
ein Zimmer, wahrscheinlich für den Sclaven, gegenüber das Closet n und 
neben demselben der hintere Ausgang, das posticum , durch ein vielleicht zum 
ergastulum bestiimnt gewesenes Gemach 27 , endlich an einem jetzt zerstörten 
gemauerten Heerde sicher erkennbar die geräumige Küche 26, aus der einige 
Schriftsteller ein Bad machen wollen. Von dem freilich sehr kleinen, aber 
allerliebst und interessant angelegten Garten können wir nicht umhin , unsem 
Lesern eine aus durchaus sicheren Elementen construirte Restauration vorzu- 
legen, welche besser als unsere Schilderung es vermögen würde, demselben 

einen Eindruck von der 
Anmuth dieses traulichen 
Plätzchens verschaffen 
wird. Da zur Anpflanzung 
von Bäumen und Gesträu- 
chen zu wenig Saum vor- 
handen war, hat man sich 
begnügt, einen unr^l- 
mässigen und um ein paar 
Stufen über den Säulen- 
gang erhabenen Sandplatz 
24 mit gemauerten Behäl- 
tern für Erde zur Blumen- 
zucht zu umgeben imd 
die fehlenden Bäume auf 
die Hinterwand zu malen, 
wo sie, von zahlreichen 
bunten Vögeln belebt, die 
Figur 168. Restaurirte Ansicht des Gartens. Aussicht zu erweitem und 




Die Frivatgebäude. 211 

den dritten in das Atrium und einen vierten in ein gleicherweise gegen das 
Atrium geöffiietes Zimmer 16, welches wir als die Cella des Atriensis zu be- 
trachten haben , des Sclaven , der den Verkehr im Atrium zu überwachen und 
die Besuche zu melden hatte. Die auffallende Breite des Frothyrums scheint 
ihre Erklärung in dem schon oben erwähnten Umstände zu finden, dass der 
Laden des Hauses gegen die Hausflur der Art geöffnet ist, dass nur die Laden- 
bank den Eingang versperrt. Es ist also anzunehmen, dass die Käufer sowohl 
an der Strassenseite als in der Hausflur bedient wurden. War die Kundschaft 
bedeutend , so ist darin ein neuer Grund für Anbringung des Wartezimmers 
fiür die Besuche gegeben, welche sich mit den Käufern und Kunden nicht 
drängen sollten. Ein noch vollständigeres Vestibulum bietet uns das s. g. Haus 
des Julius Polybius, eines der grossen dreistöckigen Häuser am Abhänge des 
Stadthügels nahe dem herculaner Thore. Das wohlerhaltene toscanische Atrium 
10, von dem wir Figur 166 eine anmuthige Restauration geben, hat ein von 
Haustein erbautes Impluvium 1, in dessen Mitte auf einer Basis eine der vor- 
trefflichsten Bronzegruppen von Fompeji stand, welche jetzt im Museum von 
Palermo ist. Wir werden dieselbe im artistischen Theil abbilden und bespre- 
chen und bemerken hier nur , dass sie Hercules darstellt , welcher die ceryni- 
dsche Hirschkuh ereilt und zu Boden geworfen hat, aus deren Maule ein 
Wasserstrahl in eine im Impluvium angebrachte marmorne Muschel floss. Hin- . 
ter dem Impluvium steht ein Tisch von Cipollin mit Füssen von rosso aniico in 
Form von Adlerfitngen. Die drei mit 14,14 und 1 5 bezeichneten und elegant deco- 
rirten Zimmer waren Gastzimmer, 12 bildet ein Vorzimmer, procoeium, zu einem 
geräumigen Saale 1 3 , der offenbar durch Oberlicht erleuchtet worden ist , und 
der bei den meisten SchriftsteUem fiir ein Wintertriclinium gilt. In jedem 
Falle ist dies wahrscheinlicher, als ein Sclilafzimmer in ihm zu erkennen, 
wenngleich ich auf die Nachbarschaft des Backofens, durch welchen Andere 
dies Gemach comfortable erwärmen lassen, nicht zu viel Gewicht legen mögte. 
Denn da der Backofen mit seinen ohnehin starken Mauern nicht unmittelbar 
an dies Zimmer grenzt, dürfte es mit seiner Erwärmung nicht so gar weit her 
gewesen sein. Etwas anderes ist es wohl um ein Zimmer im ersten Stock über 
dem Kaum 8 gewesen, zu dem eine Treppe aus dem Hinterzimnier 1 8 der lin- 
ken Ala 1 7 emporführt. Dieses ist dem Backofen nahe genug gewesen, um von 
ihm durchwärmt worden zu sein und als hibernaculum , Winterwohnzimmer, 
zu gelten. — 

An dem Atrium liegen femer zwei wieder elegant in Malerei und Stucca- 
tur decorirte Alae 17. Neben derjenigen links und neben dem Tablinum ist 
ein durch seine Malereien kenntliches Lararium d als Nische in der Wand 
angebracht, wogegen dasjenige rechts durch ein Cabinet 17' erweitert ist, das 
keinen anderen Zweck gehabt haben kann , denn als zum Privataudienzzimmer 
für solche dienten zu dienen , mit denen der Patron Wichtiges zu verhandeln 
hatte. Hier die ceUa atriensis anzunehmen , scheint mir in vielfacher Hinsicht 

14* 



2t2 



11. Viertes Capitel. 



verfehlt; konnte der wachthabende Sclav doch nicht einmal das Atrium über- 
sehn , und ist doch die cella atriensis in 1 6 deutlich genug bezeichnet. Neben 
dieser Ala liegen die Fauces 20 und neben diesen das Tablinum 19, welches 
nach vorn ganz offen, nach hinten durch eine niedrige Brüstungsmauer ge- 
schlossen und links in ein grösseres Gemach 22 geöffnet ist, in welchem man 
viel wahrscheinlicher das Sommerspeisezimmer als eine Bibliothek oder Pina- 
cothek (Gcmäldehalle) erkennt. Der Thür in dies Gemach gegenüber ist bei e 
eine blinde Thür gemalt, welche nächst der blinden Thür im Gebäude der 
Eumachia die wesentlichste Grundlage zur Reconstruction der verbrannten 
Holzthüren Pompejis bietet. Durch die Fauces gelangen Mar in den Xystus 
oder Säulengang 2 1 des kleinen Gartens , von dem wir gleich reden werden, 
nachdem wir die Gemächer kurz bezeichnet haben, welche von diesem Säulen- 
gang ihren Eingang haben. Es sind dies ausser dem Triclinium 22 ein kleines 
Studirzimmer 23 , welches von dem freien Platze hinter der Bäckerei durch 
ein Fenster sein Licht erhält , sodann hinter dem Cabinet der rechten Ala 28 
ein Zimmer, wahrscheinlich für den Sclaven, gegenüber das Closet n und 
neben demselben der hintere Ausgang, das posiicum , durch ein vielleicht zum 
erffostulum bestinnnt gewesenes Gemach 27 , endlich an einem jetzt zerstörten 
gemauerten Heerde sicher erkennbar die geräumige Küche 26, aus der einige 
Schriftsteller ein Bad machen wollen. Von dem freilich sehr kleinen, aber 
allerliebst und interessant angelegten Garten können wir nicht umhin , unsem 
Lesern eine aus durchaus sicheren Elementen construirte Restauration vorzu- 
legen, welche besser als unsere Schilderung es vermögen würde, demselben 

einen Eindruck von der 
Anmuth dieses traulichen 
Plätzchens verschaffen 
wird. Da zur Anpflanzung 
von Bäumen und Gesträu- 
chen zu wenig Baum vor- 
handen war, hat man sich 
begnügt, einen unregel- 
mässigen und um ein paar 
Stufen über den Säulen- 
gang erhabenen Sandplatz 
24 mit gemauerten Behäl- 
tern für Erde zur Blumen- 
zucht zu umgeben und 
die fehlenden Bäume auf 
die Hinter wand zu malen, 
wo sie, von zahlreichen 
bunten Vögeln belebt, die 
Figur 168. Restaurirte Ansicht des Gartens. Aussicht zu erweitem und 




Die FrivatgebSude. 213 

ztt begrenzen schienen oder scheinen sollten, denn schwerlich wird die Täu- 
schung durch diese gemalte »belle vuea unter freiem Himmel sehr gross gewesen 
sein. Zwei kleine Treppen y^und^ fahren an den'beiden Enden in diesen Garten, 
Beben der einen derselben befindet sich am schmalen Ende der Cisternenbrun- 
Ben A, von dem aus eine Wasserrinne unmittelbar hinter den Säulen gefallt 
mirde, welche zum Begiessen der Blumen diente, und die sich am entgegenge- 
gesetzten Ende in ein Bassin h erweiterte. Das breite Ende des Gartens nimmt 
ein gemauertes Triclinium 25 ein, wie wir ein ähnliches schon in einem viel 
Ueineren Hause (S. 197) gefunden haben. Auch dasjenige, von dem wir hier 
reden, wie jenes früher besprochene, war von einer Weinlaube beschattet, wie 
unsere Kestauration sie zeigt, was durch das Vorhandensein der Stützen und 
der Locher fOr die Balken oder Latten der Decke unwidersprechlich erwiesen 
ist. Li der Mitte dieser gemauerten und bemalten Ruhebänke steht noch der 
Fuas eines steinernen Monopodiums , eines einbeinigen Tisches , dessen Platte 
allerdings zertrümmert ist. Ganz nahe neben der einen Bank des Tricliniiuns 
und auf der Grenze der Laube steht an der Wand ein Altar /, auf welchen 
man die Libationen ausgoss , etwas weiterhin bei n springt aus der Wand ein 
lustiger Strahl Trinkwassers aus der städtischen Leitung, füllt ein Becken , in 
dem man wohl die Flaschen edlen Weines kühlte , und aus diesem ein zweites 
Secken im Boden , welches das Wasser in das Bassin k abführte. Unter dem 
Säulengang und vor dem Zimmer 23 steht in der Nähe des Tricliniums an der 
Wand ein kleiner Heerd o , als dessen Bestimmung ich nichts Anderes be- 
trachten kann, als die Speisen, die aus der Küche am andern Ende des Hauses 
gebracht wurden , und welche in freier Luft schnell abkühlen mussten , vor 
dem Auftragen auf den Tisch zu erwärmen und während des Essens zur zwei- 
ten Präsentation warm zu halten. Dass ausserdem hier warme Getränke bereitet 
%in mögen, ist zuzugeben, aber solche können in einem Gartentriclinium doch 
nicht häufig genug gebraucht sein , um für sie allein einen solchen Heerd zu 
bauen. Auch das ist nicht wahrscheinlich, dass unser Heerd gedient habe, um 
Wasser für das Bad in dem Bassin i zu erwärmen ; denn wurde wirklich in 
dem Bassin gebadet, was kaum glaublich erscheint, so kann das unter freiem 
Himmel nicht warm gewesen sein. Erwähnen müssen wir endlich noch den 
offenen Hof 24', der allein mit dem Grarten in Verbindung steht, wie dieser an 
der einen Seite ein Blumenbeet hat, mehren Gemächern (8, 1 8, 23) Licht giebt 
und etwa als ein Ort filr körperliche Uebungen , z. B. ein Sphäristerium (Ort 
zum Ballspielen) gelten kann. 

Werfen wir nun noch einen Blick auf den Plan im Ganzen , so wird es 
uns augenscheinlich sein, dass , während der vordere oder öffentliche Theil des 
Hauses ausgedehnt und mit mannigfaltigen Gemächern versehen erscheint, der 
private Theil hinter dem Tablinum aufs Aeusserste beschränkt ist, und eigent- 
lich ausser der Küche nur das einzige Triclinium 22 als einen grösseren Saum 
enthält. Man könnte also beinahe sagen , der private Theil des Hauses fehle 



214 II. Viertes Capitel. 

ganz. Zugleich sehn wir aber, dass für denselben kein Raum in der regelmässi- 
gen Lage hinter dem öffentlichen vorhanden war , während durch die bisher 
besprochenen Bäume die Breite des Areals noch nicht ausgefüllt ist. Was that 
also der Baumeister, und was musste er thun ? Dasselbe, was auch andere Bau- 
meister unter ähnlichen Verhältnissen des Bauplatzes in Pompeji zu thun so 
gescheid waren ; er legte den privaten Theil des Hauses seitwärts an das Atrium 
anstatt hinter dasselbe. Für diesen halte ich nämlich unbedingt die noch nicht 
besprochenen Eäumlichkeiten rechts vom Atrium, nicht für ein Venereum oder 
Aphrodision, in dem geheime Orgien gefeiert worden wären. Die Caprice, diese 
Bäimie so zu nennen, theilen fast alle Schriftsteller, aber die Beweise fehlen; 
in den Bäumen selbst sind sie nicht gegeben, und wenn man sie in den Ge- 
mälden sucht, so ist dieses fast eben so capriciös vne die Behauptung selbst. 
Denn erstens ist es nicht wahr, dass die Bilder (Aktäon bestraft, weil er Diana 
im Bade belauschte , die Entführung der Europa , Phrixus und Helle auf dem 
goldenen Widder, Mars und Venus und andere nebst Faunen und Bachantinnen) 
obscön, lasciv, sinnlich reizend wären, und zweitens , wären sie das , so lassen 
sich ihnen hundert gleiche an die Seite stellen aus Eäiunen , die wohl Tricli- 
nien, Schlafzimmer, Tablina, Alae und sonst Etwas, aber sicher nur nicht 
Venerea waren. Fort also mit dieser unbegründeten Bezeichnung, die man mit 
Hartnäckigkeit festgehalten hat zum Theil wohl nur der Abwechselung w^n, 
zum Theü um eine Seite des antiken Lebens besprechen zu können , zu deren 
Besprechung sonst keine Gelegenheit in Pompeji war. 

Der Eingang in diese Privatabtheilung des Hauses ist aus dem Atrium 
durch einen Gang 29, von dem gewöhnlich gesagt wird, er sei an beiden Enden 
durch Thüren geschlossen gewesen , während es ungleich wahrscheinlicher ist, 
dass die unnachweisbare Thür am Atrium p niemals existirt hat und dass nur 
eine Thür das Ende des vom Atrium aus erleuchteten Oranges abschloss. Von 
dem Kämmerchen 30 neben diesem Gange kann man nur vermuthen, dass es 
entweder als Vorrathskammer für Hausgeräthe oder, was unwahrscheinlicher 
ist, als Wachtzimmer für einen Sclaven diente. Durch den Gang also gelangen 
wir in das Peristyl 3 1 , welches von 8 achteckigen und rothbemalten Pfeilern 
gebildet wird, die einen offenen Hofra\mi 32 mit einem kleinen Wasserbassin 
in der Mitte an drei Seiten umgeben. Da der Hofraum nicht gepflastert 
oder mit sonst einem Fussboden bedeckt ist , können wir annehmen , dass er 
als Blumengarten diente. An der Hinterwand des Peristyls finden wir zu 
beiden Seiten des Hofraums ein Zimmer 33 und 34, welches durch ein 
Fenster vom Hofraum Licht und die Aussicht auf die Bliunen des Gärt- 
chens erhielt. Diese Zimmer sind mit Eleganz decorirt, in demjenigen rechts 
(34) fand man eine Bronzestatuette in einer Nische der Wand y., ein gol- 
denes Gefäss von 85 Grammen Gewicht und Münzen des Vespasian, end- 
lich an der Hinterwand das erwähnte Gemälde : Mars und Venus. Die Wände 
des Peristyls schmücken die anderen genannten Bilder in reicher architekto- 



Die Privatgebäude. 



215 



nischer Umrahmung , die Hinterwand zwischen den Cabinetten das Bild des 
bestraften Aktäon , eines der grössten Pompejis (4X3 "). Rechts von dem 
Eingange ist ein grosses Triclinium 35 mit elegantem Mosaikfussboden^ wel- 
cher die Stellung der Ruhebetten in seinen Figuren bezeichnet. Erkennbar 
ist als eine Nische in der rechten Wand r. die Stelle für den Tisch, auf wel- 
chem die Sclaven die Speisen zerlegten, die bekanntlich ohne Hilfe von Gabeln 
genossen wurden. Gegenüber links am Ende des Peristylganges ist ein Raum 
36, der die Küche, das Closet und die Treppe enthält. Diese Treppe führt zu- 
nächst auf die flache Decke des Peristyls, eine Art grossen Balcons, eine jt?^- 
gtUa oder ein Solarium , von welchem aus man aller Wahrscheinlichkeit nach 
in die Gemächer des oberen Geschosses gelangte , die über der linken Hälfte 
d£s Hauses lagen. Unsere Leser werden nämlich sich erinnern, dass wir in dem 
Hause ausser der Treppe in der linken Hälfte bei 1 8 keinen Aufgang in das 
obere Stockwerk gefunden haben; lagen in demselben die Schlafzimmer der 
Familie, so ist es natürlich und ganz in der Ordnung , dass die Treppe in der 
privaten Abtheilung des Hauses angebracht ist. — Zum Schlüsse bemerken wir 
nur noch, dass man annimmt, die alten Bewohner dieses Hauses haben in dem- 
selben nachgegraben und das Meiste weggenommen; ausser den angeführten 
Sachen fand man in diesem Hause nur noch eine merkwürdige Lampe mit 
xwölf Schnauzen, eine Art antiken Kronleuchters und ein paar unbedeutende 
Bronzefigürchen. 

Nachdem wir dies bemerkt haben, wenden wir uns sogleich zu einem 
nicht minder merkwürdigen Hause , welches aber durch die Fülle der in dem- 
selben gefundenen Gegenstände den Gegensatz zum Hause des Sallustius bil- 
det Es ist dies das 1817 vom März bis Juni ausgegrabene, am Quadrivio deüa 
Fortuna belegene Haus desLucretius, welches seinen Namen einem 
etwas verschiedenen Umstände verdankt, als andere Häuser in Pompeji ; nicht 
an dem Hausthürpfeiler fand man nämlich den Namen Lucretius , sondern auf 
emem Gemälde in einem Cabinet (20) am Feristyl. Dies Gemälde stellt 

Schreibzeug dar, ein Dintefass, 
Papiermesser, ein offenes Buch, 
den Schreibstift und endlich 
einen Gegenstand, den man für 
einen geschlossenen und adres- 
sirten Brief hält. Die Adresse: 
M LVCRETIO FLAM MAR- 
TIS DECVRIONI POMPEI[« 
oder anol zu Deutsch: »An Mar- 
cus Lucretius , den Priester des 
Mars und Decurionen in oder 
von Pompeji« hat man auf den Hausbesitzer bezogen. — Der Plan bietet nicht 
viele, aber immerhin einige Besonderheiten , die es der Mühe werth machen. 




Figur 169. Gemälde in der Casa di Lucrezio. 



216 



II. Viertes Capitel. 



denselben im Einzelnen zu betrachten; merkwürdiger aber ist der Schmuck 
an Bildern und sonstigen Gegenständen^ obwohl diese weder alle von glei- 
chem Kunstwerth noch in ihrer Gesammtheit die Zeugnisse eines reinen und 

guten Geschmackes sind. 
Durchwandern wir das 
Haus 9 um von seiner An- 
lage und seiner Decoration 
Einsicht zu nehmen. Der 
Flächenraum des Areals ist 
unregelmässig und um- 
schliesst auf der linken Seite 
ein kleines fremdes Haus, 
dessen Plan wir unterdrückt 
haben; zugleich aber hat 
dies Areal eine nicht unbe- 
trächtliche Steigung von der 
Strasse nach hinten, so dass 
das Atrium höher liegt , als 
das Trottoir und der (Jarten 
oder Xystus wieder ganze 
sieben Stufen in den Fauces 
hoher als das Atrium. Des- 
wegen fahrt das 5 " 50 lange 
und mit weiss und schwar- 
zem Mosaik gepflasterte Vestibulum 1 ziemlich rasch aufwärts in das toskanische 
Atrium 2, vorbei an einer cella ostiarxi 3, welche zugleich eine Treppe in die 
erste Etage enthält. Schon das Vestibulum ist mit Gemälden geziert und zwar, 
selbst abgesehn von den rein decorativen Malereien, mit bedeutenderen ak 
sich sonstwo in Pompeji an dieser Stelle finden ; namentlich treten unter ihnen 
musicirende Bacchantinen theils einzeln, theils mit anderen Figuren gruppirt 
hervor, von welchen das Haus bei der Ausgrabung den Namen delle Suonatria 
erhielt. Das mit einem Mosaikfussboden versehene 8 " 36 X 9 " 7 grosse Atrium 
ist zunächst dadurch merkwürdig, dass es bei der Katastrophe Pompejis in 
Reparatur gewesen zu sein scheint ; denn es ist schwer glaublich, dass das roh 
gemauerte Compluvium, welches von der übrigen Eleganz stark absticht, voll- 
endet gewesen sei. Interessanter aber als durch diesen beiläufig zu erwähnen- 
den Umstand ist dies Atrium durch das in ihm angebrachte Lararium a, eine 
von zwei Säulen eingeschlossene, mit Stuccatur und Malerei reich verzierte 
Nische, in der man fünf Bronzefiguren fand, unter denen ein Hercules, ein 
Jupiter imd eine Fortuna sicher erkennbar sind. — 

Vier cübicula 4, 5, 6, 7 gruppiren sich zunächst um das Atrium, alle aufs 
Reichste bemalt, und zwar alle vier auf weissem Grunde, der das nicht über; 




Figur 170. Plan der Casa di Lucrezio, 



Die Privatgebftude. 2 1 7 

mfiasig helle licht in diesen Zimmern hebt Auch die Malerei des Sockels ist 
in allen gleich und ähnlich, selbst im Vestibulum und Atrium ; sie bestellt in 
einer täuschenden Nachalimung beliebter Gesteinarten, welche in Tafeln und 
trennende Glieder geschnitten scheinen und unter denen besonders ffialh an- 
iico und Serpentin nebst Porphyr hervortreten. Aehnlich sind in den vier Cu- 
Incuhs auch die architektonischen leichten Umrahmungen der Haupt- und 
Nebenbilder, im Uebrigen ist die grösste Mannigfaltigkeit vorhanden. Das 
Zimmer No. 4 hat auf jeder Wand als Nebenbilder kleine Genien oder Amo- 
retten, die mit Waffen spielai, links als Mittelbüd Luna und Endymion, einen 
oä und in sinniger Weise behandelten Gegenstand, an der Mittelwand als 
Hauptbild Achill vom Centauren Chiron im Leierspiel unterwiesen, ebenfalls 
ein in Pompeji und in Herculaneum wiederkehrender Gegenstand, der in dem 
Gegensatz der abgehärteten , halbwilden imd rauhen Centaurengestalt zu dem 
schlanken, feinen und lichten Körper des Knabenjünglings Achill ein vortreff- 
tiches Motiv enthält, welches auf ein bedeutendes Original hinweist , von dem 
die Bilder in Pompeji und Herculaneimi Copien sind. Wir wollen gleich hier 
bemerken, dass der Gegenstand selbst einmal innerhalb eines anderen Bildes 
wiederholt ist; in dem Gemälde, welches Achilles AuflSndung in Scyros dar- 
«tellt (abgeb. Mus. Borb. 9. 6), ist der ihm gebotene Schild, der am Boden liegt, 
mit eben dieser Scene seiner Erziehung verziert. Auf der dritten Wand stellt 
das Mittelbild eine Nereide auf einem Seepferd dar, wobei wieder ein schöner 
Contrast der beiden so verschiedenen und so nahe sich berührenden Körper 
hervortritt. — Eine Nereide auf einem Delphin reitend bildet auch den ersten 
Hauptgegenstand in dem Zimmer No. 5 , dessen übrige Bilder stark gelitten 
haben, so dass mit Sicherheit nur noch in einer unteren Beihe vier Bildchen 
erkannt werden können, welche mitThieren spielende Genien darstellen, in 
einer oberen Beihe ein, wie es scheint, allegorisches Bild, in dem die Perso- 
nification Africas mit einer Elephantenexuvie auf dem Kopf die Hauptperson 
k und ausserdem sechs Genien nebst anderen Personen sich befinden. 

Auch in dem Zinmier No. 6 sind nur zwei Bilder ausser den Decorations* 
maiereien unverletzt, das eine, derb obscön, Faun und Nymphe darstellend, 
das andere den so vielfach wiederholten Narciss, der sich im Quell bespiegelt, 
unter den Decorationen in den oberen Beihen ist etwa nur eine Auswahl von 
Masken zu nennen , welche ähnlich auch in dem Zimmer No. 4 vorhanden ist. 
Endlich das Zimmer No. 7 enthält eine Masse kleiner Gemälde bald in run- 
dem, bald in viereckigem Rahmen, von denen einige im Mus. Borb. vol. 14. 
taw. 44 und 45 gezeichnet sind, und unter denen im Uebrigen ein Polyphem, 
der Galatheas Brief empfkngt und eine Darstellimg von Phrixus auf dem Wid- 
der, von dem Helle in's Meer stürzt, zu nennen ist, beides mehrfach wieder- 
holte Gegenstände. 

An der gewöhnlichen Stelle finden wir im Verfolg der Gemächer um das 
Atriom die Alae 8 und 9. In der Ala rechts No. 8 finden wir die interessante 



218 II. Vierte« Capitel. 

Besonderheit, dass der obere Theil der ursprünglich gelb geftrbten Wand- 
flächen durch die Hitze der vulcanischen Asche roth gebrannt ist, was noch 
mehrfach in Pompeji, hier aber besonders auffallend vorkommt. Der Fussboden 
ist von weissem Mosa^fk , der Schmuck der Wände bestand ausser den Orna- 
menten in sieben kleinen Bildern, von denen zwei sich auf das Theater be- 
ziehen. Bei der linken Ala No. 9 kehrt ein Umstand der Anlage wieder, den 
wir im Hause des Sallust gefunden haben , dass nämlich dieselbe nach hinten 
nicht geschlossen ist, sondern einen Durchgang bildet, dort nur zur Treppe 
des oberen Stockwerks, in dem vorliegenden Falle zu mehren Räumen, weldie 
den Bedürfnissen des Haushalts dienten. Und zwar öffiiet sich die Ala einer- 
seits in ein dunkeles und durchaus ungeschmücktes Gemach 10, welches nur 
Vorrathskammer gewesen sein kann , andererseits nach hinten auf den gemein- 
samen Vorplatz 11 einer zweiten dunkelen Kammer 12, wahrscheinlich der 
Speisekammer , der Küche 1 3 , in der man den Heerd und den Ausgussstein 
für das gebrauchte Wasser nebst verschiedenem Küchengeräth fand, und end- 
lich des Closets 1 4 , welches durch ein Mittelfenster von der durch Oberlicht 
erleuchteten Küche die nöthige Helligkeit erhielt. 

Das Tablinum 15 im Hintergrunde des Atrium ist sowohl durch seine 
elegante Decoration wie durch einen besonderen Umstand merkwürdig und 
bedeutend. Der Fussboden besteht aus weissem, mit einem schwarzen Mäander- 
saum eingefasstem Marmormosaik, welches sich um eine Mittelplatte von ffiaUo 
antico und eine dasselbe einfassende bunte Mosaikborde legt. Die Wände sind 
mit reichen Architekturen verziert, die jederseits ein grosses Mittelbüd umrah- 
men sollten. Diese Hauptgemälde aber fehlen und sind entweder schon im 
Alterthum aus der Wand entfernt oder sie waren , und dies ist eher anzuneh- 
men, zur Zeit der Verschüttung noch nicht eingesetzt. Wir haben auf einen 
ähnlichen Umstand schon bei der Besprechung des Venustempels hingewiesen 
und haben die Wand mit fehlendem Mittelbild in einer Skizze vorgelegt. Hier 
aber ist die Beschaffenheit der ausgesparten Vertiefung für das Mittelbild von 
Interesse. Diese Vertiefung beträgt im Ganzen nur ein paar Zoll, jedoch durch- 
schneiden sie noch zwei tiefer ausgehöhlte Querstreifen , ein Umstand, der bei 
der Frage, ob das einzulassende Bild auf Stucco oder auf Holz gemalt war, 
fttr das letztere in die Wagschale fällt, indem jene mehr vertieften Querstrei- 
fen für die Binder der einzelnen Theile der grossen Holztafel bestimmt scheinen. 

Das grosse Gemach 1 6 rechts vom Tablinum scheint ein Wintertriclinium 
gewesen zu sein, dessen Vorhandensein im Vorderhause durch das Vorhanden- 
sein der Küche in demselben in sofern bedingt wird , als zu dem einzigen Ge- 
mach rechts vom Xystus, welches noch ein Triclinium gewesen sein kann, der 
Weg von der Küche übermässig weit erscheint, falls hier das alleinige Speise- 
zimmer angenommen wird. Die Decoration dieses Zimmers, welches durch ein 
grosses Fenster auf den Peristylhof erleuchtet wird, ist überaus kostbar und 
vortrefflich, der Fussboden ist mit weiss und schwarzem Mosaik im Mäander- 



Die Privatgeb&ude. 219 

mfister bedeckt^ die Wände enthielten atusser dem hier wie überall die Haupt- 
büder umrahmenden architektonischen Ornament , drei grosse Bilder mit fast 
lebensgrossen Figuren, von denen zwei in das Museo borbonico gebracht sind. 
Das erste derselben stellt Hercules bei Omphale dar, das zweite den Knaben 
Bücchus auf stierbespanntem Wagen von seinem Gefolge umgeben , und das 
dritte denselben Bacchus als Sieger Indiens. Diese drei Bilder sind fertig in 
die Wände eingelassen, wie deutliche Spuren zeigen , ein Argument mehr für 
die Annahme , dass die Decoration des Tablinum bei der Verschüttung noch 
nicht vollendet war. Die kleinen Nebenbilder in der Decoration stellen Amo- 
retten in verschiedenen Situationen dar. 

Links vom Tablinum sind dieFauces 17, welche sich dadurch von sonstigen 
unterscheiden, dass sie, wie schon erwähnt, eine achtstufige Treppe in dasPeri- 
styl enthalten. Dies Peristyl 1 8 wird an zwei Seiten von Pfeilern umgeben, 
aufweiche auf rothen Grund Pflanzen gemalt sind, und welche durch Brüstungs- 
mauem mit ein paar Eingängen verbunden werden, während das Tablinum an 
die dritte und eine Exedra oder ein Oecus an die vierte Seite grenzt. Auf den 
Eckpfeiler ist ein Labyrinth nebst der Inschrift: Labi/rinthiis. Hie habitat 
Mmoiaurus sehr roh mit einem scharfen Griffel in die Tünche eingeritzt. Auf 
den linken Peristylgang öffnen sich zwei exedraartige kleine Zimmer 19 u. 20, 
in deren zweitem das oben mitgetheilte Bild gefunden wurde. Der Peristylhof 
ist nicht, wie gewöhnlich, durch ein Viridarium geschmückt , sondern in einer 
ganz eigenthümlichen und im Ganzen h^zlich geschmacklosen Weise einge- 
richtet und verziert. Im Hintergrunde steht auf vierstufigem Untersatz eine 
mit Mosaik, Muschelwerk und Malerei verzierte Brunnennische , in derselben 
ak Brunnenfigur ein kleiner Silen. Dergleichen Nischen, und zwar zum Theil 
noch geschmackloser mit Muscheln verzierte, kommen auch sonst noch vor, 
wir brauchen nur die beiden nach ihren Brunnen benannten Häuser neben der 
Fnllonica, die case della grande oAer prima imd della piccola oder seconda 
foniana a musatco zu nennen ; im Uebrigen aber ist die Decoration des Hofes 
hier einzig. Das Wasser, welches die Brunnenfigur ausgoss, floss über die 
Stufen des Unterbaus der Nische herab, wurde unten durch eine flache Mar- 
morrinne gesammelt und in eine runde Piscina in der Mitte des Hofes geleitet, 
in der ein Springbrunnen angebracht ist. Um diese Piscina herum sind nun 
zunächst allerlei Thiere von Bronze von ganz verschiedener Grösse aufgestellt, 
unter denen eine Ente und zwei Ibisse am sichersten erkennbar sind. Weiter 
hinaus stehn dann zwei Beihen von Sculpturwerken ; zunächst am Brunnen 
zwei Hermenpfeiler mit Doppelköpfen einerseits b des Bacchus und der 
Ariadne, andererseits c eines Faunes und einer Bacchantin. Diesen entsprechen 
zwei gleiche Hermenpfeüer d e in den vorderen Ecken des Hofes, welche beide 
einen bärtigen Bacchus und eine Bacchantin darstellen. In einer noch etwas 
vorgerückten Reihe stehn sodann zunächst den Hermenpfeilern zwei seltsame 
Bildwerke / y, welche Amoretten auf Delphinen reitend und von grossen 



220 



IL Viertes Capitel. 



Polypen umstrickt darstellen, während in der Mitte eine sehr mittebnässige 
Gruppe h einen böcksfcüssigen Faun zeigt, dem ein kleiner Satyr einen Dom 

aus dem Fusse zieht. End- 
lich stehn links zwischen 
den Hermenpfeilem noch 
zwei Sculpturen, welche die 
übrigen übertreffen, nach 
hinten ein junger Satyr i, 
welcher die Hand über den 
Kopf hebt, weiter nach vom 
ein in Hermenform auslau- 
fender Satyr mit der Eohr- 
flöte ky der ein Zicklein im 
Arm hält und an dem eine 
Ziege nach ihrem Jungen 
emporspringt. Das Wasser 
für den Brunnen und den 
Springbrunnen wurde von 
der Strasse hergeleitet durch 
ein Bleirohr, welches man 
aufgefunden hat. Die Brüs- 
tungsmauem des Peristyl- 
hofs sind zur Aufnahme von 
Erde für Blumen ausge- 
höhlt. — 

Um das Peristyl liegen: 
2 1 ein Zimmer mit zwei Ein- 
gängen, dessen Bestimmung 
ungewiss ist und in dem als 
Hauptbilder Narciss und Apollo mit Daphne gefunden wurden, sodann ein 
cuhiculum 22, daneben ein ungeschmücktes Vorrathszimmer 23 mit einem Clo- 
set in der Ecke; hierauf folgt rechts ein Treppenraum 24 , der in den Keller 
führt, und der Oecus 25 mit hübschen, aber kleinen Bildern, welche Bacchan- 
ten und Genien darstellen. Auf der gegenüberliegenden linken Seite des Peri- 
stylganges kommt man an der Treppe in die obere Etage 26 vorbei auf einen 
breiten Durchgangsplatz 27 in eine kleinere Nebenabtheilung des Hauses, mit 
einem eigenen Eingang 28 von einer Seitengasse, eigenem ungeschmücktem 
Atrium 29, drei cubiculis 30, 31, 32, dem Tablinum 33 und den Fauces 34, 
Alles mit sehr geringen Decorationen , so dass hier wieder der mehr&ch aus- 
gesprochene Gedanke an eine Sclavenwohnung nahe gelegt wird. 

Ausser den Gegenständen, welche wir schon gelegentlich erwähnt haben, 
sind noch viele andere in diesem Hause gefunden worden , von denen wir nur 




Figur 171. 
Ansicht des Peristyls in der Casa di Lucrezio. 



Die Priratgebäude. 221 

die merkwürdigsten nennen wollen^ nämlich im Zinuner No. 6 mehre Glas- 
gefiisse^ eine Laterne mit geöltem Leinen statt des Glases^ eine Schnellwage 
mit einem Mercurskopf als Gewicht; in dem Zimmer 4 eine ähnliche, ein 
goldener Bing mit Stein, ein Glasfläschchen, mehre Eimer und andere Ge- 
rtthe, in dem Zimmer 5 ein über ein Meter hoher Candelaber mit jonischem 
CapiteU, in der Ala 9 ausser anderen Sachen von Bronze eine flache Schüssel 
mit einem Medusenkopf in der Mitte und einem Silberkreis umher ; diese ist 
offenbar auf dem Wege aus der Küche oder den Kammern neben derselben 
verloren. Endlich im Oecus drei kleine Amphoren von Thon mit Inschriften 
inschwarzer Farbe, als : LIQVAMEN OPTIMVM (die beste Brühe) TVSCOLA- 
NA. OFFICINA SCAV(rf), welche die Angabe der Fabrik enthält. Die dritte 
zeigt nur einige griechische Buchstaben. — An der Fa9ade des Hauses liegen 
drei Läden 35, 36, 37, von denen zwei kleine Hinterzimmer 38 und 39 haben. 
Der Laden 35 ist jetzt Wachtstube. — 

Obgleich unsere Leser in der durch die verschiedensten Verhaltnisse be- 
dingten Mannigfaltigkeit der bereits mitgetheilten Pläne das Streben nach der 
Noraialanlage und das Festhalten an der charakteristischen Ordnung der 
wesentlichen Käume des romischen Hauses nicht verkannt haben können, noch 
auch dieses Gemeinsame in der Differenz der in der Folge mitzutheilenden 
Pläne verkennen werden , so wollen wir es doch nicht versäumen , hier Plan 
imd Durchschnitt desjenigen Hauses von Pompeji mitzutheilen, welches am 
meisten von allen die Begel darstellt und die charakteristischen Räumlich- 
keiten am vollständigsten enthält. Es ist dies, wie schon früher bemerkt, das 
unter dem Namen des Hauses des Pansa bekannte, 1811 — 1814 ausge- 
grabene Wohnhaus, welches mit seiner Facade an der Strasse der Fortuna den 
Thermen gegenüb^ Hegt, mit seinem Areal jedoch eine ganze Insula, d. h. ein 
Quartier zwischen vier Strassen, ausfüllt. Wir behalten den Namen bei, der 
ging und gebe geworden ist, obgleich derselbe auf nichts Anderem beruht, als 
atif einer Inscluift auf der Mauer neben dem linken Pfeiler des Eingangs, 
welcher in den Worten PANSAM AED PARATVS EOG (Pansam aedilem 
ParatuB rogat) Nichts enthält, als eine jener vielen Anrufungen von Patronen 
dTurch ihre Clienten , welche sich auf allen Wänden wiederfinden und in wel- 
cher in unserem Falle nicht der geringste Beweis gegeben ist, dass das Haus 
dem angerufenen Aedilen gehörte. Auch der anrufende Client Paratus kann 
hier gewohnt haben, und endlich ist es sehr wohl möglich und selbst am 
wahrscheinlichsten , dass die Inschrift zu dem Hause in gar keiner Beziehung 
steht. Auf ähnlichem Grunde beruhen die Namen der Häuser des Fuscus, 
desModestus, des Sallustius, des Pomponius u. A., während im Uebrigen 
die Namen entweder von denjenigen hohen Herrschaften hergenommen sind, 
in deren Gegenwart und zu deren Ehre sie oder einige Räume derselben 
aufigegraben wurden, wie z. B. die Namen der Häuser des Grossherzogs von 
Toscana, des Königs von Preussen, der Königin von Engeland ^ der Kaiserin 



222 



li. Viertes Capitel. 



von Russland u. s. w. oder nach auffallenden Eigenthümlichkeiten in der De- 
coration oder im Hausrath und nach Hauptbildem gewählt werden, wovon wir 
bereits mehre Beispiele kennen gelernt haben und wovon andere in den Häu- 
sern der Figurencapitelle, oder der schwarzen Wand , oder des grossen Brun- 
nens , oder des Labyrinths , oder des Fauns, oder der Bronzevasen , oder des 
eisernen Heerdes u. s. w. vorliegen. Endlich hat noch der vennuthete oder 
erkennbare Stand des früheren Eigners zur Taufe des Hauses verhelfen , wie 
wir das in dem Hause des angeblichen tragischen Dichters gesehn haben, wäh- 
rend wir in einer folgenden Abtheilung die Häuser des Bildhauers, des Chi- 
rurgen, der Tuchwalker, des Bäckers und andere der Art kennen lernen werden. 
Zurück aber zu unserem Hause des Fansa. Je weniger bedeutend der Ge- 
mäldeschmuck desselben ist, um so schneller werden wir seipe Bäume durch- 
wandern können, um uns in denselben zu orientiren. 



^9i;:^^-^:;-myfi^.?^^r7^^:<>^-^ 




Figur 172. Plan des Hauses des Pansa. 



1 Vestibulum, dessen innere Schwelle mit einem SALVE in. Mosaik ge- 
schmückt ist, 2 Atrium mit dem Complu^dum, 3 cuhicula^ 4 Alaey hier ro 
beiden Seiten des Atrium vorhanden , während wir bereits in mehren Häusern 
des beschränkteren Baumes wegen nur eine Ala gefunden haben, 5 Tablinum, 
dessen Boden, wie in vielen anderen Häusern, mit weissem, schwarzgerande- 
tem MosaXk bedeckt ist ; dasselbe ist ganz offen nach beiden Seiten ; 6 Fauces, 
auch hier nur auf einer Seite angebracht , während gegenüber ein mit weissem 
Mosaikboden geschmücktes Zimmer 7 liegt, welches nach den vorgefundenen 
Resten von Manuscripten die Bibliothek oder das Archiv des angesehenen und 
reichen Bewohners gewesen zu sein scheint. Neben den Fauces imd mit einem 
Eingang von ihnen wie vom Peristyl ein am ungewöhnlichen Orte angebrachtes 



Die Privatgebftude. 223 

Sefalafeimmer 8 , welches man eher für ein Wintertriclinium halten würde, 
venn nicht die erkennbare Nische für die Bettstelle den Ausschlag gäbe. 
9 Peristylium, aus dem ein Posticum 1 auf die Nebenstrasse rechts führt. Das 
Peristylium ist eines der geräumigeren in Pompeji, 20°* 15X13™ 10 gross, 
Yon sechszehü Säulen umgeben, die, von vulcanischem Stein und ursprünglich 
semlich reiner jonischer Ordnung, mit Stucco bekleidet und im Capitell mit 
Blätterschmuck versehen , also in gemischte Ordnung gebracht und ausserdem 
am untersten Drittheil gelb bemalt sind. Zwischen den beiden ersten Säulen 
jeder Seite ist ein Puteal für das Wasser der Cisteme. Das Innere desPeristyls 
bildet eine Piscina von 2 " Tiefe, deren Wände mit Wasserpflanzen und Fischen 
bemalt sind. Von den Gemächern, welche das Peristylium umgeben, bilden 
die ersten beiden rechts und links 1 1 eine Art von Exedren , schattige offene 
Räume mit Buhebänken, welche beim Promeniren im Peristyl benutzt wurden. 
Auf der linken Seite liegen drei cubicula 1 2 , von denen die beiden letzten 
ausnahmsweise durch eine Zwischenthür verbunden sind. Rechts liegt nur ein 
Triclinium 13 mit einem Nebenzimmer 14, in welchem wahrscheinlich die 
Tischgeräthe und sonstiger Hausrath aufbewahrt wurde , wenn dies nicht das 
Zimmer war, in welchem sich die Musicanten, Tänzerinnen, Gaukler und 
derlei Leute versammelten und vorbereiteten , welche man gegen das Ende der 
Mahlzeit vor den Grasten ihre Künste produciren zu lassen liebte. Der übrige 
Baum dieser Seite wird durch Läden ohne Verbindung mit dem Hause in An- 
sprach genommen, mit welchen der Besitzer sein ganzes Haus umgeben hat. 
Im Hintergrunde des Peristyls Kegt das Hauptgemach des Hauses, ein pracht- 
voller Oecus 1 5 von 10"5X7'"40 mit breitem thorartigen Eingang vom Peri- 
ityl mid Ausgang nach dem Säulengang und Garten hinter dem Hause. Neben 
demselben ein Zimmer 16 mit schmaler Thür, welches Einigen nicht recht 
wahrscheinlich als ein zweites Triclinium , Anderen freilich unerweislich als 
Tabularium oder Archiv gut ; andererseits ein faucesartiger Durchgang in den 
Garten 17 mit einem Eingang in den Oecus. Neben diesem Gange sehn wir 
die Küche 18 mit einem Vorgemach zum Anrichten der Speisen 19 und einem 
grösseren Nebenraum 20, der als ergastulum, als Arbeitszimmer der Sclaven 
betrachtet werden kann und einen Ausgang auf die zweite Nebengasse hat. 
In der Küche sind viele Geschirre von Thon ausser den gemauerten Heerden 
gefunden worden , auf denen noch die Holzkohlen lagen. Die ortsbeschützen- 
den heiligen Schlangen waren auch hier, wie so oft, auf die "Wand gemalt. Aü 
der hinteren Fronte des Gebäudes erstreckt sich ein Säulengang 21 , dessen 
mittelstes Intercolumnium weiter ist als die übrigen , um eine freie Aussicht 
SOS dem Oecus zu gestatten, und an dem ein einziges Zimmer 22 liegt, das den 
Namen einer Exedra deshalb nicht tragen kann, weil es nach dem Garten nur 
durch eine Thür und ein Fenster geöflPnet ist , anstatt ganz unverschlossen zu 
sein, welches aber unzweifelhaft den Zweck einer Exedra mit Aussicht auf den 
Garten gehabt hat. 



224 



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3 



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1 



II. Viertes Capitel. 



Was nun endlich diesen Grarten anlangt^ 
dessen Anfang unser Plan zeigt , so hat maa 
seine Beete bei vorsichtiger Ausgrabung 
noch unter der Asche gefunden. Aus ihrcf 
Anordnung 9 welche man im Plan erkennen 
kann^ geht sehr deutlich hervor, dass der 
Grarten nicht als Zier- und Blumen-, son- 
dern als Nutz- und Küchengarten gedient 
hat. Interessant ist es, dass man in demselben 
auch noch die Bleiröhren ausgegraben hat, 
durch welche die Gemüsebeete mit WasBcr 
versehen wurden. Zwei grosse kupferne Kes^ 
sei können nur zufällig in diesen Grarten ge- 
kommen sein, so gut wie eine kleine Bronze- 
gruppe , Bacchus und einen Satyrn darstel- 
lend (abgeb. unten im artistischen Theil), die 
man in Leinen gewickelt in einem dieser Kes- 
sel fand, nur bei der Flucht der Bewohner an 
diesen Ort gekommen sein kann. — 

Von der Einrichtung des oberen Geschos- 
ses, dessen sichere Spuren vorhanden sind, 
können wir nichts Bestimmtes mittheüen, 
nur in einigen wenigen Zimmern der oberen 
Etage fand man den Fussboden bei der Aus- 
grabung noch nicht eingestürzt, und dass 
man in diesen Bäumen namentlich sehr viele 
Gegenstände der Toilette und des weiblichen 
Putzes auf dem Boden liegend fand, beweist, 
was ohnehin anzunehmen war, dass hier 
Schlafzimmer, namentlich solche fttr den 
weiblichen Theil der Familie waren. Wir 
können es uns nicht versagen , von diesem 
regelmässigen Hause einen aus zuverlässigen 
!ßlementen restaurirten Durchschnitt zu ge- 
ben. Ehe wir dasselbe jedoch verlassen, 
müssen wir der Läden noch besondere Er- 
wähnimg thun, welche dasselbe rings um- 
geben und durch deren Miethe der Hausherr 
wohl einen nicht unbeträchtlichen Theil sei- 
nes Aufwandes bestritten hat. 

Der erste Laden, wenn wir an der obe- 
ren Seite unseres Planes beginnen , 22 hatte 



Die Privatgebäude. 2^5 

ein Hmterzimmer 23 und sein Inhaber muss noch wenigstens ein Zimmer im 
oberen Geschoss inne gehabt haben y wie dies die Treppe im Laden selbst be^ 
weißt. Auch die beiden folgenden Läden 24 und 26 hatten ein Zimmer im 
oberen Stock, begnügten sich aber im Parterre mit einem sehr kleinen* und 
laibdunkeln Hinterzimmer 25 und 27 ausser dem eigentlichen Laden. In die- 
sen drei Läden fand man gemauerte Ladentische und die Farben , welche zur 
Wandmalerei gebraucht wurden, wie solche auch in dem sogenannten Hause 
des Grossherzogs von Toscana in neuerer Zeit gefunden worden sind. Von 
diesen Farben waren vier im natürlichen, noch nicht präparirten Zustande, 
nämlich Weiss, eine grünliche Mineralfarbe, gelber Ocker und brauner oder 
rother Ocker. Andere Farben waren künstlich bereitet und zum Gebrauche 
präpajrirt. Wir sprechen von ihnen genauer in einer späteren Abtheilung. 

Die Baume 28 — 34 gehören einer Bäckerei und Mühle an, deren Ein- 
richtungen wir später an einem anderen Beispiel genauer kennen lernen wer- 
den. Es ist nicht möglich, die Bestimmung aller der einzelnen Gemächer nadh- 
zuweisen, nur das Mühlenhaus 29 mit drei Mühlen, dem Backtisch, dem 
Wasserreservoir und den Behältern für das Mehl, femer der Backofen 30 sind 
sicher bestimmt; in 33 mit dem Hinterzimmer 34 werden wir den Laden an- 
nehmen dürfen. — In dem Mühlen- und Backzimmer, pütrtnum, war ein 
talismanisches Bild an die Wand gemalt mit der Unterschrift: Hie hahitat 
Fdicitas, Hier wohnt das Glück. 

Der folgende Laden 35 gehört zum Hause, in welches er sich öffnet, und 
zwar durch ein am Atrium gelegenes Zimmer 36, in welchem der Sclave sich 
aufhielt^ der in diesem Laden für seinen Herrn feilbot. Welcherlei Waare lässt 
sich nicht entscheiden, es ist aber in diesem Falle allerdings anzunehmen, dass 
es die Erträge des Feld-, Wein- und Oelbaus des Hausbesitzers gewesen seien. 
Der nächste Laden 37, sowie die beiden Läden an der Hauptstrasse jenseits 
des Eingangs zum Hause 38 und 39 bilden einzelne Zimmer oder Gewölbe 
ohne Zusammenhang unter sich oder mit dem Hause. Auch die Treppen fehlen 
Amen, und nur der Laden 39 hat ein Hinterzimmer 40. Grösser ist die Ein- 
richtung des gewerbtreibenden Abmiethers des Eckladens No. 41, welcher 
ausser diesem Laden noch ein grösseres, durch ein breites Fenster auf die 
Strasse erleuchtetes Gemach 42 innehatte, in welchem ein grösser gemauerter 
imd überwölbter Heerd nebst einem Brunnen steht und an welches ein Hinter- 
zimmer 43 anstösst. Trotz dieser Funde hat es nicht gelingen wollen, das Ge- 
schäft sicher festzustellen, welches der Inhaber dieses Ladens betrieb, obwohl 
es weitaus am wahrscheinlichsten ist, dass er Töpfer war. Endlich bleiben uns 
noch drei Complexe von GemächerÄ zu erwähnen übrig, welche wir A, B und 
C bezeichnen, und welche , daran kann kaum gezweifelt werden , Miethswoh- 
nungen für weniger Wohlhabende {inquüini, Miethsbewohner ohne Eigen- 
thumsrecht) gewesen sind. Es ist unmöglich, die einzelnen Bäume derselben 
ihrer Bestinmiung nach zu nennen, doch kann es unsern Lesern nicht schwer 

Orerbeck, Ponpeji. 1 «5 



226 



II. Viertes Capitel. 



fallen^ denselben aus eigener Machtvollkommenheit passende Namen zu erthei- 
len. Wir wollen nur bemerken , dass man in der Wohnung C vier Frauenge- 
rippe gefunden hat , welche goldene Ohr- und Fingerringe mit geschnittenen 
Steinen trugen, etliche dreissig Stücke Silbergeld und noch sonst allerlei 
Gegenstände bei sich hatten, und die also, falls es die Bewohnerinen dieser 
Abtheilung waren, was man wohl annehmen darf, beweisen, dass dergleichen 
inquilini nicht als arme Leute zu denken sind, wenn sie auch keinen Grund- 
besitz hatten. — 

Wir geben demnächst in der folgenden Abbildung den Plan eines Com- 
plexes von vier Wohnhäusern aus der Strasse des Mercur oder vielmehr von 
je zwei und zwei verbundenen, welche unter dem Namen der Casa del 
Centauro und der Casa di Castore e Polluce oder del Quesiore 
bekannt und durch manche Besonderheit merkwürdig sind. Die Einrichtung 
der Verbindung zweier Wohnungen durch eine Mittelthür , von der wir hier 
ein Doppelbeispiel geben , kehrt noch mehrmals in Pompeji wieder , ist aber 
noch keineswegs vollständig erklärt. Man denkt zunächst an die Wohnungen 
zweier verwandten oder nahe befreundeten Familien , wobei es nur auffallend 
bleibt, dass in der Regel, wie auch in unseren Beispielen, die eine der ver- 
bundenen Wohnungen ungleich kleiner und weniger reich erscheint, als die 
andere. Sonstige Ansichten in diesem Betreff werden wir unten kennen lernen. 



r.-:i 













Figur 174. Plan der Casa del Centauro und der Casa di Castore e Polluce 



Wohnung -4. 1 Vestibulum, zu seinen Seiten zwei Zimmet 2, 3 mit Fen- 
stern nach der Strasse , die aber so klein und schmucklos sind , dass sie die 
Facade eher verunzieren als beleben, und so hoch angebracht, dass sie sich recht 
deutlich als blosse Lichtöffnungen zu erkennen geben, und zu der Strasse an 
sich gar keinen Bezug haben. Das Zimmer rechts 3 ist deutlich ein Schlaf- 
zimmer mit einem angebauten und etwas erhöhten Alkoven a , neben dem ein 



Die Priratgebäüde; 227 

wahrscheinlich als Garderobe benutzter überwölbter Baum durch eine Scher- 
vand abgesondert ist. Der Fussboden des Zimmers wie des Alkoven ist mit 
optis stffninum gedeckt , in welches kleine weisse Marmorstückchen , einfache 
gradlinige Figuren bildend , eingelegt sind. In der Nähe fand man eine starke 
Kiste mit dreizehn silbernen Löffeln, sechs kleineren und sieben grösseren, 
deren Stiel als Ziegenfuös gestaltet ist. Das Zimmer links 2 zeigt auf abwech- 
selnd gelben und rothen Wandflächen allerlei Thiere, zum Theil phantastische. 
4 Toskanisches Atrium, hinter dessen Compluvium ein nicht besonders elegan- 
ter Tisch von weissem Marmor steht. Links an demselben liegen verschiedene 
cubicula 5, derien erstes im Grunde die geriiäuerte BettsteUfe ß zeigt. Rechts 
liegen keine' Zimmer am Atrium, in der Mauer dagegen befinden sich zwei 
VetbinaungsthüreH mit dem Nachbarhause, deren eine jedoch schon im Alter- 
thum Vermauert worden und wahrscheinlich nur zur Herstellung der Symme- 
trie angebracht ist. Neben dem Tablinum 6 liegt links ein grösseres Zimmer 7, 
in dem ein Wandschrank y angebracht ist, rechts die Fauces 8 , durch welche, 
wie durch das nach beiden Seiten ganz offene Tablinum, man in das PeristyKum 
9 gelangt. Dasselbe ist in jeder Weise sehr beschränkt, der Säülenumgang 
schmal , der als Viridarium benutzte , von einer Wasserrinne u/ngebetief Hof- 
raom klein ; die acht Säulen, deren letzte links in einen starken Doppelpfeiler 
Vermauert ist, sind änrch einen pluieus , eine niedrige Brustungsmauer ,• ver- 
bunden, welche ausgehöhlt ist, um Erde aufzunehmen, in welche Blumen 
gepflanzt wurden. Links ist der Säulenimigang durch ein hineingebautes Zim- 
mer 1 verbaut, hinter dem sich derselbe zu einer Art Vorplatz dreier cubicula 
11 erweitert, deren eines fast ganz dunkel ist. In diesem Vorplatz ist der An- 
feng der Treppe in ein oberes Geschoss d erhalten. Im Hintergninde des Peri- 
styls liegt das Triclinium 1 2 , auf dessen Hinten^^arid die Auffindung AchiU's 
unter den Töchtern des Lykomedes gemalt ist, daneben 1 3 die Küche. 

Die Wohnung B, diejenige, welche im engeren Sinne den Namen »Haus 
des Centailren « nach einem Gemälde im Tablinum trägt, ist grösser und reicher 
in ihrer Decoration und bietet in ihrem Plan einige nicht unwichtige Beson- 
derheiten. Neben dem Eingang 1 4 liegt an der Strasse links eift sowohl auf 
die Strasse wie auf den Gang des Vestibüls geöffnete^ Ziromeit 1 5 , welches 
weder als Laden, noch als blosses Portierzimmer, cella ostiarii, betrachtet wer- 
den kann, vielmehr als ein Beispiel einer Vestibülerweiterung durch ein Warte- 
zimmer erscheint.' Von seiner Decoration ist nur ein kleines Stück erhalten, 
welches einen im Rohr gehenden Storch erkennen lässt. Das Atrium 16 ist 
ein korinthisches und nähert sich in seiner Ausdehnung fast ganz der Form 
der Peristyle; innerhalb der Säulen umgiebt eine Wasserrinne ein Virida- 
rium, in dessen Mitte wir eine kleine Piscina bemerken. Im Hintergründe 
steht eine Marmorbasis für eine Statue e, die aber so wenig aufgefunden wurde, 
wie zwei Statuetten in Nischen des Tablinum, wahrscheinlich also von den 
Besitzern des Hauses nach der Katastrophe ausgegraben worden ist. Dass im 

15* 



228 IL Viertes Capitel. 

Nackbarhausc C Nachgrabungen angestellt sind, ist wenigstens sicher. Die 
sechszehn Säulen dieses korinthischen Atriums haben lebhaft bemalte Capitelle, 
von denen ein Exemplar bei Zahn 2. 19. abgebildet ist. An dem breiten Sau* 
lenumgang dieses prachtvollen Atrium liegen nur sehr wenige Zimmer und 
diese von anderer Art, als wir sie gewöhnlich finden. Gleich rechts neben dem 
Eingang ist ein weitoffenes Zimmer 1 7, für die blosse cella atriensis zu gross 
und von zweifelhafter Bestimmung, daneben ein Gemach in Gestalt einer Ala 
18, in dem wohl auch eine solche zu erkennen sein wird, für die vermöge der 
eigenthümlichen Einrichtung des Planes kein anderer Platz zu finden war. Die 
Wand des Atriums rechts ist von einem weiten Eingang nicht in ein Zimmer, 
sondern in eine eigene Abtheilung des Gebäudes durchbrochen , in der man, 
freilich ohne sonderliche Gewähr, die Frauen wohnung hat erkennen wollen. 
Eine solche Annahme ist unnöthig, indem wir leicht aus der Breite des zn 
bebauenden Areals erkennen , dass auf diesem Flügel der Wohnung noch eine 
eigene atrien- oder peristylartige Einrichtung gemacht werden musste, um den 
Zimmern desselben Licht und Luft zu schaffen. Das ist in anmuthiger Weise 
geschehen, indem in die Mitte ein Peristylium 19 gelegt wurde, von dessen 
als Viridarium mit Brunnen behandelten Hofe aus zwei Zimmer 20 und 21 
durch breite Fenster Licht erhielten, durch welche man zugleich die Aussicht 
auf die grünenden Pflanzungen des Viridarium hatte. Die Hinterwand des 
Zimmers 20 ist bei Zahn 2. 74. farbig abgebildet. Sie zeigt auf schwarzem 
Grunde ziemlich einfache architektonische. Pflanzen- und Thieromamente und 
macht einen wenig heiteren Eindruck. Ein dritter kleiner Baum 22 diente als 
Closet. Aus dem Peristylium zweigt sich ein schmaler gewölbter Gang 23 ab, 
welcher alhnählig geneigt zu den Kellerräumen dieser Wohnung führt, und 
auf den man auch noch vom Atrium und vom Peristyl des Hinterhauses aus 
gelangen kann. Neben dem Eingang in die eben besprochene Abtheilung der 
Wohnung liegt am Atriiun ein cubiculum 24 , welches ausser durch die Thür 
noch durch ein Fenster Licht erhält, eine Einrichtung, welche wegen der 
Breite des Umganges im Atriiun getroffen werden musste , wenn das Zimmer 
nicht gar zu dunkel werden sollte. Unmittelbar an dieses Zimmer grenzt ein 
Eaum 25, der einzig in seiner Art in Pompeji ist. Es ist dies nämlich ein vom 
durch eine niedrige Brüstungsmauer , in der die Reste eines starken eisernen 
Gitters stecken , abgeschlossenes Gemach , über dessen Bestimmung zu einem 
Behälter für wilde Thiere ich keinen Zweifel haben kann, obgleich einige 
Schriftsteller darauf verfallen sind, hier ein Bad oder ein Zimmer für Blumen 
zu erkennen, was schwerlich wunderlicher und unpassender hätte ausgedacht 
werden können. Dass die Römer in ihren Villen ausser Hühnerhöfen, Tauben- 
schlägen, Wildgehegen unter Anderem auch Menagerien hatten, ist bekannt, 
warum sollte nicht ein wohlhabender Pompejaner , der für Thiere Liebhaberei 
hatte , in seinem Hause in der Stadt einen geräumigen Käfig vielleicht für ein 
Prachtstück von einem Löwen oder Tiger gebaut haben? 



Die Privatgeb&ude. 229 

Das Tablinum 26, nach vom ganz offen, nach hinten halb geschlossen, ist 
prächtig mit zwei grossen Gemälden geschmückt, von denen dasjenige rechts 
dem Hanse den Namen gegeben hat. Es stellt freilich in sehr eigenthümlicher 
und keineswegs ganz erklärter Weise den Augenblick aus Hercules' Leben 
dar, wo der Held mit seiner Gemahlin Deianira an den Fluss Euenus gekom- 
men ist, und wo der Centaur Nessus in frevelnder Absicht sich erbietet, 
Deianira durch die Fluthen zu tragen. Sie steht auf einem Zweigespann und 
reicht Hercules sein Söhnchen Hyllus , bereit auf Nessus' Rücken zu steigen. 
Diesen treibt sein frevelndes Verlangen zu der edlen Gemahlin des Helden so 
mächtig an, dass er es für nöthig findet, Hercules, der ihn finster anschaut, 
auf den Knien zu bitten, er möge ihm die schöne Last vertrauen. Ausser durch 
den Gegenstand selbst ist dies Bild noch durch die verhältnissmässig sehr be- 
deutend gehaltene Landschaft, in der die Scene spielt, merkwürdig. Auf der 
Wand gegenüber sind Meleager und Atalante , den getödteten kalydonischen 
Eber vor ihren Füssen, gemalt. Beide Gemälde zieren, wie durch die Bank 
diese grösseren mythologischen Compositionen, das Mittelfeld architektonischer 
Ornamente. An den Seiten des breiten Ausgangs nach hinten sieht man zwei 
Wau gemalte Nischen fdr Statuetten. Obgleich man so wenig diese wie die 
Kgur auf der Basis im Atrium vorgefunden hat, bot dieses Haus doch mehr 
an plastischen Werken , als die meisten in Pompeji. Man fand in demselben 
eine Bronzebüste des jugendlichen Tiberius, zwei Hermen des bärtigen Bacchus, 
deren eine von roaso antico, eine Statuette des Hercules (?) mit der phrygischen 
Mütze und einem Hündchen im Arm , eine als Brunnenfigur dienende Statue 
des Apollo (?), ein Relief, darstellend eine Nereide und einen Triton, welches 
als Ornament eines Meubels gedient hat, ferner mancherlei kunstreiche und 
schöne Geräthe, namentlich prächtige Candelaber, eine Schnellwage, an der 
das Gewicht ein Mercurskopf ist, und anderes Derartige mehr. — 

Links neben dem Tablinimi, dessen Boden mit schwarzem MosaXk und in 
dasselbe eingelegten bunten Marmorstückchen bedeckt ist, welche regelmässige 
Figuren bilden, liegt ein geräumiges Triclinium 27 mit einem doppelten Ein- 
gang aus dem Tablinum und aus dem Peristyl des Hinterhauses, auf dessen 
Viridarium ein breites Fenster sich öffnet. Der Fussboden dieses Saales ent- 
hielt eines der schätzbarsten Mosaike, welche wir aus Pompeji besitzen und auf 
das wir zurückkommen werden, jene bekannte Darstellung eines von Amorinen 
gebändigten Löwen, abgeb. unter anderem bei Zahn 2. 95. Das Gemälde, rund, 
?on 2" 30 Durchmesser, lag in der Mitte des Bodens, wurde 1829 in Gegen- 
wart des Königs und der Königin von Sardinien entdeckt und ist in das Mu- 
seum in Neapel gebracht worden. Rechts am Tablinum haben wir die Fauces 
28, die breiter sind als gewöhnlich und vom Tablinum aus einen Eingang 
haben , der mit dem Eingang in das Triclinium die Symmetrie herstellt. Das 
Peristyl 29 und Viridarium 30 sind sehr beschränkt. Nur eine Reihe von vier 
Säulen, deren beide äusserste noch vermauert sind, öffnet den Zugang zum 



230 II. Viertes Capitel. 

Viridarium , neben dem rechts ^ine Piscina liegt. Neben dieser führt der hin- 
tere Ausgang 9 posticum, 31 auf eine kleinere Ncbenstrasse der Strasse der 
Fortuna. Diesem Ausgang gegenüber finden wir die Küche 32. In der Mitte 
der Hauptwand des Viridariums ist eine lebensgrosse Jsereide auf einem See- 
pferd gemalt. 

Die Wohnung C, die Casa del Questore oder di Castore e Polluce, 1828 
und 1829 ausgegraben^ ist nicht allein die grösste und reichste dieses Com- 
plexes , sondern nimmt nach der Schönheit und Pracht ihrer Decoration eine 
der ersten Stellen unter allen Häusern Pompejis ein. Den ersteren Namen 
empfing das Haus von ?wei grossen Geldkisten im Atrium, natürlich ohne 
sonderliche Gewähr, besonders da sich dergleichen auch in andern Häusern 
fanden; der zweite Name, welcher überwiegenjl im Gebrauche ist, bezieht 
sich auf Gemälde der Dioscuren rechts und links im Vestibül. Durchwandern 
wir seine Räume, 

Die Facade des Hauses hat ein heitereres Aussehn, als die mancher ande- 
ren , wenngleich auch sie nur einförmig und durch die zwei kleinen Fenster 
der Zimmer an der Strassenfront wenig belebt ist; aber man hat durch Farhe 
zu helfen gesucht und den in Quaderforpi gearbeiteten Bewurf abwechselnd 
weiss und roth angestrichen. Auf den rechten Thürpfpiler ist ein Mercur ge- 
malt, der mit dem Beutel in der Hand von der Fortuna ausgesandt wird, um 
einem Günstling die Schätze der Göttin zu bringen , der also gewiss eher die 
"Wohnung eines Kaufmanns als die des Quästors von Pompeji, wenn es einen 
solchen gab, bezeichnet. In der Mitte des Vestibüls 33 befindet sich ein be- 
weglicher Stein , welcher eine Cisterne schliesst ; rechts öfifnet sich eine Thür 
in die Cella des Ostiarius 34 , in der zugleich die Treppe in das obere Stock- 
werk und ein Closet sich findet , links vom Eingänge entspricht derselben die 
nach dem Atrium geöfihete Cella des Atriensis 35 , in der man einen Wand- 
schrank findet und deren Wände mit gemalten Candelabem geziert sind, von 
denen Zahn 2. 89 eine fajrbige Probe giebt. Neben dieser Cella ist eine kleine 
Geräth- oder Garderobekammer 36, ähnlich der, welche wir in dem Hause Ä 
neben dem Alkoven des ersten Zimmers rechts gefunden haben. Das Atrium 
37 ist korinthisch und eines der geräumigsten und schönsten in ganz Pompeji; 
zwölf Säulen mit farbigen Schäften und bemalten Capitellen umgeben das 
Compluvium, in djessen Mitte ein Springbrunnen seinen glänzenden Strahl 
spielen Hess , während seitwärts das Puteal der Cisterne und in der Mitte der 
hinteren Säulen ein Postament für eine nicht ainfgefundene Statue steht. Der 
bedeckte Umgang des Atrium ist fast 3 Meter breit und seine Wände sind 
ringsum mit Gemälden bedeckt , von denen allerdings wenig zurückgeblieben 
ist. Auf der Wand a war Fortuna mit Füllhorn und Steuerruder, auf derje- 
nigen b Bacchus gemalt; die Wand c zeigte Ceres (Zahn 2. 48), diejenige (/, 
an der anderen Seite des breiten Eingangs in das Peristylium, Apollon die 
Leier spielend ; über der erwähnten Thür ist in der Mitte ein Satyr mit einem 



Die Frivatgeb&ude. 231 

Hermaphroditen, zu beiden Seiten sind Landschaften gemalt; weiter folgt bei 
e Saturn mit der Sichel in der Hand, bei ^ eine schwebende Siegesgöttin mit 
einem Xranz nnd einem Schilde, auf dem die bekannten Buchstaben S. C. 
{senatus consultum , senaius consuüo) stehen. Auch auf den schmalen Wand- 
flächen der gegenüberliegenden Seite fehlten ähnliche Einzelfiguren nicht, von 
denen aber nur eine ungewisse Heroenfigur erkennbar und am Orte ist. Denkt 
man sich diese Gestalten von reichem und lebhaftem architektonischen Orna- 
ment umrahmt, so wird man gestehen müssen, dass das Ganze einen eben so 
belebten wie prachtvollen Anblick gewährte. Und doch stehn die Malereien 
des Atrium sowohl an Kunstwerth wie an Bedeutsamkeit des Gegenstandes 
gegen viele Bilder der anderen Gemächer dieses Hauses zurück. Bevor wir 
diese durchwandern, müssen wir uns noch die im Atrium bei g, g aufgestellten 
Geldkisten etwas näher betrachten. Dieselben ruhen auf einem niedrigen ge- 
mauerten Untersatz, sind von starkem und dickem Holze, im Innern mit 
Kupfer ausgeschlagen, äusserlich mit dünnen, in Arabesken ausgetriebenen 
Metallplatten belegt und waren wohl verschlossen. In der grösseren fand man 
45 Gold- und 5 Silbermünzen, in der kleineren kein Geld, sondern nur einen 
Kegenden Hund in Relief von Bronze und eine Fortunenbüste von gleichem 
Material. In dem anstossenden Gemach sind die Spuren einer antiken Aus- 
grabung deutlich sichtbar, man fand bei der Entdeckung die vulcanische Hülle 
des Hause« durchwühlt und die eine Mauer durchbrochen, so dass es scheint, 
man habe sich in der Richtung versehen und an dieser Stelle die Aufgrabung 
aufgegeben. Von den das Atrium umgebenden Gemächern giebt sich dasjenige 
:^S an der Strasse als Schlafzimmer für angesehene Gäste zu erkennen ; seine 
hintere Hauptwand dem Eingange gegenüber ist in der Mitte durch ein Ge- 
mälde geschmückt, welches Aura's Erscheinung bei Cephalus darstellt (Zahn 
2. 78.), während zu beiden Seiten desselben auf den Nebenfeldern des archi- 
tektonischen Gesammtomamen ts sich schwebende Bacchantinen finden, und 
unter dem Fenster auf der Wand nach der Strasse die Spuren eines sich im 
Quell beschauenden Narciss noch erkennbar sind. Auf dies grössere folgen 
zwei kleinere Zimmer 39, deren zweites einen Wandschrank enthält, während 
man im ersteren in der Hinterwand die Vertiefung für die Bettstelle erkennen 
kann. Die Ala 40 zeichnet sich vor anderen durch gemauerte Bänke aus, welche 
an ihren drei Seiten hinlaufen. Im Grunde des Atrium finden wir nach den 
Fauces 41, neben denen die Treppe liegt, ein schönes, nach beiden Seiten 
ganz oflFenes Tablinum 42 von 5" 30X4'" 80, dessen Boden mit weissem, 
schwarzgerandetem Mosaik belegt ist, und dessen beide Wände mit sehr 
reicher und prächtiger Malerei bedeutsamen Inhalts geschmückt sind. Die 
ganze Wand rechts ist bei Zahn 2. 23 abgebildet, die einzelnen Ornamente 
farbig auf Tafel 75; das Mittelbild zeigt uns die Entdeckung Achills durch 
Ulysses unter Lykomedes' Töchtern auf Scyros und ihm entspricht auf der 
gleicherweise decorirten Wand links als Hauptgemälde in der Mitte die Dar- 



232 II. Viertes Capitel. 

Stellung der bekannten Scene des ersten Buches der Ilias^ wo Achill mit Aga« 
memnon hadernd gegen den König sein Schwerdt ziehen will^ von Falks aber- 
zurückgehalten wird. Dass diese beiden Gemälde Gegenstücke sind, ist gewiss, 
man darf aber auch den tieferen Sinn nicht verkennen , der in ihrer Gegea- 
überstcUung liegt , dort der Augenblick, wo die Griechen mit Mühe und List 
den gewaltigen Peliden gewinnen , ohne den sie nicht hoffen, Ilium einzuneh- 
men, hier der Augenblick , der Achills Trennung von der gemeinsamen Sache 
der Griechen bedingt, in jenem Groll, der 

• den Achäern unnennbaren Jammer erregte 
Und viel tapfere Seelen der Helden sandte zum Hades. • 

Die SeitenbUder beider grossen und schönen Gemälde zeigen schwebende 
Gruppen eines Bacchanten und einer Bacchantin , deren diejenigen der linken 
Wand bei ^ahn 2. 17 und 27 farbig abgebildet sind. 

Bechts neben dem Tablinum ist das Wintertriclinium 4 3, welches aus dem 
Atrium betreten wird, aber aus dem Peristyl durch ein grosses Fenster Licht 
erhält. In diesem Saale ist namentlich ein Gemälde an der Wand gegen das 
Tablinum bemerkenswerth , welches gewöhnlich als des Kindes Achill Ein- 
tauchung in den Styx durch seine Mutter gedeutet wird, aber schwerlich urirk- 
lich diesen Gegenstand darstellt (abgeb. Koux II. 141). Auch Thetis mit den 
Waffen für ihren Sohn kommt hier vor und in kleinen Medaillons tanzende 
und verschiedene Instrumente spielende Amoretten. Eeicher decorirt ist ein 
auf der anderen Seite neben den Fauces gelegenes und ebenfalls aus dem Peri- 
styl beleuchtetes Zimmer 44, an dessen Hinterwand Apoll und Daphne gemalt 
ßind, während rechts Narciss und links Bacchus mit Silen die Wand ziert. 

Das Peristylium 45 ist ein nur unvollständiges, indem nur die vordere 
Säulenreihe frei steht und die drei anderen als Halbsäulen aus den Mauern 
vorspringen, welche das Viridarium umgeben. Unter dem Säulengang ist eine 
Brunnenöffnung, um das Wasser aus der Cisteme zu ziehn, auch stand hier 
ein Marmortisch mit Löwenklauenfüssen. Im Grunde des Viridariums befindet 
sich die Hauscapelle, ein kleines viersäuliges Tempelchen , vor dem der Altar 
steht. Auch in diesem Baimie fehlt die malerische Decoration nicht; unter dem 
Säulengang an den Mauerpfeilern des Tablinum entsprechen einander ein paar 
Lustspielscenen , an der Wand des grossen Triclinium oder Oecus 46 rechts 
vom Viridarium ist einerseits neben dem grossen Fenster eine Landschaft mit 
Staffage, ein Opfer darstellend, gemalt, andererseits die bekannte Geschichte 
von Fhaedra und Hippolyt, während auf der Hinterwand des Viridariums 
Bäume und Sträucher mit Blumen und flatternden Vögeln den beschränkten 
Kaum des Viridariums scheinbar zu erweitem bestimmt sind, wie das in Pom- 
peji noch mehrfach vorkommt. — 

Die Gremächer, welche von der Porticus aus ihren Zugang haben, sind 
bald genannt. Schon erwähnt wurde das Sommertriclinium oder der Oecus 46, 
neben dem der Gang zur Hinterthür 47 vorbeiführt, und welche durch viel- 



Die Privatgebaude. 233 

&che und bedeutende Lichtöffiiungen nach allen Seiten , die man im Plan er- 
kemien kann , und durch die Aussicht auf die beiden Viridarien des Hauses 
za einem der heitersten und luftigsten Bäume in Pompeji wird, indem er zu- 
gleich eins der am kostbarsten , wenn auch nur einfach decorirten Gemächer 
der Stadt ist Nicht Gemälde schmückten die Wände, keine Tünche ist über- 
haupt angewendet, sondern mit kostbaren , schimmernden Platten vielfarbigen 
Marmors sind die Wände bekleidet. Die daneben gelegenen Zimmer 48 kön- 
nen als eubiculum mit einem Vorzimmer gelten. Auf der anderen Seite des 
S&alenganges finden wir nach der wahrscheinlicheren Ansicht ein geräumiges 
Schlafzimmer 49 , während dasselbe Anderen für ein Triclinium gilt, das sein 
Licht von oben empfangen hätte ; vom Gemäldeschmuck desselben erwähnen 
irir nur ein Bild, welches Venus und Adonis, und ein anderes, welches angeb- 
lich Hektor und Paris nach dem 6. Gesänge der Ilias Vs. 325 — 341 darstellt, 
ausserdem Ornamente , welche bei Zahn 2. 49 farbig abgebildet sind. Neben 
diesem Zimmer liegt die Küche 50 mit wohlerhaltenem Feuerheerd und einer 
Tieppe zum oberen Geschoss , mit der benachbarten Vorrathskammer 5 1 und 
dem hier, wie vielfach in Pompeji, neben der Küche angebrachten Closet 52. 

Wenn fOr ein so grosses und reiches Haus wie dieses das Viridarium mit der 
Hauscapelle nur klein und unbedeutend erscheint, so ist diesem Mangel durch 
ein zweites Peristyl 53 (s. Fig. 144 S. 179) mit Garten und Piscina, in der ein 
Springbrunnen plätscherte , abgeholfen. Sehr ausgedehnt ist auch dieser Baum 
nicht, welchen man durch eine breite Thür vom Atrium aus betreten kann und 
welcher einen zweiten dreifachen Ausgang auf das Sommertriclinium bietet, aber 
derselbe ist sowohl durch seinen Umgang farbiger Säulen wie durch das schöne 
üefe Bassin des Fischteiches mit dem Springbrunnen, wie endlich durch zahl- 
reiche Malereien gar anmuthig und schmuckvoll und muss für die im Tricli- 
niom zu Tafel gelagerten Gäste eine reizende und überaus erfreuliche Aus- 
sicht, far die Bewohner des Hauses einen ausgesuchten Spaziergang geboten 
haben. Es ist das einer der Bäume , in welchem uns der Comfort imd die Hei- 
terkeit dieses antiken Lebens so recht fühlbar vor die Seele tritt. 

Der Gemäldeschmuck ist sehr interessant. Bechts und links vom Eingange 
an« dem Atrium setzen sich jene Einzelfiguren fort , welche wir im Atrium ge- 
fanden haben, dort (A) in einer Figur, welche Scepter, Steuerruder und einen 
Zweig hält, von einem Genius begleitet ist, den Namen Fortuna trftgt, eher 
aber wohl den der Nemesis verdient (abgeb. bei Zahn 2. 68), hier (i) in einer 
schwebenden Bacchantin mit Thyrsus und Tamburin (Zahn 2. 38), einer der 
schönsten und grossartigsten dieser schwebenden Einzelfiguren, die ohnehin 
zu den besten Malereien Pompejis gehören. Als männliche Gegenstücke finden 
wir gegenüber rechts und links neben dem Durchgang in das kleine Neben- 
haus hier (k) einen ruhig stehenden bewafiheten Jüngling ungewisser Deutung 
(bei Zahn 3. 71), dort (/) einen Krieger, der den Schild hoch erhebt und das 
Sdiwerdt zum Streiche bereit hält, und der durch die kühne Verkürzung, in 



234 II. Viertes Capitel. 

der sein Gesicht gemalt ist, besonders merkwürdig wird (bei Zahn 2. 72). Eine 
Einzelfigur schmückt endlich noch einen jener Pfeiler, welche an den Ecken 
des Peristyls anstatt der Säulen die Decke tragen , Hygiea nämlich bei m (ab- 
geb. bei Zahn 2. 52), während auf dem entsprechenden Pfeiler n ein heiteres 
Bildchen gemalt ist, ein Knabe, der einen Affen tanzen lässt (bei Zahn 
2. 50). Auf der äusseren Fläche der Pfeiler gegen das Triclinium finden wir 
links bei o Medea im Begriffe ihre Kinder zu tödten , welche in kindlicher 
Unschuld unter der Aufsicht des Pädagogen Knöchel spielen , rechts p eine 
der häufig wiederholten Darstellungen der Befreiung Andromeda's durch Per- 
seus. Das meiste Interesse aber von den Gemälden dieses Hauses nehmen zwei 
Gegenstücke auf der inneren Fläche der beiden anderen Eckpfeiler |^ r in An- 
spruch. Beide stellen golden gemalte Dreifüsse dar , auf deren Querstäben die 
ApoU's und Diana's Pfeilen unterliegenden Kinder Niobe's links sieben Söhne, 
rechts sieben Töchter angebiacht sind. Endlich nennen wir noch einen Bacchus 
und einen Faun auf der Wandfläche s neben dem breiten Eingang vom TricK- 
nium, wollen aber nicht vergessen zu erwähnen , dass als Nebenbilder an den 
untergeordneten Stellen dieser Wände in dem Ornament eine Menge kleiner 
Bilder angebracht sind, welche sogenanntes Stilleben enthalten, eine Taube, 
welche eine Aehre aus einem Korbe zieht , zwei gebunden liegende Antilopen, 
Wasserhühner, ein todtes Rebhuhn neben einem Korb mit Feigen, einen 
Schwan, einen Korb mit Früchten, ein todtes Ferkel u. dgl. mehr. 

Aus diesem Peristylium gelangt man endlich in das kleine Nebenhaus D, 
welches in seiner ganzen Einrichtung Manches enthält , was den Gedanken zu 
unterstützen scheint , den man zur Erklärung der Doppelhäuser unter anderen 
ausgesprochen hat, dass nämlich die kleineren Nebenwohnungen für die zahl- 
reiche Dienerschaft der grösseren Haupthäuser bestimmt gewesen seien. Er- 
weislich ist freilich eine solche Bestimmung nicht, und es darf nicht verschwie- 
gen werden , dass , so erwünscht ihre Bestätigung wäre , der wenngleich ver- 
hältnissmässig bescheidene Schmuck dieser Abtheilung für eine Diener- d. h. 
Sclavenwohnung zu bedeutend erscheint. Das Haus hat einen eigenen Eingang 
von der Strasse 54, neben dem rechts die Küche 55 mit wohlerhaltenem ge- 
mauertem Heerd und der Treppenraum 56 liegt, in welchem sich auch ein 
Abfluss für das Wasser der Küche und das Closet befindet. Hiemeben liegen 
drei Zimmer 57, 58, 59, deren erstes mit einem ganz kleinen Fenster auf die 
Nebengasse und mit sehr bescheidener Decoration eine Geräthkammer gewesen 
zu sein scheint ; wenigstens fand man in derselben eine Fülle von Geräthen 
und Gefässen, Bronzevasen mit eingelegtem Silberomament, Candelaber, ein 
Räucherfass (acerra), bronzene Schüsseln, Badekratzen, ein Feuerfass, eine 
Wage, eine kleine eiserne Hacke und dergleichen mehr. Etwas eleganter ist 
die Decoration des zweiten Zimmers mit einem grösseren Fenster nach der 
Strasse, und das dritte, welches am 15. November 1828 in Gegenwart des 
jetzigen Königs von Preussen ausgegraben wurde, der auch die mancherlei in 



r 



Die Privatgebftude. 235 

demselben gefundenen Geräthe vom Könige von Neapel zum Geschenk erhielt. 
Dies die Zimmer rechts an dem einfachen imd schmucklosen toscanischen 
Atrium 60 , in dessen Hintergrunde ein kleines mit optis signinum geplattetes 
Tablinum 61^ ein als Fauces dienendes Gemach 62 und ein halbdunkcles Zim- 
mer 63 li^en, welches letztere durch eine Bettnische als Schlafzimmer charak- 
terisirt wird. Die linke Seite des Atrium ist nur von der Wand mit demDurch- 
^gang in das grössere Haus C begrenzt, während an der Vorderseite links vom 
Eingange ein einziges cuhiculum 64 liegt. Aus den Eauces gelangt man rechts 
in ein Triclinium 65 mit der Aussicht auf das kleine Viridarium, neben dem 
der Brunnen erkennbar ist. Die Decke des Umganges um dies Viridarium 66 
wird nicht von Säulen, sondern nur von ein paar Pfeilern getragen. Auf den 
Umgang öffnet sich eine Beihe kleiner Schlafzimmer 67, welche in ihrer 
Schmucklosigkeit und Gleichförmigkeit für die der Dienerschaft gelten mögen 
und in deren erstem eine zweite Treppe in das obere Geschoss des Hinter- 
hauses emporführt. Hinter dem Tablinum liegt eine Art von kleiner Exedra 
6S, an den drei Schlafzimmern vorbei gelangt man in einen grossen Baum 69, 
dessen Decke durch einen Pfeiler in der Mitte gestützt wird, welcher einen 
iahrbaren gepflasterten Ausgang auf die hintere Strasse hat und ohne Zweifel 
als Stall und Bemise gedient hat. Links endlich neben diesem Stall, doch ohne 
Verbindung mit demselben, sehn wir noch zwei kleine Schlafzimmer 70, in 
welche man durch einen Gang gelangt, der, durch ein Hinterfenster erleuch- 
tet, am Ende über eine Bampe 71 anstatt der Treppe in das Posticum der 
Hauptwohntmg C führt. Auch dies sind offenbar Sclavenzimmer gewesen. — 

Diesem vierfachen Hause grade gegenüber, jedoch mit dem Eingang nicht 
Ton der Strasse des Mercur , sondern von einer kleinen Nebengasse liegt ein 
anderes Haus, die sogenannte Caaa del LaberintOy welches zu den be- 
kanntesten und bedeutendsten von Pompeji gezählt wird, und welches nach 
einem sehr einfachen, scheinbar recht normalen, aber dennoch mannigfach in- 
diriduellen Plane angelegt ist. Auch dies ist ein Doppelhaus, welches sich von 
den besprochenen Doppelhäusern nur durch die grössere Zahl der Verbindun-^ 
gen und durch den auffallenden Gegensatz in der Decoration der beiden 
Theile unterscheidet und eben dadurch den Gedanken wesentlich unterstützt, 
dass die geringere Abtheilung für die Dienerschaft, das Geschäft, den Verkehr 
der niederen dienten , die Hauptabtheilung für die Herrschaft , den Empfang 
der Gäste und den Verkehr mit Vornehmeren bestimmt gewesen sei. Ueber 
die Bäumlichkeiten des Nebenhauses können wir nach allem Vorhergegan- 
genen und da über die Decoration wenig zu sagen ist, uns in aller Kürze 
Orientiren. 1 Eingang, Prothyrum, an dessen Seite rechts der Treppenraxun 
2 liegt, der, nach seiner Grösse zu urteilen, auch entweder als Vorraths- 
kammer oder als Schlafzimmer für Sclaven gedient hat. 3 Toscanisches Atrium, 
hinter dessen Compluvium ein Puteal steht. Am Atrium liegen nur links Zim- 
mer und zwar 5 ein grosses Schlafzimmer mit einem Procoeton 4, ein kleineres 



236 



II. Viertes Capitel. 



UJ 
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dergleichen 6, welches recht hübsche Bilder enthält, namentlich ebe EntiWi. 
rung der Europa und gegenüber eine verlassene Ariadne , sodann eine Art tot 

Ala 7 mit einem weissen Mosalkfussboden, 

ein drittes Schlafzimmer 8, zu dem der 

_g_ . r^-»— ^ Alkoven unter der Treppe 9 sich befindet. 

^ ^^ "l ■■ ^ » > » m ^ Von einem Vorplatze 1 gelangt man linb 

^ ^^ ^^ ' ♦• ■ ■* " -^ ^ in die Küche 1 1 mit einem Nebenstübchen 

12 und einer geräumigen Vorrathskanuner 
13, gradeaus vorbei an dem Closet 14 auf 
einem langen Orange 15 in eine Bäckerei 16 
mit den Mühlen a , vier grossen Backtrögen 
von Thon 4, einem Ausgussstein c, unter 
dem ein Flussgott gemalt ist, wie oberhalb 
die symbolischen Schlangen und vier Gott- 
heiten, endlich dem grossen gewölbten Back- 
ofen d. Da kein Laden mit dieser Bäckerei 
in Verbindung steht, vielmehr der Zugang 
zu derselben nur durch die ganze Wohnung 
ist, so darf man annehmen, dass das hier ge- 
backene Brod nicht verkauft, sondern nur 
für den Hausstand dieser Familie verbraucht 
wurde. Hinter der Bäckerei sehn wir noch 
drei Zimmer 17, 18 und 19, welche entwre- 
der als Vorrathsräume oder zur Bereitung 
des Brodes oder endlich als cubicula der in 
der Bäckerei beschäftigten Sclaven gelten 
können. Das grösste Interesse in dieser Abtheilung des Hauses nehmen die 
Räume 20, 21, 22 in Anspruch, welche ein vollständiges Bad, das erste uns 
aufstossende Beispiel eines Privatbades in Pompeji, bilden, und zwar so, dass 
das kleine Vorzimmer 20 das Apodyterium war , 2 i das Tepidariimi , welches 
mit hübscher Stuccatur verziert ist, und 22 das Caldarium mit der Nische fitr 
die Wanne, das Labrum an dem einen, eine Vertiefung fflr den Alveus an dem 
anderen Ende. Die Hitze empfingen diese Bäume durch eine noch vorhandene 
Thonröhrenleitung. Am Anfang des langen Ganges 1 5 ist die erste Verbin- 
dungsthür mit der Hauptabtheilung des Hauses , welche in das Peristjl führt, 
eine zweite und eine dritte finden wir zwischen beiden Atrien. Neben der letz- 
ten stand auf einer gemauerten Basis eine starke Geldkiste e , ähnlich derjeni- 
gen im Hause des angeblichen Quästors. 

Die Hauptabtheilung des Hauses hat natürlich ihren eigenen Eingang von 
der Gasse 23, neben dem links ein kleines Zimmer 24, füglich nur die celh 
airiensisy rechts ein wenig grösseres 25 liegt, über dessen Bestimmung sich 
nicht absprechen lässt. Zweifelhaft ist auch, welchen Zwecken das nur sehr 




Plan der s. 



Figur 175. 

g. Casa del Laberxnto. 



Die PrivatgeUude. 237 

einfiich decorirte grosse Zimmer rechts 26 gedient hat ^ wenn es nicht eine an 
diesem Orte durchaus gegen alle Begel und Sitte angebrachte Küche war^ auf 
welche uns ein in demselben befindlicher Ausgussstein hinweist. Ein gemauer- 
ter Heerd ist nicht in derselben, doch der konnte durch einen beweglichen 
von Eisen oder Bronze ersetzt gewesen sein. Das Atrium 27 ist tetrastyl und 
von korinthischer Ordnung, geräumig, luftig, elegant; hinter dem Complu- 
?ium steht ein Marmortisch y**und hinter diesem ist im Boden die Oefihung der 
Cisteme. Von den das Atrium umgebenden Zimmern sind zwei links, das erste 
und zweite 28 und 29, und ein anderes rechts 30 nachweisbare cubicula, und 
«war an der Bettnische oder dem gemauerten Grunde der Bettstelle erkennbar ; 
auffallend genug ist es , dass durch das Schlafzimmer 29 ein Durchgang in das 
Nebenhaus sich findet, um so auffallender , da der regelmässige Durchgang un- 
mittelbar neben diesem Zimmer liegt. Vor dem Zimmer 30 steht eine zweite 
Geldkiste y, angefüllt mit Bapilli, aber in Holz und Eisenwerk ziemlich wohl 
erhalten. Nur in dem Zinuner 29 ist ein seines Gegenstandes wegen bemer* 
kenswerthes, wenngleich nur mittelmässig ausgeführtes Bild, darstellend Paris 
durch Amor, der ihm Helena verspricht, zur Untreue an seiner ersten Gemah- 
lin, der Nymphe Oenone, verführt (abgeb. Zahn II. 31). Das Motiv, nach 
welchem der verführerische Knabe Amor dem willig lauschenden Paris über 
die Schulter seine süssen Schmeichelreden zuraunt, kehrt in Vasen freien Stils 
und in Heliefen wieder. 

Ausser diesen Zimmern begrenzen das Atrium die beiden regelmässigen 
Ake 31 und 32, beide sehr elegant, aber nicht mit namhaften Bildern bemalt; 
im Hintergrunde in der Mitte das weit ofiene, aber nach hinten durch eine 
Brüstungsmauer gesperrte Tablinum 33 mit einem Fussboden von weissem 
Mosaik mit farbigem Bande und einer bunten Bosette im Mittelpunkte. Da- 
neben die Fauces 34 , über deren Ihür eine viereckige Oeffiiung sich befindet, 
welche durch eine von sechs gewölbten Oeflfnungen tauben- 
r^— gr;^5^T>, schlagartig durchbrochene Thonplatte geschlossen ist, eine 
t W^HjiH j Füllung innerer Fenster zum Luftdurchzug, welche in Pom- 
iB;)jllM':^ < pcji mehrfach vorkommt. Zur linken Seite des Tablinxun sehn 
[^'''™'';/x^ ' wir endlich in dieser vorderen Abtheilung noch ein grosses 
Ftf 176 Fenster- Triclinium 35, welches gegen das Peristyl hin weit offen und 
Terscbluss. wie das Tablinum nur durch eine Brüstungsmauer gesperrt ist. 
Das Peristylium 36, dessen 23" 20 X 26" 50 grosser Hofraum 
von einem 4 " breiten Säulengang umgeben ist, dürfte wohl eines der grössten 
in Pompeji sein. Die dreissig dorischen Säulen, welche dasselbe bilden, sind 
aus Ziegeln aufgebaut, mit Stucco überkleidet und zum Theil bemalt; ihnen 
entsprechen an den Wänden beider Seiten Halbsäulen, welche die Wände in 
eme Zahl von getrennten Feldern eintheilen. Diese waren vor Alters mit Ge- 
mälden geschmückt , welche eine ansehnliche Gallerie gebildet haben müssen, 
von denen aber kaum mehr als die Spuren vorhanden sind. Eine Piscina findet 



238 IL Viertes Capitel. 

sich Bicht im Peristylhofe , nur einen Brunnen für die Cisterne k sehn wir an 
der hinteren Säulenreihe. Es ist nicht anders zu denken, als dass der Hofraum 
zum Garten benutzt war und deswegen so gross gemacht ist , weil das Haus 
keinen eigenen Garten hatte, noch iiach der Beschafienheit des Areals haben 
konnte. Man denke sich den Peristjrlhof mit schattigen Baumgrlippen bepflanzt, 
zwischen denen üppige Weinstöcke sich Festons bildend dahinschlangen und 
unter denen für glänzende Blumen, ftir welchfe man in Pompeji nach dem 
Zeugniss der Gemälde viel Sinn hatte, Raum und Licht genug bleiben mogte, 
man denke sich diesen Grarten von der farbigen Pracht der dreissig Säulen 
elngefasst, von dem schönen breiten Umgang umgeben , endlich von den Ge- 
mäldereihen zu beiden Seiten begrenzt, man denke sich darüber den blauen 
Himmel und die glänzende Sonne Süditaliens, um sich die Anmuth und Schön- 
heit eines solchen Peristyls vorzustellen, das wir nur durch ein paar armselige 
Linien im Plane anzugeben vermögen und das auch in seinen Ruinen kaum den 
zehnten Theildes Eindrucks machen kann, den es in seinem unverletzten Zustande 
machte. An diesem Peristyl liegen nur vom und hinten einige Zimmer, vorn 
ihrer zwei, nämlich ein kleines 37 von unbestimmtem Zwecke rechts nebeti den 
Fauces, und ein grösseres 38 links neben dem Triclinium , welches einen brei- 
ten Eingang von dem Peristylgange und grosse Fenster nach den drei anderen 
Seiten hat, und am wahrscheinlichsten als Exedra , wenn nicht als TricUnium 
zu bezeichnen ist. An der hinteren Seite liegen neben einander zunächst zwei 
grosse Zimmer 39 und 40, von denen das letztere weit reicher als das erstere 
decorirt und weitgeöffnet gegen den Peristylhof sich wieder nur ftlr die Be- 
zeichnung eines Tricliniums eignet, denn schwerlich darf man es als procoeUm 
des kleinen dahinter gelegenen Zimmers 4 1 betrachten und dieses letztere ab 
cubiculum bezeichnen. Seine Bestimmung freilich bleibt zweifelhaft. Grade der 
Mitte des Peristylhofes gegenüber und in der Achse des grossen Tricliniums 35 
liegt eine allerliebste Exedra 42 mit einem schönen Mosalkgemälde im Fuss- 
boden (abgeb. Zahn II. 50), welches innerhalb eines den Rand bildenden 
Labyrinthes den Kampf des Theseus gegen den Minotauros darstellt und dem 
Hause seinen Namen gegeben hat. Sodann folgt der prachtvolle korinthische 
Oecus 43 von 6" 70X6" 80, dessen Fussboden von farbigem Marmormosaik 
ist und dessen Decke zehn catiellirte Säulen tragen. Sehr eigenthümlich sind 
die beiden kleinen Cabinette 44 und 45, welche sich zu beiden Seiten im Hin- 
tergrunde in den Oecus öffnen und Von bescheidener Decoration sind. Ueber 
ihre Bestimmung kann man nur die Vermuthung aufstellen , dass ihrer eines 
als Zimmer zum Vorlegen und Warmhalten der Speisen, das andere als Warte- 
zimmer für die Jongleurs, Tänzer, Akrobaten, Mimen u. dgl. Künstler diente, 
die man nach den Gastmählern sich produciren Hess, eine Vermuthung, die 
wir zur Erklärung derartiger Nebenzimmer grosser Speisesäle bereits ein pa«r 
Mal ausgesprochen haben, ohne sie natürlich beweisen zu können. Den Schlüge 
der Gemächerreihe bildet ein schönes Schlafzinuner 46, erkennbar an der Bett- 



Die Privatgebaude. 239 

nische inv Hintergründe und decorirt mit einem Fussboden von schachbrett- 
artigem Mosaik und mit Amoretten - und Frauenköpfen en tnedaillan auf ab- 
wechselnd gelben, grünen und rothen Wandfeldem, sowie einer unteren Borde 
mit seltsamen und scherzhaften Zwergfiguren. — Die übrigen Schlafzimmer 
der Familie müssen im oberen Stock gelegen haben. — 

Wir beschliessen die Betrachtung der gewöhnlichen pompejanischen Häu- 
ser , welche ausser dem Erdgeschoss nur noch eine obere Etage haben, mit 
emem Hause, welches weniger durch Eigenthümüchkeit seines Planes, als 
durch diejenige seiner Decoration sich auszeichnet und welches zu den be- 
rühmtesten und meistgenannten der Stadt gehört, mit dem Hause, welches man 
1S30 in Gegenwart von Goethe's Sohn auszugraben begann und zu Ehren die- 
ses und seines grossen Vaters eine Zeit lang Casa dt Goethe, nannte, ein 
Name , den wir Deutschen nicht in Vergessenheit gerathen zu lassen Ursach 
und Seclxt haben. Jetzt sind allerdings zwei andere Namen für dies Haus im 
Schwange, nämlich entweder Casa del Fauno nach einer kleinen Meister- 
statoe eines tanzenden Fauns, oder Casa del g ran Musaico nach dem 
grossen Mosaik der Alexanderschlacht, welches diesem Buche in farbiger Dar- 
stellung beigegeben ist und im artistischen Theile besprochen werden soll. 
Aber nicht allein dieses wundervolle Mosaikgemälde zierte die Casa del gran 
Musai'cOy dieselbe enthielt noch mehre andere ebenfalls namhafte Mosaiken 
und ist eben durch diesen vielfachen Mosaikschmuck und die Stuccaturver- 
zierung ihrer Wände bei geringfügiger Wandmalerei von den meisten anderen 
Uäusem J^ompejis unterschieden. Zahlieiche Amphoren für Weinbewahrung, 
velche man in diesem Hause fand, machen es wahrscheinlich, dass sein Be- 
atzer durch Weinhandel die Opidenz erwarb , welche ihn in den Stand setzte, 
ein so ansehnliches Haus an der Strasse der Fortuna zu bauen, welches, wie 
das HsLus des Fansa, eine ganze insula einnimmt, ohne wie jenes von Läden 
umgeben und durch vermiethete Käumlichkeiten beschränkt zu sein, so dass 
diese Wohnung von allen gleicher Art in Pompeji die grösste ist. — 

Auch hier haben wir ein Doppelhaus vor uns, dessen beide Theile aber in 
einem etwas anderen Verhältniss zu einander stehn , als bei den bisher betrach- 
teten Häusern , die Verbindung ist eine noch innigere , wie wir sehn werden, 
und, wenngleich auch hier die eine Abtheilung sich von der anderen in Rück- 
sicht auf Decoration unterscheidet, so tritt uns hier doch unwillkürlich die 
\ ermuthung nahe, dass alle diese Doppelhäuser ihren Grund nur darin haben, 
dass die Atrien, selbst wenn man sie korinthisch machte, doch nicht die Aus- 
dehnung gewinnen konnten, um in der Einzahl für so breite Areale auszu- 
reichen wie das des gegenwärtigen Planes und das der früher betrachteten, 
dass man also zu einer Verdoppelung der Atrien schreiten musstc, welche eine 
theilweise Wiederholung der dependenten Bämne nach sich zog , wobei nun 
freilich nicht geläugnet werden soll, dass, war die Trennung einmal vollzogen, 
man sie benutzte, um der einen Abtheilung die Wirthschaftsräumlichkeiten, der 



240 



II. Viertes Capitel. 



anderen die Prunkzimmer zuzuweisen. Wir sehn uns, unserer Grewolmhdt 
gemäss, zuerst in der kleineren Abtheilung um , ehe wir die Räume der grosse- 
ren betreten, doch wollen wir zuvor noch kurz bemerken, dass von den vier 




t * f * » f» f*^tr»20 

H » » « t I > t I ♦— ' — I 

Figur 177. Plan der s. g. Casa delgran MusaXco, 

Läden 1, 2, 3, 4 ursprünglich drei mit dem Inneren des Hauses in Verbindung 
standen und zwar No. 1 durch eine Thür direct in's Atriiun und eine zweite 
in ein kleines auf das Atrium ausgehendes Ladenzimmer 5. Diese Verbindun- 
gen sind durch Vermauerungen der beiden Thüren aufgehoben , der Laden 
wurde also in der letzten Zeit Pompejis vermiethet, so gut wie derjenige No. 3, 
in dem eine Treppe zu einem Zimmer im oberen Geschoss angebracht ist 
No. 2 und No. 4 dagegen blieben im Gebrauch des Hausherrn , No. 2 öfiiet 
sich nach hinten direct in das grössere Atrium, No. 4 steht nur vermittels einer 
Treppe von ein paar Stufen, deren Geländer von Amphoren gebildet ist, welche ' 
nach einer in Pompeji wiederkehrenden Construction in das Mauerwerk ein- 
gelassen sind, mit dem Vestibulum 6 der kleineren Abtheilung in Verbindung. 
Durch dieses gelangen wir in das tetrastyle Atrium 7, welches nach der Höhe 
der Säulen und der Beschaffenheit der Compluvialwanne ein Atrium ditplu- 
viatum war, dessen nach aussen anstatt nach innen geneigte Dachflächen das 
Wasser in eine aussen henmigeführte Rinne leiteten , wie in der Einleitung 
näher dargestellt ist. Das erste ganz schmucklose Zimmer 8 links am Atrium 
mit doppelter Thür scheint als cella ostiarii und airiensis gedient zu haben, 
dasjenige gegenüber 9 mag ein Gastzimmer gewesen sein. Neben diesem Zim- 
mer wurden zwei armtllae, grosse flache Armbänder von Gold in Schlangen- 
fonn, von denen wir eines später abbilden werden, nebst ein paar anderen, 
leichteren Armbändern und anderen Schmucksachen gefunden. Auf der Unken 
Seite des Atrium liegen nur noch zwei Zimmer 1 und 1 1 , die man zu der 
einen wie zu der anderen Abtheilung des Hauses rechnen kann , da sie eigent- 
lich nur zwei breite Verbindungsgänge zwischen beiden Abtheilungen dar- 
stellen und somit auf den Namen von Zimmern kaum einen Anspruch haben; 



Die PriTatgebftude. 241 

Nr. 11 ist in gewissem Sinne die eine Ala des ersten Atrium , entsprechend der 
ToUstSndigen gegenüber 14^ welche mit einem hübschen Fussboden von Mo- 
ttlk mit schwarzen und weissen Ornamenten geziert ist. Neben dieser Ala liegt 
ein Schlafzimmer 13 mit einem zweiten 12 hinter sich, welches nur durch das 
entere betretbar ist; man würde dieses also alsprocoeton betrachten, hätte man 
nicht in beiden Zimmern die Seste von Bettstellen und zwar von sehr kost- 
baren, elfenbeinerne Bettgestellfüsse geiunden. An den Enden des Atrium be- 
finden sich rechts und links grosse Hausteinblöcke a und b, deren derjenige 
Unks einem Geldkasten zur Basis gedient haben mag, wahrend der andere 
rechts eine Presse zum Ausdrücken einer Flüssigkeit getragen zu haben scheint, 
welche sich durch ein Loch in der Mauer in das durchaus ungeschmückte 
Zimmer 15 ergoss. In der Mitte der Steinbasis steckt noch ein Zapfen oder 
eine Angel von Eisen, an der sich die Fressmaschine bewegte. Die gewöhn- 
lichen Gemächer der hinteren Seil!e des Atrium, Tablinum , Triclininm u. dgl. 
feUen hier, anstatt ihrer haben wir links nur die Fauces 16 in das beiden Ab- 
theilungen gemeinsame Feristyl, während der grösseren Abtheilung die Fauces 
fehlen, rechts einen Vorplatz 1 7, an dem zwei Treppen und ein Sclayenzimimer 
18 hegen, und als dessen Verlängerung sich uns ein langer Gang 19 in den 
Garten darstellt , auf den rechts nach einem zweiten Sdaven- oder auch Vor- 
otfaszinomer 20 ein Waschzimmer 21 mit einem grossen Ausgusstein, eine 
doppelte Vorrathskammer 22 und 23 und eine von zwei Fenstern erhellte ge- 
räumige Küche 24 mit einem grossen gemauerten Heerde, einem Ausguss und 
einer Larariennische sich öfihen, während unmittelbar neben dieser als das 
letzte Gemach dieser Seite ein weites Triclinium 25 liegt, welches sich mit 
zwei Thüren gegen den Gang öffiiet und nach der hinteren Seite und dem 
Säulengang des Grartens nur durch eine Brüstungsmauer gesperrt ist. An der 
Mauer der Küche ist im Gange noch eine Treppe in die obere Etage ange- 
bradit. Von Decoration ist ausser dem erwähnten Mosaik in der Ala 1 4 nichts 
Nennenswerthes in dieser Abtheilung vorhanden. Dies ist ganz anders mit der 
grösseren Abtheilung ; ja hier beginnt in gewissem Sinne der Schmuck schon 
vor dem Hause, indem in das Trottoir von opus signinum vor der Thür des 
Veskibulums 26 das Wort HA VE {Ave, sei gegrüsst!) mit grossen MosaXkbuch- 
staben aus farbigen Marmorstücken eingelegt ist. In dem genannten Vestibu- 
lom oder der Hausflur können wir sehr deutlich das Prothyrum c vor einer 
inneren Mittelthür und den Gang d unterscheiden. Dieser Grang hat eine nicht 
sehr beträchtliche Steigung bis in das Atrium und ist mit einer Zusammen- 
setzung von kleinen Marmordreiecken von weisser, schwarzer, rother, gelber 
und grüner Farbe gepflastert und gegen das Atrium mit einem MosaXksaume 
abgeschlossen , welcher meisterhaft aus farbigen Marmorstückchen , nicht aus 
Pasten, gearbeitete Masken, durchschlungen von einer Guirlande von Früchten 
und Blumen (Mus. Borb. 14. 14), darstellt. Die Wände des Ganges sind mit 
Feldern in Stuck bis zur Höhe von 2*" 40 bekleidet, welche marm<»artig 

Oreriieck, Poapeji. 1 ^ 



242 II. Viertet Capitel. 

bemalt sind. Darüber liegt eine Comische , über welcher zu beiden Seiten eine 
kleine Nische mit Stuccosäulen und Pfeilem angebracht ist. 

Das toscanische Atrium dieser Wohnung 27 hat an sich nichts besonders 
Bemerkenswerthes , ausgenommen eine merkwürdige Vorrichtung, um die 
Wände trocken zu halten, welche übrigens in mehren Gemächern, namentlich 
in dem grossen Triclinium 25, wiederkehrt. Das Mauerwerk ist nämlich nut 
durch zahlreiche Nägel aufgehefteten Bleiplatten überkleidet; der Nägel sind 
so viele, dass man ihrer auf einem Quadratmeter über 200 zählt, ihre vorspnn- 
genden Köpfe dienen als Haltepunkte der Stuccoverkleidung, welche natürlich 
auf dem Blei selbst nicht gehaftet haben würde. Das Compluvium in der Mitte 
des Atriums ist besonders deswegen merkwürdig , weil sich bis auf seinen 
Boden die in diesem Hause vorherrschende Lust am Mosalfk ausgedehnt hat, 
und zwar so , dass dieser Boden aus wohl in einander gefugten Stücken buntaa 
Marmors gebildet wird. Auf einer kleinen Marmorbasis in der Mitte des Com- 
pluviums stand der schon erwähnte meisterhafte kleine Faun, auf den vir 
später noch einmal zurückkonmien werden. — 

Das erste Zinmier rechts 28 ist ein cubiculum mit zwei gemauerten Grund- 
lagen für Betten, welche im rechten Winkel zusammenstossen und deren Ober- 
fläche so gut wie der Fussboden des Zimmers mit Mosaik belegt ist. Die beiden 
folgenden Zimmer 1 und 1 1 mit Durchgängen in das Atrium der anderen 
Abtheilung sind schon bei dieser erwähnt worden. In den beiden Alae des 
Atriums, in dem wir stehn, 29 und 30, sind die Wände mit hübschen Orna- 
menten, aber ohne Figurenbilder bemalt, die Fussboden dagegen mit kostbaren 
Mosaiken geschmückt und zwar derjenige der Ala links 29 auf schwarzem 
Grunde mit einer Darstellung von weissen Tauben , welche aus einem halb- 
geöffneten Kästchen eine Perlenschnur ziehn, während derjenige der gegen- 
überliegenden Ala 30 in der Mitte einer breiten Ornamentborde eine Eatie 
darstellt, welche einen Vogel frisst, darunter mehre todte kleine Vögel, zwei 
Enten, Fische und Schalthiere, Alles von der ausgesuchtesten Feinheit. Diese 
Ala hat in ihrer Hinterwand ein grosses Fenster auf das Atrium des Neben- 
hauses. Die beiden Schlafzimmer 31 und 32 enthalten nichts besonders Be- 
merkenswerthes. Das Tablinum 38 in der Mitte des Hintergrundes ist nach 
vom und nach hinten fast ganz offen und nur durch eine sehr niedrige 
Brüstungsmauer gegen das Peristyl gesperrt , während es nach beiden Seiten 
Fenster in die anstossenden Säle hat. Seinen Eingang vom Atrium her be- 
grenzen und schmücken zwei Mauerpfeüer und seinen Fussboden ein buntes 
Mosaikpflaster, umgeben von einer weissen Mäanderborde. Bechts neben dem 
Tablinum liegt ein vom Atrium aus zugängliches und gegen das Peristyl gam 
geöffioetes grosses Triclinium 34 , in dessen Fussboden in der Mitte eines der 
schönsten MosaXkgemälde des Alterthums eingelegt ist, darstellend den bacchi- 
flehen Dämon Acratus, der auf einem Panther reitet (abgeb. Zahn II. 50). Da» 
Zimmer links vom Tablinum 35 ist von ungewisser Bestimmung, vielleicht ein 



Die Priratgebftude. 243 

HfHiitertricliniuin^ wie das Triclinium 34 aus dem Atrium zugänglich^ gegen 
das Peristyl mit zwei grossen Fenstern geöfl&iet und im Fussboden wieder mit 
emem Mosaik geziert, welches zwar yon gleich schöner Technik ist, wie das 
von No. 34, aber einen weniger interessanten Gegenstand enthält, nämlich 
Fische und Muscheln auf einem Felsen. Die Wände aller dieser Zimmer wie 
die des Atriums sind mit marmorartig gemaltem feinem Stucco bekleidet, der 
zum Theil in grossen Platten, als wäre es wirklicher Marmor, mit Klammern 
an den Wänden befestigt ist. Hinter den drei zuletzt genannten Zimmern er- 
streckt sich das Peristyl 36 von 24 " Breite und 19 " 20 Tiefe mit einem 3 "» 80 
breiten von 28 canellirten jonischen, stuccobekleideten Tuffsäulen getragenen 
Umgang. Nicht ganz in der Mitte ist ein sehr flaches Bassin ausgetieft, in des- 
sen Mitte ein Monopodium von Marmor ein Becken gleichen Materials trug, 
Kxa dem sich ein Springbrunnen erhob. Auf das Peristyl öffnet sich nur ein 
grosses Gemach, die Exedra 37, ganz offen gegen das Peristyl, jedoch mit zwei 
Säulen zwischen den Antenpfeilem , gegen den Garten mit einer Brüstungs- 
mauer gesperrt. Dies ist ein Heiligthum der Kunst; hier wurde am 14. Octo- 
ber 1831 das wunderbare Mosaik der Alexanderschlacht gefunden, das unbe- 
dingt erste Kunstwerk in seiner Art, welches uns das Alterthum überliefert 
hat, das nach dem Vorgange der grössten Gelehrten und Kunstkenner zu wür- 
digen und zu erläutern in dem artistischen Theile dieser Betrachtungen versucht 
werden soll. In der rechten Ecke des Peristyls führt ein faucesartiger Durch- 
gang 38 in den säulenumgebenen Garten 39 von 32x35'", mit dem Umgange 
von 4 ■ Breite und 56 dorischen Säulen, zu deren Füssen eine Wasserrinne das 
Wasser in die Cisteme führte, aus der man dasselbe durch zwei Puteale 40 und 
41 schöpfte. Das erstere dieser Puteale ist sehr einfach, das zweite dagegen 
von Marmor, verschliessbar mit einem Deckel , dessen Scharnier noch erkenn- 
)nr ist. Neben diesem Puteal hat vor Alters ein marmorner Tisch gestanden, 
von dem man leider nur einen Fuss , eine hockende , geflügelte Sphinx gefun- 
den hat, die zu den besten Werken der Sculptur gerechnet werden kann 
(abgeb. im artistischen Theile). In den Säulen des Umgangs fand man grosse 
Nägel, auf denen die Stäbe von Gardinen ruhten, durch welche man bei 
heissem Sonnenschein den Umgang gegen den Garten abschliessen und an- 
muthig beschatten konnte. Auch die Ringe , durch welche die Kordeln zum 
Aufziehn der Bouleaux liefen, hat man in jeder Säule etwa 1^ Fuss vom Boden 
vorgefunden. Ueber den Säulen des Gartens stand eine zweite Reihe von 
jonischen Säulen, deren Fragmente man gefunden hat, so dass also um den 
ganzen Garten auch im oberen Geschoss ein bedeckter Umgang, ein colossaler 
Balcon umlief. Man vergegenwärtige sich eine solche Einrichtung recht leb- 
haft , um den ganzen Comfort und Reichthum des Lebens in den vornehmen 
Häusern Pompejis zu fohlen. 

Neben der Exedra des Peristyls liegt links gegen den Garten geöffnet ein 
Oecus 42, dessen Fussboden abermals ein bewunderungswürdiges Mosaik ent- 

16* 



244 II. Viertel Capitel. 

hält^ das leider arg beschAdigt ist und deshalb nicht hat in das Museum ge- 
schafil werden können, abgeb. Mus. Borb. Vol. 9. tav. 55. Dasselbe stellt inner- 
halb einer reichen Mäanderborde einen von vom gesehenen Löwen dar, ein 
Meisterstück des Ausdrucks von Kraft und Feuer und ein eben so grosses 
Meisterstück der Verkürzung. Das neben diesem Oecus und am Ende des 
langen Ganges 19 belegene kleinere Gemach 43 ist weniger wegen seiner sehr 
einfachen Decorationen als deswegen bemerkenswerth , weil in ihm eine ähn- 
liche Massregel zum Trockenhalten der Wände angebracht ist, yne die er- 
wähnte, nur dass hier die Bleiplatten durch solche von gebranntem Thon ersetzt 
sind. Der Saal links vom Oecus 44 ist auch nur einfach verziert, jetzt in em 
Magazin verwandelt und dem Besucher verschlossen. An der hinteren Seite 
des Gartens liegen von rechts nach links zunächst zwei Zimmer ohne Schmuck 
45 und 46, wohl für Sclaven und für Aufbewahrung von Geräthen, etwa Gar- 
tengeräthen bestimmt. Sodann das Posticum 47 auf die Strasse des Mercur, 
femer ein breit offenes , heute zur Aufbewahrung architektonischer Ornamente 
benutztes Sacellum 48 a, mit zwei offenen Cabinetten 48 und 49 zu den Seiten. 
Endlich noch zwei kleine Lararien 50 und 51 von geringer Tiefe, eigentlich 
nur noch mit dem Namen von Nischen zu belegen, deren Eingänge von flachen 
Giebeln gekrönt werden. Von den in diesem Hause gefundenen Gegenständen 
verdient besonders nur eine Hängelampe Erwähnung , die einzig in ihrer Art 
ist. Sie besteht aus einem bronzenen Korbe, der an einer Kette hangt und in 
dessen Geflecht Krystallstückchen eingelassen sind, die im Strahle der in die 
Mitte gestellten Lampe funkelten und glitzerten wie die Glasprismen und Per- 
len an unseren Kronleuchtern. 

Nachdem wir auf den vorhergehenden Blättern eine Auswahl der gewöhn- 
lichen kleineren und grösseren ein- oder zweistöckigen pompejanischen Wohn- 
häuser kennen gelernt haben, welche zur Vergegenwärtigung der Verschieden- 
heiten in Anlage und Decoration genügen wird, glauben wir noch den Plan 
eines jener grossen mehrstöckigen oder vielmehr terrassenartig angelegten Häu- 
ser geben zu müssen , welche am südwestlichen Abhänge des Stadthügels auf 
der hier niedergerissenen Mauer erbaut sind. Wir haben schon früher darauf 
aufmerksam gemacht , dass die Strasse vom herculaner Thor , an welcher diese 
Häuser liegen, die Hauptverkehrsstrasse und die in Bede stehenden Häuser 
Kaufmann shäuser gewesen zu sein scheinen. Eine nähere Betrachtung des mit- 
zutheilenden Planes und Durchschnittes eines der ausgedehntesten dieser Häu- 
ser wird dies bestätigen, indem wir in demselben nur verhältnissmässig wenige 
Wohnräumlichkeiten , dagegen eine beträchtliche Zahl solcher finden werden, 
die allem Anscheine nach als Lagerräume fOr verschiedene , natürlich jetrt 
nicht mehr zu errathende Waaren gedient haben. Doch wenden wir uns ohne 
weitere Vorrede zu der Analyse des Planes , indem wir nur noch bemerken, 
dass wir die drei Geschosse oder Terrassenetagen neben einander gestellt geben 
und zwar so, dass A das Geschoss zu ebener Erde an der Strasse enthält, dessen 



Die Privatgebftude. 



245 



dessen Räume durch Zahlen bezeichnet sind, während wir in B das zweite, in. 
Cdas dritte Geschoss finden, in welchem wir die Räume mit lateinischen und 
griechischen Lettern versehn haben, das letzte im Niveau des Bodens am Fusse 
des Stadthügels von Pompeji. 




ß 



:i 







^ 




Figur 178. Plan eines dreistöckigen Hauses. 

Fassen wir zuerst das Erdgeschoss an der Strasse A in das Auge. An der 
Fronte der Strasse finden wir hier zunächst vier Läden 1 ohne Zusammenhang 
mit dem Hause , welche mit ihrer Hinterwand den Umgang des Peristyls be- 
grenzen. Neben diesen weiter links einen weiten Doppelladen 2 mit zwei Ein- 
gängen und in Verbindung mit dem Hause, und zwar sowohl mit dessen Atrium 
und Peristyl wie auch vermöge eines geneigten Ganges (4 in B) mit den Maga- 
zinräumen des unteren Geschosses. Es kann wenig Zweifel sein, dass wir hier 
die Packräume des Kaufherrn vor uns haben , aus denen die Waaren in die 
Magazine gebracht wurden , zu denen ein geneigter Gang anstatt einer Treppe 
ftlirt, weil ein solcher für Waarentransporte ungleich zweckmässiger ist als 
eine Treppe. Die Treppe nämlich 3, welche wir in 'diesem Räume angegeben 
«ehen, ftthrt aus dem Erdgeschoss in das obere Stockwerk an der Strasse, der 
geneigte Grang geht unter ihrer oberen Wendung hindurch. Eine ähnliche, 
kleinere Packkammer als Vorraum eines zweiten geneigten Ganges finden wir 
jenseits des Hauseinganges in 4 , der Gang , den wir in B bei a wiederfinden, 
ist mit einer einfachen Linie angegeben. Zwischen diesen dem Geschäft ge- 
widmeten Localitätett liegt das eigentliche Wohnhaus , zu dessen Verständniss 



246 II. Viertes Capitel. 

auf dem Plane ein paar Winke genügen. In 5 finden wir den Eingang, das 
Vestibül, in 6 das toskanische Atrium, in dessen Hintergrunde das Tablinum 
7 zwischen den beiden Fauces 8 leicht erkennbar ist. Tablinum und Fauces 
öfiiien sich auf die eine grosse Terrasse 13, in welcher wir die umgitterte 
Oefinung eines kleinen Hofes sehen , der in die zweite Etage Licht bringt und 
welche als das flache Dach des ersten unteren Geschosses gelten kann. Für ein 
Peristyl im eigentlichen Sinne war hinter dem Tablinum kein Raum , dasselbe 
liegt also, ähnlich wie uns bereits aus anderen Beispielen zur Genüge bekannt 
ist, seitwärts in 9 , mit dem Atrium durch einen Zugang aus den rechten Fau- 
ces verbunden und nach hinten durch drei kleinere mit einander zusammen- 
hangende Zimmer 1 begrenzt, in denen wir nur cubicula zu erkennen haben. 
Alle drei haben Fenster, aber nur das dritte rechts hat einen Ausgang auf die 
Terrasse. Neben diesem finden wir das geräumige TricUnium oder den Oecns 
11 , an dessen Winkel wir in 12 das bereits in andern Plänen gefundene, 
hier sehr kleine Anrichtecabinet nicht übersehen wollen. Rechts finden wir 
keine Zimmer am Pcristylumgang, links nur eine kleine unregelmässige Scla- 
vencella 14. 

Der Umgang und die denselben bildenden Säulen umgeben den Hof oder 
das Viridarium nur an drei Seiten , zwischen den Säulen ist ein hohler Pluteus 
(Brüstungsmauer), ob zur Aufnahme von Erde und Pflanzen oder von Wasser 
bestimmt, kann zweifelhaft sein. — 

Gehen wir zum Geschoss B über , welches grade unter dem Niveau der 
Strasse liegt. lieber die Eingänge in 2 und 4 des oberen Geschosses haben wir 
geredet, die beiden geneigten und überwölbten Gänge finden wir in unserem 
Plane mit a und b bezeichnet. Folgen wir zuerst dem Gange a , so gelangen 
wir gradeaus auf eine Treppe c, welche in die dritte Etage hinunterführt , hier 
nur zum Theil , im Plane C ganz dargestellt ist. Mit einer kleinen Wendung 
rechts gelangen wir in eine weitere Fortsetzung d unseres Ganges a, eine Fort- 
setzung, welche sich fast durch die ganze Etage als ein Corridor hinzieht, auf 
den die meisten Räume sich öffnen. Gleich zu Anfang liegt an demselben in e 
ein Saal unter dem Tablinum, an den hinten ein Cabinet^* angebaut ist. Man 
hält dies für ein Badezimmer, ohne dass ich die bestimmenden Merkmale an- 
zugeben vermögte. Am Ende des Saales macht der Gang eine Wendung im 
rechten Winkel und wird zur linken Hand von dem Bade dieses Hauses be- 
grenzt. In g nämlich ist das Apodytcrium, in h das eigentliche Badezimmer 
und in i die Officin des Bades mit dem Feuerheerd zu erkennen. Unter diesem 
liegt in der Etage C noch ein Bad, welches möglicherweise für die Dienerschaft 
bestimmt war. An der Ecke des Saales e stösst der geneigte Gang ä, von den 
Packkammcm 2 herabkommend , mit unserem Gange zusammen und unmittel- 
bar im Winkel dieses Zusammentreffens liegt in k der kleine Hof, der, unbe- 
deckt, die obere Terrasse unterbricht, und hier wahrscheinlich mit einem Ge- 
länder umgeben war. Er ist einzig der Erleuchtung des Ganges und der 



Die PrWatgebftade. 247 

umliegenden Bäiime wegen angebracht. Diese sind auf der Seite des Hofes 
xwei kleinere Zimmer /und m, von denen das letztere nur sehr wenig Licht 
hat; dies scheinen sicher Lagerräume gewesen zu sein ; zweifelhaft ist die gleiche 
Bestimmung des grossen Saales n dem Höfchen gegenüber am Gange ^ indem 
dieser Saal einen durch eine zweiflügelige Freitreppe o vermittelten Ausgang 
aof die untere Terrasse p hat; sei derselbe daher immerhin zum Sommertricli- 
niam bestimmt gewesen ^ in den neben ihm befindlichen Räumen q und r dür- 
fen wir wiederum Waarenlager vermuthen , während das auf diese folgende 
grossere Zimmer s als Triclinium gilt. Das letzte Zimmer am Gange t finde ich 
nur als solches ohne Angabe einer vermutheten Bestimmung benannt. Ich 
kann und will nicht direct bestreiten , dass die Zimmer des zweiten Geschosses 
ak Wohnräumlichkeiten gedient haben, aber ich kann ebensowenig omihin 
auszosprechen , dass ich diese gesammten Bäume viel eher zu Waarenlagem 
bestimmt halte. — Etwas niedriger als der Fussboden dieser Etage liegt der 
mit u bezeichnete Umgang über den Säulen , welche den Hof des untersten 
Stockwerks umgeben , auf welchen man über die vier Stufen der Treppe v ge- 
langt. Dieser obere Umgang um den Hof des untersten Geschosses liegt wohl 
deshalb einige Stufen tiefer , als die Terrasse p^ um die von dieser aus zu ge- 
messende Aussicht nicht zu beschränken. 

Endlich die Etage C, über die wir nur wenig Positives sagen können. 
TJm bei einem Punkte anzuknüpfen , der das obere Geschoss berührt , nennen 
wir zuerst die hier mit a bezeichnete und in ihrer ganzen Ausdehnung sicht- 
bare Treppe c in B, welche in die untere Etage und durch sie hindurch in den 
Hoframn führt. Rechts vom ersten Absatz dieser Treppe zweigt sich der Gang 
ß ab, welcher in die als Bad für die Dienerschaft geltenden Räume y und so- 
dann weiter führt. Der bestimmte Zweck des hinter den Badezimmern gele- 
genen, auf den Hof geöffneten Zimmers d ist nicht bekannt. Durch das Apo- 
dyterium des Sclavenbades hindurch betritt man auf dem Gange ß ein geräu- 
miges Zimmer €, welches , wie der darüber in B gelegene Saal n , als Tricli- 
nium für die heisse Jahreszeit gilt, in der man die Kühlung der keUerartigen 
Luft dieses untersten Stockwerks suchen mogte. Ueber die Bedeutung des Ne- 
benzimmers C liegt keine Angabe vor, war e wirklich Triclinium, so mag ^ oder 
auch d küchenartige Bestimmung gehabt haben. Der Gang ß führt mit einigen» 
Niveaudifferenzen , welche zum Anbringen von etlichen Stufen nöthigten , am^ 
Saale e und an einem Zimmer iy, dessen Zweck nicht bekannt ist, vorüber und 
neben C auf den Hof hinaus. Rechts an demselben finden wir einen Complex 
von Zimmern, von denen nur das erste ^ eine Thür auf den Gang hat, die 
anderen i sich in dieses öffnen. Diese Gemächer gelten , ich weiss nicht ob mit 
fiecht, Mazois für das Ergastulum, die Arbeitszimmer der Sclaven, mit denen 
die Strafcellen verbunden waren , die Mazois in den hintersten Räumen i ohne 
Licht und Luft zu erkennen meint. Ich habe nicht die Mittel in Händen, diese 
Ansicht zu bestreiten, doch ist es mir ungleich wahrscheinlicher, dass wir hier 



248 



IL Viertes Capitel. 



Keller- und Vorrathsräuine vor uns haben , als Arbeitszimmer mit obligaten 
Gefangnissen, namentlich da uns Mazois Plan, der einzige bekannte , über die 
Art der Beleuchtung ganz im Unklaren lässt. Hinter dieser untersten Etage 
dehnt sich der geräumige Hof x aus, den an allen vier Seiten eine Säulenreihe 
umgiebt, über der der Umgang u der Etage B liegt. Die Porticus k unter die- 
sem Umgange muss eine der angenehmsten und kühlsten Ambulationen gewe- 
sen sein, die in Pompeji existiren, während die geräumige Area des Hofes x, 
in deren Mitte eine Piscina fx sich befindet , den Gedanken an Baumpflanzun- 
gen oderj^Blumenzucht keineswegs ausschliesst. — 




Figur 179. Ansicht der Villa auburhana vom Garten au9. 



Den Schluss unserer Betrachtungen pompejanischer Wohnhaus^ macbei 
wir mit der vorstädtischen Villa , der sogenannten des M. Arrius Diomedes, 
welche nicht allein zu den grössten, sondern auch zu den am besten erhaltenen 
Wohnhäusern Pompejis gehört und seit ihrer Entdeckung 1763 eine ganz be- 
sonders ausgedehnte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Sie mag uns m* 
gleich als Muster ähnlicher Baulichkeiten in Pompeji, der leider wieder zugfr 
schütteten Villen, der sogenannten des Cicero und der Villa urbana der Jid» 
Felix beim Amphitheater dienen, von denen nur mangelhafte Pläne überliefert 
sind, so dass ein näheres Eingehn auf dieselben ftir unsere Zwecke kaum hin- 
reichendes Interesse bieten dürfte. Diese Villen, namentlich diejenige, welche 
wir der Kürze wegen fortfahren wollen die des Diomedes zu nennen , verhal- 
ten sich zu der von Vitruv 6. 8 gegebenen Vorschrift der Nonnalanlage fart 
grade so, wie die Wohnhäuser zu dem vom alten Architekten für solche ange- 
gebenen Grundschema, übereinstimmend im Vorhandensein und der Lage der 



Die Privatgebtude. 



249 



» ♦ # S /4 M ^ 



meisten wesentlichen Theile , abweichend nach dem Bedürfniss der Localität 
und dem Geschmack des Eigners. Wir werden im Verlaufe unserer Darstel- 
lung auf die Uebereinstimmungen mit der Regel hinweisen und dürfen uns so 
emer vorgängigen Darstellung dieser überheben^ welche zu vielen Wieder- 
bolungen führen müsste. Der Einzelbetrachtung des Planes müssen wir nur die 
eine Bemerkung voransenden^ dass ^ da die Villa mit ihrem Eingange an der 
gegen die Stadt ansteigenden Gräberstrasse liegt ^ dieselbe in derselben Art 
wie das eben vorher betrachtete Haus mehrstöckig ist. Da aber diese Geschosse 
fast gamz terrassenförmig hinter, nicht unter einander liegen , so haben wir ge- 
gknbt, mit einem Plane unsem Lesern zu genügen, in welchem die im Niveau 
der Strasse liegenden Theile schwarz und mit Ziffern bezeichnet, die tiefer lie- 
genden hell gehalten und mit kleinen Buchstaben bezeichnet sind. 

Das Trottoir der Grä- 
berstrasse ist etwa 4 Me- 
ter zu beiden Seiten des 
Einganges als eine kaum 
merklich ansteigende 
Bampe behandelt , ver- 
möge deren man auf 
eine kleine Platform vor 
dem Eingange gelangt. 
Dieser ist wie das ganze 
vordere Geschoss, wel- 
ches die Wohnung um- 
fasst, etwa 1" 50 über 
das Niveau desTrottoirs 
erhoben, so dass man 
über eine Treppe 1 von 
sieben Stufen zurHaus- 
thür emporzusteigen 
hat. Auf den Enden der 
Treppenwangen stehn 
noch die fragmentirten 
Schäfte zweier Back- 
steinsäulen, welche eine 
verschwundene Bedach- 
ung der Treppe stütz- 
ten. Nach Durchschrei- 
tung der Hausthür steht 
man unmittelbar im Pe- 
ristyl> oder, um genau 
Kgur 180. Plan der Fi*//« »i/Ä«r6«iia. zu reden, auf einem 




250 II. Viertet Capitel. 

kleinen dreieckigen Platze 2, den man mit Unrecht Vestibül getauft hat, und 
der nichts Anderes ist, als eine durch den Zusammenstoss des gegen die Strasse 
spitzwinkelig orientirten Planes mit der Fluchtlinie der Strassenfront entstan- 
dene Ecke. Wir stehn also im Peristyl 3. Dies entspricht Vitruv's Angabe, 
dass in Landhäusern und derartigen suburbanen Villen das Peristyl anstatt des 
Atriums unmittelbar auf den Eingang folgend angelegt werde. In der Mitte 
des Säulenumgangs ist ein piscinaartiges Impluvium angelegt, aus dem das 
Wasser in eine darunter befindliche Cisteme zusammenfloss. Aus dieser wurde 
es durch zwei Puteale a geschöpft, deren eines von Travertin, das andere Ton 
Marmor, beide roth bemalt waren. Roth gefilrbt ist auch das untere nicht canet 
lirte Drittheil der vierzehn das Peristyl bildenden dorischen Säulen von Zie- 
geln mit Stuccobekleidung, deren obere zwei Drittheile weiss und canelliit 
erscheinen und deren Capitell , welches wir im artistischen Theüe noch einmal 
zu erwähnen haben, dasjenige Ornament plastisch ausgeführt zeigt, welches bei 
den meisten Säulen nur gemalt war und verschwunden ist. Der ganze Peristyl- 
hof macht in seiner einfachen Eleganz einen sehr heiteren und freundlichen 
Eindruck. 

Von den um das Peristyl gelegenen Bäumen sind die meisten leicht und 
mit wenigen Worten bezeichnet. Beginnen wir rechts am Eingange , so finden 
wir in einem durch oben erwähnte Umstände wiederum dreieckigen Eaum 4 
die Treppe zu den rechts tiefer gelegenen Theilen des Hauses , in denen sicli 
die Wirthschaftsräumlichkeiten befinden und zu einem Gange a a a, der in 
den Hof und Garten führt. Sodann folgen mehre als cubictUa an den gemauer- 
ten Bettstellen deutlich erkennbare , mit weissem Mosaik geplattete Zimmer 5 
ohne sonderliches Interesse. An der Hinterseite des Peristyls finden wir nach 
einem engen Durchgange 6 mit einem offenen alaartigen Vorplatz 6 a, und 
nach einem kleinen Zimmer 7, das sich auf die unten zu besprechende Gallerie 
öfihet, ein nach beiden Seiten offenes Tablinum 8, aus dem man die gros« 
Gallerie betritt. Neben diesem zwei wiederum auf diese Gallerie geö&ete 
Zimmer 9 und 1 , deren letzteres als Exedra gelten kann ; hinter diesen am 
Peristyl , das wir nicht zu weit verlassen wollen , zwei Treppenräume 1 1 , in 
denen man zum oberen Geschoss hinaufstieg. An der linken Peristylseite nen- 
nen wir zunächst nach einem geräumigen Triclinium 1 2 wieder zwei ziemlich 
irrelevante cubictäa , die wir mit der Nunmier 5, wie die gegenüberliegenden, 
bezeichnen wollen. Zwischen diesen aber betreten wir das interessanteste und 
schönste Schlafzimmer Pompejis 14 durch ein Procoeton 13 , in dem wir einen 
Alkoven für den cubicularis, den Kammerdiener, ß, bemerken. Dieses Schlaf- 
zimmer ist halbrund mit gradlinig verlängerten Schenkeln; sein runder Ab- 
schluss ist von drei grossen Fenstern durchbrochen , welche Morgen-, Mittags- 
und Abendsonne eindringen Hessen, jedoch bei zu grosser Hitze sowie bei 
Nacht mit Läden ganz verschlossen werden konnten, in welchem Falle drei 
über denselben angebrachte runde Fetisterchen (Ochsenaugen) das nöthige 



Die PriTatgebftude. 251 

Dftmmerlicht eindringen liessen. Unter den Fenstern dieses Schlafzimmers liegt 
ein Garten im Niveau der Strasse^ auf welchen der Grang (posticum) 15 hin- 
SQsfohrt. Die Wächter haben hier wieder Kosen gepflanzt , die , in üppigster 
Fülle bltlhend , uns einen Begriff von der Anmuth dieses Winkels in der alten 
Zeit geben, lieber den Garten hinaus aber und die Monumente der Gräber- 
Strasse^ die nicht hinderten , wohl aber einen mannigfaltigen Vordergrund bil- 
den, schweifen die Blicke über den Meerbusen und an der ganzen Küste ent- 
lang yon Stabiä über Sorrent bis Capri. Es ist unglaublich , dass nicht auch 
dieser Aussicht wegen die erwähnten drei Fenster der Halbkreiswand dieses 
Schlafzimmers durchbrochen, obgleich dem Einströmen der Sonne während 
des ganzen Tages zu Liebe auch anderweitig ähnliche Einrichtungen getroffen 
wurden, z. B. im Lauren tinum , der Villa des Flinius, wie in seinen Briefen, 
in denen er Buch 2. Brief 17 seinen Landsitz beschreibt, zu lesen ist. Dass 
aber der Eigner dieses Hauses auf die kostbare Aussicht dieser Seite seiner 
Wohnung Werth legte, zeigt nicht allein die Anlage der Ziimner am Ende der 
grossen Grallerie, sondern auch der Umstand, dass fast alle Zimmer nach dieser 
Seite Fenster haben, obwohl sie das nöthige Licht aus dem Peristyl empfingen. 
Im Hintergrunde unseres Schlafzimmers finden wir in / den Bettalkoven, der 
mit einer Grardine geschlossen war, deren Ringe man noch gefunden hat, und 
IQ d ein Mauerwerk mit einer Vertiefung, das wohl als Waschtisch gedient hat. 
Salb- und Oelgeftsse hat man ebenfalls in diesem Gemach gefunden. Neben 
dem Ausgang in den Seitengarten 1 5 finden wir ein von diesem Gange aus be- 
tretbares , ganz schmuckloses Zimmer 1 6 , in welchem man die Reste mehrer 
Wandschränke fand, nnd das darum als Garderobezimmer gilt, eine Bestim- 
mung, die nicht recht einleuchtend ist. Die übrigen Räiune, welche die Ecke 
des Gebäudes erfüllen, vor der wir stehen, bilden ein vollständiges Bad, dessen 
meiste Theile ganz klar nachweisbar sind und fast unberührt vorgefunden wur- 
den, während über die Zwecke zweier Räume (18 und 19) keineswegs Alles in 
dem Grade feststeht, wie man es erwarten sollte. Aus dem Peristyl gelangt 
man zuerst auf einen dreieckigen Hofraum 1 7 , der an zwei Seiten von einem 
bedeckten Umgange begrenzt wird, dessen Decke sieben achteckige schlanke 
Pfeiler tragen, und der eine schattige Ambulatio bildet. Am einen Ende dieses 
Umganges findet man bei b einen kleinen gemauerten Heerd , wahrscheinlich 
zur Bereitung warmer Getränke, welche die Römer nach dem kalten Bade zu 
gemessen liebten. An der dritten Seite des dreieckigen Hofes gegenüber dem 
Eingange ist angelehnt an die Mauer gegen die Strasse das Bassin für das kalte 
Bad , die Piscina f von 2'"17x2"85 Grösse und 1 •" 1 Tiefe, mit härtestem 
Stacco bekleidet und durch drei in der einen Ecke angebrachte Stufen zu be- 
treten. Die Ränder sind mit Marmorplatten belegt und die Seitenwände um 
fast einen Meter über den Boden erhöht. Auf ihren Enden stehn zwei Säulen 
aus Backsteinen, welche ein Dach trugen, dessen Spuren auch noch in der 
Wand erkennbar sind, und welches die Badenden gegen die Strahlen der 



252 II. Viertes Capitel. 

Sonne schützte, ohne den Zutritt der freien Luft zu behindern. Die Hinter- 
wand war auf blauem Grunde mit Fischen, Muscheln und sonstigen Meerthie* 
ren bemalt, wahrend zunächst ausserhalb der Badenische jederseits Bäume und 
Gebüsche auf die Wand gemalt waren. Diese Decoration ist jetzt vOUig ver- 
schwunden, hat aber von Mazois, der sie Band 2. Taf. 52. Figur 1 mittheilt, 
noch gezeichnet werden können. Der Boden des Hofes und Umgangs war mit 
Mosaik belegt, konnte also nicht mit Bäumen bepflanzt werden, was man 
eigentlich erwarten sollte. Das Wasser wurde von der Strasse her durch ein, 
wahrscheinlich mit der grossen Leitung der Stadt in Verbindung stehendes 
Bleirohr eingeführt. An diesen Hof grenzen zunächst die beiden Zimmer, über 
deren Zweck sich nicht absprechen lässt, 18 und 19. Das Zimmer 18 ist ziem- 
lich geräumig, aber nur durch eine schmale Thür vom Hofe aus erleuchtet und 
ohne weitere Communication mit anderen Bäumen. Ich kann es daher auch 
nur für verfehlt halten, wenn man in ihm das Auskleidezimmer erkennen will, 
es sei denn , dass man dies auf das kalte Bad bezieht. In Bezug auf das warme 
dürfte dieser Name eher ftlr No. 1 9 passen , welches eine Art von Durchgang 
bildet, aus dem man in ein Zimmerchen 20 gelangt. In diesem fand man frei- 
lich keinerlei Heizapparat , aber derselbe konnte ein beweglicher sein , wie im 
Tepidarium der Thermen , so dass wir dieses Zimmer mit gleichem Namen be- 
legen und in ihm das Local für die Reibungen , Salbungen und sonstigen Ma- 
nipulationen nach dem heissen Bade erkennen dürfen. Das Fenster nach dem 
Garten war mit vier 10 DZoU grossen dicken Scheiben geschlossen, durch 
deren Auffindung die Frage über den Gebrauch der Fensterscheiben bei den 
Alten zuerst definitiv gelöst wurde. Neben diesem Tepidarium liegt das Calda- 
rium 21 , welches fast in allen Theilen und Stücken mit dem Caldariiim der 
Thermen, auf dessen genauere Beschreibung wir verweisen, übereinstimmt 
Wir finden in ihm den Alveus, die Wanne für das heisse Wasser in 17, das 
halbrund herausgebaute und mit einer Halbkuppel gedeckte Laconicum und 
den Platz filr das Labrum in &, während der Boden in der Mitte durch eine 
mspensura unterhöhlt ist, um die heisse Luft durchstreichen zu lassen, zu wel- 
chem Ende auch die Mauern mit jenem ein paar Zoll Spatium gebenden Fiat- 
tenübcrzug bekleidet sind, den wir in den Thermen kennen gelernt haben. An 
die schmale Seite dieses Caldariums lehnt sich das Zimmer für den Heerd oder 
das Hypocaustum 22. So klein dies Zimmer ist, fand man doch in ihm an der 
Wand des Caldariums in x das Hypocaustum für die heisse Luft, daneben in l 
den Heerd mit eingemauertem Kessel für das laue Wasser , während anderer- 
seits über dem Hypocaustum noch drei Basen für die Kessel vorhanden sind, 
in denen das Wasser nach und nach bis zum Kochen erhitzt wurde. An der 
zweiten Wand in 11 ist eine Art gemauerter Wanne, wohl das Reservoir für 
das zu erhitzende Wasser, und gegenüber an der Strassenwand in v ein steiner- 
ner Tisch angebracht. Neben der Wanne ist in ^ der Treppenraum , in dem 
heutzutage die hölzerne Treppe natürlich fehlt. DenSchlussderBäumlichkeiten 



I Die Frivatgebäude. 253 

dieses kleinen Bades bildet ein Zimmer 23 ohne jeden Zugang, welches das 
Hauptwasserreservoir enthielt. 

Kehren wir jetzt in das Feristyl zurück und diirchschreiten das Tabli- 
num oder dieFauces, so stehn wir auf der grossen Gallerie 26 oder dem breiten 
Gange, auf welchen, wie oben erwähnt, ausser Fauces und Tablinum die Zim- 
mer 7, 9, 10 ihren Ausgang haben. GeräTuuig, reichlich erleuchtet und doch 
durchaus schattig bildet dieser Gang eine der anmuthigsten Käumlichkeiten 
der Hftuser in Pompeji, in welchem man sich trefflich ergchen konnte und 
welcher vielleicht auch als Sphäristerium oder zu ähnlichen Zwecken verwen- 
det wurde. An ihm liegen zu beiden Seiten kleine Gemächer 25 und 26 mit 
emer köstlichen Aussicht über den Garten und auf das Gebirg, und nach dem 
Garten zn hinter dem Tablinum, und freihch nicht in seiner Achse ein grosses 
Tridinium oder Oecus 27 mit einem gewaltigen, fast bis auf den Boden herab- 
geführten Fenster, das augenscheinlich wieder nur der herrhchen Aussicht zu 
liebe hier so gross gemacht ist. Zu beiden Seiten dieses Oecus liegen zwei grosse 
unbedeckte Terrassen 28. Endlich müssen wir noch zwei kleine Cabinette 29 
und 30 erwähnen, welche hinter dem linken Flügelzimmer der Gallerie an 
einer Treppe b in das untere Geschoss li^en und deren ersteres eine Cella für 
den die Treppe und das Fosticum bewachenden Sclaven gewesen zu sein 
flckeint, während das zweite zu sehr zerstört ist , um uns zu mehr als der Frage 
in berechtigen, ob wir in ihm ein cubiculum zu erkennen haben? Soweit die 
Wohnräumli chkeiten des Geschosses im Niveau der Gräberstrasse, über denen 
sich ein fast ganz zerstörtes Stockwerk befand, von dem wir natürlich Näheres 
nicht angeben können. Die Decorationen der besprochenen Gemächer, deren 
wir eine Beihe bei Boux, HercuL et Pomp. Bd. 1. Taf. 63 — 90 finden, sind 
elegant, ohne dass jedoch irgendwo namhafte Gemälde oder auszuzeichnende 
Mosaiken hervortreten. 

Seitwärts vom Hauptgebäude und vermöge der schon mehrfach erwähnten 
Steigung der Gräberstrasse gegen die Stadt etwas tiefer liegt ein im Plane dun- 
kel schraiGrterComplex von Käumlichkeiten mit eigenem Fingange 31 von der 
Strasse, in welchen man die Wirthschafts- und Haushaltungsabtheilung er- 
kennt. Sie ist vom Wohnhaus durch einen schmalen, aber fast ganz durchge- 
führten Gang 32 abgeschieden, wahrscheinhch um einer Vitruv'schen Vor- 
schrift gemäss die Feuersgefahr , welche Bäckerei und Küche mit sich bringt, 
zu verringern. Diese ganze Abtheilung wurde bei der Ausgrabung so arg zer- 
stört vorgefunden, dass es unmöglich ist, die Bestimmimg der einzelnen Ge- 
mächer nachzuweisen. Nur so viel ist aus den stehenden Mauern zu erkennen, 
dass ein atrienartiger Hof 33 die Mitte einnimmt, an den sich die Küche, die 
Bäckerei, die Waschzimmer anlehnen und der an der einen Seite durch eine 
fünfsäulige Forticus 34 begrenzt wird. Die Auffindung von Flaschen, Gläsern, 
Küchengeschirren, einer Amphora mit Getraide, einigen Spaten, einer Harke 
o. dgl. mehr bezeugt im Allgemeinen die Bestimmung dieser Abtheilung, in 



254 II. Viertes Capitel. 

der auch noch das Skelett eines Mannes neben dem einer .Ziege gefunden 
wurde, die eine Glocke am Halse trug. 

Was endlich die untere Etage im Niveau des Hofes und Grartens anlangt, 
die auf dem Plane heller schraffirt ist^ so haben wir schon die beiden Zu- 
gänge zu derselben aus dem Hause, nämlich den geneigten Gang a a a und die 
Treppe b kennen gelernt , welche letztere für die Herrschaft bestimmt gewesen 
zu sein scheint, wie ihre Lage im Innern des Hauses anzeigt. An dem geneigten 
Gange liegt eine Folge dunkler Kammern c , welche nur als Vorrathsräume ge- 
dient haben können. Die Hauptgemächer des unteren Geschosses liegen an der 
Hinterfront des Hauses unter dem Oecus und den Terrassen , welche diesen 
flankiren. Ein breiter Gang d d d bildet zu ihnen insgesammt den Zutritt. 
Diesen Gang schliesst gegen den Hofraum eine mit Strebepfeilern verstärkte, 
zwischen je zwei Pfeilern von einer Fensterofihung durchbrochene schwere 
Mauer ab , und in derselben Weise ist dieser Grang als eine E^ryptoporticus um 
die übrigen drei Seiten e — fyf — ^, g — h des 33 Meter ins Geviert grossen 
Hofes herumgeführt und zwar gewölbt und mit einem oberen Umgänge ver- 
sehen. Diese Cryptoporticus ist auf der einen Seite , links vom Beschauer un- 
serer Ansicht Figur 179, bis* auf die Fundamente zerstört, rechts dagegen im 
unteren Greschoss völlig, im oberen so weit erhalten , dass die Existenz dersel- 
ben sicher angegeben werden kann. Die Bestimmung der elegant, aber fast 
glcichmässig decorirten Zimmer i unter den Terrassen und dem Oecus ist nicht 
mehr nachzuweisen, nur dasjenige rechts k scheint ein Sommertridinium ge- 
wesen zu sein. Zwei Cabinette / m am Ende des Ganges e — h und in der Flucht 
der Portiken e — /und g — h zeichnen sich durch reichere Decoration vor den 
übrigen Gemächern aus ; zwei andere Cabinette zu beiden Seiten der Portieofi 
f—g, mit n und o bezeichnet, sind dagegen sehr einfach verziert, und eines 
derselben scheint ein Lararium gewesen zu sein. Neben dem Triclinium k führt 
ein Gang p zu einer Treppe y, vermöge deren man in den Keller hinabsteigt, 
der gewölbt und durch kleine Oberlichtfenster aus dem Hofe erleuchtet, sidi 
unter der ganzen Ausdehnung der drei Arme ß—fyf—gy g — h der Cryptopor- 
ticus erstreckt, deren Boden deshalb imi vier Stufen über das Niveau des Hofes 
und der vierten Seite h — e erhoben ist, um den Kellern die nöthige Höhe und 
das nöthige Licht zu verschaffen. Zahlreiche Amphoren , die man hier an die 
Wände angelehnt fand, zeigen, dass dieser Keller als cella mnaria, als Wein- 
keller diente. In ihm fand man die früher (S. 27) erwähnten achtzehn Gerippe 
der hichcr geflüchteten Familie des Eigners. — 

In der Mitte des Hofes befindet sich eine geräumige Piscina r, mit einem 
Springbrunnen in der Mitte, deren Bassin in Nischenform behandelt erscheint 
Hinter der Piscina finden wir zwei Stufen über den Boden erhoben eine Säu- 
lenhalle 8 von sechs Säulen, deren Bestimmung nur die eines Gartenhauses, 
eines Sommertricliniums oder eines Oecus gewesen sein kann. In ihrer Achse 
führt in t die Hinterthür aus der Cryptoporticus in die Felder, neben der man 



r 



Die Privatgebäude. 



255 



die Skelette des Herrn und seines Sclaven fand. Hinter der Porticus links führt 
ein Gang u zu einer breiten Treppe v, über die man in den Garten im Niveau 
der Strasse gelangt. — 

Die in diesem Hause aufgefundenen Gegenstände , deren wir einige schon 
genannt haben, sind unzählbar ; Geld, Schmuck, Geräth aller Art, darunter 
ab das werthvoUste Stück ein grosser Krater von farbigem Glas , mehre Mobi- 
lientheile und sonstiger Hausrath , unter dem ein Bronzecandelaber , den wir 
später mittheilen werden, sich auszeichnet, und Anderes mehr, welches aufzu- 
zählen ermüden würde. — 



Zweiter Abschnitt. 
LMen, ir^schäfllirhe und ff e werbliche Wehnung en. 

Nachdem wir eine ausgewählte Zahl von kleinen, mittleren und grossen 
Wohnungen Pompejis durchwandert und den Luxus und Aufwand in vielen 
derselben kennen gelernt, sowie auch eine Reihe von Spuren und Zeugnissen 

über die Art des Lebens, welches 
sich in diesen Häusern bewegte, auf- 
gefunden haben, muss uns die Frage 
besonders interessiren , wovon denn 
diese Alten lebten, womit sie die Be- 
quemlichkeit und den Aufwand ihrer 
Wohnungen bestritten. Es ist nun 
freilich unzweifelhaft, dass manche 
Einwohner von Pompeji als Rentiers 
ohne Geschäft lebten, dass reiche Rö- 
mer sich in die anmuthige Stadt Cam- 
paniens zurückzogen, dass mancher 
Bürger von Pompeji seine Einnahmen 
aus dem Ertrag ländhcher Güter in 
der Umgegend der Stadt haben mogte ; 
fanden wir doch mehre Häuser, na- 
mentlich diejenigen in der Strasse 
des Mercur , welche ohne Läden oder Geschäftslocal waren. Auf der anderen 
Seite aber wissen wir, dass Pompeji einen schwunghaften Handel, selbst bis 
direct nach Aegypten betrieb, auch ist uns die Hauptstrasse vom herculaner 
Thor bereits früh im Charakter einer Verkehrs- und Kaufmannsstrasse mit 
grossen Magazinen und anderen bezeichnenden Localen erschienen; femer 
haben wir die grosse Zahl von Läden an den Häusern und von Häusern, die 
mit Läden in Verbindung standen, nicht übersehn und haben bemerkt, dass 
mancher wohlhabende Pompejaner es nicht unter seiner Würde hielt, die Pro- 




Figur 181. Ansicht einer Bäckerei und Mühle. 



256 



II. Viertes Capitel. 



ducte seiner Felder und Weinberge, wohl auch die seines Handels und warum 
nicht die seines Gewerkes in einem mit seinem Hause verbundenen Laden 
durch einen Sclaven en detail verkaufen zu lassen , während die ungleich lahl- 
reicheren , von den Häusern unabhängigen und mit ein paar Zimmern vermie- 
theten Läden uns von grosser Regsamkeit von Handel und Wandel , Kauf und 
Verkauf, namentlich Kleinhandel und Gewerbebetrieb deutlich redende Zeug- 
nisse waren. 

Das Vorhandensein dieser allgemeinen Zeugnisse legt uns die Frage nahe, 
ob sich denn etwas Specielles über die Arten und Mittel des Erwerbes, nament- 
lich des kleineren Verkehrs, in Pompeji nachweisen lasse? Diese Frage lässt 
sich mit Ja beantworten, und wir wollen uns auf den folgenden Seiten mit den 
Läden im Allgemeinen und mit den bedeutendsten und am besten verbürgten 
Geschäftslocalen und Erwerbsanstalten der Stadt bekannt machen, während 
wir es uns für einen späteren Abschnitt vorbehalten , die sonstigen Zeugnisse 
des Verkehrs und Erwerbs mit den übrigen Spuren des bürgerlichen Lebens in 
ein Gesanmitbild zu vereinigen. — 

Die Einrichtung der Läden haben wir im Allgemeinen schon bei der Be- 
sprechung der Häuser kennen gelernt und haben gesehn , dass sie entweder aus 
dem einzigen Ladenlocal oder ausserdem aus einem oder ein paar Zimmerchen 
hinter diesem bestehen, zu denen vielfach noch Schlafzimmer im oberen Stock- 
werk sich gesellen, die uns die Treppen in den Läden bezeugen. Um noch ein 

paar Bemerkungen im Einzelnen \msig^ 
fügen, knüpfen wir im dnen kläaen 
Laden mit zwei hintircn Zimmem llt, 
dessen Plan wir nebenstehend Fig* 1 S2 
mittheilen. Es ist dit's der I^aden diiö 
Garkochs und DelirattssenhandleTijdir 
aber in den meist« u Dingen als Nenn • 
dienen kann. So wir unsere Dctaiiyui^ 
1er nach so breit ^^n vmd gläazenidn 
Schaufenstern wie möglich sttcbm, 
sorgten auch die ]H>iupcjaner Kxanicr 
und Kaufleute dafijr. ihre Waare mög- 
lichst oflFen auszulegen und den Vor- 
übergehenden bemerkbar zu machen. 
Deshalb sind die Läden nach der Stras- 
senfront, bei Eckhäusern nach beiden 
Strassenfronten fast ganz offen, jedoch in der Regel im unteren Theil durch 
einen gemauerten Ladentisch oder eine sogenannte Thonbank, welche gewöhn- 
Hch; wie auf unserem Plane 3, im rechten Winkel gebrochen ist, bis auf einen 
Eingang von gewöhnlicher Breite gesperrt. Die gemauerten Ladentische 
sind in der Begel mit einer Stein- oder Marmorplatte bedeckt und bei den 




Figur 182. Plan eines Ladens. 



r 



Die Privatgebäude. 



257 



Garküchen und Thenuopolien pflegen , wie in unserem Beispiel , verschiedene 
Gefässe, Amphoren von Thon, Pfannen und dergleichen in den Ladentisch 
eingelassen zu sein , aus denen man den Inhalt mit einer Schöpfkelle entnahm. 
An den Wänden hinter dem Ladentisch sind häufig in Treppenfomi gemauerte 
Repositorien zum Aufstellen von Gefässen und zum Auflegen trockener Waare 
angebracht, in welchen ebenfalls nicht selten Gefässe eingemauert sind. In 
unserer Garküche sehn wir am Ende des Ladentisches einen kleinen Heerd 
angebracht, was sich so oder ähnlich in allen derartigen Läden wiederholt ; nur 
sind oft diese kleinen Heerde transportabel und von Bronze. In vielen Ther- 
mopoHen hat man auf der Platte des Ladentisches die Spuren der dort ge- 
schenkten Getränke gefunden und zwar in aufgetrockneten Eingen, welche 
den Füssen der Trinkgeschirre entsprechen. In den meisten dieser Getränke 
war Honig. Gegenüber dem Ladentisch pflegt die Treppe 4 angebracht zu sein, 
an der vorüber ein Eingang in die Ladenzimmer 5 fühlt, über die nun vollends 
Nichts zu sagen ist. Auch die folgende hübsche Restauration unseres Ladens 

bedarf keiner Erklärung, 
wir machen nur wieder- 
holt darauf aufmerksam, 
dass diese weitoflfenen 
Läden mit ihren bunten 
Facadenpfeilern , ihren 
mancherlei Waaren und 
ihrem tiefschattigen In- 
nern den Hauptschmuck 
der kahlen Häuser und 
Strassenfronten abgeben, 
was angesichts unserer 
Abbildung unsern Lesern 
einleuchten wird. Sodann 
ist noch daraufhinzuwei- 
sen, dass die Pfeiler rechts 
und links von der weiten 
Oeffhung dazu benutzt 
wurden, um die Aushän- 
geschilder und Laden- 
zeichen aus Thon einzu- 
lassen oder häufiger noch 
anzumalen. Diese angemalten oder plastischen Ladenzeichen bieten uns denn 
auch die Möglichkeit , die ursprüngliche Bestimmung des einen und des an- 
deren Ladens in Pompeji nachzuweisen. Ein Milchhändler z. B. in einem 
Laden der Thennen hat eine Ziege an seinem Ladenpfeiler in Terracottarelief 
angebracht, ein Bäcker die ßeliefdarstellung einer von einem Maulthier 

Ol erbeck, Pompeji. ^ • 




Figur 183. Restaurirte Ansicht eines Ladens. 



^ 



258 II. Viertes Capitel. 




getriebenen Mühle (s. Fig. 184) von der unten zu erklärenden Art ; an deuiLaden- 
pfeiler eines Wein Händlers fand man ebenfalls in Thonrelief zwei Männer, 
die eine Weinainphora an einem Stock auf den Schul- 
tern tragen, während ein anderer, ungleich geschmack- 
voller als die meisten übrigen Kleinhändler, einen recht 
leidlichen Bacchus, der eine Traube ausdrückt (abgeb. 
Mus. Borb. 3. 50), auf seinen Ladenpfeiler hatte malen 
lassen. Andere Zeichnungen auf den Pfeilern sind ihrer 
Bedeutung nach nicht ganz sicher, so der Anker aiif 
dem Eingangspfeiler der Casa del ancoray das 
Figur 184. Reliefdarstel- Schiff auf einem Pfeiler der Casa del naviglio, 
ung an ^^^^ ^ ®^" welches letztere man als das Zeichen des Verkaufs der 
zur Schiffahrt nöthigen Gegenstände betrachtet 
Zweifelhaft ist auch die Bedeutung der mehrfach an Schenken vorkommenden 
Schach- oder Damenbreter (siehe z. B. unsere Ansicht Figur 16), da 
aber die Alten das Bretspiel kannten, so mag durch diese Aushängeschilder 
angezeigt worden sein, dass man in diesen Localen auch sein Spielchen machen 
konnte. Ein einzeln vorkommendes Schild eines Ladens an den Thermen neben 
dem des Milchhändlers, welches einen Gladiatorkampf darstellt, dem Laden 
den Namen der Gladiatorschule verschaffi hat und an die Verse des Horaz Sat 
2. 7. 71 ff. erinnert, erklärt sich vielleicht aus der Vergleichung der Sitte in 
modernen Matrosen- und Handwerkerkneipen, auf deren Schildern auch oft 
die G^ste gar anmuthig abconterfeit zu sehn sind. Der Laden wäre danach be- 
sonders von Gladiatoren besucht worden. Unter dem Bildchen steht in vorzüg- 
licher und dem Stande der Gäste angemessener Orthographie, nämlich ABIAT 
VENEREM POMPEIIANAMA IRADAM QVI HOC LAESEEIT (d. i. 
haheat Veiie^'em Pompeianam iraiam qui hoc laeserif) eine Verwünschung 
dessen, welcher das schöne Gemälde beschädigen würde, merkwürdig ausser 
durch die Orthographie und Grammatik und die Nennung einer pompejanischen 
Venus durch die Uebereinstimmung mit einer noch heute in Neapel gebräuch- 
lichen Verwünschungsformel : abbta la Vettere ! Ausser den Ladenzeichen und 
dem ihnen Verwandten wurden auf die Pfeiler der Läden vielfach noch die 
bekannten symbolischen Schlangen als talismanische Zeichen zur Abwehr von 
Unheil angemalt , hie und da wohl auch noch ein anderer Schutzgenius (geniui 
loci), und dieselbe oder ähnliche Bedeutung werden auch die Phallen haben, 
welche mehrfach an den in Rede stehenden Stellen und neben Hauseingängen 
in Pompeji vorkommen. 

Wenn wir nun alle Merkmale, die sich bieten, zusammenfassen, so können 
wir die folgende kleine Reihe von Handwerken und Gewerben in Pompeji 
nachweisen. Die Werkstatt eines Grobschmiedes oder eines Wagners hegt 
in der Strasse vom herculaner Thor unfern des zweiten Brunnens an der Vor- 
derseite eines geräumigen Hauses, welches jedoch ausser einem ziemlich bedeu- 



r 



Die Privatgebäude. 259 




tenden Keller nichts besonders Bemerkenswerthes bietet. Auch die Werkstatt 
an sich enthält von Nennenswerthem höchstens eine kleine Nische für den 
Schutzgenius, die nicht uninteressanten und charakteristischen Werkzeuge sind 
in das Museum geschafft. Man fand mehre Hebebäume , von denen einer am 
oberen Ende in einen Schweinefuss ausgeht, Hammer, Zangen, eiserne Zirkel 
und andere Geräthe , Wagenachsen und die Felge eines Bades. Grösseres In- 
teresse gewährt eine Töpferei in einem der Läden links an der Gräberstrasse 
namentHch durch den eigenthümlichen Ofen zum Brennen der Geschirre. Der- 
selbe ist gemauert und zwar mit doppelter Höhlung , der untere Theil, in wel- 
chen die Feuerung gethan wurde, ist mit einer flachen, von vielen kleinen 
Löchern durchbrochenen Wölbung gedeckt, um die Hitze in den oberen Kaum, 
in den die Gefässe gestellt wurden, leicht durchdringen zu lassen. Dieser obere 
Baum ist mit einem Kuppelgewölbe gedeckt, bei dem 
zum ersten Male nachweisbar jene ingeniöse Construc- 
tion vorkommt, welche bei der Kuppel von S. Vitale 
in Bavenna und bei der grossen Sophienkirche in Con- 
stantinopel im Grossen verwendet, so weite Kuppel- 
wölbungen allein ermöglichte. Die Wölbung besteht 
nämlich aus eigen geformten Töpfen , welche in einan- 
Fio-ur 1S5. ^^^ gesteckt und in einer regelmässigen Spirale gewun- 

Ofenkuppel aus Töpfen. den Dauer und Leichtigkeit vereinigen. In der 1 85. Figur, 
welche die Ofenkuppel zeigt, sehn wir bei a eine Probe 
der Töpfe vonS.Vitale,inidiederpompejanischen. Hiernächst ist kurz die s. g. 
easa delle forme dt creta, das Haus der Gypsformen, zu nennen, welches 
«einen Namen der Auffindung ziemlich vieler Formen aus Gyps verdankt und 
^rahrecheinlich von einem Stuccateur bewohnt wurde. 

Unfern des ersten Brunnens in der Strasse vom herculaner Thor liegt eine 
Seifenfabrik; so nennt man wenigstens diese Werkstatt , in deren einem 
Zimmer man eine beträchtliche Menge Kalk fand , aus dessen fetter, taigartiger 
Masse man schliesst, dass er zur Seifenbereitung zugerichtet gewesen sei. In 
dem anstossenden Zimmer standen fünf ovale, mit sehr hartem Stucco überzo- 
gene Gefksse von Stein , welche bei der Seifensiederei gebraucht wurden. Da 
nach einem bekannten Ausspruch die Cultur nach dem Seifenverbrauch eines 
Volkes bemessen werden kann, so freut es uns, eine zweite Seifensiederei 
in Pompeji an der Pantheonstrasse nachweisen zu können , die freilich kein 
interessantes Detail bietet. Doch nicht nur Seife verbrauchten die Pompejaner, 
ihre Kosmetik stand natürlich auf der sehr beträchtlichen Höhe der damaligen 
Zeit, die es getrost mit irgend einer anderen in Bezug auf den Eeichthum an 
Salben, Oelen, Essenzen und sonstigen Wohlgerüchen aufnehmen kann. Aber 
nicht allein in der Art , wie wir sie brauchen , wurden Parfümerien in dieser 
Zeit verwendet , auch beim Gottesdienst und Opfer , zur Leichenbalsamirung 
nnd noch anderen Zwecken verbrauchte man Weihrauch und Essenzen. Hierauf 

17* 




260 II. Viertes Capitel. 

beziehn sich die Bilder eines Ladens an der Ecke der Sti*ada di Merciirio und 
der kleinen Parallelgasse der Fortunastrasse ^ den man von einem Parfu- 
meur und Weihrauchhändler bewohnt denkt. Das eine dieser Bilder oder 
Aushängeschilder stellte einen Opferer dar, der einen Stier zum Altar führt, dabei 
wird Weihrauch gebraucht : hier ist er zu haben ! Auf dem andern Bilde trugen 
vier Männer eine grosse Kiste , imi welche Ge&sse für Flüssigkeiten hingen, 
das ist offenbar ein Bild des Importe der hier verkauften trocknen und flüssigen 
Düfte. Darüber war ein drittes Bild , auf dem ein Leichnam zum Verbrennen 
gereinigt und gesalbt wird, durch welches der Händler sich vorkommenden Falls 
auch zur Leichenbalsamirung mit seinen Waaren empfahl. — Alle drei Bilder 
sind jetzt ganz erloschen und man hat versäumt sie zu rechter Zeit zu copiren. 
Der nicht gar zu fernen Verwandtschaft des Geschäftsbetriebs w^n 
nennen wir ferner zuerst die sogenannte Fabrik 
von Chemiealien neben dem Hause des Lu- 
cretius am Quadrivto della Fortuna oder der 
Strasse zum Odeum. Verbürgen wollen wir uns 
freilich nicht für die Richtigkeit des Namens, 
welche durch die Auffindung eines dreifachen 
Heerdes mit eingemauerten Kesseln wenigstens 
Figur 186. nicht unbedingt bewiesen wird. Die Verkaufs- 

Dreifacher Heerd mit Kesseln, laden liegen zu beiden Seiten des Eingangs in das 

Haus 9 welches kein besonderes Interesse bietet. 
Nachdem wir die Chemiealienfabrik genannt haben^ dürfen uns die Herren 
Apotheker eine Erwähnung an dieser Stelle nicht mehr verargen. Bekannt 
sind zwei Apotheken in Pompeji , die eine an der Strasse vom herculaner Thor 
gegenüber dem zweiten Brunnen an der einen Ecke der kleinen dreiseitigen 
Insula^ die andere in der Strada dei mercanti dem Chalcidicum gegenüber. 
Das Aushängeschild der ersteren zeigt eine Schlange mit einem Finienapfd im 
Mauly bekanntlich das heilige Thier Aesculaps und der Hygiea, welche aber 
bei der vielfachen Verwendung der Schlangen in Pompeji in ganz anderer Be- 
deutung in diesem Falle die Apotheke nur sehr unsicher bezeichnen würde. 
Fest steht die Bedeutung des Ladens durch die Auffindung einer Menge von 
Arzneien, Täfelchen, Pillen, eingetrockneten Flüssigkeiten in Gläsern und 
dergleichen mehr. Das merkMrürdigste Stück, das hier aufgefunden wurde, ist 
ein jetzt im Museum befindlicher Arzneikasten von Bronze mit verschiedenen 
Rlchem und mit einer Schublade unter denselben, in welcher ein kleiner Sal- 
benlöffel und ein Porphyrplättchen zum Reiben der Salben lag. Die zweite 
Apotheke ist durch in ihr aufgefundene Arzneien wie die erste bestimmt. 

Unmöglich können wir jetzt den Arzt oder Chirurgen ungenannt las- 
sen , mögen unsere Aerzte auch scheel dazu sehn , dass wir ihren antiken Col- 
inen zu den Gewerbtreibenden rechnen ,- die Schuld liegt an den Apothekern, 
namentlich an dem zweiten , dem der Arzt sehr benachbart in der Strcula dei 



Die Privatgebäude. 26 t 

mercanii wohnt, und auch an diesem Arzt selbst , der beiher Apothekerei ge- 
trieben zu haben scheint. Denn auch in seinem Hause , welches baulich nichts 
Besonderes bietet, fand man Droguen und Arzneien, ausser diesen aber eine 
Reihe sehr interessanter chirurgischer Instrumente, von denen wir später noch 
insbesondere sprechen werden. Und nun — natürlich nur der Vollständigkeit 
wegen ohne alle Nebenabsichten — wollen wir unsere Leser doch auch mit 
einem pompejanischen Barbier bekannt machen, dessen vermuthliche Bou- 
tique im feinen Stadtviertel, in der Strada di Mercurio neben der FuUonica 
liegt, übrigens ein gar bescheidenes Stübchen von nur 3"* 30 X2" 18 Grösse 
mit einer Steinbank an der einen Wand , zwei Nischen darüber und einem ge- 
mauerten Sitz in der Mitte, von dem man glaubt, dass er für die Kunden wäh- 
rend des Barbierens gedient habe. Wir garantiren hiefür nicht und überlassen 
esunsem Lesern, anstatt des trefflichen Baders einen — Schuster als ehemaligen 
Inhaber dieses Locals zu denken. 

Ehe wir gänzlich aus dieser Begion scheiden, in der es wenigstens halb- 
w^ nach Arznei und nach Chemie riecht, müssen wir noch ein Geschäft 
nennen, dessen Waaren wenigstens zum Theil Producte der Chemie sind, die 
Farbenhandlung in der Casa del archiduca di Toscana unfern des Hauses 
des Lucretius in der Strasse des Odeum, von der freilich t851 nur erst die drei 
Läden an der Strasse ausgegraben sind, die aber für uns die grösste Bedeutung 
haben. In ihnen fand man eine Menge Farben, wie sie zur Wandmalerei ge- 
hraucht wurden, theils in den Rohstoffen, Spangrün, Mennig, Kreide, Zinno- 
ber u. a., theils in präparirtem Zustand und zwar, wie die chemische Analyse 
ergeben hat, mit Harz versetzt, so dass diese Farben für die enkaustische Ma- 
lerei gedient zu haben scheinen , von der wir später reden werden. Ausser den 
Farben fand man noch eine beträchtliche Menge rohen Harzes und eine Anzahl 
kleiner Mühlen in der demnächst darzustellenden Art der Mahlmühlen, etliches 
Brod, ein Stück unverbrannten Holzes und nicht weniger als vierzehn Ge- 
rippe. — Eine zweite kleinere Farbenhandlung haben wir schon oben im Hause 
des Fansa kennen gelernt. Die in diesem Laden verkauften Farben als Material 
der in Pompeji besonders geübten Kunst erinnern uns, dass wir auch die We r k- 
statt eines Künstlers, eines Bildhauers zu besuchen haben. Dieselbe liegt 
in der Nähe des Odeum, unmittelbar hinter dem kleinen, gewöhnlich dem Aescu- 
kp zugeschriebenen Tempel (oben S. 80), dessen Thonstatuen vielleicht das Werk 
unseres würdigen Meisters sind. In seinem Atelier fand man ausser allen Ge- 
räthen zur Steinsculptur , wie sie noch heute gebraucht werden, Meissel und 
Hammer, Spitzeisen und Steinbohrer, Feilen u. dgl. m. , mehre Marmorstatuen *), 



2 Ich gebe diese Notizen auf die Auctorität eines wissenschaftlich sehr niedrig stehen- 
flchelchens unter dem Titel: »Die Ruinen von Pompeji, aus dem Französischen des 
Stanislao d'Aloe.« Berlin 1S54, welches aber in Bezug auf derj^leichen Thatsächliches immer- 
hin Beachtung verdient , weil der Verfasser Mitglied der Direction des Museums und der 
AttsgrabuBgen ist. 



262 II. Viertes Capitel. 

von denen einige noch nicht ganz vollendet^ andere halbfertig oder angefEOigen 
und zwei erst ganz aus dem Groben gearbeitet waren. Man hat sie in das Mu- 
seum in Neapel geschafft , publicirt aber sind sie noch nicht , was in Rücksicht 
auf die an ihnen ohne Zweifel deutlich vorliegenden Kunstgriffe der Punktirung 
u. a. zu beklagen ist. Neben dem Bildhauer dürfen nun auch die Gold- 
schmiede genannt werden. Die Läden eines derselben, des Inhabers des 
homerischen Hauses , kennen wir von der Besprechung desselben ; dass in der 
Strasse hinter oder neben dem Chalcidicum, die jetzt den Namen der strada 
dei mercanti führt und früher strada dei orißci hiess, mehre Goldschmiedläden 
liegen , ist auch schon früher erwähnt worden. Aus einer Inschrift, in der die 
aurißcea universi genannt werden , ersehen wir , dass die Goldschmiede eine 
Zunft oder Corporation (collegium) bildeten , wie gleicherweise die Sackträger, 
die Eseltreiber, die Obsthändler und andere. 

Eigentliche Kramladen sind in Pompeji nicht bekannt, nur den Laden 
eines Oelhändlers können wir in der Strasse zum Odeum nachweisen, in 
welchem die Thonbank mit einer Platte von Cipollin und grauem Marmor be- 
deckt und nach vorn mit einer runden Porphyrplatte zwischen zwei Eosetten 
verziert ist. In diesen Ladentisch sind acht Thongefässe eingelassen , in deren 
mehren man Oliven und verdicktes Oel fand. Eine neunte grosse Vase stand 
in der Ecke des Ladens, wo auch ein Heerd gefunden wurde, sowie eine kleine 
Cisteme ebenfalls für Oel. Auf dem gemauerten Kepositorium fand man den 
angeklebten Fuss eines Bronzegefässes und in dem Laden einige Gold- and 
Silbermünzen. 

Genaueres als über die bisher kurz aufgeführten Erwerbszweige und die 
Locale , in denen sie betrieben wurden , können wir über zwei Gewerke bei- 
bringen, erstens über Bäckerei und zweitens über Tuchwalkerei. 

Es sind, auch abgesehen von den Privatbäckereien in mehren Häusern 
Pompejis, wie z. B. in der Casa dei Laberinto (oben S. 236), mehrfache ge- 
werbmässig betriebene Bäckereien aufgefunden und uns zum Theil bereits be- 
kannt, so diejenige im Hause des Sallust und die im Hause des Pansa, zu 
denen noch eine andere am Vico storto kommt. Dicht neben der Bäckerei im 
Hause des Sallust an der Strasse zum herculaner Thor liegt die bedeutendste 
in Pompeji, welche der Besitzer im eigenen ganzen Hause betrieb. Diese und 
die in ihr aufgefundenen Mühlen und anderen Geräthe und Einrichtungen 
wollen wir zum Beispiel und Muster bei einer genaueren Betrachtung nehmen. 
An der Strassenfront liegen rechts und links vom Eingang 1 Fig. 187 zwei 
Läden, die aus drei Eäumlichkeiten 2, 3, 4 und 5, 6, 7 bestehn, jedoch keine Ver- 
bindung mit dem Innern des Hauses haben, in denen also unser Bäcker nicht sein 
eigenes Geschäft betrieb, sondern die er anderweitig vermiethete. Die Bäckerei 
in Pansa's Hause hangt dagegen mit einem Laden zusammen, so dass es zu viel 
behauptet ist, wenn einige Schriftsteller angeben, keine Bäckerei habe ihre 
Waare im Hause feilgehalten, sondern das Brod sei auf transportabelen Tischen 



Die Privatgebäude. 



263 




-^-i-H-Hjr 



im Forum verkauft worden , wie ein Gemälde aus Herculaneuni (abgeb. Anti- 
chitä diErcolano 2. 43) es darstellt. Das Atrium unserer Bäckerei 8, in welchem 
^ rechts die Treppe in das obere Stockwerk 9 
liegt ^ zeigt vier starke Pfeiler um das Implu- 
vium als Träger der Decke, welche nach siche- 
ren Anzeichen nicht ein schräges Dach, son- 
y,- ,^^OT^^ ■ ^^"^ ^^^^ Terrasse oder ein rundumlaufender 
/^ ff^^^ grosser Balcon war. Zu beiden Seiten des 
^■B K^^^^^ Atrium liegen je zwei cubicula 10, 11 und 12, 
I ^ H ^rl ^^y das letzte mit gemauerten Tischfüssen. In 

der Mitte des Hintergrundes sehn wir eine Art 

von Tablinum 14, durch welches man in die 

Werkstatt selbst eintritt. Der Hauptraum die- 

_ ser Werkstatt hinter dem Tablinimi, von des- 

ihJ y^dj ^^^1 *^^ gegenwärtigem Zustande wir in der Ab- 

^1 ^ '^^^nfrl bil<lung an der Stirn dieses Abschnittes (Figur 

laJoHf piUU ^/l ISl) eine aus dem Punkte a im Plan ausser- 

j l'l^l'^l J '^^'^ ^^^ Posticums aufgenommene Ansicht ge- 

^^^ I Iäiiiii* ==--^^ ^^^ ^^ Mühlenhaus 1 5, ist 1 "» 20 X 8 " gross 

und enthält als ersten Gegenstand von grossem 
Interesse vier Mühlen b, welche in Form eines 
verschobenen Vierecks gegen einander gestellt 
lind, um den Baum weniger zu beengen, als sie bei einer den Wänden par- 
allelen Stellung gethan haben würden. Zur Würdigung dieser Maschinen sen- 
den wir vorauf, dass, obwohl um die Zeit, von der wir reden, Wassermüh- 
len bereits bekannt waren, welche ein Epigramm der griechischen Anthologie 
poetisch preist und Vitruv ganz klar beschreibt, Windmühlen nicht erfun- 
den, und alle Vorrichtungen zum Mahlen des Getraides lange Zeit sehr unvoll- 
kommen waren , so dass Orte , welche kein fliessendes Wasser in ihren Eing- 
mauem hatten, wie Pompeji, auf den Gebrauch von Mühlen angewiesen waren, 
die entweder durch Menschenkraft oder die von Zugvieh getrieben wurden. 
Derartige Mühlea sind überhaupt die ältesten ; schon bei Homer drehen die 
Sclavinen die Handmühle, welche das noch ältere Instrument zum Zerdrücken 
des Getraides, Mörser und Stössel, verdrängt hatten. Dass namentlich in Ita- 
lien das Zerstossen des Getraides das Ursprüngliche ist , wird uns bezeugt und 
liegt schon in dem Namen pistor, des Bäckers, der zugleich Müller ist. Wann 
das ungleich vorzüglichere Princip , das Korn durch Reibung grosser Steine 
zerdrücken zu lassen, aufgekommen sei, ist nicht genau zu ermessen, vielleicht 
dürfen wir annehmen, dass die Neuerung in Rom erst in der Zeit ein- und 
durchdrang, als in Rom eigene Bäcker aufkamen, während früher jede Haus- 
haltung ihr eigenes Brod mahlte und backte oder, noch richtiger, als einen Mehl- 
brei kochte. Es wäre nicht unmöglich , däss die Einführung der Bäckerzunft 



Figur 187. Plan der Bäckerei. 




264 II. Viertes Capitel. 

in Born im Jahre 480 der Stadt (273 v. Chr.) wenn nicht mit der von irgend 
welchen Mühlen überhaupt, so doch von stehenden Mühlen in grösserem Mass- 
stabe zusammenhinge, welche offenbar eine grosse Reform in der Brodberei- 
tung hervorrufen mussten , indem erst sie im Stande waren , wirklich feines 
Mehl zu liefern. Mühlen wie die in unserer Bäckerei gefundenen scheinen die 
um diese Zeit allgemein gebräuchlichen gewesen zu sein, und fanden sich 
ebenso, nur weniger gut erhalten, in den anderen Bäckereien Pompejis. Die 
folgende genauere Betrachtung wird zeigen , dass diese Maschinen, obwohl mit 
unseren Mühlen verglichen noch unvollkommen , doch 
sinnreich genug construirt waren und im Stande , ein 
ziemlich feines Product zu liefern. Unsere Abbildung 
^ j Figur 188 zeigt eine Mühle halb (rechts) in äusserer An- 

r^^BÄ sieht, halb (links) im Durchschnitt. Die Grundlage bil- 

det ein schwerer, scheibenförmiger Steinblock a, in 
welchen eine rundumlaufende Einne b eingehauen ist; 
Figur 188. Mühle. in ihr sammelte sich das fertige Mehl, welches mit den 
Händen herauszunehmen war. Auf diesem flachliegenden 
Stein erhebt sich, entweder mit ihm aus einem Block gearbeitet oder in ihn 
eingelassen ein kegelförmiger Stein c mit etwas geschwungenen Profillinien. 
Dieser bildet den einen Reiher, der andere besteht aus einem ausgehöhlten 
Doppelkegel oder Doppeltrichter d in Form unserer Sanduhren , welcher über 
den festen Conus gestürzt ist und um denselben gedreht wird. Der obere Trich- 
ter diente, um das zu mahlende Getraide aufzunehmen, welches durch die beide 
Trichter verbindende Oeffnung hinabgleitend , bei der Umdrehung des Appa- 
rats allmälig zerrieben wurde und als Mehl in die Rinne des Grundsteins fiel. 
Nachdem wir so das Grundprincip kennen gelernt haben, sind noch einige 
feinere Einzelheiten zu betrachten, deren Kenntniss wir dem glücklichen Um- 
stände verdanken, dass der französische Architekt Mazois bei der Ausgrabung 
unserer Mühle anwesend war, und die gleich zu nennenden, aus Eisen gebilde- 
ten Theile freüich von Rost fast ganz zerfressen, jedoch durchaus erkennbar 
vorfand, was bei keiner anderen Mühle der Fall ist. 

Zunächst würde es beinahe unmöglich gewesen sein , den gegen 2 Meter 
hohen Doppeltrichter um den feststehenden unteren Reiber zu drehen , wenn 
beide aus rauhem vulcanischem Stein gearbeitete Theile mit ihrer gesammten 
^''•"""^N. m ^äche auf einander gelegen hätten. In den feststehenden un- 
teren Reiber ist daher ein starker eiserner Zapfen a Figur 189 
eingelassen, während die Oeffnung des Doppeltrichters an ihrer 

T-,. , ^^ schmälsten Stelle durch eine dicke , von fünf Löchern durch- 
Figur 189. ' 

Eiserner Zapfen bohrte Scheibe b von demselben Metall verschlossen ist. In 
und Drehscheibe, ^g mittelste und grösste dieser filnf Löcher passte der feste 
Zapfen des unteren Reibers und folglich bewegte sich der steinerne Doppel- 
trichter um diesen Zapfen, während das Getraide durch die vier kleineren Löcher 



®Ä 



Die Privatgebfiude. 265 

iwischen die Reiber fiel. Indem nun so der obere Reiber uin ein Geringes 
von dem unteren gehoben war, entstand zwischen beiden ein enger Zwischen- 
raum, welcher vermöge der geschwungenen Profillinie der Reiber oben und 
unten etwas weiter, bei dem Punkte e Fig. 188 am engsten war. Hier war es 
also, wo eigentlich das Korn zerdrückt und zerrieben wurde, und diesem Punkte 
fiel es vermöge der Erweiterung des Zwischenraumes nach oben um so lebhafter 
ni. Wäre der Zwischenraum von oben bis unten gleich weit gewesen , so /hätte 
man nur dann feines Mehl erhalten, wenn die Steine sich fast ganz berührt 
hätten, und dann wäre wieder die Reibung so gross gewesen, dass sie nur durch 
die doppelte oder dreifache Kraft hätte überwunden werden können, die jetzt 
erforderlich erscheint, abgesehn davon, dass die ganze Operation durch den 
langsameren Zufall des Getraides unsäglich verlangsamt worden wäre. Die 
Vorrichtung zum Bewegen des oberen Reibers besteht aus hölzernen Balken, 
welche entweder am Zusammenstoss der beiden Trichter eingelassen waren, 
wie dies bei unserer Mühle der Fall war, oder welche in einer etwas compli- 
cirteren Weise, welche wir aus einem Sarkophagrelief im Vatican kennen, mit 
dem oberen Theile des Reibers verbunden waren. An diesen Balken oder Stan- 
gen schoben nun Menschen, natürlich meistens Sclaven , und diese Arbeit war 
die härteste von allen, ; welchen die Sclaven sich zu unterziehn hatten, so dass 
man sie zur Strafe für Vergehungen in die Mühlen sandte. Jedoch übertrug 
man die Drehung der Mühle in vielen Fällen auf Thiere , Esel oder Maulesel, 
und dass dies auch in unserer Bäckerei der Fall gewesen sei , lässt sich erstens 
daraus schliessen, dass der Umgang um die Mühlen, wie unser Plan und unsere 
Ansicht es angeben, gepflastert, während im Uebrigen der Fussboden mit 
Estrich belegt ist, zweitens daraus, dass sich neben dem Mühlhause in 16 der 
Stall mit der steinernen Krippe befindet, in welchem Mazois einige Reste von 
Hanlthierknochen fand. Die Art, wie die Thiere an die Balken der Mühle an- 
gespannt wurden, finden wir freilich nur in roher Weise in dem oben (Figur 
184. S. 258 mitgetheilten Aushängeschild einer Bäckerei dargestellt. Es be- 
greift sich, dass wenn man die Balken, an denen geschoben oder gezogen wurde, 
in ein Kammrad vervollständigte, man dieses auf die einfachste Weise mit 
einem Wasserrade in Verbindung setzen konnte. Das ist die Einrichtung, 
welche Vitruv beschreibt. 

Links von den Mühlen sehn wir auf unserer An- 

^""^^^^'^^^ sieht den Backofen , 1 7 auf dem Plan , von dem wir 

hiemeben einen Durchschnitt geben Figur 190. Aus 

diesem ist ersichtlich, mit welcher Sorgfalt man die 

t ^^ Hitze des Ofens zu benutzen strebte, indem der eigent- 

^JfBjJKJÜ^ liehe innere gewölbte Ofen a von einem ringsum wohl 

ffBffy ."j rzv^^ """ ^ verschlossenen viereckigen Vorraum h umgeben ist, 

Fieu 190 D h h ^tt ^^' ^^^ erhitzte Luft festhielt. Durch d zog der Rauch 

des Backofens. ab, e ist der Aschenbehälter. Der Backofen steht ver- 



■j 




266 II. Viertes Capitel. 

möge einer massigen Oeffnung c mit den beiden anstossenden Zimmern 18 und 
19 auf dem Plan in Verbindung. In dem ersteren dieser Zimmer fand man die 
gemauerten Füsse eines grossen Tisches, dessen hölzernes Blatt verkohlt ist, 
und der offenbar zum Formen des Brodteiges diente. Das geformte Brod wurde 
durch die erwähnte Oeffnung c links in den Vorraum des Backofens gebracht, 
wo der Bäcker dasselbe empfing und in den inneren Ofen schob. War es gar 
gebacken , so wurde es durch c rechts weiter in das Kühlzimmer 1 9 gebracht. 
Neben dem Backofen steht ein halb eingemauertes Gefäss von Thon , / im 
Durchschnitt, welches entweder Mehl zum Bestreuen der Platten enthielt oder 
wahrscheinlicher Wasser zum Befeuchten des halbgaren Brodes, um seine 
Rinde glänzender zu machen. In dem Raum des Mühlensaales scheint auch die 
Hauptbereitung des Brodteiges vor sich gegangen zu sein , c im Plane bezeich- 
net eine Brunnenmündung mit einem daneben stehenden thönernen , halb ein- 
gemauerten Gefässe , d gemauerte Füsse eines sehr niedrigen Tisches oder des 
Backtrogs, in dem man den Teig knetete , der zur Abwägung und Formung in 
das anstossende Zimmer getragen wurde. Ueber dem Brunnen und dem Was- 
serbehälter ist ein Bild in zwei Zonen ; die obere stellt die Verehrung der Göt- 
tin des Backofens, FornaXy die untere die bekannten zwei symbolischen 
Schlangen dar. In dem Stalle ist eine gemauerte Tränke, welche durch die 
Wand in das Nebenzimmer 20, offenbar das Schlafzimmer des Mühlensclaven, 
reicht und von diesem aus mit Wasser versehn worden zu sein scheint. — Ab- 
bildung von Broden, wie sie in Pompeji gebacken wurden, geben wir im 
artistischen Thcil in dem für die Malerei bestimmten Capitel unter anderen 
Gegenständen der Stillebengemälde. — 

Ehe wir die Bäckerei ganz verlassen , um uns in der Werkstatt der Tuch- 
bereiter umzusehn, wollen wir noch bemerken, dass man hinter dem Hause der 
Figurencapitelle {capitelli ßgurati) an der Pantheonstrasse die Werkstatt eines 
Kuchenbäckers aufgefunden hat, welche deutlicher als durch die kleineren 
Mühlen (ptsirilla) und den Doppelofen dadurch bezeichnet wird, dass man in 
dem Locale zwei Kuchen noch vorfand, welche in das Museum gebracht sind; 
der eine stellt eine Art von Krone dar. — 

Die Fullonica oder Tuchwalkerei, 1827 an der Strasse des Mercur ent- 
deckt , ist in allen zum Geschäftsbetrieb wesentlichen Theilen eben so gut er- 
halten, wie die Bäckerei , und nimmt ein fast eben so bedeutendes Interesse in 
Anspruch wie jene. Der Plan des ganzen Gebäudes Figur 191 ist so einfach, 
dass wir uns mit einem flüchtigen Blick in demselben zu orientiren vermögen. 
An der vorderen Strassenfronte liegen links vom Haupteingange vier Läden 
1, 3, 5, 6 ohne Zusammenhang mit dem Innern des Hauses, die also vom Eig- 
ner vermiethet waren und zwar die beiden ersten mit einem hinteren Laden- 
zimmer 2 und 4 , diese und der dritte ausserdem mit einem oder mehren Zim- 
mern im oberen Geschoss , wie sich aus den Treppen ergiebt. Neben der sehr 
geräumigeYi Hausflur 8 liegt ein durch ein Fenster von der Strasse her erleuch- 



Die Privatgeb&ude. 



267 



tetes Gemach 1, welches man nur sehr uneigentlich als cella osiiarti betrachten 
darf, welches vielmehr bestimmt gewesen scheint , um die eingehenden Bestel- 
lungen und Arbeiten in Empfang zu nehmen. Etwas weiterhin am Hausgang 




"-5^^^ 



Figur 191. Plan der Fullonica. 



finden wir in 9 ein ganz räthselhaftes Kämmerchen von nur 1 D Meter Grösse, 
welches wohl ein Fenster auf die Hausflur, aber keine Thür hat. Ali diesen 
Zinunem vorbei gelangt man in das Atrium 1 , oder vielmehr in den Baum, 
der unrichtiger, wenigstens uneigentlicher Weise gewöhnlich mit diesem Namen 
bezeichnet wird , eigentlich aber als Peristyl zu betrachten ist. Der breite Um- 
gang um das Viridarium wird von zwölf massiv gemauerten Pfeilern getragen, 
über denen wahrscheinlich , nach Schäften zu urteilen , die man zertrümmert 
auf dem Boden fand, eine obere Säulenstellung sich erhob, welche eine Gallerie 
vor den Zimmern des ersten Stockes bildete. Zwischen den Pfeilern dem Ein- 
gang gegenüber befindet sich das Puteal c und ein Marraorbassin mit einem 
Springbrunnen J. An dem mit a bezeichneten Eckpfeiler befanden sich dem 
Kunstwerthe nach gering, dem Gegenstande nach interessante Gemälde, welche 



268 



II. Viertes Capitel. 




Figur 192. Gemälde aus der Fullonica. 



verschiedene Scenen , Verrichtungen und Geräthe der Tuchwalkerei darstellen 
und in das Museum in Neapel gebracht sind. Auf dem ersten derselben Figur 

192 sitzt im Vordergrunde 
eine reich bekleidete Frau, 
welche aus den Händen ei- 
ner jungen Arbeiterin ein 
Stück Zeug, es scheint eine 
Binde (Tänie) zu sein, em- 
pfängt. Im Hintergrunde ist 
ein hochgeschürzter und nur 
mit der Tunica bekleideter 
Arbeiter beschäftigt, einen 
Mantel mit purpurnem Saum 
auszubürsten oder mit den 
Karden aufzukratzen , wäh* 
rend ein zweiter, eben so be- 
kleideter, aber mit Oliven be- 
kränzter die Räucherpfanne 
und das Drahtgestelle her- 
beiträgt, über welches die 
Stoffe zum Schwefeln gelegt wurden. Minervens, der Göttin der Handarbeit, hei- 
lige Eule sitzt auf diesem Drahtgestelle. Ein zweites Bild zeigt uns vier in vieler 

Beziehung seltsam genug 
aussehende Arbeiter, be- 
schäftigt die Stoffe in run- 
den Bütten oder Kummen zu 
waschen. Der mittelste dop- 
pelt so gross als seine Ge- 
nossen gebildete Arbeiter 
tritt das Zeug mit den Füs- 
sen aus und stützt sich da- 
bei mit den Händen auf 
eine niedrige Mauer, welche 
nischenartig behandelt die- 
sen Eaum Yon anderen ab- 
zugrenzen scheint. Auf der anderen Seite des Pfeilers sah man ein drittes 
Bild, in welchem eine Vorsteherin mehren Arbeitern Befehle ertheilte, während 
im Hintergrunde auf einer unter dem Boden hangenden Stange Tuch zum 
Trocknen aufgehängt ist. Ein viertes Bild endlich (siehe Figur 1 94) zeigt uns 
die Zeugpresse, die wir um so weniger zu erklären brauchen, je genauer die- 
selbe mit den bei uns gebräuchlichen fast in all' und jeder Beziehung über- 
einstimmt. — 




Figur 193. Gemälde aus der Fullonica. 



Die Privatgebäude. 



269 




Figur 194. Zeugpresse. 



Ueber die um das Peristyl gelegenen Zimmer nur wenige Worte. Das erste 
am Eingänge links 11 ist ein Schlafzimmer, dessen Bettalkoven durch jenen 

seltsamen Baum ohne Thüren abge- 
grenzt wird. Von der ziemlich ele- 
ganten Decoration sind besonders 
zwei Bilder zu nennen^ welche leichte 
Wagen, den einen von zwei Hirschen 
(Diana), den anderen von zwei Pfauen 
J ! ! 3 L i (Juno) gezogen darstellen. Der Fuss- 

^f\ [y j [-i I boden besteht aus dem in Pompeji 

so gewöhnlichen weissen Mosaik mit 
schwarzer Borde. Das Zimmer bekam 
ausser durch dieThür durch ein Fen- 
ster vom Gange her Licht und öffnete 
sich zugleich in das anstossende Ge- 
mach 12, eine Exedra, welche wie- 
derum mit einem zweiten cuhiculum 
1 3 in Verbindung steht. Der Gemäl- 
deschmuck der Exedra ist ziemlich 
reich, aber ohne- sonderlichen Kunstwerth, die beiden nennenswerthesten 
Hauptbilder auf den Wänden rechts und links zeigen Venus und Adonis imd 
Hieseus als Sieger über den Minotaur. An der linken Seite des Peristyls 
bemerken wir zuerst ein oecusartiges grosses Gemach 14, wiederum mit 
weiss und schwarzem MosaXkfussboden, im Uebrigen aber ohne nennens- 
▼erthen Schmuck. Die Vermuthung liegt sehr nahe, dass wir hier einen 
Haapttheil der Werkstatt, nicht einen Salon zu erkennen haben. Sodann fol- 
gen zwei kleine cubicula 15 und 17, je mit einem procoeton 16 und 18. Den 
Hauptraum 19 des folgenden Complexes von Räumlichkeiten nimmt eine 
Privatbäckerei ein, in der ein grosser Backofen d steht, an den die gemauer- 
ten Fasse des Backtisches e sich anlehnen und vor dem sich ein gemauerter 
offener Heerd f befindet, der uns zeigt, dass man den Baum zugleich als 
Küche benutzte. Vor dem Back - und Küchenzimmer sehn wir einen schma- 
len Grang 20, dessen Zweck schwer anzugeben sein dürfte, und am Ende des- 
selben ein ganz schmuckloses Zimmer 21 , das wir wohl als Speisekammer 
oder Vorrathszimmer betrachten dürfen. Ueber die Bedeutung und Bestim- 
mung der vier unter sich verbundenen Bäume am Ende des Peristyls lässt 
sich nicht absprechen, sicher ist nur, dass in 25 ein Vorplatz des Posticum zu 
erkennen ist, und wahrscheinlich, dass in 24 das Closet war. Ob das grössere 
Zimmer 22 zur Werkstatt gehörte und etwa die Presse enthielt oder den 
Trockenraum bildete, und ob das kleinere und dunkele Nebenzimmer 23 als 
Magazin diente, vermögen wir nicht anzugeben. An der Hinterwand des Peri- 
styls befinden sich vier grosse gemauerte Wasserbehälter 26 in verschiedenem 



270 II. Viertes Capitel. 

Niveau und unter einander verbunden, so dass die Flüssigkeit aus dem einen 
in den andern ablief. Sowie an Erhebung über den Boden unterschieden sie 
sich auch an Tiefe, der erste ist 1 " 15, der letzte nur " 50 tief. Das Mauer- 
werk dieser Behälter bildet vor denselben eine ziemlich breite Estrade, welche 
man an der Seite des höchstgelegenen Behälters links auf einer Treppe besteigt. 
Am rechten Ende der Estrade finden wir in 27 eine Reihe von sechs jener klei- 
nen Zellen, welche uns das eine der oben betrachteten Gemälde zeigt, und 
deren Zweck, die Aufnahme der Waschbütten wir danach bestunmt nachweisen 
können. Üass die grossen Behälter einen anderen Zweck hatten, ist wohl klar; 
am wahrscheinlichsten wurden sie zur Färberei gebraucht. Neben der Treppe 
sehn wir links im Niveau des Viridariums ein unregelmässig gestaltetes Mar- 
morbecken für Wasser 28, während links zwischen der Treppe und einer nie- 
drigen Mauer ein Abfluss der Wasserrinne angebracht ist, welche den Peristyl- 
hof umgiebt. Am Ende des linken Peristylganges finden wir endlich bei 29 
noch einen isolirten und zwar im Niveau des Bodens liegenden Behälter un- 
gewisser Bestimmung. 

Ein sehr bezeichnender Baum ist das gewölbte Zimmer 30 rechts am Peri- 
styl, in welchem wir an der linken Wand eine grosse gemauerte Wanne imd 
an der rechten einen Steintisch zum Ausschlagen der Wäsche mit dem noch 
heute in Italien und auch sonst gebräuchlichen Schlagholz finden. Es ist dies 
also das eigentliche Waschzimmer, welches sich auch noch durch die beträdit- 
liche Quantität von Seife zu erkennen giebt, die man in demselben gefunden 
hat. Ein kleines Schlafzimmer 31 mit seinem Procoeton 32 bildet den Schluss 
der Bäume um das Peristyl. Neben diesen Zimmern führt eine Thür in eine 
Seitenabtheilung des Hauses, welche das korinthische Atrium 33 und neben 
dem eigenen Eingang 34 links ein Schlafzimmer 35, rechts ein Sclavenzim- 
mer 36 und den Treppenraum 37 umfasst. In dem Atrium steht hinter dem 
Impluvium ein Puteal aus gebranntem Thon ^, vor demselben eine Basis oder 
ein niedriger Altar von weissem Marmor. Durch dünne Scherwände ist der 
Umgang des Atriums in mehre Abtheilungen getrennt, welche die Leser auf 
unserem Plane angegeben finden, deren Zweck aber nicht zu errathen ist. End- 
lich muss im Peristyl des Haupthauses noch eine kaum mannshohe Ummaue- 
rung eines Steinsitzes nahe am Eingang 38 erwähnt werden, obgleich wir nicht 
angeben können, welchen Zweck diese hatte. Es ist indess möglich, dass hier 
ein Sclave Bestellungen annahm oder der Cassirer die Bezahlung für beendete 
Arbeit in Empfang nahm. — 

Dritter AbschnitL 

Die Crlber and GrabdeiilLiiiäler. 

So hätten wir sie denn durchwandert die Stadt der Lebenden, und aber- 
mals stehn wir an dem Thore, durch das wir sie betreten haben. Wir durch- 







e ^ 

o — 






Die Privatgebäude. 



271 



schreiten das Thor, denn es bleibt uns noch ein Besuch bei den Wohnungen 
der Todten, die Betrachtung eines Theils der Stadtanlage von Pompeji übrig, 
welcher das mannigfaltigste Interesse sowohl in antiquarischer wie in künstle- 
rischer Rücksicht in Anspruch nimmt, der vor dem herculaner Thor gelegenen 
Gräberstrasse. Da wir diejenigen Gebäude, welche ausser Grabdenkmälern 
und dem zu ihnen Gehörigen an dieser Strasse stehn, die Villa des Diomedes, 
die s. g. des Cicero, das Haus der vier Mosaikpfeiler, die Läden und Schenken 
zu beiden Seiten theils genau betrachtet, theils wenigstens im Vorübergehn 
besucht haben, so sind wir hier in der Lage, nur diejenigen Monumente zu 
besichtigen, welche mit der Todtenbestattung in directem Zusammenhang stehn. 
Eine Ansicht der Gr^berstrasse in ihrem gegenwärtigen Zustande, von der Villa 




Figur 196. Plan der Gräberstrasse. 

des Diomedes gegen das Thor aufgenommen, haben wir als Fig. 195 an die Stirn 
dieses Abschnittes gestellt , die vorstehende Abbildung giebt einen Specialplan 
der Gräberstrasse, zu dem im Allgemeinen nur zu bemerken ist, dass die Theile 



272 II. Viertes Copitcl. 

zwischen A. A den Ausgrabungen des vorigen Jahrhunderts (1763 — 1782), die- 
jenigen zwischen B. B denjenigen der Jahre 1812 und 1813 angehören. Des 
Baumes wegen hat der Plan in zwei Hälften gegeben werden müssen, die unsere 
Leser in Gedanken leicht zusammensetzen werden. 

Zur Erläuterung der nun folgenden Monumente sind nur wenige allge- 
meine Vorbemerkungen über die römische Todtenbestattung nöthig. Es ist 
schon früher bemerkt, dass die zwölf Tafeln sowohl das Begraben wie das Ver- 
brennen der Todten in der Stadt untersagten, denn früher war es Sitte, die 
Todten im eigenen Hause zu bestatten, während nach dem Verbote man dcli 
einen Platz ausserhalb der Stadt, vorzugsweise an den Heerstrassen erwarb, um 
auf demselben das Grabmal zu errichten. Ein solcher Platz konnte auch von 
Seiten der Commune als Auszeichnung für verdiente und angesehene Personen 
geschenkt werden, wovon uns Beispiele in Pompeji vorliegen, während nur für 
die Allergeringsten, namentlich für die niedrigsten Sclaven und für hingerich- 
tete Verbrecher ein öflFentlicher Begräbnissplatz, in Bom am Esquilin, vorhan- 
den war. Die religiös gebotene Sorgfalt für die Todten in Verbindung mit dem 
Verlangen nach Pomp und Pracht und dauerndem ehrenvollen Andenken hess 
die Gräber mit der grösstmöglichen Schönheit und Eleganz ausführen, so dass 
wir selbst in dem kleinen Pompeji eine Reihe äusserst stattlicher Grabdenk- 
mäler finden, welche architektonisch zu den besten Monumenten der Stadt zu 
rechnen sind, während in der Hauptstadt ein ungleich bedeutenderer Liuus 
und eine wunderbare Pracht in den Grabmonumenten entfaltet wurde und 
namentlich die Grabmäler der Kaiser zu so colossalen Bauwerken erweitert 
wurden , dass sie beinahe mit den Gräbern der Pharaonen, den aegyptischen 
Pyramiden, wetteifern können, und dass z. B. eines, das Grabmal Hadrians, in 
späterer Zeit zu einer eigenen Festung, der bekannten und berühmten Engels- 
burg werden konnte. 

Uebcr die Sitten der Bestattung selbst sei nur das gesagt, dass, während 
in der ältesten Zeit die Beerdigung des unverbrannten Leichnams Sitte gewesen 
sein soll, in der historisch bekannten Zeit das Verbrennen der Todten allge- 
meiner Gebrauch war und erst in der späteren Kaiserzeit, namentlich unter den 
Antoninen wieder dem Beisetzen der unverbrannten Körper in Särgen und 
Sarkophagen wich, einer Sitte, der wir einen eigenen reichen Kreis von Kunst- 
werken, eine Kunstwelt für sich in den Sarkophagreliefen verdanken. Ver- 
brannt wurden die Leichen auf Scheiterhaufen, welche in einem eigenen, für 
diese bestimmten, meistens wohl ummauerten Baume errichtet wurden. Dieser 
ustrinum genannte Baum befand sich entweder als zu dem Areal der Grabstätte 
gehörend und in diesem Falle nur für die Familie bestimmt, der die Grabstätte 
eignete, an oder neben dem Grabmal, oder das ustrinum war ein für den allge- 
meinen Gebrauch bestimmter, ummauerter Baum, wie wir einen solchen neben 
Privatustrinen in Pompeji finden und um so sicherer far andere Orte annehmen 
müssen, als Inschriften vorhanden sind, welche aussagen : »an diesem Grabe 



Die Privatgebäude. 273 

darf kein Ustrinum angebracht werden. « Nach der Verbrennung der Leichen 
wurden die Knochen gesammelt^ mit Wein und Milch begossen, und nachdem 
sie wieder getrocknet waren, in eine Urne, sei es von Thon, sei es von Stein 
oder Glas oder Metall, nebst Spezereien, oft auch mit Flüssigkeiten, namentlich 
Wein nndOel gelegt. In mehren Urnen Pompeji's fand man neben den Knochen 
auch Münzen, die jedoch nicht auf das Fährgeld für Charon zu beziehen sind, 
welches man wohl unverbrannt Beerdigten in den Mund zu stecken pflegte , son- 
dern die man hier eher als Andenken, vielleicht auch als Merkmal des Datums 
der Bestattung zu betrachten hat. Die Urnen wurden im Innern der Grabmäler 
in Nischen aufgestellt, deren entweder nur eine vorhanden war, wenn das Grab 
ein Einzeldenkmal sein sollte, oder deren mehre, oft sehr viele angebracht 
waren, wenn viele Ui*nen der Mitglieder einer Familie in einem gemeinsamen 
Grabmal beigesetzt werden sollten. Bei grosser Zahl der Urnen, welche na- 
mentlich dadurch stark anwachsen konnte, dass manches Familienhaupt ausser 
fttr sich und die Seinen, auch für seine Freigelassenen Kaum in dem Grabe 
haben wollte, half man sich durch Steinbänke, welche die Mauern des Grabes 
innen unter den Nischen umgaben, und auf welche man die Urnen hinstellte. 
Wuchsen solche gemeinsame Grabmäler einer Familie oder auch einer Corpo- 
ration zu einer beträchtlicheren Zahl von Nischen in den Wänden an, so nannte 
man sie columbaria, wegen ihrer Aehnlichkeit mit Taubenschlägen. In den 
öffentlichen grossen Grabmälem in Rom hatte sich ein armer Sclave, der ein 
eigenes Grab nicht bezahlen konnte, eine Nische, olla genannt, für seine Urne 
zu kaufen, und diese ollae waren selbst Gegenstände von Geschenken, welche 
sich die Aermeren unter einander machten, wie dies Inschriften beweisen. 
Denn unterhalb der einzelnen olla wurde in diesem Falle eine kleine Inschiift 
angebracht, welche »den Namen dessen enthielt, dessen Gebeine in der Urne 
lagen und welche im Schenkungsfalle zugleich als Schenkungsurkunde abge- 
&88t wurde. Bei Privatgräbem dagegen wurde die Grabschrift aussen, der 
Strasse zugewendet, angebracht, wie wir dies in Pompeji an einer Fülle von 
Beispielen sehn können. Wenn wir nun schliesslich noch bemerken, dass die 
Grabmäler in der Regel mit einer das Areal bezeichnenden Mauer eingehegt 
waren, so dürfte Alles vorausbemerkt sein, was zum Verständniss der folgen- 
den Einzelbetrachtung und zur Vermeidung von Wiederholungen nöthig er- 
scheint ; vieles Detail werden wir am besten den Monumenten gegenüber ken- 
nen lernen. 

Den früher bereits rasch vollendeten Weg von der Villa des Diomedes 
{VB auf dem Plan) bis zum Thore durchwandern wir jetzt noch einmal, um 
die Grabdenkmäler und die zu diesen in näherer oder entfernterer Beziehung 
stehenden Monumente kennen zu lernen. Der erste Gegenstand, der unsere 
Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist der Villa suburbana gegenüber die Grab- 
stätte der Familie des M. Arrius Diomedes, 1 auf dem Plane. 

Auf einem gemeinsamen Unterbau von opus incertum erheben sich mehre 

Overbcck, Pompeji. 1 8 



274 



11. Viertes Capitel. 



Denkmäler; zunächst zwei kleine Cippen, welche ganz rohen Hermen ähneln 
und einigennassen an die turbangeschmückten türkischen Grabcippen erinnern. 




Figur 197. Grabstätte des M. Arrius Diomedes. 



Diese Hennencippen, welche wir weiterhin noch in einem anderen Beispiel 
näher betrachten werden, scheinen Pompeji eigen zu sein, sind wenigstens bisher 
aus der Umgegend nicht bekannt. Die hier in Rede stehenden Denksteine be- 
zeichnen nach ihren Inschriften (Mommsen No. 2357 u. 2358) die Ruhestätten 
zweier einzelner Glieder der Familie des Diomedes. Dann folgt das Haupt- 
monument in Form eines zweisäuligen Tempel chens mit flachem Giebel, auf 
dessen geschlossener Doppel thür zwei Fasces mit den Beilen die höhere obrig- 
keitliche Würde des Gründers dieser Grabstätte bezeichnen. Namen und 
Stand desselben , M. Arrius Diomedes Freigelassener des .... Vorsteher (ma- 
gisier) der Vorstadt Augustüs Felix, lernen wir aus der Inschrift über der 
Doppelthür (Mommsen No. 2355) kennen, während eine vierte Inschrift an der 
Mauer des Unterbaus (Mommsen No. 2356) wieder einem einzelnen Familien- 
gliede, hier einer Tochter des Diomedes gilt. 

Rechts neben diesem Monumente , aber etwas hinter demselben zurückUe- 
gend und durch eine Mauer von demselben getrennt, finden wir ein zweites 
Monument, 2 auf dem Plane, in Form einer Nische, in der die Spuren einer 
gemalten Figur unter Guirlanden erkennbar waren und welches nach der In- 
schrift (Mommsen No. 2354) die Ruhestätte des zwölfjährigen N. Velasius 



Die Privatgebäude. 



275 



Gratus bezeichnet. Hinter diesem Monumente liegen bei 3 auf dem Plan zwei 
selir zerstörte und namenlose Grabmäler in Form gemauerter Pfeiler auf einem 
die gewölbte Grabkammer enthaltenden Fundament. Namenlose Hermencippen 
stehn in nicht unbeträchtlicher Anzahl in der Nähe. Auf ein äusserst kleines 
und inschriftloses^ nichts destoweniger in Form eines Tempelchens mit einem 
Cippus gearbeitetes Grab, 4 auf dem Plan, links auf der folgenden Abbildung a, 
folgt das von seinem Freigelassenen, Menomachus, errichtete Monument des 
richterlichen Zweimanns L. Ceius Labeo aus der Menenischen Tribus- 
5 auf dem Plan, welches zu den am wenigsten geschmackvollen von Pompeji ge, 
hört. Dasselbe ist in opus incertum erbaut und mit Stucco überkleidet ; es bildet 




Figur 198. Grab des L. Ceius Labeo. 

zuerst eine glatte Basis, welche nach vom die heute fast unkenntliche Inschrift 
(Mommsen No. 2351) trägt, über dieser erhebt sich ein von Pilastern einge- 
fasster Würfel, welcher nach der Vorderseite a. zwei Porträtreliefe in Festons 
zu beiden Seiten eines Korbes zeigt, an der Seitenfläche nach der Stadt h. in 
der Mitte zwei Reliefdarstellungen, deren erstere einen Gerüsteten neben einem 
Pferde zum Gegenstand hatte, während die andere, fast gänzlich zerstört, nur 
die Beine eines wie es scheint gleichfalls Gerüsteten erkennen lässt. Zu beiden 
Seiten sind die Felder mit netzförmiger Stuccatur sehr dürftig angefüllt. Dieser 
rehefgeschmückte Würfel diente als Basis von mittelmässigen Statuen, welche 
aus grobem Material gearbeitet und mit feiner Tünche überzogen einen Mann 
in der Toga und eine reichlich bekleidete Frau, wahrscheinlich Ceius Labeo's 
Gemahlin darstellen, was wir um so bestimmter annehmen dürfen, da auch die 
fragmcntirte Inschrift der Frau (Mommsen No. 2352) im Museo Borbonico auf- 
bewahrt Mdrd. Die Statuen waren von dem theilweise zerstörten Basenwürfel 
herabgestürzt und sind im Museum. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, 
ob das Geld oder die Dankbarkeit gegen seinen früheren Herrn bei dem frei- 

18* 



276 



II. Viertes Capitel. 



p^iffiaüss^ 




gelassenen Mcnomachus nicht weiter als für die Erbauung eines solchen ge- 
tünchten Grabes reichte, welches wir um so schneller verlassen, als uns dicht 
daneben ein in antiquarischer wie in artistischer Beziehung viel interessanteres 
Grabmonument anzieht, dasjenige des M. Alleius Luccius Libella und sei- 
nes Sohnes, 6 auf dem Plane. Dasselbe (Figur 199) erhebt sich ohne Unterbau 

in Form eines einfachen, aber in vollkom- 
men tadellosen Proportionen gehaltenen Al- 
tars von dem Trottoir der Strasse. Aus der 
Inschrift (Mommsen No. 2350), welche ganz 
gleichlautend auf der Haupt- und einer der 
Nebenseiten wiederholt ist , sehn wir , dass 
M. Alleius Luccius Libella der Vater Aedil, 
Duum\dr und fün^ährigor Präfect, sein Sohn, 
obwolil bereits im 17. Jahre verstorben, De- 
curio von Pompeji, und dass die Gemah- 
lin des Libella, die ihrem Gemahl und ihrem 
Sohne dies Monument hat aufrichten lassen, 
öffentliche oder Erzpriesterin der Ceres war, 
deren Tempel wir bisher in Pompeji noch 
nicht nachweisen können. In jeder Weise 
haben wir es also hier mit einer vornehmen 
und angeschienen Familie zu thun, von deren 
Geschmack und Bildung das einfach schöne 
Monument eben so deutlich Zeugniss ablegt, 
wie von ihrem Ansehn zwei in der Inschrift erwähnte Umstände. Erstens, 
dass der junge M. Alleius so früh schon Decurio geworden war, was um so 
mehr bedeuten will , da wir Cicero's Antwort auf die Bitte lun Unterstützung 
bei der Bewerbung um eine Decurionenstelle in Pompeji kennen : es sei leich- 
ter, in Rom Senator, als in Pompeji Decurio zu werden. Als ein ferneres Zeug- 
niss von dem Ansehn der Familie muss es uns gelten , dass nach der Inschrift 
der Platz für das Monument diesen verdienten Bürgern von der Stadt geschenkt 
wurde {locus monumenti publice (latus). Nachzuweisen vermögen wir freihch 
diese Verdienste nicht und mit blossem Käthen wollen wir uns nicht befassen; 
jedoch dürfen wir nicht unbemerkt lassen , dass dieses Monument kein eigent- 
liches Grab ist, da es, "wie das des Ceius Labeo, massiv und ohne Grabkammer 
gebaut ist; da jedoch die Inschrift dasselbe nicht als Cenotaph bezeichnet, wie 
ein weiterhin stehendes Grabmal ausdrücklieh genannt wird, so dürfen wir 
auch kaum annehmen, dass die beiden Libella auswärts gestorben seien. 

Hinter diesem Grabmal befindet sich ein ummauerter viereckiger Raum, 
7 auf dem Plane, den man vielfach als Umfassung von Gräbern ärmerer Bürger 
oder Einwohner, wie wir eine ähnliche Einfassung auf der anderen Seite der 
Gräberstrasse finden werden, angesprochen hat, ohne dcch jemals nur die lei- 



Figur 199. 
Das Grabmal der beiden Libella. 



Die Privatgebäude. 



277 



seste Spur von Gräbern darinnen zu finden. Ungleich wahrscheinlicher kommt 
es mir daher vor, in diesen vier kahlen Mauern ein Privatustrinum zu erken- 
nen, dessen Zugehörigkeit zu einem bestimmten Grabe wir freilich, da das 
Monument der Libella, dem es am nächsten liegt, wie gesagt kein Grab ist, 
nicht nachweisen können. 

Grade hinter diesem Ustrinum haben neuere Ausgrabungen an der sich 
hier abzweigenden Strasse der Vorstadt und am Ende der früher besprochenen 
Reihe von Läden {L. auf unserem Plane), drei grosse steinerne Sarkophage zu 
Tage gefördert, die noch nicht geöffnet sind. 

An der Ecke dieser Strasse bemerken wir ein auf dem Plane mit 8 be- 
zeichnetes erst begonnenes Grabmal. Ehe wir uns auf die an interessanten 
Monumenten ungleich reichere rechte Seite hinüberbegeben, betrachten wir 

noch das mitten auf der Kreu- 
zung der beiden Strassen be- 
legene, ebenfalls mit einem 
Privatustrinum 1 verbundene 
Grabmal, 9 auf dem Plane. 
Die äussere Form dieses aus 
kleinen Tuffsteinen regelmäs- 
sig erbauten Grabes (Fig. 200), 
welches, da es namenlos ist, 
nach seiner bemerkenswerthen 
Thür den Namen des Grabes 
mit der Marmorthür {colla 
porta marmorea) erhalten hat, 
ist einfach, aber sein DetaU 
mannigfaltig genug, um unsere Aufmerksamkeit auf einige Zeit zu fesseln. Wir 
finden nämlich hier zum ersten Male auf unserer Rundschau ein Grabgebäude 
mit einer vollständigen und wohlerhaltenen Grabkammer. 
Die Marmorthür, welche die Grabkammer verschliesst, 
(Figur 201), dreht sich, wie die Zeichnung deutlich er- 
kennen lässt, auf starken bronzenen, in die Ober- und 
Unterschwelle und zwar in Kapseln von gleichem Metall 
eingelassenen Zapfen, wurde durch das Anziehn eines 
bronzenen Ringes geöffnet und durch das Vorschieben 
eines in Spuren erhaltenen Riegels geschlossen. Das In- 
nere bildet eine durch ein kleines Fenster a (Figur 202) 
von oben her beleuchtete und mit einem Tonnengewölbe 
gedeckte Kaimner, in welche man über zwei Stufen b hin- 
absteigt, und welche im Hintergrunde eine giebelgekrörite 
Nische c für den ersten oder hauptsächlichen Aschenbehälter des Stifters ent- 
hält, wie auf unserer Abbildung ersichtlich. Das in dieser Nische stehende 




Figur 200. Grab mit der Marmorthür. 




Figur 201. 
Marmorthür. 



278 



II. Viertes Capitel. 



grössere Geftlss von Alabaster enthält wirklich verbrannte Knochen. Um die 
ganze Grabkaininer läuft eine Steinbank rf, welche andere Aschengefässe von 




Figur 202. Grabkammer des Grabes mit der Marmorthür. 

Quer- und Längendurchschnitt. 

Glas, von Marmor und von Thon , und ausserdem mehre bronzene Lampen 
trug, mit denen wahrscheinlich an den Feralien, dem römischen Allerseelen- 
feste, das Grab beleuchtet wurde. In dem viereckig ummauerten Platze 10 hin- 
ter diesem Grabe kann man nur das zu demselben gehörende Ustriniun , nicht 
die Ruinen eines sacellum der wegbeschützenden Götter, der dii viales, 
erkennen. 

Wir wenden uns jetzt zurück auf die andere Seite der Strasse, welche 
mehr und besser erhaltene Monumente darbietet. Gleich das erste derselben, 




Figur 203. Triclimum f Unehre. 



Die Frivatgebäude. 



279 



1 1 auf dem Plane, ist von beträchtlichem Interesse. Es ist ein durch eine giebel- 
gekrönte "Thür betretbares , rings ummauertes , aber unbedecktes Triclinium 
für die Leichenmahle, welche den Schluss der Bestattung bildeten. In 
unserer vorstehenden Innenansicht ist Nichts als die kleine runde, 'jetzt theil- 
weise zerstörte Basis eines Opferaltars restaurirt. Die Wände sind einfach, aber 
graciös bemalt, die Bänke für die Theilnehmer am Mahle so gut wie der Tisch 
in ihrer Mitte bestehen, wie in manchem Triclinium in Privathäusern oder 
deren Gärten (z. B. im Hause des Sallust) aus stuccoübcrzogenem Mauerwerk, 
ebenso das kleine runde Piedestal, in welchem ein Opferaltar für die Libationen 
während des Mahles schwer zu verkennen ist. Hinter der Mauer des Tricli- 
nium sehn wir die gemeinsame aus Tuffsteinen in opus incertum erbaute und 
bis an das Peristyl der Villa des Cicero fortgeführte Einfassung der Gräber- 
strasse. 

An dicsTriclinimn, in welchem, wie bereits in der Einleitung angegeben, 
mehre Gerippe gefunden wurden, grenzt eines der in jeder Beziehung bedeu- 
tendsten Grabmäler Pompejis, das der Naevoleia Tychc. Aus seinem Grund- 
riss, 12 auf dem Plane, sowie aus der folgenden Ansicht Figur 204 links 




Figur 204. Grab der Naevoleia Tyche. 
Ansicht und Durchschnitt. 



sehn wir, dass dasselbe aus einer Umfassungsmauer mit einer Thür nach der 
Strasse besteht, innerhalb welcher Umfassungsmauer sich eine Grabkammer 
erhebt, die ein Monument in Altarform abschliesst. An der Vorderseite des 
Altars finden wir unter dem Kelief[>orti*ät der Gründerin und über einem ein 
Todtenopfer darstellenden Relief in eleganter und reicher Arabeskenumrah- 
mung die Inschrift (Mommsen No. 2346), welcher wir zuerst unsere Aufmerk- 
samkeit zuwenden. Sie lehrt uns Folgendes: Naevoleia Tyche, die Freigelas- 
sene einer unbekannten Lucia (Li via ?) hat dies Grabmal sich und dem Augu- 
stalen und Paganen (Bürger der Vorstadt) L. Munatius Faustus, sowie ihren 
freigelassenen Sclaven und Sclavinen bei Lebzeiten errichtet. Dem Munatius 
Faustus aber haben die Decurionen unter Zustimmung des Volkes wegen seiner 
Verdienste die Ehre des Bisellium zuerkannt. 



280 



II. Viertes Capitel. 



Wir finden also zunächst, dass das Grabmal das gemeinsame der ganzen 
Familie der Naevolela war und demgemäss sehn wir im Innern der Grabkam- 
mer (Fig. 204 rechts) eine ähnliche Einrichtung, wie die in dem kurz vorher 



jNAEVOLEIAI LIBTYCHE-SIBIETI 
IC -AUTsI ATI -F AVSTO ^ AVO ET-PA(JANO 

CVI-DECVRIONFjS -CONSENSV -POPVLI 
BISELUVAl*OB -.UERITA -EIVS ^DECR-EXTRVT^JT 

VBY.KTS RVP.Q * rr-f>A\\>;ATT-FA VST! ^ VIVA ' FEriT 



Figur 205. Inschrift und Relief am Grabe der Naevoleia Tyche. 

besprochenen Grabe mit der Marmorthür. In einer Nische im Hintergrunde 
steht eine Aschenume, welche wir für die der Gründerin halten mögen, andere 
Nischen in den Seitenwänden enthalten kleine Gefässe, während eine umlau- 
fende Steinbank deren mehre von grösseren Dimensionen und einige Lampen 
trägt. Von den Aschengefiissen sind nur drei, von denen wir eines als Probe 
mittheilen, von speciellerem Interesse, denn während die übrigen von Thon 
sind und gewöhnliche Formen zeigen, bestehen diese drei 
aus Glas, welches in einer bleiernen, ungeftlhr gleich ge- 
stalteten Kapsel steht, die gewöhnliche Art, Glasgefosse in 
Gräbern gegen etwaige äussere Verletzungen zu schützen. 
Obgleich nun diese Gefesse, von denen eines die Grösse 
von r 2"xl0" erreicht, keineswegs zu den besseren Ar- 
beiten in Glas gehören , von denen wir ein Meisterstück 
in einem später zu besuchenden Grabe finden werden, so 
sind sie wegen ihres vollkommen erhaltenen Inhalts merk- 
würdig genug. Sie enthalten die verbrannten Knochen, 
schwimmend in einer aus Wasser, Wein und Oel ge- 
mengten Flüssigkeit , welche in ihrem jetzigen Zustande halbdick , aber durch- 
sichtig, in einem Falle röthlich, in den anderen gelblich ist. 




Fig. 206. Aschenurne. 



Die Privatgebäude. 



281 



Das in der Inschi-ift erwähnte Bisellium des L. Munatius Faustus ist zum 
Andenken seiner Ehrenauszeichnung, über deren Bedeutung wir bei der 
Besprechung der Theater geredet haben, auf der einen Seite des Altars in 
Relief dargestellt, während die andere Seite ein Schiff darstellt, an dem die 




Figur 207. Reliefe vom Grabe der NaevoleVa Tyche. 

Segel gerefft werden. lieber das Bisellium wäre höchstens das Eine zu bemerken, 
dass der in der Mitte vor demselben stehende Schemel die Bedeutung dieser 
Doppel sitze für eine Person recht augenscheinlich macht. Das Schiff dagegen 
ist verschieden gedeutet worden. Die meisten Schriftsteller über Pompeji sehn 
in demselben eine allegorische Hinweisung auf den Tod als das Einlaufen in 
-den Hafen nach den Stürmen des Lebens, indem sie sich auf eine Stelle Cicero's 
(de senecL 19. 71.) berufen, in welcher der Blick auf das Grab mit dem Blicke 
des Reisenden verglichen wird, der nach langer Fahrt sich dem Gestade und 
Hafen nähert. Andere, denen ich beizutreten nicht anstehe, erkennen in die- 
sem Schiffe Nichts, als ein Denkmal des Geschäftes , welches einer der hier 
Begrabenen, am wahrscheinlichsten Munatius Faustus trieb, als Gegenstück 
von dessen Bisellium das Relief erscheint. Munatius scheint Kaufmann gewe- 
sen zu sein, und mag ein eigenes Schiff zur See gehabt, vielleicht selbst geführt 
liaben. Das Relief an sich , sei seine Bedeutung die eine oder die andere , ist 
für unsere Kenntniss antiker Fahrzeuge nicht ganz unwichtig. Auf dem 
Schnabel, der prora^ sehn wir die Büste (die Schiffspuppe), welche das Zeichen 
des Schiffes war, und welche ihm, gerade wie bei uns, den Namen gab ; es ist 
hier eine Büste der Minerva. Oben am Mäste, der durch starke Taue und 
Wanten (Strickleitern) gehalten wird, flattert die Flagge, welche sich über dem 
Cheniskos, dem in Form eines Schwanenhalses gebildeten Hintertheile des 
Schiffes wiederholt. Das Segel hangt an einer aus zwei Theilen gebildeten 
mächtigen Raae, welche durch eine sehr wohl erkennbare Rolle am Mäste 
emporgezogen wurde. Das Steuer ist seitwärts aussen am Schiffe angebracht, 
und gleicht einem langen und breiten Schaufelruder, welches offenbar grade 
so gebraucht wurde, wie bei uns die Steuerruder kleiner Nachen auf den Flüs- 



282 



II. Viertes Capitel. 



sen. Alle diese Theile des Schiffes, sowie seine Gesammtform sind im Wesent- 
lichen so gestaltet, wie wir sie aus sonstigen Monumenten des Alterthums ken- 
nen, so dass wir ein allgemein giltiges Bild eines kleinen antiken Schiffes vor 
uns haben. Bei grösseren wurden die Mäste und Steuerruder vervielfiltigt, 
ohne dass letztere einen anderen Platz erhalten hätten oder zweckmässiger con- 
struirt worden wären, als wir es hier kennen lernen. 

Das Relief endlich unter der Inschrift und dem ansehnlichen Porträt der 
NaevoleXa zeigt uns das Todtenopfer. Auf der einen Seite stehn die Magistrats- 
personen, auf der anderen tragen die Sclaven und Sclavinen oder die Freige- 
lassenen der NaevoleXa Opferspenden herzu, während zwei Knaben als Cainilli 
sich der Mitte zunächst befinden, von denen der eine ein Opfer auf den Altar 
legt. Ob der Gegenstand neben dem Altar ein Grab, die verhüllte Urne oder 
was er sonst darstellen soll, ist eben so schwer zu sagen, wie die Natur des 
Gegenstandes zu bestimmen ist, welchen der Knabe auf den Altar legt; am 
wahrscheinlichsten ist es ein Opferkuchen. 

Hart neben diesem Grabe der NaevoleXa und der Ihrigen finden wir das 

Grab der Familie Istacidia. Es 
besteht, wie der Grundriss 1 3 auf dem 
Plane verglichen mit der nebenste- 
henden Ansicht lehrt, aus einer ein- 
fachen Ummauerung , innerhalb de- 
ren mehre Hcrmencippen mit den 
Inschriften (Mommsen No. 2344 — 
2346) aufgerichtet sind. Einer der- 
selben ist in seinem oberen runden 
Thcil nach hinten als ein mensch- 
licher Kopf mit langen Haarflechten 
beliandelt, wovon wir weiterhin noch 
ein Beispiel finden werden. Vor dem 
einen Cippus ist eine Vase* in den 
Boden eingelassen , um die Spenden 
aufzunehmen. Das Grab bietet in 
seiner Einfachheit kein besondere» 
Interesse , wenn nicht das , uns die 
Mannigfaltigkeit der alten Grabstät- 
ten zu zeigen. Eine specielle Merk- 
würdigkeit bietet die Inschrift über 
dem Eingang an der Strasse (Mommsen No. 2343). Sie enthält nämlich die 
Maasse des von dieser Familie gekauften Begräbnissplatzes : pedes X V in agro, 
pedes XV in fronte j d. h. von 15 Fuss Tiefe und gleicher Breite. Oflfenbar ist 
diese Maassangabe bei einem festummauerten Baume sehr wichtig zur Bestim- 
mung des Verhältnisses des römischen Maasses zu dem unsern, obgleich keincjr 




Figur 208. Grab der Familie Istacidia. 



Die Privatgebäude. 



283 




wegs der einzige Anhalt. Die genauesten Messungen und Vergleichungen hat 
Maaois angestellt (Ruines de Pampei I. p. 42 f.), als deren Resultat sich er- 
giebt, dass 15 römische Fuss sind = 13' 10|^" franz. Mass, also 1 röm. Fuss 
= 10" lO-iV"' oder 287 MiUimeter. 

Das folgende Grabmal No. 1 4 auf dem Plane hat wiedenim ein grösseres 
eigenes Interesse und wird zu den zierlichsten Monumenten seiner Gattung 

gezählt. Wahr ist es, dass 
ein reinerer Geschmack in 
diesem Denkmal herrscht, 
als in manchen anderen, 
aber den Adel der Einfach- 
heit und Reinheit der Ver- 
hältnisse des Grabaltars der 
Libella erreicht dies C e n o- 
taphium des Augusta- 
len C. Calventius Quie- 
tus nicht. Dasselbe besteht, 
wie unsere Abbildung zeigt, 
innerhalb einer nach der 
Strasse zu niedrigen, nach 
hinten erhöhten und giebel- 
artig abgeschlossenen, von 
kleinen Pfeilern mit Relief 
flankirten Ummauerung aus 
einem Altar auf drei Stufen und einem viereckigen Unterbau. Die Hauptfa9ade 
des Altars nach der Strasse zu trägt die Inschrift (Mommsen No. 2342), aus 
der wir den erwähnten Namen und Stand des Calventius Quietus, sowie fer- 
ner erfahren , dass ihm die Decurionen unter Zustimmung des Volkes wegen 
seiner Munificenz das Bisellium zuerkannt haben. Dies ist denn unterhalb der 
Inschrift in Relief gebildet fast ganz so wie das Bisellium des Munatius Faustus 
am vorhergehenden Grabe und wie dieses mit dem Schemel vor der Mitte 
des Doppelsitzes. An den beideft Nebenseiten des Altars sind Eichenkränze 
mit Bändern, das sind bürgerliche Kronen (corona ctvtca), gebildet, welche 
für verschiedene Verdienste, namentlich aber für Lebensrettung von Bürgern 
ertheilt wurden, weshalb vielfach bei ähnlichen Reliefen im Kranze steht 
0. C, S, = ob civem servaium oder ob cives servatos. Welcher Art Calven- 
tius' Verdienste waren, wissen wir eben so wenig , als worin seine Munificenz 
sich oflFenbarte, obgleich es nalie liegt, in Bezug auf letztere an den Neubau 
der Stadt nach dem Erdbeben zu denken, bei dem der Bürgersinn mancher 
reichen Pompejaner sich , wie wir gesehn haben, so glänzend kundgab und bei 
dem eben hierfür diesen Bürgern mehr als eine Ehrenauszeichnung zu Theil 
^^^e. Die Inschrift und Reliefe umgebende Einfassung von Arabesken ist 




Figur 209. Orabaltar des C. Calventius Quietus. 



284 



IL Viertes Capitel. 



eben so reich und zierlich gearbeitet, wie Basis und Krönung des Altars ; man 
sieht recht deutlich, wie das Material sogleich auf die Arbeit Einfluss hat : Cal- 
ventius Monument ist von Marmor und auch die anderen aus Marmor erbauten 
Grabmäler, wie der Altar der Libella und die Grabstätte der Naevolela von 
den bereits betrachteten und mehre der noch zu betrachtenden Denkmäler 
zeichnen sich durch Feinheit, Zierlichkeit und Schärfe der Detailbildung, 
durch ßeichthum, Eleganz und Geschmack der Omamentirung alsbald vor den 
Monumenten aus, bei denen ein geringeres Material verwendet und der ver- 
hüllende Bewurf zum Träger der Ornamente gemacht ist. Der hintere Giebel 
der Umfassungsmauer enthält eine von schwebenden Flügelfiguren, wohlVicto- 
rien, und von Löwenklauen getragene Gedenktafel, auf der jedoch die Inschrift 
feldt. Die kleinen Thürmchen oder Pfeiler der Umfassungsmauer waren mit 
Stuccoreliefen geziert, von denen die meisten zerstört, die erhaltenen in ihren, 
mit den Ornamenten des Altars verglichen , stumpfen Formen Zeugen der 
Wahrheit des eben über den Einfluss des Materials Gesagten sind. 




Figur 210. Reliefe vom Grabe des Calventius. 

Die Gegenstände der interessantesten dieser Eeliefe sind : Oedipus vor der 
Sphinx in dem Augenblick, wo er dem Sinne des berühmten Käthsels nach- 
denkend den Finger an die Stirn legt, während am Fusse des Felsens, auf dem 
die Sphinx hockt, die Leichen der von ihr getödteten thebanischen Jünglinge 
liegen. Sodann wahrscheinlich Theseus im Labyrinth nach Besiegung des Mi- 
notaurs. 

Das folgende dritte Relief Figur 211 ist von besonderer Bedeutung, in- 
dem es uns eine Sitte der Todtenbestattung vergegenwärtigt. Der Scheiterhau- 
fen , auf welchem die Leiche lag , war von dem nächsten Angehörigen zu ent- 
zünden, und dies geschah, um den begreiflicher Weise unsäglich schmerzlichen 
Eindruck zu vermeiden, welchen der Anblick des geliebten Todten in dem 
Augenblick hervorrufen musste, wo er der Zerstörung auf immer anheimfallen 



Die Privatgebäude. 



285 




Figur 211. Relief ebendaher. 



sollte, hinterrücks mit abgewandtem Gesichte. Es scheint, dass die Figur 
unseres Reliefs , welche als eines der ofBciellen Klageweiber zu erklären sehr 

oberflächlich ist , eine Frau oder Toch- 
ter in dem Augenblick darstellt, wo sie 
die Fackeln an den Holzstoss legt. Ich 
sage die Fackeln, denn obgleich nur die 
in der rechten Hand gehaltene voll- 
kommen deutlich ist, zweifle ich nicht, 
dass der über die Schulter in der linken 
Hand gehaltene halbzerstörte Gegen- 
stand ebenfalls eine Fackel und nicht 
eine Vase sei, wie man ziemlich gedan- 
kenlos erklärt hat. Ich kann es hier 
nicht unerwähnt lassen, dass die er- 
wähnte Sitte der Anlass zu einer der 
geistreichsten und schönsten Deutungen 
geworden ist, welche unsere Archäo- 
logie aufzuweisen hat, derjenigen, die Welcker der bekannten Gruppe 
von St. Hdefonso gegeben hat, in der man Orest und Pylades, Castor und Pol- 
lux u. A. erkennen wollte. Welcker nennt den einen Jüngling links , der die 
Patera hält, und nachlässig, gesenkten Hauptes dasteht, den Schlaf, den 
anderen, welcher, wie unsere Relieffigur, mit der Linken die Fackel über die 

Schulter hinter sich , mit der 
Rechten eine zweite zum An- 
zünden auf einen Altar gesenkt 
hält, den Tod unter dem Bil- 
de des Verbrennens der Lei- 
chen, die Gruppe Schlaf und 
Tod (Hypnos und Thanatos), 
die schon Homer Zwillings- 
brüder genannt hat. 

An dieses durch das Fehlen 
der Grabkammer als Ccnotaph 
bezeichnete Grabmal grenzt ein 
erst mit einer provisorischen 
Mauer umzogener Raum, 15 
auf dem Plane, in welchem 
erst später Monumente oder 
Gräber angelegt werden soll- 
ten , und auf diesen folgt ein 
von den bisher betrachteten 
in einer Beziehung abweichen- 




Figur2l2. Kundes Grabmal. 



1 



286 



IL Viertes Capitel. 



des 9 aber inschriftloses Familienbegräbniss ^ 16 auf dem Plane. Dasselbe be- 
steht innerhalb einer mit kleinen reliefgeschmückten Thürmen versehenen 
Mauer aus einem runden und stumpfen Thurm , zu dessen von der Strasse ab- 
gewendetem Eingang man auf einer in unserer Abbildung Figur 213 durch 
die Thür sichtbaren steinernen Treppe emporsteigt. Der runde Thurm auf 
viereckiger, rothbemalter Basis ist von aussen mit Stucco bekleidet, welcher 
Hausteine nachbildet und enthält die mit kleinen, aber zierlichen Gemälden 
(Arabesken) verzierte und 2 Meter weite , durch ein Fenster von der Strasse 




Figur 213. Grabkammer des runden Grabmals. 

her erleuchtete Grabkammer mit drei Nischen, welche Lampen und die in den 
Boden ganz eingemauerten Urnen einschliessen. In einer derselben fand man 
noch die verbrannten Knochen. Am merkwürdigsten ist die geschweifte Wöl- 
bung der Decke , deren Profilirun g in antiken Monumenten ohne ein zweites 

Beispiel ist, wohl aber in der türkischen Architektur 
wiederkehrt. Der flache Boden dieser Decke ist mit 
einem ziemlich roh gemalten Gesichte verziert , ele- 
ganter sind die übrigen einfachen Malereien, deren 
Charakter sich einigermassen aus unserer Zeichnung 
erkennen lässt. Die Thürmchen auch dieser Umfas- 
sungsmauer , in welche in der Mitte der Frontseite 
eine unbeschriebene Tafel eingelassen ist, sind , w 
erwähnt, nach der Seite der Strasse hin mit Reliefen 
in Stucco verziert. Diese Reliefe , von denen eines 
einen schwebenden Genius , das zweite eine Opfer- 
ceremonie darstellt, bieten weder ihrem Gegenstande, 




Figur 214. 
Relief vom runden Grabmal. 



Die Privatgebäude. 



287 



noch ihrer Ausführung nach ein besonderes Interesse, nur ein drittes ist von 
grösserer Bedeutung. Es stellt eine Frau dar , welche eine Tänie (Binde) auf 
das Gerippe eines auf Steintrümmem liegenden Kindes zu breiten im Begriffe 
ist (s. Figur 2 1 4). Warum und mit welchem Rechte man freilich diese Darstel- 
lung vielfach auf eine Scene des Erdbebens vom Jahre 63 bezogen hat, vermag 
ich nicht anzugeben. — 

Unmittelbar neben diesem Grabmal befindet sich dasjenige, welches bis- 
her eben so übereinstimmend (nur Miliin, l^omb. d. Pomp, p,bi hegt gerech- 
ten Zweifel) wie unrichtig Grab desScaurus genannt wurde und trotz der 
ausdrücklichen Nachweisung desirrthums durch Mommsen a. a. O. No. 2339 und 
2341 noch neuerdings z. B. bei Herrn Breton, Pompeta p. 87 so genannt wird, 
No. 1 7 auf dem Plane. Die Inschrift vom Grabe des Scaurus (Mommsen No. 
2339) ist viel näher am Thore , bei dem sogenannten Grabe der Mamia gefun- 
den, herabgefallen von unserem Monumente dagegen di^ fÄgmentirte Inschrift 

bei Mommsen 2341. 
Das Hauptinteresse 
dieses Grabmals, von 
dessen keineswegs 
schöner Form wir 
hiemeben eine Ge- 
sammtansicht geben, 
besteht in den Gla- 
diatorreliefen , wel- 
che wir bei Bespre- 
chung des Amphi- 
theaters hinreichend 
genau betrachtet ha- 
ben , um sie und da- 
mit das ganze Grab 
hier nach dieser Er- 
wähnung zu überge- 
hen. Die Art, wie 
diese Reliefe auf die 
Umfassungsmauer u. 
die Stufen der In- 
schriftbasis , welche 
wahrscheinlich eine 
Statue trug, vertheilt 
sind, erkennt der Leser aus unserer Abbildung ohne weiteren Nachweis. 

Ein wenig weiterhin liegt ein erst begonnenes Grab 19 auf dem Plane, 
und neben diesem finden wir einen daselbst mit 1 8 bezeichneten Hermencip- 
pus, an welchem wir die wunderliche Form dieser Pompeji eigen thümlichen 







-^fl »-s-^ 






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Figur 215. Grab mit den Gladiatorreliefen. 



28S 



II. Viertes Capitel. 




Figur 216. Hermencippus. 



Monumente ^us der folgenden Abbildung recht genau kennen lernen können. 
Die Hinterseite (rechts) zeigt uns deutlich , dass mit dem oberen runden Theil 

ein menschlicher Hals und Kopf gemeint 
ist, der hier wie in anderen Beispielen wie 
Haare mit auf die Schultern herabfallenden 
Flechten gearbeitet ist, während das Ge- 
sicht (s. die Vorderseite links) entweder 
wie in unserem Falle ganz fehlt oder durch 
die Inschrift ersetzt wird, die sich hier auf 
dem unteren Theile findet , und deren Er- 
läuterung sich nicht füglich in der Kürze 
geben lässt. Nach dem begonnenen Grab 
No. 19 wird die Folge der Gräber unter- 
brochen, und wie auf der anderen Seite die 
früher erwähnten Läden und Schenken 
tritt hier nach einem dreieckigen ummauer- 
ten Baume 20 auf dem Plan, der sich an das Peristyl der Villa Cicero's anlehnt, 
deren Eingang mit VC auf dem Plane neben einer Cisteme P bezeichnet ist, 
eine ebenfalls früher erwähnte Reihe von Kaufläden und Schenken an die 
Strasse heran. Den ummauerten dreieckigen Baum 20 hat man ohne genügen- 
gen Grund den oskischen Begräbnissplatz genannt oder man hat in ihm das 
Ustrinum für die Gräber erkannt, welche kein eigenes hatten. Dass der Platz 
seinem ganzen Habitus nach sich zu diesem Zwecke wohl eignet, lässt sich 
eben so wenig läugnen , wie man in Abrede stellen kann , dass ein öffentliches 
Ustrinum an einer Gräberstrasse nöthig war, an der höchstens zwei Privat- 
ustrinen nachgewiesen werden können. Andere suchen jedoch- das Ustrinum 
weiter nach dem Thore zu neben dem s. g. Grabe der Mamia in einem um- 
mauerten Platze, dessen Mauern mit Stierschädeln und mit Masken geziert 
sind und in dem man verbrannte Knochen gefunden haben will. Noch andere 
Ansichten über diesen Platz werden wir unten anführen. Erst jenseits der bei- 
derseitigen Läden und Schenken beginnen die Grabmonumente wieder. Wir 
fahren mit unserer Betrachtung derselben zunächst auf der linken Seite der 
Strasse nach der Stadt fort. 

Der erste Gegenstand , dem wir hier neben den Kaufläden der Vorstadt 
begegnen, ist ein nischenförmig überwölbter Sitz, 21 auf dem Plane, dessen 
Ansicht unsere folgende Abbildung darstellt. Wir werden später auf der an- 
deren Seite der Strasse zwei unbedeckte, halbkreisförmige Sitze finden, die 
in bestimmtem Bezug zu Grabdenkmälern stehen ; diesen Bezug dürfen wir 
auch für diesen Sitz annehmen und uns dadurch berechtigt halten , denselben 
in der Folge der Grabdenkmäler zu betrachten. Diese Nische ist ein gar pracht- 
voller und angenehmer Sitz , theils wegen der Aussicht auf die schönen gegen- 
überliegenden Monumente und über dieselben hinaus auf das Meer und die 



Die Privatgebäude. 



289 



dasselbe begrenzenden Berge , theils weil derselbe vermöge einer einfach sin- 
nigen Einrichtung im. Winter Wärme, im Sommer Schatten gewährte. Die 




Figur 217. Halbkreisförmige Grabnische. 

Oeffnung der* Nische liegt nämlich fast genau gegen Süden (SSW) und die 
Nische ist so tief, dass die hochstehende Sommersonne den Schatten der Wöl- 
bung auf die Bank im Hintergrunde wirft, während sie bei tieferem Stande 
im Winter ungehindert die Nische mit ihren warmen Strahlen erfüllen kann. 
Die Ornamentik der Nische ist bizarr, namentlich gilt dies von den Pilastem, 
welche die Oeifhung einfassen und welche in einer Doppelstellung über einan- 
der ohne trennende Balken aus einander hervorspringen. Die Malerei im Innern 
ist gefällig, der Grund der Wölbung blau, die muschelförmig behandelte Halb- 
kuppel weiss, die Wandfelder, auf denen in natürlichen Farben kleine Thiere 
gemalt sind, sind roth, die dieselben trennenden Streifen oder Pfeiler dagegen 
schwarz gefärbt , während das leichte Ornament auf ihnen sich goldfarbig ab- 
hebt. Das Giebelfeld der Nische uinfasst eine kleine, aber unbeschriebene 
Gedenktafel. 

Das an diese Nische grenzende Grabmal, 22 auf dem Plane, ist namenlos und 
an sich auch wenig ausgezeichnet, in demselben aber wurde am 29. December 
1837 in Gegenwart des Königs von Neapel das schönste Werk in Glas gefun- 
den, welches wir bisher neben der Portlandvase aus dem Alterthum besitzen. 

Overbeck, Pompeji. 1^ 



290 



II. Viertes Capitel. 



Es ist eine Vase von dunkelblauem Glase mit weisser Beliefdarstellung bacchi- 
scher Scenen in reichem Laubwerk , deren Abbildung und Besprechung wir 
uns für den artistischen Theil unserer Betrachtungen aufsparen. Wir bemerken 
deshalb nur, dass das Grab von diesem Glasgefilss den Namen der Tomha del 
vaso di vetro blu erhalten hat. Auf dieses Grabmal folgt nach einer leeren 
Ummaucrung, 23 auf dem Plane, das der Guirlanden(J'. dell^i ghirktnde). 



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Figur 218. Grabmal der Guirlanden. 



24 auf dem Plane, so genannt von den Verzierungen in Stucco, welche unsere 
vorstehende Abbildung erkennen lässt. Das Grabmal besteht aus einem einfachen, 
auf einer Basis stehenden Mauerwürfel, an dem Pilaster vorspringen, vier an 
der Front, drei an den Seiten, zwischen denen die Guirlanden hangen. Neben 
diesem ebenfalls namenlosen Grabmal sehn wir auf dem linken Theil unserer 
Abbildung eine in opus reticulatum gemauerte Grabeinfassung, 25 auf dein 
Plane, in welche ein äusserst enger Eingang zwischen zwei kleinen Altären 
hindurchführt. Innerhalb der Mauer sind nur ein paar namenlose Her- 
mencippen gefunden worden. Von diesem Punkte bis zu der links in die 
Vorstadt führenden Strasse sind vor Alters noch drei, jetzt bis auf die Fun- 
damente zerstörte Monumente gewesen, über welche Näheres nicht zu sagen 
ist. Hart an der Ecke der Gräber- und der erwähnten Vorstadtstrasse, g^n- 
über der Basis der Eeiterstatue 27 befindet sich das erst in neuerer Zeit 
gänzlich aufgedeckte, obgleich seit 1763 bekannte Cenotaph des Aedilen Titus 
Terentius Felix aus der Mcnenischen Tribus, dem nach Aussage der Inschrift 
(Mommsen No. 2337) nicht allein der Platz zum Grabmal öffentlich geschenkt, 
sondern zu dessen Bestattung, sowie zur Aufrichtung des Monumentes die 
Stadt Pompeji 2000 Sesterzen {HS. oocö = 100 Thaler) bezahlt hat. Mit Bei- 
hilfe dieser Summe hat seine Gattin, Fabia Sabina, Probus Tochter, das Grab- 
mal errichtet. 

Bei dem Thore, HT ^\xi dem Plane, dem wir uns auf der linken Seite der 
Strasse genähert haben, wenden wir unsere Schritte wieder der rechten Seite 



Die Privatgebäude. 



291 




derselben zu, um den Rest der Monumente vom Thore abwärtsgehend zu be- 
trachten. Das erste Denkmal, welches sich uns nahe am Thore bietet, ist jene 
Nische, in der man das Gerippe eines Soldaten fand, 28 auf dem Plane, und 
welches man deshalb mit dem populären Namen eines Schilderhauses belegt 
hat. Die Beschaffenheit des kleinen Bauwerks aber, dessen Ansicht wir in 

Figur 219 mittheilen, brachte Ma- 
zois dahin, in ihm vielmehr ein 
r ' Sacellum oder eine Aedicula für 

die dit viales als ein Schilderhaus 
zu erkennen. Es ist, wie der 
' £7^^'CH:x^>:/iai ^fM i Grundriss auf dem Gesammtplan 
>J der Gräberstrasse erkennen lässt, 
; -l eine viereckige und überwölbte 
Nische, an deren Seitenwänden 
steinerne Bänke angebracht sind, 
während in der Hinterwand eine 
o ^ ^ ijjf \iereckige Vertiefung und in der 

Figur 219. Grabnische desM. Cerrinius. *P"« ''^ j^t^^ zerstörter kleiner 

\iereckiger , mit Hörnern an den 
Ecken verzierter Altar sich befindet. Dass dies allerdings für ein Schilderhaus 
nicht eben besonders passe, ist klar genug, und der Umstand allein, dass der 
kleine Altar zerstört wurde und verschwunden ist, in Verbindung mit dem 
Funde des Gerippes erklärt die oft wiederholte Annahme. Mazois' Gedanke 
ist an sich nicht unwahrscheinlich , eine doppelt vorgefundene Inschrift aber, 
an dem Altar und auf einem Cippus , der an der Hinterwand aufgerichtet war 
und sich jetzt im Museum befindet (Mommsen No. 2315), lässt keinen Zweifel 
übrig, dass ein Drittes wahr sei. Die Inschrift sagt aus, dass dies Capellchen 
die Ruhestätte des Augustalen M. Cerrinius Restitutus sei, welchem die Decu- 
rionen diesen Platz geschenkt haben. Hiedurch wird auch die Bedeutung der 
oben besprochenen halbrunden Nische ausser allen Zweifel gesetzt. Dass der 
Soldat, der im Thore die Wache gehabt haben mag , als der glühende Aschen- 
und Steinregen immer dichter fiel , unter der festen Wölbung dieses Grabmals 
Schutz suchte und von dort nicht mehr entfliehen konnte , begreift sich ohne 
die Annahme, das Gebäude sei ein Schilderhaus gewesen, leicht genug. Jeden 
etwa noch übrigen Zweifel beseitigt die frühe Nachricht bei Winckelmann im 
Sendschreiben § 46, welcher beide Inschriften an Ort und Stelle sah. Was an 
der Nachricht bei Gell Pompeiaiia 1821 S. 94 und 109, dass der Altar einen 
bronzenen Dreifuss getragen habe , der jetzt in das cabinet secret des Museums 
geschafft sei, etwa Wahres sei, vermag ich nicht anzugeben. 

Weiter hinabschreitend, befinden wir uns vor einer symmetrisch angeord- 
neten Gruppe von Monumenten, bestehend aus zwei grossen unbedeckten 
halbrunden Sitzen von Stein, welche ein jetzt zerstörtes Grabmal einfassen, 

19* 



292 



II. Viertes Capitel. 



29, 30, 31 auf dem Plane. Die beiden Sitze von 6" Breite sind Grabdenk- 
mäler in der Art wie die bedeckten Nischensitze, wie dies aus den Inschriften 




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Figur 220. Grabmäler des A. Veius, des M. Porcius und der Erzpriest erin Mamia. 

derselben hervorgeht. In der Mitte des ersteren (No. 29) fand man die In- 
schrift bei Mommsen No. 2316, welche das Monument als das des Aulus Veius 
bezeichnet, der richterlicher Zweimann und Militärtribun gewesen, und wel- 
chem der Platz durch Dccurionendecret unter Zustimmung des Volkes ge- 
schenkt ist. Die Lehne aber des zweiten Sitzes trägt in ihrer ganzen Ausdehnung 
in grossen und schönen Buchstaben die Inschrift, Mommsen No. 2318, welche 
aussagt, dass der Mamia, Publius Tochter, der öffentlichen Oberpriesterin 
(denn so muss sacerdos publica ohne Nennung einer Gottheit übersetzt werden), 
dieser Ort zum Begräbniss durch Dccurionendecret gegeben sei. Nach dieser 
Inschrift hat man das hinter diesem Sitze befindliche, jetzt zerstörte Grabmal, 
32 auf dem Plane, irrig das der Mamia genannt. Beide Sitze sind sorgfältig 
gearbeitet und nach vorn mit zwei Löwentatzen abgeschlossen, wie wdr sie als 
Abschluss auch an dem Sitze auf dem Forum trianguläre und an der untersten 
Cavea des kleinen Theaters gefunden haben. Das zwischen diesen Sitzen ein- 
gefasste zerstörte Grab, dessen eigentliche Inschrift fehlt, namentlich zu be- 
stimmen befähigt uns ein neben dem Sitze der Mamia eingepflanzter Inschrift- 
stein (Mommsen No. 2317), der offenbar nur auf dies Grabmal Bezug haben 
kann und in alterthümlicher Schrift aussagt, dass demM. Procius ein Platz von 
25 DFuss zum Begräbniss verliehen sei, mit w^elchem Maasse der Platz des 
Grabmals stimmt. Neben dem Sitze der Mamia führt eine kleine Strasse zu 
unten zu besprechenden Monumenten und wohl auch in die Vorstadt, jenseits 
welcher Strasse in einer eigenen Ummauerung, 33 auf dem Plane, ein anderer 
Inschriftstein gefunden wurde, der ein besonderes Interesse fQr uns hat. Es ist 
uns nicht entgangen, dass überwiegend die meisten Gräber an dieser Strasse 
angesehenen Personen angehören und dass die Plätze grösstentheils von der 
Stadt geschenkt sind. Auf diesen Umstand bezieht sich die erwähnte Inschrift 
(Mommsen No. 2314) und über ihn klärt sie uns völlig auf, indem sie bezeugt, 
dass auf Befehl des Kaisers Vespasian der Tribun Suedius Clemens nach Ein- 
sicht der Rechtsverhältnisse (causis cognitis) und nach Aufnahme der Maasse 



Die Pnvatgeb&ude. 



293 



die von Privaten besessenen Plätze der Gemeine von Pompeji zurückgegeben 
habe. Wir sehn also, dass die Bäume der Hauptheerstrasse von den Pompeja- 
nem zu Begräbnissplätzen ihrer angesehensten Bürger und Beamten ausersehen 
waren, und dass, weil an derselben schon manches Privatgrab stand, eine Art von 
Expropriation vorgenommen werden musste, über deren Vollzug die Urkunde 
Zeugniss ablegt. Fanden wir noch Privatgräber an der Strasse, so dürfen wir 
annehmen, dass deren Bestand auf besonderen Rechtsverhältnissen beruhte, 
und voraussetzen, dass sie im Laufe der Zeit, wenn Pompeji nicht die grosse 
Katastrophe ereilt hätte, öffentlichen hätten weichen müssen. Es ist nicht un- 
möglich, dass wir auf eine solche Umwandelung die theils zerstörten , theils 
unvollendeten Grabmäler zu beziehen haben, denen wir auf unserer Wande- 
rang begegnet sind. 

Neben dem Sitze der Mamia zweigt sich , wie gesagt , eine kleine Strasse 
der Vorstadt ab, an der ein grosses, jetzt zerstörtes Grabmal liegt, welches man 
gewöhnlich als das der Mamia bezeichnet, 32 auf dem Plane. 




Figur 221. Grosses Grabmal an der Nebenstrasse. 



Innerhalb der Umfassungsmauer dieses Grabmals aber sind verschiedene 
Inschriften auf Grabcippen (Mommsen No. 2319—2322, 2324—2326, 2330) 
gefunden worden, welche verschiedenen Personen, darunter (2319) einer zwei- 
ten Erzpriesterin Istacidia, angehören und beweisen, dass das Grabmal ein 
gemeinsames , vielleicht ein priesterliches war. Das Grab selbst bestand aus 
einem tempelartigen Bauwerk mit Pilastem auf erhöhter Substruction und 



294 



II. Viertes Capitel : Die Privatgeb&ude. 



lag innerhalb einer von kleinen Bogen durchbrochenen Umfassungsmauer, wii 
unsere Gesammtansicht Fig. 221 zeigt, während die folgende links den Durch- 
schnitt und rechts die Restauration vorführt. Aus dem Durchschnitt ersehea 




Figur 222. Durchschnitt und Restauration des grossen Grabmals. 



wir, dass in den Mauern Nischen für Urnen sich befanden, während ein grosser 
Steinpfeiler in der Mitte die Büsten der Verstorbenen oder Grablampen tragen 
mogte. Die Angabe Gell's (Pompejana 1821 S. 109), dass umher an den Wän- 
den Statuen gestanden haben, kann ich nicht verbürgen. 

Auf der Gesammtansicht Fig. 221 bemerken wir im Vordergrunde noch 
die bereits oben erwähnte, mit Stierschädeln und Masken verzierte Mauerein- 
fassung. Nach den Masken hat man diesen Platz für den Begräbnissplatz der 
Schauspieler gehalten, während dieselben nach mehrfacher Analogie eher 
als ein allgemeines Grabessymbol , die abgeworfene Maske des Lebens , gelten 
können. Wahrscheinlich auf geistreicher Exegese pompejanischer Ciceroni und 
als ein recht erstaunliches Factum für reisende Söhne Albions ausgedacht, 
denen es manches »oä ah /« abgelockt haben mag, beruht die offenbar an die 
Stierschädel angeknüpfte wirklich scherzhafte Bezeichnung eines Theils dieses 
Platzes, welche sich auf dem Zahn'schen Plane von Pompeji (Zahn 2. 100) als 
sepolcro det bestiami (Viehbegräbnissplatz) findet. Ich weiss nicht, ob man das 
Vorhandensein eines solchen etwa aus Influenz Aegyptens, wo man die Kühe 
beerdigte (Herod. 2. 41) herleitet, und kann nur bemerken, dass in Wahrheit 
diese Stierschädel als ein auf Opfer hinweisendes Grabessymbol zu betrachten 
sind. Dass einigen Schriftstellern dieser Platz für das Ustrinum gilt, ist oben 
bemerkt ; schwerlich steht Wesentliches entgegen. 

In derselben Gesammtansicht des grossen Grabes sehn wir an der Mauer 
der kleinen Strasse links eine gemalte Schlange , das Bild eines genius hei. 



r 



II. Fünftes Capitel : Die monumentalen Reste u. Zeugnisse des Verkehrs u. des Lebens. 295 

Tmterhalb dessen ein Ziegel vorspringt, auf dem man kleine Opfergaben nieder- 
legte. In der Nähe dieses Grabes fand man eine Eeihe von Inschriften 
(Mommsen No. 2327 — 2329, 2331—2336 und 2339), von denen die letzte, die 
mit Unrecht auf das Grab mit den Gladiatorreliefen bezogen ist, möglicher- 
weise zu eben diesem grossen Grabe gehört. Sie sagt aus, dass dem richterlichen 
Zweimann A. Umbricius Scaurus von Stadtwegen der Platz zum Monument, 
2000 Sesterzen zur Bestattung geschenkt und eine Reiterstatue auf dem Forum 
errichtet worden sei. Jedenfalls ist dies die grösste Auszeichnung eines ver- 
dienten Bürgers, der wir bisher in Pompeji begegnet sind, und mit dem An- 
denken an diesen zu früh verstorbenen Braven (denn sein Vater erbaute ihm 
das Grabmal) scheiden wir von der vollständig ausgegrabenen Gräberstrasse 
von Pompeji. Ein zweiter Begräbnissplatz liegt vor dem gewöhnlich Hafen- 
thor, bei Mommsen porta Sarni genannten Thor im Süden der Stadt, unweit 
des modernen Wirthshauses, welches unter dem Namen der Taverna del La- 
fiüo bekannt ist, welcher ebenfalls mehre Inschriften (Mommsen No. 2362 — 
2376) geliefert hat, auf dem aber kein Denkmal ausgegraben ist, den wir also 
hier nur erwähnen, da zur Erörterung von Inschriften allein hier nicht der 
Ort sein dürfte. — 



Fiuiftes Capitel. 

Die momunentalen Seite und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 

Erster Abschnitt. 

MsMlIen, Cer&the uud <iefltose. 




Figur 223. Zwei Bisellien. 

Die Funde von eigentlichen Mobilien sind in Pompeji bei weitem nicht 
80 zahlreich und bedeutend gewesen, wie man vielleicht vermuthen mag, wovon 



296 IL Fünftes Capitel. 

der Grund ein doppelter ist. Erstens ist natürlich alles aus verbrennbaren Stof- 
fen Verfertigte bis auf nicht zu zählende Beste verbrannt und untergegangen, 
und dass Holz mit verschiedenen Verzierungen aus anderen Stoffen^ Elfenbein, 
Metall und dergleichen auch im Alterthum das Hauptmaterial der Möbel- 
schreinerei gewesen sei, braucht kaum gesagt zu werden. Zweitens aber war 
das Mobiliar der Alten auch ungleich einfacher und weniger mannigfaltig als 
das unsere, indem namentlich die vielerlei Schranke, die unter wechselnden 
Namen und Bestimmungen unsere Häuser erfüllen, als Mobilien fast ganz feh- 
len und entweder durch Wandschränke oder kofferartige Kasten ersetzt wur- 
den. Mit Tischen, Sitzen , Betten und Kasten ist im Grunde das antike Mobi- . 
liar erschöpft, wobei freilich innerhalb dieser Kategorien Mannigfaltigkeit 
nicht ausgeschlossen ist, und auch nicht bestritten werden soll, dass Das und 
Jenes über dieselben hinausgeht. 

Beginnen wir unsere Kundschau in den Mobilien Pompejis mit den Schlaf- 
zimmern. In denselben finden wir in der Regel nur die Bettstelle, am gewöhn- 
lichsten, wie bereits mehrfach bemerkt, in einem Alkoven der Hinter- oder 
einer Seiten wand, welcher, wie das Beispiel des halbrunden Cubiculums in 
der Villa des Diomedes uns lehrt, wohl durch eine an einer Stange und Bingen 
hangenden Gardine verschlossen wurde. Die Bettstellen waren von Holz, von 
Bronze oder auch von Elfenbein und natürlich in sehr verschiedenem Grade 
einfach oder reich gearbeitet. Metallene Bettstellen scheinen in Pompeji nicht 
oder nur sehr selten vorgekommen zu sein, wenigstens sind deren keine vor- 
gefunden worden. Einige Fragmente elfenbeinerner Bettgestelle dagegen sind 
aufgefunden, so dass man bei diesem leicht zerstörbaren Material auf eine nicht 
gar zu seltene Verwendung desselben schliessen darf. Am häufigsten aber findet 
man die Bettstelle durch Mauerwerk hergestellt und zwar als eine gewöhnhch 
etwa 7 — 8 Fuss lange, 3 Fuss breite und nur 2 — 2| Fuss hohe Stufe, deren 
vorderer Band zuweilen um einige Zoll erhöht ist. Auf diese gemauerte Unter- 
lage wurden die Matratzen oder Decken und Kissen gebreitet. Dass im Schlaf- 
zimmer und in seinem Procoeton , wo ein solches vorhanden war, noch etliche 
andere Mobilien, Sitze, Waschtische und Kleiderkisten, sow4e dergleichen für 
Kostbarkeiten, die man in den innersten Gemächern verwahrte, gestanden ha- 
ben , ist natürlich anzunehmen , obgleich von denselben Nichts vorgefunden 
ist, ausgenommen den gemauerten Waschtisch im halbrunden Cubiculum der 
Villa. 

Besser erhalten sind uns die Mobiliargegenständc der Wohn- und Ess- 
zimmer, welche in Sitzen und Tischen bestehen. Die antiken Sitze, Stühle 
und Sessel sind uns in Malereien in anmuthigster und reichster Mannigfeltig- 
keit erhalten, so dass wir eine Beihe von Formen in denselben verfolgen kön- 
nen. Diese beginnen bei dem einfachen lehnenlosen Klappstuhl, dessen Beine 
in der Begel als Thierbeine gestaltet, dessen Sitz aus einem Stück Leinen oder 
Wollen zeug gebildet ist, treten sodann als feste Sessel mit vier in leichter 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



297 



Säulenform gestalteten Füssen und gradem Sitzbrett und als eben solche mit 
ausgerundetem Sitz auf; ihnen folgen Klappstühle mit schräge zurückliegender 
Lehne, welche gerundet und oben geschweift dem Körper die bequemste Stütze 
Ineten musste, die man sich denken kann. Endlich, um nur die Hauptformen 
anzufahren, da das Detail uns in's Endlose führen würde, schliessen sich die 
8. g. Throne, eigentlichen Armlehnstühle mit hoher und gerader Lehne , wei- 
tem, von Armstützen begrenztem Sitz an, welche als die Sitze von Göttern und 
vornehmen Personen vorkommen. Die Bisellien, über deren Bedeutung wir 
bereits geredet haben, wollen wir hier im Vorbeigehn der Vollständigkeit wegen 
erwähnen. Von dem ganzen Eeichthum dieser Formen ist in Natura in Pompeji 
nur sehr Weniges gefunden ; dass Holz begreiflich auch und grade für Stühle 
und Sessel das Hauptmaterial war, hat deren Untergang bedingt. Von gewöhn- 
lichen lehnelosen Sitzen führen wir beispielsweise die beiden hier folgenden, 
den einen in perspectivischer, den anderen in geometrischer Ansicht von zwei 
Seiten an. 



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Figur 224. Zwei Sessel von Bronze. 



Die geschmackvolle Art der einfachen Verzierung werden unsere Leser 
lieber in der Abbildung als in unserer Beschreibung studiren, wir wollen nur 
auf die Schweifung des Sitzes aufmerksam machen, welche das Sitzen auf die- 
sen Sesseln selbst ohne Polster bequem macht. Von zweien bronzenen Bisellien 
steht die Abbildung (Fig. 224) diesem Abschnitt voran; auch bei ihnen über- 
lassen wir die Betrachtung des Ornaments unsem Lesern und weisen dieselben 
nur auf die in demselben hervortretenden Pferdeköpfe, welche auf ritterlichen 
Stand deuten mögen, und auf die en medailhn in die Verzierung eingelassenen 
Silensbüsten hin, deren Bedeutung nicht feststeht. 

Nächst den Sitzen erwähnen wir die Ruhebetten und Sophas, die wir 
ebenfalls in grosser Fülle aus Bildwerken kennen, in Natura dagegen in Pom- 
peji nicht gefunden haben, es sei denn, dass man jene gemauerten Lager der 
Triclinien nennen wollte, die wir bereits früher besprochen und abgebildet 
haben. Viel häufiger und in bedeckten Triclinien wohl regelmässig waren diese 
Ruhebetten von Holz mit reichen Ornamenten, weshalb auf uns keine gekom- 
men sind. Sie erscheinen in alten Kunstwerken in zierlichster Eleganz. In 



298 



II. Fanftes Capitel. 



allen Fällen wurden sie beim Grebrauche mit beweglichen, znmTheil matratzen- 
artigen, zum Theil pffllilartigen Polstern, auf welche man den linken Ann 
stützte; belegt. Als einfache Form der Ruhebetten können wir die lehnelosen 
Bänke betrachten, die wir gemauert in einigen Häusern im Atrium, von Bronze 
im Tepidarium der Thermen fanden. 

Viel seltener sind in Kunstwerken Tische dargestellt, wovon der haupt- 
sächliche Grund in der geringeren Mannigfaltigkeit des Gebrauchs gelegen 
ist. Sitze brauchten die Alten just so viel wie wir. Tische weit weniger als 
wir, die wir in Ess-, Sopha-, Spiel-, Toiletten-, Schreib- und anderen Tischen 
eine ganze Heerschaar besitzen. Esstische hatten die Alten in ihren Triclinien 
natürlich und zwar in recht verschiedener Form, mehrfCLssig und einfüssig und 
von sehr verschiedener zum Theil grosser Kostbarkeit. Die einfachsten Ess- 
tische sind die gemauerten Monopodien, wie der viereckige Tisch imTriclinium 
funebre, auf deren massiven Fuss man ein Blatt von glattem Holz legte. In 
hölzernen Tischen wurde, in Material und Verzierung, ein zum Theil fabel- 
hafter Luxus entfaltet und auch die steinernen sind, wenn sie aus weissem 
oder farbigem Marmor gearbeitet wurden, grossentheils ebenfalls gar kostbare 
PrachtmobiUen, welche ausser als Esstische, namentlich auch als Schautiscbe 
für kostbare Gefesse dienten. Diesen Zweck können wir bei den schönsten der 
wenigen in Pompeji gefundenen Marmortische voraussetzen, von denen wir in 
der folgenden Figur 225 links das besterhaltene Prachtexemplar aus dem Hause 




Marmortisch 



Figur 225. 
und 



TischfuBS. 



des kleinen Mosaikbrunnens, rechts ein kostbares Fragment, einen Fuss in Ge- 
stalt einer meisterhaft gearbeiteten kauernden Sphinx aus dem Hause des 
Faun unsem Lesern vorführen. Andere sind weniger reich und schön decorirt, 
jedoch bestehn ihre Füsse meistens wie in unserem vollständigen Beispiel aus 
stilisirten und tektonisch behandelten Thier- meistens Löwenklauen. Derartige 
Tische haben meistens ihren Platz im Tablinum, jedoch stehn sie auch im 
Atrium vielfach neben dem Puteal oder hinter demselben mit dem augenschein- 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



299 




Figur 226. Dreifüsse von Bronze. 



liehen Zweck, die Schöpf- und Wassergef^Use aufzunekmen. Hier sind sie 
oftmals ganz einfach mit zwei durchgehenden Füssen und schlichtem dickem 
Blatt. Putztische hatten die Alten ebenfalls, jedoch sind uns deren keine er- 
halten. Eine eigene leichte Art von Tischchen stellen die Dreifdsse dar, welche 
freilich eigentlich den Küchengeräthen angehören und zur Aufnahme von Kes- 
seln bestimmt waren, die aber wie in den folgenden Beispielen zum Theil von 

solcher Zierlichkeit und Ele- 



ganz sind , dass sie for die- 
sen ursprünglichen Zweck 
wenig geeignet erscheinen, 
vielmehr sich nur als leichte 
Tische mit losem Blatt dar- 
stellen, die man im Wohn- 
zimmer, im Tablinum oder 
Atrium stehn hatte, um dies 
und das aus der Hand zu 
legen oder um Blumen vasen 
oder einzelne Prachtgefesse 
zu tragen. Ein verwandter 
Gebrauch der Dreifasse zum 
Schmucke des Speisesaales 
ist schon homerisch und für Pompeji wird er mit dadurch bestätigt, dass diese 
Mobilien nicht in der Küche, sondern inWohnräumlichkeiten aufgefunden sind. 
Von den beiden mitgetheilten Probeexemplaren zeichnet sich das eine durch grosse 
Zierlichkeit und reichen Schmuck aus , während das andere durch eine Vor- 
richtung zum Höher- oder Niedrigerstellen interessant ist. Die Beine sind oben 
in Scharnieren beweglich und die ebenfalls beweglichen Querstäbe enden in 
einem King, der an einem Metallstab an den Beinen herauf und hinunterläuft, 
80 dass vermöge dieser Vorrichtung der Dreifuss bei breiter Auseinanderstellung 
der Füsse um ^ seiner Höhe erniedrigt, bei engerer Fussstellung um so viel er- 
höht werden kann. 

Dass ausser den zum eigentlichen Mobiliar des Wohnhauses gehörenden 
Tischen sich deren in jedem Haushalt, in Küchen, Anrichtzimmem, Bäckereien 
u. s. w. und in vielen Läden und Werkstätten noch manche andere zu ver- 
schiedenem Gebrauch bestimmte Tische fanden, versteht sich so ganz von 
selbst, dass wir es kaum zu erwähnen brauchen, und auch dass diese Tische, 
seien sie von Holz, seien sie gemauert und mit hölzernen oder steinernen Plat- 
ten je nach dem Bedürfniss belegt, immer ganz einfach und praktisch waren, 
werden sich unsere Leser selbst sagen und aus einigen Beispielen , die wir in 
den Häusern vorgefunden haben, erinnern. 

Einen wichtigen Platz unter den Mobilien des Wohnhauses nehmen die 
Candelaber ein, wichtig sowohl in praktiscl^em als in decorativem und 



300 II. Fünfte« Capitel. 

künstlerischem Betracht. Von keiner Art antiker Mobilien ist in Pompeji eine 
so grosse Zahl und eine so grosse Mannigfaltigkeit aufgefunden wie von Can- 
delabern, und in wenigen anderen zeigt sich die unermüdliche und unerschöpf- 
liche Erfindungsgabe der Alten so glänzend und erstaunlich wie in diesen 
Geräthen. Wir können über die Candelaber nicht reden , ohne einige Worte 
über die antike Beleuchtung voranzusenden. Dieselbe stand, was die Pro- 
duction intensiven Lichtes anlangt, keineswegs auf einer hohen Stufe der Aus- 
bildung, namentlich deshalb nicht, weil bei dem die Benutzung von Lichten 
(Kerzen) fast ganz ausschliessenden Gebrauch der Lampen die Alten keine 
jener Erfindungen gemacht hatten , durch welche wir , die Hitze der Flamme 
concentrirend, die Verbrennung im Wesentlichen auf das sich aus dem Brenn- 
material bildende Gas nebst der Verzehrung des Bauches beschränken. Von 
Gläsern, welche die leuchtende Ramme lungaben, kommt nicht eine Spur vor, 
und die antiken Lampen, selbst die grössten und schönsten sind in ihrem 
Mechanismus grade so vollkommen und nicht vollkommener als die kleinen 
Lämpchen, die wir in unseren Küchen und Gesindestuben zu verwenden pfle- 
gen. Denn jede antike Lampe besteht aus einem weiteren, gewöhnlich flachen, 
runden Behälter für das Oel und den dasselbe aufsaugenden Docht, welcher 
aus einer an dasOelge&ss angefügten Lichtschnauze hervorsteckte. Schon hier- 
aus geht mit Evidenz hervor, dass die Alten, wenn sie einen selbst bei dem 
lautersten Baumöl unerträglichen Qualm und Euss vermeiden wollten, den 
Docht nur von massiger Dicke nehmen , denselben nur wenig aus der Licht- 
schnauze hervorstecken lassen konnten, somit auf die Darstellung einer kleinen 
Flamme beschränkt waren, und in deren Vervielfachung das einzige Mittel 
einer helleren Beleuchtung besassen. Wollte man ja einmal eine grössere 
Flamme brennen lassen, so musste man für einen Bauchfang über derselben 
Sorge tragen , wovon uns in der immerbrennenden Lampe des Kallimachos ün 
Tempel der Polias in Athen, bei der der Bauchfang als ein Falmbaum gestaltet 
war , ein interessantes Beispiel überliefert ist. Die Vervielfältigung der Flam- 
men erreichte man nun entweder, wie wir dies z. B. in den Thermen gefunden 
haben, durch die Aufstellung einer grösseren Anzahl von Lampen mit einer 
Flamme oder Lichtschnauze, welche Myxa hiess und der einflaminigen Lampe 
den Namen Monomyxos gab, oder durch die Vervielfältigung der Licht- 
schnauzen an einer Lampe, welche nach deren Zahl mit den Namen Diinyxos 
(zweischnauzig) oder bilychnis (zweiflaimnig) , Trimyxos (dreischnauzig) oder 
trilychnis u. s. f. belegt wurde. Als das einfachste Material erscheint gebrann- 
ter Thon, neben dem jedoch vielfach auch Bronze verwendet wurde. In beiden 
Hauptmaterialien, Thon und Bronze, zu denen gelegentlich edlere Metalle 
kamen , finden wir die Lampen von der allereinfachsten Form sich durch eine 
fast unübersehbare Reihe von Ornamenten bis zu äusserst zierlichen und schö- 
nen Kunstwerken erhebend, wobei natürlich die Blüthe der Entwickelung der 
Bronze zufkllt. In den folgenden Abbildungen haben wir eine Reihe poinpc- 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



301 



janischer und herculanensischer Lampen zusammengestellt , in der die Haupt- 
stufen des Aufsteigens sowohl in Bezug auf die Zahl der Flammen wie das- 
jenige von der einfachsten Form bis zur kunstvollsten unsem Lesern vergegen- 
wärtigt werden. 




Figur 227. Lampen von Thon und Bronze. 



Die einfachste Grundform der antiken Lampe vergegenwärtigt uns das 
Lämpchen a aus gebranntem Thon. Derartige Lämpchen sind in unüberseh- 
barer Masse in allen Theilen des weiten Römerreiches gefunden , sind in der 
Regel von nicht glasurtem, einmal gebranntem Thon, sehr oft in der einfachsten 
Weise dadurch verziert, dass mit einem scharfen Instrument auf den Deckel 
oder den Bauch des Oelbehälters Kreise, Spiralen oder sonstige Linien eingeris- 
sen, oder dadurch, dass diese Linien mit einer blassrothen Farbe aufgetragen sind. 
Von den beiden Löchern in der Lampe dient dasjenige im Bauch, welches, wie wir 
sehn werden, bei besseren Lampen mit einem oft sehr hübsch verzierten Deckel 
verschlossen wird, zum Eingiessen des Oeles, dasjenige ii:\ der Schnauze für 
den Docht. Zu diesen beiden natürlich immer vorhandenen Löchern kommt 
oft noch ein viel kleineres drittes am Anfang der Schnauze , welches entweder 
zum Herausstochem des Dochtes, oder viel wahrscheinlicher noch dazu diente, 
um den nöthigen Luftdruck zu vermitteln , falls die Oelöffnung durch einen 



1 



302 II. Fanftes Gapitel. 



Deckel verschlossen war. Zu den einfachen Verzierungen dieser kleinen Thon- 
lampen gesellt sich sehr oft noch der unter dem Fuss cingestempelte Name des 
Fabrikanten 9 wie dies beispielsweise das Lämpchen b zeigt. Dieser Name steht 
entweder, wie hier, im Nominativ und allein PVLCHER, oder mit einem F 
(fecü) hinter sich, oder er steht im Genitiv allein, z. B. TITlNI, des Titinius 
Lampe oder Machwerk oder was man sonst ergänzen will , oder auch mit vor- 
hergehendem OF., d. h. ofßcina, Fabrik, z. B. OF. ATIMETI, Fabrik des 
Atimetus. — Die Lämpchen a und b vergegenwärtigen uns, wie gesagt, die 
gewöhnliche Grundform, welche wir noch vielfach wiederfinden werden, welche 
aber nicht so ausschliesslich sich findet , dass sie andere , zum Theil verwandte 
Formen ausschlösse. Als Beispiel einer solchen diene das Lämpchen c, bei dem 
die Schnauze als runde Spitze verlängert und der Griff seitwärts angebracht 
ist. Auf ihr finden wir nun auch zuerst eine jener figürlichen Verzierungen, 
welche fast den ganzen Kreis darstellbarer Gegenstände umfassen, und welche 
insbesondere eine fast vollständige und sehr mannigfaltige mythologische Folge 
enthalten, in der das wesentlichste Interesse der antiken Lampen liegt. Auf 
unserem Lämpchen finden wir einen kampfbereit stehenden Gladiator , woge- 
gen uns das in gewöhnlicher Weise gestaltete Lämpchen d ein palmettenartiges 
Ornament zeigt, in dessen Mitte das Oelloch durchgebohrt ist. Unter e bringen 
wir ein in mehrem Betracht interessantes Beispiel einer bilychnis von Bronze 
in der Oberansicht, welche sich von der in der Folge noch vorzufindenden ge- 
wöhnlichsten Form der zweiflammigen Lampen dadurch unterscheidet, dass 
bei ihr die Schnauzen einander gegenüber liegen, anstatt wie gewöhnlich neben 
einander. Der Grund hiefür ist darin zu suchen, dass unsere Lampe zum 
Hängen an Kettchen bestimmt war, welche in die als Haken behandelten 
omamentalen Gänseköpfe eingehängt wurden. Eine ganz besondere Wichtig- 
keit erhält unsere im TJebrigen sehr einfache Doppellampe dadurch, dass man 
in ihrer einen Schnauze den Docht steckend fand, wie unsere Abbildung zeigt 
Dieser einzige antike Docht besteht aus gehecheltem , aber nicht gesponnenem 
Flachs, der zu einer Art von Strick zusammengedreht ist , und verdankt seine 
Erhaltung der Berührung mit dem Metall, einem Umstände, der uns auch 
sonst noch manchen leicht zerstörbaren Gegenstand in Pompeji hat auffinden 
lassen, wie z. B. leinene Geldbeutel, das wollene Futter von Bronzehelmen 
u. dgl. m. Einen reicher verzierten bronzenen Dimyxos der gewöhnlichen 
Form finden wir bei fi sein Griff ist als Adler gestaltet und auf der Decke 
seines Oelbehälters, aus dem die beiden Lichtschnauzen neben einander ent- 
springen, ist die Büste einer Luna vor der Mondsichel ausgetrieben, welche 
wir zugleich als ein Exempel dieser mythischen Darstellungen beibringen, und 
bei der wir unsere Leser auf die nach damaliger Sitte als Perücke gestaltete 
Haartracht aufmerksam machen wollen. Ehe wir zu weit in der aufsteigenden 
Entwicklung der Ornamente fortschreiten , müssen wir ein paar an sich ein- 
fache vielflammige Lampen ^, h betrachten, von denen die erstere sehr deutlich 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 303 

den llebergang der gewöhnlichen Form mit neben einander stehenden Licht- 
schnauzen zu der kreisförmigen Stellung der Flammen zeigte welche wir in der 
zweiten Lampe h finden. Bei ihr ist der mit dem Kranze verzierte Theil der 
Oelbehälter, das Loch zum Eingiessen sehn wir rechts, das kleine Loch für die 
Luft nach vorn. Dadurch, dass dies nur einmal, nicht aber bei jedem Flam- 
menloch vorhanden ist, wird, denke ich, sein angegebener Zweck recht deut- 
lich. Ein anderes Beispiel einer ringförmigen Hängelampe mit mehr Verzierung 
finden wir bei n a und ß, die drei nach innen stehenden Zapfen sind durch- 
bohrt und in ihnen waren die Ketten zum Aufhängen befestigt. Die Löcher 
lumOeleingiessen sieht man oben neben dem Silenskopf, hinter dem ein kleiner 
GrifiF angebracht ist. Unter i bringen wir ein kleines, aber sehr anmuthig und 
reich gestaltetes Bronzelämpchen in der Oberansicht, dem weiterhin unter k 
ein anderes in der Seitenansicht beigefügt ist, während wir bei / und bei m 
zwei jener nicht seltenen Lampen finden , welche bei sehr einfach gestaltetem 
Körper einen mehr oder weniger reich, hier im einen Falle durch einen kräftig 
modellirten Löwenkopf, im anderen durch einen Pferdekopf ornamentirten 
Griff zeigen. Ausser dem Körper und dem Griff der Lampe bietet nun beson- 
ders noch der Deckel oder der Deckelknopf des Oelbehälters Gelegenheit zu 
kunstreicher Gestaltung, wovon wir unter o ein Beispiel sehn. Hier steht auf 
dem Deckel ein leichtgegürteter Jüngling, der sich im vollen Laufe gleichsam 
nach einem mit ihm in die Wette Laufenden umblickt, und der zugleich als 
Halter des Häkchens dient, mit dem man den Docht stocherte. Ein ungleich 
anmuthigeres Exemplar eines sehr gefällig gestalteten und durchweg mit 
grossem Geschmack verzierten Dimp:os finden wir bei p. Hier bietet uns der 
Deckelknopf eines jener allerliebsten Genrebilder der griechischen Plastik, die 
noch immer nicht gehörig zusammengestellt und gewürdigt sind, ein Knäbchen, 
das mit einer Gans ringt, an deren Fuss zugleich das Kettchen hangt, mit 
welchem der Deckel an den Griff befestigt ist. Das Vorbild der kleinen Gruppe 
bildet ein Werk des Boethos, welches Plinius anführt, und welches auch in 
Marmor nachgebildet auf uns gekommen ist. Unter q bringen wir das Beispiel 
einer ziemlich reich verzierten grösseren dreiarmigen Hängelampe , und end- 
lich haben wir unter r, 8, t und u vier Lampen von besonderer Form zusam- 
mengestellt, welche zeigen, dass der Geschmack in der Gestaltung dieser Ge- 
rathe grade nicht immer sich auf gleicher Höhe hielt. Die Abbildung r zeigt 
uns eine dreiflammige Lampe, bei der für die zweite und dritte Flamme ein 
Nebenlämpchen dem Körper der Hauptlampe unorganisch genug angeflickt 
ist, s eine schiffartig geformte vielflammige Lampe, bei / finden wir eine Lampe 
in Form eines menschlichen Kopfes, bei dem die abnehmbaren Haare als Oel- 
öSnung und der maskenartig verzerrte Mund für den Docht diente, endlich 
bei u eine ähnliche Lampe in Maskenform in drei Ansichten. Indem wir un- 
sem Lesern das Urteil über diese Spielerei überkssen, bemerken wir nur, dass 
sie in ähnlicher Weise ziemlich häufig vorkommt. — 



304 II. Fanftet Capitel. 

Doch nun zurück zu den Candelabem , zu deren Darstellung wir diese 
Abschweifung in der Besprechung der pompejanischen Mobilien nothwendig 
machen mussten, wenn die Zwecke der Candelaber deutlich werden sollten. 




Figur 228. Lampenfüsse von Bronze. 

Wir haben in unserer Durchmusterung der Lampen gesehn, dass die meisten 
zum Hinstellen eingerichtet sind; das Hinstellen konnte nun freilich wohl 
auf den blossen Tisch erfolgen, aber in diesem Falle wäre die Flamme so nie- 
drig gewesen , dass ihr Licht sich nur auf einen sehr kleinen Kreis erstreckt 
haben würde. Man musste also Untersetzer für die Lampen haben, welche 
man auf den Tisch stellen wollte, und diese Untersetzer erscheinen entweder in 
Form niedriger Tischchen oder Dreifüsse, oder als die eine Hauptclasse der 
Candelaber, diejenigen, welche etwa einen Fuss bis anderthalb hoch sind 
Aber nicht allein auf den Tisch wollte man Lampen stellen, es galt viel häufi- 
ger die Erleuchtung des ganzen Zimmers. Wollte man hierzu nicht Hänge- 
lampen verwenden, so musste man höhere Ständer für die Lampen haben, und 
diese Ständer sind die zweite Hauptclasse der Candelaber, diejenigen, welche 
4 — 6 Fuss und mehr hoch, von Bronze und auch von Marmor gebildet zugleich 
zu den schönsten MobUiarstücken des Alterthums gehören. Wir wollen unsere 
Leser mit den drei genannten Arten von Geräthen, den Lampenfüssen und den 
kleinen und grossen Candelabem in einer Auswahl bekannt machen. \'ier 
Lampenfüsse, zwei gewichtige und zwei leichte und elegante haben wir oben 
als Fig. 228 abgebildet, zu deren Erklärung Nichts zu sagen nöthig ist, und bei 
denen unsere Leser selbst bemerken werden, in wie sinnreicher Art meistens 
Thierfüsse, einmal Delphine als Stützen der Platte benutzt sind. Der Vorzug 
dieser antiken Lampenfüsse vor den meisten der sehr ähnlichen modernen Fasse 
der latnpes ä moderateur besteht in der Klarheit, mit der die zum Tragen be- 
stimmten Theile diese ihre Function ausdrücken, während wir nur zu oft in 
dieser Beziehung ganz gedankenlos verfahren und künstlerisch betrachtet Un- 
mögliches schaiSen. 

Noch ungleich grösser ist die Mannigfaltigkeit und zugleich die Anmuth 
der Formen bei den kleinen Candelabem, von denen wir nachstehend fünf zur 
Probe geben, welche, wenngleich sie eine uns durch den beschränkten Baum 
gebotene sehr kleine Auswahl bilden, doch im Stande sein werden, eine unge- 
filhre Vorstellung von diesen Geräthen zu geben. Die kleinen oder Leuchter- 
candelaber, wie man sie nach der Analogie unserer auf den Tisch zu stellenden 



r 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



305 



Leuchter und Armleuchter nennen könnte, sind wie diese zunächst nach der 
Lampenzahl zu unterscheiden, welche sie zu tragen bestimmt sind. Wir finden 
m unserer Abbild- 
ung in a einen ein- 
lampigen, in b und 
rfzweilampige, in e 
einen ^derlampigen 
nnd in c einen fiinf- 
lampigen Candela- 
ber, so dass der 
letzte mit fünf Bi- 
lychnen behängt 
mit 1 Flammen 
leuchtete. Femer 
kann man diese 
Leuchtercandela - 
ber insgesammt 
nach der Form in 
zwei Hauptclassen 
eintheilen, in sol- 
che, die rein tecto- 
nische Formen ver- 
wenden , wie bei 
uns a und e und 
solche, die in frei- 
erer Weise vegeta- 
bile und ausnahms- 
weise thierische 
oder menschliche 
Formen benutzen, 
wie wir es in b, c 
und d unserer Fig. 
229 finden. Die 
ersteren stehn den 
grossen Candela- 
bem am nächsten, 
bei denen man als 
die Haupttheile 

Fuss, Schaft und Platte unterscheidet, die als Träger der Ornamentik erschei- 
nen. Bei der anderen Art findet sich freilich ebenfalls in vielen Fällen Fu&s, 
Schaft und Platte , wie in b und e, in -idelen anderen ist aber entweder der 
Fuss im eigentlichen Sinne aufgegeben wie in d oder ist die Platte ganz weg- 

Orerbeck, Ponpeji. 20 




30« 11. Fünfte« CapitrI. 

gelassen wie in c, bei welchem als Baum gcstaltx?ten Candelaber die fünf Lampen 
an Ketten von den Zweigen hangen. Bei der klaren Darstellung der Formen 
würde deren Benennung und Beschreibung nur ermüden, unsere kunst\^er- 
ständigen Leser werden ohne Zweifel bemerken und mit uns darin überein- 
stimmen, dass bei der Anmuth aller dieser Exemplare a als tektonisch, d als 
freier gestaltetes Geräth den Preis verdient, wogegen b einem leisen Tadel 
nicht recht organischer Verbindung des Fusses mit dem Schaft schwerlich ent- 
gehn wird. 

Noch etwas anders gestaltet sich die Aufgabe bei den grossen Candelabem, 
welche frei in's Zimmer auf den Boden gestellt wurden, bestimmt die Bäume 
im Allgemeinen, kaum aber dieselben sc^hr energisch zu beleuchten, weshalb die 
grossen Candelaber in der R^gel nur für eine, zwei bis höchstens drei Lampen 
auf ihren Platten oder IVllern Baum bieten. Wir haben auf der folgenden 
Tafel (Figur 230) drei ganze C.-andelaber und einige Repräsentanten der drei 
schon oben gt^nannten llauptthcilc, Fuss, Schaft und Kuauf oder Pktte 
zusammengestellt, auf welche wir bei der folgenden Beschreibung vemei- 
sen. In seiner Gesammtlieit spricht der Candelaber seine Bestimmung, das 
Licht hoch emporzuheben, mit seiner leichten Schlankheit auf das Vortreff- 
lichste aus. Nicht eine Last zu heben und zu stützen ist der Candelaber 
bestimmt, deshalb .konnte sein Schaft so dünn und lang genommen und auf 
dem zierlichen Fusse erhöht werden. Dieser, meistens aus Thierklauen, aber 
auch aus vegetabilen Elementen zusammengesetzte Fuss ist wieder nur diesen 
leichten Stengel zu tragen im Stande, der möglicher Weise aus einer natür- 
lichen vegetabilen Stütze hervorgegangen und deshalb auch zuweilen nach 
ihrem Schema gearbeitet (siehe Fig. 230 das Schaftstück bei ^), in der Begel 
aber nach diesem Grundschema wie alle Säulen weiter stilisirt und zu einer 
canellirten Säule geworden ist, aus der in der überwiegenden Mehrzahl der 
Fälle und in den besten Exemplaren ein natürlich ebenfalls stilisirter Bliunen- 
kelch emporblüht, dem das Licht der Lampe entstrahlt. Die Abweichungen 
von diesem als normal zu betrachtenden Schema sind bei allen drei ITieilen 
mannigfaltig genug , um eine etwas genauere Betrachtung zu rechtfertigen. 
Im Fusse sind die Verschiedenheiten nicht so bedeutend wie im Knauf. Zu- 
nächst werden durchgängig drei Stützpunkte festgehalten, welche selten durch 
andere Glieder als Thierfüssc dargestellt werden. Am häufigsten sind Löwen- 
klauen verwandt, seltener die Hufe gi-asfressender Thiere, wie in c Fig. 230, 
noch seltener Pfianzentheile , namentlich Baumwurzeln. Vegetabile llieile 
werden dagegen meistens in verschiedenem Grade des Reichthums zur Verbin- 
dung der drei Thierfüsse verwendet, ein Beispiel ihres Fehlens finden wir in 
unserem Candelaber a, ein anderes in demjenigen c, bei dem sie einem prakti- 
schen Bedürfniss weichen inussten, das überhaupt zum Nachtheil der Form in 
diesem Candelaber durchherrscht. Sehr zierlich dagegen ist das vegetabile 
Ornament mit dem animalen in dem Candelaberfuss verbunden, von dem wir 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 307 

a 




1 



308 IL Fünftes Capitel. 

bei e eine Oberansicht geben, einfacher in dem Fusse des Candelabers i, sehr 
reich und prachtvoll dagegen in dem bei y* in der Seitenansicht mitgetheilten 
Candelaberfuss. Die so gestalteten Füsse lassen nun den Schaft des Candelabers 
entweder unmittelbar aus ihrer Mitte emporschiessen, oder sie sind mit einer 
Scheibe , einem Teller (Diskos) bedeckt , aus dessen Mitte sich der Schaft er- 
hebt. Ein Beispiel eines solchen Fusses bietet uns in der Seitenansicht der 
Candelaber a, ein anderes Beispiel in der Oberansicht finden wir unter d abge- 
bildet, als ein drittes, aber nicht mustergiltiges Beispiel nennen wir den Can- 
delaber c. Es ist wohl einleuchtend, dass die Candelaberfüsse ohne Deckplatte 
den Vorzug verdienen, weil aus ihnen der Schaft am meisten organisch ent- 
springt , doch lässt sich nicht läugnen , dass wieder die Platte der Kunst des 
Ciseleurs den schönsten Anlass zu eingeritzten und eingelegten Ornamenten 
(Damascenerarbeit) darbot, und dass diese Gelegenheit in geistreicher Weise 
benutzt ist. Verwandt mit dieser Art von Füssen, aber am wenigsten muster- 
giltig sind diejenigen, von welchen wir bei l eine Probe finden, und bei denen 
sich die Platte in ein flach glockenförmiges Glied verwandelt hat, dem 
der Ausdruck des Emporhebens fast ganz abgeht. Wesentlich abweichend 
von der Form dieser bronzenen Candelaber sind diejenigen der grossen mar- 
mornen, von denen eine Reihe von Prachtexemplaren auf uns gekommen ist 
Sie dienten wahrscheinlich zu Tempelzwecken und bei ihnen ist der Fuss dem 
Material gemäss massiver, als ein dreiseitiger Altar auf niedrigen Löwen- 
füssen gestaltet, dessen drei Flächen mit bedeutungsvollen Reliefen verziert 
wurden. — 

Der Schaft der bronzenen Candelaber ist in der überwiegenden Mehrzahl der 
Fälle eine schlanke canellirte Säule , seltener eine nicht canellirte wie in dem 
Candelaber c und dem, dessen Fuss wir bei / gegeben haben , noch seltener als 
Baumstamm gestaltet wie der Schaft bei g. Mit dem Fusse verbindet den Schaft 
eine leichte Basis, welche in der Mehrzahl der Fälle, am musterhaftesten bei 
dem Candelaberfüsse bei f aus mehren Reihen von Blättern mit leichtem 
Ueberfall besteht, gleichsam den Wurzelblättern des schlanken Blüthenstieles. 
Bei anderen Candelabern ist dies Bindeglied zwischen Fuss und Schaft zum 
Nachtheil des Organischen in's Kurze gezogen, aber nur in sehr seltenen Fällen 
verfehltermaassen in der Gestalt der eigentlichen Säulenbasis behandelt und nie- 
mals vergessen. Dass das Bindeglied bei Füssen mit der Deckplatte kleiner 
sein dürfe, als bei solchen ohne diese, leuchtet von selbst ein. — Bei Marmor- 
candelabern ist häufiger als bei bronzenen der Schaft als Stengel oder Stamm 
mit Blättern (in der Art wie bei g) behandelt. Endlich der Knauf und die 
Platte. Die Blüthenkelchform ist bei Candelabern mit canellirtem Schaft für 
den Knauf ohne Frage die beste und naturgemässeste, die ihr nahe verwandte 
Vasen form weniger zu loben. Bei Candelabern mit vegetabilem Schaft muss 
natürlich der Knauf der Natur des Stengels folgen, was in einfachster Weise 
durch Darstellung von Zweigen geschieht, welche die Platte tragen; ein ein- 



r 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 309 



faches Beispiel ist bei «. So wie der Anfang des Schaftes mit dem Fuss, so 
musfl das Ende oder die Spitze desselben mit dem Knauf verbunden werden, 
was am besten wie bei a und h durch Glieder geschieht, welche die stilisirte 
Blumennatur des Knaufs tragen und sich ihm unten gleichsam wie der Frucht- 
boden und die Kelchblätter den Kronenblättern der Blume anlegen. Andere 
Verbindungen, sei es durch reine architektonische, sei es durch animale Glie- 
der, verdienen weniger Lob, und so anmuthig die Schaftspitze unseres Cande- 
labers b mit der Sphinx, welche vergrössert in der Seitenansicht bei m wieder- 
kehrt, auch erscheinen mag, so werden wir sie doch der tektonischen Idee nach 
nicht tadellos finden können. Granz verwerflich erscheinen aber Vermittelungen 
des Schaftes und des Knaufes wie die , wovon wir bei k ein geschmackloses 
Beispiel finden. Ehe wir die Candelaber verlassen, wollen wir unsere Leser 
noch auf die Vorrichtung zum Verlängern und Verkürzen bei dem Candelaber c 
aufmerksam machen. Zunächst sehn wir, dass der Schaft aus dem Fusse ge- 
löst werden kann, indem zwei grosse Scharniere in demselben, wie unsere 
Zeichnung zeigt, geöflhet werden. Sodann aber bemerken wir, dass der Schaft 
selbst aus zwei in einander steckenden Theilen besteht, von denen der obere 
emporgehoben und durch einen an einem Kettchen hangenden, durch seinen 
durchlöcherten Stiel gesteckten Pflock beliebig hoch oder tief gestellt werden 
kann. Schön wird keiner unserer Leser diesen Candelaber finden. 

Mit den Sitzen, Tischen, Dreifüssen, Leuchtern und Candelabem nebst 
Lampen und Hängelampen ist das ständige Mobiliar des pompejanischen Wohn- 
zimmers und Salons erschöpft. Von solchen Mobilienstücken oder Geräthen, 
welche zeitweilig in diesen Eäumen aufgestellt wurden, sind nur etwa noch die 
Feuerbecken oder Kohlenpfannen zu nennen, welche im Winter unsere Oefen 
ersetzen mussten und grade so gut und so schlecht ersetzt haben werden , wie 
die ganz verwandten Kohlenbecken dies thaten, welche vor noch nicht langer 
Zeit den ganzen Heizapparat im modernen Süditalien ausmachten. Diese Koh- 
lenbecken, deren wir eines im Tepidarium der Thermen kennen gelernt haben, 
sind so einfach construirt , dass wir sie unsem Lesern ohne Abbildung vorfüh- 
ren zu können glauben. Sie bestehen aus einer viereckigen oder runden Platte 
mit einem entweder grade oder geschweift aufsteigenden Eande, welcher mit 
verschiedenen getriebenen oder eingeritzten Ornamenten verziert wird. Auf 
die Platte werden unverbrennliche Stofie, in der Regel Ziegel- oder Bimstein- 
stücken gelegt, über diese ein Rost von Eisenstäben, auf welchen man die aus- 
gebrannten Holzkohlen schüttete. Das Ganze wird von vier Füssen getragen, 
die, wie sich dies beinahe von selbst versteht, durch Thierklauen dargestellt 
werden, und bildet, obgleich gewöhnlich, doch mit Ausnahmen, an Zierlichkeit 
und Eleganz hinter den Candelabern nicht allein, sondern auch hinter Sitzen 
und Tischen zurückstehend, doch ein Stück, welches sich dem hübschen Mobiliar 
harmonisch einfügt. Von den kleinen transportabelen Heerden von Bronze 
sprechen wir besser bei Durchmusterung der Küchengeräthe. Ehe wir uns zu 



310 



II. Fünftes Capitel. 




Figur 231 . Marmornes Wasserbecken. 



diesen wenden, müssen wir noch kurz der Mobiliardecoration, wenn luan so 
sagen darf, der Atrien gedenken, welche ausser in Candelabcm, Sesseln, Stüh- 
len und Bänken noch vielfach in Putealen, Springbrunnen, grossen Wasser- 
becken , und gelegentlich in kleinen 
Altären besteht, von denen wir 
ein paar Beispiele gefunden haben , 
abgesehn von den mehrfach vorhan- 
denen Geldkisten und von gelegent- 
lich vorhanden gewesenem Statuen- 
schmuck. Das nebenstehende mar- 
morne Wasserbecken in flacher Kra- 
terform wurde in einem Hause 
gegenüber dem Chalcidicum gefun- 
den und ist das schönste seiner Art 
in Pompeji. 

Die Einrichtung der Küchen war , so weit es sich aus den monumentalen 
Resten beurteilen lässt , einfach genug. Die in der Regel und mit nur sehr 
seltenen Ausnahmen gemauerten Heerde, über denen ein Heerdmantel den 
Rauch auffing und in die Esse leitete , machten nur ein Kochen auf der Platte 
über freiem Feuer möglich, über welches die Kochgeschirre auf Dreifüssen ge- 
stellt wurden. Von den gewöhnlichen Ileerden braucht nach dem Gesagten 
nicht näher geredet zu werden, dagegen müssen wir hier jene kleinen trans- 
portfibolen Heerde oder Feuerbecken einfügen, die freilich schwerlich zum 
eigentlichen Kochen oder Backen der Speisen dienen konnten und deshalb 

auch schwerlich in der Küche 
ihren Platz fanden, sondern 
welche zum Warmhalten oder 
Wiedererwärmen der Speisen 
allein geeignet scheinen und 
aller Wahrscheinlichkeit nach 
im Triclinium oder in dem 




Figur 232. Heerde von Bronze. 



mehrfach, wie wir gesehn haben, mit dem Triclinium verbundenen Anrichte- 
oder Servirzimmer standen. Sie bestehen wie die Feuerbecken aus einer 
Feuerplatte mit umgebendem Rande, der jedoch doppelt und oben verschlos- 
sen, eine rundumlaufende Rinne für Wasser bildet. Wird nun das Innere des 
Feuerbeckens mit glühenden Kohlen gefüllt , so musste , wie leicht einzusehn, 
das umgebende Wasser leicht kochen, und die obere Fläche der erhitzten Röhre 
oder Rinne konnte zum Aufstellen heiss zu haltender Schüsseln dienen, wah- 
rend inmierhin auch die aufsteigende Gluth des Feuerbeckens zu gleichem 
Zwecke verwendet worden sein mag. Zu gleicher Zeit konnte man das kochende 
Wasser benutzen , welches durch einen Hahn abgezapft wurde. In aller Ein- 
fachheit zeigt der niedlich verzierte Heerd rechts in unserer 232. Figur diese 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



311 



Einrichtung , während derjenige links noch um ein Geringes vervollkommnet 
erscheint. Er gleicht im Ganzen einem kleinen Befestigungswerk mit einem 
Zimienkranz, welcher als Ornament für derlei Heerde und Feuerbecken ganz 
besonders beliebt war, so dass wir ein ähnliches bei dem Heerdchen rechts und 
bei dem Feuerbecken der Thermen finden. An den vier Ecken unseres Heerd- 
chens erheben sich kleine, ebenfalls zinnenbekränzte Thünne, welche mit 
einem Klappdeckel verschlossen sind ; wurde dieser zurückgeschlagen , wie es 
bei dem einen Thürmchen unserer Abbildung ersichtlich ist, so konnte man 
ein Gef^ etwa mit zu erwärmender Brühe unmittelbar in das heisse Wasser 
stellen, welches zu anderweitigem Gebrauche durch den an der linken Hächc 
erkennbaren Hahn abgezapft wurde. 




Figur 233. Heerd von Bronze. 



Verwandt im Princip, aber abweichend in der Form und von complicir- 
terer Einrichtung ist der Heerd, den wir in Fig. 233 in Ansicht und Durch- 
schnitt mittheilen. Die Grundlage bildet auch hier eine von vier Sphinxfüssen 
getragene Feuerplatte mit einfachem Rande, in dem fünf Handhaben befestigt 
sind. Gegen das eine Ende hin endet diese Platte rechtwinkelig, gegen das 
andere ist sie einerseits halbkreisförmig, andererseits durch ein rundes, 
tonnenförmiges Bronzegefkss abgeschlossen. Der halbrunde, nach vorn offene 
Abschluss bildet das eigentliche Feuerbecken und ist von dem Wassergefäss 
mit doppelten Wänden umgeben , auf dessen Eande drei Schwäne als Träger 
eines überzusetzenden Kessels stehn. Während also das Wasser ringsum kochte, 
strahlten die Kohlen auch nach oben ihre durch die Wände concentrirte Hit^e 
aus, deren Benutzung in diesem Falle augenscheinlich und eben dadurch, wie 
erwähnt, in anderen Fällen wahrscheinlich ist. Mit dem halbrunden Wasser- 



312 



II. Fünftes Capitel. 



ge&s8^ dessen Hahn in Maskenform gearbeitet ist, steht, wie der Durchschnitt 
zeigt, der tonnenförmige Behälter im Zusammenhang, der mit einem Klapp- 
deckel verschlossen und mit einer OeflSiung in Maskenform nahe dem oberen 
Rande versehn ist. Es scheint, dass durch das Feuer in dem halbrunden Koh- 
lenbecken das Wasser auch in dem grösseren Gefäss zimi Kochen gebracht 
wurde und dass die Oeflfnung zum Ablassen des Dampfes diente, denn als 
blosses Reservoir können wir das grössere Geftlss wegen seiner ganz freien 
Verbindung mit dem halbrunden nicht betrachten. War sein Deckel zurück- 
geschlagen, so konnte man ein passendes Gefäss mit der zu erwärmenden Speise 
in das heisse Wasser stellen. Der viereckige Vorraum mag zum Abstellen der 
erhitzten Geschirre gedient haben. 




Figur 234. Geföss von Bronze zur Bereitung der Calda. 

Wir können von diesen Geräthen zur Bereitung warmer Speisen und Ge- 
tränke nicht scheiden, ohne unsere Leser mit einer Art antiker Punschbowle, 
einem in Pompeji gefundenen Gefäss von Bronze zur Bereitung des unter dem 
Namen der Calda aus Wasser, Wein und Honig zusammengesetzten und sehr 
beliebten warmen Getränkes bekannt zu machen. Die Construction derselben 
wird aus unserer vorstehenden Abbildung, welche Ansicht und Durchschnitt 
vereinigt, leicht klar werden. Das Ganze ist ein auf drei Füssen ruhendes 
terrinenartiges Gefäss mit zwei Henkeln, durch dessen Bauch von oben nach 
unten ein massiges Rohr von Bronze führt, welches, unten mit einem siebarti- 
gen Rost geschlossen, zur Aufnahme der glühenden Kohlen bestimmt war; 
den umgebenden, mit dem Getränke angefüllten Raum des Gef^ses verschhesst 
ein abnehmbarer ringförmiger Deckel, der den Kohlenbehälter oflFen lässt, 
während der an einem Scharnier bewegliche spitze Deckel, den die Ansicht 
geschlossen, der Durchschnitt zurückgeschlagen zeigt, das ganze Gefäss bedeckt. 
An der Hinterseite desselben sehn wir eine vasenartig erweiterte Röhre in den 



r 



Die monumentalen Beste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



313 



üdr die Flüssigkeit bestimmten Baum führen, durch welche das allmälig abge- 
zapfte Gretränk nachgegossen werden konnte; zum Abzapfen dient ein Hahn an 
der Vorderseite, mit dem ein nach oben führendes Rohr in Verbindung steht, 
durch welches der Dampf entweichen und Luft eintreten konnte. — 

Wir werden hiemächst eine Auswahl von Küchengeschirren am natürlich- 
sten folgen lassen; bei denen um so weniger Erklärung nöthig sein wird, je 
mehr dieselben mit den bei uns gebräuchlichen übereinstimmen. 




Figur 235. Diverse Küchengeschirre von Bronze. 

In der untersten Reihe sehn wir zunächst links a einen Kessel oder Topf 
auf dem niedrigen dreifüssigen Gestell, mit dem er über die auf der Heerd- 
platte brennende Flamme gestellt wurde. Dieselbe Aufstellung haben wir uns 
bei allen Koch-, Brat- und Backgeschirren wiederholt zu denken, weshalb auch 
kein antiker Topf oder Tiegel Füsse hat. Die Grösse der Dreifussgestelle 
wechselt natürlich mit derjenigen der Geschirre, welche sie zu tragen bestimmt 
sind. Einen geräumigen Kessel haben wir bei h als Beispiel vieler ähnlicher 
abgebildet und neben ihn bei c und d zwei verschiedene Eimer gestellt, welche 
von der gewöhnlich im Haushalt gebrauchten Sorte, keineswegs Prachtstücke 
wie der unten beizubringende sind. Ihre Verzierungen sind einfach, und doch 
wie viel reicher als an irgend einem modernen Eimer ; der erstere hat im Henkel 



314 II. Fünftes Capitel. 

einen Bing zum Anhängen, und neben den Ringen, in denen sich dieser Henkel 
bewegt, sehn wir Zapfen angebracht, durch welche das Niederschlagen des 
Henkels auf den Bauch des Gefässes verhindert wird. Der zweite Eimer hat 
einen Doppelhenkel, durch welchen das ruhige Tragen desselben erleichtert 
wird und der, niedergelegt wie in unserer Abbildung genau auf den Band 
passt und diesen abzuschliessen scheint. An dem oben queraberlaufenden Stabe 
hangen drei Schöpfkellen, eine grössere mit kurzem Stiel «, und zwei andere 
kleinere mit längerem in einen Schwanenkopf endenden Stiele q und u. Die 
erste Schöpfkelle können wir als in der Küche gebraucht denken, die beiden 
anderen waren bestimmt, um Wein oder andere Flüssigkeiten aus den tiefen 
und nicht sehr weiten Amphoren, in denen dieselben aufbewahrt wurden, her- 
auszuschöpfen. Auf der Platte des, wie unsere Leser wohl selbst sehn werden, 
^-on uns erfundenen, nicht etwa antiken Tisches liegt eine Casseroley und über 
dieser haben wir bei o und p zwei flache Bratpfannen angebracht, welche sich 
durch einen spitzen Ausguss für die Sauce im Gebrauche bequem erwiesen 
haben werden. Eine andere flache Pfanne mit zwei HandgriflTen finden unsere 
schönen Leserinen weiterhin bei r. Auf der Tischplatte folgt bei ff ein Ge- 
fäss, welches wahrscheinlich zur Aufbewahrung eines trockenen Küchenmate- 
rials gedient hat, mit einem Klappdeckel versehen ist, und sich durch den ele- 
gant als handlicher Delphin gestalteten GriflT auszeichnet. Ein sehr einfacher 
Topf ohne Griffe steht bei Ä, zwischen den Bratpfannen hangt bei i eine kleine 
viereckige Pfanne mit vier flachen Löchern, sowie weiterhin bei t eine grössere 
mit 29 Löchern, jedoch ohne Handhaben steht. Soweit der Verfasser in die 
Geheimnisse der Küche eingedrungen ist, scheinen ihm beide Greräthe zum 
Eierbacken bestimmt zu sein, welches die Alten gewiss gekannt haben, obgleich 
die schriftliche Ueberlieferung keine antiken Spiegeleier bezeugt. Neben der 
grösseren Pfanne haben wir ein zierliches Töpfchen / mit wohlverschliessendem 
Deckel aufgestellt und rechts von demselben eine niedUche Kanne A, welche 
sich vor anderen ihres Gleichen , die unten folgen, durch einen Klappdeckel 
und vor unseren Kannen durch den einfach zierlichen Griff auszeichnet. An 
das Töpfchen / lehnt sich auch ein flacher runder Löffel, den unsere Küchen- 
weisheit als Löffel zum Begiessen der Braten betrachtet, während wir den 
Schluss mit zwei Esslöffeln n und v machen, von denen der Stiel des letzteren 
in einen Ziegenfuss endet. In der Mitte des Stabes oben hangt bei 8 noch eine 
Pastetenform , welche, wie die meisten Geräthe der Art, muschelförmig gestal- 
tet und auf dem Grunde mit einem Gesichte verziert ist. — 

Die 236. Figur enthält eine kleine Sammlung von Geräthen des Küchen- 
gebrauchs, welche wir als Siebe, Durchschläge oder Schaumlöffel bezeichnen 
können. Bei 1 geben wir noch eine Schöpfkelle in perspectivischer Seitenan- 
sicht, 2, 3, 4, 5 sind eigentliche Siebe oder Durchschläge, welche zum Um- 
wenden und Abschäumen des kochenden Fleisches gedient haben und bei denen 
besonders nur die zierlichen Figuren zu bemerken sind, welche die Durch- 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



315 



löchenmg darstellt. Bei No. 3 hat sich der Fabrikant Victor {Victor fecit) auf 
der Handhabe genannt. Das Geräth No. 6 in Ansicht a und Durchschnitt b ist 

einem Gebrauch 
bestimmt gewesen, 
für den wir keine 
eigentliche Analo- 
gie haben, dem Ab- 
klären des Weines 
nämlich, der ver- 
möge der eigen- 
thümlichen anti- 
keil Behandlungs- 
und Bewahrungs- 
art leicht einen 
Bodensatz bekam. 
Um diesen abzu- 
klären , bediente 

man sich des mitgetheilten Geräthes, welches aus einem von einer soliden 
Kelle umgebenen und lose in dieser an eigenem Stiele liegenden Siebe besteht. 
Schöpfte rcan nun mit dem ganzen Geräth den Wein im unklaren Zustande 
und hob sc dann den inneren Sieb heraus, so blieb in der Kelle die geklärte 
ROssigkeit zurück. 




Figur 236. Siebe von Bronze. 




Figur 237. Kannen von Bronze. 

Die Kannen, von denen wir in der 237. und 238. Figur Proben mitthei- 
len, gehören zu den am mannigfaltigsten gebrauchten und demgemäss gestal- 
teten Geräthen des Alterthums. Schon bei uns giebt es eine Reihe von ver- 
schieden verwendeten und verschieden gestalteten Kannen von der Waschkanne 
bis zum Sahnekännchen hinab , im Alterthum aber mussten Kannen ausserdem 
fest allen den Zwecken dienen , für welche wir CaraflFen und Flaschen verwen- 
den, woraus sich ihre viel grössere Mannigfaltigkeit leicht begreifen lässt. 
Ein eingänglicheres Studium der sehr verschiedenen Formen antiker Kannen, 



316 



IL Fünftes Capite). 



als es uns hier bei der Fülle zu betrachtender Gegenstünde möglich ist, ist 
mehr als manchesAnderc geeignet, uns ein BUd von dem praktischen Sinn der 
Alten zu geben , mit welchem sie ihre Gcräthe dem Gebrauch gemäss und für 
diesen bequem gestalteten ; denn nach der Grösse und "Weite des Bauches, des 
Halses, des Ausgusses, nach der Gestalt und Lage des Henkels lässt sich in 
den meisten Fällen der Gebrauch errathen. In unserer Figur 237 dürfen wir 
No. 1 vermöge seines dünnen röhrenartigen Ausgusses wohl für eine Oelkanne 
halten , mit der man das Oel in das Mittelloch der Lampen natürlich in feinem 
Strahle goss. No. 2 und 4 gelten für jene kleinen Wasserkannen, aus denen 
man bei Tisch den Gästen nach jedem Gange die Hände begoss, damit sie die- 
selben in einem untergehaltenen Becken wüschen. Die grössere Kanne No. 3 
in der Mitte darf man als eine Weinkanne betrachten. Ihre etwas seltsame 
Verzierung ist aus dem Thierreich entnommen ; auf dem Bande sitzt, als oberer 
Griff zum Tragen des Gefässes bestimmt , ein Adler auf seiner Beute , einem 
Reh, den eigentlichen unteren, beim Einschenken in der Hand ruhenden Griff 
bildet der obere Theil eines Schwanes oder einer Gans, welche sich zum Fluge 
zu erheben im Begriff ist. Wie bequem beide Griffe in die Hand fallen , kann 
man freilich nicht an der Zeichnung, sondern nur am Original wahrnehmen. 
Den ehemaligen Gebrauch der letzten schlichten Kanne No. 5 wollen wir da- 
hingestellt sein lassen; sie mag in 
die Küche gehört haben. Dagegen 
gehört die links in der 238. Abbil- 
dung stehende nur kleine Kanne 
sicher dem Gebrauche in den Zim- 
mern des Herrn oder seiner Familie 
an, wenn dieselbe nicht vielleicht 
noch vornehmerer Bestimmung, dem 
Tempeldienste gewidmet war. Die 
eigenthümliche Form lernt man erst 
dann ganz würdigen, wenn man das 
Geräth in der Hand hält und be- 
merkt, wie genau man die Menge 
der auszugiessenden Flüssigkeit in seiner Gewalt hat. Man nimmt das Gefäss für 
eine Weinkanne. Ob die andere rechts stehende gleichen Zweck hatte, wie 
man nach ihrem bacchischen Ornament , namentlich dem ausdrucksvoll model- 
lirten Satyrkopfe , aus dem der Henkel entspringt, schliessen will , muss unge- 
wiss bleiben ; der weite Hals und der breite Ausguss lassen eher an eine Was- 
serkanne denken. — 

Recht sinnreich ist die Construction der zierlichen Schnellwagen oder 
Desemer, welche in Pompeji gäng und gebe waren, und von denen unsere 
239. Abbildung etliche Probestücke bietet. Das einfache Princip dieser Ge- 
räthe ist das der ungleichen Schenkel, an dem kürzeren hangt der zu wägende 




Figur 23S. Kannen von Bronze. 



Die monumentalen Keste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



317 




Figur 239. Schnellwagen. 



Gegenstand, an dem längeren wird das in allen Fallen gleich bleibende Ge- 
wicht auf einer Scale bald näher an den Aufhängungsptinkt, bald entfernter 

von demselben gerückt. 
Einige dieser Wagen (2, 
4, 5) haben nur Haken, 
an denen der zu wägende 
Gegenstand aufgehängt 
wurde, andere bieten nur 
eine Schale, in welche 
man denselben legte, bei 
noch anderen, wie un- 
sern Nummern l und 3, 
findet sich Schale und 
Haken verbunden. Bei 
diesen und ähnlich bei 
No. 2 finden wir zwei 
merkbar verschiedene 
Aufhängungspunkte für 
den zu wägenden Gegenstand, den einen ferner vom, den anderen näher am 
Schwerpunkt des Wagebalkens. Bei diesen Wagen aber sehn wir auch eine 
doppelte Scale auf beide Seiten des langen Schenkels eingegraben, von denen 
die eine dem äusseren, die andere dem inneren Aufhängungspunkte des zu 
wägenden Gegenstandes entspricht, so dass auch die erstere Scale kleinere , die 
andere grössere Werthe und Differenzen bietet. So zierlich diese Geräthe an 
sich schon sind, hat doch das im Omamentiren nie müde werdende Alterthum 
noch auf Gewichte und Wagschalen besonderen Fleiss verwendet; die Ge- 
wichte erscheinen in der einfachsten Form als Eicheln oder kleine Vasen 
fNo. 4 und 5), häufiger aber noch als Köpfe von Göttern oder Menschen, so in 
unserer Nummer 3 als Satyrbüste, in No. 1 und 2 als weibliche, wie es scheint 
Porträtköpfe. Bei anderen Wagen finden wir Mercurs- , auch Bacchusköpfe 
oder Kaiserköpfe, sowie sonstige Menschenbilder. Von der Omamentirung der 
Wagschalen finden wir rechts in unserer Abbildung ein einfaches Exempel mit 
concentrischen Doppelkreisen und ein schmuckvolleres ^ welches einen mit 
einem Bock ringenden Satyrn in Relief in seiner Mitte zeigt. Es ist schon 
früher bemerkt worden, dass man im Zollhause eine solche Wage mit der 
Aichungsinschrift exacta in Capitolio gefunden hat. 

Wir wollen hier ein Geräth einschalten , welches unsere Leser vielleicht 
früher erwähnt zu finden erwarten mogten, eine Laterne (Figur 240), welche 
wir hier besprechen, weil ihr Gebrauch aus den Regionen von Küche und 
Keller stammt, in denen wir uns jetzt bewegen. Die Veranlassung zum Ge- 
brauch von Laternen liegt bei der früher beschriebenen Beschaffenheit der 
antiken Lampen, die der leiseste Windzug verlöschen musste , so nahe, dass 



318 



II. Fünftes Capitel. 



MiVRTfC;^Tl6 




Figur 240. Laterne aus Bronze. 



wir über dieselbe Nichts sagen wollen , nur das sei bemerkt , dass , weil La- 
ternen fast überall vorkommen, wo im Freien Beleuchtung geschafft werden 

sollte , ihr Gebrauch ein sehr ausge- 
breiteter sowohl im Privatleben wie 
im Heer- und Seewesen war, und dass 
die Laternen aus verschiedenen Ma- 
terialien, Holz, Bronze, Thon, viel- 
leicht auch edlen Metallen verfertigt 
und mit Glas, geöltem Leinen oder 
Hom, Blasen, Häuten je nach Bedürf- 
niss geschlossen wurden, sowie sie 
auch viereckig und cylindrisch , wie 
unser Beispiel aus Herculaneum, vor- 
kommen. Wir theilen dasselbe in der 
Ansicht 1 bei geschlossenem Deckel 
und im Durchschnitt 2 bei aufgezo- 
genem Deckel mit. Wenn wir noch 
bemerken, dass der Boden und der obere Band, auf welchem der Deckel ruht, 
nur durch die zwei Stützen verbunden wird, welche unsere Zeichnungen dar- 
stellen, in deren Ringen die Kette zum Tragen befestigt ist, und deren wir eine 
in grader Ansicht bei 3 finden, wenn wir sodann darauf hinweisen , dass, wie 
aus unserer Zeichnung ebenfalls hervorgeht , das Licht im Innern von einer 
Lampe ausging, deren fest aufzusetzender, im Durchschnitt 2 gehoben gezeich- 
neter Deckel das Verschütten des Oeles verhinderte , dass femer der bei 4 in 
der Oberansicht mitgetheilte Deckel von verschieden gestalteten Löchern 
durchbohrt ist, um der Luft Zutritt und dem Rauch Abzug zu gestatten, so 
glauben wir unsem Lesern zu nahe zu treten , wenn wir ihnen noch Näheres 
über das einfache und von selbst verständliche Detail vorerzählen wollten. 
Vergessen dürfen wir aber nicht, dass bei 5 der Dämpfer oder Lichtverlöscher 
dargestellt ist, sowie dass die auf dem Deckel eingeritzte und über dessen Ober- 
ansicht giösser beigebrachte Inschrift VIBVRTI* CATI S am wahrscheinlich- 
sten durch Viburti (oder Tiburti) Caii sunt, »ich gehöre dem Viburtius Catus«, 
erklärt wird, einem mehrfach bezeugten Gebrauche gemäss, die Gegenstände 
in ihren Aufschriften selbst redend einzuführen. 

Ehe wir den aus Bronze gefertigten Hausrath verlassen, haben wir noch 
zu bemerken, dass ausser den in Beispielen mitgetheilten einfachen oder massig 
verzierten Geräthen und Gefässen noch eine beträchtliche Zahl wirkKcher 
Prachtgefässe in den verschütteten Städten aufgefunden worden ist, von denen 
unseren Lesern mehr als zwei Proben mitzutheilen , uns der beschränkte Raum 
leider verhindert , wir wählen einen Eimer und einen Krater aus der fast un- 
übersehbaren Menge aus , zwei Gefässe , welche an eleganter und geschmack- 
voller Pracht bei aller Einfachheit und Zweckmässigkeit so ziemlich die vor- 



r 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



319 



züglichsten unter Ihresgleichen sein dürften. Schon die Gesamintform des 
folgenden Eimers ist gefällig und schön^ noch mehr aber nehmen die an seinen 

Füssen und um seinen Rand ange- 



brachten Ornamente unsere Bewun- 
derung in Anspruch. Die Stützen 
werden von den beliebten ITiierklauen 
gebildet, welche hier jedoch, wie 
auch in anderen Beispielen, in ein 
geflügeltes Fabelthier auslaufen, wel- 
ches sich dem Bauche des Gefksses 
anlegt. Den Band bildet ein feiner 
Arabeskenstreifen , aus vegetabilen 
Elementen mit eingefügten Thierge- 
stalten bestehend , und über demsel- 
ben ein reiches geflochtenes Band, 
jenes sinnige Ornament, welches die 
antike Kunst überall anwendet, wo 
ein Umfassen und Umspannen aus- 
gedrückt werden soll. Die beiden 
Henkel, welche hier wie bei früher 
betrachteten Eimern angebracht sind, 
um dem Schwanken des Gelasses ent- 
gegenzuwirken , entspringen aus an- 




ji^^^L &SSf^ _^"^. 



Figur 24 1 . Prachteimer. 



muthigen Eosetten, welche zwei Masken mit Diadem und Weinlaubbekränzung, 
vielleicht den geflügelten Bacchus darstellend, einfassen. Die Inschrift auf den 
Henkeln, Comeliaes Cheltdonis, bietet den Namen der Eigenthümerin in einer 
unregelmässigen, aber auch in Pompeji noch sonst vorkommenden Genitivform. 

Uebertrofien wird die Schönheit und elegante 
Pracht dieses Eimers noch durch den nebenstehen- 
den Krater, welcher in Pompeji in einem Hause 
an der Strasse der Goldschmiede gegenüber dem 
Gebäude der Eumachia gefunden worden ist. Die 
Krateren waren die Gefässe, in denen nach be- 
kannter antiker Sitte der Wein mit Wasser ge- 
mischt, und aus denen er mit der Schöpfkelle 
geschöpft wnrde. Der unserige ist eben so tadellos 
und zweckmässig in seiner Gesammtform, wie zier- 
lich in seinen Ornamenten, welche zum Theil aus- 
getrieben, zum Theil mit Silber eingelegt sind, 
nach einer Technik, in welcher die Alten den 
höchsten Grad der Vollkonunenheit erreicht haben. 
Figur 242. Krater. Uiö unser Ge&ss vor einem leisen Tadel kunstver- 




320 



II. Fanftes Capitel. 



ständiger Leser zu bewahren , müssen wir bemerken , dass die Gestaltung der 
Stelle, welche den Fuss mit dem Gefässe verbindet (a), dadurch bedingt wird, 
dass in der Regel Krater und Fuss oder Untersatz aus zwei Stücken bestanden, 
dass der Krater einen kleinen Fuss für sich hatte, und dass deshalb der Unter- 
satz in einen Teller oder eine Platte zur Aufnahme dieses Fusses enden musste. 
Danach wird man das Schema des Untersatzes vollkommen billigen, wenn- 
gleich bei diesem Geräth Krater und Fuss ein Stück bilden, so dass die gewöhn- 
liche Trennung nur künstlerisch und formell festgehalten ist. 

So mannigfaltig nun auch die Geräthe und Gefässe aus Bronze waren, so 
konnten sie doch nicht jedem und jeglichem Gebrauche dienen, und andere 
Materialien mussten zur Herstellung anderer Geräthe verwendet werden. Diese 
Materialien waren Thon und Glas. Es ist allerdings richtig und geht schon 
aus dem bisher Gesagten hervor, dass die ausgebreitete und ausgebildete Bronze- 
technik dem Thon und dem Glas manche Anwendung, die sie in anderen Zeiten 
und Orten hatten , entzog ; aber entbehren konnte man weder das eine noch 
das andere. Zum Aufbewahren des Weines wurden z. B. ständig thöneme 
Amphoren verwendet und alle jene Geräthe xmd Geschirre, in denen man 
Säuren bewahren oder aus denen man Säuren geniessen wollte , mussten von 
Thon oder Glas angefertigt werden. Die Thongeschirre stehn freilich, ver- 
gleicht man sie mit dem, was in Pompeji in Bronze geleistet wurde, oder was 
Griechenland früher in Thon producirt hatte , auf einer niedrigen Stufe oder 
der Stufe des Verfalls. Das Material selbst , mit Mennig oder Zinnober gefärb- 
ter Thon, ist allerdings noch vorzüghch zu nennen, sehr fein geschlenunt, fest, 
rein und in Folge dessen oft von erstaunhcher Leichtigkeit bei lebhaft rother 
Farbe ; aber weder in den Gefässformen noch in der Ornamentik ist Beson- 
deres geleistet. Unter 
den Formen treten 
mehr oder weniger 
flache Schüsseln und 
Trinkgeschirre, wo- 
von wir in Figur 
243 Proben geben, 
am meisten hervor, 
die Ornamente aber 
bestehen in flach auf- 
liegenden Reliefara- 
besken, welche mit 
dem Gefässe zusam- 
men in der Form ge- 
presst wurden und 
welche meistens in 
Figur 243. Gefösse aus Gla« und gebranntem Thon. der Zeichnung und 




r 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 321 




Composition besser als in der Ausftihrung, in schweren und stumpfen Formen 
geiathen sind. 

Von Thongeschirren zeigt unsere Abbildung Fig. 243 zwei Amphoren zur 
Aufbewahrung des Weines a, J, beide aus dem Hause des grossen MosaXks^ die 
eine in der gewöhnlichen schlichten, die andere in einer etwas gewählteren 
Form, namentlich mit eleganteren Henkeln. Diese Amphoren, unfähig allein zu 
stehn, wurden an die Wand des Kellers gelehnt , wie man sie in der Villa des 
Diomedes gefunden hat, auch gelegentlich mit dem spitzen Ende in den Boden 

gesteckt. Aus Thon besteht auch 
eine tiefe Schüssel mit umlau- 
fendem Arabeskenomament und 
ein flaches Trinkgefäss Fig. 244, 
welches unterhalb eines glatten 
Randes und eines Eierstabes zu- 
nächst mit einer Reihe einzel- 
I ^^^B^^^^ ^^^HHHH^^ ner Blätter verziert ist, zwischen 

Figur 244. Trinkgef&ss und Schüssel von Thon. ^^^nen die Inschrift Bibe amice 

de meo, »trinke Freund von 
meinem Weine!« steht, einer der vielfachen ähnlichen Sprüche auf solchen 
Trinkgeschirren. Zu unterst besteht das Ornament wieder aus einzelnen Blät- 
tern , an denen zwei Kaninchen nagen und zwischen denen zwei Hunde Eber 
oder nach Anderen Wölfe verfolgen. Endlich finden wir an der einen uns zu- 
gewendeten Seite einen Frauenkopf zwischen zwei Caduceen (Mercursstäben) 
von eigenthümlicher Form. Reicher konnten wir eine Sammlung gewöhnlicher 
Glasgefässe (Figur 243) ausstatten. Wir finden zuerst von Flaschen bei c ein 
cylindrisches Flaschenpaar mit Henkeln in einem Tragbehälter von Thon , bei 
Q eine kleinere kugelige Flasche ebenfalls mit einem Henkel, also eigentlich 
kannenartig gestaltet , mit engerem Halse als die vorigen Exemplare , in / und 
p dagegen zwei henkellose, also eigentliche Flaschen, die eine in anmuthiger, 
die andere in wunderlicher Gestalt, deren Zweck und Bedeutung schwer zu 
ermessen sind. Kosmetischen Zwecken wird das kugelförmige Gefässchen k mit 
kurzem engem Halse und zwei kleinen Henkeln gedient haben; unter dein 
später zu betrachtenden Badegeräth werden wir ein ähnliches Gefitss von 
Bronze für die in's Bad mitzunehmende Salbe vorfinden. Den Trichter bei h 
wird jeder Leser selbst erkennen und auch den bei n abgebildeten Heber leicht 
verstehen. Verwandt ist das bei g abgebildete fragmentirtc Geräth, welches 
an seiner unteren Fläche von sechs Löchern durchbohrt ist , um den dicklicheji 
Satz des Weines nicht mit durchzidassen. Bei J, e und ^ haben wir drei Trinkr 
gläser zusammengestellt, welche mit aufgeschmolzenen Reliefverzierungen verr 
sehen sind, nach einer Technik, in der man im Alterthum, wie wir noch unten 
sehn werden. Erstaunliches leistete. Endlich finden wir bei m eine flache 

Overbeck, Pompeji. 21 ... 



322 



II. Fünftes Capitel. 




Schale und bei t eine grössere dergleichen auf einer UnterschOssel ; es ist 
möglich , aber nicht gewiss , dass diese Geschirre zum Auftragen von Brühe 
dienten. — 

Reichlich vertreten sind in den Funden von Pompeji auch die zur Kos- 
metik , zur Toilette und zum Putz dienenden Gegenstände , von denen wir in 
den folgenden Abbildungen eine kleine Auswahl zusammengestellt haben. Wir 

beginnen mit dem Toilettegeräth und zwar wollen 
wir uns zunächst mit einem in den Thermen ge- 
machten Funde von Badegeräthschaften (Fig. 245) 
beschäftigen. Dieselben sind auf einen Metallring, 
unseren Schlüsselringen ähnlich, gezogen, welcher 
elastisch ist und dessen Trennung in das Ornament 
zweier Thierköpfe ftlllt, welche in einen Apfel oder 
in eine Kugel beissen. Am zahlreichsten vertreten 
ist dasjenige Geräth , welches uns am fremdartig- 
sten erscheint, die Badekratze nämlich (sirigtlts), 
welche die Alten nöthig hatten, um das Fett, die 
Salben und Oele vom Körper abzuschaben, mit 
welchen sie sich einzureiben und zu bestreichen 
liebten. Und zwar sowohl beim Baden als auch 
bei den Uebungen im Ring- und Turnplätze, bei 
denen sich auf das Oel noch Staub und Schmutx 
legte, so dass eine Strigilis als das einzige mögliche 
Werkzeug der Reinigung erscheint, obgleich es den Nachtheil hatte , dass man 
durch häufigen Gebrauch leicht Schwielen bekam. Die Gestalt dieser Instru- 
mente ist aus der Zeichnung (Innen- und Seitenansicht) wohl klar genug , um 
uns einer längeren Beschreibung zu überheben ; an einem Handgriff ist ein 
halbhohler Haken befestigt, dessen Schärfe über die Haut geführt wurde, so 
dass sich das abgeschabte Oel in der Höhlung sammelte. Das Vorhandensein 
einer Mehrzahl dieser Instrumente überhob den Besitzer der Reinigung der- 
selben während des Gebrauchs ; diese war Sache des den Herrn begleitenden 
Sclaven. Neben den Badekratzen hangt einerseits ein Salbbüchschen mit auf- 
geschraubtem Deckel , andererseits eine Patera , deren Innen - und Seitenan- 
sicht ausserdem beigegeben ist, und welche der Badende gebrauchte, xun sich 
nach dem Schwitzbade im Caldarium mit dem lauen "Wasser des Labrum w 
begiessen. Einen Handspiegel vermissen vielleicht einige unserer Leser; er 
fehlt, weil er mehr zu den Gegenständen der weiblichen Toilette gehörte, zu 
der wir uns wenden, als zu denen der männlichen , die wir in dem Badegeräth 
vor uns haben. 

Die folgende Abbildung enthält eine Sammlung von Gegenständen der 
weiblichen Toilette, zu der wir nur sehr wenige Bemerkungen zu machen nöthig 
haben werden, indem wir diejenigen unserer Leserinen, welche sich für die 



Figur 2-15. 
Badegeräthschaften . 



Die monumentalen Keste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



323 



Toilette und den Schmuck der antiken Damen näher interessiren, auf Böttigers 
■Sabina« verweisen. 




Figur 246. Toilettegeräthschaften. 

Bei a, l, m und n finden wir Spiegel, und zwar in a, /, n die runden 
Handspiegel von Metall, welche überwiegend im Gebrauch waren, obwohl 
auch viereckige Spiegel vorkommen, wie unser Beispiel bei m (in moder- 
nem Rahmen) lehrt und Wandspiegel ebenfalls nachweisbar sind. Gewöhn- 
lich aber bediente man sich, wie erwähnt, der runden Handspiegel von 
Metall, meistens von Erz, hie und da auch von edlen Metallen, bei denen die 
Rückseite und der Stiel der Ornamentik Eaum und Anlass boten. Die Rück- 
seite wurde bei den Römern freilich nur mit einfachen Linien, Arabesken oder 
sonstigen rein decorativen Ornamenten in eingerissenen oder erhabenen Figuren 
verziert (siehe w), während die Rückseite der irrthümlich für Pateren gehalte- 
nen Spiegel bei den Etruskern mit einer Fülle zum Theil der vortrefflichsten 
Figurencompositionen bedeckt wurden ; den Stiel dagegen finden wir auch bei 
Spiegeln aus Pompeji in mannigfaltiger Weise gestaltet und geschmückt, wie 
unsere drei Beispiele zeigen, deren eines eine nackte, auf einer Schildkröte ste- 
hende Figur zum Träger hat, während der Stiel des zweiten nur einfache Orna- 
mentglieder zeigt und der des dritten aus einer Maske entspringt und in einen 
Schwanenkopf hakenförmig endet. Neben den Spiegeln stehn bei c und e ein 
paar Schminknäpfchen, das eine von Glas, durch welches man das vielge- 
brauchte Material, ein Stückchen rother und ein kleineres weisser Schminke 
erkennt, das andere von Elfenbein mit einem, Amor darstellenden Relief verziert. 
Die Kämme rf, t, k erkennt Jeder ohne Beschreibung, wir bemerken nur, dass die 
weiten Kämme d, h von Bronze sind, während der Staubkamm t, der den moder- 
nen durchaus gleicht , wie diese aus Knochen besteht. Auch das Ohrlöff*elchen 
4 wird Niemand verkennen. Den beiden Büchschen von Elfenbein f, h wissen 
wir nur frageweise einen Zweck anzuweisen, für das eine ist er durch hinein- 
gelegte moderne Stecknadeln angedeutet, bei dem anderen mit eingeschraubtem 
Stöpsel wird er in Aufbewahrung einer feinen Salbe bestanden haben. Bei g 
endlich haben wir eine Auswahl von Haarnadeln von Elfenbein zusamnien- 

21» 



324 II. Fünfteg Capitel. 

geordnet, deren Knöpfe in verschiedener Weise und mit verschiedenem Gc* 
schinack verziert sind. Am anmuthigsten erscheinen unbestreitbar die weib- 
lichen Figürchen, welche Venus darstellen, auch ungleich passender zum 
Schmuck eines schönen Kopfes als eine Gemse oder eine oflFene Iland oder 
dergleichen armselige Spielereien mehr, ilber welche die moderne Darstellung 
von solchen Gegenständen sich fast nie erhebt. 

Die eigentlichen Stücke der Kleidung und des Schmuckes, Fibulae, Ringe, 
Spangen, Hals- und Armbänder, Ohrringe u. dgl. sind so unsäglich mannigfal- 
tig, dass wir hier unmöglich eine nur irgendwie die Verschiedenheit ihrer For- 
men erschöpfende Darstellung versuchen können, ohne weit über den Baum 
hinauszugehn, welchen wir diesem Abschnitt im ganzen Werke anweisen dür- 
fen, weswegen wir uns die Betrachtung einiger Hauptstücke der Geschmeide- 
und Goldschmiedoarbeit für den artistischen Theil versparen müssen. — 



Zweiter Abschnitt. 
Waffen and eliilir« Mnailffc Insimmeiiie. 

Dem in dem vorigen Abschnitt betrachteten Mobiliar und Hausgeräthe 

fügen wir in diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die sonstigen Geräth- 

schaften bei, welche in Pompeji gefunden worden sind ; der Abschnitt umfasst 

• freilich nicht ganz Gleichartiges, aber zu einer weitergehenden Theilung ist der 

Stoff doch nicht reich genug. 

Am reichlichsten vorhanden sind die Waffen und zwar sowohl Krieger- 
als Gladiatorwaffen, welche letztere namentlich aus der Gladiatorencaserne 
stammen. 

Von Kriegerwaffen geben wir in der nachstehenden Figur eine Auswahl der 
wichtigsten und bezeichnendsten. Von den Gladiatorwaffen unterscheiden sie 
sich ausser durch das Fehlen einiger besonderen Theile, welche bei jenen durch 
die eigenthümlichen Kampfarten bedingt werden, durch die Bank durch grosse 
Einfachheit und Schmucklosigkeit, die dem Schmuck und Putz der Gladiator- 
waffen gegenüber einen unsäglich würdigen und wohlthuenden Eindruck macht. 
Bequem und zweckmässig mussten die Waffen des ernsten Kriegers sein, der 
die Schlachten des Vaterlandes schlug oder die Ordnung in den Städten erhielt, 
jene feilen Sclaven und Schlachtopfer einer blutgierigen Menge mochten sich 
putzen und schmücken bei ihren elenden Klopffechtereien, wie man das Opfer- 
•thier schmückte, das zur Schlachtbank geführt wurde. Wir finden in unserer 
Figur zunächst einen Erzpanzer in der Vorder- und in der Hinteransicht a u.Ä. 
Er besteht aus zwei Hälften, deren eine die Brust, die andere den Rücken 
deckte, und .welche über der Schulter mit einer Spange, hier in Form einer 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



325 



Schlange , an den Seiten unter den Armen durch Doppelscharniere verbunden 
wurden, welche unsere Zeichnung andeutet. Die Hauptformen des Körpers sind 
in dem Erz des Panzers sorgfältig ausgetrieben, damit er nirgend drücke und die 




Figur 247. Kriegerwaffen. 



Bewegungen lähme. Jeder unserer Leser sieht , dass hiedurch zugleich jener 
widerwärtig steife und schwerfällige Eindruck fast ganz gehoben wird, den 
mittelalterliche Harnische und moderne Cuirasse machen. Den Unterleib und 
die Oberschenkel schützte ein doppelter in Falten gelegter oder in Streifen zer- 
schnittener und mit Erzplatten benietheter Lederschurz, welcher zugleich jeder 
Bewegung Eaum liess. Bei c haben wir diesem Erzpanzer die Probe eines im 
Museo Borbonico aufbewahrten Schuppenpanzers von Knochen beigefügt, der 
allerdings sich nicht mehr ganz zusammenfügen lässt, dessen Construction aus 
kleinen Knochenplatten, welche durch einen Kiemen aneinandergeheftet wur- 
den, man jedoch aus der Probe hinreichend erkennen kann. Während die Brust 
und der Leib des Kriegers vom Panzer und Lederschurz geschützt wurde, welchen 
letzteren ein um die Nabelgegend gelegter metallener Ring oder Gürtel o ver- 
stärkte, blieben die Arme zur unbehinderten Bewegung des Angriffs und der Ab- 
wehr ganz nackt ; bekanntlich wurden aber sie nebst dem Hals und dem ganzen 
übrigen Oberkörper durch den Schild gedeckt, den man am linken Arm trug und 
der je nach der Waffengattung in verschiedener Grösse und Form erscheint. Wir 
können in n unsem Lesern nur einen massig verzierten runden Schild (parmd) 
vorfahren, wie ihn die Reiterei und das leichtbewaffnete Fussvolk zu tragen 
pflegte. Ein Medusenhaupt, das beliebte und passende Emblem des Schildes^ 



326 II. FQuftes Capitel. 

schmückt die Mitte auch unserer Paruia. Von den Schutzwaffen des Hauptes, 
den Hebnen und Sturmhauben , können wir unseren Lesern zwei Exemplare 
verschiedener Art g und m aufweisen^ von denen freilich nur das ersterey, 
eine einfache Sturmhaube mit beweglichen Backenlaschen, aus Pompeji stammt 
Ueber sie können wir schwerlich mehr sagen als was unsere Leser mit Leich- 
tigkeit selbst aus der Zeichnung erkennen werden. Dagegen sei es uns erlaubt 
über den Helm m, der diesen Namen im eigentlichen Sinne verdient und der 
aus den Ruinen des antiken Locri in das Museum von Neapel gebracht is^ 
wenigstens das hervorzuheben, dass er von der Form der s. g. korinthisdien 
Helme, wenngleich weniger hoch ist, als diese zu sein pflegen. Diese Helme 
haben nicht bewegliche (in Scharnieren wie die Sturmhaube g), sondern ela- 
stische Backenlaschen, ve;rmöge deren sie in zwei Stellungen auf dem Kopfe 
gehalten werden. Entweder nämlich trug man sie zurückgeschoben, der Art, 
dass die hier als Widderköpfe gestalteten Backenlaschen sich den Schläfen- und 
den Backenknochen anlegten und aller Druck vom Schädel entfernt wurde, 
oder man schob sie vermöge eines Druckes der Hand auf die Kuppe dergestalt 
über das Gesicht, dass die Backenlaschen die Wangen bis zum Kinn bedeckten, 
die Erzzunge x auf unserer Zeichnung sich auf die Nase legte, und diese g^n 
einen Schwerdthieb schützte, während die Augen aus den Oeflfhungen hervor- 
sahen, welche wir zwischen den Backenlaschen und dem Nasenschutz bemerken. 
Um diese tiefe Lage des Helmes, der somit eine Art von Visirhelm wurde, zu 
ermöglichen, ist endlich jener Einschnitt oder jene Einbucht im unteren Bande 
hinter den Backenlaschen nöthig, in welche sich das Ohr legte. Wir brauchen 
wohl kaum zu erinnern, dass man den Hehn in der ersteren Stellung auf d»n 
Marsch und im Lager, in der anderen im Kampfe trug, und darauf hinzuweisen, 
wie zweckmässig eine solche Einrichtung und mit wie einfachen Mitteln sie 
erreicht ist. Ausser der Brust, dem Leibe und dem Kopfe bedurften nament- 
lich die Beine einer Schutzwaffe, weil man dieselben mit dem Schilde nicht zu 
schützen vermochte. Seit der ältesten Zeit bediente man sich daher der Bein- 
schienen (Knemiden, Ocreae), deren wir bei e u. ^ein Paar der einfachsten 
in doppelter Ansicht abgebildet haben. Sie reichten, wie die Austreibung der 
Hauptformen des Beines zeigt, vom Knie bis zum Fussgelenk, waren meistens 
so viel elastisch gearbeitet, dass sie sich ohne zu drücken an das Bein anlq^ten 
und an demselben Halt gewannen, den man jedoch durch mehre hinten quer- 
übergeschnallte Riemen oder durch eine Schnürung der beiden Kanten ver- 
stärkte und sicherte. 

Noch ungleich einfacher als die Schutzwaffen sind die zum Angriff be- 
stimmten, Lanzen, Speere, Schwerdter, Dolche und Messer. Wenn wir unsoe 
Leser an den Unterschied der langen Stosslanzen der schweren Infanterie und 
der kurzen und leichten Wurfspeere des leichten Fussvolks und der Beiter 
erinnern, dabei sie auf die Abbildung von sechs verschiedenen Lanzen- und 
Speerspitzenformen bei A, ♦ und / unserer 247. Figur verweisen, so bleibt uns 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



327 



kaum Etwas zu sagen übrig. Das Schwerdt d steckt in seiner Scheide, welche 
an den beiden Ringen an Riemen umgeschnallt oder richtiger, über die Schulter 
gehängt wurde. Der Griff ist hier zerstört, weshalb wir daneben den Griff 
eines anderen Schwerdtes d' in Form eines Adlerkopfes beigefügt haben. End- 
lich finden unsere Leser bei k ein kurzes Schwerdt oder eine Art Dolch ausser 
der Scheide, von dessen Griff ebenfalls nur der innere, aus Bronze bestehende 
Theil erhalten ist, während die beiden Elfenbein- oder Hornplatten fehlen, 
die, mit den in unserer Zeichnung erkennbaren Stiften aufgeniethet, dem Griff 
erst die nöthige Dicke und Handlichkeit verliehen. 




Figur 248. Gladiatorhelme. 

Granz anders erscheinen die Gladiatorwaffen, zu deren Betrachtung wir 
uns jetzt wenden ; reich verziert, fast überladen stechen sie sichtbar gegen die 
ernste Einfachheit der Kriegerwaffen ab. Wir haben in der 248. Figur drei 
Gladiatorhelme in drei verschiedenen Ansichten abbilden lassen, aus denen 
sowohl die eigenthümliche Construction wie die Omamentirung derselben un- 
sem Lesern hoffentlich völlig klar werden wird. Anlangend die Gesammtform 
unterscheiden sich diese Gladiatorhelme von den eng an den Kopf anliegenden 
Kriegerhelmen namentlich durch den schwerfälligen, schauerartigen, weitab- 
stehenden Band, der sich bei allen Exemplaren in etwas varürender Gestalt 
wiederfindet. Sodann ist aber besonders das eigenthümliche Visir das unter- 
scheidende Merkmal, das jeden Gladiatorhelm vor dem Militärhelm auszeichnet. 
Wir kennen diese Visire bereits aiis den früher betrachteten Beliefen und Ge- 
mälden, welche Amphitheaterkämpfe darstellen, hier können wir von der Art 
der Construction Einsicht nehmen. Die Visire bestehen aus vier Stücken, zwei 
massiven Platten, welche den unteren Theil des Gesichtes decken und zwei mit 
vielen Oeffnungen durchbohrten Platten, welche sich vor dem oberen Theile 
des Gesichtes befanden, das Durchsehn ermöglichten, indem sie zugleich jeden 
Schwerdthieb parirten, und in den unteren am Helm mit Scharnieren befestigten 
Platten, sowie in dem Schirm des Helmes befestigt wurden, wie dies namenüich 
durch den mittleren Helm in der Vorderansicht klar wird. Seitwärts legt sich 
über die Verbindung der oberen und unteren Theile noch eine kleinere Platte, 



328 IL Fünftes Capitel. 

welche den wohlgezielten Hieb in diese Verbindung parirte, und welche unsere 
Leser bei dem Helm links am deutlichsten erkennen werden. 

Die Verzierung der Gladiatorhelme ist doppelter Art, zunächst diejenige, 
welche ihm durch Rosshaar oder Federbüsche verliehen wird, und sodann die 
eigentlich künstlerische durch ausgetriebene und aufgeniethete oder aufge- 
löthete Reliefe. Der erste Helm links hat wahrscheinlich niemals einen Busch 
getragen, sein Buschträger (crista) endet in einen Greifenkopf; die Crista des 
mittleren Helms wird mit wallendem Rosshaarbusch geziert gewesen sein, zu 
dessen Aufnahme die Crista oben hohl und mit kleinen Löchern am Rande 
durchbohrt ist, durch die man Metallstifte oder Fäden zum Befestigen de« 
Busches steckte. Bei dem ersten und dritten Helm endlich sehn wir seit- 
wärts am Kopfe einen schneckenförmig gewundenen Behälter, in welchen 
jederseits entweder ein emporstehender Rosshaar- oder ein Federbusch gesteckt 
wurde. 

Zur Reliefverzierung bieten fast aUe einzelnen Theile des Helmes geeig- 
neten Raum. Zunächst finden wir die Crista mit Figuren geschmückt und 
zwar am ansehnlichsten bei dem rechts stehenden Helm , dessen Crista vom 
einen bärtigen Krieger in Hochrelief, seitwärts eine Arabeskenverzierung mit 
Greifen in Flachrelief zeigt. Verziert sehn wir sodann den eigentlichen Hebn, 
den an den Kopf anliegenden Theil , mit einem Medusenkopf nach vom bei 
dem Helm rechts, mit einem weiblichen Gesicht nach vom und Delphinen an 
der Seite bei dem Helm links, mit einem ganz umlaufenden figurenreichen Re- 
lief, welches verschiedene Scenen des Sieges und der Unterwerfung der Besieg- 
ten enthält, bei dem mittleren Helm. Ein leider noch immer nicht publicirter 
Prachthelm im Museo Borbonico enthält an den genannten Theilen verschie- 
dene Scenen der Zerstörung Troia's. Reliefgeschmückt erscheinen endlich die 
verschiedenen Visirplatten, und zwar die Verbindungsplatten bei dem Helm 
rechts und dem mittleren, die unteren massiven Platten bei demjenigen rechts, 
während diese bei den beiden anderen Helmen glatt sind. 

In mehren dieser Ornamente treten bacchische Scenen oder Elemente des 
bacchischen Cultus hervor, welche an theatralische Schauspiele erinnern, zu 
denen die Gladiatorenkämpfe freilich nur sehr uneigentlich gehören. Dieselben 
Elemente herrschen sehr bestimmt vor in den Verzierungen anderer Waffen der 
Gladiatoren, namentlich in den meistens sehr reich omamentirten Beinschienen, 
von denen wir in der nachstehenden Abbildung Figur 249 links ein Exemplar 
als Probe mittheileu. Hier bilden sechs Theatermasken, oben und in der Mitte 
angebracht, den hervorstechenden Theil des Reliefschmuckes, den wir hier in 
seiner Gesammtheit nicht erörtern können, weil dazu ein ganz unverhältniss- 
massiger Raum nöthig sein würde. Die Ringe zum Durchziehen der Befesti- 
gungsriemen werden unsere Leser wohl bemerken. Neben dieser Beinschiene 
haben wir eine ähnlich gestaltete Armberge abgebildet, eins jener Waffen- 
stücke, welches die Rüstung der Gladiatoren von der der Krieger unterschei- 



Die monumentalen Keste^ und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



329 




Figur 249. Beinschiene, Armberge und Schild. 



det. Diese Armberge schützte, angeschnallt wie die Beinschienen, den rechten 
Oberarm, während der linke den Schild trug, den in seiner, von der Form der 

Kriegerschilde ebenfalls 
abweichenden Form un- 
sere Leser in einer Probe 
rechts in der Abbildung 
Fig. 249 finden. Der vor- 
gewölbte Theil schloss 
sich der Schulter und 
dem Oberarm an, so dass 
der Schild leichter zu tra- 
gen war und sicher mit 
seinem emporstehenden 
Bande den Hals gegen 
Hiebe und Stösse von 
der linken Seite her sicherte. Begiert wurde dieser SchUd wie andre an einem 
Biemen , durch den der Arm gesteckt wurde, und einem zweiten als Hand- 
habe gestalteten. — Diese Schutzwaffen sind jedenfalls die am meisten charak- 
teristischen Theile der Gladiatorrüstung; die meisten ihrer Angriffswaffen, 
soweit solche erhalten und aufgefunden sind, erscheinen nicht so sehr ab- 
weichend von den gewöhnlichen Formen, dass wir nöthig hätten, sie unseren 
Lesern im Einzelnen vorzuführen. Auch sind die meisten derselben auf dem 
von uns früher mitgetheilten Belief mit Amphitheaterkämpfen, so weit nöthig, 
erkennbar. Bei Vergleichung dieser Beliefe werden unsere Leser sehn, dass 
die Speere ganz die gewöhnliche Form haben, die Schwerdter sich nur durch 
den glockenförmig erweiterten Handschutz von den Soldatenschwerdtem un- 
terscheiden, und dass die Tridente der Betiarii, leichte dreispitzige Speere, die 
einzigen Angriffswaffen sind , welche wesentlich nur von Gladiatoren geführt 
wurden. — 

Von Pferdegeschirr, welches hier zunächst Erwähnung verdient, sind 
nur einige Fragmente gefunden worden, wie überhaupt Alles, was auf Beit- 
und Fuhrwesen Bezug hat, in Pompeji selten ist. 

Von den ziemlich mannigfaltigen Opfergeräthschaften der Alten 
ist nur Wetiiges in Pompeji aufgefunden oder bekannt gemacht, und das 
Wenige ist nicht bedeutend genug, um ein näheres Eingehn auf dasselbe 
an diesem Orte zu rechtfertigen. Bekannt sind einige Kannen (Simpula) , in 
denen die beim Opfer gebrauchten geweihten Flüssigkeiten getragen wurden, 
in ihren Formen nicht wesentlich von oben mitgetheilten Kannen abweichend ; 
femer etliche Pateren oder flache Opferschalen, mit denen man die erwähnten 
Flüssigkeiten auf das Opfer ausgoss ; sie sind in doppelter Hauptform bekannt, 
mit einem längeren Stiel oder Handgriff, welcher erwünschte Gelegenheit zur 
Omamentirung bietet, oder mit zwei Henkeln. Auch ein paar Weihrauch- 



330 



II. Fünftes Capitel. 



büchschen (Thuribola, Thyiniateria) werden im Museum bewahrt, einfswJi 
cylindrische Geftlsschen mit einem Schamierdeckel an Ketten hangend. Etwa 
noch vorhandene Opfermesser, Beile und Sistra sind nicht bekannt gemacht. 

Bei weitem das meiste Interesse gewähren der Betrachtung, ausser den 
wenigen Fragmenten von musikalischen Instrumenten, namentlich Flöten von 
Knochen, die Instrumente, welche zu technischen Zwecken gedient haben. 
Wollten wir den bildlichen Stoff für diesen Gegenstand aus Gemälden entneh- 
men, so würden wir eine sehr bedeutende Reihe unsem Lesern vorführen kön- 
nen, welche, bei den Schreibmaterialien beginnend, bis zu den Werkzeugen 
eigentlicher Kunst aufsteigen würde. Wollen wir aber Grenzen unserer Dar- 
stellung finden und dieselbe sich nicht in eine Encyclopädie der Privatalter- 
thümer erweitern und verlieren lassen, so müssen wir uns hier wie bei allen 
früheren Abschnitten an das wirklich Vorhandene halten, welches uns aller- 
dings nur wenige Proben der von den Alten gebrauchten Instrumente darbie- 
tet. Vollständig aufgefunden sind die Werkzeuge des würdigen Meisters Bild- 
hauer, von dem wir schon früher berichtet haben. Wenn wir wiederholen, 
dass sie in allem Wesentlichen durchaus diejenigen sind, deren sich imsere 
Steinmetzen und Bildhauer bedienen, so werden unsere Leser von ihnen weder 
Abbildung noch eine nähere Beschreibxmg erwarten. Nur einen Zirkel, den 

unser Meister ge- 
brauchte , theilen 
wir unter der klei- 
nen Auswahl von 
pompejanischem 
Messgeräth mit, 
welche unsere Kg. 
250 enthält, und 
welches dem un- 
seren so ähnlich ist, 
wie ein Ei dem an- 
deren,wasübrigen8 
das Interesse an 
diesen Gegenstän- 
den nicht vermindern kann. Wir finden zu unterst einen zusammenlegbaren 
Maassstab von einem römischen Fuss , welcher durch Funkte auf der einen 
Seitenfläche in zwölf Uncien, durch Punkte auf der unteren Kante in sechs- 
zehn Digiti, die beiden gewöhnlichen TheUungen des Fusses getheilt ist. Den 
kleinen Halter, durch welchen der auseinandergelegte Maassstab gesteift, 
und der, wenn der Maassstab zusammengeklappt ist, zurückgeschlagen wird, 
bemerken und verstehn unsere Leser wohl ohne unseren Nachweis aus der 
Zeichnung. In der Mitte der Figur sehn wir einen einfachen Zirkel, inner- 
halb dessen Schenkeln wir ein Bleigewicht (Senkblei, Loth, perpemdiembim) 




Figur 250. Messgeräthe. 



r 



Die monumentalen Reste und Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens. 



331 



grosseren Calibers^ so wie zwischen den Schenkeln des Halbirzirkels links 
ein solches kleineren Calibers und von zierlicher Gestalt gezeichnet haben. 
Rechts ist ein Zirkel mit gebogenen Spitzen, Ton denen die eine lose ist, 
aus der BUdhanerwerkstatt abgebildet, wo er zur Messung von krummen 
Flächen diente, und zwar mit nach innen gekehrten Spitzen zur Messung con- 
vexer, mit nach aussen gekehrten Spitzen zur Messung concaver Gegenstände. 
Zum Verständniss der Anwendung müssen wir wohl noch bemerken, dass die 
beiden Schenkel wie die Schneiden einer Scheere neben einander liegen, so dass 
der jetzt rechts befindliche links, der linke rechts stehn konnte, in welcher 
Stellung sodann durch Umdrehung der einen Spitze die beiden Spitzen einander 
zugekehrt waren. Dieselbe Einrichtung der Lage beider Schenkel in zwei 
Ebenen zeigt die Seitenansicht des Halbirzirkels links, über den wir nur noch 
bemerken wollen, dass er in jeder Weite durch die in der Seitenansicht deut- 
liche Stellschraube befestigt werden konnte. — Mehr noch als diese Messge* 
räthe werden viele unserer Leser die chirurgischen Instrumente interessiren, 
mit deren Abbildung wir diesen Abschnitt beschliessen wollen, ohne aus meh- 
ren, für die Kundigen leicht ersichtlichen Gründen auf deren specielle Be- 
schreibung in diesem Buche uns einlassen zu können. Wir begnügen uns des- 
halb anzugeben, dass wir nach der ausführlichen Erörterung Benedetto Yulpi's 
im Museo Borbonico Vol. 1 4 zu Tav. 26 links zwei Ansichten eines speculum 
magnum matricü, daneben eine Seitenansicht eines eintsxiien speculum ani 
und rechts eine gebogene Zange vor uns haben ^ welche zum Ausziehn von 
Ejiochensplittem, zum Halten der Adern beim Unterbinden und zu derlei 
Zwecken gedient haben mag. 




Figur 251. Chirurgische Instrumente. 



1 



332 IL Sechstes Capittfl. 

Sechstes Capitel. 

Zengniste des Yerkehn und des Lebens nach Inschriften*). 

U HOICONIVM 

Figur 252. Inschrift. 

Ausser in den monumentalen Resten finden wir eine nicht unbeträchtliche 
Masse von Zeugnissen des Verkehrs und des Lebens, welches sich durch Pompeji 
bewegte, in den Inschriften. Und zwar sowohl in den Inschriften in Stein, denen 
an öffentlichen Gebäuden und denen an den Gräbern, als auch, und zwar ganz be- 
sonders, in den mit rother und schwarzer Farbe an die Wände gemalten und mit 
Griffeln in deren Tünche eingeritzten und eingegrabenen. Dieser Inschriften, 
welche so recht mitten aus dem täglichen Leben, Thun und Treiben, Handel 
und Wandel der alten Stadt stammen, ist eine ganz ansehnliche Folge vorhanden 
oder vorhanden gewesen und in Abschriften überliefert, eine Folge, welche 
bei oskischen Inschriften beginnt, ein paar Beispiele eines corrupten Griechisch 
aufzuweisen hat und in lateinischer Sprache, die in vielen Fällen durch die 
Formen eines provinziellen Dialects neuen Reiz gewinnt, fast alle Interessen 
des Lebens, öffentliche und private berührt und in den Ausbrüchen desUeber- 
muthes und der Laune oder in müssigen Kritzeleien ihren Abschluss findet. 
Die oskischen Inschriften haben besonders dadurch ein nicht geringes Inter- 
esse, dass sie die Fortdauer der alten, aus dem öffentlichen Leben verdrängten 
Sprache im, wenngleich vereinzelten Privatgebrauch darthun; für das Pom- 
peji aber, von dem wir handeln, das römische, sind sie ohne sonderliche Be- 
deutung, so dass wir, auf ihre Zusammenstellung, Deutung und Besprechung 
in Mommsen's Unteritalischen Dialecten und die neueste Prachtpublication 
Fiorello's (Monumenia epigraphica Pompeiana, 1. Heft die oskischen In- 
schriften, Neapel 1855) verweisend, sie hier übergehen können. Gleiches gilt 
in noch höherem Grade von den griechischen, die sich auf wenige Monumente 
beschränken. 



*) Der Verfasser hat leider sich die Zusammenstellung und Facsimiles der hier ein- 
schlagenden Inschriften von Garucci unter dem Titel : Inscriptions gravees au trait wr k8 
fnura dsPompei^ calquees et interpretees, avec un alias de calqueSf Bruxelles 1854, 58 S. 29 Ta- 
feln, 4. trotz aller aufgewandten Mühe nicht verschaffen können, war also ausser auf die 
nicht sehr zahlreichen genauen Mittheilungen im Museo borbonico auf sehr dürftige und 
unter einander wenig übereinstimmende , zum Theil nachweislich schlechte Quellen ange- 
wiesen, weshalb er Manches weglassen musste, um nicht Unsinn weiter zu verbreiten , und 
bittet ihn wegen etwaiger factischer Irrthümer zu entschuldigen. 



Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens nach Inschriften. 33*^ 

Eine übersichtliche Zusammenstellung der lateinischen beginnen wir wohl 
am füglichsten mit den Kundgebungen des politischen, oder, um dies Wort 
gleich in seinem richtigen engeren Sinne deutsch zu geben, des städtischen 
Lebens. Die hier einschlagenden Inschriften, welche überall angepinselt sind, 
an Alben und Wände, Thürpfosten und Ladeneingänge, sind die Wahlempfeh- 
lungen zu städtischen Aemtern, deren in der Sigle O. V. F enthaltene ständige 
Formel erst neuerdings ganz unzweifelhaft erklärt und bezeugt ist, indem man 
Beispiele fand, in denen die drei Worte Orat Vt Yactatts ausgeschrieben, an- 
statt abgekürzt waren. Diese Wahlempfehlungen gehen bald von einer, bald 
Ton mehren einzelnen Personen, bald von Gewerken, Zünften und Corpora- 
tionen aus; ihre einfachste Formel ist die, dass die Namen des oder der Em- 
pfohlenen und das Amt, zu dem man sie gewählt wünscht, vorangestellt und 
nach dem O. V. F der Name des Empfehlenden beigefügt wird. Zuweilen 
nennt sich der Empfehlende mit einem gewissen Nachdruck, indem er setzt : 
der und der hat dies geschrieben (scripstt), z. B. Issus in einer Empfehlung 
des M. Cerrinius Vatia zur Aedilität, sehr oft wird aber auch der Name des 
Schreibenden weggelassen, so dass die Inschrift wesentlich nur den Zweck haben 
kann, die vorübergehenden Bürger auf den Empfohlenen aufinerksam zu machen; 
80 steht z. B. an einem Ladenpfeiler der Fronte des Hauses des Lucretius GN« 
HELVIVM. SABINVM. AED- O- V- F, d. h. Gnaeum Kelvium Sabinum aedt- 
km oro ut faciatis , während ebenso häufig dem Namen des Vorgeschlagenen 
allerlei ehrende und empfehlende Beiwörter hinzugefügt sind, als in Siglen v. b. 
(üirum bonum), v. p (virum probum), b. c. (bonum civem), d. r. p. (dignum rei 
pvbUcae) u. A., oder ausgeschrieben: z. B. tuvenes probos dignos r. p. in einer 
Empfehlung des Cuspius Pansa und des Popidius Secundus zur AediHtät am 
Album derEumachia, oder omni bono meriium iuvenem d. r.p. in einer gleichen 
desGn. Helvius Sabinus an derBasilica, oder verecundissimum iuvenem in einer 
Empfehlung des A. Vettius Firmus zum Duumvirat, oder recht stark aufgetra- 
gen: verecundissimum d.r.p. dignissimum in einer Empfehlung desHolconius 
Priscus zur Aedilität u. dgl. m. Auch kleine Variationen fehlen nicht, indem 
z. B. in einer Inschrift , die A. Vettius Firmus, und in einer anderen, die M. 
Cerrinius Vatia zur Aedihtät vorschlägt, gradezu ein dignus est beigefügt wird, 
in anderen das o. v. f noch durch ein eigenes rogat am Schlüsse verstärkt wird, 
wie in mehren Inschriften, oder durch ein cupit wie in einer Empfehlung des 
Vettius Firmus durch einen Felix , oder in einer anderen des Casellius durch 
einen Erastus; wieder in anderen giebt der Schreiber seine Empfehlung in der 
Form einer Erklärung : er wähle den und den, ab, wie z. B. eine Becommandation 
des Holconius Priscus schliesst : Fuscus facit, welcher selbige Fuscus sich an 
einem anderen Orte zur Empfehlung seines Candidaten in derselben Erklärung 
mit einem Vaccula vereinigt hat (Fusctcs cum Vaccula facti). — 

Auf dieses städtisch politische Gebiet gehören denn auch die Inschriften, 
welche das Verhältniss des Patronats und der Clientel angehn, und in welchen 



334 II. Sechstel Capitel. 

der Client oder die dienten den Fatronus anrufen^ ihnen gewogen zu sein, in- 
dem sie eben dadurch zugleich öffentlich ihm Abh&ngigkeit und Unterordnung 
bekennen. Vor der Entdeckung der aufgelösten Sigle O. V. F. hat man die 
sämmtlichen Wahlrecommandationen , welche wir kennen gelernt haben, für 
solche Anrufungen des Patrons durch Clienten gehalten , indem man die drei 
Buchstaben durch orat ut faveat (resp. orant ut faveant) erklärte und durch: 
»bittet ihm gewogen zu sein« übersetzte. Seit der Entdeckung ganz ausgeschrie- 
bener Formeln hat es sich herausgestellt, dass die Anrufungsformel in einem ein- 
fachen orat oder rogat »bittet« oder »ruft an« besteht, wobei in Gedanken 
utfaveaty »um seine Gunst« zu ergänzen ist, was in einem bekannten Falle 
ganz beigeschrieben ist. Die vielfachen Beispiele dieser Anrufungen der Pa- 
trone durch einzelne Clienten können uns ziemlich gleichgültig sein, da wir 
kein pompejanisches Namensregister anfertigen wollen, und etwas Anderes als 
zwei Namen oder drei enthalten diese Formeln : Pansam Aedilem Paratus rogat 
(den Aedilen Pansa ruft Paratus an), C. Aprasium Felicem aed. o(rat) Philip- 
pus (den Aedilen C. Aprasius Felix bittet Philippus um seine Gunst) nicht; 
lobende Epitheta sind hier sehr selten und zwar mit Recht, indem sie im Munde 
des Clienten eigentlich eine Unverschämtheit enthalten; in einer Inschrift 
nennt sich der Anrufende Thalamus direct clienSy Clienten des Zweimanns Pa- 
quius. Von speciellerem Interesse sind nur einzelne dieser Anrufungen, so 
z. B. wegen eines famosen Sprachschnitzers die folgende: Sabinum et Rufum 
aed(ile8) d(igno8) r{et) p{ublicae) Valeniinus cum discentes stws rogat, za 
deutsch wörtlich: »die der Staatsverwaltung würdigen Aedilen Sabinus und" 
Rufus ruft Valentinus mitseineSchüleran.« Dass der Mann kein Sprach- 
lehrer gewesen sei, ist wohl gewiss. Aus einer anderen Inschrift scheint her- 
vorzugehn, dass der Bittsteller rasche Hilfe brauchte, denn er schrieb: A, 
Ceium II t(irum) i{uri) d(icundo) Epacattes cito rog(at), den richterlichen 
Zweimann Aulus Ceius ruft Epacatus schleunig an. Ausser diesen und einigen 
ähnlichen, durch ein Curiosum bemerkenswerthen Inschriften sind besonders 
diejenigen nicht ohne Bedeutung, in welchen Corporationen oder Z ü n f t e 
als die Bittsteller auftreten. So haben wir mehre Anrufungen vornehmer Patrone 
durch die pomarii, die Apfel- oder Obsthändler (s. Fig. 252), ebenfalls ein paar 
Mal treten die saccarii, die Sackträger auf, ausserdem finden wir die mu- 
lionesy die Maulthiertreiber, und zwar die muliones universi, die gesammten 
Maulthiertreiber, d. h. das Gewerk oder die Zunft derselben ; femer die «a- 
linensesy die Arbeiter in den unweit Pompejis gelegenen Salinen, die /i^- 
narii und plostrarii, Zimmerleute und Stellmacher, welche den Aedilen 
Marcellinus anrufen, die aurifices universi, die Zunft der Goldschmiede, 
einen Photinus, der den Aedilen Postumus Probus per tuunum beim Thunfisch 
um seine Gunst beschwört, also wohl Fischhändler gewesen sein mag, endlich 
auch venerei, die eben so unbefangen wie Andere ehrlichen Grewerbes einen 
Aedilen Paquius angehn. Scherzhaft ist die Anrufung des Aedilen Vatia durch 



r 



Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens nach Inschriften. 335 

Macerio und »sämintliche Schläfer« in einer am Schlüsse fragmentirten 
Inschrift: V^atiam aed. rogant Macerio, dormientes universi cum . . . .^ wel- 
che wohl von Solchen ausgegangen ist^ die durch den Strassenlärm in ihrer 
Mittagsruhe gestört wurden. 

Da diese Inschriften so gut wie die Wahlempfehlungen vielfach an die 
Pfeiler genudt sind, welche die Läden an den Facaden der Häuser trennen, so hat 
man in dem in ihnen genannten dienten den Inhaber eines solchen Ladens er- 
kannt, was in vielen Fällen, wie z. B. bei der Inschrift : M. Holconium Prtscum, 
C. Gaulum JRußim IL vir. Phoebtis cum cmptoribus suis rogat (die Duumvim 
Holconius und Graulus bittet Phoebus mit seinen Kunden um ihre Gunst) zu- 
treffen mag, gewiss aber nicht für alle ausreicht. Unbegründet ist es aber vol- 
lends, wenn man einzelne dieser Inschriften, welche auf den Wänden nahe bei 
den EingangsthOren der Häuser stehn, auf den Inhaber des Hauses bezog, 
wobei naan nur zweifelte, ob man denselben als den angerufenen Patron oder 
den anrufenden dienten betrachten solle. Weder das Eine noch das Andere 
ist richtig; beziehen sich überhaupt angeschriebene Namen auf den Bewohner 
des Hauses, so können es bestimmt nur jene in der einfachen Nominativform 
ohne alle Beisätze sein, wie C. SailusU M. F. oder C, J. Priscus IL Vir. 
Freilich lassen auch diese noch eine andere Deutung zu , so dass man wenig- 
stens nicht, wie in einigen neueren Büchern über Pompeji geschieht, das An- 
schreiben des Namens des Bewohners an den Hausthürpfeiler als ausgemachten 
und durchgehenden Gebrauch bezeichnen sollte. — 

Nächst diesen Spuren des communalen Lebens gehören am meisten der 
Oeffentlichkeit die Ankündigungen von Lustbarkeiten im Amphitheater an, 
denn nur solche, nicht auch Theateranzeigen hat man in Pompeji gefunden, 
und konnte sie schon deswegen nicht finden, weil die Theater bei der Ver- 
schüttung nach der Katastrophe vom Jahre 63 noch nicht wieder völlig herge- 
richtet und dem Gebrauche übergeben waren. Von den Anzeigen der Spiele 
und Kämpfe des Amphitheaters woUen wir unseren Lesern nur einige als Pro- 
ben mittheilen, weil wir fürchten müssten, sie durch mehre zu langweilen. Auf 
dem Album am Gebäude der Eumachia las man : 

A- SVETTI- CERII 

FAMILIA- GLADIATORIA PVGNABIT 

POMPEIS- PR- K- rVNIAS- VENATIO- ET- VELA- 

ERVNT- 

»die Gladiatorentruppe des A. Suettius Cerius wird in Pompeji am letzten 
Mai kämpfen, es wird eine Jagd stattfinden und das Zeltdach wird ausge- 
spannt sein, a 

Ebendaselbst : 

N- POPIDII- RVPI- FAM- GLAD- IV- K- NOV- POMPEIS- VENATIO- 
ET« XII- KAL- MAI- MALA- ET- VELA' ERVNT- 

o(ptimo)- procvrator(i)- felicitas 



336 II. Sechstes Capilel. 

Hier sind zwei Kämpfe der Truppe des N. Popidius Rufus^ der eine auf 
den 26. October, der andere lange im Voraus auf den 18. April angekündigt, 
ist eine Jagd und sind Mäste und Segel (Zeltdach) verheissen, und ist ajn 
Schlüsse ein Glückwunsch für den Veranstalter des Spieles hinzugefügt. 

Schon erwähnt haben wir früher die Anzeige auf dem Album am hercu- 
laner Thor, in der 30 Paare Gladiatoren verheissen werden. Dreissig Gladia- 
torenpaare konunen übrigens auch noch in einer unvollständig erhaltenen An- 
zeige auf der Mauer beim Sitze der Mamia vor. 

Am meisten Herrlichkeiten werden in einer ebenfalls nicht ganz erhal- 
tenen Anzeige versprochen, w^elche man in den Thermen fand und wegen des 
in derselben vorkommenden Wortes dedicatione (»bei der Einweihung«) auf 
die Einweihung eben der Thennen bezieht, freilich mit zweifelhaftem Recht 
In dieser Inschrift werden angezeigt : venatioy athletae, sparsiones, vela (Jagd, 
Athleten, Sprengungen, Zeltdach). Noch ungleich bedeutender erscheint je- 
doch, um auch dies hier beiläufig zu erwähnen, die Mannigfaltigkeit der Spiele 
des pompejanischen Amphitheaters in der Grabschrift des A. Clodius Flaccns 
(Monunsen No. 2373), der dreimal richterlicher Duumvir war, und für seine 
Ernennungen dem Volke seine Dankbarkeit durch Spiele des Amphitheaters 
(damals noch auf dem Forum gehalten) bezeigte. — 

Aus dem Gebiete des Privatlebens, in welches wir schon oben bei Erwäh- 
nung der Nameninschriften an den Hausthüren den Fuss gesetzt haben, fallen 
uns durch Länge am ersten die Vermiethungsanzeigen in's Auge, deren Inhalt 
in mehrfachem Betracht von Interesse ist und über das alte Leben Aufklärung 
verbreitet. Wir wollen deren eine der merkwürdigsten als Probe mittheilen, 
und würden deren sehr gern mehre geben, wenn die einzigen uns vorHegenden 
Abschriften nicht so sträflich ungenau und unzuverlässig wären, dass wir deren 
Wiederabdruck nicht glauben verantworten zu können. An einer Wand des 
in der Nähe des Amphitheaters gelegenen 1756 aufgegrabenen und später wie- 
der verschütteten Palastes der Julia Felix las man nach der Abschrift Winckel- 
manns (Sendschreiben §.58): 

IN- PRAEDIs- IVLIAE- 8P. F- FELICI8 

LOCANTVR 

BALXEVM- VENERIVM- ET- NONGENTVM- TABERNAE 

PERGVLAE 

CAENACVLA- EX- IDIBUS- AVG- PRIMIS- IN- IDVS- AVG- SEXTAS 

ANNOS- CÜNTINVOS- QVINQVE- 

S- Q- D- L- E- N- C- 

A- SVETTrV'M- VERVM- AED- 

» Auf dem Gute der Julia FeUx, Spurius Tochter, sind zu vermiethen : ein 
Bad, ein Venereum und neunhundert Schenken, Läden*), Oberzinuner vom 

*) Die Bedeutung von Pergula ist zweifelhaft, Winckelmann übersetzt »Lauben«, Andere 
setzen »Laden mit Schattengängen (oder »offenen Terrassen«) und Zimmern im ersten Stock«. 



Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens nach Inschriften. 337 

14 — 20 August auf fünf auf einander folgende Jahre. Sollte Jemand die Be- 
sitzerin des Ortes nicht kennen, so wende er sich an den Aedilen Suettius 
Verus. « 

Diese Anzeige lässt uns einen Blick thun in die Verhältnisse des Grund- 
besitzes in Pompeji und in die Art seiner Verwerthung. Unter den Schenken 
(iabemae) werden wesentlich Thermopolien zu verstehn sein, denen wir so oft 
in Pompeji begegnen, unter den Läden (perffula) jene die Häuser umgebenden 
mit oder ohne Ladenhinterzimmer, endlich die Oberzimmer (coenacula) oder 
Zimmer im oberen Geschoss , haben wir bereits als die gewöhnlichen Mieths- 
wohnungen kennen gelernt. Rechnet man nun aber auch die Zahl 900 auf die 
dreiClassen zu vermiethenderLocalitäten, so bleibt ein solches Miethanerbieten 
immerhin das Zeugniss eines für eine Stadt wie Pompeji massenhaften Grund- 
besitzes in einer Hand, sowie einer sehr bedeutenden Population, welche ein 
so vielfaches Miethen von kleinen Wohnungen und Geschäftslocalen bedingte. 
Ueber die Formel der vorletzten Zeile wollen wir nur noch bemerken , dass 
einige Schriftsteller sie durch si quis dornt lenocinium exerceat non conduciio 
erklären wollten, was schon durch das ausgebotene Venereum verdächtig, aber 
dadurch unmöglich wird, dass die Worte A Suettium. Verum, aed. abgestossen 
werden müssen und auch, als hätten sie nicht dagestanden , selbst in angeblich 
&csimilirten Copien ruhig weggelassen sind. Die unserer Uebersetzung zu 
Grande liegende Auflösung ist die von Winckelmann vorgeschlagene: st quis 
dominam loci eius non cognoverit adeat Suettium Verum aedilem. — 

Von der lebhaften Theilnahme an den Spielen des Amphitheaters legt eine 
Seihe von eingekratzten Inschriften Zeugniss ab, welche man meistens im Cor- 
ridor des Amphitheaters an den Wänden fand, und welche sowohl Glückwün- 
sche wie Verwünschungen von Gladiatoren enthalten, in welchen offenbar ein 
für oder wider den einen oder den anderen Kämpfer Partei ergreifender Zu- 
schauer seinen Gefühlen Luft gemacht hat. So heisst es: Regulo f elidier Sestius 
»Sestius wünscht dem Eegulus Heil ! « oder: M, AntiseiusMessio feliciter »Mar- 
cus Antiseius wünscht dem Messius Glück ! « oder es schrieb Einer über den 
von ihm begünstigten Gladiator ohne ihn zu nennen: multa munera mcisti 
»du hast in vielen Kämpfen gesiegt«, andererseits z. B. Barca tahescas »hol 
dich der Henker Barcas ! « Auch die knöchernen Tesserae (Einlassbillets), 
welche, wie es scheint, erst beim Ausgange abgegeben wurden, sind mit allerlei 
kurjKen Phrasen^ z. B. benigne proeat oder mit Gladiatomamen , wie Vapio^ 
BarcaSy Pernix von den Zuschauern bemalt. Erwähnen wollen wir noch eine 
ungefähr in diese B^gion gehörende Inschrift über dem Aushängeschüde des 
»Giadiatorenschulett genannten Schankladens (oben S. 258), welches, wie mit- 
getheilt, zwei kämpfende Gladiatoren zeigt und dessen Unterschrift wir oben 



Die gewählte Uebersetzung zU vertheidiffen, ist hier kein Kaum, sie wird sich vor dem Kun- 
digen selbst rechtfertigen und hat den Vortheil , die , man sage was man will , enorme Zahl 
Ton 900 Läden mit andern Gemächern zu verbinden, also begreiflicher zu machen. 

Orerbeck, Pompeji. 22 



338 II. Sechstes Capitel. 

angeführt haben, darüber stand: Teiratdea- Prüdes- Tetraides L XIIX- Prü- 
des L X )) Tetraides (der eine Kämpfer), Prudens (der andere, der Name durch 
Auslassung des n verschrieben). Tetraides unbesiegt ({(nmctus) im 18. Eiimpfe, 
Prudens gefallen {l{apsus) im zehnten« nach einer wahrscheinlichen Ergän- 
zung und Uebersetzung der Siglen i und /. 

Von den Strasseninschriften, welche unserem » Verunreinigung wird ver- 
beten« entsprechen, ist schon oben (S. 178) die interessanteste Probe mitge- 
theilt. Nicht aber auf die Strassen beschränkt waren die angemalten und ein- 
gekratzten Inschriften, auch im Innern von Gebäuden, sowohl privaten ^ic 
öffentlichen, kommen ihrer vor. Das Hie habitat Felicitas in der Bäckerei iin 
Hause des Pansa und das Labyrinthus» Hie habitat Minotuurus im Hause des 
Labyrinths ist schon angeführt ; auch ein Glückwunsch, wie man sie sonst ge- 
wöhnlich im Amphitheater findet, ist im Innern eines Privathauses in den 
Worten P. Cornelio lulio feliciter » Heil dem P. Cornelius Julius a gefunden 
worden und hat offenbar weiteren Sinn , so gut wie ein fragmentirter Glück- 
wunsch . . . Aujfusto feliciter aediles sie decet » Dem Kaiser wünschen 

Heil die Aedilen, so ziemt es sich», der an eine Ecke angemalt ist. Auch in 
Schenken fehlt es an Inschriften nicht, die aber nur zum Theil wiedergegeben 
werden können, wie z.B. DA- FRIGIDVM. PVSILLVM- »gicb kalten 
Trunk (r, dem Wirthe zugerufen, oder M- FVRIVS PILA- MARCVM- T\- 
TILLVM, eine Aufforderung zum Trinken (?), und dergleichen mehr. Von 
öffentlichen Gebäuden ist namentlich die Basilica reich an Schreibereien müs- 
siger Hände , was sich aus der Bestimmung des Gebäudes zu öffentlichen Ge- 
richtsverhandlungen , bei denen manche Leidenschaft erregt werden mogte, 
und es auch an Langweile nicht gefehlt haben wird, sehr begreiflich ist. So 
finden wir denn ausser der schon erwähnten Inschrift BASSILICA z. B. 
LVCRIO ET SALVS. HIC FVERVNT »Lucrio und Salus sind hier gewesen«, 
C PVMIDIVS. DIPILVS. HEIC- FVIT- AD NONAS OCTOBREIS- M- 
LEPID- Q. CATVL. COS- »Caius Pumidius DiphUus ist hier gewesen am 
7. October unter dem Consulat des M. Lepidus und Qu. Catulus (676 der 
Stadt Rom, 78 v. Chr. Geb.); DAMAS AVDI, »Höre Damasa; NUN EST 
EX. ALBQ. IVDEX. PATRE- AEGYPTIC »Es steht keiner, dessen Vater 
Aegypter ist, als Richter auf der Liste«, oder unter einigen schmutzigen Zei- 
len einer Hetäre von anderer Hand lOY^(ius?) MVLTVM- MITTIT- PHI- 
LOCRATIS »Philocratis muss tüchtig bezahlen. « 

Wir schliessen mit der Mittheilung einiger Verse , die sich an den Wän- 
den im Innern eines Hauses fanden , welches der neueste Bearbeiter der Bau- 
werke Pompejis, Herr Breton, in seiner mehrmals angeführten nPompeia* 
S. 286 wohl mit Recht als Lupanar betrachtet. Dass von den Inschriften nicht 
mehre erhalten sind, als die wenigen hier folgenden, wird der kundige Leser 
nach diesen Proben mit uns bedauern. Ein Jemand hatte geschrieben : 

CANDIDA- ME- DOCVIT- NIGRAS- ODISSE» PVELLAS- 



Zeugnisse des Verkehrs und des Lebens nach Inschriften. 339 

worauf ein Anderer als eine etwas maliciöse Antwort darunter schrieb : 

ODERIS- SED- ITERAS [effo] NON- INVITVS- AMABO- 

An einer anderen Wand steht das Distichon : 

HIC- EGO- NVF(?)- - FOBMOSA- COMA- FVELLA 

LAVDATA- A- MVLTIS- SED- LVTVS- INTUS- ERAT- 

mit dem wir von dieser Poßsie und den pompejanischen Mauerinschriften 
scheiden wollen*). 



*) In demselben Zimmer ist noch eine Inschrift, die der Eine als: scripait Venus 
fisiea Vbmpeiana giebt und auf eine »isische« Venus bezieht, der Andere als Venus phy- 
sica schreibt, und die vielleicht ganz anders lautet. Die Venus ßsica soll nach der Be- 
hauptung des Herrn Stanislao d'Aloe »Die Kuinen yon Pompeji«, deutsch Berlin 1854 S. 20 
nocQ in einer anderen Inschrift, die er mittheilt, vorkommen. Bei der grossen Unkenntniss 
und Ungenauigkeit dieses Schreibers aber kann man sich weder darauf, noch auf sonst eine 
seiner üoer Ausgrabungsberichte hinausgehenden Angaben verlassen. 



2V 



340 III. Einleitung und Allgemeines. 



III. 

Zweiter oder artistischer HaupttheiL 



Einleitmig und illgememes. 

Unsere gcsaminten bisherigen Betrachtungen waren antiquarischer Art, 
hatten die Darstellung und Erläuterung der Monumente Pompejis zum Gegen- 
stände, sofern sie von dem öffentlichen oder privaten Leben der alten römischen 
Landstadt Zeugniss geben; einer Betrachtung und Beurteilung von künst- 
lerischem und technischem Standpunkt haben wir dieselben nicht unterworfen, 
so nahe dazu in manchen Fällen die Veranlassung liegen mogte. Denn wir 
haben alle bekannten öffentlichen und eine Folge der bedeutendsten privaten 
Gebäude nicht allein nach ihren Grundrissen und nach den Zwecken ihrer 
räumlichen Anordnungen, sowie nach dem heutigen Stande ihrer Ruinen 
durchmustert, wir haben, wenngleich nicht von allen, so doch von recht vielen 
diejenigen von geschickter Künstlerhand entworfenen Restaurationen betrach- 
tet, welche am geeignetsten sind, uns die Gebäude in ihrer ursprünglichen 
und natürlich auch künstlerischen Ganzheit zu vergegenwärtigen ; wir haben 
femer manche Sculpturwerke , Tempelbilder und andere nicht allein genannt, 
sondern zum Theil auch in Abbildungen unsem Lesern vorgeführt, wir haben 
endlich den malerischen Schmuck der Wohnungen im Allgemeinen und in 
vielfachen Einzelheiten kennen gelernt. Und wie manches schöne und an- 
muthige, zierliche und liebliche Monument der drei Künste haben wir nicht 
bei unserer antiquarischen Wanderung zu nennen gehabt , wie manches Mal 
lag uns die Aufforderung zu artistischem Eingehn auf diese Werke und Lei- 
stungen der bildenden Künste so nahe, dass wir dasselbe absichtlich von der 
Hand weisen mussten. Ich erwähne dies hier nicht, weil ich glaube, mein 
Verfahren bedürfe einer Rechtfertigung oder gar der Entschuldigung; denn 
ich bin überzeugt, dass die Rechtfertigung in der gewonnenen Einheitlichkeit 



r 



111. Einleitung und Allgemeines. 341 



der antiquarischen Betrachtung liegt und durch die Einheitlichkeit und lieber- 
sichtlichkeit der folgenden artistischen noch fühlbarer gegeben werden wird, 
sondern ich erwähne diese Thatsache , dass wir das Artistische vom Antiqua- 
rischen beim besten Willen nicht völlig zu trennen vermogten, deshalb , weil 
sie far die Stellung und das Verhältniss der Kunst zum Leben bezeichnend ist. 
Sowie überhaupt in allen künstlerisch begabten Zeitaltem die Kunst sich 
nicht vom öffentlichen und privaten Leben trennen lässt, wie sie das ganze 
Leben durchdringt und eine nothwendige Erscheinungsform des Lebens ist, so 
war dies auch in der antiken Welt der Fall. Die Kunst war auf allen Punkten 
bereit, den Bedürfnissen des Lebens cntgegenzukonunen^ sich an jene anzu- 
lehnen, sie zum Anlass ihrer Production zu machen, und das Leben bot seiner- 
seits der Kunst tausendfältige Gelegenheit, sich an allen den Gegenständen zu 
offenbaren^ welche dem Bedürfiiiss dienten. Weil die Kunst nichts Unnützes 
schuf, gab ihr das Leben die Möglichkeit^ das Nützliche künstlerisch zu gestal- 
ten, oder umgekehrt: weil das Leben sich nicht begnügte, das Nützliche nur 
nützUch und zweckmässig zu verfertigen, sondern dasselbe zugleich angenehm, 
zierUch, schön haben wollte, so brauchte sich die Kunst nicht vom Leben zu 
isoliren und auf Productionen zurückzuziehn, welche keinem reellen Gebrauche 
bestimmt^ also im Sinne des praktischen Lebens unnütz waren. In unkünst- 
lerischen, in rein praktischen Zeitaltem, wie bei uns, ist dies anders. Wir 
bereiten fast Alles, was wir zum wirklichen Gebrauche des Lebens bestimmen, 
nur nach Zweckmässigkeitsrücksichten dieses Gebrauches. Wir begnügen uns, 
in unseren Häusern wohnliche Bäumlichkeiten herzustellen , in unsem Mobi- 
hen praktische Behälter oder Geräthe; es gehört eine nicht unbeträchtliche 
Opulenz dazu, um uns zu dem Streben nach einem Mehr, nach Verbindung selbst 
nur der Pracht, um von der Kunst gar nicht zu reden , mit dem Bedürfniss zu 
bewegen. Aber auch in den Schichten unserer Gesellschaft, wo Pracht und selbst 
Schönheit, künstlerisches Bilden sich auf unsere nächste Umgebung erstreckt, 
wo wir unsere Wohnungen nicht allein wohnlich und comfortable, sondern 
auch schön und anmuthig bauen, wo wir unsere Mobilien aus edleren Mate- 
nahen und in reicheren Formen (ob immer in schöneren , ist fraglich) wählen, 
wie oft ist da der Schönheitstrieb wohl mächtig genug, um ein Granzes und 
Harmonisches zu schaffen , und was hat auch da die Schönheit und die Kunst 
mit unseren Hausgeräthen zu thun? Die Reste künstlerisch begabter Zeitalter 
zeigen uns hierin ein anderes Bild, das Bild einer vollendeten Durchdringung 
der Bedürfnisse des Lebens mit der Schönheit der Kunstgestaltung. Diese Ver- 
bindung des Lebens und der Kunst kann aber in gewissem Sinne alterirt wer- 
den, jenachdem Leben und Kunst, Zweck und Form einander gleichstehn und 
als ebenbürtig erscheinen, jenachdem das Leben sich begnügt, in seinen Be- 
dürinissen und Zwecken die Anlässe und Gelegenheiten des freien künst- 
lerischen Schaffens zu bieten, oder jenachdem die Praxis soweit siegt, dass sie 
dch allerdings von der Kunst nicht lossagt, wohl aber die Kunst als das Secun- 



342 III. Einleitung und Allgemeines. 

däre^ als dienende , ihren Zwecken untergeordnete betrachtet. Dieser Zustand 
ist es, welcher iftit Nothwendigkeit zur Trennung, zur Lossagung der Kunst 
vom Leben führt. Zweckmässigkeitsrücksichten , Rücksichten auf Schein und 
Glanz 5 daneben auch wohl solche auf Wohlfeilhcit, beginnen über die Bück- 
sicht auf gediegene Schönheit des Stoffes und der Form zu siegen , die Pro- 
duction der Kunst wird unfrei, und nicht lange , so zieht sich die Kunst von 
dem ihr verleideten Gebiete der Bedürfnisse des Lebens zurück. Der erstere Zu- 
stand spricht uns aus den Resten der Blüthezeit Griechenlands an, der Beginn 
des letzteren ist es , welcher die Stellung der Kunst zum Leben in Pompeji be- 
zeichnet. Noch ist die Trennung nicht erfolgt, aber sie ist vorbereitet und hat 
begonnen, schon hat das rein praktische Handwerk die Kunst aus dem Gebiete 
der gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens verdrängt. 

Katun durch irgend ein Merkmal wird eine solche Zeit bestimmter gekenn- 
zeichnet und schärfer charakterisirt, als durch die Verwendung der Tünche 
in der Baukunst. Das wahrhaft künstlerische Zeitalter scha£[l Material- 
bauten, das heisst, es bildet seine Bauformen seinem Material gemäss, grün- 
det die Fonngebung seiner Monumente auf das Wesen seiner Materialien^ 
welche es nie verhüllt und den Blicken zu entziehen trachtet, sondern als das 
sein Werk Bedingende frei vor unsere Blicke hinstellt. Das gilt in gleicher 
Weise von den Kalktuff- und Marmorbauten des alten Hellas , wie von den 
verschiedenen Bruchstein- und Ziegelbauten unseres Mittelalters. Ein unkünst- 
lerisches Zeitalter dagegen baut schematistisch , ohne Rücksicht auf das Mate- 
rial , und , da das Material einmal für allemal die Formen und Gliederungen 
des Baues bedingt und beherrscht, da es sich, zur Formgebung benutzt and 
verwendet, nie negiren lässt, so wird es negirt, indem man materiell einen 
formlosen Kern construirt und alle Form und Gliederung der verhüllenden 
Tünche anheimgiebt. Das ist ein Unwesen, aus dem Unsolidität, Mangel an 
Präcision, Stilmengerei und Manier mit zwingender Nothwendigkeit folgt. 
Jeder Tünchebau ist eine Lüge, eine Versündigung gegen den heiligen Geist 
der Kunst, die sich wie jede Lüge rächt. Unser Zeitalter ist dieser Lüge mit 
allen ihren Consequenzen von Geschmacklosigkeit verfallen, aber fast noch 
ärger ist diese Tünchewirthschaft in Pompeji gewesen , wo allein die geringere 
Masse verschiedener Vorbilder vor der Höhe der Manier und der Stilmengerei 
unserer Tage bewahrt hat. In Pompeji erscheint in den wenigsten Fällen das 
Material , alle bauliche Formgebung ist der verhüllenden Tünche überwiesen, 
ganz Pompeji ist, mit Ausnahme von ein paar öffentlichen Gebäuden aus 
älterer Zeit, in seinem neuen Aufbau nach dem Erdbeben eine getünchte und 
gemalte Stadt. Die Folgen hievon treten uns am deutlichsten im Peribolos des 
Venustempels entgegen, dessen ursprünglich dorische Säulen und Gebälke, um 
sie mit dem korinthischen Stil des restaurirten Tempels in eine Art von üeber- 
einstimmung zu bringen, in der Weise, welche Figur 253 zeigt, übertüncht 
und bemalt wurden und dadurch unsäglich schwcrfkllig und unharmonisch 



r 



III. Einleitung und Allgemeines. 



343 



erscheinen. Wo aber Unwahrheit und Oberflächlichkeit in einer Kunst einge- 
rissen ist, da bleibt sie in den anderen nicht aus, da folgen in der Sculptur 




Figur 253. UebertQnchtes dorisches Gebälk vom Venustempel. 



thöneme Terapelbilder, in Formen gepresste Ornamente, da folgt in der Malerei 
eine regellose Phantasterei und eine laxe Technik , die es sich wo immer mög- 
lich bequem macht. 

Ich habe schon gesagt, dass Pompejis Monumente den Beginn eines 
solchen Zeitalters und Zustandes der Künste bezeichnen. Die Baukunst ist im 
Verfall am weitesten fortgeschritten , ihr folgt die ihr am engsten verbundene 
Malerei; die Plastik, aus ihrer alten engen Verschwisterung mit der soliden 
Architektonik verdrängt und durch die Malerei ersetzt , erscheint isolirter , ist 
weniger fruchtbar, hält sich aber verhältnissmässig künstlerischer. Dass in 
Pompeji bis zur letzten Stunde in Marmor gearbeitet worden ist, beweisen 
weniger die fertigen Monumente , welche nebst den Erzwerken aus älterer Zeit 
stammen mögen und zum Theil nachweislich stammen , als die halbvoUendcten 
und erst begonnenen Statuen , die man in der Werkstatt des Bildhauers fand. 
Im Verhältniss zur Malerei aber ist alle plastische Production in Pompeji quan- 
titativ gering , selbst wenn wir zu den uns erhaltenen Sculpturen diejenigen 
rechnen, welche antike Nachgrabungen uns vorweg genommen haben mögen. 

Es ist wohl aus dem Gesagten klar und begreiflich, dass uns Pompeji keine 
Meister- und Musterwerke der Kunst bieten kann. Dies gilt in aller Strenge 
von den Productionen der letzten Zeit nach dem Erdbeben , also von der über- 
wiegenden Mehrzahl der Monumente; aber auch unter den älteren VTerkcn 
sind wenige , welche auf einen hohen künstlerischen Werth Anspruch machen 
können, und ist keines ersten Banges, ausgenommen das grosse Mosaik der 
Alexanderschlacht, welches aber auch nur deswegen uns als ein Höchstes in 
seiner Art erscheint, weil uns von den Meisterwerken antiker Malerei kein 



344 III. Einleitung und Allgemeines. 

einziges erhalten ist. Dennoch bleibt für uns die Kunstproduction Pompejis 
wichtig und interessant genug , und dennoch ist deren Betrachtung in tech- 
nischer und ästhetisch-artistischer Weise vielfach lehrreich , um so lehrreicher, 
je mehr uns verloren gegangen ist. Um dieser Belehrung willen haben wir den 
Monumenten Pompejis die volle Aufmerksamkeit künstlerischer Betrachtmig 
zuzuwenden. 

Was zunächst die Frage nach der Zeit der Monumente anlangt , so vertre- 
ten die Bauwerke sehr verschiedene Epochen. Die Mauern sind sehr alt, in 
ihren Grundbestandtheilen gewiss mit der Gründung der Stadt gleichzeitig; 
den griechischen Tempel wird man in das sechste Jahrhundert v. Chr. zu setzen 
haben; in die Zeit vor dem Erdbeben fallen unbedingt die Theater, fallen 
Thürme und Thore der Stadt, ftdlt die Basilica und die Colonnade des Forum 
trianguläre mit ihren Propyläen , endlich wohl manches Grabmal und ebenso 
manches Wohnhaus, namentlich im Theaterquartier , von dem es jedoch nicht 
nachweisbar ist. Dagegen gehören die meisten Gebäude in ihrem letzten Zu- 
stande als Neubauten der Zeit des Umbaues nach dem Erdbeben vom Jahre 63 
an ; so z. B. bezeugtermaassen der Isistempcl , so ohne Zweifel der Tempel der 
Venus, wohl auch der der Fortuna, der des Jupiter und andere Bauwerke. 

Von Sculpturwerken ist wirklich Altes und Alterthümliches gar nicht vor- 
handen ; die Mehrzahl der Monumente wird dem letzten Jahrhundert Pompejis 
angehören, die Thonstatuen, manche Steinsculpturen , wie z.B. der Bacchus 
am Isistempel, sowie vielleicht alle plastisch in Stucco ausgeführten Ornamente 
und Eeliefe werden aus der Zeit nach dem Erdbeben stammen. Und dasselbe 
wird mit wenigen Ausnahmen von der Malerei gelten, von der schwerlich 
Manches über die Kaiserzeit hinaufzudatiren ist, während die grosse Masse der 
Decorationsmalerei wohl sicher dem letzten Decennium der Stadt angehört. 
Sollten endlich unter den Geräthen und Gefässen, die wir kennen gelernt 
haben, wirklich Sachen sein, welche bei der Verschüttung über ein halbes 
Jahrhundert alt waren, so müssten das seltene Ausnahmen sein, die sich in den 
wenigsten Fällen constatiren lassen werden. 

Fragen wir sodann nach den Urhebern der Monumente , so ist es schwer, 
hierauf eine bestimmte Antwort zu finden. Thatsache ist zunächst, dass sehr 
wenige fremde Künstler bezeugt sind ; ein Dioskorides von Samos als Verfer- 
tiger des TheatermosaXks in der Villa des Cicero, ein Herakleitos, ein fragmen- 
tirter Name ....achos, auch ein Mosaikarbeiter, sind alle genannten Künstler. 
Dass aber mehre nicht einheimische Künstler in Pompeji thätig gewesen seien, 
ist an sich sehr wahrscheinlich, theils deswegen, weil in mehren der umli^en- 
den Orte ein reger Kunstbetrieb blühte, so dass es auffallend wäre, wenn nicht 
die reicheren und prachtliebenden imter Pompejis Bürgern die Künstler der 
Nachbaxstädte herbeigerufen hätten, theils weil ein so massenhafter Aufbau 
wie der Pompejis nach dem Erdbeben, immer Künstler und Handwerker von 
nah und fem herbeilockt, die um so zahlreicher beschäftigt werden mussten. 



r 



III. Erstes Capitel : Die Architektur und das Bauhandwerk. 345 



je lascher man die Stadt sich aiis ihren Trümmern erheben zu sehn wünschte. 
Es ist aber unmöglich zu sagen, welche Bauwerke, Sculpturen oder Malereien 
von einheimischen pompejaner Künstlern, welche von auswärtigen gemacht 
sind. Denn weder das überall hervortretende griechische Element, noch das 
römische, welches die Anlagen und Decorationen im Ganzen durchdringt, 
giebt uns hier einen Anhalt, da die pompejaner Bürgerschaft schon lange von 
griechischer Bildung durchdrungen sein musste , ehe die römischen Institutio- 
nen dem ganzen Leben ihren Stempel aufdrückten. Wollen wir aber dennoch 
unterscheiden , so werden wir die am meisten griechisch erscheinenden Monu- 
mente fremden Künstlern aus Neapel, Capua, Cumä und andern Städten zu- 
schreiben, die mehr römische Kunstproduction einheimischen Werkmeistern, 
auf welche das in Pompeji herrschende römische Princip directer eingewirkt 
haben musste. 

Anlangend endlich die Gattungen der Monumente, haben wir, im Allge- 
meinen gesprochen, in Pompeji ziemlich Alles vor uns, was antike Technik 
geschaffen hat, sind , mit anderen Worten zu reden , die Hauptzweige der an- 
tiken Kunsttechnik von der Architektur hinab durch Sculptur und Malerei, 
durch Steinschneiderei , Metall- und Glasarbeit bis zu den Hervorbringungen 
des Handwerks in den Monumenten Pompejis vertreten. Indem wir diese nach 
den technischen Grattungen gesondert und geordnet durchmustern, liegt uns 
die Lockung, über den uns gesteckten Kreis hinauszugreifen, fast noch näher, 
als im antiquarischen Theil. Und doch dürfen wir derselben hier so wenig wie 
dort nachgeben, dürfen wir hier so wenig eine Encyclopädie der Künste zu 
schreiben versuchen, wie wir dort eine encyclopädische Darstellung des antiken 
Lebens geben durften. Es gilt unser Ziel im Auge, imsem Faden festzuhalten, 
es gilt, uns auf die Beschreibung und Erörterung der pompejanischen Kunst- 
monnmente zu beschränken und aus dem weiten Gebiete der alten Kunstwis- 
senschaft nur das und nur so viel herbeizuziehn, wie zur Erklärung und Beur- 
teilung der Monimiente Pompejis nöthig erscheinen wird. — 



Erstes Capitel« 

Die ArcMtektiir nnd das Banhandwerk. 

Erster Abschnitt. 

Material und Technik. 

Die verschiedenen Gattungen der Gebäude Pompejis, die Mauern mit 
ilffen Thoren und Thürmen, die Tempel, die anderen öffentlichen Bauwerke, 
Hallen, Theater und Amphitheater, die Privatbauten, Häuser, Gräber und die 
anderen kleineren Monumente, welche wir im ersten Haupttheil kennen ge- 
lernt haben, müssen wir in dem Abschnitt, welcher von dem Material und der 



1 



346 III. Erstes Capitel. 



Technik der pompejaner Architekten und Baumeister handelt, desshalb unsem 
Lesern noch einmal in das Gedächtniss rufen , weil diese Gattungen auf die 
Wahl der Materialien und auf die Art der technischen Verarbeitung wenig- 
stens einigen Einfluss ausgeübt haben. Im Allgemeinen finden wir freilich in 
Pompeji wie in der ganzen Welt dasjenige Material zu den Bauten verwandt, 
welches sich am Orte selbst oder in der Nahe fand, und sowie das in seinem 
Pentelicus marmorreiche Attika in seinen öfiFentlichen Monumenten fast nur 
Marmorbauten aufzuweisen hat, wie in anderen Gegenden Griechenlands bald 
Sandstein (wie auf Aegina) bald Kalkstein und Tuff gebrochen und verbaut 
wurde, so sind in Pompeji hauptsächlich solche Gesteinarten verwendet, welche 
in der Nähe gewonnen wurden und noch heute nachweisbar sind. Namentlieh 
finden wir in den Bruchsteinbauten Pompejis folgende zum grössten Theil vul- 
canische Gesteine. 1. Harte Lava von feinem, die Politur annehmendem Korn 
und von grauer Farbe in einigen helleren und dunkleren Nuancen mit einge- 
sprengten dunkeln Fleckchen Obsidians. Wegen seiner Sprödigkeit ist dies Ma- 
terial nicht allzuhäufig an sichtbaren Gliedern verwendet , in den Mauern fin- 
den wir unregelmässig ausgebrochene Stücke desselben gemischt mit ähnlichen 
Stücken der übrigen Bruchsteine , wie denn überhaupt in den meisten Fällen 
die verschiedenen zu nennenden Bruchsteine unter einander vorkommen und 
die Durchführung eines Materials zu den Ausnahmen gehört , was bei der &Bt 
durchgehenden Uebertünchung , welche das Material gleichgiltig machte, sehr 
begreiflich ist. 2.VulcanischeSchlacken von unregelmässiger Gestalt und 
Fügung, spröde und durchaus nicht zu bearbeiten, aber fest und leicht, des- 
halb nie zu gegliederten Werkstücken verarbeitet, sondern in den Brocken wie 
man sie fand in die Mauern von opus incertum wie diejenige hinter der Gräber- 
strasse (Fig. 203, 208) und die Reparaturen der Stadtmauer, sowie in viele Wände 
von Privathäusem mit reichlichem Mörtel verbaut. 3. Tuff von verschiedener 
Weisse und Festigkeit, zum Theil mit eingesprengten vulcanischen Brocken und 
Stückchen Bimstein, sehr viel verwendet, jedoch ausser in formlosen Brocken 
in Werkstücken nur als Träger der gröbsten Formen zu bearbeiten , daher das 
gewöhnliche Material für den Kern derjenigen Säulen, Capitelle, Basen, Cor- 
nischen und anderer Glieder , deren feinere Formen in Tünche dargestellt win- 
den. Nur in einer besonderen Varietät ist der Tuff feiner zu bearbeiten und 
selbst zu architektonischen Sculpturen wie zu den Löwenklauen am Sitz auf 
dem Forum trianguläre verwendet. 4 . We isserBimstein von feinem Gefüge, 
daneben eine Sorte von grauer Farbe und geringerer Dichtigkeit , wahrschein- 
lich das Material, welches Vitruv als pumex pompeianus kennt. Dasselbe 
kommt nur in verhältnissmässig nicht grossen Stücken vor und ist in Werk- 
stücken nur wie der Tuff als Träger der Kemformen brauchbar, auch seltener 
verwendet, dagegen vermöge seiner Porosität und Leichtigkeit in Mauern und 
besonders zu Wölbungen vorzüglich zu gebrauchen, indem der Mörtel sich mit 
ihm wie kaum mit einem anderen Material gleichsam zu einer Masse verbindet. 



Die Architektur und das Bauhandwerk. 347 

5. Piper in, ein grauer, schwerer Stein von grobem Kom und ziemlich bedeu- 
tender Härte, sehr vielfach zu Säulen, Steinbalken, zu den Sitzstufen der Thea- 
ter, ausserdem zu Mauerwerk, namentlich auch in den ältesten Theilen der 
Stadtmauer benutzt. Endlich 6. Travertin, dessen Anwendung fast ganz die- 
jenige des Piperin ist , mit dem* er die meisten Eigenschaften bei einer helleren 
Farbe thcilt. Zu diesen Baumaterialien , welche sämmtlich noch heute in der 
Umgegend Pompejis nachweisbar sind, kommt ausser dem Marmor noch in 
einem einzigen Beispiel , nämlich bei den Capitellen des griechischen Tempels 
ein grober weisser Kalkstein mit Versteinerungen , der in der Umgegend sich 
nicht findet. 

Mit diesen Bruchsteinmaterialien ist nun in Pompeji in verschiedener 
Weise gebaut worden , und zwar können wir zunächst eine ältere griechische 
und eine jüngere römische Bauart und zwar diese als die überwiegend häufige, 
jene als die seltene und ausnahmsweise unterscheiden. In Griechenland ge- 
brauchte man vor der Zeit der römischen Herrschaft bei Bruchsteinbauten we- 
nigstens in öffentlichen Monumenten, über die wir allein aus eigener Anschau- 
ung zu urteilen im Stande sind, keinen Mörtel, sondern die Werkstücke wurden 
entweder ohne alle Bindemittel durch künstliche Fügung und durch ihre eigene 
Last mit einander verbunden, was natürlich nur unter der Voraussetzung grosser 
und gewichtiger Stücke möglich ist, oder diese wurden durch hölzerne Dau- 
ben oder metallene Schwalbenschwänze an einander befestigt , ein Verfahren, 
welches namentlich bei der Herstellung der Säulenschäfte aus den einzelnen 
Trommeln Begel ist. In Pompeji sind die wenigen älteren Monumente aus der 
Zeit der Autonomie in dieser Art ohne Mörtel erbaut, so die Stadtmauern, bei 
denen meistens ein schräger Schnitt der Seitenflächen der einzelnen Werk- 
stücke (s. Figur 10 und 11 S. 42) denselben eine festere Verbindung unter ein- 
ander gab und eine kleine Materialersparniss ermöglichte. Ohne Mörtel gebaut 
ist femer die Mauer , welche den Abhang des Stadthügels am Forum triangu- 
läre bekleidet und zwar aus Travertin im schönsten Isodomum der Griechen, 
d. h. in regelmässig rechtwinkelig bearbeiteten Hausteinen mit so genau ge- 
glätteten Flächen , dass die Steine beinahe auf einander geschliffen erscheinen 
und die Fugen kaum sichtbar werden. Ferner gehört in diese Classe der grie- 
chische Tempel , es gehören dahin die Propyläen und die Colonnade des Fo- 
rum triangularey die Theater wenigstens in ihren Sitzstufen und vielleicht noch 
ein oder anderes Monument in Pompeji, jedoch kein Privathaus. 

Die Römer bauten dagegen auch ihre Bruchstein- wie ihre Ziegelbauten 
aeit uralter Zeit mit Mörtel, entweder mit Lehm oder mit einem sorgfältig be- 
reiteten Kalkmörtel , in den Puzzuolanerde gemischt wurde und der vermöge 
dieses Zusatzes zu ausserordentlicher Härte und Festigkeit gelangte. Eben diese 
Vorzüglichkeit des Mörtels veranlasste im Alterthum eine andere namentlich 
massenhaftere Verwendung desselben als bei uns , und zwar so , dass in man- 
chen Mauern mehr steinhart gewordener Mörtel, als Werkstein sich findet. 



348 III. Erste« Capitel. 

Die verschiedenen Arten zu mauern und ihre technischen Bezeichnungen hier 
zu beschreiben und zu erklären würde viel zu viel Raum in Anspruch nehmen; 
auch ist in Pompeji keine so grosse Verschiedenheit der Bauweise bemerkbar, 
vielmehr sind die meisten Mauern aus unrcgelmässigen Steinblöcken und Brocken 
und massig viel Mörtel , die Mauern öffentlicher Gebäude dagegen , soweit sie 
nicht aus Ziegeln bestehen , mit regelrecht behauenen Steinen und geringerer 
Mörtelmasse erbaut. Eine ziemlich grosse Gleichgiltigkeit in Bezug auf das 
Technische ist bei der durchgehenden Sitte der Uebertünchung begreiflich ge- 
nug, und die Leichtigkeit der Bauweise schon durch die vielen Erdbeben, 
denen Süditalien , namentlich die Gegend um den Vesuv ausgesetzt war und 
ist , sogar wohl motivirt. Bemerkt werden muss hier noch , dass der Mörtel in 
Pompeji sich zu seinem Nachtheil von sonstigem antiken Mörtel unterscheidet, 
indem er nicht die Härte und Festigkeit hat , die wir sonst bewundem. Da 
nun der rohe Kalk , den man in der s. g. Seifenfabrik fand, alle vorzüglichsten 
Eigenschaften dieses Materials in sich vereinigt, auch da, wo er nass geworden 
ist , steinharte Klumpen gebildet hat , so kann die geringere Güte des Mörtels 
nur entweder zu starker Sandbeimischung oder geringer Güte der Puzzuolana 
oder endlich nachlässiger Zubereitung beigemessen werden. 

Ausser dem einheimischen Bruchstein verwandte man in Gegenden, welche 
nicht selbst kostbares Material wie die verschiedenen Sorten Marmor besassen, so- 
wohl zu Prachtbauten wie auch zur Herstellung der feiner gegliederten und die 
eigentliche Ornamentik tragenden Theile an öffentlichen und Privatgebäuden 
schon seit sehr alter Zeit aus der Fremde näher oder entfernter her eingeführte Ma- 
terialien, namentlich überall weissen Marmor, während inBom in den jüngeren 
Zeiten mit den seltensten, kostbarsten und aus den entferntesten Gegenden 
mühselig herbeizuschleppenden farbigen Marmorn und sonstigen Steinen ein 
Luxus getrieben wurde, der unsere Vorstellungen weit übersteigt. Von sol- 
chem Luxus ist in Pompeji nicht die Rede, Marmor aber, italischer von Lima 
und selbst griechischer ist hier keineswegs selten, obgleich kein Beispiel sei- 
ner Verwendung zu einem ganzen Bauwerk, wenn man nicht ein paar Grab- 
mäler rechnen will, vorhanden ist. Dagegen finden wir in öffentlichen wie in 
Privathäusem sowohl ganze Säulen (z. B. im Gebäude der Eumachia) und Pi- 
laster oder Halbsäulen wie im Senaculum und am Triumphbogen, als auch Ca- 
pitelle, Täfelungen, Thüreinfassungen, Friese und andere Glieder von Marmor, 
zum Theil in vortrefflicher Behandlung. Auch zur Fussbodenplattung wurde 
farbiger Marmor verwendet , das Forum war mit weissen , der Fussboden des 
Senaculums ist mit farbigen Marmorplatten belegt, und auch die Sitzstufen in 
beiden Theatern sind oder waren mit demselben edlen Stoff überkleidet. 

Endlich haben wir unter den Baumaterialien neben dem kostbarsten auch 
das wohlfeilste und ordinärste, die Thonziegel zu nennen, welche weniger häu- 
fig in Griechenland als in Italien gebraucht wurden und auch in Pompeji oft 
genug zu finden sind. Die antiken Ziegel unterscheiden sich von den unseren 



Die Architektur und das Bauhandwerk. 349 

theils durch die Form^ durch geringere Dicke bei grösserer Flächenausdehnung, 
theOs sehr zu ihrem Vortheil durch eine ungleich sorgfältigere Bereitung , zu 
der Vitruv ausführliche und nicht uninteressante Vorschriften mittheilt, und in 
Folge derselben durch grössere Festigkeit und schönere Farbe. In Pompeji sind 
die Thonziegel theils zu ganzen Bauwerken wie z. B. dem Triumphbogen und 
dem Schwibbogen auf dem Forum, dem Senaculimi u. a., theils und noch un- 
gleich häufiger in der augenscheinlichsten Weise als Flickmaterial und Aus- 
hilfe, wo bessere Materialien zu kostspielig oder, wie bei dem raschen Aufbau 
der Stadt» nicht sofort zxir Stelle waren, verwendet. So z. B. in der Colonnade 
des Forum, im Pronaos des Jupitertempels, im Säulenschiff der Basilika, wo 
überall neben einer Mehrzahl von Säulen aus Haustein deren einzelne aus 
Ziegeln stehn, deren Material durch die Alles verhüllende Tünche unsichtbar 
gemacht ist. Eine prinzipielle Verwendung der Thonziegel als formbestimmen- 
des Hauptmaterial wie in unserem Mittelalter ist in Pompeji nirgend, und 
schwerlich irgendwo in der antiken Welt nachweisbar, obwohl keineswegs 
überall dies Material versteckt und übertüncht , sondern in bekannten Beispie- 
len vortrefflich behandelt, geschliffen und polirt zur Schau gestellt ist. Ueber 
die Verwendung des Thons zur Ornamentik reden wir weiter unten. 

Mit dem Maurerhandwerk verband sich in allen Privatbauten Pompejis 
und in den meisten öffentlichen das des Zimmermanns, und Holz, namentlich 
Fichtenholz wurde überall in grosser Masse verwendet, namentlich in den obe- 
ren Geschossen, die deshalb, wie bereits verschiedentlich bemerkt, fast durch- 
gängig zerstört sind. Von Holz construirte man so ziemlich alles Decken- und 
Dachwerk in Privathäusern wie in öffentlichen Gebäuden; Wölbungen kom- 
men ausser in den Thermen, in den Thorbogen, in den Corridoren der Theater 
und des Amphitheaters und in beschränktem Maassstabe in einigen Grabmälem 
nicht vor, was um so mehr bemerkt zu werden verdient, als in der Durchfüh- 
rung der Wölbung der einzige wirklich bedeutende Fortschritt der römischen 
Ardiitektur gegen die griechische liegt ; aber auch gerade Steinbalkendecken 
sind höchstens in ganz einzelnen Ausnahmen und in geringen Dimensionen 
nachweisbar, kein Tempel, keine der öffentlichen Hallen in Pompeji hatte eine 
solche, sondern die Decke wie der Dachstuhl war von Holz und wahrscheinlich 
mit lebhaften und glänzenden Farben bemalt. Von Holz bildete man femer 
die zum Theil ausgedehnten Gallerien, von denen wir das bedeutendste 
öffentliche Beispiel in der Gladiatorencaseme , sehr ansehnliche aber auch in 
den Peristylen mancher Privathäuser kennen gelernt haben. Von Holz waren 
in den Häusern und in einigen öffentlichen Gebäuden die Treppen bis auf die 
in der Begel von Stein gearbeiteten untersten Stufen, die uns vielfach den 
sichersten Anhalt zum Nachweis des Vorhandengewesenseins des Ortes und der 
Beschaffenheit der Treppen bieten; sodann die Thüren, wenigstens ständig in 
Friyathäusem , meistens aber auch in öffentlichen Gebäuden , weshalb sie auch 
überall fehlen ; sicher in der Begel auch die Fenster, deren Existenz nicht mehr 



350 III. Erstes Capitel. 

bezweifelt werden kann und an vielen Orten nachgewiesen ist. Nur in Aus- 
nahmefällen y wie z. B. in den Thermen ^ finden sich metallene Fensterrahmen 
und Sprossen. Nicht von Holz waren dagegen die Fussböden , sondern di^ 
stellte man aus Estrich und aus den verschiedenen Arten von Mosaik her, die 
sich vom rohsten bis zu den wundervollen Mosalkgemälden erheben , die wir 
bereits genannt und weiter unten näher zu besprechen haben. lieber die rohe- 
ren Arten, welche man in Pompeji fast überall findet, sei hier nur kurz be- 
merkt, dass den Ausgangspunkt eine auf den geglätteten Boden ausgegossene 
und auf demselben geebnete Gyps- und Mortelmasse bildet, welche nach einer 
in Signia (Segni) gemachten Erfindung entweder nur mit zerstossenen Ziegeln 
oder einem sonstigen Stoflf geftürbt wurde, und dadurch das Ansehn rothen Gra- 
nits erhielt, indem zugleich die Festigkeit erhöht wurde (opus Signinum), oder 
in welche man vor der völligen Erstarrung verschieden gestaltete Ziegel- oder 
Steinstückchen incrustirte, mit denen verschiedene Linien und Figuren herge- 
stellt wurden (vgl. Zahn 2. 96). Dies ist bereits ganz das Prinzip des in Grie- 
chenland erfundenen Mosaiks (Lithostroton) , welches in Bom seit Sullas Zei- 
ten in Gebrauch kam, und von diesem einfachsten Mosaik bis zum vollendet- 
sten Gemälde ist in Pompeji eine fast ununterbrochene Reihenfolge nach- 
weisbar, indem die in den Gypsmörtelgrund eingelegten Steine denselben 
immer mehr verschwinden machen, während in ihnen die Figuren und Linien 
immer reicher und mannigfaltiger, sodann diese Steinwürfel immer kleiner, 
die Zeichnungen dadurch fleissiger werden, indem man femer die Steinwürfel 
farbig, oft sehr vielfarbig wählte , und sie endlich etwa in der Art eines Stick- 
musters so nahe und unmittelbar aneinander rückte, dass der Grund, in dem 
sie alle haften, vollkommen verschwindet. Beispiele, durch welche sich der Le- 
ser die aufsteigende Beihe vergegenwärtigen kann , die aber in Verkleinerung 
und ohne Farben hier nicht mitgetheilt werden können, finden sich in Zahn's 
Ornamenten und Gemälden 2. Folge auf den Tafeln 56, 79, 96, 99. 

Um aber über die Fussböden und Mosaike unser Zimmerhandwerk nicht 
gar zu weit aus den Augen zu verlieren, bemerken wir, dass was uns in den 
verschütteten Städten, sei es im verkohlten Zustand oder Abdruck oder in 
Nachbildung, überliefert ist, uns keinen besonders hohen Begrifif von der Kunst 
der Zimmerleute in Pompeji geben kann. Alles ist sehr einfach, ja nicht allein 
einfach, sondern zum Theil selbst roh gearbeitet, so sehr, dass die Balken nicht 
einmal überall viereckig verschnitten sind. Jedoch muss man auf der anderen 
Seite eingestehn, dass das Holzwerk in structiver Beziehung gut, selbst vor- 
trefflich behandelt ist, wofür namentlich die weit ausladenden Gallerien Zeug- 
niss ablegen und was bei den weiten Spannungen mancher Decken, z. B. der 
im Senacidum, vorausgesetzt werden muss, wenn und da diese Decken in der 
That vorhanden waren. Auch wird ein grosser Theil der rohen Bearbeitung 
der Bauhölzer dadurch erklärt und entschuldigt, dass das Meiste durch ver- 
schiedene Verschalungen und Verputze den Blicken entzogen war. 



Die Architektur und das Bauhandwerk. 351 

Metalle finden wir fast an allen Orten im Bau verwendet, an welchen wir 
dieselben gebrauchen , und auch die Art des Gebrauchs stimmt mit der unseri- 
gen bis auf wenige Ausnahmen überein. Bemerkt muss jedoch werden , dass 
gegen sonst bekannte Sitte des Alterthums das Eisen in Pompeji eine über die 
Bronze überwiegende Verwendung fand, und dass, was uns von Schlosserarbeit 
in Thürangeln, Schlössern und Schlüsseln überliefert ist, in auffallender Weise 
durch Schwerfälligkeit und selbst Bohheit gegen die meisten sonstigen Hand- 
werkerarbeiten in Pompeji contrastirt. 

lieber die Ornamentik werden wir im Einzelnen später zu reden haben, 
hier muss nur im Allgemeinen bemerkt werden , dass die Anwendung des Mar- 
mors zu derselben in den Privatwohnungen Ausnahmen bildet, während die 
Ausschmückung der Häuser durch plastisch behandelten Stucco und durch 
Wandmalerei die Begel ist. 

Nach dieser zur Vergegenwärtigung des Wesentlichen hoffentlich genü- 
genden gedrängten Uebersicht über die in Pompeji gebrauchten Baumaterialien 
und die Art ihrer Verwendung wollen wir im folgenden Abschnitt uns zu ver- 
gegenwärtigen suchen, was die pompejaner Architekten und Baumeister in for- 
meller und stilistischer Beziehung geleistet haben. 



Zweiter Abschnitt. 

Stil and kttnsilerischer H'erth der Baanrerke In P«mpcJI. 

In demjenigen, was wir einleitend über den Standpunkt, den die Kunst in 
Pompeji einnimmt. Allgemeines gesagt haben, ist im Grunde das Urteil über 
Stil und künstlerischen Werth der Bauwerke Pompejis bereits mit einbegriffen. 
Eine Zeit wie diejenige, aus der die neue Stadt Pompeji stanunt, baut und bil- 
det nicht nach einem festen, einheitlichen, alle Kunstbewegungen beherrschen- 
den Princip, sie hat deshalb auch, genau gesprochen, keinen eigenen Stil, keine 
Konstform, welche aus dem Volksbewusstsein mit Nothwendigkeit so und nicht 
anders entspringt, und welche deshalb in jeder einzelnen Schöpfung sich offen- 
bart, sondern eine solche Zeit ist, milde ausgedrückt, die des Eklekticismus oder, 
wenn man es ganz unumwunden sagen soll , die der Stilmengerei und der Ma- 
nier. Und doch, wenn wir unter Stil die Kunstdarstellung gemäss der eigen- 
sten und individuellen Anschauung eines Künstlers , eines Volkes oder eines 
Zeitalters verstehen, so geht auch den architektonischen Leistungen der Pom- 
pejaner ein Stil, ein gemeinsamer Charakter, ein eigenthümliches Gepräge nicht 
ab und zwar ein Gepräge , welches uns das Völkchen und sein Leben in recht 
anmuthigem und freundlichem Lichte erscheinen lässt. Denn so wie massen- 
hafte , verschwenderische und in Ueberladung ausartende Pracht den Kunst- 
charakter des kaiserlichen Rom bezeichnet , so können wir den Kunstcharakter 
der pompejanischen Bauwerke als den der Heiterkeit, Leichtigkeit und Zier- 



352 



III. Erstes Capitel. 



lichkeit bezeichnen. Die von früheren Kunstperioden überlieferten Formen 
liegen den Schöpfungen der pompejaner Architekten zum Grunde, aber deren 
strenge Anwendung und principielle Durchführung war diesem geistreichen 
und munteren Völkchen viel zu ernst und einförmig ; deshalb wrd die Norm 
und das Gesetz überall überschritten, und es entsteht eine Regellosigkeit, welche 
der strenge Kunstrichter, der den Maassstab des reinen Princips anlegt, freilich 
in derselben Art verurteilen muss, wie Vitruv gegen die Phantasiearchitektur 
eifert, welche in seiner Zeit in der Decorationsmalerei herrschend zu werden 
begann, eine Regellosigkeit, welche aber nichts destoweniger vielfach die An- 
muth und den Reiz besitzt , den die Ueberschreitung strenger Formen und Ge- 
setze durch geistvolle und muntere Menschen , «die Kleinigkeiten ausserhalb 
der Grenze des Gesetzes» wie Goethe sagt, fast überall im Leben auszeichnet. 
Dass freilich auch hier zu weit gegangen werden kann , dass von der Ueber- 
schreitung der Regel , von dem Verlassen des Princips bis zur Verwilderung 
nicht gar viele Schritte sind , wer wollte das leugnen ; auch in Pompeji finden 
wir in einigen der jüngsten Monumente Ausschweifungen, welche als Ausar- 
tungen und als mindestens der Beginn verwilderter, des inneren Haltes barer 
Formgebung erscheinen. Wir könnten eine sehr lange Liste von unglücklichen 
und unrichtigen Motiven aufstellen , doch wollen wir uns genügen lassen , un- 
sern Lesern einige der hauptsächlichsten mitzutheilen und hiemit unsere Um- 
schau unter den Monumenten Pompejis beginnen, indem es erfreulicher ist 
vom Tadel sich zum Lobe zu erheben, als vom Lobe zum Tadel hinabzusteigen. 
Eines der häufigsten schlechten Motive, welche aus dem Streben nach 
Mannigfaltigkeit und Heiterkeit, der Furcht vor Eintönigkeit recht deutUch 
hervorgeht und das hier um so mehr hervorgehoben zu werden verdient , weil 
es von uns Modernen mit Vorliebe nachgeahmt wird , ist die abwechselnde Be- 
krönung sich wiederholender Wandfelder zwischen Pilastem mit flachdrei- 
eckigen und flachgewölbten Giebeln , von der unsere Leser in den früheren 
Zeichnungen zwei Beispiele finden , das eine in der Mauer des Peribolos des 
s. g. Quirinustempels (Figur 67), das andere in der als Alben benutzten Sei- 
tenwand des Gebäudes der 
Eumachia (Figur 89). Die- 
ses letztere Gebäude, wel- 
ches im Uebrigen manches 
Hübsche aufzuweisen hat, 
enthält einen recht häss- 
lichen Fehler in abgeschräg- 
ten Kragsteinen unter der 
Dachschräge des Giebels 
über der Nische am Ende 
des oflenen Mittelschiffs, 
Figur 254. Giebel mit abgeschrägten Kragsteinen. einen Fehler, von dem wir 




Die Architektur und das Bauhandwerk. 353 

etwaigen Technikern unter unseren Lesern in der vorstehenden Abbildung 
(Figur 254) eine kleine Probe als abschreckendes Beispiel mittheilen wollen. 
Zweimal sicher, vielleicht Hoch öfter kehrt eine Durchschneidung eines graden 
Zwischengebälks durch einen runden Bogen, der unter dem Gebälk keine 
organische Stütze hat, wieder, am Triumphbogen (Fig. 28, vgl. Mazois III. pl. 41 . 
Fig. 3) und noch auffallender am Purgatorium des Isistempels (Figur 79). In 
der Grabrotunde Figur 217 ist ein anderer Fehler recht auffallend, dass näm- 
licli zwei Pilaster ohne Zwischengebälk über einander gestellt sind. Auf den 
ohne Stütze unorganisch aus der glatten Wand schwer ausladenden Camies im 
Tepidarium der Thermen (Figur 132) haben wir schon oben S. 166 hingewie- 
sen. Sehr gewöhnlich und viel zu häufig, um in einzelnen Beispielen angeführt 
zu werden, ist der arge Verstoss theüwciser CancUirung der Säulen, welche 
den BegriflF der Canellur aufhebt , den Ausdruck des Aufstrebens des Säulen- 
schaftes, welcher so wunderbar glücklich in ihrer CancUirung gegeben ist, ver- 
nichtet. Die Nichtcanellirung des untersten Dritthcils der Säulen oder die 
Wiederausfüllung der Canellur durch Eundstäbe (s. den Peribolos des Isis- 
tempels Figur 77 und des Venustempels Figur 74) ist zum grossen Theil eine 
praktische Folge der Tünchebauerei ; eine Sicherung der die Säule umgebenden 
Stuccomasse gegen die äusseren Verletzungen , welche bei lebhaftem Verkehr 
beinahe unvermeidlich sind. Traurig, dass moderne Künstler , auch ohne dass 
eine solche äussere Noth sie treibt , diesen schlimmen Fehler in gedankenloser 
Nachahmung des nicht mustergiltigen Alterthums so oft wiederholen. Auch das 
yerschiedenf arbige Bemalen der Säulen in Pompeji beruht auf demselben Fehler 
und ist häufig mit ihm verbunden. Unterbreche man die aufstrebende Verticale 
des Säulenschaftes durch eine nicht durchgeführte Canellur oder durch eine 
larbung des unteren Drittheils , immer handelt man gegen die Natur und das 
innerete Wesen der aus dem Boden aufstrebenden Stütze und trübt oder zerstört 
den Ausdruck ihrer Function. Einen ähnlichen Fehler finden wir an vielen 
Wänden nach aussen, bei denen das untere Drittheil oder die untere Hälfte aus 
einer ganz glatten Stuccomasse besteht, während nach oben der Bewurf in der- 
selben Art, wie es bei xins geschieht, in Hausteinform behandelt ist. So gut wie 
durch unvollständige CancUirung der Begriff der Säulenfunction wird hiedurch 
der Begriff der Wandfunction , das Umhegen und Umschliessen , getrübt, aV 
gesehn davon, dass in Hausteinbauten, die doch nachgebildet sind. Niemand so 
Etwas machen könnte. Finden sich diese und eine Reihe anderer , scheinbar 
kleinerer , aber aus derselben Quelle , der Principlosigkeit, fliessender Fehler, 
über die wir uns nur mit Fachgenosson würden verständigen können , und die 
wir hier deshalb übergehn, in öffentlichen Bauten, so ist begreiflicher Weise 
die Eegellosigkeit in den Privatbauten noch viel bedeutender und steigert sich 
zu völliger Geschmacklosigkeit, wie z. B. der Bekleidung von Pfeilern mit 
Mosaik oder in Herstellung von Dingen wie die Mosaikbrunnen in den nach 
diesen Brunnen genannten Häusern (cc. della prima e scconda fontana a mu- 

Orerbeck, Pompeji. 23 



354 



III. Erstes Capitel. 



sal'co). Wir wollen das Sündenregister nicht verlängern , da ohnehin im Ver- 
lauf unserer Besprechung noch einiger Tadel wird mit einfliessen müssen, son- 
dern versuchen, uns eine Uebersi cht über die gesammten Bauformen in Pompeji 
zu verschaffen , wobei wir bei den altclassischen Ordnungen , den dorischen, 
jonischen und korinthischen und deren Modificationen in Pompeji beginnen. 

Es zeugt von gutem Geschmack 
und richtigem Gefühl, dass die 
einfache dorische Ordnung durch- 
gängig zur Herstellung der Säu- 
lengänge um die grossen Plätze 
verwendet ist. Dorisch ist die Co- 
lonnade des Forum trianguläre^ 
des Forum civile, der Gladiatoren- 
caseme, der Curia isiaca genann- 
ten Halle und war ursprünglich 
der Peribolos des Venustempels; 
auch die grösseren Peristyle der 
Privathäuser gehören dem Doris- 
mus an. Nichtsdestoweniger ist 
die mehrfach aufgestellte Behaup- 
tung, der Dorismus herrsche in 
Pompeji vor, unrichtig , die über- 
wiegende Verwendung der korin- 
thischen und einer korinthisi- 
renden Misch - oder Phantasiegat- 
tung augenfällig. Von den Bau- 
werken in dorischer Ordnung, 
welche freilich nirgend in ihrer 
ganzen Würde auftritt, verdient 
das älteste Monument dieser Gat- 
tung, die Colonnade des Forum 
trianguläre y das meiste Lob (Fig. 
255 ci , vgl. für das Detail Mazois 
3. 10). Die Säulen sind fast 7(6|) 
untere Durchmesser hoch und 3 
Durchmesser von einander ent- 
fernt, eine Leichtigkeit, welche, 
obgleich sie bei classischen Tem- 
pelmustem vor der makedonischen 
Zeit nicht vorkommt, aus dem 
Zweck der Säulen , einen grossen 
Platz luftig zu umgeben und ein 



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Die Architektur und das Bauhandwerk. 355 

nur leichtes Dach zu tragen , sich wohl vertheidigen lässt, und welche dadurch 
um so harmonischer erscheint, dass auch das Gebälk verhältnissmässig leicht 
(H untere Säulendurchinesser hoch) genommen ist. Die leider später mit 
Stucco tiberkleideten Säulen von Travertin sind vom Boden aus canellirt, sehr 
wenig verjüngt (^ u. D.) und ohne Entasis (Schwellung) sowie ohne Hals in 
das Capitell übergehend, dessen Echinus selbst im Verhältniss zu dem leichten 
Gebälk mit etwas zu wenig Ausladung ziemlich straff zur dünnen Plinthe auf- 
steigt. Dem Schein der Leichtigkeit zu Liebe ist der Epistyl(Architrav)balken 
der Länge nach in zwei gleiche Hälften zerschnitten , von denen die untere 
um ein geringes vorspringt, was nicht gebilligt werden darf. Die in gutem 
Verhältniss ausladende Dachschräge (Geison) ist einfach, aber nicht makellos 
profilirt. Die Streben des Daches ruhten auf ihr und in der Hintermauer ein- 
fach auf, eine Construction, welcher das Umstürzen der Säulen beim Erdbeben 
wesentlich mit zur Last feilt. Die einzelnen Blöcke des Gebälks waren im In- 
nern durch einen durchgehenden hölzernen Balken verbunden, was nicht 
nachgeahmt werden sollte, da es keine wirkliche Festigkeit hervorbringt. 

Ueber den wohl nicht Adel jüngeren Dorismus der s. g. Curia istaca 
lässt sich nur unvollständig urteilen, da das Gebälk verloren ist , und die Ele- 
mente nicht bekannt sind, auf denen Mazois' Reconstruction (3. 11) mit zer- 
schnittenem Architrav und ohne Fries beruht. Nur das ist gewiss , dass die 
Säulen (von 7|- u. D.) unverhältnissmässig schlank und die Intercolumnien 
(von 3|^ u. D.) zu weit sind, so dass lange nicht der harmonische Eindruck 
entsteht, den die Colonnade des Forum trianguläre macht. Die CapiteUe sind 
auch hier schwächlich, die Plinthen leicht, aber stark ausladend. 

Die viel jüngere Colonnade des Forum civile (Fig. 255 ä, vgl. Fig. 26) ent- 
behrt nun vollends der gefälligen Harmonie. Die theils aus Haustein, theils 
aus Ziegeln erbauten Säulen sind, ohne die gewichtige Würde des älteren Do- 
rismus zu zeigen, welche durch die starke Verjüngung entsteht, plump, obwohl 
von mehr als zu bilhgender Höhe (5J^ u. D.) und stehn offenbar zu weit (3^ 
u. D.) von einander entfernt. Besonders tadelnswerth ist das Gebälk, auch 
wenn man nicht in Anschlag zu bringen vergisst, dass es als Zwischengebälk 
der beiden über einander stehenden Säulenreihen (s. S. 51) leichter sein 
durfte, als wenn es den Abschluss unter dem Dach oder Giebel gebildet hätte. 
So sehr wie hier, fast zum Verschwinden durfte aber der Architravbalken in 
keinem Falle zusammenschrumpfen, der unmittelbar auf den Capitellen ruhende 
Fries mit Triglyphen macht einen überaus schwächlichen Eindruck. 

Etwas anmuthiger erscheint der Säulenumgang der Gladiatorencaseme(Fig. 
255 c, vgl. Fig. 128), dessen Säulen freilich ebenfalls um 3^ u. D. von einander 
entfernt stehn, aber mit ihrer Höhe von 6f u. D. die fehlende Würde durch 
leichte Eleganz ersetzen, so dass man einen Sinn für einen harmonischen Total- 
effect bei dem Baumeister erkennt. Dass hier aber wiederum der Fries wie 
beim Forum der Architrav fehlt , können wir eben so wenig loben ; dass sich 

23* 



356 III. Erste« Capitel. 

das Dach unmittelbar auf den Architravbalken legt, bringt ein gedrücktes Aus- 
schn hervor. Die ursprünglich aus Tuff gehauenen, leichten Capitelle sind 
durch Tünche vollends verdorben und in ganz nichtssagende Glieder aufgelöst. 

Einen anderen Fehler finden wir in den dorischen Säulen , welche zwei 
Seiten des Hofs der Thermen umgeben. Sie sind nämlich ohne Canellirung, 
dagegen ihrer Höhe nach durch zweifarbigen Anstrich halbirt , so dass Begriff 
und Eindruck der frei tragenden Stütze bei ihnen so ziemlich aufgehoben er- 
scheint, üncanellirt ist auch noch eine jonische Votivsäule auf dem Fonim 
(Mazois 3. 39. 3), was hier beiläufig bemerkt werden möge, und sind mehr- 
fach die dorischen Peristylsäulen in Privathäusern. Dagegen kommen dorische 
Säulen mit Basen noch durchaus nicht vor. 

Vielleicht die merkwürdigsten von allen dieser Art sind die vierzehn Säu- 
len, welche das Peristyl in der Villa des Diomedes umgeben (Figur 256 (/), 
indem sie in ihren Capitellen und Gebälken die Gliederschemate plastisch aus- 
geführt zeigen, welche den Gliedern zum (j runde liegen und meistens nur mit 
Farbe in leichten (?ontouren auf dem glatten Kern angegeben sind. Wenn dies 
einerseits ein interessantes Beispiel der Dauer älterer Tradition ist, so darf 
doch auch nicht verkannt werden , dass das Bewusstsein der Bedeutung der 
Ornamente nicht mehr lebendig war , so dass zwar das Ornament des Echini« 
und der Sima, der s. g. Eierstab (Blätterkyma), richtig und am richtigen Orte 
ist, während das Ornament der Plinthe ohne Analogie und Verständniss er- 
scheint. Dazu kommt, dass die Canellur zwischen den Hohlkehlen Stege stehn 
lässt, was den beiden jüngeren Ordnungen, nicht aber der dorischen zukommt. 

Ausser zu Gebäuden scheint die dorische Ordnung selten verwandt wor- 
den zu sein , die Grabmäler und die Geräthe wie Candelaber u. dgl. gehören 
den anderen Ordnungen an oder gehn in ihrer Fonngebung von ihnen aus; 
einen wie schönen Dorismus man aber gelegentlich doch findet , zeigt der oben 
(S. 81. Fig. 64) abgebildete Altar des s. g. Aesculapstempels, welcher dem be- 
rühmten Grabmal des älteren Scipio an die Seite gestellt werden kann. 

Die jonische Ordnung ist am seltensten in Pompeji und findet sich in 
ihrer ganzen Reinheit und dem Reichthum ihrer Gliederung, in welchem sie 
in den Monumenten der Blüthezeit Griechenlands , z. B. im Erechtheum oder 
dem Tempel der ungeflügelten Siegesgöttin auf der Burg von Athen uns ent- 
gegentritt, nicht ein einziges Mal. Das relativ vorzüglichste Monument finden 
wir auch hier wie bei der dorischen Ordnung wieder in dem ältesten Stadttheil^ 
dem Theaterquartier, und zwar in den Propyläen des Forum trianguläre, von 
denen wir Figur 33 (S. 58) eine Ansicht gegeben haben. Diese Halle zeich- 
net sich sowohl im Ganzen durch schöne Verhältnisse vor den meisten Bau- 
werken Pompejis aus, wie auch die Säulen (Figur 256 a) im Einzelnen von 
feinem Sinn und Verständniss der Formen und von dem Herrschen ein er guten 
Tradition zur Zeit der Erbauung dieser Propyläen Zeugniss ablegen. Die Basis 
ist in ihrer Gliederung durchaus richtig gedacht , wenngleich ein wenig straflf 



Die Architektur und das Bauhandwerk. 



357 



und trocken gehalten, der Schaft kräftig, ohne schwer zu sein, und dasCapitell, 
ohne die ganze Fülle des Rcichthums und der Anmuth attischer Monumente 
der besten Zeit zu haben, namentlich durch das Vorhandensein einer wenn 







1 



12 






Figur 256. Proben jonischer Ordnung in Pompeji. 



auch nur massigen Schwellung im Abacus (Polster), welche, obwohl ein wesent- 
liches Moment der Schönheit des jonischen Capitells, verhältnissmässig früh 
aufgegeben wird, vor allen übrigen jonischen Capitellcn in Pompeji ausgezeich- 
net. Seltsam ist es dabei, dass alle Capitelle durch diagonale Stellung der 
\duten die Gestalt von Eckcapitellen haben, ein Umstand, den man, so 
wenig er zu billigen ist , wohl aus dem Streben nach vermehrter Zierlichkeit 
ableiten darf. Das Gebälk ist einfach, findet aber in dem jetzt zerstörten Tem- 
pel am Ilissos in Athen ein durchaus classisches Vorbild. 

Weit zurück steht hiegegen, was sonst in jonischer Ordnung in Pompeji 
gebaut ist. Die Cellasäulen des Jupitertempels (Figur 256. i) haben gedrückte 
Basen und ein durch das fast gänzliche Fehlen des Polsters schwächliches, 
durch schwerfällige Voluten steifes Capitell und der leichten Schlankheit er- 
mangelnde Schäfte ; jedoch ist hier wenigstens noch kein fremdartiges Element 
beigemischt, wie dies bei den Pilastercapitellen der Basilica (Figur 256 c) der 
Fall ist. Diese nehmen schon Einiges (Blätteransätze und eine Blume vor dem 
Polster und der Plinthe) aus der korinthischen Ordnung auf und bahnen jene 
Mischgattung an, welche man mit dem Namen des compositen Capitells 
oder der römischen Ordnung zu bezeichnen und für welche man den Bogen 
des Titus in Eom als das frühste Beispiel anzugeben pflegt. Wenn nicht Alles 
trügt, so haben wir in den Säulen des Pronaos des Jupitertempels (Figur 256 (/) 
ein früheres Beispiel dieser aus Elementen des Jonismus und der korinthischen 



358 



III. Erstes Capitel. 



Ordnung gemischten Gattung vor uns. Freilich sind die Voluten abgeschlagen, 
aber der Bruch und die Fläche derselben bezeugt ziemlich unzweifelhaft deren 
einstiges Vorhandengewesensein . 

In Privatbauten ist die jonische Ordnung selten, jedoch iimnerhin nach- 
weisbar ; ein recht gefälliges Beispiel aus der Casa dei capitelli figurati finden 
wir bei Zahn 2. .S6, ein anderes weniger anmuthiges aus der Casa dei capitelli 
colorati das. 1 9 , auch das Peristyl in der Casa dei imperat. Gittseppe II. ist 
jonisch; auch bei den Grabmälern sind die Elemente des Jonismus seltener 
(und dabei nie ganz rein) verwendet , als man es bei der alten sepulcralen Be- 
deutung dieser Ordnung erwarten sollte. 

Am häufigsten 
finden wir in ganz 
Pompeji in öfl'cnt- 
lichen und Privat- 
bauten die korin- 
thische Ordnung, 
freilich auch sie, 
die heitere Blüthe 
der Marmorarchi- 
tektur, in der Tün- 
chestadt Pompeji 
selten ganz rein, 
meistens mit Ek- 
menten vermischt, 
welche von der 
geistreichen Lau- 
nenhaftigkeit der 
Baumeister und 
von der Beschränkung durch das Material zugleich Zeugniss geben. Am rein- 
sten und elegantesten in Verhältnissen und Ausführung erscheinen uns die 
Capi teile von Mannor im Gebäude der Eumachia (Fig. 257 a), ähnlich die am s. g. 
Grabmal der Mamia (Fig. 221), gegen welche die Formen der Stuccocapi teile in 
der Basilica (Figur 257 li) und die sehr ähnlichen des Venustempels sich stumpf 
und schwer ausnehmen , welcher Eindruck durch die Verhältnisse des ganzen 
Gliedes noch vermehrt wird. Weniger fein als die Capitelle der Eumachia 
sind die Steincapi teile des Quirinustempels (Figur 257 c, und vergl. Mazois 
4. 12), am weitesten von der Norm entfernt die Pilastercapitelle von Stucco 
im Isistempel (Figur 257 cT), welche mit ihren einfachen Blättern und den 
nackten Voluten recht dürftig aussehn. 

Mit der Vergegenwärtigung der Monumente der drei altclassischen Ord- 
nungen an den pompejaner Monumenten haben wir erst eine Hälfte von dem 
gethan, was uns zu thun obliegt , wenn wir uns von den in Pompeji auftreten- 




Figur 257. Proben korinthischer Ordnung in Pompeji. 



Die Architektur und das Bauhandwerk. 



359 



den Bauformen unterrichten wollen. Der lebendige Geist des Schaffens nnd 
Südens im Sinne der Zeit offenbart sich viel deutlicher in dem Erfinden neuer 
Formen, als in der Beproduction der alten und überlieferten , bei denen es mit 
Neuerungen im Einzelnen immer misslich steht. Es ist freilich sehr möglich, 
dass der Kigorismus in der Kunst sich geneigt fühlen mag , die vielfachen Er- 
findungen , von denen wir jetzt reden, in Bausch und Bogen als unclassisch, 
als Spielerei einer ungeschulten Phantasie , als Ausgeburt der Laune zu ver- 
werfen, legen wir aber einen billigeren und gerechteren Maassstab als den der 
starren Classicität an die heiteren Schöpfungen der campanischen Architekten, 
beurteilen wir diese nach dem Maassstabe des in ihnen liegenden Formgefühls, 
der Sinnigkeit und des Verständnisses der Functionen, so werden wir Manches 
finden, was unserer Billigung und, recht benutzt, unserer Nachahmung durch- 
aus würdig ist. So namentlich viele der zahlreichen und mannigfachen s. g. 
Phantasiecapitelle von Stein \md von Stucco , von denen wir in der folgenden 
Abbildung die vorzüglichsten zusammengestellt haben, und von denen sich die 




Figur 258. Phantasiecapitelle. 



einen anl'ormen und Elemente der jonischen (3. Fig. 258), andere an die der ko- 
rinthischen ( 1 , 2, 4, 6, 7, 8) Ordnung anlehnen, während einzelne entfernt an den 
Dorismus erinnern (z. B. die Capitelle der Säulen im Xystus des Sallust Fig. 258.5, 
vgl. Mazois 2. pl. 3 7 . 2), aber alle den Zweck und die Functionen des Säulen-, resp. 
Pilastercapitells mehr oder weniger klar, bündig, geschmackvoll ausdrücken und 
nur eine Minderzahl diesem echtkünstlerischen Kriterium nicht genügt , wie 



360 III. Erstes Capitel. 

namentlich solche Capitelle, welche, sei es Köpfe, sei es halbe Figuren, in ihre 
Gliederung aufnehmen, welche allen architektonischen Grundgedanken auf- 
heben (vgl. Mazois 2 Frontisp. und Taf. 36. 2). Was von den Capitellen, plt 
fast ebenso von den anderen Gliedern der Privatbauten, in Gebälken, Tafelun- 
gen und sonstigen Details; in Maasscn und Verhältnissen, in Anlage und Aus- 
führung finden wir so \ie\ Geschmack und feinen Sinn , dass unsere Leser vor 
dem Reichthum der Mustersammlung erstaunen würden , welche wir zusam- 
menstellen könnten, legte uns nicht die Beschränkung des Baumes und der 
technischen Mittel hier Verzichtleistung auf. Dass neben den mustergiltigen 
Schöpfungen auch Verirrungen, Beispiele von Mangel an Geschmack, von 
Dürftigkeit oder von wirklicher Regellosigkeit der Phantasie vorkommen , wer 
könnte das verkennen und wen könnte das in Erstaunen setzen. Müssen wir 
doch vielmehr diese alten Baumeister bewundern und voll Ehrfurcht zu ihnen 
emporschauen , in denen der Geist der Form und des Princips vielleicht mehr 
thatsächlich als bewusst, jedenfalls aber in echt künstlerischer Weise so leben- 
dig war, dass sie für eine Gestaltung, die wir ihnen mit Sinn und Verstand 
ablauschen, deren ganze Reihen aus dem Nichts schufen ! 

Haben wir in diesem Abschnitt versucht, durch eine Auswahl von Probe- 
stücken structiver Glieder unsem Lesern den Geist der pompcjanischen Archi- 
tektur zu charakterisircn , so bleibt uns für den folgenden noch ein Blick auf 
die Ornamentik übrig, welcher das gewonnene Bild vervollständigen und \icl- 
Icicht nicht ganz ohne praktischen Nutzen sein wird. — 



Dritter Abschnitt. 

Die Ornamentik und 4m Yerhültnlss mu anderen Künsten. 

Schuf die Architektonik den Plan des Gebäudes, bestimmte sie seine Ver- 
hältnisse im Ganzen und Einzelnen , regelte sie die Gestalt und Verwendung 
der structiven Glieder , so musste sie die Ausschmückung dieses Kernes , die 
eigentliche Ornamentik , den Schwesterkünsten , der Plastik und der Malerei, 
überlassen , welche sich ihr zu allen Zeiten willig gesellten. Die Art dieser 
Gcs(^llung oder Verbindung der drei Künste zum architektonischen Gesammt- 
zwcck , das Verhältniss , welches sie in diesem Bunde zu einander einnahmen, 
wechselt jedoch mit den Zeitaltern, vmd in dieser Verschiedenheit ist deshalb 
ein Ausdruck des Geistes der Kunst in den verschiedenen Epochen gegeben. 
Auch ohne dass wir darüber viele Worte machen , wird Jeder leicht einsehn, 
dass das richtige und natürliche Verhältniss der drei Künste eine bescheidene 
Unterordnung der ornamentirenden unter die construirende Kunst, der Plastik 
und der Malerei unter die Architektonik bedingt. Diese Unterordnung findet 
aber einen doppelten Ausdruck einerseits darin , dass sich das Ornament auf 



Die Architektur und. das Baubandwerk. 361 

ein bescheidenes Maass beschränkt und nirgend sich in der Art vorzudrängen 
suchte dass das Auge des Beschauers auf ihm als einer Einzelheit haften bleibt, 
faUs es nicht die Einzelheit als solche sucht , sondern immer auf das Ganze in 
seiner aus den Einzelheiten der Construction wie des Ornaments entspringen- 
den Harmonie gelenkt wird ; zweitens aber besteht die Unterordnung der Orna- 
mentik unter die Architektonik darin, dass jene durchaus nur den Intentionen 
dieser folgt , da eintritt , wo die Mittel der Architektonik ohne die Schwester- 
künste eine Lücke lassen würden, und so eintritt, wie sie diese Lücke am voll- 
kommensten ausfüllt. Dieses schöne und natürliche Verhältniss der drei zum 
Bau gesellten Künste finden wir in der Blüthezeit der griechischen Architektur 
in der vollkommensten Weise ; wir finden es, wenn, um nur ein paar concrete 
Beispiele anzuführen, die Sculptur das grosse leere Giebelfeld des Tempels mit 
Statuengruppen, die Oeflfnung der Metope zwischen den kräftigen Triglyphen 
mit Platten in Hochrelief füllt und die Wand mit einem Friesstreifen in flachem 
ReUef schmückt, der gleichsam eine marmorne Teppichborde ist und nicht 
mehr sein will ; oder wenn die Malerei dem Kernschema der Glieder, den Capi- 
tellen, Architraven, Simsen, Deckenfeldern u. s. w. das farbig strahlende Or- 
namentschemä hinzufügt , welches Nichts will und Nichts thut , als dem Auge 
die Absicht des entfernten Gliedes fühlbar machen. Je mehr aber die Kunst 
von ihren tief innerlichen Principien degenerirt , desto mehr ändert sich auch 
nach Laune und Willkür das Verhältniss der ornamentirenden Künste zu der 
construirenden Architektonik, desto mehr überwuchert das Ornament, desto 
mehr sucht es Selbständigkeit zu erlangen und desto weniger fragt es in seinem 
Wann und Wie nach den Bedürfnissen der zu imterstützenden Kunst , so dass 
Mangel und Dürftigkeit sich mit Ueberladung verbinden. Einer solchen Ent- 
artung der Ornamentik gehören, damit auch hier ein paar recht deutliche Bei- 
spiele nicht fehlen, jene mit einem in Schraubenform umlaufenden ßeliefstrei- 
fen gezierten Säulen wie die des Traian und die des Marcaurel, die mit Mosaik 
bekleideten Pfeiler, die mehrfarbigen Säulenschäfte, die Capitelle mit mensch- 
lichen Köpfen oder Brustbildern , die leeren Metopen spätdorischer Bauten, 
und gehört vieles Andere der Art an , worin sich die structive Form nicht aus- 
spricht, sondern was ihr widerspricht und sie verdrängt. Gesellt sich zu dieser 
unkünstlerischen Anwendung des Ornaments nun , wie es in der antiken Welt 
der Fall war, einerseits in der Hauptstadt